Anna Chii

Anna Chii

Bankert-Gesänge











Gossics - Gedichte aus Traufe und Rinnstein

Inhalt

 


































Anfang



Inhalt



Schicksal , Versehentlich , Schwanz , Unschuld, , Verwandschaft , Liebesdienst , Liebste , Schuldspruch , Liebe T. , Liebeslust , Nachts , Reime , Humanität , Revolution , Eintopf , Dialekt(ik) , Das Gesetz des KATERS , Überflüssige Reime , Überflüssige Reime 0 , Überflüssige Reime 1 , Überflüssige Reime 2 , Überflüssige Reime 3 , Überflüssige Reime 4 , Interview mit Anna Chii


















































































Inhalt


Schicksal


Auf Täter

reimt sich Väter,

auf Gott

reimt sich Schafott,

auf Humanist

Faschist.


Was soll ich tun, das Schicksal hat entschieden.

Ach - lieber Vater, ruhe sanft in Frieden.





















































Inhalt


Versehentlich


Auf dem Tisch war nichts zu Essen

und die Schuhe nicht geputzt,

alles Süße aufgefressen

und die Blumen arg gestutzt.

Nicht zu sehen war die Schwester ,

suchte Ostereiernester.


Als der Bruder liebevoll

fragte sie; "WAS DAS DENN SOLL?"

sang sie nur ganz leise

eine kleine alte Weise;


"Wie im Himmel, so hiernieden,

große Brüder sollst Du lieben!

Betten sanft auf Eiderdaunen,

und ertragen ihre Launen."


Aber dann beim Abendbrot

schlug sie aus Versehen ihn tot.
















































Inhalt


Schwanz


Katzen auf Kaminen liegen.

Alle Vögel können fliegen.

Ratten lieben ihren Mief,

Bienen ihre Tänze,

Pinguine tauchen tief,

Männer haben Schwänze.


Kriecht aus Deinem Abflußrohr

Haut und Haar und Schwanz hervor,

glaub nicht, es ist ne Ratte,

es ist vielleicht Dein Gatte.

Denk daran,


Schwanz ist Schwanz, und Mann ist Mann.


















































Inhalt


Unschuld


Beschneiden -         

            muß man den jungen Trieb!


Kindergärtnerinnen             

- auf den weißen Linnen -

haben kleine Kinder lieb.

Lieben sie nur all zu sehr,

            wie die Mutter,

                        nur viel mehr.


Kleine Hände, kleine Füß,

seht nur wie sie schlafen süß.



Nur die kleine Anna

hört nicht auf die Hanna.


"Fräulein geh jetzt nicht zu weit,

suche nicht schon wieder Streit!"


Aber Anna hört dies nicht

weil sie mit dem Spiegel spricht;

"Was hast Du für große Zähne?

 Wie riechst Du aus dem Maul?

-

Anna, Du bist faul."



Und sie schaut zur Hanna auf;

"Ich bin das Tier,

            das neidest Du mir.

Ich gehe

            die Geißlein

            zu freien."

















































Inhalt


Verwandschaft


Früh am Morgen aufgewacht.

Dumme kleine Pute.

Wirst bald wieder ausgelacht,

liegst in deinem Blute.


Nur weil dich der Bruder neckt.

Dumme kleine Pute.

Aus dem Traume hochgeschreckt,

fürchtest seine Rute.


Hast dich wieder umgebracht.

Dumme kleine Pute.

Was hast Du dir nur gedacht?


Wie ist uns

- dann wohl zu Mute?

















































Inhalt


Liebesdienst


Ach ich wollt nur liebreich sein

auf der Wiese junger Rast,

wo Du lagst mit breitem Bein.


Schnitt nur ab den morschen Ast.

















































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Liebste


Den Kanzler habe ich umgebracht.

Liebst Du mich noch,

                        ich tat es letzte Nacht


Es war eine wohlüberlegte Tat.

Er winselte um Gnade und bat,

"Seine Mutter hätte für ihn geputzt."

Es hat ihm nichts genutzt.


Die Zigarre im Mund

war der eigentliche Grund,


nicht die Politik ohne Barmen,

nicht das Elend der Armen,

nicht die Verzögerung des Atomaustieg,

nicht das Töten im Krieg.


Die Zigarre, der Stumpen,

            das Zeichen der Macht

es hat ihm nun kein Glück gebracht.

Er kam mir einfach zu nah,

und Du, warst nicht da.


Ich schoß durch die Augen,

            der Kopf, der zersprang,

es gab einen widerlich höhnenden Klang.


Liebst Du noch meine Sommersprossen?

Ich habe den Kanzler erschossen.

















































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Schuldspruch


Sauber soll Sabinchen sein,

lieblich und auch rein.


'Kleine schlimme Finger,

irgendwo und irgendwann,

kleine schlimme Dinger

holt der schwarze Mann,'


sprach der Mutter lieb Gesicht,

doch Sabinchen hörte nicht.


So nahm sie der Vater ran,

 irgendwo und irgendwann.

















































Inhalt


Liebe T.


Tschuldigung, aber             

Deine Nachricht habe ich

nicht bekommen.


Ich aß gerade Apfelmus,

als der Computer ausfiel,

da kam die Liebe zu Fuß

und ich trank viel zu viel.


als die Grinsekatze die e-mail fraß,

und keine die Nachricht las.
















































Inhalt


Liebeslust


Nächtens denk ich nur an Dich,

ach Du Liebster, schütze mich.


Nimm mich in der Nacht,

nimm mich nicht zu sacht.

Schneid mir durch die Kehle,

damit ich nicht fehle,

und Dir mein Gelalle

Deinen Spaß vergalle.


Und lieg ich in meinem Blut

nimm mich ran mit frischem Mut,

reiß mich auf, stoß tiefer rein,

bin doch Dein gut Mägdelein.

















































Inhalt


Nachts


Auf den Tasten liegt ein Molch

und der Bildschirm flackert leis,

Lara säubert ihren Dolch.


Ach wie gut, daß niemand weiß,

was des Nächtens hier passiert,

denn es wachen auf die Dinge,

und ein Junge ward kastriert.


Lara Croft zog ihre Klinge.


Schlaf mein Junge, schlaf ein,

Dich will sie ganz allein.

das wolltest Du doch auch.

Blutige Laken sind der Brauch.
















































Inhalt


Reime


Ein Mann stand ganz alleine

im dunklen Wald herum.


Dideldei - Dideldumm


Da lief vorbei ein Mädchen

mit langem schwarzen Haar.


Dideldei - Dideldaar


Der Mann, der wollt sie zwingen,

und sie lief nicht davon.


Dideldei - Dideldingen


Er zog sie mit ins Dunkel,

daß Mädchen lacht laut auf.


Dideldei - Dideldauf


Da kamen viele Mädchen

und schlugen ihn zu Brei

und setzten ihm ein Grabstein,

auf dem geschrieben ward;


Dideldei Dideldard


Ein Mann stand ganz alleine

im dunklen Wald herum.


Dideldei - Dideldumm


...
















































Inhalt


Humanität


Die Soldaten sind zahm,

sie töten human.

Keine Angst, mein Kind,

da stirbst Du ganz lind.

Zerstückelt, zerrissen, zerschlagen - ganz fein,

für das Menschenrecht ist uns kein Opfer zu klein.


Paß auf, daß Ihr sie nicht stört

Du weißt doch, was sich gehört.



Und sollte Blut fließen,

laß Dich nicht verdrießen.

Keine Angst, mein Kind

sie töten geschwind.

Sie helfen den Waisen,

den Witwen und Greisen.


Paß auf, daß Ihr sie nicht stört

Du weißt doch, was sich gehört.



Sie spielen mit Dir kriegen,

und siehst Du einen liegen, -

Keine Angst, mein Kind

er ist schon halb blind -

so schächte ihn sachlich,

ganz sauber und fachlich.


Kein Krüppel, der jetzt noch stört.

Du weißt doch, was sich gehört.

















































Inhalt


Revolution


In den Wohnungsküchen greifen

die Tomaten

zu den Waffen

spießen auf die Yuppielaffen,

und der Brocoli frißt leise

junge Programierer-Greise,


spuckt nur aus die nackten Knochen,

taugen nicht zum Suppe kochen.



Unter alten Küchenschränken

rottet sich der Mais zusammen

und es wispert unter Bänken,

wo Rosinen uns verdammen.


Aus dem Kochtopf springt der Lauch,

die Kartoffeln streiken auch.



Auf dem Tisch tanzt eine Maus.















































Inhalt


Eintopf


Deutsche kaufen deutsches Bier.

Deutsche bleiben lieber hier.

Deutsche wissen ganz genau,

das ist eine deutsche Frau.


Auch die Frau am Imbißstand

paßt sich an, in diesem Land


Und ein kahlgeschorner Kopf

landet kurzerhand im Topf,

abgezogen wird die Haut,

Morgen gibt es "deutschen Kraut".

Auf daß es deutschen Gaumen munde,

König ist nun mal der Kunde.


Qualität, die kann mann messen,

deutschen Bürgern, deutsches Essen!
















































Inhalt

Für Katharina Stock


Dialekt(ik)


Kati saß auf ihrem Sofa,

las die Zeitung aus Hannova,

dachte nach und lachte leise,

eine alte kleine Waise.


Vaterlos und muttertot,

aß sie ihren Kanten Brot.

An der Wand, da hingen Hürsche,

auf dem Tisch lag eine Kürsche,


unterm Bett

das Bombenset,

eig´ntlich war´s hier ganz nett.















































Inhalt

Für eine LacanianerIn


Das Gesetz des KATERS


katzen können keine KATER sein,

dafür sind sie viel zu klein.


Der KATER ist der katze Lust,

katzen sind der katzen Frust.


Im Namen des KATERS spricht das Gesetz,

aus der katze quillt nur Geschwätz.


Nur der Name des KATERS ist von Gewicht,

die KATZE existiert nicht.[1]




[1]LA chat n'exist pas.


















































Inhalt


Überflüssige Reime





Inhalt


Willst Du dich nicht dauernd streiten,

schneid die Gurgel durch bei Zeiten.






















































Inhalt


Unschuld ist der Täter Los,

was hast Du bloß?






















































Inhalt


Männer habens schwer.

Das Glas ist halbleer.

Die Möwen tragen Trauer.

Die Milch ist sauer.






















































Inhalt


Zerlacht,       

            Zerlacht,

die staatliche Macht

bei Tag und bei Nacht!





















































Inhalt


Kein NärrIn gibt acht,

                             gibt lieber sieben,

drum ist eine übrig geblieben.










ENDE












































Inhalt


Interview mit Anna Chii



Z.: Wo würdest Du Dich sehen in den Traditionen und Brüchen der Literatur?

 

A.Ch.: Wenn Du es an AutorInnen fest machen willst, vielleicht ein bißchen Christa Reinig, und ansonsten zwischen Georg Büchner und dem Bänkelgesang. Das heißt, ich versuche auf Traditionen der politischen Lyrik und des karnevalesken Schreibens zurückzugreifen, sie zu aktualisieren.

 

Z.: Unter Karneval verstehe ich immer eher Willy Milowitsch?

 

A.Ch.: Wenn ich vom Karnevalesken spreche meine ich damit das Bachtinsche Karnevaleske. Michail Bachtin hat als Literaturtheoretiker der russischen revolutionären Avantgarde eine Theorie einer revolutionären Poetik entwickelt. In den 60er Jahren wurde sie von Julia Kristeva, einer feministischen Philosophin, in ihren frühen Texten aufgegriffen und weiterentwickelt.

Das Karnevaleske steht dort für die politische Bedeutung des Karnevals im Mittelalter. Der Karneval war dort eine reale Aufhebung der Gesetze, eine Außerkraftsetzung, die grundsätzliche Infragestellungen ermöglichte. Auch, wenn es danach immer wieder zu einer Rückbindung an die bestehenden Verhältnisse kam. Mir geht es darum, dieses revolutionäre Potential zu nutzen. Letzendlich will ich die Zerstörung der symbolischen Ordnung.

 

Z.: Also Ketzerei. Aber gehört zur KetzerIn nicht auch mit dem eigenen Namen für das Geschriebene einzustehen?

 

A.Ch.: Julia Kristeva beschreibt sehr deutlich, daß das AutorInnensubjekt nie identisch ist mit dem/der Schreibenden. Im Schreibprozeß selbst wird dieses AutorInnensubjekt erst konzipiert. Und die LeserIn verschiebt es ein weiteres mal.

Gerade dieser Prozeß ist ein Teil des Insfließenbringens der Verhältnisse, nicht als Spiel, als Realität! Wie und was Anna Chii ist, wird letztendlich von den LeserInnen ebenso sehr bestimmt, wie von mir. Ich würde mich über das Auftauchen von Anna Chii in anderen Zusammenhängen freuen.

Jeden Tag eine gute Tat.

 

Und ein Text entwickelt sowieso ein Eigenleben.

 

Z.: Dein Schreiben erinnert eher an eine ReimeschreiberIn als an moderne Dichtung?

 

A.Ch.: Moderne Dichtung, was verstehst Du darunter? - Zum Teil tun AutorInnen so, als würden sie selbstkritisch sich dekonstruieren, und reproduzieren dabei doch häufig nur die zur Zeit herrschende bürgerliche Ideologie, daß es keine TäterInnen gibt, daß es nicht mehr möglich ist antagonistisch zu denken. Und damit stellen sie sich dann genau in den bürgerlichen Subjektstandort, der gerade hipp ist.

Als gäbe es keine KapitalistInnen mehr, und keine Männer. Das ist die Wahrheit, die die HofkünstlerInnen formulieren.

Es gibt aber TäterInnen hinter der Tat.

 

Natürlich sind Begriffe Lügen. Lügen ist die Voraussetzung von Freiheit, Liebe und Lust. Denn sie schaffen eine Lücke im Wahren und damit Freiheit. Die Reimform macht es mir möglich eben dies zu formulieren, als Lüge.

Lügen sind für mich die Form anarchistischer Wahrheit.

 

Z.: Da lügst Du aber sehr moralisch.

 

A.Ch.: Lügen sind die Grundlage anarchistischer Moral. Wahrheit setzt eine gesetzliche Ordnung vorraus, die will ich ja aber gerade nicht haben.

 

Z.: Wen willst Du mit Deiner Lyrik erreichen?

 

A.Ch.: Der Bankertgesang ist eine Art abartiger Bänkelgesang, eine politische Abart. Ich richte mich an all die, die die Wut spüren, über die Verhältnisse und die nach Ausdruck suchen.

Aber ansich weiß ich nicht genau wer/welche das lesen wird.

 


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Gedichte & sexuelle Gewalt











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Impressum: Paula & Karla Irrliche




Zuletzt aktualisiert 30.10.2014



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Gedichte & sexuelle Gewalt


Gedichte über sexuelle Gewalt, macht das Sinn?
Wie läßt sich vermeiden, daß die Gedichte das Gefühl der Ohnmacht wiederholen?
Ist es möglich sexuelle Gewalt zu zerlachen?
Ist Witz als Waffe im Gedicht dafür geeignet die Gewaltverhältnisse anzugreifen?

Sexuelle Gewalt ist nicht witzig, das stimmt.

Aber die Zumutungen der Täter sind absurd und das gesellschaftliche Schweigen über sexuelle Gewalt im Alltag, die Praxen der Vedrängung im Nahen, sind ein Witz an sich. Sie zu erleben entspricht der Erfahrung eines surrealen Gedichts. Eines Gedichtes über sexuelle Gewalt.

Und wieso sollen Gedichte immer von Liebe handeln, wieso nicht von Haß und Wut?
Gedichte als Gegen-Gewalt.


Anna Irrliche, 2008