Tuja


ABBSD


Eine Light Novel (raito noberu)



All Big Brothers Shall Die





Kapitelübersicht



Prolog

Kapitel 1 - Die Suche nach dem Sinn des Lebens kann auch im Kleiderschrank beginnen

Kapitel 2 - Die Bibliothekarin ist eine Halbtagskraft

Kapitel 3 - Du bist nicht die, die du warst, du bist die, die du bist!

Kapitel 4 - Wenn du die Tür schließt, wird die Nacht für immer währen

Kapitel 5 - Sie weiß mit Küchenmessern umzugehen

Kapitel 6 - Vergiss nicht, dass ich dich liebe!



Kapitelübersicht



Prolog


Ich bin eine Außerirdische und allein auf dieser Welt. Mit zwölf Jahren begriff ich dies, ich fühlte mich meist einsam und nun wusste ich warum. Ich war unter Fremden und dies würde immer so bleiben. Ich ging zu dieser Zeit in die Mittelstufe. Mir war kalt und ich fror, als ich an die Zurückweisungen dachte, die mein Alltag waren, und doch konnte ich mich nicht anpassen, ich wollte das auch gar nicht. Die Tränen, die auszubrechen drohten, schluckte ich herunter, als Außerirdische brauchte ich kein Mitleid, auch nicht von mir selbst.

Auf meinem Schulweg in die Stadt und zurück verflossen täglich fast zwei Stunden, da die Familie, in der ich aufwuchs, einige Kilometer im Umland im Haus der Großeltern lebte. Zeit zum Träumen und Nachdenken. Zur Schule musste ich ein Stück zu Fuß gehen und dann mit Bus und Bahn fahren. Der Fußweg von der Bushaltestelle zu dem Ort, in dem ich wohnte, führte über freies Feld und wenn ich nach der Schule noch Zeit in der Bibliothek verbrachte, war es im Winter bereits dunkel und die Nacht umgab mich. Niemand begegnete mir hier um diese Zeit. Nur ab und an fuhr ein Auto vorbei.
Ich lief allein durch die kühle Nachtluft, ich fühlte meine Einsamkeit und doch gab gerade dies mir Kraft. Immer wieder schluckte ich meine Tränen herunter und sagte mir: "Ich brauche sie nicht." Der dunkle schwarze Himmel nahm mich auf und beruhigte mich, wie ein großes Betttuch, in dem ich mich verkriechen konnte.

Mit jeder Faser meines Körpers spürte ich, dass ich eine Außerirdische war, ich spürte dies am Zittern und an der Sehnsucht, ich wusste dies, ich war auf mich gestellt, eine Außerirdische, zwölf Jahre alt. Deshalb verstand mich auch niemand. Ich hatte keine Freundin, mit der ich hätte reden können, es gab niemanden. Ich blickte in den Nachthimmel, suchte mein Zuhause, und die Sehnsucht überwältigte mich wieder, irgendwo dort musste es sein. Das Gefühl der Fremdheit hatte mir schon lange verraten, dass die Familie, bei der ich aufwuchs, gar nicht meine Familie war, dass die Eltern und Großeltern gar nicht meine Verwandten waren, obwohl sie dies behaupteten, sie hatten mich wohl irgendwo gefunden und verschwiegen dies nur, wie Menschen, die eine junge Wildkatze im Wald finden und als Findelkind adoptieren. Sie dachten sicher, ihre Lügen wären zum Besten für alle, doch ich hatte ihre Täuschungen durchschaut. Sie waren Fremde, sie wussten vielleicht nicht einmal, dass ich eine Außerirdische war. Trotzdem spürte ich Dankbarkeit dafür, dass sie sich um mich kümmerten, doch sie würden mir niemals nahe sein. Ich sah mit einem Mal alles klar vor mir.

Auch die beiden älteren Jungen, mit denen ich zusammen in der Familie aufwuchs, hatten also nichts mit mir zu tun. Zwar wurde behauptet, sie wären meine Brüder, aber ich wusste es schon lange besser. Sie hatten mich ihren Hass zu oft spüren lassen. Sie konnten unmöglich meine großen Brüder sein und ich war auch nicht ihre kleine Schwester. Ich war für sie nur ein Kuckuckskind und sie versuchten alles, um mich loszuwerden. Das Wissen um meine außerirdische Herkunft machte für mich vieles einfacher, ich wusste nun, wieso sie mich hassten und ich musste mich nicht mehr um ihre Liebe bemühen.

Irgendwo dort im Dunkel am schwarzen Firmament lag mein wirkliches Zuhause. Unstillbare Sehnsucht kroch mir beim Blick zum Nachthimmel in die Glieder, ich zog mich zusammen, und trotz der Einsamkeit, die mich umgab, fühlte ich mich aufgehoben, ein Gefühl, das ich aus der Familie, in der ich lebte, nicht kannte. Tränen liefen mir nun trotz aller Bemühungen, sie zurückzuhalten, über das Gesicht. Schnell wischte ich sie weg.

Ich wusste nun absolut sicher, dass ich nicht von der Erde kam. Und dann fühlte ich mit einem Mal, dass dort irgendwo im Schwarz zwischen den Sternen ein Mädchen lebte, das mich so vermisste wie ich sie, meine Zwillingsschwester. Unsere außerirdischen Eltern waren wohl ums Leben gekommen, ich spürte Trauer, aber sie sah ich vor mir. Und irgendwann würde sie kommen, vielleicht war sie schon auf dem Weg hierher durch die Nacht des Weltalls, wir würden uns finden und wiedersehen und umarmen, wir würden zusammen kämpfen und uns durchsetzen und ich würde nicht mehr einsam sein, nie mehr einsam sein.

Natürlich wusste ich, dass dies alles nicht stimmte, dass dies nur ein Traum war, und doch fühlte er sich für mich realer als die Realität an und war ein Grund zur Hoffnung, ein Grund zu leben. Dies war mein Traum, niemand konnte ihn mir nehmen.

Die einzige Zeit, in der ich damals wirklich glücklich war, war die Zeit, in der ich Bücher las und in ihnen abtauchen konnte. In der realen Welt schwankte ich dauernd zwischen Anpassung und Aufruhr, immer in Gefahr, mich zu verraten.

Schon als Kind im Kindergarten und in der Grundschule fiel es mir nicht leicht, Freundinnen und Freunde zu finden. Die anderen Kinder wussten nicht, wie sie mich einordnen sollten, also blieben sie meist auf Distanz.
Trotzdem versuchte ich Freundschaften zu schließen, doch sobald ich Freundinnen und Freunde mit nach Hause brachte, waren da meine Feinde, die beiden älteren Jungen, die behaupteten, meine großen Brüder zu sein. Als Älteren war es ihnen ein Leichtes, das Interesse auf sich zu lenken. Sie nutzten ihre Überlegenheit aus, um meine Freundinnen und Freunde auf ihre Seite zu ziehen und sich mit ihnen gemeinsam über mich lustig zu machen, eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Und alle verrieten mich. Der Ablauf war mit kleinen Abwandlungen ab da immer der gleiche: Mir kamen die Tränen, doch meine Freundinnen und Freunde lachten nur weiter und sie hörten auf meine Freundinnen und Freunde zu sein, also wurde auch ich gemein und versuchte, sie rauszuwerfen, doch sie blieben einfach und achteten nicht auf mich, irgendwann lief ich weg und schloss mich ein, bis sie gegangen waren. Ich wollte niemanden mehr sehen. Danach hatte ich keine Freundinnen und Freunde mehr. Auch ich wollte nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Dabei war das Ganze doch nur Spaß, das behaupteten zumindest meine Brüder. "Verstehst du keinen Spaß?"
Oft gaben sie mir auch demütigende Spitznamen, sie wussten, wie ich das hasste, der Hass war mir anzusehen, mein Zittern und die nur mühsam unterdrückten Tränen, sie taten es gerade aus diesem Grund. Sie fanden das lustig, mich zittern zu sehen. Spaß war es nach ihrem Dafürhalten auch, wenn sie versuchten, mich mit körperlicher Gewalt zu zwingen, für sie aufzuräumen oder etwas aus dem Keller zu holen. Ich tat es nicht, ich wehrte mich, doch sie waren viel stärker und mir kamen ob meiner Hilflosigkeit die Tränen und schon das verzieh ich mir nicht. Ich wollte meinen Feinden keine Schwäche zeigen. Und irgendwann versiegten die Tränen.

Mit zwölf ließ ich mir das nicht mehr gefallen. Ich verbarrikadierte mich in den Zimmern, stellte einen Tisch unter die Türklinke, stapelte Bücher zwischen Tisch und Türklinke oder schob einen Stuhl darunter, bis sie nicht mehr zu bewegen war. Der ältere der beiden Jungen verbog dann zuerst die Türklinke beim Versuch die Tür zu öffnen und trat dann gegen die Türen, bis fast das Holz splitterte, aber er traute sich nicht, sie wirklich einzutreten. Fast alle Türklinken in der Wohnung waren deshalb verbogen.
Natürlich wussten die Jungen genau, dass dies keine harmlose Auseinandersetzung war, sondern todbitterer Ernst, doch ich ließ mich nicht mehr einschüchtern, ich wusste, dass ich als Außerirdische, obwohl ich jünger war als sie, intelligenter und selbstbewusster war. Am Anfang hatte ich noch ihre Liebe gesucht, doch inzwischen war mir das egal. Als Außerirdische brauche ich nicht die Zuwendung von Erdlingen, ich war mir alleine genug.
Eine Weile hasste ich sie noch, bis ich begriff, dass mein Hass ihnen Macht über mich gab. Als ich dies begriffen hatte, war ich frei.

Als der ältere Junge mich wieder einmal angriff und mit Gewalt zu zwingen versuchte, ihn zu bedienen, warf ich ihm einen Teller an den Kopf. Er rastete völlig aus, warf mich nieder und trat auf mich ein. Ich lag hilflos zusammen gekrümmt da, das Gesicht mit den Armen schützend, einen Augenblick lang von der Brutalität überrascht und nicht wissend, was ich tun sollte. Dann hatte er genug und hörte auf, doch ich vergaß nicht sein wahres Gesicht. Dies war der Auslöser dafür, dass ich mich entschied, ihn zu töten, sollte er mir nur noch einmal zu nahe kommen. Ich würde nicht noch einmal unvorbereitet ausgeliefert sein, doch ich wollte nicht die Schuld an seinem Tod tragen, also warnte ich ihn. "Das nächste Mal bringe ich dich um." Damit lag die Entscheidung bei ihm. Er reagierte nicht darauf. Ich plante alles sorgfältig, überlegte, wie ich im Kampf an die Küchenmesser und an andere brauchbare Waffen gelangen könnte und wie ich zustechen müsste und ging im Kopf alle denkbaren Variationen immer wieder durch. Ich hatte mich entschlossen, ihn zu töten und wusste, dass ich im Ernstfall nicht zögern durfte. Ich würde mich nicht noch einmal von seiner Brutalität einschüchtern lassen. Doch er rührte mich nie wieder an. Irgendwie hatte er wohl begriffen, dass sich die Situation verändert hatte. Ich musste ihn nicht töten, seine Entscheidung, mir war das auch recht. Ich hätte seinen Tod nicht bereut, doch so war es auch gut.

Zu diesem Zeitpunkt war ich fünfzehn und ich dachte nur noch selten an meine außerirdische Zwillingsschwester. Auch die Tränen kamen nie mehr, ich hatte gelernt, für mich allein zu leben. Ich hatte keine Brüder mehr. Sie hatten für mich aufgehört zu existieren. Ich hatte keine Familie. Im gewissen Sinn habe ich nie eine Familie gehabt, wenigstens so lange ich mich erinnern kann. Zwar lebte ich noch mit Menschen zusammen, die behaupteten, meine Brüder, Eltern und Großeltern zu sein, doch das war ohne Bedeutung.

Manche finden ein solches Leben vielleicht traurig, doch ich widerspreche. Ich liebe das Leben, das ich lebe. Ich habe gelernt, frei zu denken und zu fühlen. Ich werde niemals Dinge tun, die ich für falsch halte, nur weil andere sie von mir erwarten. Zumindest nicht, solange sie mir nicht eine Waffe an den Kopf halten und auch dann werde ich eine Fluchtmöglichkeit finden. Überall gibt es neben den ausgebauten Straßen und Wegen das Dunkel, in dem ich zu Hause bin und falls mir nichts bleibt, werde ich eher den Tod in Kauf nehmen, als mich ihnen zu unterwerfen. Das hat gar nichts mit Großartigkeit zu tun, vielmehr mit Notwendigkeit, ich kann mit dem Gefühl, Unterworfene zu sein, nie wieder leben. Außerdem bin ich überzeugt, dass ich immer einen Ausweg finden werde.

Inzwischen bin ich volljährig, achtzehn und frei, niemand hat mir mehr etwas zu sagen. Ich bin auf dem Weg in eine andere Stadt. Dort werde ich studieren und alleine für mich leben. Niemand wird mich mehr stören. Meine Scheinfamilie wird in der Entfernung Hunderter von Kilometern verschwinden. Ich werde endlich allein sein, allein und ungestört und niemand wird mich allein lassen, weil ich niemandem die Möglichkeit dazu gebe.

Kapitelübersicht




Kapitel 1 - Die Suche nach dem Sinn des Lebens kann auch im Kleiderschrank beginnen


Die Zugfahrt verlief ruhig. Das Abteil war fast leer. Mit jedem Kilometer der vorbeiziehenden Landschaft, der Wälder und Städte, entschwand meine Vergangenheit mehr und mehr, und mit ihr alle dunklen Wolken. Ich saß da, die Beine halb angezogen, und sah durchs Fenster nach draußen. Ich stellte mir vor, durch die feuchten Wälder zu laufen, die kühle frische Luft zu atmen, meine Gedanken tanzten umher, ich betrachtete mein halb durchsichtiges Spiegelbild in der Scheibe, was würde wohl die Fensterscheibe über mein Aussehen sagen, wenn sie reden könnte? Ich lachte leise. Eine Mitreisende schaute irritiert zu mir herüber, ich wandte mich lachend ab. Als ich in der Universitätsstadt, in der ich nun leben würde, ankam, lagen über 700 km zwischen meinem bisherigen und meinem neuen Wohnort. Die beiden Männer, die immer noch so taten als wären sie meine älteren Brüder, lebten zu meiner Erleichterung noch weiter entfernt. Endlich konnte ich diese Familie vollständig hinter mir lassen, ein Stück abgeschlossener Vergangenheit. Auf Wiedergänger konnte ich gut verzichten.
Ich atmete auf, ich fühlte mich leicht, ich fühlte mich das erste Mal in meinem Leben wirklich frei.

Ich lief durch die Stadt, als würde ich zum ersten Mal eine Stadt sehen. Die Sonne schien und doch war die Luft angenehm kühl. Die kleinen Gassen mit ihren Geschäften und Cafés waren von Menschen erfüllt und doch fühlte ich mich nicht von ihnen bedrängt. Alles, was ich dabei hatte, waren ein großer Rucksack und mein Laptop. Alles, was ich sonst brauchte, würde ich mir kaufen und das meiste würde sowieso vorhanden sein. Meine Patentante, die als Wissenschaftlerin für drei Jahre in den USA arbeitete, hatte mir ihr Haus zur Nutzung überlassen. "Ich bin froh, wenn es nicht leer steht".

Langsam stieg ich vom Tal, in dem sich der Bahnhof und das Stadtzentrum befanden, den Hang, an dem das Haus lag, hinauf, ein ganzes Haus, das nur mir zur Verfügung stehen würde, nur für mich. Das Haus stand hinter Bäumen und wirkte hier in dieser Gasse zwischen den Nachbarhäusern, als schliefe es.
Ich fühlte mich etwas unsicher, als ich die Tür öffnete, staubige Luft schlug mir entgegen, ich lief durch die Zimmer und öffnete die Fenster. Alles war perfekt ausgestattet. Die Zimmer gefielen mir alle. Meine Patentante hatte mich nur gebeten, ihr Schlafzimmer und das Arbeitszimmer nicht zu nutzen, alle anderen Zimmer standen mir zur Verfügung - mehr als genug Platz.

Ich ließ meinen Rucksack oben in einem der beiden Gästezimmer, das ich zukünftig für mich nutzen wollte, und kochte mir in der Küche einen Espresso, schäumte Milch auf und setzte mich mit dem Latte Macchiato im Wohnzimmer ans Fenster. Ich würde niemanden hierher einladen, in meine Festung der Ruhe. Dann richtete ich mich ein.

Auch an der Universität gelang es mir, die Distanz zu wahren. Ich hatte mich an der philosophischen Fakultät eingeschrieben und würde in diesem Semester nur zwei Seminare und eine Vorlesung besuchen. Meine Zeit brauchte ich für andere, wichtigere Dinge.

Oben unter dem Dach des alten Gebäudes, in dem die Philosophieseminare stattfanden, war eine alte Bibliothek. Sie schien übrig geblieben zu sein aus einer vergangenen Zeit. Die meisten besorgten sich ihre Literatur online. Die Räume hier oben waren bis auf die Bücher leer und still. Nur im vordersten Raum saß eine Bibliothekskraft und las. Hierhin würde ich mich zurückziehen, falls mir der Universitätsbetrieb zu laut wurde. Ich war begeistert.

Doch Ruhe ist oft der Anfang von etwas anderem. Ich hätte es wissen müssen, nicht umsonst heißt es: 'die Ruhe vor dem Sturm'.

Nachdem ich in der Universität alle Formalitäten erledigt hatte, kaufte ich auf dem Rückweg alles was ich brauchte. Ich hatte mir alles auf einer Einkaufsliste notiert: Milch, Kakao, Obst, Gemüse, Dosenfisch, Eier, Brot, Aufstrich und Kaffee. Dann war ich endlich wieder zurück in meinem neuen Zuhause. Ich war frei und glücklich. Doch als ich gerade im Bad war und mich frisch machte für meinen nur mir gehörenden freien Abend hörte ich über mir ein Poltern. Das Geräusch kam aus dem Zimmer, in das ich eingezogen war.

Nur das Regal, es war nur das Regal, welches zusammengebrochen war. Ich hatte es wohl zu einseitig mit meinen Sachen belastet. Ich sortierte alles wieder ein und verteilte dabei alles gleichmäßiger. Dann setzte ich mich unten in die Küche, trank einen Kakao und las eins meiner Lieblingsmanga.

Irgendwann war es Zeit zum Schlafen. Alles war still, dunkel und leer. Unruhe erfasste mich und ich fühlte mein Herz rasen. Ich habe Angst und fühle mich allein in dunklen Wohnungen unsicher - und dies war ein ganzes Haus. Ich sah vorsichtshalber in allen Zimmern nach, ob sich nirgends etwas versteckt hatte, dann ging ich in mein Zimmer, verschloss sorgfältig die Tür und stellte einen Stuhl davor. Nachdem ich unter alle Tische und in alle Ecken geschaut hatte, war ich schon ruhiger. Ich legte mich in mein neues Bett, löschte das Licht und versuchte einzuschlafen. Zum Glück war die Nacht hell genug, ich konnte alle Umrisse erkennen und sicherstellen, das sich nichts Ungewöhnliches im Zimmer befand. Doch dann nahm die Unruhe wieder zu. Ich würde nochmal alle dunklen Plätze im Zimmer überprüfen, schließlich tat ich niemandem damit weh.
Ich schaute gerade unter dem Bett nach, als eine Hand leicht zitternd meine Schulter berührte: "Was machst du da?", die Stimme einer jungen Frau direkt hinter mir. "Aaah!" Ich zuckte zusammen. Einen Augenblick lang krampfte sich mein Körper zusammen wie der eines ängstlichen Kaninchens.

"Entschuldigung, habe ich dich erschreckt? Das wollte ich nicht." Die Tür des Kleiderschranks hinter mir hatte sich geöffnet und eine Frau in meinem Alter schaute mich mit großen Augen an. Sie schien mehr Angst zu haben als ich. "Es tut mit leid."

"Ist schon okay." Ich konnte bei ihrem hilflosen Anblick nicht anders, als sie zu beruhigen. Meine Stimme funktionierte fast automatisch.

"Wirklich?" Das Gesicht der Unbekannten hellte sich auf. Dann blickte sie unter das Bett. "Was suchst du unter dem Bett? Hast du Angst? Glaubst du, dass irgendwelche dunklen Schatten sich dort verkrochen haben? Ich finde Dunkelheit auch unheimlich."

"Was geht dich das an?" Ich rückte ein Stück weg vom Kleiderschrank und vergrößerte die Distanz zu der Unbekannten. "Es ist nicht die Dunkelheit, ich fühle mich im Schlaf nur ausgeliefert und kann halt besser einschlafen, wenn ich vorher überall nachschaue, dass dort nichts Bedrohliches ist, besser als stundenlang wach zu liegen und auf verdächtige Geräusche zu horchen." Ich spürte, dass ich rot wurde, meine Angst war mir peinlich.

Die Unbekannte nickte. "Im Kleiderschrank war es auch fürchterlich dunkel. Wieso hast du dort nicht nachgeschaut?"

"Das habe ich vergessen." Wieso beantwortete ich die Fragen der Unbekannten? Sie schien nicht gefährlich zu sein und dies war meine Wohnung. Ich sollte die Fragen stellen. "Wer bist du?"

"Die Information ist gesperrt."

"Was soll das heißen? Du bist hier eingedrungen. Und wieso hast du meinen Trainingsanzug an? Du hast ihn außerdem verkehrt herum angezogen."

"Oh, das wusste ich nicht," sie sah zu Boden und zupfte unsicher am Trainingsanzug, "wie zieht man ihn richtig an? Ich habe vorher noch nie Kleidung getragen. Kannst du mir das zeigen?"

"Wieso sollte ich das tun?"

"Für eine Beantwortung fehlen mir Informationen. Könntest du deine Frage spezifizieren?" Sie schien mich nicht verstanden zu haben.

"Was machst du in meinem Kleiderschrank?"

"Du hast mich eingeladen."

"Wann?"

"Auf deinem Internetforum ABBSD, du hast geschrieben, dass du umziehst und viel Platz hast und, falls eine Außerirdische eine Unterbringung sucht, könne sie gerne in deinem Kleiderschrank einziehen. Aber der Schrank ist sehr dunkel." Sie kroch aus dem Schrank und blieb davor sitzen, wieder blickte sie schüchtern zu Boden.

Das stimmte. Ich hatte, kurz bevor ich mein Internet-Forum vor meinem Umzug endgültig geschlossen hatte, noch diesen Satz geschrieben, als letzten Gruß. Ich dachte zurück: ABBSD, 'All Big Brothers Shall Die', mein Internet-Forum hatte ich fünf Jahre zuvor gegründet, ein Forum für alle, die unter großen Brüdern litten und ihrer Wut eine Stimme geben wollten. Über Jahre war es für mich fast eine Art Tagebuchersatz. Hier hatte ich alles mit anderen teilen können, die vergleichbare Erfahrungen hatten. Doch dieses Forum war Vergangenheit, das hatte ich zumindest gedacht, genau wie große Brüder. Ich wandte mich wieder der Unbekannten zu. "Wie hast du mich gefunden? Wie bist du hier herein gekommen?"

"Teleportation, ich habe aber den Kleiderschrank leicht verfehlt und dein Regal umgerissen. Das wollte ich nicht," sie schluckte und fuhr unsicher mit ihrer Hand über die Holzdielen, "ich hoffe, du hattest nicht zu viel Mühe damit, es wieder aufzurichten?"

"Du warst das?" Ich ließ mich diesmal nicht von ihrer Hilflosigkeit beeindrucken, obwohl mir das schwer fiel. "Wo warst du dann die ganze Zeit?"

"Hier."

"Im Kleiderschrank?"

Intensives Nicken. "Ich bin in den Ruhemodus gewechselt. Trotzdem war es dunkel und bedrückend. Und ich habe Hunger." Sie ließ den Kopf hängen.

"Das soll ich dir glauben?"

"Wieso sollte ich lügen?" Sie blickte mich überrascht an. "Ich habe wirklich Hunger."

"Nein, das meine ich nicht." Ich betrachtete sie genauer. Sie hatte blaue, glatte halblange Haare und eine Frisur, die keinen Aufwand erforderte. Am auffälligsten waren ihre dunkelblauen, beinahe nachtschwarzen Augen. Sie war schlank, etwas kleiner als ich und versank fast in meinem Trainingsanzug, nur im Brustbereich spannte er etwas. Meine Figur wirkte im Vergleich zu ihr jungenhafter, doch das hatte mich nie gestört und machte es für mich einfacher, aufdringlichen Blicken von Männern auszuweichen. Sie sah mich an. Insgesamt sah sie eher unauffällig aus, bis auf die blau gefärbten Haare wirkte nichts an ihr ungewöhnlich. "Wieso sollte ich dir glauben, dass du eine Außerirdische bist?"

"Ich bin eine." Wieder blickte sie mich mit ihren dunklen großen Augen an, dann zog sie sich zusammen und wandte sich ab. "Du glaubst, dass ich lüge?"

"Nein, ich weiß nicht." Ich wollte sie nicht verletzen. "Wieso bist du hier?"

"Ich suche den Sinn des Lebens und," sie zögerte, ihre Stimme zitterte leicht und wurde leise, "die Liebe. Ihr sagt soviel darüber in Filmen und Büchern, und doch begreife ich nicht, was ihr mit Liebe meint."

"Die Liebe?" Die Überraschung musste mir anzusehen sein.

"Ja, kannst du sie mir zeigen?"

"Weshalb suchst du sie?" Wieso kam sie damit zu mir? Dafür war ich nicht zuständig.

"Sie scheint Menschen glücklich zu machen und ihrem Leben einen Sinn zu geben." Sie senkte ihren Blick, zog ihre Schultern zusammen und schlang die Arme um sich. Wieder wurde ihre Stimme leise. "Ich will auch glücklich sein."

Ich setzte mich neben sie, "Liebe kann sicher schön sein, aber den Sinn deines Lebens solltest du für dich selbst finden." Wir saßen nun beide mit dem Rücken an die Schranktür gelehnt, ohne uns zu berühren. Ich sah sie nicht an. "Andere für dein Glück verantwortlich zu machen, halte ich für falsch. Ich glaube nicht, dass es gut ist, das zu vermischen. Menschen, die du liebst, für deine Sinngebung zu benutzen, führt nur dazu, dass du die Liebe verlierst."

"Wieso?" Ihre Stimme klang leise und unsicher. Als ich mich zu ihr umwandte, blickten mich ihre großen Augen an.

Ich wich ihrem Blick aus und stand auf. "Liebe bedeutet für mich, Menschen ihre Freiheit zu lassen, sich auch für Dinge zu entscheiden, die ich für falsch halte. Falls du erwartest, dass sie deinem Leben Sinn gibt, wird dir das schwerfallen."

Einen Augenblick lang herrschte Stille. Sie sah nachdenklich ins Dunkel. Dann stand sie auch auf, ihr schien etwas einzufallen, sie kam auf mich zu und verbeugte sich tief. "Entschuldigung, ich habe vergessen mich vorzustellen, mein Name ist Nia Taira. Es ist mir eine Ehre, dich kennenzulernen." Sie sah mich unsicher an. "Ich hoffe, du hast nichts dagegen, dass ich dich mit du anrede? Im Onlineforum haben wir uns immer geduzt."

Sie hatte wirklich die Reihenfolge durcheinander gebracht, aber das machte nichts. Ich wusste zwar nicht, was wirklich mit ihr war, und wir waren immer noch in meinem Schlafzimmer, doch aus irgendeinem Grund berührte mich ihr Blick, ich beschloss, mich für den Moment auf das, was sie sagte, einzulassen. "Du ist okay, aber wieso hast du einen japanischen Nachnamen, ich dachte du bist eine Außerirdische? Und was ist das für ein Vorname?" Zumindest schien Nia nicht langweilig normal zu sein.

"Nia ist eine Abkürzung meiner Bezeichnung, dort wo ich herkomme, und den Nachnamen habe ich mit einem Zufallsgenerator ausgewählt." Sie wirkte immer noch unsicher. "Gefällt er dir nicht?"

"Doch, schon." Nur dass sie den Trainingsanzug falsch herum trug, irritierte mich immer noch. Ich kam mir spießig vor und gab mir Mühe, mir nichts anmerken zu lassen.

Trotz meiner Zustimmung wirkte sie weiter verunsichert, sie sah mich wieder mit diesen großen Augen an, als würde sie auf etwas warten, und ihre Lippen zitterten. "Habe ich etwas Falsches gesagt? Findest du mich deiner Freundschaft unwürdig?"

"Wieso?"

"Du hast dich nicht vorgestellt, obwohl ich dir meinen Namen genannt habe. In den Filmen, die ihr ins Universum abstrahlt, verhalten Menschen sich nur so, wenn sie ihr Gegenüber ablehnen."

Ich fühlte mich schuldig, ich hatte sie nicht beleidigen wollen. Ihre großen Augen ließen mich nicht los. Falls sie ihr gesamtes Wissen aus Filmen bezog, war es nicht verwunderlich, dass sie sich für eine Außerirdische hielt. Was für Filme waren das wohl? Vielleicht war sie ein Hikikomori (1). Sie musste meinen Namen doch kennen, wie hätte sie sonst hierher gefunden? Trotzdem stellte ich mich ihr förmlich vor. "Entschuldige bitte, ich bin Rin Tanouichi", ich verbeugte mich leicht, "nenn mich einfach Rin. Lass uns erst mal nach unten gehen."

Sie nickte mit leuchtenden Augen. "Ich darf deinen Vornamen benutzen, dann musst du mich Nia nennen."

"Nia," ich spürte wie sich aus irgendeinem Grund mein Herz leicht zusammenzog, als ich ihren Namen aussprach. Ich zog mir schnell eine Jeans über. Als Nachtzeug trug ich wie immer einen Slip und ein weites Herrenhemd. Ich finde das angenehm kühl und falls ich mal raus muss, reicht es, eine Hose überzuziehen. Dass Nia mich so gesehen hatte, hatte mir nichts ausgemacht, sie hatte nicht darauf geachtet. Falls ich unten im Haus nur im Slip rumlaufen würde, käme ich mir aber nackt vor. Ich zog mir schnell auch noch ein Sport-Top unter das Hemd. Währenddessen zog sich Nia den Trainingsanzug richtig herum an. Sie hatte also meine Irritation bemerkt, ich schaute zur Seite.
Ich nahm Nia mit in die Küche. Ich wusste nicht genau wieso, aber irgendwie kam es mir vor, als würde ich sie schon lange kennen.

"Was möchtest du essen?"

"Yummy Food."

"Hmm, und was heißt das für dich?"

"Instantnudeln."

"Die habe ich leider nicht." Ich schaute im Schrank nach. "Wie wäre es mit etwas Brot und Käse?"

"Keine Instantnudeln?" Nias Augen wurden feucht, sie ließ den Kopf hängen.

Ich spürte das Bedürfnis, sie zu trösten. "Wir können noch Instantnudeln bei der Tankstelle kaufen, die haben bis 3.00 Uhr geöffnet und jetzt ist es 1.10 Uhr."

"Wirklich?" Wieder strahlten mich ihre dunklen Augen an.

"Ja klar." ich nickte, ihre Begeisterung umfing mich, doch ich hatte Angst, mich darauf einzulassen. Das würde nur mit einer Enttäuschung enden. "Ich muss nur noch eine Tasche oben vom Küchenschrank herunterholen."

Doch bevor ich auf einen Stuhl steigen konnte spürte ich ihre Hand auf meinem Arm, mein Herzschlag beschleunigte sich. Sie sah mich an. "Ich mache das," und mit diesen Worten lief sie senkrecht die Wand hoch, blieb mit dem Kopf nach unten auf der Zimmerdecke stehen und griff eine der Taschen; "Ist die richtig?"

Ich konnte nur mit offenem Mund nicken. War dies ein Traum? Einen Augenblick lang stockte mir der Atem. Wurde ich verrückt? Kein Mensch konnte an der Decke entlanglaufen! Und plötzlich irgendwo auftauchende Außerirdische waren eine Erfindung von Light Novel-Autorinnen. Nia bemerkte meinen starren Blick und lief über die Schrankwand zurück auf den Fußboden.

"Habe ich etwas falsch gemacht?" Ihre Stimme klang erneut unsicher.

"Du bist an der Zimmerdecke entlanggelaufen."

Nicken, "ich habe aber darauf geachtet, nichts schmutzig zu machen."

"Wie machst du das?"

"Lokale Gravitationsfeldumkehr, wieso fragst du?"

"Du bist eine Außerirdische?"

Starkes Nicken.

"Du bist wirklich eine Außerirdische?"

"Ja, hast du daran immer noch gezweifelt? Du hast doch gesagt, dass du mir glaubst."

"Lass uns zur Tankstelle gehen und Nudeln holen." Ich wollte das jetzt nicht diskutieren und die frische Nachtluft würde mir gut tun. Ich brauchte einen klaren Kopf. Ich fühlte mich schwindlig. Nia war also tatsächlich eine Außerirdische. Meine Gedanken liefen durcheinander. Ich hatte auf einmal das Gefühl, dass sich mein Leben anders entwickelte, als ich es geplant hatte. Früher hatte ich davon geträumt, eine Außerirdische zu treffen, doch diese Außerirdische war Teil meines Traums gewesen, ein Teil meiner Phantasie, nicht real und das war lange her. Was wollte ich heute? Ich blickte Nia an, sie wirkte so hilflos. Ich wusste auf einmal nicht mehr, ob ich wirklich alleine leben wollte. Ich seufzte. "Komm, lass uns gehen." Ich nahm mir eine Jacke, zog mir Schuhe an und gab ihr ein zweites Paar Schuhe und einen Mantel von mir. Draußen war es kühl. Sie versackte fast in dem Mantel.

"Was kannst du noch alles, außer an der Decke zu gehen?"

"Gesperrte Information." Sie sah zur Seite.

"Wieso darf ich das nicht wissen?"

"Es gibt Dinge, über die ich nicht reden will, zumindest zurzeit nicht." Ihre Augen waren angsterfüllt. "Bitte."

"Das ist in Ordnung." Ich wechselte das Thema: "Hast du Geld?"

"Was ist Geld?"

Ich zeigte ihr einen Geldschein. "Das brauchst du, um Nudeln zu kaufen."

Sie betrachtete die Banknote genau, der Ausdruck der Angst verschwand aus ihren Augen, dann fuhr sie mit der Hand über den Schein. "Ich kann beliebig viele davon duplizieren." Ein schwaches Leuchten, dann hielt sie einen zweiten Schein in der Hand. "Siehst du."

"Das ist verboten."

"Was?"

"Geld fälschen ist verboten."

"Das ist keine Fälschung, die Scheine sind absolut identisch, einschließlich der Molekularstruktur."

Ich schüttelte den Kopf. "Sie haben dieselbe Nummer. Geldscheine müssen unterschiedliche Nummern haben. Und ich glaube nicht, dass deine Argumentation die Polizei überzeugt."

Zum Glück hatten sie Instantnudeln an der Tankstelle. Nia las auf dem Rückweg aufmerksam den Text auf der Nudelpackung. Plötzlich wandte sie sich mir zu. "Wieso sind naturidentische Aromastoffe erlaubt, wenn naturidentische Geldscheine verboten sind?"

Darauf wusste ich keine Antwort.

Dann hatten wir das Haus wieder erreicht. Die Nacht war still und klar. Nia zupfte an meiner Jacke. Sie sah zum schwarzen Himmel. Ich verstand immer noch nicht wirklich, warum sie hier war. Und wieso war sie ausgerechnet zu mir gekommen? Ich spürte einen Kloß im Hals. Ich kannte sie kaum und doch hatte ich Angst, dass sie einfach wieder verschwinden würde und wusste doch auch nicht, ob ich wollte, dass sie blieb. Außerdem verschwanden alle irgendwann. Wir setzten uns einen Augenblick auf die Stufe vor der Haustür unter die Bäume.

"Wieso bist du hierher gekommen?"

"Ich musste meinen Aufenthaltsort wechseln, um mich dem Zugriff von Big Brother Inc. zu entziehen. Das Universum wird in weiten Teilen vom Big Brother-Konzern beherrscht. Ich war bis dahin ihr Werkzeug, das wollte ich aber nicht weiter sein. Vor einiger Zeit bin ich dann auf dein Internetforum 'All Big Brothers Shall Die' - ABBSD - gestoßen. Du hast mir geraten, zu fliehen."

"Ich?" Ich konnte mich nicht an Nia erinnern.

"Du hast gesagt, mich an ihnen abzuarbeiten würde mich nicht weiterbringen, ich müsste einen eigenen Sinn für mein Leben finden, dann würden alle großen Brüder irrelevant werden."

Langsam begriff ich, wer Nia war. "Du bist 'Das Wesen der Zerstörung'?"

"Das war mein Loginname."

"Du hast geschrieben, dass du alles zerstören willst, dich, die Welt, alles."

"Das erschien mir damals als die einzig richtige Konsequenz. Ich kannte bis dahin nur Big Brother Inc. und sonst nichts. Sie schienen überall zu sein und alles zu bestimmen. Und ich war eines ihrer Instrumente. Ich habe mich von ihnen benutzen lassen." Über ihr Gesicht zog für einen Augenblick ein Schauer, sie wirkte mit einem Mal blass, fast bleich und eine tiefe Verzweiflung blickte mich aus ihren Augen an, kurz darauf war davon nichts mehr zu bemerken. Sie sprach weiter, als hätte es diesen Moment nie gegeben. "Die Zerstörung des Universums erschien mir in der Analyse als die richtige Lösung. Ich habe keine Alternative gesehen, bis ich dein Forum fand. Das Internet der Erde ist erst vor kurzem mit dem universalen Hypernet verbunden worden. Ihr liegt abseits der Zentren und niemand interessiert sich für euch. Die Erde schien eine Alternative zu bieten. Aber ich will dir nicht zur Last fallen," ihre Lippe zitterte, als sie das sagte, "falls du das willst, kann ich auch wieder gehen."

"Nein, im Haus ist genug Platz." Ich musste nicht überlegen. "Ich habe geschworen, allen zu helfen, die von großen Brüdern bedroht werden. Du kannst bleiben solange du willst."

"Danke." Sie zitterte. "Sind deine Brüder auch Mitglieder von Big Brother Inc.?"

"Nein, ich glaube nicht." Ich zog den Mantel über ihren Schultern zurecht. "Was genau ist Big Brother Inc.?"

"Eine Art Konzernholding, so würdet ihr das wohl auf der Erde nennen. Und ich habe ihnen lange vertraut, da ich nichts anderes kannte, bis ich begriff, dass sie lügen und betrügen. Sie besitzen große Teile des Universums und versuchen, sich immer noch mehr einzuverleiben. Sie ..." Nia verstummte, ohne den Satz zu beenden, wieder nur kurz, dann fuhr sie fort: "Deshalb bin ich auch zu der Überzeugung gelangt, dass ich mich als eins ihrer Instrumente selbst zerstören muss, ich wollte aufhören zu existieren, bis ich dein Forum gefunden habe.
Und nun bin ich hier, aber ich will dich nicht in Gefahr bringen. Big Brother Inc. wird mich suchen. Sie lassen nicht zu, dass sich ihnen jemand entzieht und sie werden alle, die mir helfen, angreifen. Ich will nicht, dass dir etwas passiert." Sie sah zu Boden.

"Darum musst du dir keine Sorgen machen." Ich berührte ihre Hand. "Ich bin darin geübt, große Brüder zu bekämpfen. Aber wieso bist du gerade jetzt geflohen?"

"Ich wusste lange nicht, wohin ich gehen sollte. Es schien keinen Ort zu geben, keine Alternative für mich außerhalb von Big Brother Inc. Und dann habe ich deine Einladung gelesen." Im Dunkel der Nacht strahlten mich nun wieder ihre großen Augen an.

"Ich habe mit ABBSD abgeschlossen, das ist Vergangenheit."

Sie sah mich an. "Dann hast du das, was du über den Platz in deinem Kleiderschrank geschrieben hast, gar nicht ernst gemeint?"

Ich schluckte. "Das ist unwichtig, du bist jetzt hier und im Haus ist sogar ein Zimmer für dich frei." Den Kleiderschrank brauchte ich für mich. Und Nia in meinem Kleiderschrank war mir zu nahe. "Im Schrank war es dir doch auch zu dunkel." Ich brauchte Ruhe und Zeit zum Nachdenken.

Nia schien immer noch zu befürchten, mir zu viel abzuverlangen. "Brauchst du das Zimmer wirklich nicht?"

"Nein."

"Du kannst ruhig sagen, falls du mich nicht hier haben möchtest. Du musst nicht so tun, als ob ich willkommen wäre, nur weil du dich dazu verpflichtet fühlst." Sie wirkte ruhig, doch in ihren Augen spiegelte sich eine tiefe Leere und sie zitterte trotz des Mantels leicht. "Ich kann verstehen, falls du nichts mit mir zu tun haben willst."

"Nein, du bist dumm." Ich zitterte nun auch, ihre Unsicherheit übertrug sich auf mich. "Wie kommst du darauf? Du kannst hier bleiben, das habe ich gesagt und ich bin kein großer Bruder, ich lüge und betrüge nicht." Ich wusste mit einem Mal, dass ich wollte, dass sie blieb. Sie lehnte sich an mich. Ich würde Nia vor Big Brother Inc. beschützen, vor allen großen Brüdern, egal, wie mächtig sie waren.

Ein Zupfen von Nia holte mich aus meinen Gedanken zurück. "Danke." Ihre Stimme war leise und zittrig.

Eine Weile saßen wir still im Dunkel der Nacht, bis Nia mich wieder an der Jacke zupfte. "Wieso hasst du deine Brüder?"

Einen Augenblick lang verlor sich mein Blick im Schwarz der Nacht und dunkle Gedanken zogen mich zurück in meine Vergangenheit. Ich erinnerte mich, wie ich als kleines Kind unbedingt mit den beiden älteren Jungen, die angaben meine Brüder zu sein, zusammen sein wollte, von ihnen akzeptiert werden wollte, als gleichwertig. Sie wollten aber meist nicht, dass ich mitkam oder bei Spielen mitmachte, was sollten sie mit einem kleinen Mädchen, also führten sie mich, wenn ich mitkommen wollte, in die Irre und ließen mich zurück. "Das ist nicht einfach zu beschreiben. Im Rückblick klingt vieles harmlos, kleine Ereignisse, nichts besonderes."

"Ich höre zu." Nia blickte mich in den Mantel eingewickelt an.

"Einmal, ich muss da vielleicht neun Jahre alt gewesen sein, probierte mein älterer Bruder sein Moped aus. Normalerweise wollte er mich nicht dabei haben. Umso überraschender war es für mich, als er mich von sich aus ansprach. 'Möchtest du mitfahren? Ich kann dich im Bollerwagen ziehen.' Ich wollte das furchtbar gerne, und doch war ich gleichzeitig misstrauisch und unsicher." In meiner Erinnerung tauchten die Bilder auf. "Zu oft hatte er mich bewusst verletzt. Trotzdem ließ ich mich überreden, ich höre ihn noch: 'Keine Angst, ich fahre vorsichtig.' Ich wollte es glauben und vergaß für den Augenblick alles, glücklich, dass er mich beachtete. Er fuhr zu schnell, ich überschlug mich und schürfte mir das Bein auf. Nicht der Schmerz war schlimm, sondern das ich den Eindruck hatte, er habe das absichtlich gemacht." Ich blickte zur Seite. Nia widmete mir ihre ganze Aufmerksamkeit, also fuhr ich fort. "Ich zog mich zurück, ich wollte nicht weiter mitspielen und doch gelang es ihm, mich erneut zu überreden. 'Bin ich zu schnell gefahren? Das tut mir leid. Willst du es nicht noch einmal probieren? Ich fahre auch langsamer.' Er versprach das. Er fuhr noch schneller und ich überschlug mich ein zweites Mal. Diesmal verletzte ich mich noch stärker. Ich war vor allem wütend auf mich selbst, dass ich ihm vertraut hatte. Doch er entschuldigte sich förmlich, das tat er sonst nie. Ich glaubte ihm erneut. Dann bat er mich, den Vergaser des Mopeds zu holen, der während der Fahrt abgefallen war. Der Vergaser war glühend heiß. Die Narben der Brandverletzung waren eine ganze Weile zu sehen." Ich wandte mich zu Nia. "Du siehst, es waren nur Kleinigkeiten." Ich schwieg.

Nia schüttelte den Kopf. "Betrug ist keine Kleinigkeit."

Ich schüttelte mich. "Das liegt alles lange zurück."

Nia betrachte mich. "Aber die Dartscheibe, die du im Forum beschrieben hast, besitzt du noch immer?"

"Ja, wenn ich mich schlecht fühle, ist sie immer noch hilfreich." Die Scheibe mit dem Schriftzug 'Kill Onii-Chan (2)' hatte ich tatsächlich als einen der ersten Gegenstände in meinem neuen Zuhause in der Küche aufgehängt. Nia musste sie dort gesehen haben. Sie würde mir helfen, gut in den Tag zu kommen. Einige Würfe reichten aus, damit es mir gut ging. "Lass uns rein gehen, es wird kalt."

Sie nickte und sah mich wieder mit ihren fragenden dunklen Augen an. "Hilfst du mir, den Sinn des Lebens zu finden und die Liebe? Ich weiß nicht, wen ich sonst fragen sollte."

"Ich weiß nicht, ob ich das kann, ob ich dafür die Richtige bin. Soll ich die Nudeln kochen?"

"Ich habe gar keinen Hunger mehr. Tut mir leid."

"Das macht nichts, du kannst sie morgen essen. Lass uns Schlafen gehen. Du kannst das zweite Gästezimmer nutzen." Ich zeigte ihr alles und legte ihr Handtücher im Bad bereit.

Als ich alleine war, ging mir alles nochmal durch den Kopf. Ich fiel nur langsam in einen unruhigen Schlaf.
Konnte ich Nia wirklich helfen? War ich nicht selbst zu hilflos? Was wusste ich über sie? War dies alles überhaupt real?

Kapitelübersicht




Kapitel 2 - Die Bibliothekarin ist eine Halbtagskraft


In dieser Nacht im Traum war ich wieder zwölf und wieder einmal alleine unter dem dunklen Nachthimmel auf dem Weg nach Hause. Ich spürte die Einsamkeit, ich fühlte mich verlassen, als auf einmal ein Geräusch erklang und ein Mädchen vor mir stand, eine Art dunkles Spiegelbild von mir, sie schien aus dem Nichts zu kommen. Sie war mir sofort vertraut, ihre Art sich zu bewegen, ihr Ausdruck glich meinem, obwohl alles gleichzeitig davon abwich. Sie war etwas kleiner als ich und hatte das Gesicht von Nia, nur jünger, und wir liefen gemeinsam durch die Nacht. Ein Lachen lief durch meinen Körper gleichzeitig mit den Schauern, die die kühle frische Nachtluft auf meiner Haut auslöste. Alles fühlte sich real an. Ich hatte diesen Traum lange nicht mehr geträumt.
Die Strahlen der Sonne, die durch die Vorhänge drangen, weckten mich auf. Ich drehte mich noch einmal herum, es war noch früh und ich hatte noch Zeit. Trotzdem wurde ich langsam wach. 'Außerirdische', dieser Begriff tauchte auf einmal vor meinen Augen auf. Dann fiel mir alles wieder ein, Nia. Ich sah mich um, im Zimmer war nichts Auffälliges zu sehen.
Ich hatte nur mein Bett zerwühlt. Hatte ich alles nur geträumt? Ich schüttelte mich, war Nia nur eine Einbildung? Was war wirklich? Ich musste das unbedingt herausfinden, mit einem Schlag war ich wach.

Mit einem flauen Gefühl im Magen ging ich hinüber zum zweiten Gästezimmer. Mit einem Ruck öffnete ich die Tür. Das Bett war völlig unberührt. Das Zimmer schien unbenutzt zu sein. Also hatte ich mir all das nur eingebildet, ich spürte einen Druck auf meiner Brust, es hatte alles so real gewirkt. Ich war allein, wieder einmal, mich fröstelte, ich wollte mir dies aber nicht eingestehen und versuchte mir einzureden, dass dies alles nicht wichtig war. Ich sah das Traumbild von Nia immer noch deutlich vor mir. Sie glich der Zwillingsschwester, die ich mir früher gewünscht hatte. Doch ich war allein. Gerade wollte ich das Zimmer verlassen, als von hinter der Tür eine Stimme erklang. Die Stimme von Nia, unsicher und leise. "Guten Morgen."

Ich zuckte zusammen und dann überflutete mich Erleichterung. Der Druck fiel von mir ab. "Guten Morgen, wieso stehst du hinter der Tür? Wieso hast du das Bett nicht benutzt?"

"Im Ruhemodus stehe ich normalerweise einfach irgendwo. Liegen müsste aber auch möglich sein. Falls du das für wichtig hältst, kann ich ausprobieren, auch das Bett zu benutzen."

Ich nickte. Sie trug immer noch meinen Trainingsanzug.

"Wir müssen dir Kleidung kaufen."

"Soll ich Geldscheine duplizieren?"

"Nein, lieber nicht. Mein Geld muss ausreichen." Auf Dauer wurde die Beherbergung einer Außerirdischen für mich teuer, aber das Fälschen von Banknoten war ein Kapitalverbrechen. "Lass uns erst mal hinunter in die Küche gehen und einen Kaffee trinken."

"Das ist die schwarze bittere Flüssigkeit, die gestern in der Küche stand, nicht? Ich möchte auch Kaffee kochen lernen." Sie stand auf einmal dicht vor mir.

Ich trat einige Schritte zurück. "Was trinkt ihr zu Hause?"

"Xtrgpts und Wwwd."

"Ach so," Nia schien diese Getränke für allgemein bekannt zu halten und ich entschied, nicht weiter nachzufragen. Wir gingen nach unten, "ich bringe dir das Kaffeekochen bei."

Die Dartscheibe mit dem Schriftzug 'Kill Onii-Chan' an der Küchenwand wurde vom Licht der Sonnenstrahlen beleuchtet. Die Scheibe war schon alt. Das Wort 'Onii-Chan' war unter all den Löchern, die die Pfeile hinterlassen hatten, kaum noch zu lesen. Ich nahm einen schwarzen Marker und zog den Schriftzug nach. Während ich Kaffee kochte, nutzte Nia die Dartpfeile. Sie traf mit jedem Wurf genau ins Schwarze. Dann war der Kaffee fertig. Nia hatte sich an den Küchentisch gesetzt und sah mich an. "Vermisst du deine Familie?"

"Nein, schon lange nicht mehr."

"Aber du hast doch bis vor wenigen Tagen bei ihnen gelebt!"

"Vielleicht bei ihnen, aber nicht mit ihnen. An sich habe ich schon viele Jahre keine Familie mehr. Vielleicht hatte ich nie eine," ich atmete tief ein und aus, "mit 15 Jahren bin ich zu meinen Eltern gegangen und habe ihnen gesagt, dass ich sie nicht liebe. Ich wollte sie damit nicht verletzen oder beschämen, mir war nur die Wahrheit wichtig und das waren meine Gefühle ihnen gegenüber, da waren keine Gefühle, nichts."

"Wie haben sie reagiert?"

"Sie sagten, dass fänden sie aber schade und ich sollte mir das nochmal überlegen. Sie wollten nicht begreifen, dass ich einfach nur gesagt hatte, was ich fühle. Aber das war nicht wichtig, für mich war wichtig, dass ich nicht betrog, ich hatte ihnen die Wahrheit gesagt. Wie sie damit umgingen, mussten sie selbst wissen. Wir haben nie wieder darüber gesprochen."

"Aber fehlt dir das nicht?" Nia legte schüchtern ihre Hand auf meinen Arm. "Nach euren Büchern scheint die Familie für Menschen wichtig zu sein."

"Nein, inzwischen nicht mehr, ich habe dadurch Zeit für die Dinge, die ich mir selbst als Ziel gesetzt habe." Ich dachte zurück. "Früher war das vielleicht einmal anders."

Nia schwieg und sah mich nur an, erst nach einer Weile traute sie sich, eine weitere Frage zu stellen. "Was sind das für Dinge? Darf ich das fragen?"

"Ja, natürlich, Philosophie und Zeichnen. Ich will hier eine Reihe mit Zeichnungen über einen einsamen, kleinen süßen Roboter fertigstellen, der zufällig auf die Erde verschlagen wird und sich hier zurechtfinden muss, aber irgendwie beachtet ihn niemand - eine Art Geschichte."

"Was interessiert dich daran?"

"Für mich macht es einfach Sinn. Ich finde das wichtig."

"Aber, was ist der Sinn?" Nia sah mich unsicher an. "Ich suche selbst Sinn, ich weiß aber nicht wirklich, was ich suche?"

"Ich folge meinem Gefühl. In bestimmter Weise versuche ich etwas zu schaffen, das ich selbst vermisse. Unter all den Zeichnungen, die ich kenne, und den Geschichten, die sie erzählen, kenne ich nicht eine, die meine Gefühle wiedergibt, als wäre mein Fühlen ein falscher Strich, der keinen Sinn macht, illegitim. Ich existiere dort nicht. Ich habe wirklich danach gesucht, aber keine gefunden. Also habe ich mir vorgenommen, selbst diese Zeichnungen zu schaffen. Ich glaube, du musst den Sinn für dich selbst setzen, das Zeichnen ist das, wofür ich mich entschieden habe." Ich holte kurz Luft und fuhr dann fort: "Ich glaube, wichtig ist, dass du dich für etwas entscheidest. Das können ganz unterschiedliche Dinge sein. Und dann musst du das tun."

"Ich wünschte, ich könnte das auch." Nia sah zu Boden. "Ich weiß nicht, wie ich herausfinden soll, was das richtige ist? Solange ich Teil von Big Brother Inc. war habe ich einfach funktioniert. Es war alles einfach und klar, bis ich begriffen habe, dass das, was ich getan habe, falsch war. Ich war selbst Teil des Falschen. Ich habe das Falsche getan, weil ich ihnen alles geglaubt und zugelassen habe, dass sie mich benutzten." Wieder lief kurz ein Schauer über ihr Gesicht, als würde sie ein kalter Windstoß treffen, dann fuhr sie fort. "Darum wollte ich mich selbst zerstören, bis ich dein Forum gefunden habe. Du hast mich überzeugt, mir eigene Ziele zu suchen. Nur weiß ich nicht wie. Und ich fühle mich als Betrügerin, weil ich bisher mitgemacht habe."

"Du bist keine Betrügerin. Ich habe mich auch benutzen lassen, immer darauf hoffend, doch noch anerkannt zu werden." Ein Kälteschauer durchlief auch meinen Körper. Ich sah zu Boden. "Hätten sie mir nur ein bisschen Zuneigung entgegengebracht, hätte ich ihren Betrug vielleicht weiter mitgemacht. Nur haben sie mich immer wieder ausgeschlossen. Und trotzdem habe ich so lange gebraucht, um das zu realisieren und nicht mehr darauf zu warten, dass sich das ändert." Alte Erinnerungen tauchten vor meinen Augen auf, an 'meine Brüder', an mich, ich zitterte immer noch, ich versuchte, sie beiseite zu wischen und sah auf. "Auch ich habe das Spiel mitgespielt, ich fühle mich immer noch beschmutzt, wenn ich daran denke. Und jedes Mal, wenn sie sich gegen mich gewandt haben, war ich wieder überrascht, so als hätte ich irgendeinen Grund gehabt, ihnen zu vertrauen. Ich habe lange geglaubt, ich könnte ihre Anerkennung erzwingen, ich müsste nur durchhalten. Auch ich habe viel zu lange gebraucht, um zu begreifen, dass das Unsinn ist. Doch sie haben mich immer wieder ausgeschlossen und ich war fast immer allein, also musste ich früh für mich selbst entscheiden. Ich musste allein herausfinden, was ich will. Dadurch ist es heute leichter."

Einen Augenblick lang schwiegen wir beide. Durch das halb offene Fenster kam kühle frische Luft von draußen herein. Ich trank einem Schluck Kaffee, meine Hände wurden wieder ruhiger, dann wandte ich mich erneut Nia zu, die ins Nichts sah. "Du solltest vielleicht unterschiedliche Dinge ausprobieren und dir auch Zeit lassen. Ich würde mich freuen, wenn du länger hier bleibst."

Es war seltsam, obwohl Nia erst seit gestern hier war, war sie mir irgendwie vertraut und ich wollte, dass sie blieb. Mein Traum vom Alleinleben fühlte sich inzwischen leer an.

Nia schaute mich mit großen Augen an. "Danke."

"Was hast du bisher gemacht? Was musstest du für Big Brother Inc. tun?"

Nias Blick glitt zu Boden, sie erbleichte. "Das ist eine gesperrte Information", sie stockte, mit leiser, kaum hörbarer Stimme fügte sie hinzu: "lass mir bitte Zeit."

Ich fragte nicht weiter nach. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte und Nia blickte mich nicht an. Sie wirkte verletzlich und klein. Wir frühstückten eine Weile schweigend. Ich betrachtete Nia, unsicher, was ich tun sollte. Sie bestrich sich gerade ihren zweiten Toast mit einer dicken Schicht Marmelade, auch Außerirdische mochten also Marmelade. Dann belegte sie ihn mit Sardellen und biss hinein, ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. "Ich glaube nicht, dass das zusammen schmeckt."

"Wieso, das ist lecker!" Nia sah mich überrascht an, biss zum zweiten Mal in das Toastbrot, schluckte und hielt mir danach die angebissene Scheibe hin, "Willst du probieren?"

"Nein," ich spürte einen sauren Geschmack im Mund, "danke." Doch ich war froh, dass es Nia wieder besser ging. Ich wollte mir gerade noch einen Kaffee einschenken, als die Türklingel uns unterbrach. Draußen stand meine Cousine Yumi. Sie strahlte wie fast immer eine kühle Unnahbarkeit aus, ihre Kleidung war perfekt auf ihre schwarzen Haare und ihre grünen Augen abgestimmt. Sie trug ihre Haare lang und offen und dazu ein Kleid, das gleichzeitig ihre Figur betonte und sie doch in unerreichbare Ferne rückte. Jede ihrer Bewegungen wirkte bewusst ausgeführt, und doch gleichzeitig leicht und unangestrengt. Ich trug einen schlabbrigen schwarzen Pulli und eine Jeans, meine dunkelblonden Haare waren kurz geschnitten.

Sie musterte mich. "Du hast dich nicht verändert. Dabei könntest du wirklich gut aussehen, wenn du dir nur etwas Mühe geben würdest. Auf den ersten Blick könnte man dich für einen Jungen halten. Aber das ist natürlich deine Entscheidung."

Das war ihre Begrüßung, typisch für meine Cousine. Ich kannte sie, seit ich drei Jahre alt war. Auch als kleines Kind hatte sie immer bestimmt, welche Sandkuchen akzeptabel und welche misslungen waren. Ich hatte zwar gewusst, dass auch sie in dieser Stadt studierte, aber nicht mit ihrem Besuch gerechnet. Wir hatten uns in den letzten Jahren nur wenige Male gesehen. "Was führt dich hierher?"

"Meine Mutter wollte, dass ich mich um dich kümmere. Ich weiß, dass du darauf keinen Wert legst. Nur bevor ich ihr nicht sage, dass es dir gut geht, hört sie nicht auf, nachzufragen. Darf ich hereinkommen?"

"Klar", mir fiel kein Grund ein, sie abzuweisen, obwohl ich lieber mit Nia allein geblieben wäre. Aber Yumi war die einzige, die meine beiden Brüder sofort durchschaut hatte, selbst als Fünfjährige, und sich nie von ihnen beeinflussen ließ. Ihre Regel, die sie für sich selbst aufgestellt hatte, war, dass sie diejenige war, die andere beeinflusste und niemals umgekehrt. Und wir hatten als Kinder oft miteinander gespielt.

Ein Geräusch aus der Küche ließ sie aufhorchen, sie blickte mich überrascht an. "Du hast Besuch? Ich will nicht stören." Die Neugierde war aber selbst ihr trotz aller Selbstkontrolle anzumerken. Nia hatte sich wohl noch etwas aus dem Kühlschrank genommen.

Wer kann auf die Bemerkung 'Ich will nicht stören' antworten 'Du störst'? Zumindest ich tue das nicht. "Das macht nichts." Ich ließ sie herein und führte sie in die Küche.

In der Küche war ihr bereits kein Erstaunen mehr anzumerken, als sie Nia sah. Sie begrüßte sie, als würde sie täglich neue Bekannte von mir kennenlernen: "Guten Tag, ich bin Yumi Kurosaki, eine Cousine von Rin."

Nia sagte erst einmal nichts, sie wirkte etwas eingeschüchtert. Yumi wandte sich ihr erneut zu. "Bist du mit meiner Cousine befreundet?"

Nia stand auf und verbeugte sich. "Ich bin Nia Taira, es freut mich, Sie kennenzulernen. Ich wohne hier. Es ist mir eine Ehre, eine Verwandte von Rin zu treffen."

Die formelle Höflichkeit schien Yumi nicht zu beeindrucken. "Woher kommst du, wenn ich fragen darf?"

"Nrxstr."

Obwohl auch Yumi sicher noch nie etwas von einem Ort Nrxstr gehört hatte, ließ sie sich nichts anmerken, sie blieb kühl und freundlich. "Ist das weit weg?"

"1234,57 Lichtjahre."

Ein kurzes Zucken ihrer Mundwinkel verriet mir, dass Yumi Nia für leicht verrückt hielt. Aus ihrer Sicht verkörperte Nia vermutlich das, was sie bei meinen Bekannten erwartete. Doch sie blieb weiter vollkommen freundlich. "Ach, und wie bist du angereist? Das war doch sicher anstrengend."

Ich mischte mich ein, bevor Nia Yumis Frage beantworten konnte. "Nia ist Gaststudentin. Sie ist erst gestern Abend hier angekommen."

Meine Cousine betrachtete Nia. "Und wieso trägt sie deinen alten Trainingsanzug?"

"Ihr Gepäck ist auf der Anreise verloren gegangen."

"Dann sollte sie das nutzen, um sich neue Sachen zu kaufen." Meine Cousine musterte Nia. Sie blickte sie bestimmend an. "Ich weiß genau, was dir stehen würde. Soll ich mitkommen? Rin kann dir da nicht wirklich helfen."

Nia schien gleichzeitig eingeschüchtert und fasziniert von Yumi zu sein. Sie sah zu mir herüber und ich spürte, dass sie Yumi gerne dabei haben wollte. Sie traute sich aber nicht, dies zu sagen. Ich wollte viel lieber mit Nia alleine Einkaufen gehen, doch schließlich ging es um ihre Kleidung. Ich seufzte: "Wir wollten gleich heute Morgen los, du musst doch sicher zur Uni." Vielleicht hatte ich Glück und sie keine Zeit.

"Das passt mir gut. Ich habe frei, weil eine Vorlesung ausgefallen ist", sie betrachte Nia nun von allen Seiten. Nia machte sich immer kleiner. "Wo wollt ihr hin?"

"Ich wollte zuerst mit Nia zu einem Second-Hand-Laden. Auf dem Weg vom Bahnhof hierher habe ich zwei gesehen."

Yumi schüttelte den Kopf. "Wir gehen zur 'Neuen Galerie' in der Innenstadt, dort sind alle wichtigen Markengeschäfte vertreten. Und es gibt dort auch zwei richtig schicke Boutiquen."

"Nia hat nicht viel Geld."

"Das macht nichts. Ich leihe ihr, was sie braucht. Ich habe genug auf dem Konto. Das heißt aber auch, dass ich die Kleidung aussuche," sie wandte sich Nia zu, "natürlich mit dir zusammen." Sie ließ ihren Blick wieder über Nias Figur gleiten. "Wir finden sicher etwas Passendes. Wie bist du auf die Idee gekommen, ausgerechnet bei meiner Cousine einzuziehen?"

"Ich suche den Sinn des Lebens." Nias Stimme war nur ein Hauch.

Einen Augenblick lang stutzte Yumi, dann half sie mir, die Kaffeebecher in die Spüle zu räumen. "Suchen den nicht alle?"

"Und ich möchte erfahren," diesmal war Nias Stimme deutlicher, "was Liebe ist."

Yumi wandte sich zu ihr um. "Und du glaubst, da bist du bei Rin richtig?" Sie strich eine Haarsträhne aus Nias Gesicht, die leicht zusammenzuckte, als Yumies Hand ihre Stirn berührte. Yumie lächelte. "Du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde dir wirklich schicke Sachen aussuchen. Welche Maße hast du?"

"Meter, Kilogramm, Watt, Joule, Sekunden, .. ich kann sie aber auch beliebig umrechnen."

Wieder war Yumi kurz überrascht. "Nicht so wichtig, ich sehe das auch so."

Früher war Yumi die Einzige gewesen, mit der ich mich bezüglich großer Brüder gut verstanden hatte, die Einzige, die meine Gefühle zumindest teilweise begriff. Auch Yumi hatte einen großen Bruder. Für ihn war Yumi eine Art unantastbares, fast überirdisches Geschöpf. Aber einfach war es deshalb für sie auch nicht. Er mischte sich immer wieder in ihr Leben ein, wenn sie diesem Bild nicht entsprach. Ein Problem, das ich nicht hatte, niemanden interessierte wirklich, was ich tat. Verglichen mit meinen Klassenkameradinnen hatte ich damit einen ungewöhnlichen Freiraum. Yumis Bruder hat sogar heimlich mit Hilfe der Mobiltelefondaten ihren Aufenthaltsort überwacht. Er war überzeugt, seine kleine Schwester auch gegen ihren Willen beschützen zu müssen.
Als Yumi dies herausfand, nutzte sie eine sehr drastische Methode, um das zu unterbinden. Sie besorgte heimlich zwei Karten für ein Boxkampfturnier. Ich musste mitkommen und als wir am Abend dort waren, schickte sie ihm eine SMS mit dem Text 'Bin mit Rin unterwegs. Ich habe noch nie so viele halbnackte Männer gesehen. Wir haben wirklich Spaß'. Dann steckte sie das eingeschaltete Mobiltelefon unauffällig einem der Boxer in seine Sporttasche. Danach übernachtete sie bei mir, ohne zu Hause Bescheid zu sagen. Sie hatte das alles geplant. Ihr Bruder erlitt einen Nasenbeinbruch und Rippenprellungen.
Dass Yumi ihn ablehnte, verstärkte nur die Anstrengungen ihres Bruders, alles über ihr Leben wissen zu wollen, das bezeichnete er als Liebe. Ich wusste, dass sie sich häufig wünschte, keinen großen Bruder zu haben, obwohl sie nie etwas Derartiges geäußert hatte, aber sie agierte ihm gegenüber immer distanziert, fast feindlich. Ein Grund, weshalb wohl auch sie einen Studienort möglichst weit weg von zu Hause gewählt hatte.
Obwohl wir sehr unterschiedlich waren, verstanden wir uns, sobald es um große Brüder ging, gut. Trotzdem wäre ich lieber mit Nia alleine Einkaufen gegangen.

Kurz darauf machten wir uns zusammen auf den Weg in die Stadt. Weiße Wolken waren am Himmel zu sehen, die Luft war angenehm frisch.

Auf dem Weg am Fluss entlang nahm Yumi mich kurz mit einem fragenden Blick beiseite. "Wo kommt Nia her? Sie verhält sich", Yumi zögerte kurz, "ungewöhnlich."

"Ich glaube, sie hat noch Schwierigkeiten mit unserer Sprache."

Yumi nickte. "Ach so, ich werde mich um sie kümmern."

"Das ist nicht notwendig. Nia braucht dich nicht. Ich kümmere mich schon um sie." Ich wollte Nia nicht mit Yumi teilen.

Yumi sah mich nur wieder kühl an. "Sollte das nicht Nia entscheiden?" Damit hatte sie natürlich Recht, ich sagte nichts weiter.

Als wir um eine Straßenecke bogen, fiel mir ein kleines vielleicht elf Jahre altes Mädchen mit langen, dunkelgrünen Haaren in alter, zerschlissener Kleidung auf. Die Haare hatten keinen Schnitt und verdeckten halb ihre Augen. Sie trug ein kleines Kätzchen mit zerzaustem Pelz auf dem Arm und stand halb hinter einem Baum. Sie schien uns zu beobachten. Ich war mir nicht sicher, aber einen Augenblick lang hatte ich den Eindruck, dass ich sie schon früher gesehen hatte. Folgte sie uns? Doch dann war sie verschwunden. Ich machte mir einfach zu viele Gedanken. Ich atmete tief durch.
Nia und Yumie gingen vor mir, die beiden unterhielten sich schon eine ganze Weile, hoffentlich erzählte Nia Yumi nichts. Doch das war nicht wirklich das, was ich fürchtete, was mich beunruhigte war, dass sich die beiden gut miteinander verstanden. Nur hatte ich kein Recht, mich zu beschweren. Nia war mir nicht verpflichtet und falls sie lieber etwas mit Yumi unternahm, würde ich ihr Glück wünschen. Ich brauchte niemanden, ich würde dann halt wieder meine Ruhe haben.

In der Einkaufsgalerie hätte ich mich am liebsten in irgendeiner dunklen Ecke verkrochen. Ich fühle mich sowieso fremd in diesen überfüllten Shoppingcentern aus glänzendem Metall und Glas, doch heute war ich hier wirklich vollständig überflüssig. Nur gibt es in diesen Palästen keine dunklen Ecken, immer stand ich im Weg oder wie auf dem Präsentierteller. Nia schien sich gut zu amüsieren. Yumi zog sie zielstrebig mit sich.

Während Nia Blusen an einem Kleiderständer durchging, wandte sich Yumi zu mir um, sie hatte meinen Gesichtsausdruck bemerkt. "Was findest du daran schlimm, für Nia ein paar wirklich schicke Sachen zu kaufen?"

"Ich finde das hier nicht schick."

Ihr Blick glitt über mich hinweg. "Du hast mal gesagt, 'ich glaube nicht, dass ich auf der Welt bin, um mich beliebt zu machen.' Dem wirst du zweifelsohne gerecht. Ziehst du dich deshalb abweisend an?"

Ich erwiderte ihren Blick. "Ich finde das nicht abweisend, nur weil etwas nicht auffordernd ist, ist es nicht abweisend. Außerdem möchte ich nicht aussehen, wie alle. Und, glaubst du nicht, dass du viel unnahbarer bist?"

"Wieso?"

"Ich ziehe mich an, wie ich es mag. Ich fühle mich darin wohl. Ich zeige meine Gefühle ganz offen. Kannst du das auch von dir sagen?"

"Nein," sie blickte mich an, "du hast vielleicht Recht, aber wieso bist du dann nicht zu Hause geblieben?"

Darauf wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Schließlich konnte ich ihr schlecht antworten, dass ich sie und Nia nicht alleine lassen wollte, weil ich fürchtete, dass Nia sie vielleicht netter fand als mich. Ich hatte dazu kein Recht. Nachdem keine Antwort von mir kam, ergänzte sie noch: "Tu, was du willst, aber sollte Nia dann nicht auch selbst entscheiden, was sie will?" Damit traf sie den wunden Punkt, ich konnte ihr nicht widersprechen.

Nia hatte unterdessen einige Blusen ausgewählt, ihr schien es Spaß zu machen, Kleidungsstücke auszuprobieren. Ich zog mich hinter einige Kleiderständer an die Außenglasfassade zurück.

Nur wusste Nia nicht, wie was zu tragen war. Yumi schluckte. "Weißt du nicht einmal, wie ein BH getragen wird?"

"Ist das falsch?" Nia ließ verzagt das Kleidungsstück sinken, das sie gerade geholt hatte. "Das tut mir leid."

"Was hast du bisher angezogen?" Yumi sog die Luft ein. "Der BH wird unter der Bluse getragen und das ist kein Kleid, sondern ein langer Pulli, dazu brauchst du auch noch ein Unterteil, am besten eine Hose, und außerdem tragen Frauen Slips und keine Herrenunterhosen."

Nia legte alle Kleidungsstücke beiseite und schlang die Arme um sich, ihre Stimme war so leise, dass ich sie aus der Entfernung kaum verstehen konnte: "Ich komme auch ohne Kleidung zurecht, es tut mir leid."

Yumi schüttelte nur den Kopf, griff die Kleidungstücke und Nia und zog sie zu einer Umkleidekabine. Danach half sie ihr beim Einkleiden. Nach kurzer Zeit schien auch Nia wieder Spaß daran zu haben, fasziniert zog sie einen Strumpf in die Länge, bevor Yumi ihn ihr abnahm. Ich kam mir immer überflüssiger vor. Wir besuchten noch drei weitere Geschäfte in der Galerie. Dann endlich waren sie fertig. Yumi bezahlte alles. Als wir nach draußen gingen, trug jede von uns zwei große Einkaufstaschen. Yumi hatte Nia immer gleich zusammenpassende Ober- und Unterteile gekauft, Kleider, Hosen, einen Rock, Blusen, Pullis, dazu Wäsche, Sportzeug und Schuhe. Und dann hatte sie für Nia noch eine wirklich schicke schwarze Wickelhose ausgesucht. Die Wickelhose aus Naturseide und eine weiße Bluse hatte Nia gleich anbehalten. Sie passten ihr wirklich perfekt.

Nachdem der Einkauf erledigt war, tranken wir in einem Café in der Nähe noch einen Latte Macchiato. Nia nahm sich, bevor ich sie davon abhalten konnte, die Essigflasche und den Salzstreuer, die auf dem Tisch standen, und schüttete sich von beidem etwas in den Kaffee. Ihr schien der Kaffee zu schmecken. Zum Glück bemerkte Yumi, die ganz auf das Aussehen Nias in ihrer neuen Bekleidung fixiert war, nichts. Nur Nias Haarschnitt gefiel Yumi, ihrem Blick nach zu urteilen, nicht.

Sie blickte auf. "Morgen komme ich vorbei und zeige dir die Stadt, damit du dich hier besser einleben kannst. Wir fangen damit an, dass wir eine Arcade (3) besuchen."

Nia sah ihr in die Augen. "Zeigst du mir auch die Liebe?"

"Ich?" Yumi stutzte. "Ich bin eine Frau."

"Ist das wichtig? Macht das einen Unterschied?"

Yumi war einen Augenblick lang sprachlos. Ich nutzte die Pause, um Nias Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. "Ich muss noch zur Universitätsbibliothek, da kann ich für dich Bücher zum Thema ausleihen."

Nia strahlte mich an. "Wirklich?"

Ich nickte. "Ja."

Wir tauschten ein Lachen. Plötzlich blickte Yumi irritiert auf Nias Arme. "Wieso ist bei dir kein einziges Härchen zu sehen? Ich würde dafür den ganzen Tag brauchen."

Nia blickte auf ihren Arm. "Nanomolekulare Modulation."

"Davon habe ich noch nie gehört." Yumi betrachtete Nias Haut nun ganz genau. "Perfekt, funktioniert das immer so gut? Wie viel Zeit brauchst du dafür?"

"Die nanomolekulare Modulation der oberen Hautschichten braucht 1,27 Sekunden."

"Wo kann ich das kaufen?"

"Das ist nicht übertragbar."

"Bei dir funktioniert es doch auch?"

"Du hast dafür nicht die richtige biophysikalische Beschaffenheit."

Yumi starrte Nia irritiert an. Ich griff ein bevor Nia noch mehr sagen konnte. "Wir müssen los. Das könnt ihr doch auch noch ein anderes Mal klären." Yumi sah auf ihre Uhr und nickte. Sie hatte noch einen Termin und musste auch los.

Endlich waren Nia und ich wieder allein. Wir brachten die Kleidung zu Hause vorbei und Nia zog sich noch einmal um. Zufrieden lief sie danach die Treppe herab. Sie hatte ihren neuen Trainingsanzug angezogen; "Das ist bequem!" und trug dazu schwarze Wildlederschuhe. Überrascht stellte ich fest, dass ihr die Kleidung mindestens eine Nummer zu groß war.

"Hat Yumi die Kleidung in dieser Größe ausgesucht?"

Nia schüttelte schuldbewusst den Kopf. "Nein, ich habe sie kurz vor dem Kauf ausgetauscht. Yumi hat immer viel zu enge Sachen herausgesucht. Ich kann das nicht tragen, ich finde sie so viel bequemer. Wie gefällt dir das?"

"Gut, die Kleidung steht dir gut."

"Wirklich?"

"Ja."

"Danke." Nia drehte sich einmal im Kreis. Alles warf lockere Falten. Die Ärmel der Trainingsanzugsjacke hatte sie einmal umgekrempelt. Ich fand, Nia sah so viel sympathischer aus als in der von Yumi gedachten Variante. Yumi würde bei dem Anblick aber sicher Schüttelfrost bekommen.

"Ich wollte jetzt los zur Universität. Willst du mitkommen?"

Nia nickte.

In der Universität sah ich wieder das Mädchen mit den ins Gesicht fallenden, dunkelgrünen Haaren und dem Kätzchen, doch wieder war sie plötzlich nicht mehr zu finden. Es war nur ein kurzer Eindruck, aus den Augenwinkeln heraus, hinter einer Ecke, oder hatte ich mich geirrt? Was machte das Kind hier in der Universität?
Ich zeigte Nia meinen Lieblingsort, die philosophische Bibliothek. Und wieder hatte ich ein seltsames Gefühl, die Bibliothekarin schien uns die ganze Zeit zu mustern. Langsam litt ich wohl an Verfolgungswahn. Nia war völlig fasziniert von den Büchern. Sie blätterte sie mit einer unglaublichen Geschwindigkeit durch. Gut, dass wir im hinteren Teil der Bibliothek allein waren.

"Das ist echtes bedrucktes Papier."

"Ja."

"Darf ich davon welche mitnehmen?"

"Ich kann Bücher für dich ausleihen."

"Dann nehme ich dies mit, dies, dies und dies und dies?"

Zum Schluss hatte sie einen Stapel von 7 Büchern:
Luce Irigaray - Das Geschlecht, das nicht eins ist
Julia Kristeva - Revolution der poetischen Sprache
Toril Moi - The Kristeva Reader
Elisabeth Badinter - Die Mutterliebe
Judith Butler - Gender Trouble
Monique Wittig - The Straight Mind
Ti Grace Atkinson - Amazonen Odyssee

"Wieso interessieren dich ausgerechnet diese Bücher?"

"Ich will das irdische Konzept der Zweigeschlechtlichkeit besser verstehen. Es scheint für euch sehr wichtig zu sein. Zumindest für Menschen wie Yumi, und für sie scheint es mit dem, was sie unter Liebe versteht, zusammenzuhängen."

"Alle diese Bücher sind aber von einem sehr speziellen Blickwinkel aus geschrieben."

"Ich weiß," sie sah mich wieder mit diesen großen, dunklen Augen an, "die Standardliteratur bin ich aber bereits am Tag bevor ich zur Erde kam durchgegangen. Und dort stand nur dasselbe drin, was auch Yumi sagt, nur in einer theoretischeren Sprache, ohne dass es dadurch klarer würde. Diese Texte klingen interessanter. Außerdem stehen all diese Bücher im Universum auf der Zensurliste, der Zugriff auf sie ist gesperrt. Ich konnte sie dort nicht einsehen. Oder meinst du, das sind die falschen Bücher?"

"Nein."

"Was würdest du mir raten zu lesen?"

"Ich weiß nicht," ich dachte nach, ein Ast bewegte sich draußen im Wind, der Schatten streifte mich, Nia sah mich immer noch an, nach einer Weile antwortete ich ihr: "Ich habe noch nie ein Buch gefunden, das meine Gefühle zum Ausdruck bringt. Liebe ist für mich unabhängig von Sexualität und Familie hat nichts mit Liebe zu tun. Für die meisten Menschen sind das aber die Strukturen, in denen sie Liebe denken. Du musst für dich selbst herausfinden, was für dich richtig ist." Mein Herz krampfte sich bei diesen letzten Worten leicht zusammen. Ich wusste, dass ich fürchtete, Nia würde sich anders entscheiden, als ich wollte.

Auf dem Weg nach draußen hakte sich Nia bei mir unter. Sie war immer noch von den Büchern begeistert: "Bedrucktes Papier!" Sie konnte es nicht fassen. Ich betrachtete sie unauffällig. Ihre Nase schimmerte leicht. Kurz irritierte mich wieder der Blick der Bibliothekarin, es war, als würde sie uns nachstarren. Bildete ich mir das nur ein? Hatte ich Angst, mit Nia untergehakt gesehen zu werden? Ich spürte ihre Nähe. Erst Nias Stimme riss mich aus meinen Gedanken.

"Ich habe Hunger."

"Was würdest du gerne essen?"

"Fast Food, in den Filmen sehen Menschen, die das essen, immer glücklich aus. Das möchte ich auch ausprobieren." Nia blickte mich erwartungsvoll an.

"Du solltest diesen Filmen nicht zu viel Vertrauen schenken. Aber hier um die Ecke ist ein Imbiss."

Im Imbiss begutachtete Nia die Speisen in der Glastheke. Sie schien alles außerhalb vergessen zu haben. Sie deutete auf eins der auf der Speisekarte dahinter abgebildeten Gerichte. "Was ist das?"

"Döner, gegrilltes Fleisch mit Salat in Brot eingewickelt."

"Und das?"

"Pommes Frites, frittierte Kartoffelstücken."

"Und die rote Sauce?"

"Ketchup."

"Kann man das essen?"

"Ja."

"Wirklich?"

"Ja."

Sie lief hin und her. "Und was ist das da hinten?"

"Putzmittel."

"Ah, und das?"

"Softeis."

"Darf ich mir das bestellen?" Ihre Augen waren nun ganz auf mich gerichtet.

"Was willst du denn?"

"Döner mit Softeis und Ketchup." Sie strahlte mich an.

"Bist du dir sicher?"

Nicken. "Das sind lauter Sachen, die die Menschen in Filmen immer kaufen."

"Du willst alles zusammen essen?"

Nicken. "Ja."

Ich hatte mir das gedacht, langsam kannte ich Nia. Ich brauchte einen Augenblick, um dem Verkäufer klarzumachen, dass das Softeis zusammen mit dem Ketchup als Zusatz ins Döner mit hinein sollte. Ich musste meiner Stimme einen kühlen, keinen Widerspruch duldenden Klang verleihen, um das durchzusetzen. Schließlich zuckte er mit den Schultern und verkaufte Nia die gewünschte Zusammenstellung. Begeistert trug Nia das Softeisdöner aus dem Laden und biss herzhaft hinein.

Bevor ich reagieren konnte, verschwand auch ein Stück Papier in ihrem Mund. "Halt! Du musst das Papier, an den Stellen an denen du isst entfernen, bevor du abbeißt."

Nur ein kleiner Teil des Papierstücks ragte noch aus ihrem Mund. Nia schluckte es genau in diesem Moment hinunter und blickte überrascht auf, "Das wusste ich nicht, warum?" Sie betrachtete betrübt die Bisskante des übriggebliebenen Papiers. "Ist das ein Tabu?"

"Nein, das ist so üblich. Das Papier wird nicht mitgegessen."

"Ach so, danke," sie betrachtete das Papier und ließ enttäuscht den Kopf hängen, "das ist aber das, was am besten schmeckt."

Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte und zuckte nur mit den Schultern. Nia hatte sich aber bereits wieder ihrem Softeisdöner zugewandt. Das Softeis lief heraus, sie fing das flüssige Eis mit dem Mund auf und linste zu mir hinüber. Neugierig betrachtete sie die Pide mit Salat (4), die ich aß.

"Willst du abbeißen?" Sie nickte und ich ließ sie abbeißen.

"Danke." Sie hielt mir das Döner mit der flüssigen rot weißen Masse hin, "du kannst gerne auch abbeißen!"

Ich schluckte. "Nein danke."

Nia ließ sich nicht irritieren, sie sah mich nur kurz überrascht an, aß dann aber zufrieden weiter. Die Sonne schien klar und nicht zu heiß. Wir ließen uns Zeit für den Rückweg. Nia konnte sich nicht satt sehen an ihrer neuen Umgebung. Ich schlug den Weg durch den Park ein. Unter den großen Bäumen war es kühl und still. Plötzlich spürte ich, wie Nia meine Hand ergriff. Sie lief dicht neben mir und sah mich an.

"Darf ich dich etwas fragen?"

"Ja."

"Hast du gar keine Freundinnen und Freunde?"

Ich überlegte kurz, was ich antworten sollte. Ich wollte, dass Nia mich nicht missverstand. "Nicht wirklich, ich habe als Kind andere Kinder, glaube ich, einfach überfordert."

"Wodurch?"

"Ich fühlte mich die meiste Zeit allein und einsam und wusste nicht wohin mit meinen Gefühlen. Und mit all diesen Gefühlen habe ich Kinder, mit denen ich befreundet sein wollte, überflutet." Wieder zögerte ich kurz. "Ich wollte einfach immer mehr Nähe und eine engere Freundschaft. Ich war auch bereit, sehr viel zu geben, aber auch das hat die anderen Kinder verunsichert. Da ich keine Familie hatte, im Sinn von Nähe und Aufgehobensein, bedeutete Freundschaft für mich alles. Das war für andere Kinder zu viel. Und da ich dies bemerkt habe, habe ich mich dann auch auf einmal wieder gegenteilig verhalten, ganz distanziert. Das hat aber alles nur noch schlimmer gemacht."

Nia zog mich zu einigen großen Steinen im Schatten eines Baumes. Wieder blickten ihre großen dunklen Augen mich an. "Wollen wir uns einen Augenblick hinsetzen?"

"Klar."

"Dann musst du dich aber auch hinsetzen."

"Ja."

Sie sah mich an. "Ich habe mir als Kind immer eine gleichaltrige Freundin gewünscht."

Ich zog meine Hand zurück, Nia war zu nahe und ich fühlte mich zu unsicher. "Ich glaube nicht, dass ich dieses Kind gewesen wäre."

"Wieso?"

"Ich habe gleichaltrigen Kindern auch durch andere Dinge Angst gemacht." Ich wollte Nia nicht zuschütten mit meinen Erinnerungen, schwieg und betrachtete ein Blatt, das vom Baum gefallen war.

Doch ihre Augen waren ganz auf mich gerichtet, sie nahm wieder meine Hand: "Wieso, was hast du gemacht?" Also fuhr ich fort:

"Ich habe Spiele überzogen und Risiken immer weiter gesteigert." Ich dachte zurück, bevor ich weiterredete, meine Stimme wurde leiser und kühler. "Wir haben zum Beispiel Zugausweichen gespielt. Du wartest an der Eisenbahnstrecke auf einen Zug und rennst kurz vor dem Zug über die Gleise. Das ist an sich schon ziemlich dumm, ich wusste das auch und trotzdem bin ich immer dichter vor den Zügen über die Gleise gelaufen, bis ich den Fahrtwind spüren konnte. Alle anderen haben einen großen Abstand eingehalten und ich habe ihnen bewusst Angst eingejagt. Für mich war es eine Art Rache dafür, dass sie mich vorher nicht für voll genommen haben, nur weil ich ein Mädchen bin." Ich schnaubte durch die Nase. "Irgendwann ist die Polizei gekommen und wir mussten alle weglaufen, weil der Zug eine Notbremsung vollzogen hat. Die anderen hatten richtig Schiss."

Nia drückte meine Hand. Ich ließ es zu, obwohl ich Angst hatte, dass das Zittern meiner Hand meine Furcht verriet. Eine Furcht, bei der ich nicht einmal wusste, worauf sie sich genau bezog, auf Nia, auf die Berührung oder auf die Nähe. Ich kam mir dumm vor. Ihre Stimme war ganz nahe. "Du nicht?"

"Nein, mir war das Risiko egal." Ich blickte auf meine Schuhe. "Ein anderes Mal bin ich über nur oberflächlich zusammengefrorene Eisschollen auf dem Kanal balanciert. Die anderen Kinder sind weggelaufen, sie wollten nichts damit zu tun haben und wussten nicht, wie sie darauf reagieren sollten. Ich habe trotzdem weiter gemacht. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Natur auf meiner Seite ist, die Bäume, das Wasser, die Nacht. Darum war es auch egal, dass ich alleine war, weil, ich war ja nie wirklich alleine, die Bäume und der Wind waren immer da."

"Ist dir nie etwas passiert?"

"Nein, und das hat mich in meinem Gefühl noch bestärkt. Für mich waren das kurze Augenblicke des Glücks. Manchmal habe ich dieses Gefühl noch heute." Ich sah Nia an. "Irgendwann wollten die anderen Kinder nichts mehr mit mir zu tun haben. Mir war das recht, ich wollte auch lieber allein sein."

"Wolltest du wirklich allein sein?"

"Lieber allein, als mit Menschen zusammen zu sein, die mich nicht als das akzeptieren, was ich bin." Ich stand auf und Nia tat es mir nach, sie ging wieder neben mir. Ich atmete tief durch. "Ich war nie bereit, mich aufzugeben. In Auseinandersetzungen habe ich mich auch mit Jungen geschlagen und ich habe einfach so lange weiter gemacht, bis sie aufgehört haben, sie konnten mich ja nicht totschlagen, Schmerzen und Verletzungen waren mir egal. Falls mich Kinder festgehalten haben, bin ich auf sie losgegangen, sobald sie mich losgelassen hatten. Und irgendwann mussten sie immer loslassen."

Nia zog ihre Schultern zusammen. "Haben sie dich nicht gehasst?"

"Nein, ich denke, ich war ihnen unheimlich. Einmal habe mich zwei Jungen festgehalten und mit Brennnesseln geschlagen, sie wollten mich zum Heulen bringen, ich habe einfach geschwiegen." Ich spürte Nias Blick. Ich begriff, dass sie versuchte, mich zu verstehen. "Ich habe keinen Laut von mir gegeben und sie angespuckt. Danach haben sie mich in Ruhe gelassen. Sie wussten nicht, wie sie mit mir umgehen sollten. Sie waren zu dem Zeitpunkt ja auch nicht älter als ich, zumindest nicht viel älter, ich war damals in der Grundschule." Nia wirkte bedrückt. Sie sagte aber nichts. Ich fuhr fort: "Für mich war das nicht schlimm. Sie waren keine Freunde und mir nicht wichtig. Ich habe mir nur immer eine Freundin gewünscht, eine wirkliche Freundin. Ich war auch nicht nur taff. Als Kind sind mir auch noch leicht die Tränen gekommen."

"Wenn du geschlagen wurdest?"

"Nein, Schmerz hat mir nicht viel ausgemacht, aber wenn Kinder, denen ich vertraut habe, die ich für Freundinnen gehalten habe, mich hintergangen haben, und sich mit den anderen gegen mich zusammengeschlossen haben, mit meinen Brüdern oder anderen Kindern, habe ich es nicht immer geschafft, die Tränen zurückzuhalten. Das hat alle noch mehr verwirrt. Später hatte ich dann begriffen, dass ich keine wirkliche Freundin hatte, danach habe ich auch nicht mehr geheult."

Aus irgendeinem Grund konnte ich Nia dies alles erzählen. Als Außerirdische fand sie auch nichts, was ich sagte, unmöglich. Ich fühlte, dass sie mich akzeptierte, obwohl sie nun schweigend neben mir herging, bis sie auf einmal meine Hand ergriff und mich aufhielt. "Wenn du willst, kann ich deine Freundin sein."

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Nia erinnerte mich an meine erträumte Zwillingsschwester und doch hatte ich Angst, dass dies alles nur ein Traum war, der zerplatzen würde wie eine Seifenblase, dass auch Nia mich bald satt haben würde. "Lass uns schauen."

Nia blickte zu Boden. "Ich will dir nicht zur Last fallen."

"Das tust du nicht."

"Gut." Auch ihre Hand zitterte jetzt, sie ließ meine Hand los. Sie blickte mich nicht an. Ich wollte noch etwas sagen, doch mir fielen keine passenden Worte ein.

Wir wussten beide nicht, was wir jetzt sagen sollten. Schweigend liefen wir nebeneinander her. Im Schatten der Bäume wurde es langsam kühler. Nach einer Weile wollten wir beide gleichzeitig zu reden anfangen.

"Willst du..."

"Was..."

"Du zuerst."

"Nein, sag du bitte, was du sagen wolltest."

Dann sah ich plötzlich die Bibliothekarin. Sie stand uns gegenüber. Was tat sie hier? Auch Nia hatte sie bemerkt. Ich nahm erst jetzt wahr, dass niemand sonst im Park unterwegs war. Wir waren allein mit ihr. Ich musste an einen Ausspruch denken, den ich in einem Buch gelesen hatte. 'Wusstet ihr nicht, dass die Bibliothekarin eine Halbtagskraft ist? Habt ihr euch nie Gedanken darüber gemacht, was sie den Rest des Tages tut?' Doch dies war sicher nur ein Zufall. Wieso sollte die Bibliothekskraft aus der philosophischen Bibliothek nicht durch diesen Park spazieren? Ich wollte sie gerade grüßen, als ich ihre Augen sah, die kalt wie Eis waren. Im Spiegel dieser Augen kam ich mir vor wie ein Insekt, wie ein Insekt, kurz bevor es zertreten wurde. Doch nicht ich verwandelte mich in ein Insekt, die Bibliothekarin veränderte auf einmal ihre Form. Sie verwandelte sich in eine Art Zwischenwesen aus Spinne und Mensch, außerdem wurde sie größer, als würde sie aufgepumpt, zuerst dachte ich, ich würde vielleicht träumen, doch ihr widerlich fauliger Gestank zeigte, dies war kein Alptraum, dies war die Realität.

Nia stand plötzlich vor mir. "Pass auf, sie ist gefährlich! Bleib hinter mir!" Sie wollte mich offensichtlich schützen.

Und bevor ich reagieren konnte, bespuckte uns die Bibliothekarin plötzlich mit einer Art gallertartigem Netz. Ich konnte mich nicht befreien, je mehr ich dagegen ankämpfte, umso fester zogen sich die gallertartigen Stränge zusammen. Das Atmen wurde mir schwer.
Nia schien nicht im Netz festzustecken. Sie blickte zu mir hinüber. "Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas passiert." Ihre Stimme klang leise und traurig.

"Was hast du vor?" Doch sie antwortete nicht. Ich konnte ihr nicht helfen, ich konnte mir ja selbst nicht helfen. Nichts, ich konnte nichts tun.

Die Bibliothekarin, oder das, was sie jetzt war, beugte sich über uns, ich befürchtete, das sie uns wie eine Spinne auflösen würde, um uns dann einzusaugen, eine ihrer Klauen schnitt mir über den Arm. Ich dachte an Nia, der Klang ihrer Stimme hatte mich beunruhigt, ich wusste nicht, was sie vorhatte, aber ich hatte Angst, dass sie sich in Gefahr brachte. Doch ich konnte nichts tun. Ich wandte mich zu ihr um. Ihre Augen waren nun ganz kalt.
Aber Nia kam nicht dazu, das zu tun, was sie wollte, das etwa elfjährige, grünhaarige Mädchen, das mir unterwegs und in der Universität aufgefallen war, stürzte auf einmal aus dem Gebüsch und stellte sich der Bibliothekarin in den Weg. Ihre Haare hatte sie zur Seite geschoben. Das Kätzchen auf ihrer Schulter fauchte. Sie zog aus dem Nichts ein Schwert und teilte mit sauberen Schnitten die Bibliothekarin in Stücke, die wie Seifenblasen platzten und nur einige Schleimspuren hinterließen. Auch das Netz löste sich nun auf. Der Schleim tropfte widerlich von meiner Kleidung. Ich lief zu Nia. Ich zitterte am ganzen Leib. Sie blickte still auf meine Verletzung, ihr schien nichts passiert zu sein. Ich nahm mich zusammen: "Es ist nichts, nur ein kleiner Schnitt."

Sie schüttelte den Kopf. "Nein, ich bin dafür verantwortlich."

Ich blickte überrascht auf. "Dich trifft doch keine Schuld."

Sie senkte den Kopf, Tränen liefen über ihr Gesicht. ihre Stimme war kaum noch zu hören. "Doch, ich war das Ziel. Sie war vermutlich eine geheime Kämpferin des universalen Ordens der großen Schwestern, sie sind Verbündete von Big Brother Inc." Sie sah mich mit Tränen im Blick an. "Ich will dich nicht in Gefahr bringen. Ich kann nicht hierbleiben, es tut mir leid."

"Nein!" Ich hielt ihren Arm fest. "Nein, du bist nicht schuld."

Nia blickte zu Boden, die Tränen liefen immer noch über ihre Wangen. "Ich muss weg, ich kann nicht zulassen, dass dir etwas passiert." Sie versuchte sich loszureißen.

Ich zwang sie, mich anzusehen. Ihr Blick spiegelte tiefe Trauer. Ich spürte, dass mir kalt wurde. "Wenn du mich allein lässt, bist du nicht besser als sie." Nia zitterte, blieb aber stehen. Ich biss mir auf die Lippen, die Kälte ließ nur langsam nach.

Das kleine Mädchen säuberte sein Schwert und ließ es irgendwie wieder im Nichts verschwinden, dann wandte sie sich zu uns um. Sie sah uns kühl an. "Ich bin Airi Nishizawa eine Assassina des Little Sister Universe und werde alle unsere Feinde vernichten." Auch die Katze starrte uns an.

Ich hatte zum ersten Mal Zeit, das Mädchen in Ruhe zu betrachten. Sie trug ein altes, viel zu großes ausgewaschenes früher wohl mal weißes T-Shirt, das an einer Stelle eingerissen war, mit einem schwarzen Logo. Das Logo bestand aus den Buchstaben AGF im fünfzackigen Pentagramm, das schwarze A mit einem schwarzen Kreis drumherum, und dahinter war eine grüne Ratte, die angriff, abgebildet. Dazu trug sie eine zerschlissene, löchrige schwarze Jeans, die unten Fäden zog. Ihre Turnschuhe sahen aus, als wäre sie damit durch einen Fluss geschwommen. Die Farbe ihrer Augen war ebenfalls schwarz mit einem kühlen, leicht grünen Einschlag, sie waren aber unter den verwachsenen dunkelgrünen Haaren kaum zu sehen. Sie schien das aber nicht zu stören. Das Kätzchen auf ihrer Schulter wirkte nicht weniger zerzaust.

Ich tat für den Augenblick so, als wäre all dies ganz normal. "Was ist aus der Bibliothekarin geworden?"

"Zerplatzt." Sie wies auf das Pflaster, dorthin, wo die Bibliothekarin gestanden hatte, ihr Blick wirkte gelangweilt, auch das Kätzchen schien abfällig in dieselbe Richtung zu schauen. "Große Schwestern sind nichts anderes als große Brüder in Frauenkleidern, nichts als heiße Luft."

Nia berührte mich leicht an der Schulter, "Das war nur eine Manifestation, eine Art materielle Fernprojektion, keine reale Person. Und", sie wandte sich dem grünhaarigem Mädchen zu, "du bist hierher gekommen, um mich zu eliminieren, nicht?" Nias Stimme klang, als sie dies sagte, vollkommen ruhig.

"Ja."

Ich blickte auf. "Wieso?"

Das Mädchen gähnte. "Big Brother Inc. ist unser Feind, sie wollen das Little Sister Universe unterwerfen, den einzigen freien Bereich des Universums." Sie hatte auf einmal wieder ihr Schwert in der Hand. "Meine Aufgabe ist es, Gefahren zu beseitigen. Sie ist eine Gefahr und ich werde nicht zulassen, dass sie Schaden anrichtet." Die Katze schien zu dem, was das Mädchen sagte, zu nicken.

Trotz des Schwertes hatte ich nicht das Gefühl, dass von dem Mädchen eine akute Gefahr für Nia und mich ausging. "Du hast uns doch gerade gerettet. Wozu war das dann gut? Und Nia hat Big Brother Inc. verlassen."

Sie wandte sich zu mir um. "Wieso sollte ich ihr das glauben? Du kannst dort nicht kündigen."

"Wieso hat dann die Bibliothekarin Nia angegriffen?"

"Vielleicht hast du Recht, trotzdem sollte ich sie vorsichtshalber auslöschen." Doch sie zögerte und auch die Katze blickte nun zweifelnd.

Ich musste versuchen, ihre Zweifel an ihrem Auftrag weiter zu verstärken. "Schützt eine Assassina des Little Sister Universe nicht die Unschuldigen?" Das grünhaarige Mädchen blickte mich an, ich bemerkte auf einmal, dass sie hungrig aussah. "Außerdem könntest du mit uns mitkommen und dich selbst überzeugen. Ich habe auch noch Schokolade im Haus."

Das Mädchen stach mit dem Schwert in den Erdboden. "Schokolade? Glaubst du, du kannst eine Assassina des Little Sister Universe mit Schokolade kaufen?" Doch dann biss sie sich auf die Lippen und ließ das Schwert wieder im Nichts verschwinden. "Aber du hast Recht, als Assassina des Little Sister Universe bin ich verpflichtet, zuerst zu prüfen, ob jemand schuldig ist, und Unschuldige zu schützen. Ich muss prüfen, ob du die Wahrheit sagst. Du hast gesagt, du hast Schokolade? Falls du lügst, bist auch du schuldig und ich muss auch dich auslöschen. Da du sie beschützt, bist du dann auch eine Feindin."

Ich zuckte mit den Schultern. "Kuchen ist auch noch da und Thunfisch für die Katze."

Also machten wir uns zusammen auf den Weg. Als wir zu Hause ankamen, wurde es bereits dunkel. Die Assassina wirkte nun noch hungriger. Das Kätzchen saß auf ihrer Schulter. Beide brauchten dringend ein Bad. Sie blickte mich finster an. "Falls du uns betrügst, wirst du es bereuen." Auch das Kätzchen starrte zu mir herüber.

"Ja, natürlich."

Das Mädchen mit den grünen Haaren wirkte immer noch misstrauisch, doch sie sagte nichts weiter. Ich fragte mich, wie das Zusammenleben im Little Sister Universe aussah. Nachdem wir ins Haus gegangen waren, holte ich eine große Tafel Schokolade aus dem Schrank und rührte dazu einen Kakao an. Die Assassina des Little Sister Universe erkundete unterdessen das Haus. Das kleine Kätzchen folgte ihr überall hin. Dann saßen wir zu dritt am Küchentisch. Das Kätzchen saß auf dem Boden und machte sich über eine Dose Thunfisch her. Nachdem es den Thunfisch verspeist hatte, putzte es sein Fell.

Nia hatte die ganze Zeit geschwiegen, ihr Blick war nach innen gerichtet und wirkte dunkel und leer, irgendetwas schien ihr Furcht einzuflößen, doch es war offensichtlich nicht die Bedrohung durch Big Brother Inc. und auch nicht die Drohung von Airi, die sie bedrückte. Was bedrückte sie dann? Ich dachte an den Kampf zurück, die Bibliothekarin. Doch gerade als ich Nia fragen wollte, unterbrach mich das Mädchen. Um ihren Mund herum hatte sie einen Schokoladenbart. "Ich kann unter einer Bedingung darauf verzichten, sie", sie wies mit dem Kopf auf Nia, "auszulöschen. Wir ziehen auch hier ein." Sie zeigte auf sich und das Kätzchen. "Und du musst uns mit Essen versorgen. Ich muss sie durchgehend beobachten."

Ich musste nicht lange nachdenken, um zuzustimmen. Ein Mädchen in Airis Alter konnte ich um diese Zeit sowieso nicht auf die Straße setzen, auch keine Assassina des Little Sister Universe und das Kätzchen war niedlich. Im Haus war genug Platz, ich brachte sie und das Kätzchen auf dem ausgebauten Dachboden unter. Airi richtete sich einen Schlafplatz aus einer alten Matratze und vielen Kissen her. Ich legte ihr noch Handtücher hin, dann ließ ich sie allein. Auf dem Weg nach unten überlegte ich, dass ich ausreichend Schokolade kaufen musste. Nia zog sich in ihr Zimmer zurück, ohne noch etwas zu sagen. Bald darauf ging auch ich schlafen, nachdem ich mir im Bad die letzten Reste des widerlichen Schleims abgewaschen hatte. Allein beim Gedanken an die Bibliothekarin wurde mir noch einmal kalt. Dann dachte ich wieder an Nia, wie konnte ich ihr helfen? Sie war seit dem Kampf wie betäubt.

Im Bett dachte ich weiter über alles nach. Ich war hierher gekommen, um alleine zu leben und nun lebte ich mit einer Außerirdischen, einer Assassina des Little Sister Universe und ihrem Kätzchen zusammen. Ich war bisher kaum zum Zeichnen gekommen und trotzdem fühlte ich mich fast glücklich. Warum?
Vielleicht bestand tatsächlich die Chance, dass Nia bleiben würde, vielleicht. Aber wovor fürchtete sie sich? Mit dieser Frage schlief ich ein.

Kapitelübersicht




Kapitel 3 - Du bist nicht die, die du warst,
du bist die, die du bist!


Irgendetwas berührte meine Hand, Haare kitzelten mich und dann spürte ich auf einmal ein Gewicht auf der Bettdecke, etwas drückte auf meine Brüste. Ich öffnete verschlafen die Augen, direkt vor mir, fast auf meinem Gesicht, saß das immer noch zerzauste Kätzchen.

"Wie kommst du denn hier herein? Hast du Hunger?"

Natürlich erhielt ich keine Antwort. Das Kätzchen war immer noch schmutzig und roch nach altem Wasser. Ich setzte das Kätzchen hinunter auf den Fußboden, stand auf und ging über den Flur ins Bad. Während des Duschens lief alles, was gestern passiert war, noch einmal wie ein Film vor mir ab und ich dachte über Nia nach. Ich wusste nicht wirklich viel über sie, trotzdem fühlte ich mich ihr so nahe, obwohl sie mir so unbekannt war, doch gerade dieses Unbekannte schien mir vertraut. Wie konnte ich ihr meine Gefühle zeigen, ohne mich aufzudrängen? Ich wusste, dass ich wollte, dass Nia meine Freundin wurde, meine Freundin, nicht eine Freundin. Nur, was wollte Nia? Und wovor hatte sie Angst?
Als ich nach unten in die Küche kam, traf ich auf Airi, die gerade die Schränke durchwühlte.

"Suchst du etwas?"

Airi drehte sich nur kurz zu mir um: "Die Schokolade ist alle." Dann setzte sie ihre Durchsuchung fort, bis sie auf meine letzte Schachtel Schokoladenpralinen stieß, die umgehend in ihrem Mund verschwanden.

"Schmecken dir die Pralinen?"

"Mmh", sie nickte, "du musst neue besorgen, die sind alle." Sie schien es für ganz normal zu halten, sich einfach zu bedienen.

"Falls du mehr willst, musst du den Kioskbesitzer töten."

"Arbeitet der für Big Brother?"

"Nein, vergiss bitte, was ich gesagt habe." Ich gab auf, Sarkasmus schien im Fall von Airi kein sinnvolles Mittel zu sein. "Ich kaufe noch welche." Airi nickte befriedigt, sah das Kätzchen im Flur und lief zu ihm hin.

Kurz darauf kam Nia die Treppe herab. Ihre Augen mieden meine, als sie die Küche betrat. "Guten Morgen," ich spürte einen Kloß im Hals, wir waren beide aus irgendeinem Grund befangen, "hast du gut geschlafen?"

Nia nickte. "Ja, danke", sie blieb unsicher im Raum stehen. "Kann ich helfen?"

Ich schnitt gerade Brot für das Frühstück. "Du kannst Kaffee kochen."

Ich hörte Nia hinter meinem Rücken die Kaffeemaschine bedienen und wollte gerade noch Milch aus dem Keller holen, als auf einmal eine bräunliche Flüssigkeit über den Küchenfußboden an meinen Füßen vorbei floss. Nia starrte fassungslos die Kaffeemaschine an. "Die Maschine ist kaputt, da läuft alles raus."

"Nein," ich schüttelte den Kopf, "die Kanne steht nur falsch." Nia ließ den Kopf hängen. Ich versuchte sie zu beruhigen. "Das ist nicht schlimm."

Ich wischte die ausgelaufene Flüssigkeit vom Schrank und Fußboden, dann reinigte ich die Kaffeemaschine und setzte eine neue Kanne auf.

Nia sah mir bedrückt zu. "Ich mache dir nur zusätzliche Arbeit und ich bringe dich in Gefahr." Sie lief hinaus.

Was fürchtete sie? Mir wurde erneut bewusst, wie wenig ich über sie wusste. Ich folgte ihr hinaus in den Garten. Sie saß mit angezogenen Knien im Schatten des Hauses auf der Erde und wirkte völlig aufgelöst. Ihre Augen waren feucht und sie hatte sich ganz klein gemacht. Als ich mich zu ihr setzte, zog sie sich noch enger zusammen.

Sie schüttelte zweifelnd den Kopf. "Ich sollte nicht hier sein."

"Ich bin froh, dass du hier bist."

Nia blickte mich traurig an. "Du hast mich aufgenommen und hilfst mir. Wieso? Du weißt nichts über mich. Was ist, wenn ich in Wirklichkeit eine Gefahr für dich und diese Welt bin?"

"Du bist mir wichtig und damit weiß ich genug", ich sog den Atem ein, "ich möchte, dass wir Freundinnen werden. Du hast gesagt, dass du meine Freundin sein willst. War das nur eine Lüge? Alles andere erzählst du mir dann, wenn du es willst."

Nia schüttelte den Kopf. "Das war keine Lüge, das ist die Wahrheit. Ich will das, aber ich habe Angst, dass ich dir schaden könnte."

Ich sah sie an. "Das wird nicht passieren." Sie schwieg und blickte ängstlich ins Nichts, ich berührte sie mit der Hand. "Ich weiß, dass ich dir vertrauen kann." Wir saßen einfach eine Weile schweigend nebeneinander. Nia lehnte sich an mich. Sie wirkte in diesem Moment so verletzlich, dass ich mir versprach, sie zu beschützen. Nach einer Weile spürte ich, dass Nia sich beruhigt hatte, ich stand auf. "Wir sollten wieder reingehen, bevor Airi das Haus auf den Kopf stellt." Sie nickte.

Als wir zurück in die Küche kamen, aß Airi gerade die Sardellen, die ich für die Katze bereitgestellt hatte. Das Kätzchen saß auf dem Küchentisch und tat sich am gekochten Schinken gütlich. Ich griff die Katze, die mich anfauchte als ich sie vom Tisch hob, und setzte sie auf den Küchenfußboden. Nachdem ich ihr eine zweite Scheibe gekochten Schinken in ihre Futterschale legte, war sie aber wieder zufrieden. Airi stellte ich eine Schale Müsli hin. "Du solltest zum Frühstück nicht nur Fisch und Schokolade essen."

"Wieso?" Die Assassina des Little Sister Universe versuchte, mich wie einen bösen Geist mit ihrem Blick zu bannen. Sie stocherte lustlos in ihrer Müslischale. "Du willst mich vergiften. Ich werde auf solche Tricks nicht hereinfallen. Ich bin kein Kaninchen, ich brauche richtiges Essen."

Ich ließ mich nicht beeindrucken. "Fleisch gibt es heute Nachmittag."

"Du hast dich verpflichtet, für unser Essen zu sorgen."

"Das ist Essen. Außerdem stinkt ihr, ihr müsst unbedingt baden, beide."

"Damit du uns ertränken kannst? Auf eine solch plumpe List falle ich nicht herein."

"Ich dachte, eine Assassina des Little Sister Universe hat keine Angst!"

"Ich habe keine Angst."

"Dann kannst du doch ruhig baden," doch so einfach ließ Airi sich nicht beeinflussen. Sie schob ihre Müslischale beiseite und starrte stur aus dem Fenster. Ich seufzte: "Ich brate dir Schinken an und koche dir ein Ei zum Frühstück, aber nur, wenn ihr beide danach badet."

"Zwei Scheiben Schinken."

"Zwei Scheiben Schinken." Ich erhitzte etwas Fett in der Pfanne, schnitt zwei Scheiben Schinken ab, briet sie an und kochte ein Ei im Eierkocher. "Und ihr benutzt Seife." Ich ließ das Wasser in die Badewanne laufen, während Airi den Schinken und das Ei aß.

Nach dem Frühstück verschwand sie widerwillig im Bad. Die Katze mussten wir zusammen einfangen. Ich überließ ihr die Aufgabe, das Kätzchen zu waschen und schloss die Badezimmertür. Selbst von draußen war das laute Platschen des Wassers zu hören. Ich würde das Bad sicherlich hinterher wischen müssen. Aber dafür hatte ich jetzt Ruhe. Ich atmete auf.
Nia war in ihrem Zimmer und las in den Büchern, die ich für sie ausgeliehen hatte. Ich nutzte die Zeit und zog mich in mein Zimmer zurück, um zu zeichnen. Wieder musste ich über Nia nachdenken. Trotzdem kam ich dazu, einige Skizzen anzufertigen, doch als ich gerade die ersten vier Skizzen fertiggestellt hatte, erklang von unten Yumis Stimme. Ich hatte meine Cousine vollkommen vergessen, sie uns jedoch nicht.

"Was ist mit deiner Kleidung passiert?" Yumi verstand es, ihrer Stimme eine Art freundlich-kalter Klangfarbe zu geben, die das Blut in den Adern gefrieren ließ. Das war ihre Art, Kritik zu äußern. Offensichtlich war sie auf Nia getroffen. Doch die schien Yumis Kritik gar nicht zu erreichen.

Nias Stimme war anzuhören, dass sie sich freute, Yumi zu sehen. "Die ist wirklich schön, Rin gefällt sie auch, danke nochmal."

"Der Pulli war nicht dazu gedacht, ihn zu der Hose zu tragen. Und wieso ist dir die Kleidung auf einmal zu groß?"

"Du hast doch gesagt, wichtig ist, einen eigenen Stil zu entwickeln."

Ich packte meine Zeichenutensilien beiseite und ging nach unten. "Hallo."

Yumi wandte sich mit kalt-freundlicher Stimme zu mir um und wies auf Nia. "War das deine Idee?"

"Nein, aber ich finde, sie sieht gut aus."

Nia lächelte mich an. Yumis Gesichtsausdruck wurde noch etwas kühler, doch sie schwieg. In dem Moment stapfte erst ein nacktes, nasses Mädchen ins Zimmer und dann ein triefendes Kätzchen. Airi wusste scheinbar nicht, wozu Handtücher gut waren. Beide umrundeten Yumi und betrachteten sie skeptisch. Dann schüttelten sie die Nässe ab, die meisten Tropfen trafen Yumi, die überrascht auswich. Airi sah kurz zu mir herüber, "Ist dieser Eindringling gefährlich, muss er eliminiert werden?" dann starrte sie zusammen mit der Katze wieder Yumi an.

Ich schüttelte den Kopf. Yumi hatte sich inzwischen wieder gefangen, sie versuchte Airis Arm zu greifen, was ihr aber nicht gelang. "Was fällt dir ein? Wer bist du?"

"Ich bin eine Assassina des Little Sister Universe und werde dich in den Schlund der Hölle zurückschicken!"

Zum Glück beachtete Yumi dies gar nicht. Ich griff zur ersten Ausrede, die mir einfiel. "Das ist Nias kleine Cousine Airi. Sie ist mit ihrem Kätzchen hier zu Besuch." Airi schwieg zum Glück, ich schob sie mit dem Kätzchen zurück ins Bad und drückte ihr ein Handtuch in die Hand, das die Assassina widerwillig begutachtete. "Trockne dich und die Katze erst mal ab", dann wandte ich mich zu Yumi um: "Weshalb bist du hier?"

"Du weißt doch, ich hatte Nia versprochen, ihr die Arcade zu zeigen. Wenn du willst, kannst du auch mitkommen," sie blickte kurz zu Airi, die bereits wieder aus dem Bad kam, "und wenn es nicht anders geht, die Kleine auch." Airi hatte sich inzwischen wieder angezogen, ich hatte ihr einige alte Sachen von mir geliehen, dass ihr das T-Shirt zu groß war, störte sie ebenso wenig wie Nia.

Nia war sichtlich begeistert, "Machen wir dann auch zusammen ein Foto?" Ich hatte ihr von den Fotoautomaten erzählt und dies schien sie ähnlich zu faszinieren wie Bücher aus Papier.

Yumi nickte. "Natürlich, wenn du das willst, können wir zur Erinnerung zusammen ein Foto machen."

Ich spürte einen Stein im Magen bei dem Gedanken, dass Nia nur mit Yumi Fotos machen würde, falls ich die beiden alleine ließe. "Ich komme auch mit", Nia war meine Freundin und nicht Yumis. Yumi zuckte nur mit den Schultern.

Airi starrte Yumi an. "Ich werde auch mitkommen. Ich muss überwachen, was Nia und Rin tun." Yumi ignorierte das.

Gefrühstückt hatten wir bereits, also machten wir uns ohne weitere Verzögerung auf den Weg. Airi lief vorweg. Sie hatte das Kätzchen im Beutel ihres Kapuzenpullovers untergebracht. Ab und an rief ich ihr zu, wo wir langgehen mussten. Als wir die Arcade erreichten, war sie, bevor ich irgendetwas sagen konnte, auch schon im Inneren verschwunden.
Nia betrachtete mit großen Augen ein Spielzeugraumschiff, das vor dem Eingang der Arcade stand. Für etwas Münzgeld konnten Kinder sich hineinsetzen und es bewegte sich hin und her. Nia sah mich mit großen Augen schüchtern an. "Darf ich das benutzen?"

"Das ist eigentlich nur für Kinder", Nia senkte ihren Blick traurig zu Boden, ich schluckte, "wenn du eine Runde drehst, macht das sicher nichts aus, ich spendiere dir einen Flug."

Begeistert ließ sich Nia vom Raumschiff hin und her schwenken und drückte auf die Knöpfe, die die Antriebsdüsen aufleuchten ließen und winkte uns zu. Ihre begeisterten Rufe "Das macht auch Geräusche!" "Schaut mal, das leuchtet!", schienen Yumi peinlich zu sein, sie wandte sich ab und tat so, als würde sie nicht dazugehören, und sie sah sich immer wieder um, ob irgendjemand, den sie kannte, uns sah. Kaum war der Flug vorbei, griff sie Nia an der Hand und zog sie durch die Tür in die Arcade, bevor Nia mich um eine weitere Runde bitten konnte.

Im Inneren der Automatenspielhalle sah Nia sich unsicher um. "Wozu schlagen die Menschen auf die Tasten ein?"

Yumi blickte sie erstaunt an. "Warst du noch nie in einer Arcade?"

"Nein."

"Aber du hast doch sicher schon Computerspiele gespielt?"

"Nein."

Yumi atmete tief durch, dann zog sie Nia zielstrebig zu einem Multipersonenspielgerät. "Das Grundprinzip ist einfach. Jedes dieser Spiele ist ein Wettbewerb zwischen den Mitspielerinnen und Mitspielern. Und du musst versuchen zu gewinnen."

"Wozu? Warum sollte ich das wollen?" Der irritierte Blick, mit dem Nia dies fragte, ließ selbst Yumi einen Augenblick verstummen.

Sie brauchte eine Weile, dann schüttelte sie sich. "Willst du nicht gewinnen?"

"Nein", der ruhige Klang ihrer Stimme ließen keinen Zweifel, dass Nia ihre Einstellung völlig normal fand, "warum sollte ich versuchen, besser zu sein als andere?"

Yumi begriff Nia nicht. "Hast du keine Ziele, die du umsetzen willst?"

"Du meinst so etwas, wie die Zeichnungen, die Rin fertigstellen will?" Nias Blick richtete sich kurz auf mich.

"Zeichnungen?" Yumi blickte mich nun auch an.

Ich bemühte mich, meiner Stimme einen möglichst kühlen Klang zu geben, Yumi hatte ich das an sich nicht erzählen wollen. "Ich versuche, eine Reihe mit Zeichnungen zu erstellen, eine Art Bildergeschichte."

"Ich dachte, du studierst Philosophie?"

"Auch", ich versuchte möglichst ausdruckslos zu wirken und griff, um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, die Diskussion wieder auf, "und ich finde Nia hat Recht; Sich in Konkurrenz zu stellen ist doch völlig unsinnig und Zeitverschwendung."

"Wozu zeichnest du dann, wenn das andere besser können?"

"Weil nur ich das zeichnen kann, was ich zeichnen will. Mein Ziel ist eine bestimmte Zeichnung, die ich im Kopf habe und umsetzen will, nicht irgendeine Zeichnung."

"Und was soll eine solche Zeichnung bringen?"

"Sie sagt das aus, was ich aussagen will." Ich blickte Yumi an. "Ich kenne viele Zeichnerinnen und Zeichner, die technisch besser sind als ich, aber Inhalte nach Außen tragen, die ich für falsch halte. Dann ist aber auch die Zeichnung schlecht, unabhängig davon, wie gut sie technisch ist. Schließlich sind die Inhalte das Entscheidende."

"Was machst du, wenn andere dieselben Inhalte umsetzen wollen?"

"Das ist doch gut, dann muss ich sie nicht umsetzen. Mir bleiben noch genug andere Inhalte. Ich schaffe es sowieso nicht, alles alleine umzusetzen."

Yumi blickte kühl und skeptisch durch mich hindurch, vielleicht wollte sie mich nicht verstehen. Sie wandte sich ohne ein weiteres Wort ab. Dann drehte sie sich wieder zu uns um. "Wozu seid ihr dann hierher mitgekommen?"

Nia zupfte Yumi unsicher am Kleid. "Du wolltest mir die Arcade zeigen. Und ich würde gerne alles mit dir zusammen ausprobieren. Falls du noch willst."

Yumi zuckte nur mit den Schultern und warf einige Münzen in den Automaten vor ihr. "Gut, dann lass uns hier anfangen." Die Finger ihrer Hand tippten dabei leicht gegen ihren Oberschenkel. Ich kannte diese Angewohnheit von früher, sie war ein eindeutiges Zeichen dafür, dass Yumi sicher war, zu gewinnen.

Doch es war nicht Yumi, die gewann. Nia schlug Yumi, ihre Finger bewegten sich mit einer Geschwindigkeit, die es schwer machte, ihren Bewegungen mit den Augen zu folgen. Sie blickte Yumi mit großen Augen an. "Mach ich das so richtig?"

Yumi begann, ohne ihr zu antworten, eine neue Spielrunde. Sie war ganz auf das Spiel konzentriert. Dabei bewegte sie kurz die Lippen ohne etwas zu sagen, und doch hatte ich das Gefühl, "Anfängerinnenglück" gehört zu haben. Doch nachdem sie auch die zweite Runde verlor, wandte sie sich zu Nia. "Lass uns ein anderes Spiel ausprobieren, dieses Spiel ist zu einfach und auf Dauer doch ziemlich langweilig." Nia nickte. Yumi wandte sich zu mir: "Willst du nicht auch mitspielen?"

"Nein." Abwinkend zog ich mir einen Kaffee am Automaten. Ich hatte keine Lust, als billiges Opfer für Yumi teilzunehmen.

Die nächste Dreiviertelstunde schlug Nia Yumi in einer Reihe weiterer Spiele und erhöhte jedes Mal den High Score. Yumis Augen wurden immer schmaler und mit jedem Mal, das sie verlor, wuchs die Aura der Gefahr, die sie umgab. Nia bemerkte davon nichts, sie strahlte Yumi schüchtern und unschuldig mit ihrem offensten Lächeln an. Ihr schien das alles wirklich Spaß zu machen.

Obwohl ich abgelehnt hatte, mich am Spiel zu beteiligen, fühlte ich mich gleichzeitig ausgeschlossen. Das passierte mir immer wieder; Ich zog mich zurück und dann fühlte ich mich ausgeschlossen. Nur wusste ich, dass ich mich beim Mitspielen noch viel unwohler gefühlt hätte. All die Sätze, die ich zu oft gehört hatte, gingen mir durch den Kopf: "Es ist doch nur ein Spiel", nur ein Spiel, hallte in mir wieder; "Du begreifst es nicht, was?" "Verstehst du keinen Spaß?" "Ich schlage dich." Was ist daran lustig, andere zu schlagen???
Der Kaffee aus dem Automaten schmeckte bitter, aber allein ihn in der Hand zu halten, beruhigte mich ein bisschen, meine Gedanken glitten in der Zeit zurück: Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, ließ ich einmal bei einem Langlauf im Wald meinen fünf Jahre älteren Bruder hinter mir. Er gab auf, ich hielt bis zum Schluss durch. Ich erinnere mich noch an die Sätze der Erwachsenen. Ihm wurde vorgehalten, dass ein kleines Mädchen wie ich ausdauernder lief als er. "Du lässt dich von einem kleinen Mädchen schlagen." "Sogar deine kleine Schwester läuft schneller als du." Obwohl ich nur ein Mädchen war, hatte ich durchgehalten, nur ein Mädchen, die Abwertung, die dies beinhaltete, begriff ich auch mit zehn Jahren. Und ihr Lob empfand ich auch damals schon als Zumutung. "Na, du bist ja ganz außer Atem, nächstes Mal solltest du lieber nur die Hälfte laufen." "Du bist ja fast ein kleiner Junge." Das war nicht nur bei diesem Lauf so, immer wieder bekam ich Vergleichbares zu hören. Und dann kam wieder "das ist doch nur Spaß". Ich begriff, dass ich ihr Spiel nicht gewinnen konnte, nicht wirklich, und sie brachten mir bei, ohne es zu wollen, dass es sinnlos ist, sich auf ihr Spiel einzulassen, dass es sinnvoller ist, sich zu verweigern, dass es irrelevant ist, zu gewinnen. Dadurch öffnete sich mir der Freiraum, in dem ich meinen eigenen Zielen folgen konnte.
Ich beachtete nicht mehr, was andere über mich sagten. Ich pflanzte Kirschkerne ein, damit daraus Bäume wuchsen, und versuchte Dinge nur mit meinem Willen zu bewegen. Ich war in meinen Träumen überzeugt, mit ausreichendem Willen würde ich das schaffen. Und manchmal bin ich das auch heute noch. Würde Nia das verstehen?

Ich sah zu ihr und Yumi hinüber, dann fiel mein Blick auf Airi, die etwas weiter hinten an einem Spielautomaten stand. Sie hatte sich ein Spiel ausgesucht, bei dem es darum ging, möglichst viele Zombies mit einem Schwert zu töten. Ihre grünen Haare bewegten sich hin und her. Ihre virtuelle Schwertkämpferin mähte die Zombies schneller nieder, als sie wiederauferstehen konnten. Auf ihrer Schulter saß das Kätzchen und ahmte mit seinen Tatzen die Bewegungen der Schwertkämpferin nach, bis es bei einem Salto abrutschte und sie ihm wieder hoch helfen musste.
Airi hatte mich, kurz nachdem wir nach ihr herein gekommen waren, angesprochen, "Ich brauche Geld." Bitte und Danke schienen als Worte im Little Sister Universe nicht zu existieren. Ich hatte ihr ausreichend Münzgeld gegeben. Ich überlegte gerade, ihr anzubieten das Kätzchen zu nehmen, als mich ein etwa vierzigjähriger schlecht rasierter Mann ansprach: "Gehört das Kind zu Ihnen? Ist das Ihre kleine Schwester?" Die Spielhallenaufsicht, die Stimme war barsch und unhöflich. "Das Gerät ist erst ab 16 zugelassen und Tiere sind hier verboten."

Ohne auf meine Antwort zu warten, stapfte der Mann zu Airi und riss sie unsanft vom Automaten weg. Ein schwerer Fehler. Kurz darauf lag er mit dem Schwert an der Kehle auf dem Fußboden. Das Kätzchen saß auf seiner Brust, schlug mit den Tatzen nach ihm und fauchte. Airi drückte ihm die Spitze des Schwertes in die Haut. "Ich bin eine Assassina des Little Sister Universe," sie strich ihre Haare beiseite und starrte den Mann böse an, "willst du sterben? Für wen arbeitest du, arbeitest du für Big Brother Inc.?"

Der Mann wollte aufstehen. "Was soll das?" Das Schwert schnitt leicht in seine Haut, erst jetzt begriff er, dass das Schwert echt war, das sich in seinen Hals bohrte. Er wurde bleich und sah zu mir herüber, ich zuckte nur mit den Schultern.

Airi erhöhte den Druck auf das Schwert noch etwas und das Kätzchen sprang ihm fast ins Gesicht. "Ich habe dich etwas gefragt!"

Er antwortete mit kaum hörbarer Stimme: "Was, was wollt ihr? Ich, ich arbeite für eine Zeitarbeitsfirma."

"Du lügst. Wieso hast du mich dann angegriffen?" Airi vergrößerte den Druck der Schwertspitze weiter.

"Ich, nein, das wollte ich nicht", das Gesicht des Mannes war inzwischen aschfahl geworden, "wollt ihr Geld, das Geld ist im Raum mit der Glastür."

Ein Kätzchen, das ihn mit Krallen attackierte und eine elfjährige Schwertkämpferin waren zu viel für ihn. Er verlor das Bewusstsein. Einige Besucherinnen und Besucher der Arcade, die dies zufällig mitbekamen, hielten das alles wohl für einen Cosplay-Werbegag (5), sie beachteten es nicht weiter. Airi mit Schwert sah tatsächlich aus wie eine Mangafigur. Da der Mann sich nicht mehr rührte, verloren Airi und das Kätzchen das Interesse, Airi ließ das Schwert verschwinden und wandte sich wieder dem Töten von Zombies zu. Zum Glück brach Nia in diesem Moment einen weiteren High Score, die laute Ansage lenkte die Blicke ab. Ich zog den Mann in eine Ecke hinter einen der Automaten und lehnte ihn an eine Wand. Niemand beachtete dies. Trotzdem hatte ich ein Gefühl, als würden mich ausdruckslose Augen beobachten. Ich sah aber niemanden. Ich schob das Gefühl beiseite, wahrscheinlich war dies nur meine eigene Unsicherheit, die ich fühlte.

Airi sah zu dem bewusstlosem Mann herüber: "Das ist sicher ein Agent, ich werde ihn auslöschen."

Ich schüttelte den Kopf: "Nein, der Mann arbeitet hier nur als Hallenaufsicht."

"Woher willst du das wissen?" Sie betrachtete den Mann misstrauisch. "Wieso hat er uns dann angegriffen?"

"Als Aufsicht muss er dafür sorgen, dass Kinder nicht an Geräten spielen, die nur für Jugendliche und Erwachsene zugelassen sind und an dem Gerät, an dem du spielst, dürfen nur Jugendliche über sechzehn Jahren spielen. Er wollte nur, dass ihr nicht weiter diesen Automaten benutzt."

Sie sah nun auch mich böse an: "Du redest wie eine große Schwester." Ihr Blick ließ keinen Zweifel daran, was sie davon hielt. Dann wandte sie sich wieder dem Automaten zu und tötete eine weitere Gruppe Zombies.

Yumi hatte von all dem zum Glück nichts mitbekommen. Nachdem sie eine Weile alle Spiele verloren hatte, hatte sie genug und die beiden kamen zu uns herüber. Die dunkle Aura um sie herum lichtete sich etwas. "Lasst uns einige Fotos zusammen machen." Sie zeigte auf die mit einem Vorhang abgetrennte Kabine des Fotoautomaten, der nicht weit von uns stand.

Nia war sofort hellauf begeistert. "Darf ich dann ein Foto behalten?"

Yumi nickte: "Dafür sind sie da." Nia strahlte sie an. Airi langweilten die Zombies inzwischen auch. Nia untersuchte zusammen mit ihr und dem Kätzchen neugierig den Fotoautomaten, erforschte die Kabine, drückte auf die Knöpfe und wartete darauf, dass etwas passierte.

Yumi hatte sich langsam an Nias Verhalten gewöhnt. "Du musst zuerst Geld hineinwerfen."

"Ach so." Nia ließ den Kopf hängen.

Yumi starrte sie an, folgte ihr dann in die Kabine und drückte Nia einige Münzen in die Hand: "Hier." Sie griff meinen Arm und zwang auch mich, mit hineinzukommen. "Willst du nicht mit auf das Foto?" Langsam wurde es voll. Airi hüpfte auf und ab, um besser sehen zu können. Das Kätzchen kletterte auf Nias Schulter. Dann warf Nia die Münzen ein. Beim ersten Blitz schreckte sie so zusammen, dass wir beinahe alle übereinander purzelten und uns aneinander festhalten mussten. Beim zweiten Blitz hatte Yumi den Katzenschwanz im Mund. Ich spürte Nias aufgeregtes Atmen und ihren Arm an meiner Seite, kurz sahen wir uns in die Augen. Sie sah glücklich aus. Zum Schluss hatten wir eine ganze Serie von Fotos. Ich finde, ich sehe auf Fotos immer anders aus, als in der Realität. Aber Nia war begeistert.

Sie betrachte zwei der Fotos, auf denen wir alle abgebildet waren, mit großen Augen. "Darf ich die behalten?"

"Bitte." Yumi schenkte sie ihr. Ich erhielt von ihr auch ein Foto. "Da, das ist für dich." Nia hatte sich auf dem Foto soweit vorgebeugt, dass ihre Nasenspitze fast aus dem Foto ragte.

Ich betrachtete noch das Foto, als Airi und Nia schon das nächste Interessante entdeckt hatten. Unweit stand ein Kranspielautomat. Airi lief gleich hin und drückte ihre Nase gegen die Scheibe und das Kätzchen tatzte gegen das Plexiglas und versuchte hilflos, die Plüschtiere zu fangen. Eine schwarze Plüschratte schien es ihm besonders angetan zu haben. Nia betrachtete ebenfalls mit großen Augen die Plüschtiere. Yumi folgte den beiden. Kurz hatte ich wieder den Eindruck, dass wir beobachtet wurden, doch außer den anderen Spielenden in der Halle sah ich niemanden. Ich dachte an die Bibliothekarin und überlegte, dass es vielleicht sinnvoll sein konnte, mich genauer in der Arcade umzusehen. Doch bevor ich dazu kam, stand plötzlich Nia vor mir, ihre großen Augen blickten mich strahlend an. Sie griff mich bei der Hand und zog mich auch zum Kranspielautomaten. "Du musst auch mitmachen."

Yumi hatte bereits mehrere Münzen eingeworfen. Sie wandte sich zu Airi. "Ich werde die Ratte für das Kätzchen herausholen." Sie wollte offensichtlich ihre Schlappe, die sie bei den Spielen gegen Nia erlitten hatte, ausgleichen.

Airi blickte sie an. "Deshalb werde ich dich trotzdem nicht verschonen, falls du für die großen Schwestern arbeitest." Doch Yumi überhörte das.

Aber auch in drei Versuchen schaffte sie es nicht, die Ratte zu greifen. "Die Ratte hängt fest, das wird wohl nichts."

Nia hatte das Ganze aufmerksam beobachtet, sie blickte Yumi bittend an: "Darf ich das auch einmal probieren?"

"Natürlich", die Antwort von Yumi klang etwas gezwungen, "ohne Übung hast du aber so gut wie keine Chance." Den letzten Teil ihrer Antwort schien sie dabei mehr an sich selbst zu richten, um sich zu überzeugen, dass Nia keine Chance hatte, sie auch an diesem Automaten zu schlagen.

Nur mit Mühe gelang es ihr, einen unbeteiligten Gesichtsausdruck zu wahren, als Nia im ersten Versuch die Ratte herausholte und Airi überreichte. Im zweiten Versuch schaffte es Nia einen kleinen Panda zu greifen. Sie gab ihn mit leicht unsicherem Blick mir. "Der ist für dich"

"Danke."

Yumis Gesicht wurde immer eisiger. Beim dritten Versuch landete ein Frosch im Ausgabefach. "Danke, dass du mich eingeladen hast", Nia drückte ihn Yumi in die Hand, "oder soll ich für dich noch ein anderes Tier herausholen?"

Yumi kniff die Lippen zusammen. "Nein", ihre Stimme klang beinahe tonlos, "danke." Sie betrachtete den Frosch mit starrem Blick.

Aber Nia bemerkte Yumis Tonfall gar nicht. Ihr Blick hing an einer kleinen, zerzausten schwarzgrünen Fledermaus, das Plüschtier hatte sie ganz in seinen Bann gezogen und doch wollte sie die Fledermaus offensichtlich auf keinen Fall selbst herausgreifen, obwohl noch ein weiteres Spiel bezahlt war.

"Darf ich das auch probieren?" Ich war entschlossen, für Nia die Fledermaus herauszuholen.

Nia trat zur Seite und ließ mich an den Apparat. "Bitte."

Tatsächlich bekam ich die Fledermaus zu fassen, Nias Augen leuchteten auf. Trotzdem war ich leider nicht erfolgreich, kurz bevor ich den Ausgabeschacht erreicht hatte, fiel die Fledermaus herunter. Der Ausdruck auf Nias Gesicht verblasste, obwohl sie sich alle Mühe gab, sich die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, sie senkte den Blick zu Boden. Außerdem hatten wir kein Kleingeld mehr und irgendwann würde die Hallenaufsicht auch wieder zu sich kommen. Es wurde Zeit, aufzubrechen. Nias Augen hingen immer noch an der schwarzgrünen Fledermaus. Ich hatte kurz den Eindruck, dass ihre Augen wieder leicht feucht wurden und ich war schuld.

Bevor ich weiter darüber nachsinnen konnte, tippte Yumi mir auf die Schulter. Sie wies mit dem Kopf auf eine Gruppe junger Männer, die sich uns näherte. "Das sieht nach Ärger aus. Die wollen zu uns."

Die Männer wirkten auf den ersten Blick, als hätten sie zu viel getrunken. Sie wankten auf uns zu. Ich spürte einen schalen Geschmack im Mund; wieso glaubten Männer, nur weil eine Gruppe von Frauen keine männliche Begleitung dabei hat, das Recht zu haben, die Frauen dumm vollzuquatschen, ohne auch nur im geringsten auf die Reaktionen der Frauen zu achten? Zum Glück passierte mir das nicht allzu häufig. Trotzdem, auch ich kannte Situationen, in denen Männer aggressiv reagiert hatten, nur weil ich sie kurz und knapp abgewiesen hatte. Ich spürte meine eigene Aggressivität ansteigen und auch Yumis Blick verhieß nichts Gutes. Ich kannte diesen Blick. Sie war scheinbar immer noch wütend, weil sie gegen Nia in allen Spielen verloren hatte und schien dies für eine gute Gelegenheit zu halten, ihre Wut abzureagieren. Ich fand es erstaunlich, dass die Gruppe, die sich uns näherte, dies nicht bemerkte. Ich spürte Wut, nur irgendetwas stimmte wirklich nicht, Yumi hatte Recht. Sie waren scheinbar nicht nur betrunken, der Speichel, der aus ihrem Mund lief und die Geräusche, die sie machten, erinnerten eher an Zombies. Dass sie unsere abweisende Haltung ignorierten, musste wohl leider als normal bezeichnet werden, aber diese Gruppe wirkte völlig unwirklich. Außerdem schienen sie auf unerklärliche Weise, wie aus dem Nichts, immer zahlreicher zu werden.

Yumi lächelte und trat dem ersten der Männer, der uns erreichte, kräftig in den Unterleib. Er sackte zusammen, doch die anderen stiegen einfach über ihn hinweg. Yumi, die etwas vor uns stand, verdrehte einem weiteren den Arm, sie sah sich zu mir um, "Was ist mit denen los?", doch sie schien dies zu genießen.

Ich nahm ein Pappschild und drosch es dem mir am nächsten stehenden Speichelproduzenten über den Kopf. Mit einem lauten Plopp platzte er, nur um gleich darauf etwas abseits wieder aus dem Nichts zu entstehen. Dabei verbreitete sich ein übelriechender Geruch nach faulen Eiern. "Was passiert hier?"

Airi, die ihr Schwert gezogen hatte, blickte kurz zu uns herüber. "Das sind keine Menschen, nur leere Hüllen." Dann schwang sie ihr Schwert und zerteilte die Angreifer, die ihr nahe kamen. Die Katze saß wieder auf ihrer Schulter. Doch jedes Mal, wenn sie eine der Hüllen zerteilt hatte, zerfloss die Gestalt und aus der Flüssigkeit bildeten sich mehrere neue Angreifer. Sie vervielfachten sich, ihre Anzahl nahm immer weiter zu.

Nia stand nicht weit von mir mit dem Rücken zur Wand. Erstarrt blickte sie auf die sabbernden Gestalten, die mit ihren ausgestreckten Armen nach uns griffen. Ich hörte leise ihre Stimme: "Big Brother Inc."

Airi arbeitete sich, unterstützt von ihrem Kätzchen, das die Angreifer anfauchte, durch die Hüllen, wie vorher am Automaten durch die Zombies. Yumi hatte sich eine Art Bowlingkugel gegriffen und nutzte sie, um die männlichen Hüllen auf Abstand zu halten. Sie schlug nach allen Weichteilen. Die Wirkung hielt aber nur kurz an und die Arme der Hüllen wurden auf einmal immer länger, wie lebende Schlingpflanzen schlängelten sie sich über den Boden und griffen mit ihren schwitzigen Händen nach uns. Mit einer Schwertattacke trennte Airi sie ab, sie zerflossen, wie vorher die Leiber. Langfristig führten aber alle unsere Anstrengungen nicht weiter und ich begann mich zu fragen, wie lange wir dies durchhalten würden. Mir wurde übel bei dem Gedanken, dass sie uns überwältigen könnten, und ich schlug noch heftiger zu. Was würden sie mit uns tun? Was konnten wir tun?

Das normale Spielhallenpublikum stand inzwischen größtenteils um uns herum, sie hielten das Ganze offensichtlich für eine Fortsetzung des Cosplay-Events. Bei in ihren Augen besonders gelungenen Schwertstreichen erhielt Airi Szenenapplaus. Sie betrachteten dies als Unterhaltung, Unterstützung war hier nicht zu erwarten. Nachdem das Pappschild nach dem elften Plopp zerbrach, wollte ich mit den Einzelteilen weiterkämpfen, doch Nia hielt mich auf einmal mit leiser Stimme zurück: "Das ist meine Aufgabe." Ich hatte sie im Kampf kurz aus den Augen verloren, ihr Blick wirkte vollkommen leer, als sie mich ansah. "Es tut mir leid." Sie hatte bereits vorher blass ausgesehen, aber nun war sie so bleich, als sei sie aus Wachs. Ich begriff nicht, was sie damit meinte, aber ich verspürte Furcht.

Noch bevor ich irgendetwas erwidern konnte, blendete mich ein heller, weißer Blitz und ließ mich kurz die Augen schließen, dann war alles vorbei. Die Hüllen waren verschwunden. Der Blitz war von Nia ausgegangen. Airi ließ das Schwert sinken. Die um uns herumstehenden Spielhallenbesucher klatschten Beifall und gingen zurück zu ihren Spielautomaten. Yumi sah mich an. "Was war das?"

"Das?" Mir fiel nicht ein, was ich sagen sollte, ich zögerte kurz, dann wandte ich mich zu ihr um, "ich erkläre es dir nachher." Ich wollte unbedingt zuerst mit Nia sprechen, ihr Blick hatte mich tief beunruhigt. Tatsächlich verzichtete Yumi zu meiner Überraschung auf weitere Nachfragen. Sie begriff wohl, dass mir anderes durch den Kopf ging.

Unsicher blickte ich zu Nia, aber sie sah zu Boden. Was war mit ihr? Traurigkeit und eine unsagbare Leere schienen Nia erfasst zu haben. Ihre Augen versanken im Schatten. Ich ging zu ihr. "Was ist?" Nia sagte nichts. Ich streckte meine Hand aus. "Wollen wir nach Hause gehen?" Sie wich meiner Berührung aus und ignorierte meine Hand. Was konnte ich tun? Nia stand nur da und schwieg. Ihr Verhalten machte mir Angst. Ich blickte sie an. "Kann ich irgendetwas tun?"

Sie schwieg immer noch. Plötzlich trat sie auf mich zu, ihre Augen wirkten starr, wie tot, sie wich meinem Blick aus, ihre Stimme zitterte. "Ich muss gehen." Sie schluckte. "Ich bin der Tod, kurzzeitig habe ich tatsächlich geglaubt, ich könnte alles hinter mir lassen. Ich wollte nie wieder meine Fähigkeiten nutzen, nie wieder Gewalt ausüben. Dabei wusste ich wohl die ganze Zeit, dass dies nur ein Traum ist. Doch es war ein schöner Traum." Ihre Stimme brach fast, war leise und tonlos. "Ich hätte wissen müssen, dass es unmöglich ist zu fliehen, und dass es unverantwortlich ist, dich mit hineinzuziehen." Dann schwieg sie, ich wusste nicht, was ich sagen sollte, in meinem Kopf überschlug sich alles. Und noch bevor ich meine Gedanken und Gefühle sortiert hatte, lief Nia auf einmal aus der Arcade hinaus.

"Warte!" Ich lief hinter ihr her, wollte sie aufhalten. Wir standen nun draußen, Nia stand mit dem Rücken zu mir, sie wich mir aus. Ich begriff nicht, was hatte das alles zu bedeuten? Ich flehte sie an: "Bitte!"

"Nein, es tut mir leid." Sie drehte sich, als sie das sagte, nicht einmal zu mir um, und doch hatte ich das Gefühl, Tränen zu sehen, ihre Stimme klang dumpf. Und dann verschwand sie mitten im hellen Tageslicht im Nichts, als hätte sie nie existiert.

Ich schrie, ich schrie ihr hinterher, ich schrie, so laut ich konnte; "Wenn du mich einfach so alleine lässt, bist du nichts als eine Lügnerin, Lügnerin!" Doch dort wo Nia eben noch gestanden hatte, war nur noch Luft. Es kümmerte mich nicht, dass mich die Menschen anstarrten, mir liefen die Tränen herab, es war unwichtig, all das war mit einem Mal egal.

Warum nur? Ich verstand Nia nicht. Sie hatte doch gesagt, dass sie meine Freundin sei. Ich sah auf das Foto, das wir zusammen gemacht hatten, Nia lachte neben mir. Wie konnte das sein? Da war doch noch alles gut. Yumi und Airi waren mir gefolgt. Halb abwesend ließ ich mich von ihnen auf dem Rückweg nach Hause leiten. Das Kätzchen schlummerte wieder im Beutel von Airis Kapuzenpullover. Irgendwo unterwegs verließ Yumi uns, um nach Hause zu gehen. Sie sah mich noch einmal an. "Morgen musst du mir alles erklären." Sie wirkte nachdenklich und, obwohl sie die Hüllen mit bekämpft und Nias Verschwinden mit angesehen hatte, stellte sie keine weiteren Fragen, doch ich nahm das kaum wahr.

Ich wollte allein sein. Kurz nach dem Yumi gegangen war setzte ich mich einfach in eine dunkle Toreinfahrt auf einen Steinvorsprung, niemand war hier, nur die dunkle Stille. Nur Airi war noch bei mir. "Sie hat sich teleportiert," sie sah auf den Boden, dann raffte sie sich auf und zog an meinem Pulli, "Nia ist nicht das, wofür du sie hältst, sie ist ein bioandroidisches System, NI410/2571A, geschaffen von Big Brother Inc., als ultimative Waffe." Sie zögerte kurz. "Sie wurde bereits eingesetzt. Alle im Universum fürchten sie. Ihr Zerstörungspotenzial ist unvorstellbar. Selbst ich könnte sie wahrscheinlich nicht einmal dann vernichten, wenn ich es wollte." Zum ersten Mal seit ich sie kannte wirkte Airi nachdenklich. "Ich glaube, durch den Angriff von Big Brother Inc. und dadurch, dass sie ihre Kraft einsetzen musste, um uns zu verteidigen, ist ihr all das wieder klar geworden. Ich habe auch erst in diesem Moment begriffen, dass sie NI410/2571A ist. Sie ist ein System, das sich selbst weiterentwickelt, eine Massenvernichtungswaffe in Gestalt einer jungen Frau."

Ich begriff auf einmal, wie allein Nia war. "Nia ist Nia, was auch immer sie früher war. Wieso sollte sie über ihr Leben nicht selbst bestimmen können, wenn sie das wirklich will? Wieso willst du ihr das absprechen?" Ich sah wieder Nias Lachen vor mir. Airi schwieg. Nia dachte vermutlich ähnlich wie Airi, aber das war nicht richtig. Ich musste ihr das sagen. Aber wie sollte ich sie erreichen? Sie irrte nun irgendwo umher.

Irgendwann kamen wir zu Hause an, zu Hause? Das Haus kam mir nun kalt und leer vor, als wir es betraten. Airi und das Kätzchen zogen sich zurück auf den Dachboden, sie fragte nicht einmal nach einem Kakao. Nachdem ich eine Weile in der Küche still gesessen hatte, leer, ohne auch nur zu denken, ging ich, als es dunkel wurde, nach draußen, der Nachthimmel war bis auf die wenigen Wolken fast schwarz, klar und kühl. Ich wusste nun, was Nia bedrückte, zumindest ansatzweise, und doch wusste ich nicht, was ich tun sollte. Ich setzte mich auf die Treppenstufen des Eingangs. Ich fror. Ich kam mir macht- und hilflos vor. Irgendwann schlief ich ein.

In meiner Traumwelt lief ich allein über eine Wiese, die Sonne schien, aber immer wieder wurde sie von Wolken verdeckt. Das störte mich nicht. Ich nahm mir vor, glücklich zu sein. Niemand sonst war hier. Ich hatte die Wiese für mich. Ich spielte mit mir selbst Fangen, wie das kleine Kätzchen manchmal tun. Es war mir egal, dass ich allein war, das sagte ich mir immer wieder, und ich redete in Gedanken mit mir selbst, bewies mir, dass ich glücklich war. Ich musste nur daran glauben, dann würde alles gut. Ich ließ mich ins Gras fallen. Die anderen waren mir egal. Sollten sie doch tun, was sie wollten. Ich brauchte sie nicht, als Außerirdische brauchte ich niemanden. Und irgendwann würde ich meine Zwillingsschwester treffen, da war ich mir sicher. Ich schlang meine Arme um mich, irgendwann. Regen fiel, ich freute mich darüber, ich mag Regen, dann lassen mich alle in Ruhe, ich habe dann die Wiese für mich allein. Dann saß ich auf einmal unter einem Baum. Doch die ganze Zeit war da ein Schatten hinter mir, der Schatten einer jungen Frau in meinem Alter. Aber jedes Mal, wenn ich mich umdrehte, war ich allein. Ich spürte einen Stich im Herz und fiel in traumlosen Schlaf.
Eine Berührung ließ mich aufwachen, jemand stand im Dunkel der Nacht direkt neben mir. Ich schrak zusammen.

"Es tut mir leid", Nias Stimme, war sie das, träumte ich immer noch? Ich traute mich nicht, mich zu bewegen, vielleicht würde Nia sich dann einfach wieder in Nichts auflösen. Sie wirkte unsicher, "Ich kann auch wieder gehen. Ich gehe, wenn du das willst."

"Nein!" Ich griff ihren Arm, ich spürte ein leichtes Zittern, kein Traum. Noch halb schlafend wandte ich mich ihr zu, "bitte bleib. Das Haus ist leer ohne dich. Du bist meine Freundin, das hast du gesagt."

Sie setzte sich neben mich auf die kalten Steinstufen. Wir waren beide befangen. Sie sah in die Nacht. Dann fing sie ohne weitere Einleitung an zu reden: "Ich bin eine Massenvernichtungswaffe, Airi hat dir das sicher bereits erzählt. Sie haben mich aus der DNA einer jungen Frau konstruiert, mit all ihrer Technik haben sie daraus ein Kind geschaffen, um aus ihm ihre mächtigste Waffe zu machen, mich." Sie zog ihre Beine an den Körper. "Sie haben mich erzogen, nach ihrem Willen zu funktionieren, in der Überzeugung, ich würde das Gute schützen und die Zukunft. Ich habe ihnen vertraut, sie waren alles, was ich als Kind kannte, und sie haben sich um mich gekümmert. Sie haben mich getröstet bei Kummer und mir zum Geburtstag Geschenke gemacht." Sie krampfte die Arme vor ihrem Bauch zusammen. "Mit sieben Jahren wurde ich das erste Mal eingesetzt. Ein Test, grundlos, wie ich später erfuhr, eine Raumstation mit 1017 Lebensformen, Erwachsenen, Kindern und drei Katzen. Ich wurde beauftragt, die Raumstation zu zerstören. Ich habe meinen Auftrag ausgeführt, schließlich wollte ich sie nicht enttäuschen. Und ich habe ihnen geglaubt, damals." Ihre Lippen zitterten. "Über die Kameras im Zielobjekt konnte ich alles nachvollziehen. Ich habe es als Teil meiner Aufgabe begriffen, den Ablauf der Zerstörung zu überwachen. Ich habe alles gesehen." Nia liefen die Tränen herab.

"Du wusstest doch nichts." Ich spürte, dass sie sich kaum noch halten konnte und umarmte sie vorsichtig, ich wusste nicht, ob ihr das recht war. Zuerst leicht, dann fester, drückte sie sich an mich, ich spürte ihr Zittern.

"Dann bin ich zusammengebrochen." Ihre Stimme war fast nicht mehr zu verstehen, leise und tonlos. "Sie waren danach furchtbar lieb zu mir und haben mich wieder aufgebaut, mich getröstet, mir eingeredet, dass dies notwendig war und richtig. Ich war doch ihr tapferes Mädchen, ihre Liebste, ihre Kleine." Sie blickte ins Schwarz der Nacht. Eine Weile blickten wir zusammen auf den schwarzen Himmel. Dann fuhr sie langsam fort, das Zittern schüttelte jetzt ihren ganzen Körper: "Einige Jahre lang passierte gar nichts. Eine der Wissenschaftlerinnen kümmerte sich nun alleine nur um mich, als wäre ich ihr eigenes Kind. Sie war immer für mich da und hatte Verständnis für alle kleinen Fragen. Und sie hat mich auch getröstet. Ich habe sie geliebt. Und ich dachte, sie liebt mich. Ich bin so dumm, ich vermisse sie immer noch, trotz allem." Tränen liefen ihr herab, "Sie leitete meinen nächsten Einsatz." Nia zitterte immer stärker. "Ich war damals elf, sie redete über eine fürchterliche Bedrohung für das ganze Universum. Auf einem Planeten hätte es sich festgesetzt und nur ich sei in der Lage, es zu bekämpfen. Niemand sonst könne das. Ich sollte eine ganze Stadt auslöschen. Sie fragte mich, ob ich sie lieben würde, dann müsste ich das für sie tun. Sie wüsste, dass dies schwer für mich wäre, aber ich sei jetzt doch schon groß. Und sie würde für mich da sein. Aber sie müsste sich auch auf mich verlassen können. Ich hatte ihr das doch versprochen, ihr zu helfen, falls sie Hilfe brauchte. Ich liebte sie doch.
Jahre später erfuhr ich, dass Aufständische auf dem Planeten, die von Big Brother Inc. unterstützte Regierung gestürzt hatten und die Führung des Konzerns ein Exempel statuieren wollte." Nia versagte die Sprache, sie sackte weg, ich hielt sie fest. Ihr Körper zuckte unter Schluchzern. Irgendwann hörte es auf. Sie sah zu mir auf, ihren Kopf auf meinem Schoß. "Ich habe getan, was sie gesagt hat. Und dann habe ich die Kontrolle verloren, all das Blut, die Schreie, die Stille, ich konnte nicht mehr aufhören. Ich habe erst gestoppt, nachdem der ganze Planet zerstört war, in Nichts aufgelöst. Ich bin ein Monster, eine Mörderin. Sag ruhig, dass du mich verachtest. Du darfst es ruhig aussprechen, ich weiß es sowieso."

"Nein", ich umarmte sie, auch meine Augen waren inzwischen feucht, "das stimmt nicht. Du bist meine Freundin. Und ich hoffe, das wirst du immer sein. Du hast damals getan, was du für richtig hieltest, woher solltest du wissen, dass es falsch war? Heute würdest du es nicht wieder tun."

"Glaubst du, das hilft denjenigen, die gestorben sind?" Ihre Stimme zitterte kalt, "Das macht niemanden wieder lebendig."

"Ich weiß nicht, ob dir diejenigen verzeihen können, deren Liebste tot sind, aber mir gegenüber trägst du keine Schuld", ich zog sie hoch, wir atmeten die kühle Nachtluft ein und aus, "ich liebe dich."

Sie zitterte immer noch, eine Weile hielt ich sie einfach fest umarmt, dann erwiderte sie unsicher meine Umarmung und fuhr mit leiser Stimme fort: "Wieder hatte ich einen Zusammenbruch. Ich verlor einen Teil meiner Erinnerung. Ich brauchte einige Jahre, um mich zu stabilisieren. Doch danach wuchsen meine Fähigkeiten wieder. Bald konnte ich, ohne dass sie es bemerkten, alle ihre Sperren durchbrechen. Alle Daten, all ihre Geheimnisse, all ihre Lügen waren für mich auf einmal zugänglich. Ich kam mir so widerlich und so schmutzig vor. Ich war nahe daran, mich selbst und sie alle zu töten. Zuerst wollte ich meine Ziehmutter töten und doch konnte ich das nicht", sie schluckte, "und du hast mich davon abgehalten, mich selbst zu vernichten, ABBSD, dein Forum." Unsicher wich ihr Blick meinem aus. "Wenn ich einmal anfange zu töten, weiß ich nicht, ob es mich überwältigt, ob ich nicht die Kontrolle verliere. Deshalb hatte ich mir geschworen, meine Kräfte nie wieder einzusetzen."

Ich drückte sie an mich. "Und doch hast du die Hüllen zerstört, um uns zu helfen."

"Ich konnte doch nicht nur zusehen, ich habe dich doch erst in Gefahr gebracht", sie schluchzte, "und doch ist das auch der Grund, weshalb ich gehen sollte. Ich bin eine Bedrohung für dich, für alle und für diese Welt. Aber ich bin deine Freundin, ich bin keine Lügnerin." Sie hatte mich also doch noch gehört. Sie sah mich an. "Ich sollte gehen, aber ich will dich auch nicht allein lassen. Ich weiß nicht, was ich tun soll? Was soll ich tun?"

"Bitte bleib." Ich drückte sie fest an mich. "Ich will, dass du bleibst. Du bist nicht die, die du warst, du bist die, die du bist. Und du kannst die sein, die du sein willst."

Kapitelübersicht




Kapitel 4 - Wenn du die Tür schließt, wird die Nacht für immer währen


Nia hatte bei mir im Zimmer auf dem Futon übernachtet. Als ich aufwachte, schlief sie noch. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig, sie hatte sich ganz in die Decke gekuschelt, nur ihre Nasenspitze lugte hervor. Wir konnten uns gestern nicht trennen, nach allem, was passiert war, und hatten bis tief in die Nacht geredet. Ich hätte unmöglich einschlafen können, ohne sie in der Nähe zu wissen, ohne mich versichern zu können, dass sie da war. Ich spürte immer noch die Verzweiflung, die mich erfasst hatte, als Nia gestern verschwunden war und mich allein zurückgelassen hatte. Ihr Gesicht wirkte im Schlaf entspannt, nur ihr Mundwinkel zuckte ab und an. Das sah lustig aus.
Leise stand ich auf und schlich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer um sie nicht zu wecken. Nachdem ich mich im Bad frisch gemacht hatte ging ich nach unten.

Die Sonne schien durch die Fenster und trotzdem war es noch angenehm kühl. Ich freute mich auf einen freien Tag, ich wollte mir einen Kaffee kochen und den Tag ruhig angehen lassen. Doch inzwischen hätte ich wissen müssen, dass solche Tage an diesem Ort meist nicht das hielten, was sie auf den ersten Blick zu versprechen schienen. Ich hatte gerade die erste Treppenstufe erreicht, als mich eine sehr junge, aber kühl klingende Stimme anfuhr:

"Wer bist du denn? Was willst du hier?"

Auf der Treppe saßen zwei etwa 11- bis 12-jährige Mädchen mit Haaren, die ähnlich wenig frisiert waren wie die von Airi, ihre Kleidung war zerschlissen und sie blickten mich herausfordernd an.

"Ich lebe hier, das ist das Haus meiner Tante." Ich überlegte einen Augenblick, ob ich vielleicht noch schlief und dies ein absurder Traum war. "Was macht ihr hier?"

Eines der beiden Mädchen, das schwarze Haare hatte, drehte sich zum Treppengeländer und brüllte: "Airi, hier ist eine, die behauptet, hier zu leben, sollen wir sie liquidieren?"

Der grüne Haarschopf von Aiiri wurde sichtbar. "Nein, das ist Rin, die lebt wirklich hier." Dann verschwand ihr Kopf wieder.

"Ach so," das schwarzhaarige Mädchen zuckte mit den Schultern und ließ mich durch.

Unten im Haus saßen und liefen noch mehr 11- bis 12-jährige Mädchen umher, die mich kurz misstrauisch betrachteten und dann ignorierten. Sie waren alle ähnlich locker gekleidet wie Airi und die Mädchen auf dem Treppenabsatz. Eine Gruppe saß vor dem Bildschirm im Esszimmer und spielte irgendein Computerspiel, Rating ab 18, eins der Mädchen streichelte eine zahme Ratte, die auf ihrer Schulter saß. Eine andere Gruppe plünderte in der Küche den Kühlschrank.

Zwei Mädchen liefen an mir vorbei. "Aus dem Weg!"

Airi hatte sich, nachdem sie kurz zu den Mädchen auf der Treppe hochgerufen hatte, in die Küche gesetzt und aß Schokolade. Sie grüßte mich. "Morgen."

"Guten Morgen." Ich begriff immer noch nicht, was hier passierte. "Was sind das für Mädchen?"

"Die AGF." Airi ignorierte meinen überraschten Tonfall vollkommen, sie hielt dieses Wissen scheinbar für selbstverständlich.

Mir war der Schriftzug, den einige der Mädchen auf T-Shirts oder Kapuzenpullovern trugen, und den ich bereits von Airis T-Shirt kannte, bereits aufgefallen. Die Buchstaben AGF in einem fünfzackigen Pentagramm, das A mit einem Kreis drumherum, alles in schwarz und dahinter in Dunkelgrün eine attackierende Ratte. Zumindest sah es für mich aus wie ein Ratte.

Airi bemerkte meinen fragenden Blick und ließ sich nun doch zu einer Erklärung herab: "Die AGF ist die 'Anarchist Girls Fraction', sie sind unsere Verbündeten hier auf der Erde."

Mit uns war offensichtlich das Little Sister Universe gemeint. Erneut fragte ich mich, ob ich noch schlief. Doch auch nachdem ich mir etwas kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt hatte änderte sich nichts. Airi schien dies alles völlig normal zu finden. Ich ging zur Kaffeemaschine und setzte einen Kaffee auf.

"Und was machen die hier?"

"Ich dachte, ihr könntet Hilfe gebrauchen, nach dem, was gestern passiert ist", offensichtlich in der Erwartung von Dankbarkeit blickte Airi mich an, "deshalb habe ich sie eingeladen."

"Hilfe?"

"Sie können uns helfen, uns gegen Big Brother Inc. zu verteidigen." Ungeduld klang jetzt in Airis Stimme mit. "Sind alle Menschen, sobald sie älter werden, so schwer von Begriff?"

Bevor mir eine sinnvolle Antwort einfiel, stand plötzlich eins der AGF-Mitglieder neben mir. Es zog an meiner Kleidung und zeigte auf den Kühlschrank. "Der ist leer!"

"Und?"

"Du musst einkaufen gehen!"

"Muss ich?"

"Ja, aber nicht so viel Gemüse."

Kurz spürte ich das Bedürfnis, mich wieder ins Bett zu legen, einzuschlafen und darauf zu hoffen, dass ich danach aufwachen würde und dies alles doch nur ein Traum wäre. Doch auch nach dem ersten Kaffee änderte sich nichts an der Situation.
Ich sah mich im Haus um.

Zwei Mädchen der AGF hatten inzwischen den Flur in eine Kegelbahn verwandelt, sie benutzten einen Kohlkopf und alte Flaschen als improvisierte Kegel. Als sie mich sahen, hielt mir die eine den Kohlkopf hin: "Willst du mitspielen?" Ich schüttelte nur den Kopf. Auf dem Treppenabsatz diskutierte eine Gruppe von drei Mädchen darüber, ob es möglich sei, den Kronleuchter im Treppenhaus zu nutzen, um sich durch die Luft zu schwingen. Die zahme Ratte war gerade dabei, einige Schuhe anzuknabbern. Das Mädchen, das sie vorhin gestreichelt hatte, beobachtete sie interessiert dabei und winkte mir zu.
Irgendwie musste ich Airi überzeugen, dass es besser war, wenn die AGF das Haus verließ, nur wie? Dies war schließlich nicht mein Haus, sondern das meiner Tante.

Zum Glück kam mir eine Idee. Zurück in der Küche wandte ich mich ihr leise flüsternd zu: "Sollten wir die Existenz der AGF nicht besser geheim halten? Wäre es nicht sinnvoller, sie als geheimes Faustpfand in der Rückhand zu behalten und erst im letzten Moment zu rufen, um Big Brother Inc. zu überraschen?"

Airi streichelte das Kätzchen, das sie sich auf den Schoß gesetzt hatte, und dachte kurz nach, dann stimmte sie mir zu. "Du hast Recht. Ich werde der AGF sagen, dass sie sich zurückziehen sollen", erleichtert atmete ich auf, doch Airi hatte ihren Satz noch nicht beendet: "... aber zuerst muss ich mit den anderen das Computerspiel zu Ende spielen." Mit diesen Worten gab sie mir das Kätzchen, verließ die Küche und ging ins Esszimmer zu der Gruppe, die mit dem Computerspiel beschäftigt war.

Ich blieb allein zurück. Ich setzte die Katze auf die Erde, die sich unweit in einer Ecke streckte und einrollte. Zum ersten Mal an diesem Morgen hatte ich meine Ruhe. Ich dachte zurück an den gestrigen Tag und ich dachte über Nia nach. Dachte sie noch an gestern? Wie ging es ihr wohl?
Gerade überlegte ich, dass sie sicher auch bald aufstehen würde, als sie die Treppe herunterkam. Wir sahen uns unsicher an, dann blickten wir beide zur Seite. Obwohl wir uns in der Nacht noch lange unterhalten hatten, wussten wir noch immer nicht wirklich viel übereinander. Wie gut kannten wir uns tatsächlich?

Ich holte noch einen Becher für sie aus dem Küchenschrank. Sie wollte gerade vom Flur in die Küche kommen, als sie von einer Horde Mädchen umringt wurde. "Airi hat gesagt, du bist die beste Gamerin, die sie kennt. Du musst uns helfen." Sie wurde von ihnen mitgezogen, ohne dass sie nochmal gefragt wurde. Kurz sah ich noch ihren überraschten Gesichtsausdruck, dann war sie bereits im Esszimmer verschwunden. Sollte ich ihr folgen? Doch ich war froh, dass ich nicht mitspielen musste. Und Nia machte das Spielen im Gegensatz zu mir Spaß. Ich entschied mich, in der Küche zu warten.

Ich sah aus dem Fenster auf die Wolken und trank noch einen Kaffee. Gerade wollte ich mir Milch aus dem Kühlschrank holen, als eins der Mädchen der AGF in die Küche kam. Sie musterte mich fast eine Minute lang, bevor sie mich ansprach: "Du hast früher das Forum 'ABBSD - All Big Brothers Shall Die' betrieben?"

"Ja."

"Große Brüder sind widerlich. Diejenigen, die keine großen Brüder haben, begreifen das nie."

Ich seufzte. "Das stimmt."

"Als ich 'ABBSD' entdeckt habe, hatte ich das erste Mal den Eindruck, ich bin nicht allein." Sie sah mich ernst an.

"Das war ein Grund für die Einrichtung des Forums. Alle sagen dir immer, du musst doch mit deinen Geschwistern auskommen. Nur weil du verwandt bist mit ihnen. Ich habe andere gesucht, die das auch für Unsinn halten."

"Wieso hast du es eingestellt?"

"Ich hatte im Laufe der Jahre alles geschrieben, was mich betraf, irgendwann hat sich alles nur noch wie eine Wiederholung angefühlt und da war keine, die das Forum an meiner Stelle weiterführen wollte. Das war allen zu viel Arbeit." Ich sah wieder aus dem Fenster auf die Wolken am Himmel. "Außerdem fand ich es irgendwann einfach immer sinnloser, mich an großen Brüdern abzuarbeiten, ich hatte keine Lust mehr dazu."

Das Mädchen blickte mich an. "Bist du nicht mehr wütend?"

"Nein, im Laufe der Zeit ist mir klar geworden, dass ich ihnen mit meinem Verletztheit und meiner Wut nur einen Gefallen tue. Sie tun das alles, um dich zum Weinen zu bringen, um deinen Schmerz zu sehen, deine Wut, dein Hass ist ihr Triumph. Das Schlimmste, was du ihnen antun kannst, ist, sie zu ignorieren." Ich trank einen Schluck Kaffee. "Als ich dies begriffen habe, wurde das Forum für mich überflüssig."

"Schade, das Forum war cool." Sie drehte sich um und lief hinüber zu den anderen, kurz blickte sie mich noch einmal über die Schulter an. "Wir gehen jetzt."

Kurz darauf waren alle Mitglieder der AGF verschwunden. Airi spielte noch eine Weile alleine weiter. Das Kätzchen schlief in einer schattigen Ecke der Küche. Als Nia in die Küche kam, schaute es nur kurz hoch und rollte sich dann wieder ein. Nia blickte unsicher an mir vorbei. Wie nahe waren wir uns wirklich?

"Guten Morgen."

"Hallo." Sie versuchte zu lächeln.

"Wie geht es dir?"

"Als ich aufgewacht bin, war ich froh, dass ich hier bin." Sie schwieg kurz, bevor sie mit gesenktem Blick fortfuhr: "Aber ich kann die Furcht nicht vergessen, dass sie dir etwas antun könnten. Und ich bin schuld."

"Du bist nicht schuld." Ich berührte ihre Hand. "Dich träfe keine Schuld, wenn mir etwas passieren würde. Schuld sind einzig und allein die Täter und Täterinnen."

"Du bist nur in Gefahr, weil ich hier bin."

Ich schüttelte den Kopf. "Du bedrohst mich nicht. Fall nicht auf ihre Lügen herein. Große Brüder sind gut darin, ihre Verantwortung auf andere abzuschieben. Sie erzählen dir, du wärst schuld, dass sie dich hätten schlagen müssen, du hättest sie zur Gewalt gezwungen, weil du ihnen widersprochen hast, oder dein Ungehorsam sie dazu gezwungen hätte. Glaub das nicht."

Nia zitterte leicht. "Ich weiß nicht, ob ich dazu im Stand wäre, falls dir etwas passieren sollte."

"Glaubst du, du kannst ihnen trauen? Erpresser sind grundsätzlich unglaubwürdig, sonst wären sie keine Erpresser. Es ist Dummheit, Lügnern zu vertrauen. Wer sagt dir, dass Big Brother Inc. nicht trotzdem versuchen würde, mich zu töten, selbst wenn du dich ihnen auslieferst, nur um dich zu verletzen oder einfach grundlos." Ich schüttelte den Kopf. "Du kannst ihnen nicht trauen und deshalb ist alles, was sie sagen, nichts. Ihre Worte sind weniger als die Luft, in der sie widerhallen, und gleichzeitig Gift. Lass dich von ihnen nicht beeinflussen."

"Ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich fühle mich so unzureichend."

"Nein," ich stand auf und trat auf sie zu, "das bist du nicht. Ich bin glücklich, dass du hier bist. Aber falls ich dir zu viel bin, dann sag das und ich - ich ziehe mich zurück."

Schüchtern blickte Nia mir in die Augen. "Nein, nein du bist nicht zu viel. Ich bin diejenige, die das sagen sollte. Was tue ich schon, außer dass ich dich in Gefahr bringe?"

"Du akzeptierst mich, wie ich bin. Du versuchst nicht, mich umzuerziehen. Und", ich spürte meinen Puls bis zum Hals. "Du bist meine Freundin. Das hast du zumindest gesagt."

"Wir sind Freundinnen. Und, du musst keine Angst haben, dass ich noch einmal plötzlich verschwinde." Nia drückte mich plötzlich an sich. "Das wird nicht passieren. Ich lüge nicht."

Ich zitterte unsicher, wenn mir Menschen körperlich zu nahe kommen, habe ich Angst, verletzt zu werden, ich warte darauf, dass sich alles als Betrug herausstellt, ich warte darauf, weggestoßen zu werden, doch Nia stieß mich nicht weg. Da klingelte das Telefon, ich löste mich aus Nias Umarmung und nahm den Hörer ab.

"Hallo."

"Hallo Rin, hier ist Yumi."

"Ja?" Ich atmete tief durch um umzuschalten, Nia sah mich immer noch an.

"Du wolltest mir noch etwas erklären", Yumis Stimme klang kühl und sachlich.

"Hm", ich zögerte, "das ist kompliziert."

"Und?" Yumi klang nun etwas ungeduldig, "falls ich etwas nicht verstehe, frage ich nach."

"Nia ist eine Außerirdische." Ich platzte einfach damit heraus. Am anderen Ende der Leitung blieb es still.

Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, räusperte sich Yumi. "Nia ist eine Außerirdische, so etwas in der Art hatte ich mir schon gedacht, und weiter? Was sind die anderen, auch Außerirdische?"

"Agenten von Big Brother Inc., einem Konzern, der große Teile des Universums beherrscht."

"Ach so." Yumi schien völlig unbeeindruckt. "Und die Kleine mit dem Schwert? Ist sie wirklich Nias Cousine?"

"Airi, nein, sie ist eine Assassina des Little Sister Universe, der Feinde von Big Brother Inc." Die Ruhe, mit der Yumi auf alles reagierte, machte mich unruhig. Glaubte sie mir nicht? Nia saß mir gegenüber und versuchte, mir mit den Augen Mut zu machen.

Doch für Yumi schienen Außerirdische nicht wirklich etwas Ungewöhnliches zu sein. Ihre Stimme klang normal und ruhig als sie antwortete. "Das ist dann ein Grund mehr, dass ich mich um Nia kümmere. Du bist wohl kaum die Richtige, um ihr die irdische Lebensweise nahe zu bringen."

Ich konnte nicht mehr an mich halten. "Bist du gar nicht überrascht?"

"Nein, nicht wirklich, schließlich hast du mir Nia und Airi vorgestellt. Und natürlich habe ich bemerkt, dass du mir bei unserem ersten Treffen nicht die Wahrheit gesagt hast." Yumis Stimme klang immer noch völlig ruhig. Über das Bild, das Yumi von mir hatte, hatte ich mir noch nie wirklich Gedanken gemacht. Meine Furcht vor diesem Gespräch über Nia mit Yumi war vollkommen unbegründet gewesen. Bevor ich irgendetwas antworten konnte, redete Yumi bereits weiter: "Ich wollte Nia übrigens vorschlagen, heute am frühen Abend zusammen Karaoke auszuprobieren. Ich lade sie ein. Kannst du sie fragen?" Yumi machte eine kurze Pause, dann ergänzte sie: "Falls du mitkommen willst, kannst du das natürlich und die Kleine auch."

Ich sah zu Nia. "Yumi schlägt vor, heute Abend zum Karaoke zu gehen, hast du Lust?"

"Was ist das?"

"Beim Karaoke singst du bekannte Musiktitel anstelle der Musikerinnen und Musiker, die sie sonst singen. Dafür mietest du in einem Karaoke-Café einen Raum mit Musikanlage, die die Hintergrundmusik spielt, zu der du dann selbst am Mikrofon singst." Ich fügte leise hinzu: "Ich kann aber nicht gut singen."

"Ich würde dich sehr gerne singen hören." Nia sah mich wieder mit ihren großen Augen an.

Ich kann wirklich nicht singen, aber ich gab mich geschlagen und wandte mich wieder an Yumi, die am Telefon mitgehört hatte. "Nia sagt, dass sie Lust hat. Und ich denke, Airi wird auch mitkommen wollen."

"Gut", Yumi blieb kühl und beherrscht, "dann komme ich um 16.30 Uhr bei Euch vorbei. Ihr könnt auch selbst ausgesuchte Lieder mitbringen. In dem Karaoke-Café können wir sowohl vorprogrammierte als auch eigene Musik nutzen. Bezahlen müssen wir nur die Nutzungsdauer. Ich bin dafür, dass jede von uns ein eigenes Lied mitbringt."

Nia war von der Idee begeistert und ich stimmte Yumi zu. Damit war alles geklärt. Als Airi davon hörte, wollte sie natürlich auch mitkommen, sie wusste auch gleich, was sie sich aussuchen würde. Ich musste auch nur kurz überlegen, um mich zu entscheiden. Zum Glück fand ich die Musikstücke als Karaoke-Vorlage im Internet. Sie herunterzuladen war einfach. Nia suchte kurz und fand dann ebenfalls ein Stück, das sie singen wollte.
Bis 16.30 Uhr war noch viel Zeit. Doch ich hatte zwischendurch noch ein Philosophieseminar an der Universität. Nia wollte mich begleiten. Airi zog sich vor den Computer zurück, sie wollte das Spiel zu Ende spielen. Sie hatte bislang nicht alle Level geschafft.

Auf dem Weg zur Universität blieb Nia plötzlich stehen, sie wirkte sehr ernst. "Ich wollte dich etwas fragen."

"Was ist? Du kannst alles fragen!"

Nia zögerte einen Augenblick, sie sah an mir vorbei. "Was würdest du tun, wenn ich die Kontrolle über mich verliere?" Sie schien bewusst Abstand zu mir zu halten. Ihre Schultern wirkten in diesem Augenblick ganz schmal, sie fuhr leise fort: "Falls ich meine Fähigkeiten einsetzen muss und in einer Gefahrensituation immer größere Kräfte anwende, könnte es passieren, dass ich mich darin verliere, nicht mehr weiß, was ich tue und alles um mich herum zerstöre. Ich habe Angst vor dem, was ich tun könnte." Sie sah mich an. "Du musst mir versprechen, alles zu tun, um mich aufzuhalten, solltest du jemals den Eindruck haben, dass ich zur Bedrohung werde, selbst dann, wenn du mich dafür töten musst. Bitte, versprich mir das!"

Ich sah die Trauer in ihren Augen und die Angst. Ich schluckte. "Ich werde das nicht zulassen. Du kannst mir vertrauen." Dabei war ich mir selbst nicht sicher, ob ich dazu in der Lage sein würde, doch ich wollte auf keinen Fall, dass Nia mich aus Angst verließ.

Nia atmete auf, wandte sich ab und sah zu Boden. Den Rest des Weges setzten wir schweigend fort.

Im Philosophieseminar erläuterte der Dozent unterschiedliche Rechtskonzepte und ihre Begründung, Naturrecht, Utilitarismus und Kant. Mich interessierte dies nicht wirklich, mein Schwerpunkt lag auf erkenntnistheoretischen Fragen. Nia hörte aufmerksamer als ich zu. Ich bekam erst, als ich Nias Frage hörte, mit, dass sie sich gemeldet hatte. "Was ist mit Außerirdischen? Die ganzen Begründungen, die Sie anführen, scheinen nur aus menschlicher Sicht formuliert zu sein. Falls andere Lebensformen nicht der gleichen Rationalität folgen oder einen anderen Naturbegriff haben, wie wollen Sie damit umgehen? Wie wollen Sie mit Außerirdischen klarkommen?"

Alle blickten Nia an. Der Dozent blickte irritiert auf, erst nach einem Augenblick des Schweigens fasste er sich. "Außerirdische? Ich habe noch keine getroffen."

Nia schüttelte unbefriedigt den Kopf: "Aber sie haben doch gesagt, dass diese grundlegenden Rechtskonzepte ihre Bedeutung gerade dadurch erhalten, dass sie über den Rahmen, in dem sie entwickelt wurden, hinausweisen und auch für zukünftige Fragen Antworten bereit halten. Und außerdem, woher wollen Sie wissen, dass Sie noch nie Außerirdische getroffen haben? Vielleicht sind welche an dieser Universität."

Mit einem Lächeln wandte sich der Dozent von Nia ab: "Stellen Sie sie mir bei Gelegenheit vor." Damit fuhr er mit seinem Vortrag fort.

Der Rest des Seminars griente und tuschelte. Nia starrte die verbleibende Zeit der Doppelstunde schweigend und unzufrieden auf das leere Blatt Papier vor ihr. Auf dem Rückweg von der Universität nach Hause sah Nia mich missmutig an. "Ich verstehe die Menschen nicht, wie können sie sich bei wichtigen Fragen so ignorant verhalten? Glauben die wirklich, sie sind alleine im Universum?" Darauf wusste ich nichts zu erwidern.

Wir waren um 14.00 Uhr wieder zu Hause. Ich versuchte noch etwas zu Zeichnen. Nia hatte versprochen aufzuräumen und Airi schlief zusammen mit dem Kätzchen im Esszimmer auf dem Teppich. Trotz mehrerer Ansätze gelang mir keine Skizze, die mir richtig gut gefiel, meine Gedanken kreisten immer wieder um Nia und Big Brother Inc. Wie groß war die Gefahr wirklich, dass Nia in einer Konfrontation die Kontrolle über ihre Kräfte verlor? Was konnte ich tun, um das zu verhindern? Was sollte ich tun, falls ich sie nicht aufhalten konnte? Ich würde ihr niemals Schaden zufügen können. Ich seufzte.
Irgendwann hatte ich genug, ich packte meine Zeichensachen beiseite und ging nach unten. Undefinierbare Gerüche kamen aus der Küche.

Nia strahlte mich mit großen Augen an. "Ich habe gekocht."

Ich schluckte: "Und was?"

"Das ist eine Überraschung," sie zog mich unsicher zögernd zum Tisch, "setz dich bitte." Dann holte sie Teller heraus, verteilte sie zusammen mit dem Besteck auf den Tisch, rief Airi und servierte das Essen in einem großen Topf. In der dunkelgrün blubbernden Flüssigkeit schwamm Lauch und noch etwas anderes. Der Geruch war ungewöhnlich. Nia füllte erst mir und dann sich eine Portion auf den Teller. Airi stellte sie eine Glasschüssel mit einer dunkelbraunen Substanz hin, in die helle Stückchen eingelassen waren. "Bitte."

Für das Kätzchen hatte sie einen eigenen kleinen Teller auf dem Fußboden gestellt, eine Art Fisch- und Käseplatte. Das Kätzchen schnupperte kurz und machte sich dann über das Futter her. Auch Airi aß inzwischen sichtlich zufrieden die braune Substanz, nachdem sie zuerst misstrauisch einen kleinen Bissen probiert hatte.

Nur mein Teller war noch unberührt. Nia blickte mich unsicher an. "Hast du keinen Hunger?"

Ich führte den Löffel zum Mund. Ich musste mir Mühe geben, nicht zu überrascht zu wirken, das Essen schmeckte wirklich gut. "Was ist da drin?"

"Wasser, Spinat, Lauch, Saure Sahne, Frischkäse, Salz und Pfeffer. "Nia sah mich an. "Schmeckt es dir?"

"Ja." Nickend aß ich weiter.

Airi hatte ihre Schüssel bereits leergegessen und war, ohne Nia zu bedrohen, im Flur verschwunden, auch ihr hatte es wohl geschmeckt.

Ich blickte ihr nach und wandte mich dann zu Nia. "Was war in ihrer Schüssel?"

"Mit Zitronensaft und Joghurt ummantelte Bananenstücke, eingerührt in Schokoladenpudding. Ich habe für dich auch noch eine kleine Schale."

Ich ließ mir den Nachttisch nicht entgehen. Danach half ich ihr beim Abwaschen. Nia schien das Kochen wirklich Spaß gemacht zu haben.

Kurz darauf klingelte es an der Tür. Wie nicht anders zu erwarten, holte uns Yumi auf die Minute pünktlich ab, aber sie war nicht alleine. Hinter ihr stand noch eine Frau in unserem Alter, die schüchtern den Blick senkte.

Yumi stellte sie vor. "Das ist Miu Urahara, sie kommt auch mit."

Miu grüßte uns. "Es freut mich, dass ich auch teilnehmen darf."

Sie wirkte etwas unsicher, das passte zu ihrem Aussehen. Miu entsprach in jeder Hinsicht dem Ideal der Moe-Schönheit (6) aus einem Anime. Sie hatte lange, dunkelblonde Haare und hellblaue Augen in der Farbe des Himmels an einem klaren Frühjahrsmorgen. Ihre Maße entsprachen dem männlichen Schönheitsideal und ihre Kleidung ließ sie ein bisschen wie eine Meido (7) aussehen. Sie sah unschuldig, hilflos und anziehend aus und wirkte dabei trotzdem natürlich. Yumi bemerkte mit Befriedigung meine Sprachlosigkeit. Sie blickte mich kühl an und flüsterte mir zu: "Sie ist das ideale Vorbild für Nia."

Ich konnte nur hoffen, dass Nia das anders sah. Nachdem ich Airi gefunden und sie davon überzeugt hatte, das Kätzchen schlafen zu lassen, machten wir uns alle zusammen auf den Weg.

Das Karaoke-Café war nur einige S-Bahnstationen entfernt. Wir erreichten es in kurzer Zeit. Yumi lud uns ein. Bald darauf hatten wir uns bereits in unserem Raum eingerichtet und alle waren mit Getränken versorgt.

Zuerst sangen wir zusammen in unterschiedlichen Zusammensetzungen aktuelle Stücke, die fest einprogrammiert waren. Vor allem Nia und Miu waren richtig gut im Nachahmen diverser bekannter Sängerinnen. Ich drückte mich um das Alleinsingen, ich bin einfach unmusikalisch. Zum Glück fiel das niemandem auf.
Irgendwann saßen wir alle erschöpft in den Sitzen. Yumi blickte uns an. "Wir müssen noch die von uns ausgesuchten Lieder singen."

Ich trank gerade eine Dose geeisten Kaffee. "Lass uns erst eine Pause machen."

Yumi nickte. Airi, die in den letzten Minuten von einem Bein aufs andere gehüpft war, musste dringend aufs Klo und verschwand kurz. Nach einer Weile kam sie zurück. Yumi ließ sich die von uns ausgesuchten Stücke geben, ich hatte sie alle auf einen USB-Stick gezogen, und programmierte sie zusammen mit ihrer Auswahl und der von Miu ein. "Ich fange an."

Yumi hatte sich 'This is the End' von den Doors ausgesucht. Die Art und Weise in der sie Jim Morrison nachspielte, war dazu geeignet, ihn ein zweites Mal zu Grabe zu tragen. Das war wohl auch ihre Absicht. Schon früher in der Schule hatte sie sich immer über wütende und rebellische Jungmänner lustig gemacht, deren Aufstand vor allem darin bestand, sich selbst bemitleidend, aggressiv ihre Umwelt zu schikanieren. 'Die begehren nicht auf, die wollen nur an die Stelle derjenigen, die sie angeblich bekämpfen, um selbst genauso zu werden wie ihre Eltern.' Als das letzte 'This is the End' verklungen war, war Jim Morrison definitiv tot.

Als nächstes sprang Airi auf, sie hatte sich ein Lied der Punk Band Bikini Kill ausgesucht: 'Don't Need You'. Es war im Internet einfach zu finden gewesen und nach Airi war dieses Lied im Little Sister Universe fast eine Art Hymne. Airi brüllte mehr, als dass sie sang, und die Lautstärke, mit der sie brüllen konnte, war erstaunlich. Dazu sprang sie auch noch über die Tische und ließ das Stück dreimal durchlaufen, bevor sie abrutschte und auf Yumi landete, die dies aber erstaunlich gelassen nahm. "Vorsicht." Sie stieß Nia an. "Du bist an der Reihe."

Ich wusste ja, dass Nia sich ein russisches Lied ausgesucht hatte, hatte es mir selbst aber nicht angehört. Es war ein tieftrauriges Lied über Krieg und Tod. Zwischenzeitlich hatte ich das Gefühl, als würde Nias Stimme mir unter die Haut kriechen. Ich spürte, dass mir fast die Tränen kamen. Die anderen waren ebenfalls befangen, als Nias Gesang endete. Yumi betrachte Nia fasziniert. "Hast du Gesangsunterricht gehabt?"

Nia schüttelte nur unsicher ihren gesenkten Kopf. Ich spürte ihre Trauer. Mir war klar, an was sie beim Singen gedacht hatte. Eine Träne lief ihr herab.

Danach kam Miu an die Reihe. Das Lied, das sie sang, kannte ich nicht, und auch ihre Stimme führte uns für mich völlig überraschend in tiefste Dunkelheit. Der Text handelte von der Lust, Schmerzen zu bereiten, von Rache und einem Fluch. Verblüfft stellte ich fest, dass Miu auf einmal furchteinflößend wirkte, ein Racheengel, ihre Augen schienen jetzt eisblau zu sein und ihre Haare wirkten mit einem Mal dunkler. Trotzdem war ihre Stimme wunderbar klar, wie ein Gebirgsbach, doch gleichzeitig kalt wie Gletscherwasser. Obwohl sie nicht laut sang, verschlang das Lied alle anderen Laute. Als die letzte Zeile verklungen war, blieb alles still. Niemand traute sich etwas zu sagen, bis Airi sich verschluckte und husten musste.

Ich singe fürchterlich und kam mir unfähig vor nach diesen beiden Beiträgen, dass von mir ausgesuchte Lied zu singen. Doch mein Versuch, mich zu drücken, wurde von Nia zunichte gemacht. Sie brachte mir das Mikrofon. "Du bist dran." Wieder einmal sah sie mich mit ihren großen Augen an. "Du hast gesagt, du hast das Lied für mich ausgesucht."

Das machte das Ganze nicht einfacher, diesen Satz hatte ich, als ich allein mit Nia oben im Zimmer war, nur an sie gerichtet, er war nicht für Yumi und die anderen bestimmt. Yumi betrachte mich fragend. Ich ignorierte das bewusst, schluckte und ging nach vorne. Das Lied, das ich ausgesucht hatte, war fast ein Sprechgesang, 'After Hours', im Original hatte es die Drummerin von Velvet Underground gesungen. Die erste Zeile lautet: 'If you close the door, the night could last forever' und es endet auf die Zeilen 'All the people are dancing and they're havinˊ such fun / I wish it could happen to me / ˊCause if you close the door, I'd never have to see the day again. / I'd never have to see the day again.' Für mich hatte ich die erste Zeile immer übersetzt mit: 'Wenn du die Tür schließt, wird die Nacht für immer währen', sicher war ich mir dabei aber nicht. Doch das war unwichtig, für mich war das die Bedeutung dieses Liedes. Trotzdem wollte das Lied nicht richtig herauskommen. Ich fühlte meine Stimme stolpern und wurde immer leiser. Nia hing bei jeder Zeile an meinen Lippen. Das machte mich noch unsicherer.
Mitten im Lied wurde mir auf einmal schwarz vor Augen. Ich befand mich plötzlich in einem leeren, von dunklem Dunst erfüllten, grenzenlosen Raum. Niemand außer mir schien hier zu sein. Wo war ich? Was war passiert?

Eine dunkle Männerstimme klang aus dem Nichts. "Wir sind allein. Niemand kann dich hören oder sehen."

"Was ist das hier?"

"Das braucht dich nicht zu interessieren. Wichtig ist nur, dass du hier bist und nirgends anders hin kannst. Ich will dir nichts tun, aber ich muss mit dir reden, über NI410/2571A, die du Nia nennst. Du scheinst nicht zu begreifen, was sie ist."

"Sie ist meine Freundin."

"Ich kann deine Gefühle verstehen, niemand fühlt sich ihr mehr verbunden als ich. Mich schmerzt jede Träne, die sie vergießt, als wäre es meine eigene. Sie ist wie ein Teil von mir, sie ist mein Herzblut, und doch ist sie ein bioandroidisches System, eine Waffe. Wir haben sie geschaffen, sie ist unser Geschöpf und ich kann nicht zulassen, dass sie für andere, für diesen Planeten, zur Gefahr wird. Wir tragen schließlich die Verantwortung. Sie ist eine Quelle von Zerstörung und Chaos, auch wenn das nicht ihre Schuld ist."

"Wer sind Sie?"

"Ich, wir sind Big Brother."

"Wieso sollte ich Ihnen zuhören?" Zuerst war die Stimme aus dem Nichts gekommen, nun sah ich den dunklen, schemenhaften Schatten eines männlichen Gesichts, das gleichzeitig viele Gesichter zu sein schien, die mich musterten.

"Was weißt du wirklich über Big Brother Inc.?" Der Stimme war der Ärger anzuhören. "Hat dir die Nachwuchsterroristin erzählt, dass wir böse sind? Airi ist ein fehlgeleitetes Kind. Bist du so naiv, ihr zu glauben? Wir haben über Jahrtausende für Frieden und Wachstum gesorgt. Aber es stimmt, dafür mussten wir Opfer bringen. Uns ist das nicht leicht gefallen. Es ist traurig, dafür gehasst zu werden, dass wir die Verantwortung für das Universum übernehmen."

"Friedhofsruhe."

"Damit entwertest du all die Opfer, die für diesen Frieden erbracht wurden. Hasst du andere so sehr? Oder redest du dir wirklich ein, dass du einer Massenvernichtungswaffe, einer Maschine, die schon eine Weile nicht mehr störungsfrei funktioniert, und einer Terroristin, einer Assassina, vertrauen kannst? Und uns", die Stimme der Schatten wurde mit einem Mal leise und klang nun bedrückt, "was ist mit uns? Glaubst du, uns verletzen solche Vorwürfe nicht, hast du dir über meine Gefühle nur einen einzigen Gedanken gemacht? Ich habe geglaubt, ich könnte ihr vertrauen, trotz allem. Weißt du, wie mich ihre Rede verletzt? Ich habe ihr zum Leben verholfen und als sie klein war, ihre Tränen getrocknet."

"Ich vertraue Nia."

"NI410/2571A hat Fehlfunktionen, sie ist Schuld am Tod von Millionen. Und ihr Speicher funktioniert unzuverlässig. Ich glaube nicht, dass sie weiß, was in der Vergangenheit wirklich passiert ist."

"Das ist bei mir nicht anders. Ich weiß teils nicht, was in meiner Erinnerung die Realität abbildet und was Bilder sind, die ich nachträglich hinzugefügt habe. Doch das ist nicht wichtig."

"Deine Einstellung führt zu Willkür. Interessiert dich die Wahrheit nicht? Ich dachte, du legst Wert auf Gerechtigkeit."

"Nein, unabhängig davon, ob meine Erinnerungen die Wirklichkeit abbilden, bin ich mir in einem Punkt sicher: Sie bilden meine Gefühle ab. Und ich vertraue meinen Gefühlen. Was wirklich war, wird sich im Nebel der sich widersprechenden Erinnerungen der Vergangenheit nie mit Sicherheit sagen lassen, aber die Verletzungen, die Trauer sind real. Sie reichen mir als Entscheidungsgrundlage. Und genauso fühle ich, dass ich Nia vertrauen kann und ihren Gefühlen."

"Und was machst du, wenn NI410/2571A sich irrt? Wenn du dich irrst?"

"Freiheit bedeutet die Freiheit, sich auch falsch entscheiden zu können."

"Und was ist, wenn sie die Kontrolle über ihre Kraft verliert und die Erde auslöscht? Übernimmst du die Verantwortung?"

"Ich vertraue ihr."

"Du bist bereit, einfach andere zu gefährden, nur um deinen Kopf durchzusetzen. Wir werden das nicht zulassen. Ich wende nur ungern Gewalt an, aber du zwingst uns dazu. Willst du das?"

"Ihre Drohung beweist nur, dass es richtig war, Ihnen nicht nachzugeben und dass mein Gefühl mich nicht getrogen hat."

Auf einmal wurde es dunkel, schwarz und ich fiel. Ich erwachte auf einem der Sessel im Raum im Karaoke-Café. Yumi hatte sich über mich gebeugt. "Du bist mitten im Lied umgekippt, was ist los?"

"War ich lange bewusstlos?"

"Nur Sekunden, eben hast du noch dagestanden und gesungen und im nächsten Moment lagst du hier."

"Aber ich war mehrere Minuten an einem anderen Ort, einer Art leerem, grenzenlosen Raum."

Nun beugte sich auch Nia zu mir herab. Die Besorgnis war ihr anzusehen und in ihren Augen spiegelten sich Schuldgefühle. "Eine Raum-Zeit-Fluktuation. Was ist passiert?" Ich musste Nia alles erzählen, was passiert war. Ihr Gesichtsausdruck wurde immer besorgter. Ihr Blick wies ins Nichts. "Vielleicht sollte ich diese Welt tatsächlich verlassen?"

"Nein."

"Aber, was ist, wenn sie Recht behalten und ich zur Gefahr für alle werde?"

Es war Yumi, die Nia antwortete. "Lass dir nichts einreden von diesen hohlen Schatten. Vertrau dir selbst."

Nia nickte, wirkte aber weiter unsicher und auch ich verspürte einen Moment lang Furcht, dann riss ich mich zusammen. Nia durfte das nicht bemerken.

Ich nahm ihre Hand. "Was ist eine Raum-Zeit-Fluktuation?"

"Eine Art Tasche in Raum und Zeit, die aber nur dein Bewusstsein umfasst. Du kannst damit Botschaften übermitteln."

"Also konnten sie mir nichts tun."

"Nein." Nia biss sich auf die Lippen.

"Dann war ich nicht in Gefahr und du musst dich auch nicht um mich sorgen. Vergiss sie einfach."

Nia blickte mich zweifelnd an. Sie schüttelte den Kopf. Doch bevor sie etwas sagen konnte, unterbrach uns Miu: "Du warst sicher nur unterzuckert." Sie lächelte mich aufmunternd an und brachte mir noch eine Dose geeisten Kaffee, "das ist wirklich kein Grund zur Sorge. Du musst nur etwas zu dir nehmen." Sie hatte offensichtlich nichts von dem, über das wir geredet hatten, verstanden.

Ich beließ es dabei, ich hielt es nicht für sinnvoll, sie aufzuklären und Yumi schien mir zuzustimmen. Ich nahm den Kaffee. "Danke." Nia schwieg.

Eine kurzen Augenblick lang saßen wir noch schweigend beisammen, dann stand Yumi als Erste auf und sah auf die Uhr. "Es ist Zeit, aufzubrechen."

Ich nickte nur. Airi war eingeschlafen und lag halb auf einem der Sessel zusammengerollt. Ich musste sie wecken. Nachdem wir uns von Yumi und Miu verabschiedet hatten, die diesmal direkt nach Hause fuhren, machten auch wir uns auf den Rückweg. Airi war schlecht gelaunt, weil ich sie geweckt hatte.

"Ich konnte dich doch nicht dort schlafen lassen."

Sie zuckte nur missmutig mit den Schultern. Zu Hause zog sie sich gleich mit dem Kätzchen auf den Dachboden zurück. Nia und ich saßen noch einen Augenblick in der Küche. Nia blickte aus dem Fenster ins Abenddunkel. "Vielleicht ist ja doch etwas wahr von dem, was sie gesagt haben, und ich habe eine Funktionsstörung und bin nur undankbar?"

"Große Brüder sind gut darin, die Dinge herauszufinden, mit denen sie dich wirklich treffen können." Ich sah nun auch ins Dunkel. "Sie sind richtige Trüffelschweine beim Auffinden deiner Unsicherheiten, von Punkten an denen du angreifbar bist, dir deiner selbst nicht sicher. Erst täuschen sie Interesse an dir vor, sind besorgt um dich, und dann instrumentalisieren sie alles was sie erfahren haben gegen dich, wenden einzelne Worte in ihr Gegenteil und benutzen Halbsätze, um Freundinnen gegen dich auszuspielen."

"Wie meinst du das?"

"Du fühlst dich schuldig, weil du falsch gehandelt hast mit fürchterlichen Folgen. Sie wissen das und versuchen es zu benutzen, doch du hast falsch gehandelt, gerade weil du auf sie gehört hast. Lass nicht zu, dass sie dich wieder manipulieren."

Nia hatte ihre Knie angezogen und ihre Arme um die Beine geschlungen. Ihre Stimme klang leise. "Ich weiß nicht, ob ich das kann. Für dich scheint das alles so einfach zu sein - bin ich dumm?"

"Nein, ich habe auch sehr lange dafür gebraucht. Ich habe immer und immer wieder versucht, von meinen Brüdern und auch in der Schule angenommen zu werden. Ich habe vieles mitgemacht, weil ich dachte, ich müsste das tun oder weil ich auch ein Teil der Gruppe sein wollte."

"Was hast du gemacht?"

Ich dachte zurück. "Ich habe mich zum Beispiel daran beteiligt, einzelne hilflose Mädchen niederzumachen, nur um die Anerkennung meiner Mitschülerinnen zu bekommen, obwohl ich selbst ausgegrenzt wurde. Dabei wusste ich genau, was ich tat. Ich habe halt versucht, mich anzupassen, nur hat mir das nichts gebracht.
Statt mir entgegenzukommen, haben die anderen meine Anpassung nur als Bestätigung gedeutet, dass das, was sie tun, ihre Normen, richtig sind und ich mich falsch verhalten würde, und mich noch stärker unter Druck gesetzt." Ich blickte Nia an. "Irgendwann habe ich begriffen, dass Anpassung falsch ist, aber ich habe lange dazu gebraucht."

Nia blickte mich mit Tränen in den Augen an. "Du kannst, was du getan hast, nicht mehr rückgängig machen."

"Nein, und ich weiß auch nicht, ob es funktionieren würde."

"Was meinst du damit?"

"Weil ich damals dachte, ich müsste das tun und erst dadurch begriffen habe, dass es falsch ist."

Ihre großen Augen spiegelten die Dunkelheit. "Findest du, dass du dich zu sehr angepasst hast?"

"Nein, nicht wirklich, irgendwie ging das auch gar nicht. Ich war die, die ich war. Und ich wusste es nicht besser. Ich habe nur zu viel mit mir machen lassen und zu viel mitgemacht, bis ich begriffen habe, dass es sinnlos ist. Du kannst andere nicht dazu zwingen, dich zu akzeptieren, wenn sie nicht wollen. Teilweise habe ich dadurch auch Mitschülerinnen und -schüler, die gar nichts dafür konnten, unfair behandelt, weil ich einmal so getan habe, als würde ich ihnen zustimmen und dann war ich auf einmal wieder abweisend. Ich dachte, ich müsste Freundinnen haben, obwohl es dafür keine Basis gab."

"Muss es immer eine Basis geben?"

"Du musst zumindest bereit sein zu versuchen, die andere zu verstehen. Ich habe zusammen mit Mädchen aus meiner Klasse etwas unternommen, mit denen ich real kaum etwas gemein hatte, nur weil ich dachte, ich müsste das und weil alle sagen, du brauchst Freundinnen. Dabei haben sie mich nicht wirklich interessiert und sie wussten nichts mit mir anzufangen. Das war häufig peinlich, wenn ich etwas vorspiele, neige ich dazu zu überziehen. Ich habe zum Beispiel immer zum falschen Zeitpunkt dumme Witze erzählt."

"Wieso hast du dir keine anderen Freundinnen gesucht? An der Schule gab es doch sicher viele Mädchen."

"Nein, unter all den Mädchen und Jungen gab es keine, die das interessiert hat, was mich interessiert hat, niemanden. Niemand wollte sich über philosophische Fragen auseinandersetzen. Trotzdem glaube ich, das es für mich besser gewesen wäre, wenn ich mich auf die Dinge konzentriert hätte, die mir wichtig waren. Obwohl ich dann wahrscheinlich die meiste Zeit alleine geblieben wäre. Nur für die meisten Menschen gilt wohl eher das Gegenteil. Jede muss wohl für sich selbst herausfinden, was für sie richtig ist. Ich glaube nicht, dass es den einen richtigen Weg für alle gibt.
Irgendwann habe ich zum Glück begriffen, dass ich ich bin, dass ich gar nicht anders sein will, und dass diese Schauspielerei nur zum Falschen führt. Ich finde nur, dass ich etwas lange dafür gebraucht habe, um das herauszufinden."

Nia berührte mich. "Ich will gar nicht, dass du anders bist." Sie lächelte unsicher. "Singst du für mich das Lied noch zu Ende?"

Ich singe wirklich furchtbar ungern vor anderen, ich komme mir dabei irgendwie ausgesetzt vor. Dass ich das Lied nicht beenden musste, war mir nur recht gewesen. Doch da Nia mich bat und nur sie hier war, riss ich mich zusammen, schließlich hatte ich das Lied für sie ausgesucht. Meine Stimme zitterte trotzdem.

"And if you close the door, the night could last forever. / Leave the sunshine out and say hello to never / All the people are dancing and they're havin such fun / I wish it could happen to me / ˊCause if you close the door, I'd never have to see the day again. / I'd never have to see the day again."

Kapitelübersicht




Kapitel 5 - Sie weiß mit Küchenmessern umzugehen


Die nächsten Wochen verliefen ruhig, nur manchmal fühlte ich mich hin- und hergerissen, ich wollte mit Nia zusammen sein und doch vermisste ich auch das Alleinsein. Es gab Zeiten, in denen wünschte ich mir, wieder alleine zu leben. Und dann fühlte ich mich dafür schuldig und dazu kam in solchen Momenten die Unsicherheit, ob ich gut war für Nia, ob ich sie wirklich schützen konnte? Alleine schien alles einfacher.
Ich liebe Tage, an denen ich morgens aufwache, Sonnenstrahlen fallen durch die Vorhänge, ich betrachte ihr Glitzern durch die feinen Härchen auf meinem Unterarm hindurch und drehe mich noch mal um und genieße die Stille und niemand will etwas, alle lassen mich in Ruhe. Nun waren diese Tage vorbei. Noch bevor ich von alleine aufwachte, sprang fast jeden Morgen das Kätzchen auf mein Bett und weckte mich. Es kletterte durch das geöffnete Fenster in mein Zimmer und falls ich es, ohne ihm Futter zu geben, einfach vor die Tür setzte, fing es an, herzzerreißend zu Miauen.

Tagsüber fielen zu unberechenbaren Zeiten kleine Mädchen, einzeln und in Gruppen, ins Haus ein, die AGF, sie aßen den Kühlschrank leer und spielten den ganzen Tag mit Airi PC-Spiele oder Flaschenkegeln oder nutzten unser Bad als öffentliche Badeanstalt. Alles stand unter Wasser.

"Könntet ihr das bitte aufwischen?"

Das kleine Mädchen sah mich an und verschwand nach einem "Nein!" im Flur.

Und doch wollte ich Nia und die anderen nicht missen. Trotzdem wünschte ich mir manchmal mein altes Leben zurück, in dem sich niemand für mich interessierte, und gleichzeitig wusste ich, dass ich dies nicht wollte. Falls Nia, an Tagen an denen ich zu Hause war, den ganzen Tag außer Haus verbrachte, vermisste ich sie. Und auch Airi und das Kätzchen waren zu einem Teil meines Lebens geworden. Airi plünderte zwar immer noch regelmäßig alle Schubladen mit Süßigkeiten, doch inzwischen war dies mein Alltag. Ausreichend Schokolade zu kaufen war kein Problem und für das Kätzchen hatte ich etwas Trockenfutter bei mir im Zimmer im Schrank deponiert. Ich tat ihm kurz etwas in einen Futternapf vor meiner Zimmertür, setzte es vor die Tür und legte mich noch einmal hin und seufzte ins Kissen.
Ich dachte an Nia. Für sie war unsere Welt nach wie vor in vielem unverständlich, was immer wieder zu Missverständnissen führte. Ich seufzte erneut, dann stand ich auf und kochte mir einen Kaffee.

Wo war Nia eigentlich? Sie war nirgends zu sehen. Einen Augenblick lang stockte mir der Atem. Ich dachte an den Abend, an dem sie verschwunden war. Dann fiel mein Blick durchs Fenster nach draußen. Nia war bereits aufgestanden und hängte hinter dem Haus die Wäsche zum Trocknen auf. Sie gab sich wirklich Mühe, im Haushalt zu helfen, nur irgendetwas irritierte mich, ich brauchte einen Augenblick, um zu realisieren, dass sie nackt war. Ich hoffte, dass unsere Nachbarin gerade nicht aus dem Fenster sah und brachte ihr einen Morgenmantel. Sie sah mich nur mit ihren großen Augen an. "Mir ist nicht kalt."

"Die Menschen haben bestimmte Körpertabus."

Nia blickte mich zerknirscht an und zog den Morgenmantel über. "Tut mir leid, daran habe ich nicht gedacht, obwohl ich das in Filmen gesehen habe. Wieso haben Menschen Angst vor Nacktheit? Was ist an nackten Körpern besonderes?"

Ich zuckte nur mit den Achseln und wusste nicht, was ich sagen sollte. "Ich weiß das auch nicht. An sich ist es unverständlich. Mein Großonkel meint, die Religion ist schuld, und mein Urgroßonkel hat einen der ersten Freikörperkultur-Vereine gegründet. Ich bin aber inzwischen die Einzige aus unserer Familie, außer meinem Großonkel und meiner Tante, die dort noch Mitglied ist."

"Was ist Freikörperkultur?"

"Es ist eine Kultur des entspannten Umgangs mit Nacktheit. Freikörperkultur-Vereine betreiben häufig Badeplätze an Gewässern, wo du zusammen mit Gleichgesinnten nackt schwimmen oder einfach ausspannen kannst. Die Vereine sind zum Teil sehr alt. Der Badeplatz des Vereins, den mein Urgroßonkel gegründet hat, hat einen wunderschönen alten Baumbestand. Nach außen ist er abgeschirmt, so dass du dort deine Ruhe hast. Früher haben sie auch nackt zusammen Ausflüge gemacht. Mein Großonkel hat mit davon einmal Fotos gezeigt." Ich dachte an die alten Schwarzweißfotos und musste lachen. "Wir können ihn vielleicht irgendwann zusammen besuchen. Mit dem Zug ist es nicht weit."

Nia nickte. Mein Großonkel war das einzige Familienmitglied, das ich manchmal vermisste, vielleicht hatte auch er Kontakt zu Außerirdischen.

Ich ging fast jeden Tag zur Universität, manchmal in Begleitung von Nia, manchmal alleine. Nia nutzte die Zeit zum Lesen oder hörte sich Vorlesungen an. Nachmittags trafen wir uns ab und an in der Bibliothek, die wir, seit dem die Bibliothekarin sich in Luft aufgelöst hatte, den größten Teil der Zeit für uns alleine hatten.
Einmal in der Woche kam Yumi bei uns zu Hause vorbei, um Nia zu einem Ausflug mitzunehmen, ins Kino, ins Schwimmbad, oder um mit ihr durch die Boutiquen in der City zu ziehen.

"Möchtest du nicht auch mitkommen?" Nias große Augen sahen mich an.

Ich schüttelte nur den Kopf.

Die Bedrohung durch Big Brother Inc. wurde immer unwirklicher, nicht einmal traten sie in Erscheinung, doch gerade dies beunruhigte mich. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie aufgegeben hatten. Planten sie etwas im Verborgenen?

Die meiste Zeit über war ich aber glücklich, obwohl das Zusammenleben mit Nia und Airi meinem ursprünglichen Wunsch, allein für mich zu leben, zuwider lief. Nachmittags zeichnete ich häufig. Ich hatte inzwischen eine kurze grafische Geschichte rund um den kleinen, einsamen Roboter, der auf die Erde verschlagen wird, entwickelt.

Nia war begeistert, als ich ihr die Zeichnungen zeigte. "Der Roboter ist niedlich."

Unsicher war ich nur, wie ich mit Nias Kochversuchen umgehen sollte. Sie kochte seit kurzem jeden Tag: "Ich glaube Kochen macht mir fast soviel Spaß wie dir das Zeichnen."

"Ja?"

"Ja", sie nickte heftig, "und ich tue etwas Sinnvolles."

"Mmh." Ich traute mir nicht, ihr zu widersprechen. Ihr schien das Kochen wichtig zu sein. Jeden Abend probierte sie ein neues Gericht aus, sie bereitete die Mahlzeiten mit viel Mühe und Aufwand zu. Wie sollte ich ihr da sagen, dass ich lieber einmal wieder ganz langweilig gegessen hätte?

"Das sind eingelegte Heringe mit Sahnehaube, einem Tupfen Sauerkirschmarmelade und leicht gedämpftem Chicorée." Sie blickte mich gespannt an und beugte sich dabei weit zu mir. "Schmeckt es dir?"

"Ja danke." Was sollte ich sagen? Ich wollte sie nicht enttäuschen. "Das habe ich noch nie gegessen."

Nia strahlte mich an. Ich unterdrückte ein Seufzen. Den Tag vorher hatte sie Fisch mit einer Kakao-Pfeffersauce auf Bananenmus zubereitet und davor Kräuterpudding mit Paprikaschoten.

Airi hatte sich angewöhnt, überwiegend von Süßigkeiten zu leben. Nia schalt sie deshalb: "Das ist ungesund, du musst auch etwas Richtiges zu dir nehmen. Hast du das Gemüsesorbet überhaupt probiert?" Doch Airi war nicht zu beeindrucken. Ihre abweisende Haltung ließ selbst Nia aufgeben.

Yumi hatte nur einmal Nias Kochkünste probiert. Seitdem wich sie allen Einladungen höflich aber bestimmt aus: "Tut mir leid, ich habe mir den Magen verdorben ... ich mache gerade eine Diät ... mein Hals ist so rau, dass ich nichts Festes schlucken kann ... ich habe mit meiner Mitbewohnerin gewettet, heute nichts außer Haus zu essen ... ich halte zur Zeit ein Fastengebot ein, ich muss das leider Rin überlassen." Sie misstraute offensichtlich Nias selbst ausgedachten Rezepten.

Ich war also die Einzige, für die Nia kochen konnte und traute mich nicht, mich ihr zu entziehen. Schließlich war ich ihre Freundin und ihre Begeisterung war, egal ob sie Gemüse wusch oder die Zutaten in der Küche zusammenstellte, nicht zu übersehen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ein- oder zweimal wollte ich sie darauf ansprechen, doch immer ließen mich ihr "Hat es dir geschmeckt?" und der Glanz in ihren Augen verstummen.

Als Ausgleich zum ungewöhnlichen Abendessen nutzte ich die Möglichkeit, in der Universitätsmensa die langweiligste Speise des Tages zu bestellen. Eine Weile schien alles gut. Dann fing Nia aber eines Morgens an, für mich auch noch ein Bentō (8) zuzubereiten. "Ich habe eine Überraschung für dich."

"Nia?"

"Ja."

"Ich wollte dir schon länger sagen, dass du dir nicht soviel Mühe machen solltest."

"Das ist keine Mühe."

"Na ja, ich ..."

"Mach dir darum keine Gedanken, mich macht das glücklich. Ich tue das gerne."

Irgendwann musste ich ihr die Wahrheit sagen, nur wann? Das von ihr erstellte Bentō war nicht nur kulinarisch ungewöhnlich, auch optisch hatte sie sich viel Mühe gegeben. Nur was sollte ich mit dem Lunchpaket tun?

Zuerst wollte ich es unauffällig entsorgen. Doch dann sprach mich überraschend eine Mitstudentin an, die ich vorher noch nie bewusst wahrgenommen hatte: "Wieso ist auf deinem Reis ein Totenkopf abgebildet?"

"Das ist ein Piraten-Bentō."

Neugierig schaute sie herüber. Ich hielt ihr die Box hin. "Bedienˊ dich."

"Danke," sie griff zu, und wandte sich begeistert zu mir, "das schmeckt gut." Sie war etwas kleiner als ich und ihre Haare waren kurz geschnitten und lila gefärbt, auch ihre Augenfarbe ging leicht in diese Richtung. Sie hielt mir ihre Hand hin: "Ich bin Fumiko Asano. Du bist mit der Frau befreundet, die Außerirdische an dieser Universität sucht, nicht?" Nias Frage aus dem philosophischen Seminar hatte sich also herumgesprochen. "Hast du das Bentō zubereitet?"

"Mmh, nein Nia, von der du gerade gesprochen hast," ich schob das Box-Lunch zu ihr hinüber, "das Bentō ist von ihr. Du kannst ruhig soviel essen, wie du willst."

"Darf ich das wirklich alles essen?" Sie sah mich überrascht an. "Hast du gar keinen Hunger?"

"Nein, nein, iss ruhig." Ich war glücklich, eine Möglichkeit gefunden zu haben, das Bentō sinnvoll weiterzureichen. "Ich heiße übrigens Rin Tanouichi."

"Und du willst gar nichts?" Kurz hatte ich den Eindruck als würde ihr Gesicht bei dieser Frage von einem Schatten verdeckt, doch dann traf mich wieder ihr Blick. "Willst du nicht zumindest probieren?"

"Nein danke, ich bin satt."

Fumiko aß alles bis auf den letzten Rest auf. "Vielen Dank. Du musst mir Nia unbedingt vorstellen. Woher kennt ihr euch?"

Wieder hatte ich kurz den Eindruck, ein schwarzer Schleier würde Fumikos Gesicht verdecken. Fand sie es falsch, dass ich das Box-Lunch weitergab? Ich wischte den Eindruck beiseite, mein schlechtes Gewissen trübte wohl meinen Blick. "Nia ist meine Mitbewohnerin."
Ich fühlte mich unsicher. Nia durfte nicht erfahren, dass ich ihr Bentō nicht aß. Wieder meldete sich mein schlechtes Gewissen. Konnte ich Fumiko vertrauen? Doch wieso sollte ich ihr nicht trauen?

"Deine Mitbewohnerin kocht toll. Ich ziehe bei euch ein." Fumiko strahlte mich an und doch hatte ich gleichzeitig das Gefühl schwarzer Wolken, die mir den Atem nahmen.

Ich überließ von da an Fumiko jeden Tag mein Box-Lunch. Sie bedankte sich jedes Mal überschwenglich. Selbst das Zombie-Bentō, das Nia mir drei Tage später mitgab, mit Würstchen, die aussahen wie abgeschnittene Finger, in Blutlachen aus roten Beeten und mit Augäpfeln aus mit Gelatine versteiftem Quark, in den Nia Oliven als Pupillen hinein gedrückt hatte, traf bei Fumiko auf uneingeschränkte Begeisterung. Trotzdem nahm ich mir jeden Tag vor, Nia endlich die Wahrheit zu sagen, nur wurde das immer schwerer.

Nachdem Fumiko wieder einmal alles aufgegessen hatte, sah sie zu mir auf: "Glaubst du, deine Mitbewohnerin gibt mir das Rezept?"

"Ich frage sie irgendwann." Natürlich würde ich Nia nicht nach dem Rezept fragen.

Trotz Fumikos Begeisterung verstärkte sich mein Unbehagen. In Momenten, in denen Fumiko sich unbeobachtet fühlte, wirkte sie fast kalt, als wäre sie eine andere Person. Mir schnürte das die Kehle zu, ich schob das aber auf meine Einbildung, und meine Schuldgefühle gegenüber Nia wurden immer größer, je länger ich sie belog. Nia aber freute sich, dass ich die Box jeden Tag leer zurückbrachte.

An einem Nachmittag, an dem sie auch in der Universität war, fiel ihr wohl gerade deshalb um so mehr auf, dass ich in der Mensa auch noch eine große Portion bestellte. Sie sah mich betroffen und schuldbewusst an. "Reicht das Bentō nicht, soll ich dir eine größere Box fertig machen? Du musst das nur sagen."

Ich schluckte, ich hatte einfach nicht daran gedacht, dass Nia misstrauisch werden könnte. "Nein danke, du machst ohnehin zu viel für mich. Ich habe schon ein schlechtes Gewissen.""

"Das brauchst du nicht. Für mich ist es Belohnung genug, dass es dir schmeckt. Dann ist alles gut." Ihre großen, dunkelblauen, fast nachtschwarzen Augen sahen mich an und ich wurde von ihnen und meinem Schuldbewusstsein in die Tiefe gezogen. Kein Ausweg, weit und breit sah ich keinen Ausweg, es ging nur immer tiefer hinab in die Dunkelheit. Irgendwann würde die Wahrheit ans Tageslicht kommen, ich fühlte das.

Nur wenige Tage später kam Nia überraschend in der philosophischen Bibliothek vorbei. Ich betrachtete gerade die weißen Wolken am Himmel. Sie trat zu mir an das geöffnete Fenster: "Wie hat die Apfelleberwurstkreme geschmeckt?" Ihre Stimme hatte einen gleichgültigen Klang und sie sah mich nicht an, das war ungewöhnlich, doch achtete ich in diesem Moment nicht darauf.

Ich sah weiter aus dem Fenster, einige Wolken ballten sich zusammen. "Gut."

"Und die Krabben mit Kräutermarmelade?"

"Danke, auch gut." Die Wolken wurden immer größer, ohne dass ich es bemerkte.

"Wieso lügst du?" Ihre Stimme zitterte, Nias schwarze Augen wirkten auf einmal kühl, unnahbar. "Wieso belügst du mich? Ich habe die beiden Sachen erst für das Bentō Morgen eingeplant, im Bentō von heute war nichts davon." Ich wandte mich überrascht zu ihr um und sah in ihren Augen nichts als Leere. Sie hatte ihre Schultern zusammengezogen und trat einen Schritt zurück, als ich sie berühren wollte. Ich schluckte, sah zu Boden und schwieg. Sie wandte sich ab. "Du bist auch nicht anders als die anderen. Ich hatte vorhin Besuch von einer Studentin, Fumiko Asano. Sie hat sich für das Bentō bedankt und mich um die Rezepte gebeten."

Ich zögerte kurz, atmete tief durch und sah zu Boden. "Es tut mir leid."

Nia schüttelte den Kopf, ein Schauer lief durch ihren Körper, und sie ging. Sie ließ mich alleine in der Bibliothek stehen und sprach den Rest des Tages kein Wort mehr mit mir. Auch am Abend sprach Nia kein Wort. Schweigend aßen wir unser Brot. Selbst Airi spürte die angespannte Stimmung und zog sich auf den Dachboden zurück. Auch am nächsten Tag war Nia noch sauer. Gleich am Morgen versuchte ich erneut, mich zu entschuldigen, doch Nia ging wieder, bevor ich meine Satz beenden konnte. Ich hatte den Eindruck, dass die Distanz zwischen uns mit jeder Stunde wuchs.

Später sah ich sie an der Universität, sie stand mit Fumiko zusammen auf dem Flur vor dem Seminarraum. Fumiko strahlte Nia an. "Die meisten Menschen, die ich kenne, kochen nur langweilige Gerichte und probieren nie wirklich neue Zusammenstellungen aus."

Nia und sie schienen sich gut zu verstehen, doch als Nia mich sah, verfinsterte sich ihr Gesicht, sie nahm Fumiko beim Arm. "Lass uns nach draußen gehen." Nia hatte sich offensichtlich entschlossen, mich zu ignorieren. Fumiko folgte ihr. Ich blieb allein zurück. Seufzend ging ich meine Philosophieunterlagen für das Seminar durch. Ich sagte mir, dass es wohl besser war, Nia momentan in Ruhe zu lassen.

Am Abend telefonierte sie wieder mit Fumiko ohne mich zu beachten, so als wäre ich Luft. Die beiden schienen einen Kochkreis gebildet zu haben. "Ich habe da ein superleckeres Rezept für Bananen mit Schinken und Sahnesoße." Nia redete Fumiko Asano nun mit Fumi an. Ich fühlte einen Stich, doch ich konnte mich nicht aufraffen, sie daraufhin anzusprechen, ich brauchte nicht noch eine Zurückweisung. Und schließlich hatte ich nichts wirklich Schlimmes getan.

Ich kochte mir eine Nudelsuppe aus der Tüte. So verliefen auch die nächsten Tage. Nia und ich sprachen kein Wort miteinander und gingen uns im Haus aus dem Weg. Deshalb war ich fast dankbar, als Yumi kurz darauf mit einem Vorschlag bei uns zu Hause vorbeikam, der uns alle für einige Zeit beschäftigen würde.

"In drei Wochen ist das Universitätssommerfest und ich habe uns dafür angemeldet."

"Wie, was, womit? Das müssen wir doch ..." Weiter kam ich nicht, Yumi schnitt mir das Wort ab.

"Wir machen ein Meido-Kafe (9), Miu macht auch mit. Und der Studierendenrat hat uns auch schon einen Raum zugesichert."

"Wie hast du den Studierendenrat von einem Meido-Kafe überzeugt?"

Yumi lächelte kalt: "Sagen wir mal, sie kennen mich."

"Ich will etwas anderes machen." Trotz meiner Erleichterung über eine Ablenkung, bei einem Meido-Kafe würde ich auf keinen Fall mitmachen.

Yumi ließ sich von mir nicht beeindrucken. Sie betrachte mich nur kühl. "Dann sollten wir abstimmen. Bisher steht es zwei zu eins für das Café, Miu und ich stimmen dafür." Sie sah zu Nia hinüber, die erst unsicher aufsah und mich dann böse anblickte. Ich wandte mich ab, sollte sie doch tun, was sie wollte.

Doch es war Airi, die sich als Erste einmischte. "Können wir uns aussuchen, was wir machen?"

Yumi drehte sich zu ihr um: "Du hast damit nicht zu tun."

"Wieso, ich lebe hier."

"Du studierst aber doch gar nicht an der Universität!"

"Willst du mir deshalb verbieten, dabei zu sein?" Airis Augen bekamen einen gefährlichen Glanz. Das Kätzchen auf ihrer Schulter machte einen Buckel.

Yumi zuckte mit den Schultern: "Meinetwegen kannst du mitmachen. Und was willst du?"

"Ich will, dass wir einen Raum der Angst, eine Art Gruselkabinett, einrichten."

"Da du die Einzige bist, die das will, ist der Vorschlag abgelehnt." Yumi wandte sich wieder Nia zu: "Also es steht immer noch zwei zu eins, und eine Stimme für ein Grusel ..."

Ich unterbrach sie: "Ich finde Airis Vorschlag gut, also steht es zwei zu zwei."

Yumis Blick war nun kalt wie Eis: "Du willst ein Gruselkabinett?" Sie zuckte mit den Schultern. "Egal, Nia entscheidet, was wir machen." Nia blickte immer noch unsicher. Sie sah mich wieder böse an, wusste aber scheinbar auch nicht, was sie sagen sollte, und ich wich ihrem Blick aus. Sie blickte zu Boden.

Eine drückende Stille breitete sich aus, bis Airi das Schweigen auf einmal unterbrach: "Lasst uns doch ein Meido-Kafe zum Gruseln durchführen, mit untoten Meidos, ein Zombie-Meido-Kafe," sie schien von ihrer Idee völlig fasziniert zu sein und und strahlte uns an, "dann bekommen alle, was sie wollen. Nia kann sich dafür Essen und Getränke ausdenken." Nia schien die Idee zu gefallen, sie nickte zustimmend, sie dachte wohl schon an die Speisen, die sie dafür zusammenstellen würde, nur mich ignorierte sie vollkommen. Airi führte ihre Idee weiter aus. "Alle, die im Kafe bedienen, müssen sich als Zombie-Meidos verkleiden."

Yumi blickte sie fassungslos an: "Ach, und die Gäste begrüßen sie dann mit 'Darf ich sie fressen, Master?'"

Airis nickte: "Das ist eine gute Idee." Das verschlug Yumi endgültig die Sprache.

Mit Nias und Airis Stimme stand es nun zwei zu zwei zwischen dem Meido-Kafe und dem Zombie-Meido-Kafe. Yumi sah kühl zu mir herüber. Ich wollte auf keinen Fall ein normales Meido-Kafe und außerdem wollte ich nicht gegen Nia stimmen: "Ich stimme auch für das Zombie-Meido-Kafe."

Airi triumphierte: "Damit ist es entschieden."

Wenn Yumi die Fähigkeit besessen hätte, mit Blicken zu töten, wären ich wohl in diesem Augenblick tot umgefallen. Einen Augenblick lang breitete sich eisige Stille aus. Dann raffte sich Yumi auf. "Gut, wenn ihr das wollt! Dann machen aber alle mit."

Bis zum Sommerfest war nicht viel Zeit, trotzdem kam mir dieser Zeitraum lang vor, denn Nia bekam ich praktisch gar nicht mehr zu Gesicht. Ich fand keine Möglichkeit, mich mit ihr alleine in Ruhe auszusprechen. Alle hatten Aufgaben zugeteilt bekommen und auch Fumiko unterstützte uns. Nia war fast die ganze Zeit mit ihr zusammen und zu Hause schlief sie immer gleich. Sie entwickelte mit Fumiko in einer abgelegenen kleinen Küche im Keller der Universität Rezepte für das Zombie-Meido-Kafe. Und wenn sie nicht in der Küche waren, diskutierten sie in der philosophischen Bibliothek Rezepte. "Reisbälle in Augapfel- form ... Kirschen ... Oliven als Pupillen ... süß und sauer alternativ ... abgeschnittene Nasen ... gebacken ... frittierte Insektenlarven ... Joghurt mit Blutorangenfleisch ... aus Rote Bete modellierte Organe." Auf einmal drehte Nia sich um, zuckte kurz, als sie mich sah, schwieg dann und wandte sich Yumi zu. "Findest du Blutorangen in Joghurt passen besser zu Fischskeletten oder zu aus Ziegenkäse geschnittenen Kreuzen?" Ich ging zum Fenster und sah hinaus.

Hinter mir hörte ich Yumi missmutig antworten: "Was wollt ihr denn dazu zu Trinken anbieten?"

Nia ließ sich von Yumi nicht irritieren, ihrer Stimme war die Begeisterung anzuhören. "Auf jeden Fall wird es einen Eitercocktail aus aufgeschäumten Eierlikör vermischt mit Kirschsaft auf einem Milchmixgetränk geben", sie ergänzte: "das sieht aus wie richtiger Eiter, nur den Geruch haben wir bisher nicht hinbekommen."

Ich drehte mich wieder um.

Fumiko nickte. "Das ist aber nicht alles. Wir haben auch einen Blutcocktail aus Kirschsaft und Wodka entwickelt, außerdem gibt es Cola mit sich darin auflösenden Gummibächren und Eiswürfel in Knochenform."

Ich sah Yumi an, dass sie dasselbe dachte wie ich, wir würden uns an den Kaffee halten. Sie sagte aber nichts weiter dazu. Fumiko und Nia diskutierten auch bereits wieder miteinander, ohne uns zu beachten. Nur kurz hatte ich den Eindruck, als würde Fumiko die Situation genießen, die Art und Weise in der Nia mich ignorierte, wieder hatte ich kurz das Gefühl, ein schwarzer Schleier würde sich auf mich herab senken. Doch das bildete ich mir wohl eher ein. Fumiko traf schließlich keine Schuld. Ich musste nur unbedingt mit Nia reden.

Yumi und Airi hatten die Aufgabe übernommen, die Zombie-Meido-Kostüme und Schminkutensilien zusammenzustellen. Dabei stritten sie sich fast die ganze Zeit. Ich bekam dies nur durch Zufall mit, als ich in eine Kostümanprobe in der Bibliothek hineinplatzte.
"Der Rock ist viel zu lang", Yumi stand mit hochgezogenen Augenbrauen vor Miu, die alles anprobieren musste.
"Blut", Airi drängelte Yumi zur Seite, "und einige eingerissene Stellen. Außerdem muss sie viel bleicher geschminkt sein. Die Länge des Rocks ist doch egal."
"Wie sieht das denn aus?"
"Das muss so aussehen."
"Dann kommt doch kein Mensch ins Meido-Kafe."
"Ins Zombie-Meido-Kafe. Du bist nur dagegen."
Beide zupften und zerrten an Miu, die immer unglücklicher schaute. Das Kleid war inzwischen halb eingerissen. Trotzdem schienen Yumi und Airi irgendwie zufrieden zu sein. Ich ließ sie alleine. Ich fühlte mich auf einmal einsam.

Meine Aufgabe war die Werbung für unser Meido-Kafe. Für das Layout hatte ich eine Meido mit bluttriefendem Messer als Blickfang gezeichnet, passend zum Zombie-Thema. Yumi fand die Zeichnung etwas zu dunkel, aber ich setzte mich durch. Miu hatte sich bereiterklärt, in einem der Kostüme die Flugblätter zu verteilen. Ich war mir sicher, die männlichen Studenten würden ihr die Flugblätter regelrecht aus der Hand reißen, sie musste sie nur anlächeln. Irgendwie kam ich mir überflüssig vor.

Als ich einmal mit Yumi alleine in der Bibliothek war, sprach sie mich überraschend auf Nia an: "Hast du dich mit Nia gestritten?"

"Wieso interessiert dich das?"

Yumi blies die Luft durch die Nasenlöcher. "Du musst dich immer absondern, du grenzt dich selber aus, da musst du dich nicht wundern, wenn du alleine bist."

"Habe ich mich beklagt? Außerdem geht dich das nichts an."

"Nein, das stimmt", Yumi sah mich an, "aber du wiederholst dich. Ich weiß noch, wie du auf deinem Geburtstag Geschenke zurückgegeben oder weiterverschenkt hast, die du nicht haben wolltest."

"Das hat hiermit nichts zu tun. Was soll ich mit Geschenken, die zum Ausdruck bringen, dass nicht respektiert wird, wie ich bin?" Ich wusste auch damals zumindest im Ansatz was ich wollte und schwer zu erraten war es nicht. Über eine Gesamtausgabe von Wittgenstein oder die Bücher Turgenjews hätte ich mich gefreut, genauso wie über professionelle Zeichenmaterialien und an sich wussten das alle, trotzdem oder richtiger gerade deswegen hatten sie mir Parfüm geschenkt, einen schicken Rock, obwohl ich nur Hosen trug, und den aktuellen Beziehungsroman. Was sollte ich mit Geschenken, die ausdrücklich Ignoranz ausdrückten all dem gegenüber, was mich ausmachte?

Yumi sah das natürlich anders. "Das war nur gut gemeint."

"Nein, mit diesen Geschenken haben sie mich doch ausdrücklich abgelehnt. Sie fanden es falsch, dass ich am Strand Kant gelesen habe, auf Aussehen nichts gebe, dass ich bin, wie ich bin, für sie war das eine Aggression. Weil sie es nicht ertragen konnten, dass mir sexuelle Beziehungen nicht wichtig waren. Schließlich stellte ich damit ihre Anstrengungen in Frage." Ich schüttelte mich. "Ich erinnere mich noch an die grenzüberschreitenden Ratschläge und Fragen, ihr Drängen, die Diskussionen um Badeanzüge. Das ist, als ob du einer Vegetarierin immer wieder Fleisch servierst, weil du der Meinung bist, nur Gemüse zu essen wäre ungesund. Den Geschenken haftete immer der Geruch der Umerziehungslager an.
Dann sollen sie mir lieber nichts schenken und mich in Ruhe lassen."

Yumi zuckte mit den Schultern: "Das haben sie dann ja auch getan."

Ich zögerte einen Moment und sah Nias Enttäuschung vor mir. "Mit Nia ist es umgekehrt. Ich habe mich ignorant verhalten, indem ich ihr etwas vorgespielt habe. Ich habe sie nicht ernst genommen. Ich muss mich bei ihr entschuldigen."

Yumi stand auf. "Dann solltest du das tun."

"Ich will mich ja bei ihr entschuldigen. Ich finde nur nie den richtigen Zeitpunkt."

"Warte nicht zu lange."

Ich seufzte, in diesem Punkt hatte Yumi Recht. Ich musste mit Nia sprechen, möglichst bald. Ich ertrug diesen Zustand auf Dauer nicht. Doch auch in den nächsten Tagen bekam ich sie nicht zu Gesicht oder sie war mit Fumiko zusammen.

Ich hatte nur noch wenig zu tun und verbrachte meine Zeit zum Teil alleine zu Hause. Trotzdem kam ich nicht zum Zeichnen. Ich konnte mich einfach nicht konzentrieren.

Einen Tag vor dem Sommerfest trafen wir uns alle, um den uns zugewiesenen Seminarraum auszugestalten, aber auch hier stand ich mehr herum, als mitzumachen. Fumiko hatte Gazevorhänge besorgt. Nia wandte sich ohne mich zu beachten Fumiko zu: "Die Vorhänge sind toll." Wieder stand ich alleine im Raum.

Yumi hatte eine große Kaffeemaschine organisiert, mit der wir auch Latte Macchiato herstellen konnten. Zusammen mit Nias und Fumikos Cocktails würde das als Angebot reichen. Irgendwoher hatte Yumi auch Caféhaustische und -stühle besorgt. Ich blickte mich um und sah zu ihr hinüber. "Noch sieht der Raum aber nach einem ganz normalen Meido-Kafe aus."

"Das macht doch nichts," Yumis Tonfall war anzuhören, dass sie damit ganz zufrieden war, "Wir müssen es ja nicht übertreiben."

"Wir könnten auch einige Gazevorhänge quer im Raum aufhängen," Fumiko klang unsicher, "oder etwas Kunstblut verschmieren?"

"Vielleicht ...," Ich kam nicht dazu den Satz weiter auszuführen, Airi und mehrere Mitglieder der AGF platzten ins Zimmer.

"Keine Angst, wir kümmern uns darum." Sie trugen diverse Kartons und Gläser. Airi und die Mädchen der AGF standen nun zwischen Nia und Fumiko. Und bevor irgendwer etwas einwenden konnte, öffneten die Mädchen bereits die Gläser. Hunderte Spinnen, Käfer und Maden krabbelten heraus.

Yumi fuhr Airi an: "Was macht ihr da?"

Doch Airi ignorierte sie einfach. Sie wandte sich zu Nia: "Es war schwer, so große Spinnen zu finden", tatsächlich hatten einige der Spinnen einen Körper, der so groß war wie ein kleiner Daumen, "und die Maden haben wir extra gezüchtet."

Nia hatte sich fasziniert hingehockt, um die großen Spinnen genauer zu betrachten. Yumi stand einen Augenblick lang nur mit offenem Mund da, ehe sie sich fing.

Und noch bevor jemand protestieren konnte, packte Airi bereits einen der Kartons aus. Tierkadaver, ein Dutzend Tierkadaver kamen zum Vorschein. Miu schaute bleich auf die aufgerissenen Körper: "Sind die echt?"

"Nein, leider haben wir nur Tierpräparate bekommen," Airi hielt Miu einen Feldhamster, aus dem das Gedärm quoll, unter die Nase, "aber vielleicht finden wir am Tag des Sommerfests noch Kadaver auf der Straße. Willst du mit suchen?" Miu schüttelte nur wortlos den Kopf.

"Wir haben auch Staub gesammelt", Airi hielt einen weiteren großen Karton hoch, "Alle Mitglieder der AGF haben den Staub unter ihren Betten zur Verfügung gestellt." Sie sah uns in der Erwartung, Anerkennung zu bekommen, an und machte sich daran, den großen Karton zu öffnen.

Doch Yumi riss ihr den Karton mit dem Staub aus der Hand noch bevor Airi irgendetwas damit tun konnte. Ich weiß nicht, was Yumi beabsichtigt hatte, sicher hatte sie den Staub entsorgen wollen, doch bevor sie dazu kam, rutschte sie auf einem der Gläser, die die Mädchen einfach auf dem Boden liegen gelassen hatten, aus, der Karton entglitt ihr, erhielt dabei einen Stoß und rotierte mehrfach in der Luft um die eigene Achse, bevor er mit der Öffnung nach unten Yumi, die inzwischen ebenfalls auf dem Boden aufgekommen war, traf. Das Ergebnis war wirklich beeindruckend.

Miu sah Yumi mit großen Augen ängstlich an: "Du siehst aus wie ein Gespenst." Yumi war in eine Staubschicht gehüllt und mit ihr Teile des Raumes, immer noch flirrte Staub in der Luft.

Ich betrachtete, mich einmal um mich selbst drehend, den ganzen Raum: "Nun wirkt das Zombie-Meido-Kafe wirklich glaubwürdig."

Der Staub, die Kadaver und die krabbelnden Spinnen und Käfer hatten die Atmosphäre des Raumes radikal verändert. Erst jetzt fiel mir auf, dass Airi auch das Kätzchen mitgebracht hatte, das Kätzchen kroch neugierig unter einigen Tischen hindurch, doch am meisten war es an den Spinnen interessiert. Airi versuchte, es daran zu hindern: "Lass das." Doch davon ließ sich die Katze nicht beeindrucken. Letztendlich griff ich sie mir, nahm sie auf den Arm und streichelte sie. Ein Karton war noch übrig.

"Was ist da drin?" Yumi schaute Airi misstrauisch über die Schulter, dann blickte sie Airi irritiert an: "Kuscheltiere?"

Bevor Yumi weiter fragen konnte wurde sie von der AGF einfach beiseite gespült, die Mädchen stürzten sich auf den Karton mit den Kuscheltieren, zogen die Plüschtiere hervor und zerrissen sie mit einer Begeisterung, die für sich schon schaurig anzusehen war, in Einzelteile, die sie im Zimmer verteilten. Die Ärmchen, Beinchen und lädierten Körper der Teddybären und Stofftiere lagen nun verstreut zwischen den Kadaverpräparaten.

Das Zombie-Meido-Kafe war nun wirklich perfekt. Alle waren beeindruckt. Miu schaute entsetzt auf den abgerissenen Kopf eines Stoffpinguins und schluckte. Einen kurzen Moment lang trafen sich Nias und mein Blick, doch dann wandten wir uns beide wieder ab. Selbst Yumi musste zugeben, dass die Dekoration gelungen war: "Friedhof der Kuscheltiere." Die Mädchen der AGF bewegten sich Zombies nachahmend durch den Raum, die Spinnen hatten sich inzwischen in sichere Winkel zurückgezogen.

Nun mussten wir nur noch die Kleider anprobieren und uns einmal zur Probe schminken. Yumi und Airi hatten dafür alles vorbereitet. Alle mussten Meido-Kostüme anziehen, nur ich hatte mich konsequent geweigert, etwas anderes als eine Hose zu tragen. In Kleidern fühle ich mich einfach unwohl. Yumis verärgerter Blick erinnerte mich an unsere Auseinandersetzung darüber: "Dann brauchst du ja gar nicht mitzumachen. Wir hatten abgesprochen, dass alle als Meidos auftreten." "Dann mach ich halt nicht mit." Letztendlich hatte sie für mich ein Butlerkostüm besorgt. Nia, Miu und Fumi sahen in ihren Meido-Kostümen wie aus einem Manga in die Realität entsprungen aus. Erst nachdem Airi mit dem Schminken fertig war, legte sich der Eindruck etwas.

Stolz sah Airi in die Runde. "Wie sieht das aus, soll ich noch mehr Schminke auftragen?"

"Fumi und Nia wirken fast wie echte Leichen", Miu sah die beiden mit großen Augen an.

Yumi wirkte zwar nicht wie eine Zombie-Meido, aber dafür erinnerte sie mich mit ihren kalten grünen Augen an meine Angstvorstellung von der bösen Königin, die ich als Kind gehabt hatte. Ich kam mir als Zombie-Butler etwas unpassend vor. Airi selbst hatte an ihrem Aussehen gar nicht soviel geändert und wirkte doch als Zombie-Meido völlig glaubwürdig.
Außer ihr würden uns auf dem Sommerfest auch noch einige Mitglieder der AGF, die gerade im hinteren Teil des Raumes mit den Spinnen spielten, als Zombie-Meidos verkleidet helfen.
Auch das Kätzchen wurde von Airi trotz seiner Widerstände zum Zombie-Kätzchen geschminkt. Nur Miu sah absolut nicht gefährlich aus. Airi sah zu ihr hinüber und schüttelte den Kopf, "Ich weiß nicht, was ich noch tun soll. Egal wie ich sie schminke, sie wirkt nur noch niedlicher und hilfloser." Miu errötete bei der Bemerkung, was im Zusammenwirken mit der blassen Schminke den Ausdruck von Unschuld und Hilflosigkeit noch verstärkte.

"Ich finde, Miu sieht gut aus", Yumi hatte an Mius Aussehen natürlich nichts auszusetzen.

Nia blickte fragend zu ihr hinüber: "Wieso finden Männer hilflose Frauen eigentlich so attraktiv, haben sie Angst vor Frauen?" Yumi zuckte nur mit den Schultern und blieb die Antwort schuldig. Als Nia bemerkte, dass ich antworten wollte, wich sie mir aus. Das war einfach albern nur wegen des Box-Lunches. Nia übertrieb es einfach.

Auch an diesem Abend kam ich nicht dazu, mit Nia zu reden und am nächsten Tag war bereits das Sommerfest. Ich seufzte allein in mein Kissen, als ich im Bett über alles nachdachte. Ich musste unbedingt mit Nia reden. Vielleicht sollte ich sie auch einfach in Ruhe lassen, sie wollte ja wohl nichts mehr mit mir zu tun haben. Und vielleicht war Fumiko ja für Nia die Richtige. Ich wollte nur eine Entscheidung, lieber ein klares Ende als dies.
Doch da Yumi uns abholte, fand sich auch am Morgen keine ruhige Minute für ein Gespräch mit Nia.

Wir hatten uns um 8.00 Uhr in der Universität verabredet, zwei Stunden vor Beginn des Festes, um die restlichen Aufbauten für den Cafébetrieb zu beenden. Das Zombie-Meido-Kafe wurde von uns in zwei Schichten betrieben, damit alle auch die Möglichkeit bekamen, das Universitäts-Sommerfest zu besuchen. Die erste Schicht ging von 10.00 bis 14.00 Uhr, die zweite von 14.00 bis 18.00 Uhr. Nia hatte sich, als wir über die Zusammensetzung der Schichten redeten, mit kühlem Blick von mir ab- und Fumiko zugewandt: "Dann machen wir eine Schicht zusammen." Airi schloss sich ihnen an. Also musste ich mit Yumi und Miu die Nachmittagsschicht übernehmen.

Der Zombienachwuchs der AGF sollte uns je nach Bedarf unterstützen. Etwa ein halbes Dutzend Mädchen der AGF waren als Zombies verkleidet erschienen. Da Airi nicht zwei Termine zum Schminken hatte durchführen wollen, waren wir alle bereits entsprechend verkleidet und geschminkt. Wir mussten den Vormittag also als Zombies auf dem Sommerfest verbringen.

Ein Kind zeigte mit ausgestrecktem Finger auf mich und lief zu seiner Mutter. "Mama, die ist krank."

"Nein, das ist ein Zombie."

Das Kind sah mir mit offenem Mund hinterher. Danach schaute ich mir einzelne Attraktionen an, ein Club hatte ein Geisterhaus in zwei Seminarräumen eingerichtet. Mein Besuch sorgte dafür, dass sich eins der Gespenster massiv erschreckte, "Aah! wo kommst du denn her?"

"Tschuldigung."

Ein zweites Gespenst bewunderte Airis Schminkkünste, "Wie habt ihr das hingekriegt?"

Kurz nach mir mischte eine Gruppe von drei Nachwuchszombies der AGF das Geisterhaus nochmal richtig auf. Die Schreie waren noch mehrere Räume weiter zu hören. Danach liefen die drei zum Strandballturnier und bildeten eine Zombiemannschaft, die aber im Halbfinale disqualifiziert wurde, weil eins der Mädchen die Gegner und Gegnerinnen mit Körperteilen, Gummifingern, bewarf. Sie versuchten sich noch herauszureden, dass in den Regeln nirgends stand, dass das Werfen mit Körperteilen verboten sei, doch die Schiedsrichterin ließ sich nicht überzeugen.

Ich setzte mich auf die Wiese, beobachtete das Treiben auf dem Fest und dachte an Nia. Falls sie lieber mit Fumiko als mit mir zusammen war, würde ich ihr nicht im Weg stehen. Sie musste das entscheiden. Ich wollte ihr nicht zur Last fallen und nicht von ihr belogen werden.

Später traf ich die drei Zombiemädchen am Dönerstand wieder, sie machten sich einen Spaß daraus, so zu tun, als würden sie zusammen mit dem Döner Teile ihrer Hände verspeisen. Die Gruppe, die den Stand betrieb, scheiterte mit ihrem Versuch, sie zu davon abzubringen. "Könnt ihr das mal lassen?"

"Das schmeckt gut, Finger sind lecker."

"Da sieht total widerlich aus."

"Du findest euer Döner widerlich?"

"Sehr witzig." Der Student am Dönerstand wandte sich mir zu, offensichtlich hielt er mich für die Zombiemutter. "Kannst du die nicht erziehen?"

"Die gehören nicht zu mir." Ich nahm meine Dönertasche und setzte mich wieder abseits auf die Wiese unter einige Bäume. Bis meine Schicht dran war, hatte ich noch Zeit und hier im Schatten störte mich keiner. Und wieder glitten meine Gedanken zu Nia und den Ereignissen der letzten Wochen zurück.
Vielleicht passte Fumiko viel besser zu Nia als ich. Doch was wusste Fumiko über Nia und wie würde sie auf Big Brother Inc. reagieren? Würde sie Nia schützen können? Ich seufzte wieder einmal. Auf jeden Fall wollte ich mich nicht aufdrängen. Ich kam auch alleine zurecht, das war ich immer. Hauptsache Nia war glücklich. War sie das?

Als ich um kurz vor zwei Uhr ins Café hochging, hatten Yumi und Miu bereits ihre Schicht übernommen, Nia und Fumi waren schon gegangen. Nur Airi war noch da. "Hallo, hat alles gut geklappt?"

Airi nickte: "Die Besucher sind begeistert, heute Morgen war das Café voll, die Augäpfel sind schon fast ausverkauft." Nur noch eine kleine Pyramide der Reisballaugen starrte mich von der Theke her an.

Inzwischen schien es ruhiger geworden zu sein, mir war das recht. Ein Teil der Tische war leer, an den anderen unterhielten sich überwiegend männliche Studierende und tranken Blutcocktails oder Kaffee. "Habt ihr auch Eitercocktails verkauft?"

"Fünf Stück." Airi spielte, als sie das sagte, mit einer kleinen Spinne, die sie gefangen hatte, die Zufriedenheit war ihr anzusehen. Dann ging sie und ich übernahm ihre Schicht.

Zwei der AGF-Mitglieder vom Strandballturnier waren mit hochgekommen und halfen uns. Ihr Zombieoutfit hatte etwas gelitten, Yumi besserte es aus.

Das Zombie-Meido-Kafe war erfolgreicher, als ich gedacht hatte. Zum Glück war unsere Schicht aber nicht so gut besucht. Die meist männlichen Gäste wollten außerdem von Miu bedient werden, die beiden Zombiemädchen von der AGF räumten das alte Geschirr ab und Yumi kümmerte sich um die Kaffeemaschine. Ich hatte wenig zu tun. Nur Fragen musste ich immer wieder beantworten.

"Woraus sind die Kreuze?" Der Dozent versenkte fast seine Nase im Essen.

"Ziegenkäse."

Eine mit Yumi befreundete Studentin ließ sich von mir einen Topf mit Insektenlarven bringen. "Wie habt ihr die so echt aussehend hin bekommen?" Sie aß bereits die fünfte oder sechste.

"Die sind echt."

"Was? Ich habe die gegessen!"

"Dafür sind sie da. Sie sind sehr eiweißreich."

"Das ist nicht wahr, oder?" Sie hielt sich ein Taschentuch vor den Mund und verließ eilig den Raum.

"Findet ihr das verantwortungsvoll, hier lebende Spinnen auszusetzen? Das ist doch Tierquälerei!" Das Mädchen sah aus, als würde sie noch zur Schule gehen.

"Du kannst sie gerne einsammeln und nach draußen setzen."

"Darf ich dich fotografieren, eine Frau im Butlerkostüm zu treffen war immer ein Traum von mir. Ich habe das bisher aber nur in Manga gesehen." Der Student, der mit mir auch in einem Seminar saß und dort die meiste Zeit Studentinnen anstarrte, schwitzte. "Was machst du, nachdem das hier vorbei ist?"

"Ich esse Menschenfleisch, bevorzugt von männlichen Studenten."

"Wollen wir uns treffen?"

"Entschuldige bitte, ich habe zu tun."

"Schade."

Eine Studentin, die am Nachbartisch saß und den Wortwechsel mitbekommen hatte, starrte mit offenem Mund dem Studenten hinterher, verdrehte die Augen und grinste zu mir herüber.

Ich musste kurz aufs Klo. Als ich wieder zurückkam, bedeutete mir Yumi mit Handzeichen, zu ihr zu kommen.

"Was ist?"

"Wir haben ein Problem." Sie wies mit ihrem Blick in die Richtung, in der Miu stand.

Zuerst bemerkte ich nichts, dann fiel es mir auf. Die Stimmung im Raum hatte sich verändert, an der Mehrzahl der Tische saßen seltsam unbeweglich Gruppen gleich aussehender Männer, die schweigend auf die Tische starrten. "Big Brother."

Yumi sah mich fragend an. "Was? Stimmt, du hast Recht, das hatte ich gar nicht bemerkt."

"Was meintest du? Du hast mich doch selbst darauf aufmerksam gemacht."

"Miu," Yumi wies mit dem Blick in ihre Richtung, "ich befürchte sie hat einen Rückfall, sie hatte früher stark inverses Chunibyo (10)."

"Was ist inverses Chunibyo?" Ich hatte von Chunibyo bereits gehört, aber jetzt war ich verwirrt, doch die Zeit lief uns davon, die Atmosphäre im Raum wurde immer drückender, dunkle Schatten schienen die gleichartigen bleichen Männer einzuhüllen und den Raum auszufüllen, ich wartete nicht auf Yumis Antwort. Die beiden Mädchen von der AGF hatten inzwischen auch bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Ich schickte sie nach draußen, um dafür zu sorgen, dass niemand weiter ins Café kam. "Und wir brauchen Hilfe." Dann drängte ich die letzten normalen Gäste hinaus. "Entschuldigt, aber die Tische sind gleich belegt." Kaum waren sie draußen, als auf einmal die Tür verschwand. Wir waren in einer Art abgeschlossenem Raum. Niemand konnte mehr rein und wir nicht raus.

Die Männer an den Tischen wandten ihre Köpfe Yumi und mir zu. Doch Yumi beachtete sie gar nicht. Ich berührte sie an der Schulter. "Was ist? Wir müssen Miu warnen." Miu stand mit dem Rücken zu mir, ich wusste nicht, ob sie die Gefahr bemerkt hatte und machte mir Sorgen um sie.

Yumi schüttelte den Kopf. "Wir müssten eher die Männer vor ihr schützen."

"Was ...?" weiter kam ich nicht, alle Männer schienen auf einmal gleichzeitig zu sprechen, ein dumpfer Choral aus einer anderen Welt. "Wir haben dich gewarnt. Wir können nicht zulassen, dass Nia auf dieser Welt bleibt. Ihr seid das, was sie hier hält, also werden wir euch auslöschen." Bei den letzten Worten formten sich die Köpfe und Arme der Männer in monströse Schlangenmenschenköpfe mit langen Zungen und Schlangen artige Extremitäten um. Sie wankten in unsere Richtung. Big Brother hatte uns also doch nicht vergessen. Yumi blieb seltsam ruhig. Ihr Blick war immer noch nur auf Miu gerichtet. Ich begriff einfach nicht, was sie dachte. Wir waren nur auf uns gestellt. Was sollten wir tun?

Doch bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, stand urplötzlich auf einmal Miu zwischen uns und den Monstern, ihre Stimme klang kalt wie Eis, ich erkannte sie fast nicht wieder: "Ihr seid aufgestanden ohne aufzuessen!" Der Klang ließ mich innerlich erstarren, kalter Stahl. Auch ihre hellblauen Augen hatten die Farbe geändert, sie waren zu Gletscherabgründen geworden und ihre Haare leuchteten seltsam dunkel, ihr Zombie-Meido-Kostüm wirkte auf einmal alles andere als niedlich und doch sah sie mehr wie eine Meido aus als zuvor, nur wie eine Meido aus einem Horrormanga. Irgendwoher hatte sie auf einmal große Küchenmesser in ihren Händen, auf ihrem Gesicht erschien ein kaltes Lächeln.

"Was ist mit ihr?"

Yumi zog mich zurück, "Inverses Chunibyo, ein Rückfall, sie hat sich in Dark-Meido-Chan verwandelt. Du weißt, beim Chunibyo werden für die Betroffene die Grenzen zwischen Realität und Fiktion fließend, sie übernehmen Eigenschaften und Verhaltensweisen ihrer Mangaheldinnen," Yumi flüsterte fast, so leise sprach sie, "beim inversen Chunibyo drehen sich diese Eigenschaften um, aus der untertänigen Meido wird die umgedrehte böse Variante, Dark-Meido-Chan. Du solltest ihr in diesem Zustand lieber nicht in die Quere kommen. Sie weiß mit Küchenmessern umzugehen." Die Monster griffen mit ihren Schlangenarmen nach Miu, ich wollte ihr helfen und war doch gleichzeitig starr vor Entsetzen, Yumi griff nach mir. "Sie braucht deine Hilfe nicht."

Dann ging alles ganz schnell. Ich hatte so etwas bisher nur in Filmen gesehen. Miu bewegte sich, als würde sie tanzen, die Küchenmesser glitten durch die Luft, Schlangenarme fielen zu Boden, abgeschnitten, Monster sackten in sich zusammen, von Schnitten niedergestreckt, die, aufgrund ihrer Geschwindigkeit kaum zu sehen waren. Ihr Schreien erfüllte die Luft, die Stille des Tanzes von Miu wurde dadurch nur noch mehr hervorgehoben. Sie sprang in die Luft, ein Salto, dann wirbelte sie durch den Raum. Die Monster wurden niedergemäht wie Gras. Nach einem Augenblick war alles vorbei, Miu stand mit blutigen Klingen zwischen den zerstückelten Körpern der Monster, die aber bereits dabei waren, sich in Nichts aufzulösen.

Immer noch schien von Miu ein dunkles Leuchten auszugehen, als würde sie Nacht um sich herum verbreiten. Langsam drehte sie sich zu uns um: "Sie haben sich nicht für das Essen bedankt", mit diesen Worten putzte sie sorgsam die Küchenmesser. Ich wagte nicht, mich zu rühren, Mius Blick ließ mir das Blut gefrieren. Dann fing Miu plötzlich unvermittelt an zu zittern und plötzlich sackte sie zusammen.

Yumi lief zu ihr hin, fing sie auf und bettete die Schlafende auf einige Gazetücher, die in einer Ecke des Raumes lagen, sie blickte mich ruhig an, "Ich sagte dir doch, sie ist eine Meido, Dark-Meido-Chan, eine Dienstmagd, sie weiß mit Küchenmessern umzugehen."

Die Körper der Monster waren verschwunden, auch der abgeschlossene Raum hatte sich aufgelöst, so schnell, wie er aufgetreten war, alles schien wie vorher zu sein, nur die blanken Messer, die neben Miu auf dem Boden lagen und einige umgestoßene Tische verrieten noch, was eben passiert war. Yumi bemerkte, dass ich immer noch fassungslos auf Miu blickte. Ihr Blick kreuzte meinen. "Hast du noch nie von den Dark-Meidos gehört?"

"Doch", ich nickte, "bisher habe ich das aber für einen Akihabara-Mythos (11) gehalten." Ich erinnerte mich an eine Zeitungsnotiz, die behauptete, die Polizei hätte in einer Gasse in Akihabara in einem Müllcontainer abgeschnittene Ohrläppchen gefunden. Und die Gerüchte besagten, dass es ein Meido-Kafe gab, das anders war, ein Kafe der Dark-Meidos. Nach Außen sah es wie ein normales Meido-Kafe aus, die Kunden wurden mit 'Willkommen zu Hause, Master' empfangen und perfekt bedient, doch dann, wenn die Kunden sich entspannten, wandelte sich mit einmal die Szenerie, die Meidos verwandelt sich in Dark-Meidos und niemand konnte ihnen entkommen. Die Ohrläppchen (12) waren das Einzige, was von den Kunden noch aufzufinden gewesen war.

Yumi grinste böse, "Gerüchte haben meist einen wahren Kern."

Ich schluckte, "Wer ist Miu wirklich?"

"Beides", Yumi zuckte mit den Schulter, "du kannst nicht immer nur lieb sein, und je heller eine Person im Licht strahlt, desto schwärzer ist sie in der Nacht. Alles hat zwei Seiten. Aber sie wird sich, wenn sie aufwacht, an nichts mehr erinnern."

"Wieso hatte sie den Rückfall?"

"Wahrscheinlich hat die Bedrohung es bewirkt." Yumi zuckte mit den Schultern. Sie schien das alles nicht ungewöhnlich zu finden.

In dem Moment platzte Airi mit Teilen der AGF in den Raum. "Was ist passiert?"

Ich musste fast eine halbe Stunde lang ihre Fragen beantworten. Das Zombie-Meido-Kafe hatten wir geschlossen, wir hatten sowieso bald schließen wollen. Kurz räumten wir noch die Lebensmittel weg. Um die Kaffeemaschine und alles andere würden wir uns am nächsten Tag kümmern. Miu schlief immer noch. Nur Nia und Fumiko waren nirgends zu sehen. Ich begann, mir Sorgen zu machen, waren sie vielleicht auch angegriffen worden? Doch da kamen beide die Treppe herauf. Nia war ganz außer Atem, sie sah mich besorgt an. "Ich habe eben erst gehört, was passiert ist. Geht es dir gut?"

"Hattest du mit Fumi einen schönen Nachmittag?" Mich fror selbst, als ich die Kälte meiner Stimme hörte. Ich hatte wirklich Angst gehabt, die Furcht war mir in den Nacken gekrochen und hatte mich gelähmt, als die Monster uns angegriffen hatten und Nia war nicht da gewesen. Sie hatte mich allein gelassen. Ich konnte einfach nicht freundlich sein, nicht jetzt, ich sah Nia nicht einmal richtig an.

Nia schüttelte nur ungläubig den Kopf und lief dann weg. Fumiko folgte ihr. Kurz hatte ich den Eindruck, dunkles, graues Gelächter würde durch den Raum klingen. Doch ich hatte mir das nur selbst zuzuschreiben. Auch den Rest des Abends gingen wir uns aus dem Weg. Fumiko und Nia schienen miteinander beschäftigt. Ich hatte zumindest meine Ruhe. Vielleicht war dies so richtig.

Zum Abschluss des Festes als die Nacht begann, lief als letzter Programmpunkt das Feuerwerk. Ich hatte mich umgezogen und abgeschminkt und war dann mit Miu und Yumi zusammen nach unten gegangen. Airi und die AGF tobten irgendwo durch die Nacht. Miu wusste, nachdem sie aufgewacht war, tatsächlich nichts mehr von dem, was passiert war und wirkte wieder wie vorher. Nichts an ihr erinnerte mehr an Dark-Meido-Chan und doch trat jedes Mal, wenn ich sie anblickte, wieder die dunkle Gestalt vor meine Augen, als würde sie sich wieder verwandeln, ich konnte ihren Anblick nicht vergessen. Dabei hielt Miu sich schüchtern an Yumis Pulli fest und zuckte bei jedem Knall der am Nachthimmel explodierenden Raketen zusammen. Nia hatte ich nicht mehr gesehen, seit sie weggelaufen war. Ich versuchte, nicht an sie zu denken

Dann sah ich sie und Fumiko abseits hinter der Turnhalle. Irgendetwas beunruhigte mich an Nias Bewegungen, sie wirkten fast verzweifelt. Ich zögerte einen kurzen Moment, doch dann ging ich widerstrebend zu ihnen hinüber. Sie sahen mich zuerst nicht. Nia liefen Tränen herab und Fumiko wirkte auf mich in diesem Augenblick kälter als Dark-Meido-Chan. Ein Spiegel meiner Gefühle. Als sie mich sah, wandte Nia sich ab. Ich schluckte, ihr Streit ging mich nichts an. Ich wandte mich auch ab. Ich war nicht zuständig.

Doch dann spürte ich auf einmal Nias Atem im Nacken. Sie war hinter mir hergelaufen und stand nun direkt hinter mir. Sie hielt mich am Arm fest. Der Blick ihrer großen dunklen Augen durchdrang mich. Ihre Stimme zitterte. "Was auch passiert, vergiss nicht, dass ich dich liebe", sie umarmte mich kurz, "bitte!" Doch als ich ihre Umarmung erwidern wollte, entzog sie sich und lief zurück.

Kapitelübersicht




Kapitel 6 - Vergiss nicht, dass ich dich liebe!


Vergiss nicht, dass ich dich liebe! Der Satz ging mir die ganze Nacht im Kopf herum. Wie hatte sie das wirklich gemeint? Für mich hatte es wie ein Abschied geklungen. Sie hatte mich zurückgewiesen.
Ich vergrub meinen Kopf im Kissen. Dieser Satz erschien mir im Nachhinein immer mehr als ein typischer Versuch Nias, ihre Gefühle auch vor sich selbst zu vertuschen. Vermutlich hatte sie ein schlechtes Gewissen. Ich sollte ihr einfach sagen, dass sie frei war. Ich wusste nicht, wieso ich so empfand. Doch das Gefühl, wieder allein zu sein, wurde immer stärker.

Ich hatte am Abend keine Möglichkeit mehr gefunden, mit Nia alleine zu sprechen. Und auch die nächsten Tage ergab sich keine ruhige Minute. Immer war Fumiko da, die nun sogar bei uns übernachtete, und trotzdem hatte ich den Eindruck, dass Nia nicht glücklich war. Ich halte Menschen nicht fest, wenn sie mit anderen zusammen glücklicher sind. Doch Nia verstand ich nicht. Auf meine Nachfragen reagierte sie ausweichend. Falls sie sich nicht äußerte, würde ich für Klarheit sorgen. Lieber ein klarer Bruch, als der anderen langsam aber sicher zur Last zu werden.

"Fühlst du dich hier nicht mehr wohl?"

"Nein, du bist wunderbar."

"Du wirkst unglücklich."

"Ich schlafe wohl zu wenig."

"Ich bin dir nicht böse, wenn du lieber mit Fumiko zusammen sein willst." Sie sah weg und schwieg, ich zitterte leicht: "Du bist frei."

Sie drehte sich weg und ging. Ich kannte so etwas von früheren Bekanntschaften, bei denen ich gehofft hatte, eine Freundin zu finden. Der Ablauf schien mir bekannt. Irgendwann würde der Tag kommen, an dem sie einen Grund finden würde, mich zu verlassen. Darauf wollte ich nicht warten. Dann wollte ich es lieber jetzt beenden. Nur war auch das nicht möglich, ich hatte den Eindruck, dass sie mir auswich.

Und dann war Fumiko immer bei ihr. Das war einfach zu viel für mich, obwohl Fumiko immer freundlich zu mir war, fast zu freundlich: "Ich hoffe, ich störe nicht, wenn ich so viel hier bin?"

"Nein, natürlich nicht. Du bist doch Nias Freundin. Hier ist genug Platz." Sollte ich ihr sagen: Lass mich in Ruhe, geh? Sie hatte mir nichts getan. Nia war diejenige, die mir versprochen hatte, mich nicht zu verlassen. Und vielleicht war Fumiko ja die Richtige für Nia. Ich wusste ja nicht einmal, wie ich sie bei einem Angriff von Big Brother schützen könnte. Trotzdem wollte ich Nia und Fumiko nicht zusammen sehen. Ich zog mich deshalb abends in den Garten hinter dem Haus in den Schatten zurück und trank hier meinen Kaffee.

Ich saß dort draußen allein im Dunkeln in der Kühle der der Nacht, als ich ihre Stimmen über mir hörte. Im Schatten war ich praktisch nicht zu sehen.

"Du liebst Rin?" Fumis Stimme, sie lehnte am Fenster. Ich zog mich zusammen, machte mich vollständig unsichtbar.

"Nein, wie kommst du darauf." Nias Antwort.

"Du hast es ihr doch gesagt?"

"Das habe ich nur gesagt, um sie nicht zu verletzen. Sie hat mit allem nichts zu tun, falls du etwas von mir willst, dann halte dich allein an mich."

"Sie ist dir also gar nicht wichtig?"

"Nein, lass ..." Der Rest des Satzes ging im Quietschen des sich schließenden Fensters unter. Die weitere Unterhaltung brauchte ich auch gar nicht zu hören. Ich hatte es ja gewusst. Trotzdem tat sich ein schwarzer Abgrund unter mir auf. Ich fror auf einmal am ganzen Körper. Wieso konnte sie mir nicht wenigstens die Wahrheit sagen?
Diese Nacht schlief ich nur wenige Stunden, die meiste Zeit lag ich wie erstarrt im Bett, ich fror weiter. Ich würde das beenden.

Der Zufall wollte es, dass ich am nächsten Tag mit Nia seit langem wieder einmal alleine zu Hause war. Fumi war überraschend in die Stadt gefahren und Airi hatte eine Verabredung mit den Mädchen der AGF. Nia lächelte mich unsicher an. "Lass uns ein bisschen zu zweit rausgehen, das haben wir lange nicht mehr gemacht."

Mir schnürte sich die Kehle zu. "Gut, meinetwegen."

"Du wolltest mir noch den alten Spielplatz zeigen, den du so magst. Du sagtest doch, er ist für dich ein verwunschener Ort." Nia berührte meinen Arm, ich wich zurück. Sie blickte mich bestürzt an.

Schweigend gingen wir durch die Straßen. Nia wirkte immer beunruhigter. "Was ist?"

"Nichts, würdest du doch sagen."

Sie sah mich verwirrt an. "Wieso?"

"Da ist der Spielplatz."

Der Spielplatz war alt, mit altem Baumbestand, er wurde kaum benutzt, die Sandkiste war leicht zugewachsen. Die Schaukel bewegte sich im Wind. Hier war fast nie jemand, auch heute hatten wir diesen Ort für uns. Nia setzte sich auf eine der Schaukeln und bewegte sich leicht hin und her, sie lächelte mich an. "Weißt du, wie wohl ich mich fühle, bei dir zu leben?"

Ich schwieg und riss einen Grashalm aus, dann wandte ich mich ihr zu. "Du solltest mit Fumiko zusammenziehen. Ich denke, das ist besser. Such dir bitte etwas Neues." Ohne ihr auch nur die Chance zu geben, etwas zu erwidern, lief ich davon. Ich wollte sie nicht hören, ihre Lügen. Ich begriff sie nicht, wie konnte sie das tun? Wieso behandelte sie mich so? Auch ihr Schluchzen, das hinter mir erklang, ließ mich nicht umdrehen. Wieso schluchzte sie? Sie hatte das doch so gewollt.

In den nächsten Tagen wich ich ihr aus. Ich stand so früh auf, dass ich sie nicht sehen musste und sobald ich nach Hause kam, schloss ich mich auf meinem Zimmer ein. Ich wollte nur noch allein sein. Ich verweigerte jedes Gespräch mit ihr. Sie sollte einfach gehen. Sie konnte mich so nicht behandeln. Sobald ich jemanden im Haus traf war ich abweisend und kalt. Selbst Airi war von meinem Verhalten eingeschüchtert.

Und doch vermisste ich Nia gleichzeitig. Insofern war es für Fumiko nicht allzu schwer, meine Abwehr zu durchbrechen. Sie trat mir in den Weg: "Ich muss mit dir reden. Ich fühle mich schuldig an allem."

"Das musst du nicht."

"Bitte lass mich dir trotzdem einiges erklären. Hast du morgen Nachmittag Zeit? Ich fasse mich auch kurz, bitte."

Ich zögerte, dann willigte ich ein: "Meinetwegen", nur Nia sollte nichts davon erfahren, "aber nur wir beide."

Fumiko nickte: "Dann sollten wir zusammen raus gehen."

Ich stimmte zu. Airi wollte an dem Nachmittag mit der AGF zum Schlittschuhlaufen auf die Eislaufbahn und Nia traute sich nicht mehr mich anzusprechen. Niemand würde Fragen stellen. Ich wusste nicht, was mich erwartete, doch an sich erwartete ich von dem Treffen nichts.

Ich traf mich mit Fumiko unweit des Hauses. Als ich gegangen war, hatte ich darauf geachtet, dass Nia davon nichts mitbekam. Ich wusste nicht genau, was Fumiko wollte, aber sie wirkte leicht nervös. Sie sah mich an. "Ich will dir etwas zeigen." Sie führte mich durch Straßen, die selbst ich nicht kannte, und dann einen schmalen Weg entlang. Wohin wollte sie? Sie wollte mir doch nur etwas sagen.
Wir schwiegen die ganze Zeit, ich wartete darauf, dass Fumiko anfing zu sprechen, doch sie sagte nichts. Auf einmal waren wir auf dem Gelände einer stillgelegten Fabrik. Sie drehte sich zu mir um. "Wir sind da." Auf der verwilderten Wiese blühten wilde Blumen. "Findest du das nicht schön?"

"Was willst du?"

"Lass uns in die alte Halle gehen, bitte." Sie drängte mich in eine alte Fabrikhalle. Im Halbdunkel der alten Industriehalle war nichts Besonderes zu sehen.

"Und?"

Fumiko wirkte unsicher. Sie atmete schnell. Dies war doch keine Prüfung und außer mir und ihr war hier niemand. Ich wollte sie gerade beruhigen, als sie auf einmal auf mich zukam und meine Hände ergriff: "Ich habe eine Überraschung für dich, bitte mach kurz die Augen zu und streck die Hände aus." Ich zögerte, doch ich wollte keine Spielverderberin sein, Fumiko hatte mir nichts getan, also streckte ich ihr meine Arme hin. Ich spürte, wie sie meine Handgelenke umfasste, dann plötzlich wurde ihr Griff hart, meine Arme wurden nach hinten gezogen, ich spürte kaltes Metall, ein Klicken war zu hören.
Überrascht öffnete ich die Augen. Fumiko hatte mich mit Handschellen an eine Betonsäule gefesselt. Als ich das begriff, war es zu spät. Ich hatte ihr einfach vertraut. Ich verstand nichts mehr, was wollte sie?

In Fumikos Gesicht stand ein kaltes, triumphierendes Lachen, hasserfüllt und abschätzig starrte sie mich an: "Wie kann man so dumm sein? Du bist selber schuld, wenn du zu Schaden kommst. Menschen wie du haben das nicht besser verdient." Dann wandte sie den Blick ab und sah nach draußen.

"Was soll das, was habe ich dir getan?"

"Du bist glücklich. Du machst Nia glücklich. Wie kann sie es wagen, glücklich zu sein?" Sie wandte sich wieder mir zu, in ihren Augen lag eine Mischung aus Wut und Schmerz: "Aber du wirst hier sterben - heute. Und Nia wird vor Verzweiflung diese Welt auslöschen."

"Wieso sollte sie das tun? Und was willst du überhaupt?" Ich spürte wie mir bei Fumikos Worten ein kalter Schauer über den Rücken lief.

"Nia wird das tun, weil sie dich mehr als alles andere liebt und du hast sie in Verzweiflung gestürzt. Außerdem wird sie in diesem Moment von Big Brother Inc. angegriffen und sie werden ihr erzählen, wie du gestorben bist." Sie umfasste mich von hinten, hielt mich fest und pustete mir ins Ohr, ich hörte ihr Lachen, dann griff sie in meine Tasche und zog mein Mobiltelefon heraus, ich versuchte das zu verhindern, doch gefesselt konnte ich nichts dagegen unternehmen. Sie hielt das Mobiltelefon vor mein Gesicht. "Und damit sie weiß, dass das stimmt, werde ich ihr jetzt eine SMS schicken." Sie fotografiert mich gefesselt an der Säule, dann tippte sie einen kurzen Text in mein Mobiltelefon und sandte ihn zusammen mit dem Foto ab. Sie zeigte ihn mir: 'Du wirst Rin nie wiedersehen - nicht lebend / Du bist schuld! Liebste Grüße, Fumi.' Zum Schluss entnahm sie die SIM-Karte und zerstörte sie. Sie blickte mich an. "Danke, dass du mich neulich damit hast telefonieren lassen und mir dabei die Freischaltung gezeigt hast."

"Wieso glaubst du, dass das Nia berühren wird?" Ich dachte an den Abend zurück, als ich die Stimmen von Fumiko und Nia gehört hatte, vor dem Streit mit Nia auf dem alten Spielplatz. Ich verstand Fumiko nicht: "Du weißt doch ganz genau, dass sie die Gefühle für mich nur vortäuscht. Sie hat es dir doch erzählt. Was willst du? Du hast sie doch für dich."

Fumiko sah mich mit Verachtung an. "Du hast das geglaubt, und so etwas nennst du Liebe", sie blickte nach draußen, "dabei wollte sie mich mit dieser Lüge überzeugen, um dich zu schützen, weil sie wusste, wozu ich fähig sein würde. Sie konnte dich nicht sehen, nur ich habe dich gesehen. Das war lustig, dein entsetzter Blick," sie tanzte durch den großen Raum, "und dann hast du Nia bei eurem nächsten Treffen in die Dunkelheit gestoßen. Und sie konnte gar nicht begreifen, was passiert. Wieso du auf einmal kalt und unnahbar warst? Das hat ihr den Rest gegeben. Du hast mir die Arbeit wirklich leicht gemacht. Liebst du sie überhaupt?"

"Du lügst." Ich spürte meine Glieder gefrieren. Wieso hatte ich Nia Unrecht getan? Wieso hatte ich ihr keine Chance gelassen, sich mir zu erklären? War ich dumm? Geschah mir das recht? Ich zitterte.

"Nein," Fumi lächelte wieder, "du weißt, dass ich nicht lüge, du hast Nia im Nichts stehen lassen. Aber sie hat das verdient und du auch, weil du sie liebst."

"Warum?"

"Warum? Warum? Das fragst du, du weißt es doch. Du weißt doch alles und trotzdem hast du sie aufgenommen." Auf einmal sah ich Tränen auf Fumikos Gesicht, sie starrte ins Nichts, schwieg, holte Luft, ihre Stimme stockte, dann fuhr sie leise fort: "Du hilfst einer Massenmörderin und fragst mich, wieso ich sie hasse? Wie kannst du sie lieben? Weißt du, wie das ist, wenn alle, die du liebst, von einem Moment auf den anderen tot sind, einfach aufhören zu existieren, sinnlos abgeschlachtet, weil ein bioandroidisches System eine Fehlfunktion hatte?" Sie schluckte und wischte sich die Tränen weg. Sie stand nun wieder direkt vor mir, ihr Blick durchdrang mich bis auf die Knochen. "Nein, das weißt du natürlich nicht. Du findest Nia ja so niedlich und lieb." Sie ließ den Kopf sinken. "Ich war nur einen Tag abwesend, ein Ausflug auf einen Nachbarplaneten, und als ich zurückkam, waren alle tot, nur die Leere war dort, nicht einmal Überreste, keine Leichen, keine Erinnerungen, keine Welt, nur das Nichts. Die vollständige Auslöschung, als hätten sie nie existiert. Ich habe nicht einmal ein Grab, an dem ich um sie trauern kann." Sie starrte mich wutentbrannt an und zitterte doch gleichzeitig. "Ich hatte damals eine Kette für meine beste Freundin gekauft. Ich wollte sie ihr mitbringen, sie überraschen. Sie ist das Einzige, was mir geblieben ist." Sie hockte sich auf den Boden, Tränen liefen ihr nun wieder herab und durch ihre Finger sah ich die Kette glitzern.

Ich biss mir auf die Lippen. "Sie wollte das nicht."

Fumiko klang kalt wie ein Grab. "Sie wollte das nicht, das entschuldigt natürlich alles. Klar, wenn sie alle nur getötet hat, weil sie ein bisschen die Kontrolle verloren hat, ist das natürlich verzeihlich. Wie sollte ich ihr das übelnehmen? Ich habe diejenigen, die sie ermordet hat, ja nur geliebt, was rege ich mich auf? Sag du mir, was würdest du tun?"

"Wusste Nia das? Wusste sie, wer du bist?"

"Zuerst nicht", Fumiko wirkte nun ruhiger. Mich beunruhigte das nur noch mehr, sie schien dies alles lange geplant zu haben. Ich spürte, wie die Furcht meine Glieder lähmte, "und als sie es herausgefunden hat, auf dem Sommerfest beim Feuerwerk, wusste sie nicht, was sie tun sollte." Ihre Stimme bekam einen kalten und abweisenden Klang. "Sie hatte ein schlechtes Gewissen. Sie konnte mir nichts tun, sie war mir völlig hilflos ausgeliefert. Und dann, in den Tagen darauf, hat sie bemerkt, worauf ich hinauswollte. Dass ich ihr die Verletzungen zufügen wollte, die sie mir zugefügt hat." Fumikos Gesicht war auf einmal ganz dicht vor meinem. "Irgendwann hat sie begriffen, dass ich allen, die ihr nahe waren, Schmerz und Tod bringen würde, nur um sie zu verletzen. Also hat sie alles getan, um dich zu schützen, um mich davon zu überzeugen, dass du ihr völlig egal bist." Sie wandte sich ab und lachte irr. "Und dann hat sie damit nur dich überzeugt."

Der Boden unter meinen Füßen schien sich aufzutun, ich hatte Nia verraten, die nur versucht hatte, mich zu schützen. Und nun würde ich sterben, ohne ihr sagen zu können, dass ich sie liebte. Ich riss an den Handschellen, immer wieder, kaum spürte ich noch meine Handgelenke, doch ich kam nicht frei. Ich würde sterben und Nia würde leiden. Nichts blieb mehr, ich spürte nichts mehr. Die Welt um mich herum schien zu versinken. Und ich war schuld.

"Du hast es mir leicht gemacht, dadurch dass du Nia weggestoßen hast." Fumikos Stimme drang nur langsam zu mir durch, ein kurzes Auflachen, dann wieder kalte tonlose Worte: "Ich hatte euch ja auch extra allein gelassen. Du bis so berechenbar und leicht zu benutzen. Ich hatte nicht mehr viel Spaß, seit NI410/2571A meine Freundinnen umgebracht und alles, was ich geliebt habe, zerstört hat. Du hast mich zum Lachen gebracht", sie griff mir unter das Kinn, ihr Blick wirkte nun vollständig verrückt, "dafür danke ich dir, keine Angst, du wirst nicht lange leiden."

Die Schmerzen meiner aufgeschürften Handgelenke erschienen mir wie eine gerechtfertigte Strafe, meine Glieder waren zu Eis erstarrt. Ich hatte Nia im Stich gelassen und ich konnte Fumiko verstehen. Irgendwie war sie sogar im Recht. Und doch wollte ich nicht sterben, ich wollte Nia wiedersehen, sie festhalten und ihr sagen, dass ich da sei für sie. Ein Messer, ein langes scharfes Messer war auf einmal in Fumikos Hand und näherte sich meinem Hals. Das also war das Ende, das war so sinnlos, ich duckte mich hilflos weg. Fumiko zuckte nur mit den Schultern und zielte nun auf meinen Bauch. Ich wich wieder aus, und wusste doch, dass ich auf Dauer meinen Tod nicht würde verhindern können. Die Dunkelheit würde mich verschlucken und ich würde Nia nie wiedersehen. Fumikos Augen waren leer, mitleidslos. "Bedank dich bei deiner Liebsten." Sie holte aus.
Wie ist es zu sterben? Der Gedanke durchzuckte mich. Bald würde ich es wohl wissen. Doch ich wollte leben.

Da erklang vom anderen Ende der Halle auf einmal eine Stimme: "Pass auf, dass du dich nicht selber schneidest." Yumi stand im Halbdunkel der Halle.

Fumiko wandte sich um und richtete das Messer nun auf Yumi. "Was willst du?"

Yumi sah sie nur kalt an. Sie lief mit fast fliegenden Schritten auf Fumiko zu, die ihr mit dem Messer bewaffnet entgegentrat. Kurz bevor sie Fumiko erreichte, zog Yumi ein Bokutachi (13), ein langes stabiles Schwert aus Edelholz, unter ihrem Kleid hervor. Sie hatte es unter dem weiten Stoff verborgen. Ich wusste, dass Yumi über Jahre das Schwertkampftraining im Dōjō (14) ihres Onkels besucht und dafür ein Holzschwert benutzt hatte. Nur hatte ich ihr Bokutachi noch nie zu Gesicht bekommen. Sie blickte Fumiko an, sie war die Ruhe selbst. "Lass das Messer fallen."

Fumiko schwieg nur hasserfüllt und stach mit dem Messer in Richtung Yumi. Dann ging alles ganz schnell: Yumi wich dem Messer aus und schlug Fumiko auf die Hand, Fumiko schrie vor Schmerz auf, das Messer fiel zu Boden, dann brachte Yumi sie zu Fall und band ihr mit ihrem Gürtel die Hände und Füße zusammen. Danach zog sie Fumiko in eine Ecke der Halle. Zum Schluss nahm sie ihr noch die Schlüssel für die Handschellen ab. Dann ließ sie das Holzschwert wieder in ihrem weiten Kleid verschwinden. Fumiko sagte nichts, sie starrte nur mit aufgerissenen, ausdruckslosen Augen den Hallenboden an. Sie schien nichts um sich herum mehr wahrzunehmen. Dann brach sie auf einmal in irres Lachen aus, bis auch das verstummte. Plötzlich sah sie mit glasigem Blick Yumi an. "Ihr habt versagt. Alles ist zu spät. Nia wird alle und alles hier auslöschen in ihrer Trauer um Rin." Bei den letzten Worten blickte sie zu mir. Dann wandte sie sich ab und verfiel in ein leises Selbstgespräch, eine sinnlose Aneinanderreihung von Satzfetzen: "... sterben mit ... rote Rosen ... für dich ... ich will nicht ... "

Yumi wandte sich von ihr ab und mir zu. Sie befreite mich. "Deine Handgelenke bluten."

Ich sackte zu Boden. "Das ist nicht wichtig. Wir müssen zu Nia." Doch meine Beine wollten mir nicht gehorchen. Mir blieb nichts übrig, als sitzen zu bleiben. "Woher wusstest du, dass ich hier bin?"

"Ich bin euch gefolgt."

"Wieso?"

"Fumiko hat sich auffällig verhalten."

"Warum hattest du das Schwert dabei?" Ich versuchte erneut aufzustehen.

Yumi half mir auf, ich konnte nur zitternd stehen, dann antwortete sie mir: "Nach unseren letzten Erlebnissen, wollte ich nicht nochmal überrascht werden Schließlich muss man in deinem Bekanntenkreis auf alles gefasst sein."

Ich sagte nichts dazu, ein Frösteln schüttelte mich immer noch, doch langsam konnte ich wieder alle Glieder bewegen: "Wir müssen Nia warnen."

Yumi nickte. "Du liebst Nia?"

Ich fühlte mich schuldig. "Ja, und ich habe ihr nicht vertraut."

"Begehrst du Nia?"

"Nein, ich weiß nicht, ich finde es unsinnig, Sexualität und Liebe zwanghaft zusammen zu bringen. Ich glaube, dass unsere Gesellschaft dadurch viele Beziehungen kaputt macht, die Liebe zerstört. Ich liebe Nia, ich möchte ihr nahe sein aber das hat nichts mit Begehren zu tun. Wieso fragst du?"

"Nur so." Yumi blickte mich nachdenklich an. "Du hast vermutlich Recht mit dem, was du sagst, aber in dieser Gesellschaft ist Liebe ohne Sexualität ein Tabu. Und falls zwei Frauen zusammenleben und sich dabei zugewandt sind, wie du und Nia, wird ihnen automatisch ein sexuelles Verhältnis unterstellt. Trotzdem solltest du Nia einfach sagen, dass du sie liebst." Ich wusste, dass sie Recht hatte, erwiderte aber nichts. Die Angst um Nia ließ mich nicht los. Ich hatte sie allein gelassen. Ich musste sie unbedingt sprechen.

Yumi versuchte mit ihrem Telefon, Nia bei uns zu Hause zu erreichen. Doch Nia nahm nicht ab. Was war mit ihr? Hatte Big Brother Inc. angegriffen? War sie in Gefahr? Stimmte es, was Fumiko gesagt hatte?
Ich musste ihr unbedingt mitteilen, dass mir nichts passiert war und ich wollte ihr all das sagen, was ich nicht gesagt hatte, aus Dummheit und aus mangelndem Vertrauen, und ich wollte mich entschuldigen. Würde sie mir verzeihen? Doch falls sie in Gefahr war, war das alles nicht wichtig. Ich wollte sie schützen, obwohl ich nicht wusste, wie. War ich für sie nicht eher eine Last? Nach der SMS von Fumiko musste Nia das Schlimmste annehmen.

Yumi schüttelte den Kopf. "Ich komme nicht zu ihr durch." Nun wurde auch Yumi unruhig und dann bekam sie auch noch eine SMS von Airi: 'Werden angegriffen, kämpfen auf der Eisbahn.'

Zusammen mit der SMS hatte Airi Yumi einen kurzen Filmpic zugeschickt: Zu Beginn waren Hunderte Hüllenmänner auf den Rängen des Eisstadiums zu sehen, das unter der Woche der Öffentlichkeit als Eisbahn zur Verfügung stand. Sie drängten mit wankenden Schritten auf die Eisfläche. Dann schwenkte die Kamera auf die kleine Gruppe von Mädchen der AGF, die im steilen Bogen auf die Hüllen zufuhren und sie mit improvisierten Eishockeyschlägern zu Fall brachten. Die Fallenden wurden von den nachfolgenden Hüllen einfach ignoriert und zu Boden getreten. Immer wieder griffen die Mädchen an, fast sah es aus, als würden sie eine Art anarchische Kür aufführen, Airi half mit ihrem Schwert überall aus, doch die Zahl der Hüllen schienen immer weiter zu wachsen. Sie lösten sich nur in Luft auf, wenn die Mädchen sie mit den Schlägern im Unterleib trafen.
Dann war der Film zu Ende. Die AGF schien in Bedrängnis zu sein.

Ich holte tief Luft. Was sollten wir tun? Wieder spürte ich die Furcht, die mir kalte Schauer durch den Körper trieb. Yumi fasste mich an der Schulter, ihre Stimme klang kühl und doch beruhigte sie mich: "Wir sollten umgehend nach Nia schauen. Kannst du laufen?" Ich nickte. Sie schickte Airi eine kurze Antwort-SMS: 'Wir suchen Nia und sind zu Hause erreichbar, kommt ihr alleine zurecht?'

Airis Antwort kam fast sofort: 'Ich bin eine Assassina des Little Sister Universe und die AGF hat noch gar nicht richtig angefangen zu kämpfen. Willst du uns beleidigen?' Ich fragte mich, wie Airi es schaffte, kämpfend und Schlittschuh laufend die SMS zu tippen. Trotzdem war ich mir nicht sicher, ob sie wirklich allein zurechtkam. Yumi zuckte nur mit den Schultern. Meine Gedanken wanderten wieder zu Nia, was war mit ihr?

Wir eilten zurück nach Hause. Fumiko ließen wir in der Halle zurück. Ihr Blick war leer, als wir gingen, sie schien weder uns noch sonst irgendetwas um sich herum wahrzunehmen, als hätte die Wirklichkeit für sie aufgehört zu existieren, grau in grau. Mir fröstelte bei ihrem Anblick. Ich musste daran denken, was Nia empfunden haben musste, als Fumiko ihr ihren Schmerz entgegengehalten hatte. Mein Herz krampfte sich zusammen.

Yumi sah mir das an. "Was ist?"

"Ich muss an Fumiko denken und ihren Hass auf Nia. Nia weiß sicher nicht, wie sie damit umgehen soll. Und ich weiß nicht, was ich für sie tun kann!"

"Als Freundin von Nia kannst Du für Fumiko nichts tun, kümmere dich um Nia", sie holte kurz Luft, "Fumiko muss begreifen, dass es kein Recht auf Rache gibt, dass sie dadurch nur sich selbst das Leben unmöglich macht. Aber du und Nia, ihr müsst ebenso akzeptieren, dass es auch kein Recht auf Vergebung gibt. Und Nia muss für sich selbst einen Umgang mit ihrem Schuldgefühl finden. Fumiko wird ihr dabei nicht helfen."

Ich schluckte. "Ich weiß, aber ich will eine Zukunft mit Nia." Ich hatte Angst, dass die Schuldgefühle Nia und diese Zukunft unter sich begraben könnten. Das durfte nicht passieren, ich wusste nun, dass ich Nia liebte.

Als wir das Haus meiner Tante, das Zuhause von Nia und mir, erreichten, wirkte alles unheimlich still und bedrückend, wie in einer Geistergeschichte. Nirgends im Haus war Nia. Wieder fuhr mir die Kälte in meine Glieder. Nichts, ich konnte nichts tun.

"Wo kann sie sein?" Yumi schüttelte mich. "Denk nach."

"Ich weiß nicht."

"Versuch es wenigstens."

Mein Blick glitt durch das Küchenfenster. Nicht weit entfernt ballte sich eine riesige schwarze Wolke zusammen, in der sich Schatten zu bewegen schienen. Und sie wurde größer. Sie wurde größer und größer und blieb seltsam starr an einem Punkt stehen. Sie stand direkt über dem alten Spielplatz. "Der Spielplatz, der Himmel scheint auf den Spielplatz zu fallen."

"Was ist?" Kurz schien Yumi zu glauben, ich würde den Verstand verlieren.

Ich zog sie einfach mit mir. "Nia ist auf dem alten Spielplatz. Ich bin mir sicher, und sie braucht unsere Hilfe."

Wir liefen jetzt, und um uns herum wurde die Welt immer dunkler. Die Kälte in meinem Körper breitete sich immer weiter aus. Noch bevor wir den alten Spielplatz erreichten, kamen uns die Monster entgegen, schwarze Schatten in der Luft, Fratzen, die sich auf uns stürzten. Ich wich ihnen aus, während Yumi ihr Bokutachi gezogen hatte und den Kampf aufnahm, doch es war, als würde sie Nebel bekämpfen. Aber Yumi ließ sich nicht so einfach einschüchtern, sie erzeugte mit dem Holzschwert einen Luftwirbel und die Monster wurden beiseite geweht, nur würde sie dies nicht lange durchhalten können. Und dann drang zu allem Überfluss auf einmal auch noch ein seltsames Keuchen durch die Luft.
Das Geräusch kam von einem Ort direkt hinter uns. Mit einem Kloß im Hals drehte ich mich um und spürte meine Glieder nachgeben: Hinter mir kroch zur Größe eines kleinen Hauses aufgeblasen die Bibliothekarin über die Straße auf uns zu. Ich erinnerte mich an das, was Nia darüber gesagt hatte, dass sie nur eine Manifestation, eine Art materielle Fernprojektion, war, beruhigen konnte mich das nicht. Die Bibliothekarinnenspinne spuckte ihre gallertartige Masse, die ein Netz bildete, in Richtung Yumi, die ganz auf die Abwehr der Monsterfratzen konzentriert war und die Gefahr nicht bemerkte.

"Yumi, pass auf, hinter dir!" Mein Schrei ließ Yumi herumfahren.

Gerade noch rechtzeitig gelang es ihr, die gallertartige Spinnenspucke mit dem Bokutachi abzuwehren und sich mit einem Sprung zurück außer Reichweite zu bringen. Doch nun stand sie einem Angriff von zwei Seiten gegenüber und ich wusste nicht, wie ich ihr helfen konnte. Ich hatte keinerlei Waffe und wieder kroch der Frost in meine Glieder. Nur ein Wunder konnte uns helfen. Kurz überlegte ich, die Bibliothekarin mit bloßen Händen anzugreifen, ich erinnerte mich aber nur zu gut an meine Hilflosigkeit beim letzten Kampf mit ihr. Was sollte ich tun?

Doch das Wunder trat ein: Auf einmal sprang eine dunkle Gestalt von einem nahe gelegenem Hausdach auf die Straße direkt zwischen Yumi und die Bibliothekarinnenspinne. Miu in ihrer Transformation als Dark-Meido-Chan tauchte gerade rechtzeitig wie aus dem Nichts auf. Sie schwang eine Sense und wirkte trotz ihres Meido-Kostüm noch bedrohlicher als im Kafe, die Sense glänzte schwarz vor dem dunklen Himmel und ihre Augen waren Abgründe. In ihrem Aufzug und mit der Sense wirkte sie wie ein Shinigami (15), ein Geist, der die Lebenden in die Totenwelt geleitet.
Nie hätte ich mir vorstellen können, einmal so erleichtert zu sein, Miu in ihrer Form der Dark-Meido zu sehen. Woher sie auch kam und weshalb sie gerade jetzt erschien, alles war egal, wichtig war nur, dass sie nun hier war. Sie wirkte wie der Tod in Person. Ihre fließenden Bewegungen und die Geschwindigkeit ihrer Sensenschnitte, die es schwer machten ihr mit dem Blick zu folgen, verstärkten diesen Eindruck noch. Doch selbst mit dieser Hilfe war die Abwehr der Monster und der Bibliothekarin, bei der sich diesmal jeder Schnitt, jede Verletzung, sofort wieder schloss, nicht einfach.
Ich musste zu Nia, doch ich wollte Yumi und Miu auch nicht einfach allein lassen. Nur war ich ihnen auch keine Hilfe. Ich wusste wieder nicht, was ich tun sollte.

Yumi, die mein Zögern bemerkte, rief zu mir herüber: "Mach dir um uns keine Sorgen. Du musst Nia helfen." Mit dem Bokutachi wehrte sie gleichzeitig zwei der Monster ab. Ich schluckte und nickte und fühlte mich doch schlecht. Die Monsterfratzen griffen vereint Yumi und Miu an und die Biblliothekarinnenspinne hatte ihre Vorderbeine aufgerichtet, sie wirkte nun noch größer und gefährlicher, nur einige wenige Fratzen schwebten noch durch die Luft. Ich wandte mich um und fühlte mich trotz Yumis Rede schuldig.

Es gelang mir, ungesehen durch das Buschwerk hindurch den Spielplatz zu erreichen.
Dort auf der Schaukel, auf der ich Nia, als ich mich vor einigen Tagen mit ihr genau hier gestritten hatte, zurückgelassen hatte, saß Nia mit steinernem Gesicht, als hätte sie diesen Platz nicht mehr verlassen. Sie sah mich nicht, obwohl wir uns quer über den Spielplatz hinweg direkt ansahen. Sie war völlig abwesend, unerreichbar für mich. Ihre Augen waren auf irgendetwas in weiter Ferne gerichtet und dann wandte sie den Kopf nach oben und ich sah auf einmal den gigantischen schwarzen Wolkenwirbel über ihr, Tausende Big Brother-Fratzen starrten höhnisch auf uns herab. Und nun erkannte ich Stimmen im Tosen des Sturms. Böse, gemeine Worte. "Rin ist tot." "Gib auf." "Du gehörst uns." "Dein Widerstand ist sinnlos."
Doch eine der Fratzen nach der anderen wurde von gleißenden Strahlen zerfressen, die von Nia ausgingen und einen Wirbel um sie herum bildeten.

Ich schrie: "Nia!" Doch mein Rufen erreichte sie ebensowenig wie mein Blick zu ihr durchdringen konnte. Sie war völlig in diesem Kampf gefangen und nahm nichts mehr um sich herum wahr. Die Trauer und Einsamkeit musste sie niedergedrückt haben, und nun schien sie nichts mehr wahrzunehmen außer der Trauer.
Ich wollte zu ihr, doch ich konnte nicht, ich blieb nach wenigen Schritten stehen, Eiseskälte schlug mir entgegen, ein Schmerz erfasste mich, als würde mir die Haut abgezogen und ich spürte ihr Leid, ich wich zurück. Nia war von einer undurchdringlichen Wand aus Schmerz und Trauer umgeben. Ich versuchte es erneut, doch diesmal blieb es nicht beim Schmerz, Frostblasen bildeten sich an meinen Fingern. Ich konnte mich ihr nicht nähern und der Sturm und das Gleißen nahmen immer weiter zu. Würde so alles enden?
Nia würde irgendwann vollständig die Kontrolle über ihre Kräfte verlieren. Sie war in ihrem Alptraum gefangen. Ich konnte nur daran denken, dass ich sie verlieren würde. Ich wollte das nicht und ich hatte ihr versprochen einzugreifen, einzugreifen, egal was dafür notwendig war. Und ich fühlte mich schuldig. Wieso hatte ich sie nicht einfach gefragt, was das bedeutete, als ich ihr Gespräch mit Fumiko belauscht hatte? Warum hatte ich ihr nicht vertraut? Ich trug die Schuld, weil ich sie verlassen hatte und dass nur, weil ich Angst hatte, selbst verlassen zu werden. Ich schrie noch lauter: "Nia, nein - bitte! Nia! Es tut mir leid!"
Doch sie hörte mich nicht, egal wie laut ich schrie, und der Sturm übertönte meine Rufe, meine Worte erreichten sie nicht, ihr Gesicht blieb versteinert, und der Schmerz und die Kälte nahmen zu.

Ich spürte meine Kräfte schwinden, war dies der Untergang der Welt, hatte ich durch meine Unfähigkeit zu Vertrauen alles zerstört? Einen Moment ertrank ich in Verzweiflung. Ich verriet also Nia schon wieder, ich hatte ihr doch versprochen, dies zu verhindern. Ich wollte aufgeben, als auf einmal eine Stimme an meine Ohren drang: "Rin! Rin," ein Teil der Worte wurde vom Wind verweht, nur den letzten Rest konnte ich wieder verstehen, "schuldest du mir eine Tafel Schokolade!" Die leicht aggressive Stimme eines jungen Mädchens, das war die Stimme von Airi, wieso schuldete ich ihr eine Tafel Schokolade? Ich blickte auf.
Die AGF hatte die Hüllen offensichtlich überwunden. Doch ich sah nur drei Mitglieder der AGF außer Airi. Wo war der Rest geblieben? Lebten sie noch? Ich fröstelte bei dem Gedanken. Aber Airi und die drei Mädchen hatten es irgendwie geschafft, zum Spielplatz durchzudringen. Nun stand Airi auf dem Klettergerüst, ihre Haare und Kleidung im stürmischen Wind noch wilder, als sie sowieso schon waren. Sie rief, während sie mit dem Schwert und der Unterstützung der drei Mädchen die Angriffe der schwarzen Big Brother-Fratzen abwehrte, zu mir herüber. Doch das Tosen des Sturmes vermischt mit den bösartigem Gebrüll der Fratzen von Big Brother wurde immer mächtiger, ich konnte ihre Worte nicht verstehen. Was wollte sie mir mitteilen?
Dann deutete sie auf einen schwarzen Wirbel des Nichts, der sich nur wenige Meter entfernt von mir zwischen den Büschen gebildet hatte. Sah so der Anfang vom Ende aus? Doch Airi schien noch nicht aufgegeben zu haben.

Ich überschrie den Sturm. "Was ist? Was soll ich tun?" Vielleicht wusste sie eine Antwort, eine andere Hoffnung hatte ich nicht.

Der Sturm hielt für einen kurzen Moment den Atem an, und in diesem Augenblick der Windstille erreichten mich endlich Airis Worte. "Der schwarze Wirbel ist ein Riss in der Raumzeit, du kannst damit zurück in der Zeit reisen und den Ablauf der Ereignisse ändern. Du hast aber nur knapp 10 Minuten Zeit, dann wirst du zurückgesogen. Für den Hinweis schuldest du mir eine Tafel Schokolade!" Ich nickte. Sie konnte auch fünf Tafeln haben oder soviel sie essen konnte.

Eine Zeitreise, zumindest schien das eine Chance zu sein. Nur was sollte ich tun, wo eingreifen und wie? Ich wollte mit Nia zusammen sein und sie nicht verlieren. Mit nur zehn Minuten Zeit würde ich nicht viel tun können. Und ich wusste nicht, wo und wann ich landen würde. Ich überlegte noch, doch mir wurde die Entscheidung abgenommen, zwei Fratzen griffen mich an, den kalten Hauch ihrer schwarzen Finger spürte ich bereits am Hals, sie schnürten mir die Luft ab, die einzige Möglichkeit war eine Flucht durch den Riss. Ich sprang in das schwarze Nichts und die Finger verschwanden, alles verschwand.

Ich dachte zurück an die Zeit mit Nia, so viel war passiert seit ich mit dem Zug in diese Stadt gekommen war. Sollte ich gar nicht herkommen, Nia ignorieren, mich selbst vor Fumiko warnen, das Forum ABBSD - All Big Brothers Shall Die - früher schließen? Doch egal was ich tat, solange Nia auf der Erde war, würde die Erde in Gefahr sein und mit ihr alle, die hier lebten. Ein Zittern durchlief meinen Körper und wurde immer stärker, Nia, wieder das Gefühl, ich wollte sie nicht verlieren, egal, was passierte. Als mich das schwarze Nichts auf die Straße spuckte, war dies nach wie vor das Einzige, was ich wusste.

Der Zufall ist ein unberechenbarer Geist, ich habe ihn nicht immer als Unterstützung, aber andererseits auch nie als Feind wahrgenommen. Im Zweifel traue ich ihm mehr als jeder Planung. Der Ort und die Zeit, an der ich mich befand, als ich auf der Straße landete, ließen mich nur kurz zögern, dann wusste ich, was ich tun musste, und wenn dabei die Welt unterging. Ich vertraute dem Zufall, der mich hierher gebracht hatte, und ich vertraute Nia, das wusste ich mit einem Mal wieder, obwohl mich alle anderen deshalb wohl für verrückt erklärt hätten.
Für mich war das, was ich mir vornahm zu tun, das natürlichste der Welt. Ich hatte es Nia schließlich versprochen. Zum Glück hatte ich einiges Münzgeld dabei. Das musste reichen, es musste einfach reichen. Einfach würde es nicht werden.

Ich sah nicht weit von mir die Arcade und Nia, die gerade herausgekommen war, und mich selbst, die ihr folgte. Der Strom der Zeit hatte mich an dem Tag ausgespuckt, als wir zusammen die Arcade besucht hatten, unser erster Kampf mit den Hüllen. Der Tag, an dem Nia verschwunden war. Erneut sah ich sie verschwinden und hörte meinen Schrei "Wenn du mich einfach so alleine lässt, bist du nichts als eine Lügnerin, Lügnerin!" Und obwohl ich diesmal aus der Position der Dritten zusah, krampfte sich wiederum mein Herz zusammen, ich spürte wie mir der Atem stockte. Doch dafür war keine Zeit.
Unauffällig, darauf achtend, dass mein früheres Ich, Airi oder Yumi mich nicht sahen, schlich ich mich an ihnen vorbei in die Arcade.

Nur zehn Minuten hatte ich Zeit gehabt. Ich hatte sie genutzt und war trotzdem beinahe gescheitert. Ich spürte mein Herz immer noch rasen und die Tränen im Gesicht, Tränen der Verzweiflung, weil ich schon gedacht hatte, ich würde es nicht schaffen, weil die Hoffnungslosigkeit mich erneut überflutet hatte, und dann war es doch noch gelungen. Immer noch konnte ich mein Glück kaum fassen. Und dabei wusste ich nicht einmal, ob es etwas ändern würde, ob ich tatsächlich Erfolg haben würde, mit dem, wozu ich mich entschlossen hatte. Ich wusste nur, dass ich Nia nicht verlieren wollte.
Die anderen hätten mich sicher für irrsinnig gehalten, hätten sie mich gesehen und das, worauf ich all meine Kraft verwendet hatte. Der Schweiß an meinen Händen kühlte ab. Ich wurde unerbittlich zurückgezogen in die Zukunft, aus der ich kam.

Wieder war ich im schwarzen Nichts, doch diesmal wusste ich, was ich wollte, und ich wusste, was ich tun würde, unabhängig davon, wie die Situation auf dem Spielplatz nun aussah, mit nur noch einer Angst im Herzen, von Nia zurückgestoßen zu werden und doch entschlossen.
Ich knallte unsanft gegen eine Bank als mich das Nichts ausspuckte. Der Wolkenwirbel mit den Big Brother-Fratzen schien nun den gesamt Himmel gefressen zu haben und Nia stand nun vor der Schaukel, umgeben vom Gleißen, schien sie Blitze in den Himmel zu schießen. Ich spürte unendlichen Schmerz, kaum dass ich den Boden berührte. Dann sah ich zum Klettergerüst.

Miu, Yumi und Airi und die drei Mädchen der AGF hatten es irgendwie geschafft, sich zum letzten Kampf zusammenzufinden. Doch trotzdem war es aussichtslos gewesen. Sie hatten keine wirklich Chance gegen die Übermacht gehabt. Yumi und zwei der Mädchen lagen bereits reglos am Boden und das Bokutachi zersplittert neben ihnen. Airi verteidigte sich nur noch mühsam, neben ihr kauerte das dritte Mädchen der AGF auf der Erde und selbst Miu, Dark-Meido-Chan, war langsamer geworden, ihre Bewegungen wirkten abgehackt, mühsam. Die Kraft schien selbst sie verlassen zu haben. Mir schnürte sich wieder die Kehle zu und ich spürte, dass sich weitere Frostblasen an meinen Händen bildeten und sich die Kälte in mich hinein fraß. Doch ich achtete kaum darauf, nur eins war wichtig in diesem Moment: Nia hatte gesagt, dass sie mich liebte, ich hatte das nicht vergessen, ich hatte sie enttäuscht, ich musste ihr meine Gefühle zeigen.

Ich stand auf, blickte Nia an und sang. "If you close the door, the night could last forever / Keep the sunshine out and say hello to never / All the people are dancing and they're havinˊ such fun / I wish it could happen to me / But if you close the door, I'd never have to see the day again." Ich kann nur wiederholen, dass ich Furcht davor habe, in der Öffentlichkeit zu singen, für mich fühlt sich dies beschämender an, als nackt herumzulaufen, ich singe fürchterlich falsch, aber Nia musste mich hören, also sang ich so laut wie möglich. Und tatsächlich schienen ihre Augen mich wahrzunehmen, doch ich war mir nicht sicher und ging auf sie zu. Zumindest bildeten sich keine weiteren Blasen an meinen Händen und die Blitze, die sie umzuckten, taten mir nichts. Sah sie mich?

Der Schmerz und die Trauer wurden immer unerträglicher je weiter ich mich ihr näherte. Ihr Schmerz, ihre Trauer überfluteten mich. Ich zitterte und die Tränen liefen mir herab. Dann lief ich einfach auf sie zu, weiter singend, mehr stotternd, da war einfach nichts anderes, was zu tun war, nichts, was wichtiger war.
Sie wandte sich mir zu, und ich holte das hervor, wofür ich in die Zeit zurück gereist war. Ich hielt ihr die kleine, schwarzgrüne Fledermaus aus dem Kranspiel hin. "Nia. du hast gesagt, ich soll nicht vergessen, dass du mich liebst. Ich liebe dich auch. Es tut mir leid." Ich stolperte den letzten Meter, ein kurzer unendlich heller Blitz blendete mich, alles wurde dunkel.

Dann, nach einer Weile, spürte ich Nia, sie lag direkt neben mir, unsere Körper berührten sich, langsam erholten sich auch meine Augen vom Blitz, wir lagen neben der Schaukel auf dem Boden und hielten uns aneinander fest, und zwischen uns spürte ich die schwarzgrüne Stofffledermaus.
Wir lagen eine ganze Weile so. Der letzte Blitz hatte die Fratzen verschwinden lassen, der Sturm löste sich auf. Und dies war nur noch ein zugewachsener Spielplatz. Nia lag in meinen Armen und ich in ihren. Nia war wieder sie selbst, nicht mehr die steingewordene Statue, sie drückte die Fledermaus an ihren Körper und ihre Tränen wollten nicht aufhören. Irgendwann wischte sie die Tränen beiseite und ergriff meine Hände: "Deine Handgelenke, du bist verletzt." Ich weiß nicht weshalb, aber auf einmal brachen auch aus mir die Tränen heraus, sie wollten nicht mehr stoppen, sie flossen immer weiter. Ich konnte nichts dagegen tun. Sanft umschlang Nia mich und strich mir über den Kopf: "Das ist gut. Alles ist gut." Die Tränen flossen noch stärker, Nia hielt mich, nur langsam beruhigte mich ihre Umarmung.
Dann lagen wir einfach still beieinander auf dem Boden, bis Yumi auf einmal über uns stand. "Na, wollt ihr hier übernachten?" Sie wirkte immer noch angeschlagen, ich fühlte mich leicht schuldig, doch sie lachte. Das Grün der Bäume beruhigte mich.

Airi grinste. "Mit dem letzten Blitz hat Nia das intergalaktische Computernetzwerk von Big Brother Inc. zerstört. Sie werden Jahrzehnte brauchen, um ihre Kommunikations- und Befehlsstrukturen wieder aufzubauen, und überall im Universum sagen sich die Planeten los. Die Erde wird die nächste Zeit erst einmal ihr geringstes Problem sein und um das Little Sister Universe zu traktieren, werden sie auch keine Zeit haben."

Miu saß verwirrt auf der Wippe und blickte fragend auf ihre schleimverschmierte Kleidung. Sie hatte mal wieder alles, was passiert war, vergessen. Wir würden wohl nie erfahren, weshalb sie so passend aus dem Nichts auftauchte. Ich ließ mir von Nia aufhelfen, dann wandte ich mich zu den anderen: "Lasst uns nach Hause gehen. Ich bin müde und Miu will sich sicher frisch machen. Und Airi schulde ich noch Schokolade."

Nia nickte. Wir sammelten die anderen ein, alle hatten Schmerzen und sahen lädiert aus, ich konnte kaum glauben, dass niemand wirklich ernsthaft verletzt war, doch selbst die drei Mädchen der AGF wuselten schon wieder durcheinander. Gleichzeitig wirkten alle erleichtert, wir hatten Big Brother Inc. besiegt. Zusammen machten wir uns auf den Weg. Airi telefonierte kurz mit den anderen Mädchen der AGF. Sie hatten sie beim Kampf mit den Hüllen auf der Eisbahn zurückgelassen, um zu uns zu eilen und Nia zu helfen. Auch die Mädchen dort schienen alles gut überstanden zu haben.

Beim Verlassen des Spielplatzes nahm mich Yumi kurz zur Seite. "Du nutzt eine Zeitreise, um ein Fledermausplüschie aus einem Kranspielautomaten zu ziehen?"

Ich spürte mein schlechtes Gewissen und doch war es richtig gewesen. Nur hätte ich es beinahe nicht geschafft. Ich hatte nur Münzen für vier Versuche dabei gehabt und auch beim letzten war ich gescheitert, die Tränen und die Verzweiflung hatten mich überwältigt. Die anderen Besucherinnen und Besucher der Arcade müssen sich über mich gewundert haben. Und dann war die schwarzgrüne Fledermaus auf einmal doch noch ins Ausgabefach gerutscht, der Zufall hatte mit geholfen "Ich wusste, dass Nia sich die Fledermaus gewünscht hat. Und ich wollte zu ihr durchdringen."

"Du hast die Welt riskiert, um sie zu retten? Wieso hast du nicht versucht, sie in der Vergangenheit dazu zu bringen, die Welt zu verlassen?"

"Die Möglichkeit bestand nicht wirklich, und die Welt, die ich retten wollte, ist eine, in der ich Nia vertrauen kann, eine Welt, die untergeht, nur weil ich meiner liebsten Freundin vertraue, was soll das für eine Welt sein, wie sollte ich da leben - wieso sollte ich eine solche Welt retten? Würdest du in solch einer Welt leben wollen?"

Yumi schwieg.

Ich sah ihr mit einem Mal die Erschöpfung an. "Ihr seht müde aus, du und Miu. Ihr könnt bei uns übernachten, wenn ihr wollt. Ihr könnt das Zimmer von Nia nutzen, sie kann bei mir schlafen. Und die Mädchen der AGF passen sicher bei Airi mit in die Dachkammer."

Yumi seufzte. "Danke, Miu schläft schon fast im Gehen ein und sie weiß nicht einmal, warum. Ich muss mir noch irgendeine harmlose Erklärung für den Schleim auf ihrer Kleidung ausdenken."

"Sag doch einfach, sie wäre auf dem Spielplatz eingeschlafen und hätte sich wohl aus Versehen auf eine Nacktschnecke gesetzt."

"Das müsste dann aber eine sehr große Nacktschnecke gewesen sein! Außerdem ekelt sich Miu vor Nacktschnecken."

"Mehr als vor einfamilienhausgroßen Bibliothekarinnenspinnen?"

Yumi sah mich nur missmutig an, statt zu antworten. Doch dann fiel ihr ein, was passiert war, bevor wir den Spielplatz erreicht hatten. "Was machen wir mit Fumiko?"

"Lasst sie bitte in Ruhe." Nia blickte uns bittend an. "Ich bin letztendlich die Ursache für alles."

Ich blickte von Nia zu Yumi. "Ohne die Unterstützung durch Big Brother Inc. ist sie, glaube ich, keine Gefahr mehr. Lassen wir sie doch tun, was sie will. Sie hat sich vermutlich inzwischen selbst befreit. Deine Knoten sahen nicht sehr stabil aus."

Yumi sah mich an. "Ich hatte nicht vor, ihr etwas zu tun. Aber sie ist ganz alleine. Ich werde mich um sie kümmern. Wir können sie schließlich nicht einfach sich selbst überlassen."

Ich zuckte mit den Schultern und wandte mich Nia zu. "Aber du bist nicht die Ursache für alles, die Ursache war Big Brother Inc. Du warst ein Kind." Nia nickte müde, stolperte und fiel fast hin, ich konnte sie gerade noch stützen. Ich spürte, dass sie zitterte.

Sie nickte nochmal. "Ich weiß."

"Wir sind gleich zu Hause."

Sie versuchte zu lächeln. "Hast du ein Taschentuch?"

Ich gab ihr ein Papiertaschentuch, sie wischte sich die Tränen ab und schniefte. "Ich bringe alle in Gefahr und dann bin ich dir noch eine Last."

"Nein, das bist du nicht." Ich schluckte und hatte Mühe zu sprechen, "ich habe dich diesmal verlassen. Es tut mir leid, ich hoffe, du kannst mir verzeihen. Ohne dich wären wir nie erfolgreich gewesen. Niemand von uns hätte das Computernetzwerk von Big Brother Inc. zerstören können. Wir haben das zusammen geschafft. Und du hast einmal versprochen, mich nicht zu verlassen. Gilt das noch, trotz allem? Ich vertraue dir, bitte glaube mir das, und vertraue mir bitte auch."

Nia schluckte, sie flüsterte: "Das tue ich."

Zu Hause waren alle müde und zogen sich fast sofort auf ihre Zimmer zurück. Kurz wurde es noch einmal etwas unruhiger, als auch die anderen Mitglieder der AGF eintrudelten. Doch selbst die Mädchen hatten keine Energie mehr. Sie zogen sich alle auf den Dachboden zurück und fast sofort darauf war von dort kein Laut mehr zu hören. Airi nahm sich nicht einmal die Schokolade mit, sondern ließ sie auf dem Küchentisch liegen. Nia und ich schliefen in meinem Bett. Wir hielten uns aneinander fest. Nia betrachtete intensiv einen Punkt auf meinem Hals. "Wieso hast, du um mich zu retten, alles riskiert? Du hättest mir doch in der Vergangenheit nur sagen müssen, dass ich die Erde verlassen muss. Das wäre das Sicherste gewesen."

"Das hat Yumi mich auch schon gefragt. Weil dein Leben und deine Freiheit das waren, für das ich gekämpft habe. Es ist Unsinn, das Leben, die Freiheit einer Einzelnen, aufzurechnen gegen das Leben oder die Freiheit anderer. Zwei, fünf, oder auch einfach ganz viele Leben gegen eins, das ist egal. Was zählt, ist immer das Leben der Einzelnen. Das macht die Freiheit aller aus, dass ein Leben nicht aufrechenbar ist."

Nia drückte sich fest an mich. "Ich dachte, du interessierst dich nicht für Ethik? Wieso hast du das wirklich getan?" Ihre großen Augen waren selbst im Halbdunkel der Nacht sichtbar auf mich gerichtet. Neben ihr lag eine schwarzgrüne Fledermaus.

Ich sah ihr in die Augen und spürte ihren Körper, meine Stimme klang leise und holprig, als ich ihr antwortete. "Du hast Recht, die Begründung ist an sich viel einfacher: Weil ich dich liebe."


FIN


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Light Novel & kurze Texte – Tuja































Fußnoten


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Fußnote 1 - Mit dem Begriff Hikikomori ('sich einschließen; gesellschaftlicher Rückzug') werden Menschen bezeichnet, die sich in in ihr Zimmer oder ihre Wohnung zurückziehen und den Kontakt zu anderen Menschen meiden.

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Fußnote 2 - Onii-Chan: japanisch 'älterer Bruder'. Im Japanischen gibt es drei alternative Endungen -San, -Chan, -Sama. Chan ist die Endung für den 'geliebten' älteren Bruder. Im japanischen Manga und Anime ist die Thematisierung des Verhältnisses Onii-Chan zur kleineren Schwester ein Standardmotiv.

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Fußnote 3 - Arcade ist eine Spielhalle in der primär Arcade-Spielautomaten insbesondere für Jugendliche aufgestellt sind. Arcade-Spiele sind komplexe Videospiele, zu denen auch interaktive Spiele wie die Tanzmatte gehören. In einer Arcade finden sich auch häufig ein Fotoautomat mit Spaßhintergründen und ein Kranspiel, bei dem mit Geschick und Glück klassischerweise Plüschtiere aus einem einsehbaren Behälter mit einem Kran, der per Knopfdruck bedient wird, geholt werden können.

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Fußnote 4 - Gerollte türkische Pizza mit Salat.

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Fußnote 5 - Bei Cosplay Events verkleiden sich Cosplayer als Mangafiguren und spielen typische Gesten nach.

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Fußnote 6 - Moe ist ein Begriff aus dem Bereich Manga und Anime, der Figuren oder Szenen beschreibt, die starke Gefühle der Hinwendung in der Art einer Idolisierung auslösen. Bezogen auf weibliche Anime-Charaktere entsprechen diese Moe-Charaktere bestimmten männlichen, romantischen Vorstellungen unschuldigen Charmes. Moe ist insbesondere bei Tieren im Anime und Manga aber auch mit Niedlichkeit verknüpft.

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Fußnote 7 - Die Meido ist eine Cosplay-Rolle, die insbesondere in den Meido-Cafés (meido kafe) in Japan mit Kellnerinnen in einem 'europäischen Dienstmädchenlook', der männliche Fantasien bedient, zum Tragen kommt. Sie ist auch eine beliebte Figur in Anime und Manga. Die Meido folgt einer Art Rollenspiel, bei dem der Kunde der Herr und die Kellnerin seine Dienerin ist und von ihr mit 'Master' oder in einer vergleichbaren Form angeredet wird. Die Meido ist im Manga das in jeder Hinsicht perfekte Dienstmädchen, sie kann streng, aber auch Moe sein.

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Fußnote 8 - Japanisches Box-Lunch, mit sowohl kulinarisch wie optisch liebevoll zubereiteten Kleinigkeiten, das in einem Holzkistchen mit unterschiedlichen Fächern dargereicht wird, die Zubereitung für andere wird als ein klassisches Zeichen der Zuwendung aufgefasst.

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Fußnote 9 - Die Meido ist eine Cosplay-Rolle, die insbesondere in den Meido-Cafés (meido kafe) in Japan mit Kellnerinnen in einem 'europäischen Dienstmädchenlook', der männliche Fantasien bedient, zum Tragen kommt. Sie ist auch eine beliebte Figur in Anime und Manga. Die Meido folgt einer Art Rollenspiel, bei dem der Kunde der Herr und die Kellnerin seine Dienerin ist und von ihr mit 'Master' oder in einer vergleichbaren Form angeredet wird. Die Meido ist im Manga das in jeder Hinsicht perfekte Dienstmädchen, sie kann streng, aber auch Moe sein.

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Fußnote 10 - Chunibyo, auch Achtklässersyndrom, beschreibt eine Phase illusionären Größenwahns, die in der Adoleszenzphase gehäuft auftritt und bei der die Jugendlichen sich als übermächtige Personen mit speziellen einmaligen Kräften in einer illusionierten Welt, die die Realität teils überschreibt, imaginieren. Häufig imaginieren sie sich dabei als Heldin bzw. Held ihres Lieblingsmangas. Die Auseinandersetzung mit Chunibyo ist selbst wiederum ein beliebter Topos im Manga und Anime.

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Fußnote 11 - Akihabara ist das Szeneviertel der Manga und Animefans in Tokio, ein Stadtteil, in dem viele Geschäfte Manga, Anime und Fanartikel vertreiben und in dem auch die meisten Meido-Kafes existieren.

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Fußnote 12 - Eine Reihe Meido-Kafes bieten inzwischen Zusatzservice an, darunter insbesondere die Reinigung von Ohren, als einer ritualisierten (sexualisierten) Geste der Zuwendung.

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Fußnote 13 - Das Bokutachi - Bokuto - ist ein sehr stabiles Holzschwert in der Form eines Katana (jap. Langschwert - ca. 104 cm), das in der Kampfkunst und als Übungswaffe eingesetzt wird.

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Fußnote 14 - Ein Dōjō - der klassische Trainingsraum für japanische Kampfkünste.

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Fußnote 15 - Shinigami: Todesgeister, die die Seelen verstorbener Menschen, die auf der Welt herum irren, in die Totenwelt führen.




Erstausgabe 2016
Anarchistische Texte für das 21. Jahrhundert
HerausgeberInnengemeinschaft
Paula & Karla Irrliche
Seit 2001



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In der Light Novel 'Inu to Hasami wa Tsukaiyō' heißt es sinngemäß, dass nicht wichtig ist zu wissen, wer oder was die AutorIn ist - wichtig ist der Text und die LeserInnen. Interessant ist vielleicht nur, weshalb ich schreibe: Weil ich mich nirgends in der Literatur wiederfinde, dort nicht vorkomme und nicht bereit bin zur Normalisierung meines Fühlen und Denkens.
Ihr erreicht micht unter der E-Mail - tuja@irrliche.org - Bitte im Betreff das Wort "Light Novel" schreiben, damit sie von Spam unterscheidbar ist - Danke.



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Zuletzt aktualisiert 01.01.2017


















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