Tuja


Die Flucht der Tochter des Teufels


Eine Kurzgeschichte



Das Blut aus der Schnittwunde leicht unterhalb ihrer Schulter lief an ihrer Achsel vorbei, sie konnte es feucht unter ihrem etwas zu weitem Pullover spüren.






Begegnung


Das Blut aus der Schnittwunde leicht unterhalb ihrer Schulter lief an ihrer Achsel vorbei, sie konnte es feucht unter ihrem etwas zu weitem Pullover spüren. Der Schwertstreich hatte sie am Oberarm verletzt und auf einmal wurde ihr klar, dass sie nicht mehr leben würde, hätte sie das Schwert voll getroffen und nicht nur gestriffen, weil sie durch Zufall in diesem Moment ausgerutscht war. Obwohl die Wunde stark blutete, spürte sie sie nur bei unvorsichtigen Bewegungen. Das Mädchen neben ihr hielt ihr einen Finger an die Lippen und sah sie durchdringend an. Der Finger des Mädchens roch nach Erde und sie spürte, dass das Mädchen vor Furcht zitterte. Sie hätte auch ohne dies keinen Laut von sich gegeben. Sie hatten sich unter der Treppe verkrochen und die Frau auf dem Pferd hatte sie bisher nicht entdeckt.
Am Schwert der Frau glänzten dunkelrote Tropfen ihres Blutes. Die Frau ritt zum gegenüberliegenden Ausgang, die Pferdehufe dröhnten auf dem Marmorfliesen der Halle des Rathauses.

Unter der Treppe kauernd, erinnerte sie sich: Vor einer halben Stunde war sie noch, wie jeden Wochentag, mit der Straßenbahn gefahren. Nun kam ihr das vor, wie eine ferne fremde Welt. Eigentlich war aber diese Welt, in der sie sich jetzt und hier befand, die irreale, nur schmerzte dafür ihre Schulter zu sehr, sie fröstelte. Noch einmal lief die letzte halbe Stunde wie ein Film im Zeitraffer vor ihren inneren Augen ab.

Sie stand wieder in der Straßenbahn und sah aus dem Fenster. Das Mädchen, das ihr aus der Scheibe unsicher entgegen blickte, schien durch sie hindurch zu schauen und doch war unübersehbar, dass sich das Mädchen unwohl fühlte im Gedränge der Bahn, zwischen all den menschlichen Körpern. Dabei fiel sie mit ihren kurz geschnittenen dunkelblonden Haaren nicht auf, sie war auch nicht besonders groß oder klein, niemand beachtete sie, am auffälligsten war wohl die Unscheinbarkeit des Mädchens, ihre Unscheinbarkeit.
Noch eine Weile betrachtete sie ihr Spiegelbild in der Scheibe, durch das hindurch die Außenwelt zu sehen war, die hinter der Scheibe vorbei glitt, und ihr Spiegelbild betrachtete sie. Wie sah sie, 16 Jahre alt, wohl aus, aus Sicht ihres Spiegelbildes im Fenster? Würde das Spiegelbild ihr Alter richtig schätzen oder sie für jünger halten? Sie verzog kurz die Mundwinkel, unterdrückte dies aber sofort. Dann fuhr der Zug um eine Biegung, die Lichtverhältnisse änderten sich und ihr Spiegelbild verschwand.

Ihre Finger tippten fast automatisch Worte in ihr Telefon, auf dem Bildschirm formten sie Sätze, die auf Grund ihrer Länger aber immer nur in Ausschnitten zu lesen waren: 'Ich sehe dumm aus, wenn ich lächle. Irgendwie wirkt es peinlich und ich könnte Aufmerksamkeit wecken, ich sollte es unterlassen, ich will nicht die Blicke der Menschen auf mich ziehen, ich will nicht, das andere auf mich aufmerksam werden. Draußen ist es ohne dies schon anstrengend genug, ich freue mich den ganzen Tag darauf, Abends zu Hause allein zu sein, Filme zu sehen, ab und an ein Buch zu lesen oder bei einer Tasse Kakao einfach nachzudenken.
Nein, ich vermisse nichts. Zumindest keine Menschen. Nur den Wald vermisse ich hier in der Stadt, die Stille und Ruhe, dort wo keine Menschen sind.'

Ein vielleicht vierzigjähriger Mann drückte ihr seinen Ellbogen gegen die Brust. Verschwitzte Leiber bedrängten sie. Ein Geruch nach Essen vermischt mit Deo lag schwer in der Luft. Ihre Finger brachen das Tippen ab, nur sie allein sah, das sie den Text nur an sich selbst schickte, dann ließ sie das Telefon in ihre Tasche gleiten. Die Hauptfunktion ihres Telefons war die eines Tagebuches, sie war an sich froh darüber, dass sie fast nie jemand anrief, am liebsten war sie für sich allein. Sie brauchte die Ruhe und den Raum für sich, dies war auch der Grund, dass sie die Fahrt mit der Straßenbahn so anstrengend fand. Sie zog sich noch weiter zum Fenster zurück, machte sich schmaler, doch es half nichts. An der nächsten Haltestelle zwängten sich weitere Menschen in die Straßenbahn, sie entschied sich, auszusteigen, zwei Stationen früher als üblich, und den Rest der Strecke zu Fuß zu gehen.

Ihr Weg führte vorbei am alten Rathaus. Spontan ging sie hinein. Im Gewirr der Gänge des Rathauses gab es alte dunkle Flure mit kühlen Steinböden, die nur wenig benutzt wurden. Sie hielt sich hier gerne auf. An den Wänden hingen alte Gemälde, sie konnte dort im Halbdunkel stehen, warten bis sich ihre Augen an das Licht gewohnt hatten und die Bilder betrachten, in ihnen versinken.
Auch heute war sie durch die Gänge gelaufen, kaum jemand begegnete ihr und niemand beachtete sie. In einem Gang, in dem sie noch nie gewesen war, zog ein Ölgemälde, eine Art Jagdszene, ihre Aufmerksamkeit auf sich. Gejagt wurde kein Tier, sondern ein Mädchen in abgerissener Kleidung, in etwa in ihrem Alter, von einer Frau auf hohen weißem Ross. Die Frau trug eine leichte glänzende Rüstung, ihr Pferd weißes Zaumzeug, um ihren Hals hing ein Kreuz und ihre langen blonden Haare wehten im Wind. Begleitet wurde sie von großen Hunden, die mehr wie Wölfe aussahen und von einigen dunkel gekleideten Helfern auf dunklen Pferden. Sie jagten das Mädchen über eine dunkelgrüne umzäunte Wiese am Rand eines Waldes.

Das Mädchen am Waldrand, dass die Verfolger jagten, war nicht genau zu erkennen, sie beugte sich vor zum Gemälde, um es besser betrachten zu können. Ihr Kopf berührte beinahe das Bild. Fast hatte sie den Eindruck die Luft des Waldes einzuatmen. Der Geruch nach feuchtem Gras und Wald wurde immer realer.
Sie liebte es, sich in das Geschehen auf Bildern hinein zu versetzen und sich vorzustellen, wie es wäre hinein zu tauchen. Auch heute begab sie sich ganz ins Bild, doch es war anders als sonst. Auf einmal hatte sie das Gefühl zu fallen, sie fiel wirklich und im nächsten Moment spürte sie feuchtes hohes Gras unter sich, Hundegebell übertönte das Schnauben von Pferden und den Ton ihrer Hufe beim Galopp, der Wind blies ihr ins Gesicht und die Rufe der Frau in der Rüstung drangen an ihr Ohr: "Schneidet ihr den Weg ab! Sie darf den Wald nicht erreichen." Das verfolgte Mädchen wurde gezwungen seine Richtung zu ändern und lief nun genau auf sie zu.
Die dunklen Wolken am Himmel sahen aus, als wären sie gemalt, und nicht nur die Wolken auch ihre Kleidung, ihre Haut, alles um sie herum wirkte wie der Teil eines Gemäldes und doch gleichzeitig real. Sie spürte verblüfft, dass sie sich beim Fallen an einem Stein leicht verletzt hatte, ihre Hand blutete, für einen Wachtraum war dies ungewöhnlich, und das verfolgte Mädchen war auf einmal ganz nahe. Selbst ihr Schweiß war nun deutlich zu sehen und ein Geruch nach nasser Erde ging von ihrer verschmutzten Kleidung aus.
Das Mädchen rannte sie fast um, als sie aufstand, kurz wandte das Mädchen ihr das Gesicht zu und sah sie überrascht an: "Wer bist du? Was machst du hier?" Die Augen des Mädchen waren von grüner Farbe ihr Atem ging stoßweise, sie griff ihren Arm: "Lauf, oder sie werden dich töten."
"Wieso sollten sie das tun?"
"Einfach, weil du hier bist."
Mit diesem tonlos gesprochenen Satz ließ das Mädchen ihren Arm wieder fahren und lief weiter.
Sie zögerte nur kurz und lief dann hinter dem Mädchen her, versuchte mit ihrem Tempo mitzuhalten, zu weiteren Fragen fehlte ihr der Atem, doch obwohl sie so schnell liefen, wie es ihnen auf der unebenen teils matschigen Wiese möglich war, kamen die Hunde immer näher. Sie begriff nicht wirklich, was passierte und doch raste ihr Herz. Der Umhang des Mädchens vor ihr wehte im Wind, er war schwarz, aus einfachem Stoff, an einigen Stellen eingerissen und die nasse Erde hatte auf ihm Flecken hinterlassen. Darunter trug das Mädchen ein schlichtes teils ausgeblichenes dunkelblaues Kleid. Ihre schwarzen Haare waren unter der Kapuze des Umhangs nur zum Teil zu sehen, sie verdeckten zusammen mit dem Stoff der Kapuze die meiste Zeit dunkel das angestrengte bleiche Gesicht, nur wenn das Mädchen den Kopf hob, waren ihre Augen zu sehen.
Plötzlich hörte sie ein Schnauben hinter sich, die Frau auf dem Pferd hatte ihr Schwert gezogen und galoppierte nun in schnellem Tempo auf das Mädchen im schwarzen Umhang zu. Die Frau beachtete sie gar nicht, ihr starrer kalter Blick folgte nur dem Mädchen im Umhang. Warum wusste sie hinterher nicht zu sagen, als die Frau an ihr vorbei ritt, handelte sie ohne zu überlegen, sie fiel dem Pferd in die Zügel. "Nein!"
Das Pferd bäumte sich auf und sie verlor auf dem rutschigen Gras den Halt. Dies war ihr Glück, denn dadurch streifte der Schwerthieb sie nur und doch zuckte sie vor Schmerz zusammen und taumelte zurück.

Das Mädchen im Umhang fing sie auf. Sie war umgedreht, um ihr zu helfen, wieso, sie hätte doch weiterlaufen können? Die Hunde hatten sie inzwischen umzingelt, kein Entkommen schien mehr möglich. Die Frau in der Rüstung berührte kurz ihr Kreuz, dann hob sie wieder das Schwert, wieder zielte sie auf das Mädchen im Umhang. Mit ausdruckslosem Blick kam sie näher. "Dies ist das Ende der Jagd."
Sie spürte das Zittern des Mädchens im Umhang, dass sie immer noch stützte, sie hatte sich immer gewünscht, in einem Gemälde zu verschwinden, doch in ihren Träumen war sie nie verletzt worden. Sie wollte nur noch raus, raus aus dieser Situation, raus. Dann spürte sie auf einmal, wie sie wieder fiel und einen Augenblick später befand sie sich wieder im halbdunklen Gang des Rathauses.

Sie war auf den kühlen Steinfußboden gefallen, hatte sie geträumt, alles hatte sich angefühlt, als wäre es wirklich passiert, dann erblickte sie unweit von sich auf dem Steinboden hockend das Mädchen aus dem Bild und in ihrem Oberarm spürte sie bei jeder Bewegung einen stechenden Schmerz, die Wunde, und ihr Blut hinterließ auf dem Fußboden Flecken. Das Mädchen mit dem eingerissenem Umhang sah sie misstrauisch mit fragenden Blick an: "Was ist das hier? Wie sind wir hierher gekommen? Verfügst du über Magie?"
"Nein, ich weiß nicht," sie schüttelte sich, doch nichts änderte sich, "ich meine, das hier ist die Stadt in der ich lebe, aber ich weiß nicht, was passiert ist." Sie schluckte und sah zum Gemälde. "Du warst eben noch dort."
Das andere Mädchen betrachtete mit ungläubigen Blick aufmerksam das Bild. Sie strich mit den Fingern über die Leinwand. "Du hast sie dort hinein gebannt."
"Nein, ich verfüge über keine Magie." Sie stand nun auch auf, ihr Arm schmerzte, und lehnte sich gegen die kühle Wand des halbdunklen Ganges. "Ich heiße Yuna Ito. Wer bist du und wieso verfolgen sie dich? Was wollen sie?"
"Mein Name ist Kyoko, einen Familiennamen hatte ich nie, aber sie rufen mich: Die Tochter des Teufels. Und sie jagen mich, weil ich aus ihrer Sicht nicht existieren sollte, da ich unrein geboren wurde und ungehorsam bin. Deshalb wollen sie mich töten, sie halten das für ihr Recht." Sie schloss den alten Umhang und sprach ohne Yuna anzusehen. "Du solltest dich von mir fern halten."

Erst jetzt fiel Yuna der Titel neben dem Rahmen des Bildes ins Auge: Die Verfolger der Tochter des Teufels. Sie richtete sich ganz auf und trat einen Schritt auf Kyoko zu. "Darum musst du dir in dieser Welt keine Gedanken machen, das interessiert hier niemanden, hier glaubt niemand an den Teufel."
Ungläubig blickte ihr das Mädchen im Umhang in die Augen. "Was ist dies für eine Welt? Wieso hast du mich hierher geholt?"
"Ich habe dich nicht geholt, ich weiß nicht, wieso du hier bist, ich stand hier im Gang und dann war ich auf einmal dort bei dir und den Rest kennst du. Ich weiß so wenig wie du, weshalb das passiert ist. Aus unserer Sicht ist deine Welt nur ein Produkt der Phantasie der Künstlerin, die es gemalt hat, und nur diese Welt ist real."

Auf dem Ölbild war nun dort, wo vorher Kyoko abgebildet gewesen war ein schwarzer Fleck und die Frau auf dem Pferd schien nun auf die Betrachterin zu zureiten. Kyoko betrachtete schweigend das Bild. In der Stille des Ganges war jedes kleine Geräusch zu hören. Auf einmal hörte Yuna in der Ferne Bellen und das Geräusch von Hufen und dann bemerkte sie, dass das Pferd größer wurde, die Frau in der Rüstung kam näher. Auch Kyoko hatte dies bemerkt und sie begriffen beide, was dies bedeutete. Das Mädchen im Umhang hatte wieder zu zittern begonnen. "Wir müssen hier weg."
Yuna nickte und sie liefen durch die Gänge zurück zur Eingangshalle. Aus den Augenwinkeln sah sie noch, kurz bevor sie um die erste Ecke bogen, wie sich ein Pferdekopf aus der Leinwand wölbte.

Die Verletzung, die zwischenzeitlich nicht mehr geschmerzt hatte, begann wieder zu bluten. Hinter ihnen hörten sie nun die Hufe des Pferdes auf den Steinfußboden schlagen, noch waren sie aber außer Sicht.
In der Eingangshalle zog sie Kyoko in eine dunkle Ecke unter der alten Treppe. Plötzlich spürte sie Kyokos Finger auf ihren Lippen. Durch eine kleine Lücke in den Stufen sah sie ihre Verfolgerin, das Pferd tänzelte auf dem Marmorboden der Eingangshalle des Rathauses um die eigene Achse, Yuna erschien der Zeitraum in dem die Frau sich in der Halle umsah wie eine Ewigkeit, dann endlich wandte sie sich dem gegenüberliegendem Ausgang zu. Sie hatte sie nicht entdeckt.
Erleichtert wandte sich Yuna zu Kyoko um, doch ihr Aufatmen blieb ihr im Hals stecken, als sie die Hunde hörte. Zwei der großen schwarzen Tiere aus dem Gemälde schossen um die Ecke des Ganges und ihr Knurren hallte von den Wänden wider.

Beide begriffen sie, dass sie keine Zeit zu verlieren hatten, nur was sollten sie tun. Schon konnte sie die Hunde riechen. Kyoko sprang als erste auf und zerrte Yuna hinter sich her in den nächstgelegenen Gang und dann eine kleine Steintreppe hinauf. "Lauf!"
Yuna bewunderte Kyokos entschlossenes Handeln, dass trotz der Furcht, die Kyoko immer noch anzusehen war, überlegt wirkte. Die Hunde würden ihnen auf der Treppe nur langsam folgen können und das Pferd konnte hier gar nicht entlang. Trotzdem wusste Yuna, dass sie nicht in Sicherheit waren, sie hörte wie die Hufe des Pferdes am Fuß der Treppe auf den Steinboden schlugen und dann nach einer kurzen Pause Schritte, die ihnen folgten. Dann hörte die Treppe auf, sie standen in einem Vorraum ohne Ausgang, alle Türen, die von hier abgingen, waren verschlossen, auf ihr Klopfen und Schlagen gegen die Türen, reagierte niemand, und die Schritte und das Bellen kamen näher. Kyoko sah sich panisch um. Yuna ließ sich einfach zu Boden sinken, sie bewunderte Kyoko immer noch, dafür, dass sie nicht aufgab, aber es war aussichtslos.
"Es ist zwecklos."
"Nein!" Kyoko schüttelte sie.

An einer Wand hing eine Druckgrafik, die Bildern M.C.Eschers nachempfunden war, eine komplizierte perspektivisch verschachtelte Anordnung von Treppen, Gängen und seltsam verzerrten Räumen, in denen oben und unten, links und rechts ineinander übergingen. Ohne das Bild wirklich zu wahrzunehmen, starrte Yuna auf die Grafik, die Hunde würden gleich um die Ecke kommen und sie fühlte sich wie gelähmt, ihr fiel nichts ein, was sie noch tun konnten. Nirgends gab es eine Fluchtmöglichkeit. Da wurde ihr plötzlich bewusst, was sie sah und ein kleiner Funken Hoffnung keimte in ihr auf.
Sie griff Kyokos Hand: "Schließ die Augen, wir zählen bis drei und dann laufen wir so schnell wir können auf das Bild zu."
"Wohin? Was hast Du vor?"
"Wir fliehen in das Bild."
Nur kurz zögerte Kyoko, dann nickte sie. Die Idee war irrsinnig, doch was hatten sie zu verlieren. Noch bevor die Hunde den Vorraum erreichten, rannten sie beide Hand in Hand mit geschlossenen Augen auf die Grafik an der Wand zu, ohne zu stoppen und der Aufprall an der Wand blieb aus.

Wieder spürte Yuna, wie sie fiel, und im nächsten Augenblick lag sie auf dem Fußboden eines seltsam schief verzerrten halbdunklen Ganges. Alles um sie herum, auch sie selbst und Kyoko war Teil einer schwarz weiß grauen Bleistiftzeichnung, die Welt schien nur aus Licht und Schatten zu bestehen. Trotzdem fühlte sich ihre Haut wie immer an, als sie mit ihren Fingern über ihren Arm strich. Yuna dachte kurz zurück an ihren Aufenthalt im Gemälde, auch dort war sie zum Teil des Ölbildes geworden. Sie konnte nur hoffen, dass die Frau mit dem Schwert kein Radiergummi dabei hatte.
Unweit von ihr saß Kyoko in einem 70° Winkel zu ihr auf der Wand, aber vielleicht war die Wand auch der Fußboden und sie selbst saß auf der Wand. Ihr Magen drohte zu rebellieren, sie zwang sich zur Ruhe und versuchte sich die gesamte Zeichnung ins Gedächtnis zu rufen.
Diesmal war es Kyoko, die wie gelähmt auf dem Boden saß und kein Wort sprach, bis Yuna aufstand, ihre Hand ergriff und sie hoch zog. Fragend sah Kyoko sie an: "Was ist das für ein Bild?" Die Unsicherheit war Kyokos Stimme anzuhören.
Yuna versuchte ihrer Stimme einen ruhigen Klang zu verleihen, als sie antwortete: "Ein Bild, dass perspektivische Verzerrungen nutzt, um unmögliche Räume zu zeichnen." Die Treppe, die vor ihnen nach oben führte, schien rechts weit unter ihnen heraus zu kommen. Doch im Halbdunkel war alles nur ungenau zu erkennen.
Unsicher setzte Yuna einen Fuß vor den anderen. Der Boden unter ihren Füßen schien in einen senkrechten Abgrund überzugehen. Kyoko weigerte sich weiter zu gehen. Yuna versuchte sie zu beruhigen: "Ich habe mir alles eingeprägt, ich weiß, wo wir lang müssen." Sie gab sich sicherer, als sie sich fühlte.
Doch Kyoko weigerte sich immer noch: "Ich kann das nicht. Ich verfüge über keine Magie." Sie schien immer noch zu glauben, dass Yuna magische Fähigkeiten besaß.
Da ertönte unweit von ihnen ein dunkles Knurren, einer der großen schwarzen Hunde sprang direkt auf sie zu, fast spürte sie schon seinen Biss, aber er erreichte sie nicht, auf Grund einer weiteren perspektivischen Verzerrung sprang er an ihnen vorbei und fiel in den schwarzen Abgrund. Dumpf und nur noch leise klang sein Bellen von dort herauf.

Nach einer Schrecksekunde zog Yuna Kyoko trotz ihres Widerstandes mit sich. "Du musst nur hinter mir her laufen."
Kyoko schluckte und umklammerte Yunas Hand. Die verschachtelten Ebenen und unmöglichen Übergänge irritierten auch Yuna, doch sie wollte Kyoko nicht noch mehr verunsichern. Noch einmal versuchte Yuna sich das Bild vor Augen zu führen und dachte kurz nach. Dann stieg sie mit Kyoko, die ihre Hand nicht losließ, die Treppe vor ihnen hinauf, die spiralig nach unten ins Dunkel führte, um durch die dritte Tür links den Gang zu verlassen. Sie war sich sicher gewesen und doch stürzten sie beinahe in einen scharfzackigen Zwischenraum, es war Kyoko, die sie an der Hand zurückzog, die sie davor bewahrte. Erst die fünfte Tür war die richtige, um aus dem zweiten ins fünfte Stockwerk zu wechseln. Yuna hatte ein Ziel vor Augen und nachdem sie sich an einer Abzweigung überwunden hatten, vom Fußboden auf die Wand des gegenüberliegenden Ganges zu springen, die gleichzeitig der Fußboden einer Balustrade war, hatten sie kurz darauf das Ziel erreicht, eine Rutsche ins Nichts. "Die Rutsche durchbricht den Rahmen des Bildes, sie muss hinaus führen."
Als Kyoko das hörte, blieb sie stehen und hielt Yuna zurück. "Sie wartet Draußen auf uns."
"Die Frau mit dem Schwert?"
"Ja, sie hat nur die Hunde hinter uns her geschickt. Ich bin mir sicher."
"Was sollen wir tun?"
"Wir müssen ihre Überraschung ausnutzen."
Nun wurde Yuna wieder flau im Magen, doch Kyoko hatte sich inzwischen entschlossen und ließ ihr keine Zeit für Zweifel, sie saß bereits auf der Rutsche und wartete ungeduldig. Sie stießen sich mit Kraft ab und rutschten mit hoher Geschwindigkeit hinab ins Nichts.

Diesmal war das Glück auf ihrer Seite, als sie aus dem Bild herausschossen trafen sie genau die Frau, die kurzfristig zu Boden ging. Schnell rafften sie sich auf und rannten die Treppe, die sie gekommen waren, hinab.
Yuna war sich nicht sicher, wie lange ihr Glück anhalten würde, doch sie hatte sich einen Fluchtplan überlegt. Sie lief mit Kyoko zum Seitenausgang des Rathauses an dem ein Fahrstuhl zur U-Bahnstation führte. Zum Glück stand der Fahrstuhl auf ihrer Ebene, sie schob Kyoko, ihr Widerstreben ignorierend, hinein und drückte auf den Knopf für die unterste U-Bahn-Ebene. Ihre Verfolgerin würde ihnen hier nicht folgen können, sie wusste über diese Welt sicher nicht mehr als Kyoko und sie wusste sicher nicht, was ein Fahrstuhl war. Trotzdem wurden sie fast noch von ihr erreicht, die Frau in der hellen Rüstung rannte mit dem blutigen Schwert in der Hand bereits auf sie zu, als sich erst direkt vor ihr die Fahrstuhltür schloss. Dumpfes Schlagen von Metall auf Metall, ein Schwert, das auf die Fahrstuhltür traf, hallte von oben herab, als der Fahrstuhl nach unten fuhr, dann erreichten sie die unterste Ebene.
Ihr Glück hielt auch in der U-Bahn-Station an, es kam gleich ein Zug. Erst in der fahrenden U-Bahn atmete Yuna auf. Die Frau würde ihnen nun mit Sicherheit nicht mehr folgen können. Kyoko hatte die ganze Zeit kein Wort gesagt, Yuna hatte sie zwingen müssen, in den Zug zu steigen und nun stand sie schweigend und wie erstarrt neben ihr.

Kyoko krampfte sich bei jedem Geräusch zusammen und zuckte, sie blickte Yuna immer noch misstrauisch an: "Du kannst ein Zimmer dazu bringen, dass es im Erdboden versinkt, die Türen öffnen und schließen sich vor dir, ohne das du sie berührst, du nutzt diesen Magie getriebenen Wagen, den du U-Bahn nennst, ohne irgendein Zeichen von Unruhe zu zeigen und du behauptest, dass du keine magischen Fähigkeiten besitzt? Wieso lügst du?"
Yuna zuckte nur mit den Schultern: "Ich habe keine magischen Fähigkeiten. Das ist nichts besonderes in dieser Welt, alle können das, das nennt sich Technik." Die Antwort schien Kyoko nicht zu befriedigen, sie schwieg auch den Rest der Fahrt.

Niemand stellte ihnen Fragen, trotz ihres Aussehens und trotz der Verletzung an ihrer Schulter, die Menschen wandten sich eher bewusst ab. Es war nicht das erste mal, dass Yuna erleichtert darüber war, dass die Menschen in der Stadt nicht sonderlich aufeinander achteten, sie wurde nicht gerne angesprochen, doch heute war es besonders hilfreich. Sie fuhren nur drei Stationen.

Yuna war eingefallen, dass sich nicht weit entfernt von ihrer Wohnung eine ambulante Unfallstation befand, bisher hatte sie sie nur noch nie gebraucht. Doch sie musste die Wunde versorgen lassen. Zum Glück fragte auch der Arzt nichts weiter, nachdem sie etwas von Fahrradunfall und Glas gemurmelt hatte. Nachdem er die Wunde gereinigt und genäht hatte, betrachtete er kurz Kyoko, die sich geweigert hatte, alleine draußen zu warten, einen Augenblick schien es, als wolle er etwas sagen, doch dann schüttelte er unwillkürlich den Kopf, in diesem Stadtteil waren Menschen, die ungewöhnlich gekleidet herum liefen, nicht wirklich etwas besonderes, und wandte sich wieder Yuna zu: "Falls sich eine Entzündung bildet, kommen sie umgehend noch einmal vorbei, ansonsten lassen sie die Wunde in ein bis zwei Wochen noch einmal von Ihrem Hausarzt begutachten."

Draußen auf der Straße wandte sie sich zu Kyoko um: "Du kannst erst mal mit zu mir kommen. Das ist nicht weit von hier." Kyoko antwortete ihr nicht, aber sie folgte ihr. Sie betrachtete dabei alles um sich herum, die Autos, ein Kind mit Mobiltelefon, den Außenlautsprecher eines Supermarktes, schwankend zwischen Furcht, Misstrauen und gespieltem Desinteresse.


Wer bist du?


Zu Hause ließ sich Yuna, nachdem sie Kyoko und sich zwei Gläser mit Saft eingeschenkt hatte, erst einmal auf einen Stuhl in der Küche fallen. Kyoko schien ihr langsam zu vertrauen, doch sie sagte nichts weiter. Die Wohnung hatte nur ein Zimmer, Küche und Bad und Yuna lebte hier allein.

Nachdem Kyoko eine Weile nur alles aufmerksam betrachtet hatte und nach einem großen Schluck Saft, blickte sie auf: "Wieso hast du mir geholfen und das Pferd gestoppt?"
Yuna wusste nicht gleich zu antworten, sie griff unsicher nach ihrem Glas, nur um es, ohne etwas zu trinken, wieder abzustellen: "Ich weiß nicht, ich glaube, ich wollte einfach die Willkür und die Gewalt nicht hinnehmen."
"Du hast Glück gehabt."
"Vielleicht, aber ich versuch, mich nicht von Gewalt beeindrucken zu lassen."
"Du hättest sterben können."
"Die Menschen nehmen den Tod zu wichtig."
"Ist dir Dein Leben egal?"
"Nein, mein Leben ist mir nicht egal und genau deshalb lasse ich mich nicht einschüchtern, obwohl ich Angst habe, tue ich, was ich will, Leben heißt frei zu sein. Ein Leben das nur aus Zwang besteht, das ist, als wärst du tot. Außerdem, wenn alle alle Drohungen ignorieren würden, niemand gehorchen würde, würde nach kurzer Zeit niemand mehr drohen, da Drohungen völlig sinnlos würden. Ich ..." Die Worte brachen aus ihr heraus, bis ein lautes Knurren aus Kyokos Magen sie unterbrach. Den letzten Teil des Satzes schluckte sie herunter und wandte sich, um Entschuldigung bittend, Kyoko zu: "Oh, verzeih bitte meine Unaufmerksamkeit, ich habe dir gar nichts zu Essen angeboten. Hast du Hunger?"
Kyoko nickte.

Kurz darauf stand der Tisch voll mit Lebensmitteln, Yuna hatte den Kühlschrank ausgeräumt. Kyoko wusste gar nicht, womit sie anfangen sollte.

"Darf ich das alles essen?"
"Was du willst."
"Du musst reich sein."
"Nein, wie kommst du darauf?"
"Du hast rohen frischen Fisch, Käse, Honig, Butter, Salat, Leberpastete, Weintrauben, Schinken, Milch und zwei verschiedene Sorten Brot, außerdem Pfeffer und ein großes Glas mit Salz. Nur reiche Leute besitzen so viele verschiedenen Lebensmittel." Ihr Blick wanderte weiter zum Waschbecken. "Und du hast frisches Quellwasser."
Yuna blickte skeptisch zum Waschbecken. "So frisch ist das nicht. Was hast du bisher gegessen?"
"Hafergrütze."

Nach dieser umfassenden Auskunft schwieg Kyoko und sprach auch die nächste halbe Stunde kein Wort, sie war ausschließlich auf das Essen konzentriert, als hätte sie Tage nichts mehr zu sich genommen.
Währenddessen suchte Yuna einige passende Kleidungsstücke für Kyoko heraus und legte sich auch selbst frische Kleidung bereit. Außerdem platzierte sie im Bad ein zweites frisches Handtuch. Kurz steckte sie den Kopf in die Küche: "Willst du baden?" Kyoko, die gerade noch ein großes Schinkenbrot aß, nickte und murmelte mit vollem Mund etwas, was sich wie "Danke" anhörte. Yuna ließ Badewasser ein.
Nach einer Weile war die Wanne voll. Sie zeigte Kyoko das Bad und ging selbst wieder in die Küche und räumte den Küchentisch ab. Zwischendurch ließ sie sich von Kyoko ihre alte Bekleidung herausgeben und warf sie in die Waschmaschine. Danach kochte sie für Kyoko und sich einen Kakao, setzte sich an den Küchentisch, trank ihren Kakao und wartete bis Kyoko aus dem Bad kam.

Dann duschte auch sie sich schnell, während Kyoko den Kakao trank, den sie ihr hingestellt hatte. Als sie wieder in die Küche kam saß Kyoko immer noch am Küchentisch, Yuna warf auch ihre alte Kleidung in die Waschmaschine und stellte sie an.
Kyoko folgte jeder ihrer Bewegungen mit den Augen, fasziniert betrachtete sie, die sich in der Trommel drehende, Wäsche. "Und das, ist das auch keine Magie?"
"Nein, die Kraft kommt aus der Steckdose." Yuna zeigt auf den Stecker. "Das ist die selbe Kraft, die auch das Zimmer, dass im Erdboden versunken ist, und die U-Bahn betrieben hat." Sie wusste nicht, wie sie all das Kyoko erklären sollte.

Um nicht noch weitere Fragen beantworten zu müssen, stellte sie eine Frage, die sie schon die ganze Zeit beschäftigt hatte: "Wieso bist du unrein geboren?"
"Meine Mutter war eine Nonne und ich habe keinen Vater, aus ihrer Sicht bin ich ein Kind des Bösen. Sie haben mich geschlagen und beschimpft, trotzdem war ich nie bereit zu gehorchen. Vor einer Woche bin ich aus dem Asyl geflohen, in dem das Kloster elternlose Kinder und Kinder wie mich, die schuldig geboren wurden, zum Arbeiten zwingt. Das Essen war häufig bereits schlecht, schimmliges Brot, faulige Kartoffeln und ich hatte immer Hunger. Arbeiten mussten wir auf dem Acker und im Wald den Köhlern helfen. Die Stallungen des Klosters sind in der Nacht, nach dem ich weggelaufen bin, nieder gebrannt und dann ist der Abt mit Schaum vor dem Mund zusammen gebrochen. Da haben sie gesagt, ich hätte das bewirkt." Sie lachte bitter. "Würde ich wirklich über Magie verfügen, hätte ich es vielleicht getan, aber ich hatte genug damit zu tun, mir etwas zu essen zu organisieren und mich zu verstecken. Dann haben sie mich gefunden und ich bin in den Wald geflohen. Den Rest kennst du." Sie sah Yuna an. "Ich war mein Leben lang immer hungrig, dies ist das erste mal, dass ich wirklich satt bin."
Yuna schluckte. "Iss soviel du willst. Ich habe genug hier. Hat dich nie interessiert zu erfahren, wer dein Vater ist?"
"Nein, auf diese Weise bin ich die, die ich bin, ohne irgendeine Geschichte, die mir aufgezwungen wird. Ohne Vater, ohne Familiengeschichte, schaffst du dir selbst deine eigene Vergangenheit und bestimmst selbst, wer du bist. Ich bin die, die ich sein will. Was habe ich mit meinem Vater zu schaffen? Was hat das mit mir zu tun, wer mein Vater ist, das ist doch völlig irrelevant. Ein Vater würde nur bestimmen wollen, wen ich heirate und was ich zu tun habe. Wenn du dir deine eigene Vergangenheit schaffst, schaffst du dir damit auch deine eigene Zukunft. Das macht ihnen Angst," sie warf ihre langen schwarzen Haare zurück, "nur zu essen hätte ich gerne mehr gehabt. Hast du immer soviel zu essen? Wie ist das mit deiner Familie?"

Yuna zögerte und sah aus dem Fenster, bevor sie sprach: "Zu essen hatte ich immer genug und geschlagen wurde ich nie. Und meine Eltern haben nie versucht, mich zu einem bestimmten Leben zu zwingen. Trotzdem bin ich froh, dass ich sie nur noch selten sehe. Obwohl sie mich zu nichts gezwungen haben, haben sie mein Leben nie wirklich akzeptiert. Sie haben mich nie verstanden, meine Entscheidung lieber ein Buch zu lesen, als mit anderen etwas zu unternehmen, meine Rückzüge. Sie wollten immer, dass ich mir Freundinnen suche, und das Zusammenleben war häufig eine Last. Zum Glück war der Schulwechsel zu Beginn der Oberstufe ein Grund auszuziehen." Sie schwieg und strich mit dem Finger über den Tisch, nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: "Inzwischen verblasst die Erinnerung an sie, es gibt auch keine Erinnerung, die mir wichtig ist, nichts was ich aufbewahren wollte. Und sie vergessen mich vielleicht auch irgendwann. Das ist zumindest meine Hoffnung." In ihrem Glas spiegelten sich das letzte Licht des Abends. "Dann habe ich meine Ruhe. Auch die Schule bedeutet mir nichts, sie ist aber keine Last. Ich tue, was ich muss, ohne das mich das berührt. Ich will das nicht anders. Wirklich glücklich bin ich nur, wenn ich in ein Buch oder ein Bild eintauchen kann." Yuna schüttelte den Kopf. "Aber im Vergleich zu deinen Sorgen hört sich das alles albern an."
Yunas Worte ließen Kyoko eine Weile schweigen, erst nach einigen Minuten wandte sie sich ihr zu: "Nein, das ist nicht albern, obwohl ich nicht alles verstanden habe. Du hast dir dein Leben so wenig ausgesucht wie ich und warst fremd in ihm. Vielleicht kannst du deshalb die Schwelle überschreiten und in Bilder hinüber wechseln, weil du in dieser Welt kaum Bindungen hast."
"Vielleicht." Yuna trank den letzten Schluck Saft und stand auf.
Kyoko sah auf: "Was ist eine Schule?"
Yuna blickte Kyoko erstaunt an und versuchte es ihr zu erklären.

Draußen wurde es langsam dunkel und ihnen beiden war die Müdigkeit anzusehen. Sie rollte in ihrem Zimmer schräg neben ihrem Bett einen Futon für Kyoko aus und sie gingen zu Bett. Bald darauf schlief Kyoko bereits tief und fest. Ihr selbst gingen noch zu viele Gedanken durch den Kopf. Was war wohl aus der Frau mit dem Schwert geworden? Würde sie sie hier finden können? Wie sollte es weiter gehen? Was wollte Kyoko? Und was wollte sie selbst?


Nicht sein


"Ich will nicht sterben!" Yuna wusste im Moment als sie dies rief, dass sie dem Schwert nicht würde ausweichen können. Sie wollte nicht in den Tod gehen, allein in dieser dunklen Gasse hinter der Kirche.
Der Moment erinnerte sie an ihr Versteck unter der Treppe im Rathaus, nur diesmal war Kyoko nicht bei ihr und es gab kein Entrinnen. Wie hatte es dazu kommen können? Wieso?

Am Morgen dieses Tages hatte sie das erste mal seit langen wieder Glück verspürt: Als sie aufwachte lag Kyoko tief schlafend auf den Futon neben ihr, nur ihre Nasenspitze lugte unter der Bettdecke hervor, sie hatte sie so eine ganze Weile betrachtet und auf einmal hatte sie begonnen zu überlegen, wie es wäre, mit Kyoko zusammen zu leben. Nur ein Traum, doch sie spürte ihr Herz im Hals schlagen. Sie stand auf und machte sich frisch.
Nachdem sie das Frühstück zubereitet hatte, lief sie Kyoko wecken. Die war aber bereits wach, lag auf dem Futon, las in einem ihrer Manga und sah zu ihr auf, als sie ins Zimmer trat. "Was ist ein Schulfest? Sind alle Schulen so?"
Daraufhin versuchte Yuna ihr den Unterschied zwischen Manga und Realität zu vermitteln, war sich aber nicht sicher, ob Kyoko begriff, was sie sagte. Kyoko schien von der Beschreibung des Schulfestes so fasziniert zu sein, dass sie gar nicht richtig zuhörte, und das Frühstück ließ Kyoko sowieso alles andere vergessen. Yuna beobachtete still die Begeisterung mit der sie aß.

Erst nachdem Kyoko gesättigt war und sie einen Tee tranken, überlegte sie, wie sie den Morgen verbringen sollten. Sie betrachtete Kyoko, die immer noch eine Hose und eine Bluse von ihr trug, die Kyoko aber etwas zu groß war.
"Du brauchst neue Kleidung. Wir sollten einkaufen gehen."
Kyoko wirkte mit einmal wieder unsicher. "Müssen wir dann wieder mit den Wagen fahren, die du U-Bahn nennst?"
"Nein, hier in der Nähe ist eine Fußgängerzone mit Bekleidungsgeschäften."
Kyoko schien etwas beruhigt. "Gut."

Yuna wusste nicht warum, aber bei Kyoko hatte sie das erste mal in ihrem Leben den Eindruck, dass sie ein anderer Mensch ohne tausend Erklärungen verstand und akzeptierte. Vielleicht war dies so, weil Kyoko in dieser Welt noch fremder war, als sie selbst. Kyoko bemerkte, dass Yuna sie betrachtete.
"Ist etwas?"
"Nein," Yuna schüttelte den Kopf, "nichts." Sie räumte schnell den Frühstückstisch ab und dann machten sie sich auf den Weg.

Bald darauf lief Kyoko in der Fußgängerzone von einem Schaufenster zum nächsten dann zu einem dritten und wieder zurück.
"Das gibt es alles zu kaufen?"
"Ja."
"Wo kommen diese Stoffe her, aus Indien?"
"Ich weiß nicht."
"Die müssen teuer sein,"
"Nein."

Irgendwann wurde Yuna ungeduldig und zog Kyoko in die nächste Boutique. Sie verbrachten dort fast zwei Stunden mit der Anprobe unterschiedlichster Kleidungsstücke. Und Kyoko hätte sicher weitere Stunden dort verbracht, wenn Yuna sie nicht gezwungen hätte, sich zu entscheiden. Obwohl sie Einkaufen hasste, fühlte sich Yuna auch jetzt glücklich, ihr wurde immer klarer, dass das Zusammensein mit Kyoko ihr gut tat. Dabei wusste sie sich nicht wirklich, wieso dies so war, sie kannten sich ja kaum, es war einfach so. Aus Furcht, dass Kyoko sie zurückweisen könnte, zeigte sie ihre Gefühle nicht. Sie wollte nicht als Last behandelt werden. Dann war ein schweigender Abschied besser. Sie schüttelte sich. "Lass uns noch ein Eis essen gehen."

Unweit der Fußgängerzone war eine alte Kirche mit einem schattigen Vorplatz, sie setzten sich hier auf eine Bank unter einem Baum. Yuna holte an einem Eiswagen zwei Eis für sie. Sie sah zu Kyoko hinüber, die unter dem Baum auf der Bank saß und ihre neuen Kleider untersuchte, den Stoff zwischen drei Fingern hindurch gleiten ließ und die Nähte betrachtete, und überlegte, wie Kyoko wohl ihr gegenüber empfand. Was dachte wohl Kyoko über sie? Sie wusste es nicht. Ein kühler Wind ließ sie leicht zittern.

Gerade wollte sie mit dem Eis wieder zurück, als ihr auf einmal die Frau mit dem Schwert gegenüber stand. Sie zögerte keinen Augenblick, sie musste auf jeden Fall Kyoko schützen, sie drehte sich um und rannte in die entgegengesetzte Richtung, weg von der Bank auf der Kyoko saß, das Eis fiel zu Boden, sie achtete nicht darauf. Zum Glück kam die Frau hinter ihr her.
Erleichtert atmete sie aus, Kyoko schien in Sicherheit zu sein, doch dann wurde ihr plötzlich gewahr, dass sie in eine Sackgasse abgebogen war. Aus der kleinen dunklen Gasse hinter der Kirche gab es keinen Ausweg, sie endete an einer Hauswand ohne Fenster und Türen, niemand außer ihr und der Frau war hier und sie konnte ihr nicht mehr ausweichen. Sie war allein und die Frau kam auf sie zu. Dann stand sie direkt vor ihr, das Schwert erhoben. Unerbittlich fuhr das Schwert auf sie nieder. Nur die Frau in der Rüstung, hörte ihren Schrei: "Ich will nicht sterben!". Sie zeigte keinerlei Mitleid und das Schwert traf sie mit seiner ganzen Wucht. Es fuhr einmal durch sie hindurch.

Yuna wollte nicht sterben und schrie, sie schrie auch noch als sie anfing zu begreifen, dass ihr nichts passiert war. Nur langsam gelang es ihr die Beherrschung zurück zu erlangen, ihr Atem ging immer noch schwer. Das Schwert war einfach durch sie hindurch gedrungen, wie ein Lufthauch durch Gardinen. Erst jetzt sah sie, dass auch die Frau mit dem Schwert halb durchsichtig war, nur noch ein Abbild in der Luft.
"Du hast Glück gehabt", die Stimme der Frau klang bitter, "ich habe zu lange gebraucht um dich zu finden." Yuna sagte nichts, sie wollte nur noch weg, doch die Frau versperrte ihr den Weg und Yuna wollte nicht einfach durch sie hindurch gehen, obwohl sie dies vermutlich gekonnt hätte. Die Frau blickte sie an. "Ihr wird es genauso gehen. Sie wird sich vor deinen Augen auflösen, genauso wie ich es tue."
"Wem wird es genauso gehen?" Das Zittern in Yunas Stimme verriet das sie die Antwort kannte.
"Der Missgeburt, das ist ihre Strafe."
"Woher wollen sie das wissen?"
"Ich weiß nicht wieso, aber ich bin mir sicher, ich muss mich nur selbst anschauen. Früher war alles was ich wusste, dass, was diejenige, die mich geschaffen hat, gedacht hat, dass ich weiß, als sie mich erschuf, weil ich das bin und nichts sonst. Doch nach dem Verlassen unserer Welt hat sich das geändert. Wieso kann ich eure Schrift lesen? Wieso deine Sprache verstehen? Ich weiß es nicht." Sie kam Yuna noch näher. "Doch eins weiß ich: Wir gehören nicht in diese Welt, wir müssen zurück in unsere Welt, außerhalb sind wir nichts. Außerhalb unserer Welt lösen wir uns auf, erst langsam, dann immer schneller. Auch deine kleine Freundin. Sie wird bald von allein zurück kommen, falls sie nicht laufen kann wird sie kriechen und ich werde auf sie warten."
"Ich werde niemals zurückkehren." Kyokos Stimme klang klar und laut durch die Gasse. Ohne das sie oder die Frau es bemerkt hatten, hatte Kyoko die Gasse betreten. Besorgt blickte sie Yuna an: "Ist dir etwas passiert?"
Yuna schüttelte den Kopf. "Nein."
"Wirklich?"
"Mir ist nichts passiert."
Kyoko wandte sich, obwohl ihr die Besorgnis um Yuna immer noch anzusehen war, erneut der Frau mit dem Schwert zu: "Ich werde nicht zurückkehren."
"Dann wirst du vergehen wie du mich vergehen siehst, du wirst dich auflösen im Nichts." Die Frau blickte Kyoko mit Verachtung an: "Ich warte auf dich im Bild." Mit diesen Worten verschwand sie durch die Steinmauer der Kirche, wie ein Geist.
Yuna sah betroffen zu Kyoko: "Ich bin Schuld, es tut mir Leid. Ich habe das alles ausgelöst."
Kyoko zuckte die Schultern: "Nein, dass bist du nicht. Du hast mir die Freiheit geschenkt."
"Die Freiheit zu sterben. Wenn hier bleiben die Auslöschung bedeutet, musst du zurück ins Bild. Aber vielleicht ist es anders bei dir." Einen kurzen Moment klammerte sich Yuna an die Hoffnung, Kyoko war bisher nichts anzusehen, sie schien nicht betroffen zu sein.
Doch Kyoko schüttelte den Kopf, ihre langen schwarzen Haare wehten im Wind, sie wusste nur zu gut um die Wahrheit. "Ich löse mich auch auf, langsamer als sie und doch spüre ich es, ich verliere Stück für Stück an Substanz, dass ist wohl der Preis der Freiheit. Trotzdem werde ich nie wieder zurück ins Bild gehen. Einen besseren Ort als das Bild finde ich überall, selbst der Tod ist ein besserer Ort."
"Das ist nicht fair, ich will dass nicht, du darfst dich nicht in Nichts auflösen. Ich ..." Tränen liefen auf einmal Yuna über das Gesicht, sie konnte sie nicht zurückhalten. Dabei wollte sie Kyoko nicht auch noch zur Last fallen. Kyoko blickte zu Boden.
"Ich dachte, dass du mich verstehst, ich werde mich nie wieder in diesem Bild einsperren lassen. Du hast selbst gesagt, dass du es falsch findest, sich einschüchtern zu lassen, auch nicht durch die Drohung mit dem Tod, gerade weil das Leben wichtig ist. Leben heißt selbstbestimmt und frei zu sein, wenn du zulässt, dass andere Dein Handeln bestimmen, ist das nur eine andere Art von Tod."
Yuna wandte ihren Kopf ab, damit Kyoko nicht ihre Tränen sah, die nicht aufhören wollten. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, Kyoko hatte ja Recht, dass hatte sie gesagt.

Das Schweigen lastete den gesamten Rückweg auf ihnen. Nachdem sie in der Wohnung angekommen waren zog sich Kyoko ins Bad zurück um sich frisch zu machen und die neuen Kleidungsstücke noch einmal auszuprobieren. Allein in der Küche kam Yuna ihre Wohnung auf einmal leer und einsam vor. Ihr Blick glitt aus dem Fenster und der Himmel wirkte mit einmal dunkel und drückend, dabei kannte sie Kyoko doch kaum. Wieso wurde ihr Hals eng, bei dem Gedanken, dass sie sie verlieren würde?

Als Kyoko aus dem Bad trat, stand Yunas Entschluss fest. Sie blickte zu ihr auf: "Ich weiß, dass ich kein Recht habe mich einzumischen und ich verstehe deine Entscheidung, aber ich würde gerne etwas für dich tun."
Kyoko setzte sich zu ihr an den Küchentisch und dachte kurz nach, dann antwortete sie mit leiser Stimme: "Als du mir erklärt hast, was ein Schulfest ist, hast du erwähnt, das das Fest an deiner Schule an diesem Wochenende ist."
"Ja, morgen ist der erste Tag, wieso?"
"Wenn du das, was du sagt, wirklich ernst meinst, dann nimm mich mit auf das Schulfest. Ich war noch nie auf einem Schulfest." Kyoko blickte sie mit großen erwartungsvollen Augen an.
Normaler Weise wäre Yuna nie zum Schulfest gegangen, aber sie konnte ihr den Wunsch unmöglich abschlagen. Sie nickte. Vielleicht war dies Kyokos letzter Wunsch. Wieder wurde ihr bewusst, dass Kyoko nicht viel Zeit blieb, und Kälte bemächtigte sich ihrer Glieder.


Abschied


Diese Nacht kam Yuna kaum zum Schlafen, immer wieder fuhr sie schreckhaft aus dem Schlaf hoch, weil sie im Traum sah wie Kyoko sich neben ihr in Nichts auflöste. Angstvoll schaute sie zu Kyoko hinüber, die ruhig auf dem Futon neben ihr schlief. Nachdem sie wusste, was Kyoko widerfuhr, sah es für sie so aus, als würde Kyoko sich vor ihren Augen auflösen, als würde sie immer durchsichtiger werden. Dabei wusste sie, dass dies nur eine Täuschung im Dunkeln der Nacht war. Doch ihrer Angst tat das keinen Abbruch, tastend streckte sie ihre Hand aus, ganz leicht berührte sie die Schlafende, so schlief auch sie endlich ein.

Als Kyoko in die Küche kam hatte Yuna den Tisch bereits gedeckt. Heißer Kaffee stand in einer Thermoskanne zwischen diversen Marmeladen, Aufschnitt, Käse und einer Schale mit frischem Obst.
"Möchtest du ein Ei?"
Kyoko blickte sie überrascht an: "Du hast Hühner?"
"Nein."
"Deine Nachbarin."
"Nein."
"Wo kommen dann die Eier her?"
"Aus dem Kühlschrank."
Kyoko nahm misstrauisch das Ei, bewegte es in ihrer Hand und roch daran, dann reichte sie es wieder Yuna. "Es ist noch gut. Ich esse gerne eins."
Wieder sagte sie kein Wort während der Mahlzeit und war ganz auf das Essen konzentriert.

In der Straßenbahn auf dem Weg zur Schule blieb Kyoko dicht bei ihr und griff ihre Hand. "Denk nicht, das ich Angst habe."
"Nein, natürlich nicht." Yuna lächelte.
"Ich will nur nicht, dass wir uns verlieren."

"Was willst du dir anschauen?" Sie standen im Eingangsbereich der Schule vor einer großen Pinnwand an der alle Veranstaltungen des Schulfestes aufgelistet waren.
"Was ist ein Cosplaycafé?"
"Ein Café, in dem die Schülerinnen und Schüler, die es organisieren, Mangafiguren nachspielen."
"Aber ist das nicht gefährlich, wenn sie unverschämte Gäste mit Schwertern und Fußtritten traktieren oder aus dem Fenster werfen?"
"Sie übernehmen nur die Kleidung und einige typische Gesten."
"Das ist ja langweilig." Kyoko schien sichtlich enttäuscht, sie schaute nun wieder auf die Pinnwand. "Was ist ein Raum des Schreckens?"
"Ein dunkler Raum, eine Art Kabinett, in dem Besucherinnen mit gruseligen Überraschungen erschreckt werden."
"Lass uns dort hingehen und danach würde ich mir am liebsten das Theaterstück anschauen, ins Theater wollte ich immer schon mal."
Yuna nickte.

Auf dem Weg zum Raum des Schreckens kamen sie am Platz einer Schülerin vorbei, die als Wahrsagerin auftrat. Sie war gewandet wie ein mittelalterlicher Mönch, nur das ihre Kutte schwarz war, zusammengehalten von einem grünen Gürtel mit Schlangenmotiven. Vor ihr stand auf einem runden Tisch eine Kristallkugel. Als sie auf Höhe ihres Tisches waren sprach sie auf einmal Kyoko an: "Ich sehe einen dunklen Schatten über Deiner Zukunft."
Yuna versuchte Kyoko weiter zu ziehen, doch die blickte erst gebannt auf die Kristallkugel und dann zur Wahrsagerin. "Was siehst du genau? Wie lange habe ich noch zu leben?"
"Ein dunkler Schatten heißt nicht gleich, dass du sterben musst."
"Aber ich muss doch sterben."
"Wieso? Nein, dass ist doch nur ein Schatten, der kann auch wieder aufklaren." Kyokos insistieren auf ihren Tod brachte die Schülerin in ihrem Schwarzen Gewand sichtlich aus dem Konzept. "Und ich sehe auch Licht hinter den Schatten."
Yuna nickte, legte der Schülerin etwas Münzgeld in den Teller und zog Kyoko weiter.

Der Raum des Schreckens sah von Außen, trotz eines im Gang vor der Tür hängenden Skelettes, das mit dem Kopf nach unten von der Decke herab zu gleiten schien, aus, wie ein normaler Klassenraum. Im inneren, nachdem sie den an der Tür befestigten Vorhang durchschritten hatten, war der Raum vor allem Dunkel.
"Nichts ist, was es ist." Eine Hand legte sich auf Yunas Schulter und ließ sie zusammenzucken. Hinter ihr stand ein als katholischer Priester verkleideter Schüler. "Ich bin hier um sie durch ihre dunklen Abgründe zu geleiten."
"Ach, so." Schulter zuckend ließ sie sich von dem Jungen den Weg durch das Dunkel des Labyrinths aus schwarzen Vorhängen weisen.
Kyoko folgte ihr dicht auf. Gurgeln und Schreie waren nun zu hören und an der Decke hing zappelnd eine leicht blauschwarz geschminkte Schülerin mit einem Strick um den Hals und Schleim vor dem Mund, Yuna dachte kurz darüber nach, dass dies auf Dauer ziemlich anstrengend für sie sein musste, irgendwo kreischte eine andere Gruppen Besucherinnen. Dann folgte ein Gang mit grausigem Stöhnen und Fratzen, die an nicht sichtbaren Fäden von der Decke herab hingen und sich bewegten, und plötzlich griffen Hände nach ihr, viele Hände im Dunkel durch schwarze Vorhänge hindurch. Obwohl ihr das unangenehm war, erschrak sie nicht. Doch auf einmal spürte sie, dass Kyoko dich neben ihr zitterte, hatte Kyoko tatsächlich Angst vor diesen Dingen. Yuna lächelte im Dunkeln und ergriff Kyokos Hand, die sich dankbar an ihr festhielt. Bevor sie dazu kam weiter darüber nachzudenken, unterbrach der Schülerpriester ihre Gedanken: "Bitte nach links auf den Pfad der Sünder."
Wieder zuckte Kyoko zusammen. Yuna wäre lieber mit ihr alleine gewesen, Kyoko hielt sich dicht an sie gepresst, sie hatte ein etwas schlechtes Gewissen, Kyokos Unsicherheit auszunutzen und doch ließ die Nähe ihr Herz schneller schlagen. Für den Augenblick vergaß sie alles. Was empfand wohl Kyoko?
Nach einigen weiteren nicht allzu gruseligen Überraschungen erreichten sie den Ausgang. Erschöpft lehnte sich Kyoko an eine Wand, ein Nagel bohrte sich durch ihre Hand, Kyoko schien dies nicht einmal zu bemerken, und als sie die Hand weg zog, war sie unverletzt. Yuna war zum Glück die einzige, die dies sah, die Auflösung schritt weiter voran, Yuna spürte die Kälte zurückkehren, ihr wurde wieder bewusst, dass Kyoko nicht mehr viel Zeit blieb. Ein Zittern fuhr ihr in die Glieder, aber sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen.

"Wie hat dir der Raum des Schreckens gefallen?"
"Wirklich schrecklich war er nicht."
"Nein?"
Kyoko schwieg kurz, dann blickte sie auf. "Nur der Priester, Priester sind zum fürchten. Ich musste immer daran denken, was sie mit einem unrein geborenem Kind, wie mir, machen, würde ich jemals zurückkehren. Jedesmal, wenn er etwas gesagt hat, hat es mir die Luft abgeschnürt. Ich hoffe, ich war nicht zu aufdringlich?"
"Nein, nein, gar nicht."

Nachdem sie Draußen etwas frische Luft geschnappt hatten, machten sie sich auf den Weg zur Aufführung. Yuna war froh, dass sie die Aula, in der das Theaterstück aufgeführt wurde, ohne weitere Zwischenfälle erreichten. Kyokos Auflösung wurde immer offensichtlicher, sie spürte, wie sich ihr Herz zusammen krampfte. Noch konnte sie Kyokos Nähe spüren, wann würde auch dieses Gefühl im Nichts versinken. Ein kalter Schauer ließ sie erneut frösteln, sie riss sich zusammen, sie durfte Kyoko nicht diesen vielleicht letzten Tag verderben.
Die Prinzessin auf der Bühne gab auch gerade Stoßseufzer von sich. "Oh mein Geliebter, Liebster habt Mitleid."
"Ich kann nicht anders handeln, als die Ritterehre fordert."
Lachen, schallendes Lachen auf dem Platz neben Yuna ließ die beiden auf der Bühne kurzfristig erstarren. Kyoko wandte sich Yuna, immer noch lachend nur inzwischen leiser, begeistert flüsternd zu. "Das ist wirklich gut, als hätten Ritter eine Ehre."
"Die Ritterehre ist ein hohes Gut," die Prinzessin versuchte sich von Kyoko nicht irritieren zu lassen, "doch ist die Liebe nicht ein höheres?"
"Mein Herz sagt ja, doch meine Treu erfordert anderes."
Erneut lautes Lachen. Kyoko bekam sich kaum wieder ein.
"Doch bist du mir nicht auch zur Treu verpflichtet?"
"Oh, würde nicht die andere höhere Pflicht mich hindern, so wollt ich Euch mein Leben gern zu Füßen legen."
Ein unterdrücktes Juchzen neben Yuna "zu Füßen", Kyoko bekam vor Lachen kaum Luft. Und so ging es weiter und mit der Zeit steckte sie immer mehr Zuschauer mit ihrem Lachen an. Tapfer hielten die Mitglieder der Theater-AG trotzdem bis zum Schluss durch, obwohl die Prinzessin in den letzten beiden besonders tragischen Szenen bei jedem Lachen zusammen zuckte. Die Romanze war als Lustspiel ein voller Erfolg. Eisige Blicke durchbohrten von der Bühne aus den abgedunkelten Publikumsbereich in Kyokos Richtung. Yuna sah zu, das Kyoko mit ihr zusammen, noch bevor die Beleuchtung im Publikumsbereich angeschaltet wurde, die Aula verließ. Sie wollte lieber nicht mit den Schauspielerinnen und Schauspielern der Theater-AG zusammenstoßen.

"Das war lustig, wie sind die auf die Ideen gekommen, kein Ritter würde sich jemals so verhalten. Ritterehre, wie kommt jemand auf einen solchen Begriff, die einzige Ehre, die sie kennen, ist Wehrlose nieder zu strecken. Wieso wolltest du nicht, dass ich der Theatertruppe gratuliere?"
"Solange fast alle in der Aula sind, sind keine Schlangen vor den Essensstände. Du willst doch sicher alles probieren?" Sie wollte Kyoko nicht den Spaß verderben und außerdem war das nur eine halbe Lüge, die Essensstände würden sich wirklich bald mit langen Schlangen füllen. Und darüber hinaus beunruhigte Yuna Kyokos Zustand. Langsam wurde sie durchsichtiger und das war keine Einbildung.
Sie würgte ihre Furcht hinunter, doch nun spürte sie sie als kalten wachsenden Klumpen im Magen.

Zuerst holte sie für Kyoko und sich Yakisoba. Kyoko strahlte sie an. "Das ist lecker." Danach kamen mit Zuckerguss überzogene Äpfel, fast vergaß Yuna wieder für den kurzen Augenblick, was Kyoko widerfuhr. Doch dann fiel Kyoko der Apfel auf einmal aus der Hand, er glitt einfach durch ihre Finger hindurch. Traurig betrachtete Kyoko den im Dreck liegenden Apfel. "Tut mir Leid."
Kurz schien die Welt den Atem anzuhalten, dann raffte Yuna sich auf: "Das ist nicht schlimm, ich kaufe einfach einen neuen."
Da Kyoko nicht mehr in der Lage war, den Apfel zu halten, er glitt immer wieder durch ihre Finger hindurch, hielt Yuna ihn für sie. Kyoko versuchte zu lächeln. "Danke, der Apfel ist lecker," sie zuckte leicht zusammen, "noch kann ich zumindest etwas schmecken."
Nur dadurch, dass sie ihren Blick abwandte, konnte Yuna verhindern in Tränen auszubrechen. Sie holten sich zusammen noch eine Zuckerwatte, doch ihre Stimmung war dahin. Kyoko zupfte an ihrem Ärmel. "Lass uns nach Hause gehen."
Auf dem Rückweg sagten sie beide kein Wort.

Zuhause lastete das Schweigen weiter auf ihnen, beide wussten sie nicht, was sie sagen sollten und inzwischen konnte Kyoko selbst im Wohnungsinneren durch Kyoko hindurchsehen. Bis auf einmal Kyokos Stimme die lastende Stille durchbrach: "Schade, ich hätte so gerne einmal das Meer gesehen."
"Das ist zu weit ...," an sich hatte Yuna den Satz mit weg abschließen wollen, doch dann fiel ihr ein, dass noch eine Möglichkeit bestand, sie würde Kyoko diesen letzten Wunsch erfüllen. Sie griff einen Mantel und legte ihn Kyoko sorgsam um: "Dann komm."
Zuerst begriff Kyoko nicht, was Yuna wollte, doch trotzdem ließ sie sich von ihr leiten. Im Flur der Wohnung hing ein impressionistischen Gemäldes 'Frau am Strand'. Ohne weiter nachzudenken, zog sie Kyoko mit sich ins Gemälde, inzwischen kam ihr dies fast normal vor.

Am Strand waren es zum Glück relativ leer. Ein schöner Frühlingstag, doch der kühle Wind war deutlich zu spüren. Die Frau aus dem Gemälde lief in ihren langen Kleidern barfuß durch das flache Wasser. Etwas weiter abseits standen einige Strandkörbe und zwischen den Dünen ein Verkaufsstand. Im Ausschnitt, den das Gemälde gezeigt hatte, war dies nicht zu sehen gewesen. Alles hatte die erfrischende Leichtigkeit, eines impressionistischen Bildes und doch fühlte sich für Yuna alles unendlich traurig und schwer an. Sie gingen zuerst selbst mit nackten Füßen ein Stück weit im Wasser entlang. Dann spürte Yuna, dass Kyoko immer unsicherer wurde, selbst das Wasser schien nun durch ihren Körper hindurch zu fließen. Sie umfasste sie sanft: "Lass uns uns in die Dünen setzen. Ich hole uns ein Eis."
Kyoko nickte.

Als sie zurück kam, spürte sie die zunehmende Kälte. "Es wird kühl." Zum Glück saßen sie zwischen den Dünen etwas vor dem Wind geschützt.
Im Licht der Abendsonnen aßen sie ihr Eis. Yuna musste für Kyoko die Eiswaffel halten. Inzwischen war es für Yuna unmöglich, sich einzureden, dass noch Hoffnung bestand, das Verschwinden Kyokos im Nichts schritt immer weiter voran, die untergehende Abendsonne schien durch sie hindurch, Yunas Herz krampfte sich zusammen, doch sie versuchte ein fröhliches Gesicht zu zeigen, sie wollte Kyoko nicht ihren letzten Abend verderben. Dann bemerkte sie das Zittern, Kyoko zitterte am ganzen Leib. Schweigend half sie Kyoko ihren Mantel zu schließen.
"Das ist nicht nötig. Du musst dir keine Sorgen machen, ich spüre die Kälte nicht mehr," Kyoko versuchte zu lächeln, "das Eis schmecke ich leider auch kaum noch." Auf einmal bemerkte Yuna, dass das Eis inzwischen einfach durch Kyokos Mund hindurch glitt. Kyoko sah zu ihr auf. "Ich fürchte es ist bald vorbei, bitte verzeih mir."
"Nein," Yuna hatte sich vorgenommen, Kyoko nicht noch mit ihrer Trauer zu behelligen. Doch es ging nicht, die Tränen, liefen ihr nun herab. "Nein!"
"Es tut mir Leid," Kyokos Hand strich ihr wie ein Lufthauch über die Wange, dann sackte sie zusammen. Ihr Atem ging nur noch flach und sie hatte ihre Augen geschlossen. Das Schluchzen überwältigte Yuna nun vollends. Die Tränen liefen ihr in Strömen über das Gesicht und und ihr Schluchzen übertönte das Rauschen des Meeres.

Nach einer Weile raffte sie sich auf, sie nahm Kyoko auf den Arm, ihr Körper war nun ganz leicht, fast nur der Mantel war zu spüren. Dann lief sie hinunter zum Meer. Ihre Tränen waren versiegt, ihre Worte richtete sie mehr an sich selbst als an die sich Auflösende in ihrem Armen. "Wir schwimmen einfach immer weiter raus, dann kommen wir zurück. Irgendwann werden wir den Rand des Gemäldes erreichen. Und dann ...", ihre Stimme stockte, sie wusste nur eins, sie wollte nicht, dass Kyoko hier zurückblieb und aus irgendeinem Grund war sie überzeugt, dass sie nur über den Horizont hinaus schwimmen musste, um das Gemälde zu verlassen.

Die Wellen umspielten zuerst nur ihre Füße, dann ihre Beine und bald darauf ihren Körper als sie langsam immer weiter ins Meer hinein ging. Als sie keinen Grund mehr spürte, drehte sie sich um, Kyoko mit den Armen fest umfassend, schwamm sie auf dem Rücken mit kräftigen Beinbewegungen immer weiter hinaus. Die Anstrengung ließ sie nach kurzer Zeit die Kälte des Wassers nicht mehr spüren. Obwohl Kyoko im schwächer werdenden Licht des Abends im Mantel kaum noch zu erkennen war, konnte sie ihre Anwesenheit fühlen und ein Schluchzen drohte erneut sie zu überwältigen, aber das Schwimmen ließ ihr dafür keine Kraft. Langsam bemerkte sie, wie ihre Kräfte nachließen, sie riss sich zusammen und verstärkte ihre Anstrengung und doch kam sie dem Horizont nicht näher. Irgendwann verlor sie dass Gefühl für die Zeit und dann kam die Erschöpfung. Der Mantel, der Kyoko umhüllte, schien immer schwerer zu werden. Ihre Beinbewegungen wurden immer ungleichmäßiger, egal, wie sehr sie sich zusammen riss, bis sie nicht mehr konnte und der nasse Mantel sie nach unten zog. Das letzte, was sie dachte, war, dass sie ihn auf keinen Fall loslassen durfte. Ihn umklammernd versank sie, Wasser drang ihr in den Mund, sie bekam keine Luft mehr, dann wurde ihr schwarz vor Augen.


Entscheidung


Ein pochender Schmerz ließ sie aufwachen. Ungläubig schaute sie sich um, sie lag auf dem Fußboden ihrer Wohnung. Es war nicht einmal viel Zeit vergangen, die Uhr zeigte gerade einmal 23.00 Uhr Nachts an. Das Bild hatte sie ausgespuckt. Der Aufprall auf dem Boden hatte geschmerzt, sie spürte den Bluterguss am Kopf, doch er hatte sie wieder zu Bewusstsein gebracht. Sie musste husten und spuckte Wasser. Nur langsam kam sie wieder zu Kräften. Unweit von ihr lag Kyoko. Panisch umfasste sie sie, die kaum noch ein verblassender Schatten war, auch sie hatte überlebt, noch atmete sie flach, fast nicht zu spüren. Aber ihre Erleichterung währte nur kurz. Nur mit Mühe und Glück war es ihr gelungen, zusammen mit Kyoko aus dem Gemälde herauszukommen. Doch wozu war dies nutze? Lange würde es nicht mehr dauern, ihre Glieder fühlte sich wie Eis an bei dem Gedanken an das, was Kyoko widerfuhr, die bewusstlos auf dem Boden lag und immer durchsichtiger wurde. Hilflos saß sie nass und zitternd neben der sich auflösenden Freundin. Jede Minute wurde ihr zur Unendlichkeit. Sie wusste, dass eine Rückkehr ins Ölgemälde im Rathaus für Kyoko nicht in Frage kam, sie konnte die Entscheidung verstehen, nur, sie konnte doch nicht einfach hier sitzen und zuschauen.

Ein Zittern durchlief ihren Körper und kehrte immer wieder zurück, sie zog die Beine an und lehnte sich gegen die Wand. Die Kühle der Wand schien nach ihr zu greifen. Wieder fing sie an zu schluchzen, ihre Tränen wollten nicht aufhören. Kyokos Körper verblasste immer weiter, sie traute sich nicht, sie zu berühren. In tiefer Bewusstlosigkeit wirkte sie fast schon tot. Yuna ertrug den Anblick nicht und wandte sich ab, ihr Blick blieb an einem Mangaband hängen, der auf dem Fußboden lag. Die Serie um Magie, Drachenkämpfe und einen Zauberer hat sie als jüngeres Mädchen in ihren Bann gezogen, obwohl es ein Seinen-Manga (1) war. Der Große Zauberer, letzter Magier des Zirkels, der im Manga vor kam, hätte Kyoko sicher helfen können, doch dieser Zauberer war nur eine Phantasiefigur. Erneut überfiel sie das Zittern. Bis ihr auf einmal klar wurde, dass auch Mangazeichnungen Bilder waren. Nur, würde der Zauberer ihr helfen?

Sie versuchte sich zu erinnern: Der Große Zauberer war im Manga Fan einer Shojo-Mangaserie (2), die Serie Magigal Girl Miuki-Chan war später als Spinoff publiziert worden und sie besaß eine der Miuki-Chan Figuren aus einer limitierten Auflage. Sie konnte sie als Bezahlung nutzen. Nach kurzer Suche hatte sie die Figur gefunden, ohne noch weiter Zeit zu verlieren schlug sie den Mangaband an einer passenden Stelle, einem Bild der Werkstatt des Zauberers, auf und versuchte ins Bild zu steigen. Nichts passierte, was sie auch versuchte, sie saß immer noch in ihrem Zimmer und für Kyoko lief die Zeit ab. Verzweifelt schlug sie auf das Buch und dann passierte es doch, sie fiel.

"Iiik", laut quiekend rannte die Ratte, der sie beim Fallen den Schwanz eingeklemmt hatte, davon. Dies hatte den Vorteil, dass die anderen Ratten Abstand hielten, trotzdem bedrückten sie die alten feuchten Gewölbegänge. Sie hatte offensichtlich, das Bild verfehlt und war in ein anderes hineingeraten. Zum Glück fiel ihr nach einer kurzen Phase der Orientierung ein, dass diese Gänge zur Werkstatt des Zauberers führten. Als Leserin waren ihr diese schwarzen Gewölbe immer geheimnisvoll faszinierend erschienen, doch nun wollte sie nur so bald als möglich den Zauberer erreichen, obwohl alles wie in den Mangazeichnungen ausgeführt war, auch sie selbst. In der Ferne waren Schreie zu hören, schon beim Lesen hatte sie sich gefragt, woher die kamen. In der Serie wurde es nie aufgeklärt. Heute achtete sie kaum darauf und doch hörten sie sich für sie furchtbar traurig an, aber ihre Gedanken waren bei Kyoko. Wieviel Zeit blieb ihr noch?

Endlich stand sie vor der Tür des Zauberers, sie trat ein ohne anzuklopfen und rannte den Zauber fast um. Der alte Mann blickte sie mit aufgerissenen Augen an und fing an zu sabbern. Erst jetzt dachte Yuna daran, dass sie immer noch ihre nassen Sachen trug und ihre Körperform und mehr als das deutlich zu sehen war. Auf einmal fielen ihr wieder die vielen Szenen im Manga ein, in denen die Kleidung junger Frauen und Mädchen nass und durchsichtig wurde, ein Drache ihre Kleider zerriss oder ihnen eine Schlange unter die Kleidung kroch. Als junge Leserin hatte sie solche Stellen einfach überlesen, doch mit einmal wurde ihr der Sinn klar. Die Glupschaugen des alten Mannes waren auch unmissverständlich. Sie nahm einen Eimer mit Wasser, der unweit von ihr stand, und schüttete ihm dem Zauberer ins Gesicht, dann warf sie sich einem Umhang über, der in einer Ecke hing.
Der alte Mann schüttelte sich und wandte sich dann erhobenen Hauptes ihr zu. "Was fällt dir ein? Wer bist du? Was willst du hier?" Auf einmal verstummte er kurz, musterte sie erstaunt und fuhr sie dann noch an: "Und wieso trägst du keine Schuluniform?"
Sie erinnerte sich im Manga hatten immer alle weiblichen Charaktere eine Schuluniform getragen. Für das Genre mit Drachenkämpfen und Magie recht ungewöhnlich, aber es hatte irgendeine Erklärung dafür gegeben. Langsam begann sie sich zu fragen, was ihr an diesem Manga früher gefallen hatte, nur auch dafür war keine Zeit. Inständig hoffte sie, dass sie den Zauberer nicht verärgert hatte. Sie riss sich zusammen: "Ich brauche eure Hilfe."
"Ho, ho," der Zauberer sah sie nun von oben herab an, "und wieso sollte ich dir helfen?"
Sie zog die Miuki-Chan-Figur aus ihrer Tasche. "Ihr bekommt diese Figur als Bezahlung."
Der Zauberer sah abfällig zu ihr hinüber. "Ich besitze dutzende Figuren von Miuki-Chan. Was soll ich mit dieser gewöhnlichen Massenanfertigung."
"Das ist keine Massenfertigung," Yuna seufzte, sie hatte gehofft dies vermeiden zu können, sie zog ihre letzte Karte, und flippte den Rock der Figur nach oben, "dies ist eine limitierte Auflage mit weißem Slip mit blauen Herzchen."
Dem alten Zauber fielen fast die Augen aus dem Kopf, er wollte die Figur sofort in Augenschein nehmen, doch Yuna entzog sie seinem Zugriff. Sie sah sofort, dass sie gewonnen hatte, sie hätte fast alles für die Figur fordern können. Der alte Zauberer war ein Otaku (3) wie aus dem Klischee. Aber sie wollte nur eins. Kurz erläuterte sie Kyokos Zustand.

Der Zauberer hörte ernst zu und blätterte dann in einigen dicken alten Büchern, bevor er mit dunkler Stimme zu sprechen anfing: "Ihr fehlt, da sie nicht in ihrer Welt ist, die notwendige Lebensenergie. Die einzige Möglichkeit ihr zu helfen ist, ihr Lebensenergie aus deiner Welt zuzuführen."
"Wie mache ich das?"
"Du entziehst sie einem anderen Menschen und überträgst sie."
"Was passiert mit dem anderen Menschen?"
Der Zauberer sah sie verdutzt an. "Der stirbt natürlich."
Yuna schüttele entsetzt den Kopf. "Das kann ich nicht."
"Du kannst dich auch selbst opfern."
Die Worte trafen sie wie ein Schwall Eiswasser. Sie wusste nicht mehr, was sie fühlen sollte, sie wollte nicht sterben und sie wollte nicht, das Kyoko starb, sie kam sich mit einmal selbst fremd vor und konnte nicht einmal weinen.
Da spürte sie die Hand des alten Zauberers auf ihrer Schulter, sein Blick ruhte auf der kleinen Figur, die Yuna immer noch in der Hand hielt. "Es gibt noch eine Möglichkeit. Du kannst deine Lebensenergie auf deine Freundin und dich selbst zu gleichen Teilen aufteilen. Ich kann dir das Ritual dafür aufschreiben, du musst es aber selbst vor Ort durchführen und dich ganz genau daran halten. Und du verlierst die Hälfte deiner Lebensenergie."
Yuna nickte und streckte ihm die Figur von Miuki-Chan hin.

Ein Lächeln erfüllte das Gesicht des alten Magiers als er die Figur in Empfang nahm. Dann erläuterte er ihr das Ritual und schrieb ihr alles noch mal auf. Nachdem er ihr die Zeichnung der notwendigen Runen gezeigt hatte, gab er ihr den Zettel und etwas Kreide. "Das ist alles was du brauchst."
"Wie komme ich zurück?"
Der Zauberer grinste: "Das ist einfach." Mit diesen Worten schubst er sie, ohne ihr eine Möglichkeit zur Erwiderung zu geben, durch einen großen Spiegel, der in einer Ecke stand. Gleich darauf stürzte sie in ihrem Zimmer direkt neben dem Mangaband auf den Fußboden.

Das Ritual war ein Blutzauber. Kyoko war kaum noch wahrzunehmen, Yuna berührte nur mit Vorsicht ihren Schatten, sie konnte sie kaum noch spüren. Wieder drohten die Tränen sie zu überwältigen, aber sie wischte sie bei Seite. Sie musste sich sofort daran machen das Ritual zu vollziehen. Zuerst zeichnete sie mit der Kreide das vorgeschriebene Pentagramm um Kyoko herum, dann schnitt sich mit einem Messer, dass sie aus der Küche geholt hatte in die Hand und ergänzte mit ihrem Blut die Runen an den richtigen Stellen im Pentagramm, zum Schluss stellte sie sich selbst in Position und vollzog das eigentliche Ritual. Mit jedem Wort des Zauberspruchs, den ihr der alte Zauberer aufgeschrieben hatte, spürte sie wie ein Zerren in ihrem Inneren stärker wurde, mit Mühe nur konnte sie die Sätze beenden, dann brach sie über Kyoko zusammen. Ihre gesamte Lebensenergie schien aus ihr heraus zu fließen und sie konnte es nicht stoppen.

Und doch wachte sie wieder auf, der Morgen war schon angebrochen. Das erste was sie sah waren Kyokos Augen, die sie anblickten, sie lag mit ihrem Kopf auf Kyokos Knien und ihre Hand hatte jemand verbunden. Also hatte sie Kyoko gerettet, die Erleichterung ließen ihr Tränen in die Augen treten. Kyoko strich ihr einige Haare aus der Stirn. "Willst du etwas trinken?"
Yuna nickte schwach. Nach einer Weile hatte sie sich soweit beruhigt, dass sie sich aufsetzen konnte. Kyoko hatte die ganze Zeit geschwiegen, nun brach sie das Schweigen: "Wieso hast du das getan?" In ihrer Hand hielt sie das Schriftstück des Zauberers. "Du hast mir einen Teil deines Lebens übertragen."
Yuna flüsterte ihre Antwort fast, so leise klang ihre Stimme: "Ich weiß nicht."
"Glaub nicht, dass ich dir diese Antwort durchgehen lasse." Kyoko umschlang Yuna auf einmal und hielt sie fest umarmt. "Ich hatte bisher niemanden, nichts was erinnert werden müsste. Du hast das verändert, du hast das entschieden ohne mich zu fragen. Und du hast,mir einen Teil deiner Zukunft übertragen. Warum?"
Yuna zögerte mit der Antwort, dabei wusste sie genau warum sie dies getan hatte, nur wollte sie nicht, das Kyoko sich von ihr bedrängt fühlte. Endlich tropften die Worte von ihren Lippen. "Ich wollte dich nicht missen. Ich will dich nicht missen. Falls du gehen willst, heißt das aber nicht, dass du das nicht tun sollst."
"Dir würde das nichts ausmachen?"
"Doch, aber ich will auf keinen Fall, dass du aus Pflichtgefühl bleibst."
Die Tochter des Teufels schüttelte den Kopf. "Das musst du nicht befürchten. Ich habe dich nicht darum gebeten, mein Leben zu retten. Du allein hast das entschieden. Ich habe keine Schulden. Trotzdem bis du nun aber ein Teil meiner Geschichte und ich deiner, und ich will wissen, wie diese Geschichte weiter geht."




FIN

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Light Novel & kurze Texte – Tuja













Fußnoten:

1) Seinen-Manga - Mangas, die als Zielpublikum ältere männliche Jugendliche oder männliche Erwachsene haben.

2) Schojo-Manga - Mangas, die als Zielpublikum junge Mädchen haben.

3) Otaku - Abwertender Begriff für extreme Manga- und Animefans, bei denen sich ihr Fankult häufig mit Formen des Fetischismus verbindet.


















Erstausgabe 2017
Spiegelung & Verbreitung der Texte sind ausdrücklich gewünscht
Anarchistische Texte für das 21. Jahrhundert
HerausgeberInnengemeinschaft
Paula & Karla Irrliche
Seit 2001













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In der Light Novel 'Inu to Hasami wa Tsukaiyō' heißt es sinngemäß, dass nicht wichtig ist zu wissen, wer oder was die AutorIn ist - wichtig ist der Text und die LeserInnen. Interessant ist vielleicht nur, weshalb ich schreibe: Weil ich mich nirgends in der Literatur wiederfinde, dort nicht vorkomme und nicht bereit bin zur Normalisierung meines Fühlen und Denkens.
Ihr erreicht micht unter der E-Mail - tuja@irrliche.org - Bitte im Betreff das Wort "Light Novel" schreiben, damit sie von Spam unterscheidbar ist - Danke.



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Zuletzt aktualisiert 10.07.2017


















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