Tuja


The Japanese H-Manga Academy (of Rumoi)

Eine Light Novel (raito noberu)



Kapitelübersicht



Telefonat 1, Kapitel 1,, Kapitel 2, Telefonat 2, Nacht 1, Kapitel 3, Kapitel 4, Kapitel 5, Kapitel 6, Telefonat 3, Nacht 2, Kapitel 7, Kapitel 8, Kapitel 9, Kapitel 10, Nacht 3, Telefonat 4, Kapitel 11, Kapitel 12, Nacht 4, Telefonat 5, Nacht 5, Endnoten, Anmerkung zu Haiku







Telefonat 1



Noch war die Nacht nicht wirklich vorbei. Nichtsdestotrotz sangen draußen im Dunst des Morgens bereits die ersten Vögel.

"Hallo?"

Das Klingeln des Telefons hatte mich mitten aus dem Schlaf gerissen. Zu mehr als diesem "Hallo" war ich nicht in der Lage und das Telefon zeigte keine Nummer an.

"Yukiko? Bist du das?"

Die Stimme, die das sagte, kam mir bekannt vor. Außerdem hatte die Stimme mich bei meinem Namen genannt: Yukiko, Yukiko Müller, der Vorname war auf meine Mutter zurückzuführen, die aus Japan nach Deutschland eingewandert war. Ihren Grund dafür verstand ich bis heute nicht wirklich. Der Zeiger des Weckers stand auf 5:32 Uhr. Ich versuchte, meine Müdigkeit zu überwinden.

"Wer ist da?"

"Ich bin es, schläfst du noch? Ich habe ein Angebot für dich."

Nun erkannte ich die Stimme. Es war mein Arbeitgeber, Inhaber eines kleinen deutschen Manga-Verlages, für den ich ab und zu Sekretariatsarbeiten verrichtete, dabei hatte ich mich eigentlich als Zeichnerin beworben.

"Was für ein Angebot?"

Vermutlich sollte ich nur einen Manga für ihn vom Japanischen ins Deutsche übersetzen. Ein Gähnen ließ mich zittern, zum Glück war dies kein Bildtelefon. Für mich war es einfach zu früh am Morgen.

"Eine Ausbildungsmöglichkeit als Mangaka in Japan. Einen Platz an der Japanese H-Manga Academy, du müsstest ihn nur sofort antreten. Der Verlag übernimmt die Reisekosten und die Gebühren für den Ausbildungskurs über ein Jahr. Unterbringung im Studentinnenwohnheim und ein hochwertiges abwechslungsreiches Essen am Tag sind inklusive."

"Wie, wieso? Was hat der Verlag davon?"

Irgendwo musste dieses Angebot einen Haken haben. Mein Arbeitgeber bot mir das auf keinen Fall ohne Hintergedanken an.

"Du musst dich nur dazu verpflichten, zu versuchen, die jungen Nachwuchs-Mangaka aus Japan, die du kennenlernst, für unseren Verlag zu gewinnen."

"Und wenn sie nicht wollen?"

"Du musst sie halt überzeugen."
Das alles klang immer noch zu gut, um wahr zu sein.

"Ich überlege mir das."

"Ich brauche bis 6:30 Uhr eine Entscheidung von dir. Schick mir einfach eine SMS. Ich muss dich bis 7:00 Uhr bei der Akademie anmelden, das Semester beginnt in drei Tagen. Flüge habe ich schon heraus-gesucht. Mit der Anmeldung ist der Aufenthaltsstatus geklärt. Oh, entschuldige bitte, ich muss das Gespräch beenden, hier kommt gerade ein anderer Anruf."

"Augenblick, ich ..."

Er hatte aufgelegt. Bei meinem Versuch, ihn zurückzurufen, gelangte ich nur zur Mailbox.


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Kapitel 1



Vom Meer klang das Kreischen der Vögel herüber und die Luft roch nach Seetang. Der Wind strich kühl über meine Haut.

"Rumoi Stadt." Die Stimme der Ansage im Zug klang noch in meinem Kopf nach.

Ich hatte viermal das Flugzeug wechseln müssen bis ich in Sapporo auf Hokkaido ankam. In Toronto hatte ich 13 Stunden Zwischenaufenthalt gehabt, den Wartebereich des Flughafens aber nicht verlassen dürfen. Die Verbindung hatte mein Arbeitgeber gebucht. Und dann hatte ich in Sapporo kaum Zeit gehabt und auf dem Bahnhof Probleme, den Anschlusszug nach Rumoi zu finden. Dennoch fühlte ich mich leicht und war in Hochstimmung. 'The Japanese H-Manga Academy
(of Rumoi)' erwartete mich. Mit 20 Jahren war dies meine Chance, eine professionelle Mangaka zu werden. Und nun war ich in Rumoi Stadt, dem Hauptort der Subpräfektur Rumoi. Von hier aus musste ich nur noch eineinhalb Stunden mit dem Bus fahren, dann würde ich mein Ziel erreichen.

Erst nachdem ich zugesagt hatte, war mir in den Sinn gekommen, dass das H in H-Manga Akademie nur für Hentai stehen konnte, also für sexuell explizite Manga (1). Doch auch dies hatte nur kurz meine Stimmung getrübt. Und wenn schon? Aktzeichnen galt in der Kunst schließlich als wichtige Grundlage für alles andere. Und bei den Manga, die mein Arbeitgeber publizierte, war dies kaum anders zu erwarten gewesen. Da meine Mutter aus Japan kam und ich als Kind einige Jahre hier verbracht hatte, obwohl ich mich kaum daran erinnerte, waren meine Sprachkenntnisse zum Glück gut.

Am Bahnhof nutzte ich zum ersten mal einen der typischen japanischen mit Dosen bestückten Automaten, das hatte ich immer schon gewollt. Bisher kannte ich sie nur aus der Manga-Lektüre. Die lauwarme Dosensuppe schmeckte vor allem salzig, doch auch dies konnte meine Stimmung nicht trüben und die frische Brise vom Meer ließ meine Müdigkeit für den Augenblick verfliegen.

Wo fährt wohl mein Bus ab? Bei der Übersetzung ins Japanische sprach ich meinen Gedanken aus Versehen laut aus.

"Wo fährt wohl mein Bus ab?"

"Wohin willst du?"

Die Frau dicht hinter mir bemerkte ich erst jetzt. Eine Japanerin, sie war in meinem Alter, vielleicht etwas jünger. Ihr schwarzes Haar war leicht verwuschelt, was ihr aber egal zu sein schien. Sie trug eine Art Trainingsanzug und war ein bisschen kleiner als ich. Einen Augenblick war ich überrascht, im Manga wäre diese Frage sicher sehr viel eleganter und höflich distanzierter formuliert worden. Doch mein Gegenüber schien sich nichts dabei zu denken. Nichts an ihr wirkte ungewöhnlich. Sie wirkte nur etwas übermüdet.

"Ich habe einen Studienplatz an der Japanischen H-Manga Akademie."

Kaum hatte ich dies ausgesprochen, da biss ich mir auf die Lippen. Das 'H' war mir auf einmal peinlich. Doch mein Gegenüber schien das gar nicht zu kümmern.

"Ach wirklich, dann sehen wir uns ja noch." Einige Sekunden betrachtete sie mich neugierig, dann sprach sie weiter. "Ich nehme denselben Bus. Ich muss nur eine Station später aussteigen, da ich in der Stadt wohne. Ich kann dir aber Bescheid sagen, wo du aussteigen musst. Der Bus fährt dort drüben ab. Wo kommst du her?"

"Aus Deutschland, aus der ostdeutschen Provinz, um genauer zu sein. Meine Mutter kommt aus Tokio, aber sie sagt immer, dort war es ihr zu spießig. Wie sie dann in der ostdeutschen Provinz landen konnte, ist mir allerdings bis heute ein Rätsel."

Meine Mutter hatte nur "Ah" gesagt, als ich ihr mitgeteilt hatte, dass ich nach Rumoi zum Studieren gehen würde.

"Vor kurzem lief hier eine Dokumentation über Ostdeutschland im Fernsehen. Das muss schwer für dich gewesen sein, da zu leben."

"Wie kommst du darauf?"

"Entschuldige, wenn ich zu weit gegangen bin."

"Nein. Ich glaube nur, ..."

"Ich wollte nicht kulturunsensibel sein, aber dann ist es für dich sicher auch nicht einfach, dich hier in Japan zu akklimatisieren, mit den vielen Menschen überall."

Inzwischen saßen wir im Bus. Sie hatte sich neben mich gesetzt. Aus dem Fenster waren Teile der Stadt Rumoi zu erkennen, die mit etwas mehr als 20.000 EinwohnerInnen die größte Stadt der Subpräfektur Rumoi war, einem dünn besiedelten Gebiet auf Hokkaido, der nördlichsten Insel Japans. Unweit war eine einspurige Eisenbahnanbindung zu sehen, die aber aussah, als wäre sie stillgelegt worden.

"Ich glaube, du hast falsche Vorstellungen über Deutschland."

"Ich wollte wirklich nicht deine Heimat schlecht machen."

Ich kam nicht dazu, noch etwas zu erwidern, da meine Nachbarin kurz darauf einschlief. Ihre Schulter berührte mich leicht. Und dabei hatte ich gelernt, das Japanerinnen körperscheu sind. Ich versuchte, sie nicht zu wecken. Der Bus fuhr inzwischen, am Fenster zogen Äcker, Weiden und bewaldete Hänge vorbei, ab und zu überquerten wir eine Brücke oder fuhren durch einen Tunnel. Auf einmal hörte ich neben mir eine Stimme:

"Schwarzer Räder
Schweiß auf rohem Asphalt,
des Todes Spur."

Meine Nachbarin war aufgewacht. Ihr Blick wirkte, als würde sie eine Reaktion erwarten, doch da von mir keine Erwiderung kam, streckte sie mir ihre Hand entgegen.

"Ich heiße Itsuko Yasumi."

"Yukiko Müller."

"Müller?"

Sie ließ die Laute über ihre Zunge rollen.

"Das klingt ungewöhnlich."

Wieder ließ sie mir nicht die Zeit für eine Antwort, bevor sie fortfuhr.

"Ich versuche, surrealistische Haiku zu dichten. Wie fandest du die Zeilen?"

"Oh, ..." Ich erinnerte mich an das, was ich über Haiku gelesen hatte: Haiku sind eine japanische Kurz-gedichtform, die traditionell aus 3 Zeilen zu 5 / 7 / 5 Lauteinheiten besteht, die sich nicht reimen und die den Buchstaben des Hiragana-Alphabets ent-sprechen. Haiku nutzen in ihrer traditionellen Form bestimmte Begriffe mit Jahreszeitenbezug, beschrän-ken sich auf bestimmte Themengebiete, vor allem Natur, und fassen diese konkret, teils mit symbo-lischen Bezügen zur Religion oder zu Emotionen, überlassen aber gleichzeitig die Vervollständigung des Sinns den Lesenden.
Da Silben teils aus mehreren Lauteinheiten bestehen, wird im Deutschen für Haiku teils ein Schema aus 3 Zeilen zu 4 / 6 / 4 Silben zu Grunde gelegt. Manchmal wird aber auch ein 5 / 7 / 5 Silbenschema verwendet.
Das Haiku von Itsuko war zumindest ungewöhnlich und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Zum Glück wartete sie meine Antwort jedoch auch nicht ab, bevor sie weiter sprach.

"Hast du etwas gegen moderne Haiku? Meinst du, die traditionelle Form muss gewahrt werden?"

"Ich weiß nicht."

Ihr Blick wirkte auf einmal unsicher.

"Du kommst aus Ostdeutschland. Bist du Faschistin?"

"Nein."

Sie atmete auf.

"Im japanischen Faschismus wurden in den 1940er Jahren Haiku-Dichter der Schule moderner Haiku verhaftet und teils bis zum Tod gefoltert, weil sie von der traditionellen Form abgewichen sind. Sie haben zum Beispiel auf jahreszeitliche Begriffe verzichtet und individuelle Gefühle thematisiert (2). Hana hat dazu ein Haiku geschrieben:

1940

Februareis,
die Tokkô weist Dichtern
den Weg zurück.

Die Tokkô, die tokubetsu kôtô keisatsu, das japanische Gegenstück zur GeStaPo, begann am 14. Februar 1940 mit der Verhaftung von Haiku-Dichtern der Neuen Haiku-Bewegung, der shinkô haiku undô, und zwang sie unter Folter zur Selbstkritik und zum Schreiben traditioneller Haiku. Unterstützt wurde die Tokkô dabei von Takahama Kyoshi, dem zu der Zeit wichtigsten Dichter traditioneller Haiku. Hana hat in diesem Haiku deshalb einen jahreszeitlichen Terminus aufgenommen und ein Naturthema gewählt."

"Ah, ..." Wer war Hana?

"Willst du einen Apfel?"

"Danke."

Beide wussten wir einen Augenblick lang nicht, was wir sagen sollten. Dank der Äpfel konnten wir unauffällig schweigen. Draußen hatte sich die Landschaft kaum verändert, nur ab und zu kamen wir durch kleinere Ortschaften und immer wieder war das Meer zu sehen. Itsuko schlief wieder ein. Auch ich lehnte den Kopf an und schloss die Augen.

Ein Zupfen an meiner Kleidung ließ mich hochschrecken. Itsuko beugte sich zu mir herüber.

"Gewürm kriecht mir
aus den Augen, der Schlaf
zieht mich hinab."

Ich schüttelte mich, um wach zu werden.

"Ist das auch ein surrealistisches Haiku?"

Sie schaute mich unsicher an.

"Natürlich, aber ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen. Falls du so etwas noch nie gelesen hast, kann ich dir einen Band mit surrealistischen Gedichten leihen. In Ostdeutschland ist das vielleicht nicht so bekannt."

Ich wollte gerade versuchen, Itsukos Blick auf Ostdeutschland zu korrigieren, als sie auf einmal aufblickte.

"Du musst raus, das ist deine Haltestelle. Ich fahre noch eine Station weiter. Bis bald." Sie drängte mich zur Tür.
Gleich darauf stand ich draußen. Ich kam nur noch dazu, ihr ein kurzes "Danke!" zuzurufen, dann setzte sich der Bus wieder in Bewegung.

Itsuko winkte noch.

"Wir sehen uns."

Wieso war sie sich so sicher, dass wir uns wiedersehen würden? Wir hatten nicht einmal Telefonnummern ausgetauscht. Bald war der Bus in einem Tunnel verschwunden. Ich sah mich um, ich stand im Nirgendwo. Weit und breit war kein Gebäude zu sehen, kein Auto, kein Mensch, nur Wald und Buschwerk. Und mein Smartphone hat keinen Empfang.

Aber der Busfahrer hatte die Haltestelle sogar angesagt: "The Japanese H-Manga Academy. Bitte Vorsicht beim Ausstieg."

Itsuko hatte mir zum Abschied noch einen Apfel in die Hand gedrückt. Den Apfel in der einen, den Trolley mit meinem Reisegepäck mit der anderen Hand festhaltend, stand ich am Straßenrand und starrte auf die Bäume.

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Kapitel 2



Ein kühler Windhauch strich über die Straße. Leichter Nebel bildete sich über über dem Gras am Waldrand. Die sinkende Sonne stand dicht über den Wipfeln der Bäume.

Es dauerte eine Weile, bis ich eine matschige Stelle, die zwischen zwei Bäumen hindurchführte, als Pfad erkannte. Sonst war nichts zu sehen. Dies war der einzige Weg, also entschied ich mich, ihn auszuprobieren. Nach wenigen Metern waren meine Turnschuhe durchnässt. Zum Glück hatte ich mich für die Fahrt für praktische Kleidung entschieden, Hosen und Pullover. Der Wald wurde immer dichter, die Straße war durch den Nebel zwischen den Bäumen bald nicht mehr zu sehen.

"Das Herz, begraben
unter dunklen Tannen,
schreit vor Schmerzen."

Eine fast monotone Frauenstimme, als käme sie aus den Abgründen der Zeit selbst. Irgendetwas berührte meine Schulter. Hinter mir stand eine Frau mit mittellangen schwarzen Haaren, etwa so groß wie ich und dunkel gekleidet, ein schwarzer Trenchcoat über den dunklen Hosen, schwarze, feste Schuhe, nur die Bluse war weiß. Sie schien wie ich Anfang 20 zu sein.

"Hallo, ich bin Kita Nishizawa, du musst Yukiko Müller sein - die Neue."

"Hallo."

Mehr brachte meine Kehle nicht hervor. Nishizawa schaute mich an, als wäre ich ein interessantes biologisches Fundstück, das sie gerade im Wald entdeckt hatte.

"Ich soll dir den Weg zeigen."

Immer tiefer ging es in den Wald hinein, der Pfad war nun kaum noch zu erkennen.

"Kein Sehnen mehr,
am Ende des Weges
nur ein Abgrund."

Nishizawa trug auch dieses Haiku vollständig ausdruckslos vor, dann schwieg sie. Die Stille wurde im Dunkel des Waldes immer drückender. Ich räusperte mich.

"Du bist schon die Zweite, die ich heute getroffen habe, die Haiku zitiert. Ist das hier üblich?"

"Das war kein Zitat. Und auch du bist doch deshalb hier."

"Was meinst du damit?"

"Die H-Manga Akademie, du hast dich doch eingeschrieben, die Haiku-Manga Akademie." Als sie meine Überraschung bemerkte, unterbrach sie sich kurz. Ihr Blick wurde kalt, er schien unter meine Kleidung zu dringen. "Oder was dachtest du, wofür das H in H-Manga Akademie steht?"

"Ich, ich dachte .... mein Verleger hat die Akademie ausgesucht."

Sie zuckte nur mit den Schultern.

"Wir sind da."

Auf einer Lichtung, die halb zugewachsen war, stand ein verfallenes großes Gebäude mit Anbauten. Nishizawa deutete auf einen Anbau an der Vorderseite des Gebäudes.

"Der Unterricht findet im Anbau links statt, dort, wo die Fenster ersetzt wurden. Das Wohnheim ist in einem Anbau hinter dem Gebäude."

Tatsächlich schienen bei genauerem Hinsehen einige Teile des Anbaus ausgebessert worden zu sein. Hinter dem Gebäude im Wald am Fuß des Hügels nahm ich noch weitere von Gestrüpp überwucherte Bauten wahr.

"Aber das ist eine Ruine."

"Die Akademie ist ein durch Strukturmittel der japanischen Zentralregierung gefördertes Projekt zur Wiederbelebung der Wirtschaft in Rumoi. 'The Japanese H-Manga Academy
(of Rumoi)' ist die Ausbildungsstätte in Japan mit dem größten Ausbauvolumen, das heißt dem größten ausbaufähigen Volumen. Der gesamte Komplex umfasst hier mehr als 20.000 Quadratmeter Fläche. Die Studie-renden kommen aus Europa und unterschiedlichen Regionen Japans, inklusive Tokio. Das steht alles auf der Webseite."

"Wie viele Studierende hat die Akademie?

"Sieben."

"Und wie viele kommen aus Europa?"

"Du, und dann haben wir noch einen Studenten, der aus Tokio kommt."

"Wie viele Lehrende gibt es?"

"Eine, das ganze Projekt wurde von der Regional-regierung nur durchgeführt, um die Strukturmittel zu bekommen."

"Wieso studierst du hier?"

"Ich habe ein Stipendium bekommen. Außer dir und Akiko Miyamoto haben alle ein Stipendium. Und für Aki spielt Geld glaube ich, keine große Rolle. Aber komm jetzt, ich zeige dir dein Zimmer."

Im Schatten an einem Holztisch vor dem Gebäude saß auf einer Bank eine Frau um die 40. Ihr Kopf war auf den Tisch gesunken, ihre kastanienbraunen Haare waren in Unordnung, einen Augenblick fragte ich mich, ob die Haare gefärbt waren, konnte das aber nicht erkennen. Ihr streng geschnittenes Kleid wirkte leicht derangiert. Vor der Frau stand eine noch etwa zu einem Viertel volle Flasche Sake, hochprozentiger Alkohol (3), und ein Glas. Nishizawa sah meinen fragenden Blick.

"Das ist unsere Lehrerin Fumiko Furuhashi. Lass sie einfach dort sitzen. Sie wird erst morgen wieder ansprechbar sein. Sie ist als Zeichnerin technisch wirklich gut, hat aber nie wirklich den Durchbruch als Mangaka (4) geschafft."

Der Anbau aus Holz hinter dem Haus wirkte im Abendlicht fast wie aus einer romantischen Novelle. Die Fenster spiegelten das Licht der untergehenden Sonne, die Wände wurden von Grün überwuchert. Doch gerade hatte ich ein wichtigeres Problem.

"Entschuldigung, wo sind die Toiletten?"

"Das Plumpsklo ist hinten am Waldrand, du musst immer etwas Kalk nachstreuen, wenn du es benutzt hast. Frisches Wasser bekommst du neben dem Anbau an der Pumpe. Was ist eigentlich mit dem Apfel? Willst du Wilhelm Tell spielen?"

Nishizawa interessierte sich scheinbar für europäische Literatur. Den Apfel hatte ich die ganze Zeit in der Hand gehalten und doch völlig vergessen.

"Ein Mitreisende im Bus hat ihn mir gegeben. Sie hat ebenfalls Haiku gedichtet. Ihr Name war Itsuko Yasumi."

"Oh, Itsu studiert auch hier, sie wohnt aber im Ort bei ihren Eltern. Du wirst sie morgen wiedersehen."

Ich steckte den Apfel weg und nutzte das erste Mal in meinem Leben ein Plumpsklo. Der Riegel an der Tür klemmte etwas. Draußen waren die Vögel zu hören. Nun begriff ich, wieso Itsuko davon ausgegangen war, dass wir uns wiedersehen würden, und wieso sie mir wie selbstverständlich Haiku vorgetragen hatte. Ich hatte ihr ja erzählt, dass ich hier studieren wollte. Das Konzept von Haiku-Manga, die in der Regel ein Haiku in einen Manga mit wenigen Bilder umsetzten, war mir aus meinen Recherchen zu japanischen Manga bekannt, mein Arbeitgeber hatte sich dafür aber nie interessiert. Ich war mir sicher, dass er das 'H' in der gleichen Weise, wie ich, interpretiert hatte.

Als ich zurückkam war Nishizawa bereits hineingegangen. Sie stand in einem Raum unten rechts, der wohl als Küche diente.

"Ich gieße Tee auf, willst du auch einen Becher?"

"Danke."

Der Tee war heiß.

"Dein Zimmer ist oben."

Das Zimmer war einfach eingerichtet, ein Bett, eine kleine Kommode, ein Schreibtisch, zwei Stühle, ein Schrank und ein kleiner Tisch. Ich legte mich kurz auf das Bett. Was sollte ich tun? Machte es Sinn, hierzu bleiben?

Als ich wieder aufstand, war es bereits fast dunkel. In der Küche saß noch immer nur Nishizawa und aß.

"Wenn du auch etwas essen möchtest, im Schrank ist eine große Auswahl an Instant-Nudeln unterschied-licher Geschmacksrichtungen und dort ist ein Wasserkocher. Die Nudeln sind im Preis der Unterbringung inbegriffen."

Das 'hochwertige abwechslungsreiche Essen' erinnerte ich mich.

"Nein, zuerst würde ich gerne telefonieren, ich habe aber nirgends Empfang. Gibt es hier ein Festnetz?"

"Nein, aber oben auf dem alten Turm des Haupt-gebäudes hast du einwandfreien Empfang. Die Türen stehen alle offen."
Im Hauptgebäude war es so dunkel, dass ich zuerst gar nichts sah. Die Lichtfunktion meines Smartphones funktionierte aus irgendeinem Grund bereits seit Wochen nicht mehr. Zum Glück gewöhnten sich meine Augen schnell an Dunkelheit. Nach kurzer Zeit konnte ich alles Wesentliche erkennen. Hier war alles so baufällig, dass ich nur hoffen konnte, dass die Treppe nicht unter mir zusammenfallen würde. Trotz der Dunkelheit fand ich den Zugang zum Turm im ersten Stock, ohne mich zu verirren. Nur die Geräusche, die aus dem Dunkel der Zimmerfluchten tönten, krochen mir kalt den Rücken hinunter. In den dunklen Fluren hallten meine Schritte wider und von irgendwoher mischte sich unter diesen Ton unregelmäßig ein zweites, ähnliches Geräusch, als wäre ich nicht allein. Auf einmal erklang aus dem Nichts eine Stimme, hohl klingend in dem hohen Raum.

"Der Tod geht dort
im wallenden Gewand,
grüß ihn von mir."

Ein schwarzer Schatten näherte sich mir. Nirgend-wohin konnte ich ausweichen, kein Ausweg blieb. Mein Herzschlag schien alles zu übertönen.

"Ich war mir nicht sicher, ob du den Aufgang zum Turm finden würdest, deshalb bin ich dir gefolgt. Aber du musst ja nur noch die Treppe hoch. Ich gehe dann wieder zurück."

Erst jetzt erkannte ich das Gesicht von Kita Nishizawa. Gleich darauf war ich wieder im Dunkeln, allein mit den Geräuschen des Windes. War es der Wind? Nishizawas Gesicht war ausdruckslos gewesen, hatte sie das absichtlich gemacht?
Ich beeilte mich, die Treppe hinaufzusteigen. Endlich hatte ich das Turmzimmer erreicht, diesmal bekam ich sofort ein Signal.

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Telefonat 2



Im Dunkel der Nacht war alles in Finsternis versunken, eine Welt der schwarzen Schatten. Draußen das Schwarz einer mondlosen Nacht.

Ich war mir nicht sicher, ob wir Neumond hatten oder der Mond nur noch nicht aufgegangen war. Zum Glück nahm mein Arbeitgeber das Gespräch gleich an.

"Hallo"

"Hallo Yukiko, hast du schon erste Kontakte geknüpft?"

"Ich bin mir nicht sicher, ob ich hier bleibe."

"Dass musst natürlich du entscheiden. Aber du weißt ja, dass der Verlag dann laut Vertrag leider die vollen Flugkosten und die bis dahin angefallenen Gebühren für den Ausbildungskurs inklusive der Unterbringungskosten von dir zurückverlangen müsste. Außerdem ist laut Vertrag bei Nichterfüllung eine Ausfallzahlung von 50.000,- Euro zu zahlen. Dies gilt gegenseitig, der Verlag unterliegt denselben Verpflich-tungen wie du. Wenn wir den Vertrag brechen würden, müssten auch wir dir 50.000,- Euro bezahlen."

"Wie bitte?"
"Du hast das unterschrieben, das Formular, das ich dir mit der Bitte um Unterschrift zugeschickt hatte. Ich kann da leider nichts machen."

"Was?"

"Hast du schon deine Lehrerin kennengelernt? Fumiko Furuhashi ist unter ihrem Pseudonym XYXY-Sensei (5) sogar in Europa ein Begriff auf Grund ihrer Hentai-Yaoi-Manga (6). Du weißt, BL Boys-Love-Manga, Liebesgeschichten zwischen Jungen mit expliziten Darstellungen. Die Mädchen lieben sie. Als ihre Spezialität gilt die vielfältige Verwendung von Stofftieren. Ich denke, das ist auch für Deutschland ein vielversprechendes Marktsegment."

Auf einmal war mir klar, wie die Auswahl dieser Akademie zustande gekommen war. Und zumindest unter Fujoshi, den weiblichen Fans von sexuell expliziten Yaoi-Manga, war das Pseudonym von Fumiko Furuhashi vermutlich bekannt. Ich fragte mich, ob Nishizawa das gewusst hatte, als sie sagte, dass unsere Lehrerin als Mangaka nicht erfolgreich sei. Oder wusste hier niemand über ihr Pseudonym Bescheid? Woher wusste mein Arbeitgeber das? Allerdings war ich mir nun absolut sicher, dass ihm auch nicht klar gewesen war, was das 'H' im Begriff der 'H-Manga Academy
(of Rumoi)' wirklich bedeutete.

"Ich glaube, dir ist selbst ein Irrtum unterlaufen, die Akademie ..."

"Entschuldige bitte, die Ampel schaltet auf Grün, ich muss Schluss machen."

Ich hatte ihn gerade über die Bedeutung des H aufklären wollen, doch natürlich war sein Telefon danach nicht mehr erreichbar. Ich seufzte. Wieso hatte ich ihm vertraut? Ich kannte meinen Arbeitgeber doch lange genug. Erneut entrang sich mir ein Seufzer. Zum Glück konnte mich hier niemand hören.

Doch auch dies war ein Irrtum, gerade als ich das Turmzimmer verlassen wollte, berührte eine Hand aus dem Schwarz der Nacht meine Schulter. Ich zuckte zusammen. Erst dachte ich, Nishizawa sei mir gefolgt, doch dann erklang eine klare tiefe Frauenstimme.

"Einsam ruft sie
die Geister der Nacht an:
Lasst mich ziehen!

Als eine Hand
im Dunkel sie berührt,
zuckt sie zurück."

Hinter mir stand eine junge Frau, die ich im Dunkel nicht bemerkt hatte, sie schien in meinem Alter zu sein, vielleicht auch geringfügig älter. Aber dieser Eindruck wurde vielleicht nur durch ihre altmodisches einfaches Kleid und ihre Stimme bewirkt, dabei entsprach ihr Aussehen, soweit ich das im Dunkel erkennen konnte, dem klassischen japanischen Schönheitsideal: Lange schwarze Haare umrahmten ein helles, fast blass wirkendes Gesicht mit dunklen Augen. Sie war schlank und größer als ich, aber nur wenig.

"So schwere Seufzer, du musst die Neue sein. Ich bin Aiko Takanashi."

"Ich bin Yukiko Müller. Ich bin gerade erst angekommen."

"Und du willst uns verlassen?"

Sie musste das Telefongespräch mitgehört haben.

"Ich bin unsicher. Ich komme mir hier irgendwie unpassend vor."

"Er wiegt so schwer,
ach, könnte sie fliehen
aus diesem Leib.

Ich glaube, es ist anders als du denkst, und gehen kannst du immer noch."

"Vielleicht."

"Horch in die Nacht. Hier ist es fast nie wirklich still, nur sind die Geräusche andere als in der Stadt."

Sie setzte sich auf die Reste eines alten Stuhles ans Fenster und bot mir auch einen Stuhl an, oder zumindest etwas, das einmal ein Stuhl gewesen war. Tatsächlich war ein Vielzahl an Tönen zu hören und unser Atem. Dann unterbrach eine Art Fauchen die Stille.

"Sind das Igel?"

"Igel gibt es auf Hokkaido nicht, nur Bären, bis zu drei Meter groß, und sie können über 400 Kilo schwer werden." Sie lachte wieder. "Die leben aber fast alle in den Schutzgebieten."

Eine Weile horchte ich noch in die Nacht, bis ich mich entschloss, schlafen zu gehen. Aiko blieb noch im Dunkel zurück.


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Nacht 1



Im Zimmer war trotz der Dunkelheit fast alles zu erkennen, das Bettzeug roch frisch gewaschen. Durch das halb geöffnete Fenster strömte frische Luft ins Zimmer und mit ihr die Geräusche der Nacht und der Geruch des Waldes.

Es war meine erste Nacht in Japan. Ich hatte mich fast ganz unter der Bettdecke verkrochen. Ich horchte weiter in die Nacht, die Gerüche und die Geräusche waren alle fremd und neu. Trotz meiner Versuche einzuschlafen gingen mit außerdem immer wieder Versatzstücke von Haiku-Versen durch den Kopf. Die Haiku, die ich gehört hatte, schienen wie ein Virus zu wirken, eine Art Ansteckung. Das feste Schema, mit 3 Zeilen zu 4 / 6 / 4 Silben, ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

'Wo bin ich hier?' (4 Silben) - 'wachend schlafend' (4 Silben) - 'nirgendwo' (3 Silben, da fehlt eine) - 'Verse kreisend im Kopf' (6 Silben) oder besser 'Silben gestrandet in Gedanken' (9 Silben, 3 Silben zu viel und zu gewollt lyrisch) - ...

"Was soll ich hier?
Gestrandet, irgendwo
im Nirgendwo."

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Kapitel 3



Als ich aufwachte, fiel das Sonnenlicht durch die Vorhänge, Vogelzwitschern klang von draußen herein. Im Zimmer war es immer noch angenehm kühl.

Auf der Kommode stand eine Schale mit Wasser und ein Krug. Ich erinnerte mich an Nishizawas Bemer-kung.

"Ich habe dir einen Krug frisches Wasser in dein Zimmer gestellt."

Nachdem ich mich kurz frischgemacht hatte, ging ich nach unten. Aus der Küche drang fast lautlos und doch unüberhörbar eine klare helle Stimme ins Treppenhaus. Sie erinnerte an die Stimme eines Zauberwesens aus einem Kinderfilm.

"Einheit 731

Ärzte lachen,
Wasseraufbereitung,
ein 'Holzklotz' fällt."

Ich schluckte und betrat die Küche. Eine schlanke, hochgewachsene junge Frau blickte mir entgegen.

"Hallo, guten Morgen, ich bin Akiko Miyamoto, hier nennen mich aber alle Aki, und die, die gerade zwei ihrer Haiku vorträgt, ist Hana Ichimura. Du musst unsere internationale Studentin sein. Wir sind erst heute Morgen wieder gekommen."

"Yukiko Müller, es freut mich, euch kennenzulernen."

"Du musst hier nicht so formal sein. An der Akademie wird ein zwangloser Umgangston gepflegt, um die Studierenden auf die Verhältnisse in anderen Regionen dieser Welt vorzubereiten. Es gehört zum Training."

In der hellen Hose mit Schlag, dem weißen Hemd mit offenem Kragen und mit den halblangen dunkelblonden Haaren, welche die Ohren frei ließen, hätte man Akiko Miyamoto auch mit einem feminin aussehenden Mann verwechseln können. Außer ihr saßen auch unsere Lehrerin, Kita Nishizawa und noch eine junge Studentin, die sich halb hinter den Rücken von Akiko Miyamoto zurückgezogen hatte, am Tisch.

"Morgen."

Dieses kaum verständlich gemurmelte Morgen kam von unserer Lehrerin, Fumiko Furuhashi. Sie saß mit müden Augen vornübergebeugt über einem Becher schwarzen Kaffees. Auch Nishizawa grüßte mich mit kurzem Kopfnicken. Die junge Studentin, bei der es sich um Hana Ichimura handeln musste, schaute schüchtern zu Boden. Sie war noch kleiner als Nishizawa und hatte lange, gewellte blonde Haare und einen blassen Teint. Ihre Art, sich zurückzuziehen vor dem Blick der anderen, ließ sie verletzlich wirken und löste den unwillkürlichen Reflex aus, sie beschützen zu wollen. Doch dann änderte sich ihr Auftreten plötzlich. Als sie aufsah und zu reden begann, ließen ihre Stimme und ihr Blick nicht den geringsten Zweifel zu an dem, was sie sagte:

"Unter der Bezeichnung 'Division für Epidemie-prävention und Wasseraufbereitung' organisierten die japanischen Streitkräfte im zweiten Weltkrieg verschiedene Einheiten mit den Aufgaben Biowaffen-forschung, Chemiewaffenforschung und Menschen-versuche. Zentral war dabei die Einheit 731, die im Gebiet des von Japan in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kontrollierten Marionettenstaates Manchukuo in Nordost-China in großem Maßstab medizinische und Waffenexperimente an lebenden Menschen durchführte. Opfer waren Gefangene, primär aus China und der UDSSR. Beteiligt waren mehr als 3.000 Japaner und Japanerinnen. Das japanische Nationalarchiv hat 2018 eine Liste mit 3.607 direkt Beteiligten herausgegeben, darunter ein Großteil medizinisches Personal und mehr als 1.000 Ärzte. In allen Einheiten zusammen waren geschätzt mehr als 10.000 Japaner und Japanerinnen an den Verbrechen beteiligt."

Hana Ichimura nahm einen Schluck aus ihrem Glas, bevor sie fortfuhr. Ihre Stimme klang immer noch hell und klar und gerade dadurch bewirkte sie, dass die Zuhörenden sich dem, was sie sagte, nicht entziehen konnten.

"Unter anderen wurden Menschen Organe oder Gliedmaßen amputiert, teilweise auch an andere Stellen versetzt, um dann anhand des Todeskampfes der Opfer medizinische Schlussfolgerungen ziehen zu können. Außerdem wurden an lebenden Menschen Experimente zu biologischen Krankheitserregern, Chemiewaffen und Explosivstoffen und ihrer Wirkung durchgeführt. Unter den Opfern war auch eine größere Gruppe Kleinstkinder und junger Frauen, die vom Personal außerdem Vergewaltigungen ausgesetzt waren. Frauen, die schwanger waren oder auf Grund der Vergewaltigungen in der Gefangenschaft schwanger wurden, benutzten die japanischen Ärzte für spezifische Versuche an Schwangeren. Mehr als 3.000 Menschen wurden im Zuge dieser Experimente ermordet. Der Einsatz der biologischen Waffen hatte nach seriösen Schätzungen mehrere 100.000 Tote zur Folge."

Ich nickte und schluckte erneut.

"Darüber habe ich gelesen und wusste, auf was sich dein Haiku bezog, aber was hat die Zeile mit dem 'Holzklotz' zu bedeuten?"

"Die menschlichen Opfer der Experimente wurden innerhalb der Einheit mit dem Begriff 'maruta', dem japanischen Begriff für Holzklötze, bezeichnet, der für die Menschenversuche zuständige Teil der Einheit mit dem deutschen Begriff 'Holzklotz'." Sie strich sich einige Haare aus dem Gesicht. "Die Täter und Täterinnen gingen nach dem Krieg in der Regel straffrei aus, da die USA aufgrund ihres Interesses an den Forschungsergebnissen von einer Verfolgung absahen. Sie stellten in Japan einen nicht unerheblichen Teil des medizinischen Fachpersonals nach dem 2. Weltkrieg. Unter anderem wurde von einem Teil der Täter, darunter Masaji Kitano, dem stellvertretenden Kommandeur der Einheit 731, zusammen mit weiteren Akteuren mit 'Kabushiki Gaisha Midori Jūji', dem Industriekonzern Grünes Kreuz, eines der größten Pharmazieunternehmen Japans gegründet. Inzwischen ist das Unternehmen aufgegangen in der 'Mitsubishi Pharma Corporation'." (7)

Aki blickte Hana an.

"Du wolltest noch ein zweites Haiku vortragen?"

Hana nickte.

"Auch das zweite Haiku betrifft die Einheit 731."

Ihre Stimme klang auch jetzt wie aus einer anderen Welt. Gerade dieser Bruch zwischen Inhalt und Tonfall ließ mich frösteln.

"Einheit 731

Versuche an
'Manchurian Monkeys',
peer reviewed.

Unter der Bezeichnung 'Versuche an Manchurian Monkeys' wurden Teile der Ergebnisse der Menschenversuche der Einheit 731 in internationalen medizinischen und wissenschaftlichen Journalen veröffentlicht."

Einen Augenblick schwiegen alle, dann wandte ich mich zu ihr.

"Schreibst du nur zu historischen und derart bedrückenden Themen?"

"Nein, ich habe letzte Woche auch noch ein aktuelleres Haiku geschrieben, das ist eher lustig.

Moritomo Gakuen

Grundstücksverkauf,
des Politikers Frau,
sie weiß von nichts."

Als sie merkte, dass mir der Name 'Moritomo Gakuen' offensichtlich nichts sagte, ergänzte sie auch hier eine Erklärung.

"Beim geplanten Landverkauf für einen Schulneubau in Osaka wurden 2016 dem Käufer Moritomo Gakuen 86% des Preises von ca. 7.000.000,- € vom Verkäufer des Grundstückes, dem Finanzministerium, mit fragwürdigen Begründungen erlassen. Die restliche Summe von 14% wurde ihm außerdem für Aufräum-arbeiten weitgehend erstattet. Hinter Moritomo Gakuen stand der rechtsextreme Aktivist Kagoike Yasunori, der bis dahin in Osaka einen Kindergarten betrieben hatte, in dem Kinder mit nationalistischer Ideologie indoktriniert wurden, und der nun eine Grundschule nach den selben Prinzipien aufbauen wollte.
Um das Projekt zu befördern, nutzte er rechte Netzwerke, um in direkten Kontakt mit Premierminister Shinzō Abe zu treten und gewann Akie Abe, die Frau des Premierministers, als Ehrenvorsitzende der Schule. Nachdem kritische Anfragen eines Stadtrats-mitglieds 2017 zu einer Untersuchung führten, wurden Dokumente von Mitarbeitern des Finanzministeriums verändert, um den Namen Akie Abes aus ihnen zu tilgen, außerdem wurden die Verhandlungsprotokolle zwischen dem Finanzministerium und dem Träger der Schule, Moritomo Gakuen, vernichtet. Akie Abe bestritt jedes Wissen über die Bedingungen des Verkaufs. Der Verkauf fand aber nicht mehr statt (8). Trotz dieses Eklats und weiterer Skandale konnte Abe jedoch seine Wiederwahl Ende 2017 sichern, indem er Auseinandersetzungen innerhalb der Opposition zu vorgezogenen Neuwahlen nutzte. Seine Partei, die LDP, gewann dabei insbesondere in der Gruppe der Wählerinnen und Wähler unter 30 viele Stimmen hinzu."

Ich wusste nicht recht, ob Japans Premierminister den Humor dieses Haiku teilen würde. Aki tippte mich an.

"Hana-San (9) ist inspiriert durch Haiku-Dichter der Neuen Haiku-Bewegung der 1930er Jahre (10)."

"Kann man über so etwas Haiku schreiben? Und sind das dann nicht eher Senryuu (11)? Ich dachte, das wäre der Begriff für haikuartige Kurzgedichte, die sich nicht auf Natur beziehen, sondern individuelle Gefühle oder anderes thematisieren."

Inzwischen war auch unsere Lehrerin aufgewacht, anstelle von Aki beantworte sie meine Frage:

"Wir fassen Haiku hier sehr weit und wenn es dir lieber ist kannst du auch Senryuu sagen. Unsere zentrale Aufgabe ist die Produktion von Haiku-Manga, das würde mit einem eng gefassten Begriff von Haiku nicht wirklich Spaß machen. Außerdem interessiert ohnehin niemanden, was wir machen."

Mit den letzten Worten biss sie in einen so dick mit Honig bestrichen Toast, das der Honig seitlich herabtropfte.

Ich bestrich mir eine Toastscheibe mit Marmelade.

"Die Kosten für Toastbrot und Aufstrich legen wir um."

Das war Nishizawa. Ich nickte, irgendetwas musste ich ja essen.

"Was ist mit den anderen Studierenden?"

"Kazuya Saito, unser einziger männlicher Student, kommt nach dem Frühstück. Itsuko Yasumi kommt erst heute Nachmittag wieder. Sie wohnen beide in der Stadt und kommen immer von dort hierher."

"Wo ist die Stadt?"

"Vier Kilometer von hier aus direkt am Meer."

"Ist sie groß?"

"2.738 Einwohner und Einwohnerinnen. Uns zählen sie dabei vermutlich mit. Zumindest gibt es einen Minimarkt und einen Fischladen. Und die Stadt ist Geburtsort eines berühmten Bärenjägers."

"Ah."

"Der berühmteste Bärenjäger Japans war Yamamoto Heikichi, er hat den Bär Kesagake erlegt, der im Dezember 1915 sieben Menschen tötete, bei zwei Überfällen auf Farmen in Sankebetsu, einem Ortsteil der Kleinstadt Tomamae hier in Rumoi. Der Bär war zwei Meter siebzig groß und 340 Kilo schwer. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden auf Hokkaido 141 Menschen durch Bären getötet und viele weitere verletzt. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts nahm die Zahl der Zwischenfälle stark ab. Seit in den letzten Jahrzehnten die Besiedlungsdichte in großen Teilen Hokkaidos zurückgeht, nimmt die Anzahl der Bären jedoch wieder zu. Auch die Anzahl der Begegnungen zwischen Mensch und Bär." (12)

Nishizawas Stimme klang, als sie dies sagte, wieder völlig ausdruckslos.

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Kapitel 4



Der blaue Himmel wurde nur von wenigen weißen Wolkenfäden durchzogen. Trotz der durch die Fenster hereinstrahlenden Sonne waren die Temperaturen zum Arbeiten angenehm.

Der große Raum für den Unterricht im Anbau vorne links neben dem Hauptgebäude war erstaunlich modern eingerichtet. Jeder Arbeitsplatz war mit moderner Hard- und Software mit Zeichenprogrammen ausgestattet. Daneben gab es aber auch kleinere Räume, in die sich Gruppen oder Einzelne zurückziehen konnten, und eine Bibliothek. In einem etwas größeren Raum standen mehrere Regale mit herausragenden Manga und Haiku, darunter mehrere Magazine der Neuen Haiku-Bewegung der 1930er Jahre als Nachdruck, daneben diverse Bücher und Texte über Manga und Haiku, außerdem Lehrmaterialien zu Zeichen- und Schreibtechniken. Neben den Computern und Druckern standen auch unterschiedlichste Zeichenmaterialien frei zur Verfügung.

Alle arbeiteten einzeln oder in Zweiergruppen an ihren eigenen frei gewählten Projekten. Furuhashi-Sensei unterstützte alle je nach Bedarf.

Auch Kazuya Saito war inzwischen zu uns gestoßen. Er zog sich aber, ohne ein Wort zu sagen, sofort auf einen der hinteren Plätze zurück. Außer Itsuko fehlte nur Aiko. Ich hatte sie den ganzen Morgen über nicht zu Gesicht bekommen, auch jetzt war sie nicht dabei. Schlief sie noch?

Ich hatte Probleme mit meinen Computer und wandte mich an unsere Lehrerin:

"Das Internet funktioniert an meinem Computer nicht, ich weiß nicht, was ich falsch mache?"

Fumiko Furuhashi zuckte nur mit den Schultern.

"Nichts, wir haben hier kein Internet."

Nachdem sie mit allen anderen kurz gesprochen hatte, setzte sie sich zu mir.

"Auf was willst du deinen Schwerpunkt legen?"

Ich dachte kurz nach und antwortete etwas zögerlich:

"Ich habe immer noch Schwierigkeiten, menschliche Körper realistisch darzustellen."

"Dann fang hiermit an, versuch diese Figuren zu zeichnen."

Sie stellte mir eine Reihe Plastikfiguren bekannter Manga-Heldinnen auf den Tisch.

"Bringt das was?"

"Ich kann auch deine Kommilitoninnen und Kommilitonen fragen, ob sie als Akt für dich Modell sitzen. Es könnten dann reihum alle tun. Wäre dir das lieber?"

"Was?"

"Die Figuren sind ein guter Einstieg, das andere kommt dann später. Ich finde deine Idee mit den Aktsitzungen aber eigentlich gut und da sie von dir kommt, machst du ja sicher auch mit. Bist du bereit dich als erste zur Verfügung zu stellen?"

"Sensei?"

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Kapitel 5



Am Nachmittag waren überall am Himmel kleine Wolken zu sehen und die Luft hatte sich abgekühlt.

Die Zeichentipps, die konkrete Unterstützung beim Zeichnen und die Hinweise auf Literatur aus der Bibliothek, die unsere Lehrerin Fumiko Furuhashi mir gegeben hatte, waren wider Erwarten sehr hilfreich gewesen. Nachdem wir vier Stunden mit kleineren Pausen an unseren Projekten gearbeitet hatten, wurde ihr Gähnen allerdings immer auffälliger. Nach einer kurzen Mittagspause rief sie alle zusammen.

"Wir gehen jetzt über zur selbstständigen Arbeit. Es ist gut, wenn ihr auch einige Zeit ohne meine Unterstützung arbeitet."

Damit verließ sie den Raum. Ich war mir sicher, dass sie sich noch einmal schlafen legen würde.

Aki wandte sich mir zu.

"Wir wollen uns draußen zu dritt ein Motiv suchen und Haiku schreiben, um sie uns dann vorzutragen. Willst du auch mitkommen?"

"Ja sicher, was für Motive habt ihr im Sinn?"

"Typische Hokkaido-Motive."

"Was wäre das?"

Die lakonische Antwort kam von Nishizawa, die sich zu uns gesellt hatte.

"Himmel, Meer, Hügel, Straßen, Tunnel und Brücken."

Aki widersprach ihr nicht, plädierte aber dafür, die Themengebiete weiter einzuschränken.

"Ich bin dafür, dass wir uns auf Straßen, Tunnel und Brücken beschränken, keine Naturmotive."

Nishizawa zuckte nur mit den Schultern. Auch Hana, die nicht zustimmte, aber auch nicht protestierte, schien einverstanden zu sein. Aki sah zu Hana und mir und dann zu Nishizawa herüber.

"Dann können wir ja losgehen."

Wir mussten nur knapp 20 Minuten zu Fuß gehen, um den ersten Tunnel zu erreichen und dahinter kam noch ein Tunnel und noch ein Tunnel und unweit waren die Ruinen einer alten Eisenbahnbrücke zu sehen.

"Hier gibt es wirklich viele Tunnel."

"Ein Tunnel kommt selten allein."

Die Bemerkung kam von Nishizawa. Sie zuckte dabei nicht einmal mit der Wimper.

Wir setzten uns etwas erhöht auf einem Hang auf eine kleine Grasfläche, von der aus wir zwei Tunnelein-gänge, einen Tunnelausgang und Überreste der Brücke im Blick hatten. Kurz fragte ich mich, was Tunnelaus- und Tunneleingänge unterschied, eigentlich war jeder Tunneleingang doch auch ein Ausgang. Ich beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken und mich auf die Aufgabe zu konzentrieren.

Alle hatten Papier und Stifte dabei. Nishizawa saß aber nur da und starrte in Richtung der Brücke. Aki schrieb auf einem Block, strich aus und schrieb erneut hinein, riss eine Seite aus, begann von vorne. Hana saß etwas abseits von uns. Sie schien uns gar nicht mehr wahrzunehmen.

Wir hatten uns alle Jacken übergezogen, bevor wir losgegangen waren, auf der Wiese sitzend hätte ich sonst auch sicher bald gefroren.

Ich sammelte zuerst einmal viersilbige und sechssilbige Assoziationen. Nach einer Weile streckte ich mich. Nishizawa sah zu mir herüber.

"Bist du schon fertig?"

Ich nickte.

"Noch ein Tunnel,
der allen Tunneln glich,
ich las ein Buch."

Nishizawa blickte mich mit ausdruckslosem Gesicht an.

"Irgendwann hört jeder Tunnel auf."

"Und?"

Wieder nur ein Schulterzucken.

"Was ist dir eingefallen?"

Nishizawa blickte kurz in Richtung der Brückenpfeiler, dann sah sie zu mir herüber, der Blick ihrer dunklen Augen schien durch mich hindurch zu gehen.

"Ein Bauwerk aus verlorener Zeit

Der Stein zu Staub
zerstoben, nie mehr kehrt
zurück, was war."

Ich musste zugeben, dieses Haiku passte irgendwie zum Ort, die Luft war feucht und noch etwas kühler geworden, die Wolken bedeckten nun den Himmel.

Aki hatte die ganze Zeit über nichts gesagt und auf ihren Block geschrieben. Ich blickte zu ihr hinüber.

"Ist dir ein Haiku eingefallen?"

Sie las von einem Zettel ab, auf dem unterschiedliche durchgestrichene und korrigierte Zeilen zu sehen waren.

"Zwei Pfeiler nur,
nichts verbindend, früher
eine Brücke.

Ich versuche, mich auf das Wesentliche zu beschränken. Der Rest erscheint mir häufig so hohl und überflüssig. Nur bei mir, nicht bei anderen, das ist nicht als Kritik gemeint."

"Hat das einen besonderen Grund?"

Zu meinem Erstaunen war es Hana, die meine Frage anstelle von Aki beantwortete.

"Aki kommt aus einer Familie mit einer langen Tradition von Haiku-Dichtern. Ihre ganze Familie ist tief verwurzelt in den konservativen Haiku-Schulen. Sie wollen, dass Aki die Tradition fortsetzt." Sie berührte Aki an der Schulter. "Aber genau das will sie nicht. Deshalb studiert sie auch hier und nicht an einer der großen Universitäten."

"Ich bezahle mein Studium selbst, mit Geld, das ich von meinem Großvater geerbt habe. Teile meiner Familie sprechen zurzeit nicht mehr mit mir. Das ist nicht zu ändern. Ich liebe Haiku, deshalb finde ich es wichtig, sie weiterzuentwickeln. Sie verstehen das nicht."

Aki blickte leicht abwesend auf das Gras zu ihren Füßen, doch dann straffte sie sich.

"Aber meine Familiengeschichte ist nichts besonderes, diese alten Familien gibt es hier überall. Und Hanas Haiku sind viel eindrücklicher als meine." Sie blickte Hana an. "Ist dir ein Haiku eingefallen, der deinen Ansprüchen genügt?"

Alle sahen nun zu Hana, die nickte. Ihre Stimme, obwohl nicht laut, ließ auch diesmal alle aufhorchen.

"tako-beya rōdō (Takobeya-Arbeit)

Namenlos sie,
die lebend begraben,
nach mir greifen."

Nicht nur ich schaute Hana fragend an, auch Nishizawa schien der Begriff 'tako-beya rōdō' nichts zu sagen. Und wieder war es Hanas klare helle Stimme, die uns all das, was sie sagte, unerträglich klar vor Augen erscheinen ließ.

"Ende des 19. Jahrhunderts bis kurz nach dem 2. Weltkrieg wurden in Hokkaido viele große Infrastruk-turprojekte, also Straßen-, Brücken-, Tunnel- und Bergbau mit Vertragsarbeitern durchgeführt. Ein Teil der Arbeiter wurde nach einem System beschäftigt, welches unter dem Begriff Takobeya-Arbeit bekannt ist. Die Arbeiter erhielten im Voraus eine Summe Geld, wurden nach Hokkaido gebracht und mussten es dort abarbeiten. Alles Geld, das sie verdienten, wurde ihnen für die Schuldentilgung vorenthalten. Sie durften die Camps nicht verlassen. Die Arbeitsbedingungen waren unmenschlich, Mangelernährung und Krankheit führten zusätzlich zum Tod vieler. Diejenigen, die flohen, wurden verfolgt und ermordet. Es gibt Augenzeugenberichte aus der Zeit, die beschreiben wie kranke Arbeiter, um sie nicht weiter versorgen zu müssen, in Gruben geworfen und lebendig begraben oder anderweitig getötet wurden. Die Arbeitslager waren nach einem System organisiert, das an das deutsche Kapo-System in KZ erinnert. Die Vorarbeiter, die in der Regel diejenigen waren, welche diese Verbrechen ausführten, kamen aus nicht wesentlich anderen Verhältnissen als der Rest der Arbeiter. Sie wurden durch Druck ihrer Vorgesetzten dazu gebracht, rücksichtslos Gewalt auszuüben. Die Arbeiter kamen teilweise aus der Armutsbevölkerung Japans und später auch aus den unter japanischer Kontrolle stehenden Gebieten Asiens, insbesondere aus Korea. Und in der Kriegszeit wurde das System durch Zwangsarbeiter aus Korea und China ergänzt. Abertausende wurden allein in Hokkaido Opfer dieser Zwangsarbeitssysteme." (13)

"Wurden die Verantwortlichen nie zur Rechenschaft gezogen?"

"Nicht wirklich. Viele der Arbeitscamps wurden von Subkontraktoren oder Subsubkontraktoren geleitet. Die großen japanischen Industriekonglomerate verweigerten nach dem Krieg weitgehend das Übernehmen von Verantwortung.
Die Todesfälle wurden verschleiert, die Toten irgendwo verscharrt. Nur in den mündlichen Überlieferungen, Gerüchten und zum Teil auch in Geistergeschichten blieb das Wissen um Orte des Grauens erhalten. So besagte eines dieser Gerüchte, dass beim Bau des Jōmon-Tunnels zwischen 1912 und 1916 Hunderte Takobeya-Arbeiter ums Leben gekommen seien. Ein Ort, an dem laut diesem Gerücht viele der Toten vergraben worden sein sollten, wurde 1959 von Frauen von Eisenbahnarbeitern untersucht. 49 Leichen wurden exhumiert. Ein anderes Gerücht besagte, dass im Jōmon-Tunnel ein 'hitobashira', ein 'Menschlicher Stützpfeiler', verwendet wurde, dass also ein Menschenopfer zur Sicherung des Tunnels erbracht und zu diesem Zweck eingemauert worden wäre. Legenden über 'Menschliche Stützpfeiler' gibt es an vielen Orten Japans, nachdem jedoch ein Erdbeben im Jahr 1970 Teile der Wand des Jōmon-Tunnels beschädigte, wurde dahinter ein stehender männlicher Leichnam mit eingeschlagenem Schädel entdeckt, der die Wand abzustützen schien (14). Ich habe versucht, auch dies in einem Haiku zu fassen.

Jōmon-Tunnel - hitobashira

Ein Fundament
aus Toten stützt den Bau.
Nur ein Gerücht?"

Auf der Wiese wurde es langsam kalt. Schweigend machten wir uns auf den Rückweg.

Erst nachdem wir ein Weile gegangen waren, konnte ich mich aufraffen Hana eine Frage zu stellen, die mir schon länger im Kopf herumging. Die anderen waren etwas schneller als wir und uns etwas voraus, sodass wir zu zweit auf dem Weg zwischen den Bäumen gingen. Die Luft war leicht feucht und langsam wurde es Abend.

"Wieso schreibst du diese Art von Haiku?"

"Ich gehöre wie Aki einer dieser alten Familien an. Mein Ururgroßvater gehörte in der Meiji-Ära Ende des 19. Jahrhunderts zu den ersten Siedlern und Siedlerinnen aus Japan in Hokkaido. Erst 1869 wurde Aynu Mosir, wie es die hier bereits vorher lebenden Menschen, die Aynu, nannten, von Japan annektiert. Vorher war es jedoch bereits mehrere Jahrhunderte japanisches Einflussgebiet. Meine Familie gehörte zwar nicht zu den wirklich Mächtigen, war ihnen aber immer verbunden. Mein Urgroßvater war Ingenieur und einer derjenigen, der für Teile dieser Infrastrukturprojekte verantwortlich war.
Von meinem Großvater habe ich ein Fotoalbum mit alten Schwarz-Weiß Bildern meines Urgroßvaters geerbt. Ich habe einen Teil der Bilder lange nicht verstanden, die Bilder von Baracken, von Erdhügeln, von Jizo-Statuen am Straßenrand, bis ich einen Text fand, der beschrieb, dass die Jizo-Statuen von der lokalen Bevölkerung dort aufgestellt worden waren, um der toten Arbeiter zu gedenken. Und dann habe ich immer mehr gelesen, über Zwangsarbeit und die Entwicklung Hokkaidos im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts."

Sie holte Luft und versank einen Moment in Schweigen, bis sie mit einem traurigen Lächeln fortfuhr:

"Es gibt viele solcher Familien in Japan, mit Tradition und Einfluss. Und einige, die sehr viel wichtiger als meine Familie waren und trotzdem jede Verantwortung von sich weisen.
Nobusuke Kishi, der Großvater Shinzō Abes, unseres derzeitigen Premierministers, war vor dem 2. Weltkrieg als Interessenvertreter Japans zentral verantwortlich für die Organisation der industriellen Entwicklung in Manchukuo, dem japanischen Mario-nettenstaat in Nordostchina. Sein Vorbild war NS-Deutschland. Er war intelligent, korrupt und vollständig skrupellos und er hatte, dank der Unterstützung des Militärs, die vollständige Kontrolle. Die Arbeitsbedingungen in den unter japanischer Kontrolle stehenden Minen und der Schwerindustrie auf dem asiatischen Festland haben Tausende das Leben gekostet. Um die Arbeiter zu kontrollieren, setzte er gezielt auf die Zusammenarbeit mit der Yakuza, organisierten Kriminellen. Alle, die nicht zur Oberschicht gehörten, waren für ihn Verfügungsmasse. Das galt insbesondere auch für Frauen, er verstand sich selbst als ein Charmeur und war unter anderem bekannt für den selbstverständlichen Zugriff auf weibliche Bedienstete in Restaurants, in denen er speiste.
Nach dem Krieg wurde er 1957 mit Unterstützung der US-Amerikaner zum Premierminister und band Japan in das westliche Bündnissystem ein (15).

Einer der wichtigsten innerparteilichen Konkurrenten von Shinzō Abe ist Tarō Asō, er war 2005 bis 2007 Außenminister von Japan, 2008 bis 2009 Premierminister und ist zurzeit stellvertretender Premierminister und Finanzminister Japans. In dem der Familie eigenen Bergbaubetrieb wurden in der Kriegszeit mehr als 10.000 vor allem aus Korea nach Japan geholte Zwangsarbeiter eingesetzt. Sein Großvater war direkt nach dem Krieg japanischer Premierminister. Als Außenminister vertrat Asō eine Linie der Relativierung der Kriegsverbrechen Japans und hob in einigen Anmerkungen die Entwicklungs-fortschritte hervor, die Japan seiner Meinung nach den besetzten Ländern gebracht hatte. Als Finanzminister trifft ihn zudem wesentlich die Verantwortung für den Moritomo Gakuen Skandal (16).

Viele Japaner und Japanerinnen weigern sich bis heute die Schuld wirklich anzuerkennen, teilweise einfach durch ihr Schweigen. Nimm zum Beispiel Itogumi, eine große Baufirma auf Hokkaido, die 1893 gegründet wurde. Die Firma war, wie viele andere auch, am System der Arbeitslager beteiligt. In der Firmengeschichte auf ihrer Webseite findest du davon nichts. Dort steht nur, dass die Firma in dieser Zeit auf Grund der herausragenden Fähigkeiten der Firmen-leitung weiter gewachsen ist. Dabei bezeichnen sie 'Aufrichtigkeit' und 'Wissen um ihre Verantwortung' als Kern ihrer Firmenphilosophie (17). Selbst die nach dem Krieg zum Tode verurteilten Kriegsverbrecher, werden heute von vielen als unschuldig verurteilt angesehen."

Hana stockte kurz, dann fügte sie hinzu:

"Meine Familie ist da nicht anders."

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Kapitel 6



Trotz der Wolken am Himmel regnete es nicht, nur wurde es windiger und die Luft kühlte noch weiter ab. Außerdem wurde es immer dunkler.

Im Haus zogen sich erst einmal alle auf ihre Zimmer zurück. Nachdem auch ich mich eine Weile ausgeruht hatte, ging ich hinunter in die Küche und traf auf Itsuko. Sie musste gekommen sein nachdem wir losgegangen waren.

"Hallo." Mühsam unterdrückte sie ein Gähnen. "Hast du ohne Probleme von der Bushaltestelle hierher gefunden?"

Ich wollte gerade erwidern, dass Nishizawa mich abgeholt hatte, als hinter mir die Stimme von Nishizawa erklang.

"Warst du wieder Nachtangeln?"

Da Nishizawa etwas abseits in der Ecke saß, hatte ich sie zuerst nicht bemerkt. Außer uns dreien war niemand in der Küche. Itsuko nickte.

"Ja, obwohl die Lachse erst im Spätsommer kommen. Die Raubfische beißen am besten nachts, und ich habe auch etwas gefangen, aber nicht viel, und ich bin nicht zum Schlafen gekommen." Sie legte ihren Kopf auf den Tisch.
Nishizawa wandte sich mir zu: "Itsukos Eltern haben im Ort ein Fischgeschäft und sie trägt durch Nachtangeln zum Familieneinkommen bei. Sie nutzt die Zeit beim Angeln zum Schreiben von Haiku."

Ich erinnerte mich an die Haiku im Bus und fragte mich, was Itsuko sonst wohl für Haiku schrieb.

"Worüber schreibst du Haiku?"

"Unterschiedlich, ich assoziiere frei, wie auf der Busfahrt. Haben dir die Haiku gefallen?"

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte und zögerte kurz, bevor ich antwortete.

"Sie haben mich überrascht. Wir haben heute Haiku über Straßen, Brücken und Tunnel geschrieben."

"Oh, ich glaube, ich habe hier irgendwo zwei passende Haiku. Einen Augenblick."

Sie holte einen Stapel zerknitterter Zettel aus der Tasche und suchte einen Augenblick lang, dann begann sie plötzlich ohne weitere Einleitung laut vorzulesen.

"Nackter Beton

Tiergedärme,
links und rechts ein Abgrund
und kein Ausweg.

Ich finde der Tod hat eine ganz eigene Lyrik. Ich nutze die Zeit beim Angeln nicht nur um Haiku zu texten, sondern auch zum Lesen, meistens Gedichte. Wenn alles um dich herum im Dunkel der Nacht verschwimmt, nur das Gedicht selbst auf dem E-Bookreader sichtbar ist, haben die Worte eine ganz eigene Wirkung. Manchmal frage ich mich beim Fischen, ob die Fische, die sich am Angelhaken aufspießen, des Lebens überdrüssig sind. Was glaubst du?"

Sie blickte mich fragend an. Ich wusste wieder nicht, was ich antworten sollte. Zum Glück fand sie gleich darauf das zweite Haiku, das sie gesucht hatte, und las auch dieses laut vor, ohne meine Antwort abzuwarten.

"Das Auge glänzt

Blutschwarzes Fell
ein totes Kaninchen
füttert Möwen."

Sie las die Silben betont, als würde sie ein klassisches Gedicht vortragen. Dann blickte sie wieder zu mir, doch zu meiner Erleichterung wechselte sie erneut das Thema.

"Schreiben in Ostdeutschland viele Leute Haiku?"

Erleichtert über eine Frage, die einfach zu beant-worten war, atmete ich auf. Ich versuchte, Itsuko ein realistischeres Bild von Ostdeutschland zu vermitteln. Bis zum Abendessen unterhielten wir uns in der Küche. Kita Nishizawa und Itsuko Yasumi kannten sich bereits seit ihrer Kindheit.

Nach dem Abendessen wusch ich mich an der Pumpe. Das Wasser war eiskalt, aufgrund des kühlen Abends kam es mir vermutlich kälter vor, als es in Wirklichkeit war. Ich nahm mir auch noch eine große Karaffe Wasser für die Waschschüssel in meinem Zimmer mit und füllte mir außerdem Wasser zum Trinken ab. Unsere Lehrerin saß wieder mit einer Flasche Sake am Holztisch vor dem Haus. Sie hatte sich in einen Mantel gehüllt und sah nur kurz auf, als ich von der Pumpe zurückkam.

Nachdem ich die Wasserkaraffe in mein Zimmer gebracht hatte, machte ich mich auf den Weg zum Haupthaus. Ich hatte mir vorgenommen, meinen Verlag in Deutschland anzurufen.

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Telefonat 3



Die Dämmerung ging langsam in die Nacht über, und der wolkenverhangene Himmel ließ diese noch dunkler erscheinen. Der kalte Wind drang durch die zerstörten Scheiben in das Haupthaus.

Trotzdem fand ich diesmal den Weg zum Turmzimmer sofort. Im Zimmer war kaum etwas zu erkennen. Ich musste darauf achten, nicht über Reste alten Mobiliars zu stolpern. Doch der Empfang war wieder einwandfrei und am Fenster war es etwas heller.

Beim ersten Anruf war die Leitung besetzt. Erst beim zweiten Versuch erreichte ich meinen Arbeitgeber.

"Hallo."

"Hallo Yukiko, hast du dich eingelebt? Bleibst du dort?"

"Ich weiß es noch nicht. Es ist nicht das, was ich erwartet hatte."

Eigentlich wusste ich gar nicht mehr, was ich erwartet hatte. Und ich wusste auch nicht mehr, ob ich weg wollte.

"Ach, vor Ort sieht es immer ein bisschen anders aus. Das kennst du doch aus jedem Reiseprospekt."

"Ja, aber unter hochwertigem, abwechslungsreichem Essen verstehe ich etwas anderes als Instant-Nudeln unterschiedlicher Geschmacksrichtungen. Und ich glaube nicht, dass dies an mir und meiner falschen Erwartungshaltung liegt."

"Mach dir keine Sorgen, du kommst schon klar. Du weißt doch: 'Wenn du in Rom bist, ernähre dich wie die Römer.' Du wolltest Japan doch immer schon kennenlernen."

"Was hat das mit Instant-Nudeln für 50 Cent die Packung zu tun?"

"Was gibt es japanischeres? Und über alles, was dir nicht passt, musst du einfach mit der Schulleitung reden. Ich weiß, dass du das kannst. Ich kann von Deutschland aus nichts tun."

"Ich habe erhebliche Mehrkosten für meine Verpfle-gung, selbst das Toastbrot am Morgen muss ich bezahlen. Das entspricht nicht der Abmachung."

"Na, ich finde, du könntest ruhig ein bisschen dankbarer sein, dass dir der Verlag deine Ausbildung finanziert. Denk bitte übrigens daran, mir bald ein paar Manga deiner Kommilitonen zuzuschicken, ich bin schon gespannt darauf."

"Darüber wollte ich auch noch sprechen. Die H-Manga Akademie, das H bezieht ..."

Wieder einmal unterbrach er mich, bevor ich ausreden konnte: "Wieso müssen alle europäischen Frauen sich darüber immer aufregen? Ich dachte, du seist tolerant. Aber schick mir doch erst einmal ein paar Beispiele von Manga deiner Kommilitonen, dann können wir darüber auch sprechen. Tut mir leid, ich muss Schluss machen. Ruf mich an. Tolle Arbeit."

Das Gespräch war beendet. Ich musste mir selbst klar darüber werden, was ich wollte. Die zusätzlichen Ausgaben für Lebensmittel konnte ich mit dem Geld, das ich auf meinem Konto hatte, auch das ganze Jahr über bestreiten. Zurzeit hatte ich sowieso noch genug eingetauschtes Bargeld. Und andere Dinge, für die ich es hätte ausgeben können, gab es hier ja ohnehin nicht.

Ich blickte aus dem Fenster. Am Nachthimmel waren wegen der Wolken keine Sterne zu sehen. Ein kühler Windhauch durchwehte den Raum. Die Luft roch nach frischem Grün. Auf einmal spürte ich, dass jemand hinter mir stand.

Abrupt drehte ich mich um. Aiko stand nur Zentimeter von mir entfernt und blickte mich an. Wieder trug sie ein leicht altmodisches Kleid. Ihre langen schwarzen Haare bewegten sich leicht im Hauch der Luft. Ihr blasser Teint wirkte im Nachtlicht fast weiß, sie wirkte wie aus einer anderen Zeit. Kurz hatte ich das Gefühl, in ihren dunklen Augen zu ertrinken. Ihre Stimme klang kühl und klar:

"Die Eisblume
taut und mit ihr schwindet
meine Hoffnung."

"Wieso?"

"Die Eisblume träumt vom ewigen Winter.

Ich bin wie die
Eisblume, die zergeht
im Sonnenlicht.

Nur ein Geist noch
ist sie, ein Fluch ihr selbst,
zum Tod zu schwach."

Sie nahm meinen irritierten Gesichtsausdruck wahr und lachte.

"Nimm Dichtung nicht zu ernst. Die Verse klingen schön, ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, sie auszusprechen. Oder magst du die Zeilen nicht?"

"Ich weiß nicht. Wo warst du heute tagsüber?"

"Ich bin ein Geist, tagsüber ruhe ich." Sie lachte wieder. "Nein, ich habe mir nur einen seltsamen Rhythmus angewöhnt. Tagsüber schlafe ich meistens. Mein Zimmer ist unten im Anbau ganz hinten in der Ecke.

Verborgen in
der Erde Schoß ruht sie,
bis sie erwacht.

Die anderen haben sich daran gewöhnt."

Eine Weile standen wir beide am Fenster und sahen in die Nacht, bis ich fühlte, dass ein Zittern über meine Haut lief. Ich spürte nun wieder meine Müdigkeit und die Kälte.

"Entschuldige bitte, ich glaube für mich wird es Zeit, zu schlafen."

"Lass Dunkel dein
Zuhause sein, dass dich
der Schlaf umhüllt."


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Nacht 2



Im Zimmer war es dunkel und kühl, die Nacht umfing mich. Die Luft, die von draußen hereinströmte, war leicht feucht.

Die Bettdecke umhüllte meine Glieder und doch konnte ich nicht schlafen. Dabei war ich todmüde, weil wir den ganzen Nachmittag draußen verbracht hatten. Kaum hatte ich mich jedoch hingelegt, formten sich erneut Haiku-Zeilen in meinem Kopf: Schlafende Fische (5 Silben) träumen von .. (3 Silben) - schon zu Beginn eine Silbe zuviel, irgendwie hatte sich in meinem Kopf das Nachtangeln mit meinem Schlafbedürfnis durchmischt - Der müde Fisch (4 Silben) - so würde ich nie einschlafen, vielleicht sollte ich es mit Einschlaf-Haiku probieren - Schlaf mein Kind, schlaf (4 Silben) ein, die Bäume rauschen (6 Silben) im Wind (2 Silben) - da fehlten 2 Silben, und wie ein Haiku klang das auch nicht - Schlaf mein Kind, schlaf (4 Silben) ein, draußen rauscht der Wind (6 Silben) - die Silbenzahl der ersten zwei Zeilen stimmte, trotzdem war ich nicht zufrieden - Schlaflos liege (4 Silben) ich im Bett .. (3 Silben) - da fehlten bereits in der zweiten Zeile drei Silben - Schweren Schrittes (4 Silben) .. Traum (1 Silbe) - oder - Schwarzer Schlaf (3 Silben) - wieder fehlten Silben - zu müde zum (4 Silben)

Des Nachts, weckt dich
der Träume schwerer Schritt,
lauscht du dem Wind.

Ein Geist grüßt dich,
Traumgespinst aus Tagen
längst vergangen.

Das hörte sich schon besser an. Nur klang dies, als wären die Haiku von Nishizawa oder vielleicht auch von Aiko. Ich seufzte im Schlaf, offensichtlich war ich leichter zu beeinflussen als ich gedacht hätte. Und meine Gedanken liefen weiter.

Schwarzer Schlaf,
zu müde zum Träumen
versinke ich.

Nein, da fehlte eine Silbe in der ersten Zeile, und die letzte Zeile klang nicht gut.

Nachtschwarzer Schlaf,
zu müde zum Träumen
hüllt er mich ein.

Eine Weile noch tanzten Haiku-Zeilen im Dunkeln vor meinen Augen, bis ich irgendwann wirklich im Schlaf versank.

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Kapitel 7



Das Licht, das von draußen ins Zimmer drang, blendete fast, so hell schien es trotz der frühen Morgenstunde. Auch die Luft hatte sich gegenüber dem Tag zuvor erwärmt.

Als der Wecker klingelte, hatte ich den Eindruck, erst kurz zuvor eingeschlafen zu sein. Dies war einer dieser Tage, die zu früh beginnen, nach Nächten denen Stunden abhanden gekommen waren. Und noch bevor ich aufstand, fiel mir das nächste Haiku ein. Das schien wirklich eine Art Erkrankung zu sein. Unsicher fielen die Zeilen aus meinem Mund:

Der Wecker schrillt,
Eulen fallen schlafend
von den Bäumen.

Diesmal hatte ich auch gleich die passenden Manga-Bilder dazu im Kopf. Zum Glück half mir das kalte Wasser in der Waschschüssel beim Aufwachen.

Als ich nach unten in die Küche kam, saßen dort nur Itsuko und Akiko Miyamoto. Aki grüßte mich.

"Guten Morgen, die anderen sind schon nach drüben gegangen."

"Guten Morgen." Ich blickte zu Itsuko. "Du bist früh hier."

"Guten Morgen, gestern war es so spät und ich so müde, da habe ich bei Kita im Zimmer übernachtet." Sie zögerte kurz und blickte zur Seite, doch dann wandte sie sich mir ganz zu. "Hast du Lust, dir Fische zu verdienen? Mein Vater hat einen Auftrag für uns. Aki macht auch mit."

"Was sollen wir tun?"

"Mein Vater möchte im Internet eine Werbekampagne für unseren Fischladen starten, um Touristen anzu-locken. Wir bieten auch Kleinigkeiten direkt frisch zum Essen an. Ich habe ihm vorgeschlagen, dass wir dafür Haiku-Manga zeichnen könnten. Er war gleich von der Idee begeistert, obwohl er nur Old School-Manga liest und ihm unsere Zeichnungen sicher zu niedlich sind (18). Als Bezahlung bekommen wir die nächsten Monate Fische, die beim Verkauf übrig bleiben und verbraucht werden müssen. Furuhashi Sensei ist damit einverstanden. Sie meinte, es wäre eine gute Praxisübung."

"Was ist mit Nishizawa?"

"Kita wollte lieber die Ruhe nutzen, um Manga zu ihren Haiku zu zeichnen, und Hana liest ein Buch."

Aiko schlief vermutlich und Kazuya schien jeden Kontakt zu meiden. Die beiden würden sicher auch nicht mitkommen.

"Dann wären wir zu dritt. Ein erster kommerzieller Auftrag. Ich habe allerdings kaum Praxiserfahrung."

"Du musst dir keine Sorgen machen, ich glaube, mein Vater will uns vor allem mit seiner Fischsuppe beeindrucken."

Mit dem Bus war es nur eine Station bis in den Ort. Unterwegs unterhielt ich mich mit Aki. Nachdem wir ausgestiegen waren, fiel mein Blick zuerst auf das Meer. Einige Vögel kreisten hoch oben. Das Graublau des Wassers verschmolz in weiter Ferne mit dem Blaugrau des Himmels. Ein leichte Brise umspülte mich mit frischer feuchter Luft und ich fragte mich, wo das Wasser, das hier an die Küste schlug, vor einem Jahr gewesen war, bis Itsuko mich aus meinen Gedanken riss.

"Unser Fischladen ist ganz in der Nähe an der Hauptstraße."

Tatsächlich war das erste, was von uns erwartet wurde, die Fischsuppe, die Spezialität des Hauses, zu probieren. Itsukos Vater stellte uns drei dampfende Schalen voller Suppe auf den Tisch.

"Ihr müsst ja einen Eindruck davon gewinnen, was wir hier verkaufen, bevor ihr anfangt, die Haiku zu schreiben."

Der Dampf der heißen Suppe verbreitete ihren Geruch im Raum und umfing uns. Vorsichtig pustend, um sie abzukühlen, probierte ich sie.

"Die Suppe schmeckt sehr gut."

Das war keine Übertreibung, sie schmeckte intensiv nach Fisch, ohne dass dieser Geschmack die frischen Kräuter, die ebenfalls ein Bestandteil waren, überdeckte.

"Wirklich?" Itsukos Vater hatte neben dem Tisch auf unsere Reaktion gewartet.

"Wenn ich hier lebte, würde ich mit Sicherheit zunehmen. Wie wird die Suppe zubereitet? Oder ist das ein Familiengeheimnis?"

"Ihr könnt gerne in den großen Topf hineinschauen, in dem ich die Suppe koche. Dann seht ihr, was ich als Zutat nutze."

Der Topf fasste sicherlich zehn Liter. Er war aber nur halb gefüllt. Stolz rührte Itsukos Vater die Suppe um. Fischköpfe schwammen im Sud. Fast automatisch gingen mir zwei Haiku durch den Kopf.

Die Fischköpfe,
sie tanzen im Takt des
Löffelmarschalls.

Fischaugen, mit
Trauer gefüllt, starren
mich klagend an.

Ich seufzte still. Für die Werbekampagne waren sie ungeeignet.

"Die Suppe riecht einfach unglaublich gut und hier am Topf ist der Geruch noch intensiver."

"Das sind die Fischköpfe, die bringen auch den Geschmack. Ihr müsst auch noch den Reis mit Seeigel-Topping und unser Tintenfisch-Sashimi probieren."

Das orangerote Seeigel-Topping bedeckte dick die gesamte Schüssel. Das Tintenfisch-Sashimi war fast durchsichtig, die Arme in Streifen geschnitten, serviert auf einem grünen Pflanzenblatt mit einem Klacks weißen Meerrettichs - Wasabi - und alternativ zum Meerrettich gab es noch eine fruchtige, leicht grüne marmeladenartige Creme.

"Die bewegen sich ja noch." Auf den Tellern vor uns zuckten die Arme der Tintenfische.

Itsuko nickte.

"Das ist eine weitere Spezialität, die wir servieren. Die Tintenfische bewahren wir lebendig in Wassertonnen auf und bereiten sie direkt frisch zu. Am Zucken könnt ihr sehen, dass der Fisch ganz frisch ist. Bei Sashimi ist das ein zentrales Qualitätsmerkmal."

Vor allem das Sashimi mit grünem Aufstrich schmeckte einfach unglaublich frisch. Aki schien das genauso zu sehen. Sie malte mit den Fingern unsichtbar einige Zeichen auf die Tischplatte. Dann rezitierte sie die Zeilen.

"Der Fisch zergeht
auf der Zunge fruchtig
wie Apfelgelee."

Sie zuckte mit den Schultern.

"Da ist leider eine Silbe zu viel und ich bekomme die Silbenzahl nicht gekürzt."

Uns fiel auch keine Kürzungsmöglichkeit ein. Und nach dem Essen waren wir erst einmal zu müde, um weiter nachzudenken.

"Dann lasst uns ein Stück am Meer spazieren gehen und frische Luft schnappen."

Ohne zu zögern stimmten wir Akis Vorschlag zu. Wir gingen unterhalb der Abbruchkante direkt an der Wasserkante entlang und entfernten uns dabei vom Ort. Nach kurzer Zeit war mein einer Fuß nass. Aki und Itsuko schienen Erfahrung damit zu haben, dem Wasser auszuweichen, welches, obwohl es kaum Wellengang gab, immer wieder den Sand überspülte.

"Wie lange hat deine Familie das Geschäft schon?"

"Das Geschäft betreiben wir erst in der zweiten Generation. Früher waren meine Vorfahren Fischer, aber die Bestände sind immer weiter zurückgegangen. Damals haben die Menschen hier von Heringsfang und Kohleförderung gelebt. Du siehst davon überall noch Überreste. Die Gebäude unserer Schule haben auch einmal zu einer Minengesellschaft gehört. Und die Bahnlinie, deren Brückenüberreste du bereits gesehen hast, wurde nach Ende der Kohleförderung und nachdem der Heringsfang zusammengebrochen war, ebenfalls eingestellt. Eine Weile haben sie den Passagierverkehr noch fortgeführt, aber heute fährt nur noch der Bus. Heute verlassen alle die Orte hier."

Nachdem wir eine Weile gegangen waren, hatten wir genug, stiegen die Abbruchkante an einer passenden Stelle hinauf und setzten uns ins Gras. Ich war mir immer noch unklar, welche Art Haiku genau von uns erwartet wurde und blickte zu Itsuko.

"Sollen unsere Haiku den Geschmack eurer Produkte für die Leser und Leserinnen erfahrbar machen, oder was erwartest dein Vater von uns?"

"Mein Vater kennt bisher nur meine Haiku und sonst liest er nur Zeitung. Wahrscheinlich hat er gar keine konkrete Vorstellung. Schreibt einfach, was euch einfällt, und dann schauen wir, was dabei herauskommt. Ich mache das auch so."

Ich dachte an die Haiku von Itsuko, tote Möwen, Tiergedärm, und wusste nun noch weniger, was eigentlich von mir erwartet wurde.

"Aber es sollten doch Haiku sein, die als Reklame für euer Geschäft dienen?"

Itsuko nickte, doch es war Aki, die auf meine Frage antwortete:

"Lasst uns einfach anfangen."

Sie schien sich aber, als sie dies sagte, selbst unsicher zu sein.

Meine Hand glitt über das Gras neben mir, es war weich und leicht feucht. Dann versuchte ich, mich zu konzentrieren. Itsuko hatte gesagt, wir sollten einfach schreiben, was uns einfiel. Was mir einfiel ... .
Wir hatten alle etwas zu Schreiben mitgenommen, zuerst einmal versuchte ich Worte zu finden, einzelne Satzteile, Zeilen zu füllen, frei zu assoziieren - Fischsuppe - sie zieht mich hinan - träume ich von ihr - ihr Geruch - nachts - ... . Die Stille wurde nur unterbrochen vom Seufzen Akis, die nicht weit von mir entfernt saß, meinen Atemgeräuschen, dem Schreien der Vögel und dem Meeresrauschen. Itsuko war nicht zu hören, obwohl sie nicht weiter weg saß als Aki. Vielleicht lag das an ihrer Erfahrung als Nachtanglerin. Nach einer Weile sah ich auf die Uhr. Wir saßen bereits relativ lange im Gras und doch hatte ich den Eindruck, nicht wirklich vorangekommen zu sein. Ich begann schon die Feuchtigkeit zu spüren und war doch immer noch dabei neue Zeilen aufzuschreiben, andere zu streichen und sie immer wieder neu anzuordnen. Aki schien es nicht anders zu gehen. Itsuko stand als Erste auf und blickte auf das Meer hinaus. Nach einer Weile drehte sie sich zu uns um.

"Wollen wir uns gegenseitig vorlesen, was wir geschrieben haben? Ich kann auch anfangen."

Widerstrebend stimmten Aki und ich ihr zu. Itsuko trug ihre Haiku auch diesmal mit klarer, betonter Stimme vor, als würde sie einen literarischen Text laut lesen:

"Ein letzter Gruß

Meeresgewürm
kriecht über den Teller,
die Katze gähnt.

Kalt verschlinge
ich den Fisch, der leise
flüstert: Iß mich!"

Einen Augenblick schwiegen Aki und ich. Itsuko schien Lob zu erwarten. Ich fühlte mich verpflichtet, etwas zu sagen.

"Ich weiß nicht, ob das die Touristinnen und Touristen zum Kauf anregt."

Itsuko nahm mir meinen Einwand zum Glück nicht übel.

"Ich finde, die Haiku sollten einen ungewöhnlichen Blickwinkel auf unser Angebot eröffnen. Die Menschen essen auch mit dem Kopf. Außerdem sollen sich die Haiku von der üblichen Werbung abheben."

"Glaubst du nicht, dass du damit die Kundinnen und Kunden überforderst?"

"Ich weiß nicht. Wir wollen mit der Werbekampagne unterschiedliche Zielgruppen ansprechen, da ist es gut, wenn die Haiku nicht alle gleich ausfallen."

Itsuko schien trotz meiner Kritik mit meiner Reaktion zufrieden zu sein. Sie blickte von mir zu Aki hinüber.

"Was hab ihr getextet?"

Aki sah schweigend auf ihre Notizen. Sie wirkte unsicher, die Haiku von Itsuko hatten sie offensichtlich weiter verunsichert, ihr Blick irrte einen Augenblick lang über das Blatt. Als sie anfing ihre Haiku vorzutragen, war ihre Stimme zu Beginn fast nur ein Flüstern im Wind, erst langsam erreichte sie die normale Lautstärke.

"Frisches Sashimi

Der Fisch riecht nicht,
das Wasser läuft mir im
Mund zusammen.

Der Tintenfisch
zuckt noch, das Fleisch zergeht
auf der Zunge."

Wieder einmal seufzte sie.

"Im Vergleich zu Itsukos Haiku, klingen meine Haiku fast langweilig normal. Ihr könnt sie auch aussortieren. Ihr müsst keine Rücksicht auf mich nehmen."

Itsuko schüttelte den Kopf.

"Ich finde die Klarheit der Haiku gut. Und keinen Geruch an sich zu haben, ist das zentrale Merkmal für die Frische des Fisches, und für die rohe Zubereitung beim Sashimi das wichtigste Qualitätsmerkmal."

Ich nickte.

"Außerdem bekommt man bei deinen Haiku Appetit auf Fisch."

"Das stimmt."

Itsuko blickte nach dieser Bemerkung mich an.

"Du hast deine Haiku noch nicht vorgetragen."

Kurz überflog ich noch einmal die Blätter in meiner Hand, ich war mir immer noch unsicher in Hinblick Blick auf meine Zeilen. Als ich anfing zu lesen, kamen auch mir die Worte zuerst zögernd aus dem Mund:

"Die Fischsuppe

Ihr Geruch, noch
in der Nacht umspinnt er
meine Sinne.

Dies Traumgericht
will ich auch des nachts im
Traum verschlingen."

Itsuko schien zufrieden zu sein, nur Aki sah frustriert auf ihre eigenen Haiku.

"Deine und Itsukos Haiku sind viel interessanter als meine."

Doch Itsuko nahm ihr, ohne weitere Einwände abzuwarten, das Blatt mit den Haiku aus der Hand.

"Ich finde sie gut und mein Vater wartet sicher schon auf unsere Einfälle. Lasst uns zurückgehen."

Itsukos Vater war hoch zufrieden.

"Könnt ihr dazu auch noch Zeichnungen anfertigen? Neben der Nutzung auf unserer Webseite werde ich die Zeichnungen mit den Haiku auch auf unser Verpackungspapier, in das ich Fisch und Speisen für den Verzehr außer Haus einwickele, drucken lassen. Ich hoffe, ihr habt nichts dagegen?"

"Nein."

Keine hatte etwas dagegen, nur Aki wirkte immer noch unsicher.

"Die Zeichnungen anzufertigen kann etwas dauern."

Sie schien bereits nachzudenken, was sie zu ihren Haiku zeichnen sollte. Ich versuchte, sie zu beruhigen.

"Die Zeichnungen müssen ja nicht direkt abbilden, was im Haiku steht, sie können doch auch das im Haiku Dargestellte symbolisieren, zum Beispiel die Frische des Fisches durch eine frische Brise am Meer."

Aki sah mich überrascht an, dann nickte sie und schien nun in Gedanken bereits die Idee für eine Zeichnung vor Augen zu haben.

Nichtsdestotrotz war auch ich immer noch unsicher.

"Und sie glauben, das hilft dem Geschäft?"

"Auf jeden Fall, kein anderes Geschäft hat eine vergleichbare Werbung. Die Touristen werden sicher zusätzlich unbenutzte Verpackungsblätter haben wollen. Vielleicht berichtet auch die Zeitung, hier passiert ansonsten nicht viel."

Zum Abschied packte er uns noch einige kleine geräucherte Fischhälften ein.

"Ihr müsst sie bis spätestens morgen Abend verbrauchen."

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Kapitel 8



Auch am Abend konnten wir noch draußen sitzen, ohne zu frieren. Der Wind wehte nur ganz leicht und am Himmel waren bloß wenige Wolken.

Nach unserer Rückkehr saßen wir noch eine Weile vor dem Schlaftrakt am Holztisch. Hana hatte sich zu uns gesetzt, sie lehnte sich leicht an Aki. Aki wandte sich ihr zu.

"Was hast du den Tag über gemacht?"

"Zuerst habe ich ein Buch zur Geschichte Hokkaidos gelesen, dann habe ich noch etwas gezeichnet. Und, sind euch Haiku als Reklame für Itsukos Familienbetrieb eingefallen?"

"Schon, aber ich weiß nicht, ob sie wirklich etwas taugen. Ich persönlich finde meine etwas langweilig im Verhältnis zu den Haiku von Itsuko und Yukiko. Hast du schon mal Haiku über Fisch geschrieben?"

"Nur über den Fischfang."

Sie dachte kurz nach, dann zitierte sie aus dem Gedächtnis:

"Nishinzora

Frühling war dann,
wenn die Heringsschwärme
kamen - früher.

Hokkaido, damals von den Japanern noch Ezo genannt, wurde bis Mitte des 19. Jahrhunderts nicht als Teil Japans begriffen, sondern als japanische Einflusssphäre. Für Japan wurde es aber seit dem 17. Jahrhundert auf Grund des Fischreichtums der Heringsschwärme vor der Küste immer wichtiger. Die Heringe wurden in einem System der Kontraktfischerei, die von einer japanischen Enklave auf der Insel aus kontrolliert wurde, gefangen und größtenteils zu Dünger für die japanische Landwirtschaft verarbeitet. In der Meiji-Ära wurde, nachdem sich Japan die Insel Mitte des 19ten Jahrhunderts als Kolonie einverleibte, die Kontraktfischerei aufgelöst und gezielt der Aufbau einer industriellen Fischerei gefördert. Die jährlich gefangene und verarbeitete Heringsmenge stieg bis Ende des 19. Jahrhunderts von 200.000 auf 1.000.000 Tonnen. Die extreme Ausbeutung der Bestände führte ab dann aber zu ihrem immer weiteren Rückgang, der nur kurzfristig durch die Intensivierung der Fangmethoden ausgeglichen werden konnte. Bis Ende der 1950er Jahre ging die Fangmenge auf unter 10.000 Tonnen zurück und die Heringsbestände haben sich seitdem, seit mehr als 50 Jahren, nicht erholt (19).
Zur Zeiten der Heringsschwärme wurde ein Großteil der Wirtschaft und des Lebens auf Hokkaido von ihnen bestimmt. Mehr als 100.000 Menschen waren Ende des 19. Jahrhunderts in der Fischereiindustrie beschäftigt. Die Heringsschwärme kamen im Frühling. Wörter wie Nishinzora, Heringshimmel, zur Beschreibung des Wetters in dieser Zeit des Frühjahrs wurden so zu kigo, zu feststehenden jahreszeitlichen Begriffen, und finden sich als solche auch in regionalen Haiku."

"Wieso hat die Regierung nicht versucht der Überfischung entgegenzuwirken?"

"1901 wurde das nationale Fischereigesetz auch für Hokkaido wirksam und die Fischereirechte wurden zur handelbaren Ware. Dies hatte aber nicht die langfristige Bewirtschaftung von Beständen zur Folge, sondern verschärfte noch die Fokussierung auf eine kurzfristige Steigerung der Fänge und maximale Rendite. Der Kapitaleinsatz führte dazu, dass sich die Intensität der Befischung durch weitere Investitionen noch mehr steigerte. Niemand konnte sich einen Zusammenbruch der Bestände vorstellen."

"Und wieso haben sie sich seitdem nicht erholt?"

"Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen wissen das nicht, die ökologischen Zusammenhänge sind zu komplex und es fließen immer weniger Mittel in die biologische Feldforschung zu ökologischen Zusammenhängen. Heute werden fast alle Forschungsmittel für Genetik und Mikrobiologie aufgewendet, damit lassen sich diese Zusammenhänge aber nicht erforschen. Mein Eindruck ist, dass die meisten es gar nicht so genau wissen wollen. Sie müssten vielleicht sonst ihr Handeln ändern."

Hana schaute zu Boden, doch dann fuhr sie fort.

"Die japanische Fischerei auf Hokkaido war aber nicht nur aus ökologischer Sicht in ihren Folgen katastrophal. Vor allem in der Kontraktfischerei der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die ursprünglichen Bewohnerinnen und Bewohner der Insel, die Ainu, unter unmenschlichen Bedingungen zur Arbeit gezwungen. Dies war eine der Ursachen für die Zerstörung ihrer Lebensweise. Außerdem wurde ihnen mit der Intensivierung der Kolonisierung durch Japan in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch das Fischen von Lachsen und die Jagd untersagt. Ich habe versucht auch dies in einem Haiku zu fassen.

Fisch und Elend
der Ainu düngten das
Land der Shamo.

Es muss eine fürchterliche Zeit gewesen sein. Shigeru Kayano (20), in den 1970er und 1980er Jahren einer der wichtigsten Aktivisten der Ainu und Abgeordneter im japanischen Parlament, gibt in seinem Buch 'Unser Land war ein Wald' (21), mündlich überlieferte Erinnerungen seiner Familie wieder. 1858, als sein Großvater 11 Jahre alt war, kamen die Japaner in ihren Ort und zwangen alle Familien, Arbeiter und Arbeiterinnen für die Fischerei in Atsukeshi zu stellen, 350 Kilometer weit entfernt. Sie mussten zu Fuß durch den Schnee laufen. 43 der 116 Bewohner und Bewohnerinnen des Ortes wurden zur Arbeit gepresst, darunter auch sein Großvater. Der Elfjährige hasste die Arbeit so sehr, dass er sich einen Finger abschnitt in der Hoffnung, nach Hause geschickt zu werden. Doch das reichte nicht, erst als er daraufhin seine Haut mit Kugelfischgalle einrieb, bis sie sich gelb färbte, wurde er zurückgeschickt.
Von seiner Großmutter überliefert der Autor ihr Unverständnis über die Gesetze der Japaner. Ihr Sohn, Vater des Autors, wurde verhaftet weil er Lachs fischte. Dabei hatte er einen Teil den Göttern geopfert und mit dem anderen Teil seine Kinder ernährt. Währenddessen wurden die japanischen Siedler und Siedlerinnen für ihre viel rücksichtsloseren Fangmethoden nicht bestraft. Den Ainu, die immer vom Lachs gelebt hatten, den Fang zu untersagen, war laut ihr gleichbedeutend damit, sie aufzufordern, zu sterben.
Shamo ist ein abwertender Begriff aus der Sprache der Ainu für die Japaner und Japanerinnen."

In der Nacht, als ich allein in meinem Zimmer im Bett lag, versuchte ich mir vorzustellen, wie das Leben auf Hokkaido wohl ausgesehen hatte vor der Kolonisierung durch Japan.

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Kapitel 9



Der Morgen war leicht diesig, leichter Bodennebel war zwischen der Bäumen zu sehen und auch die Luft fühlte sich feucht an.

Ich war für meine Verhältnisse sehr früh aufgewacht. Die anderen schliefen sicher noch. Ich ging hinaus, um die frische Morgenluft zu atmen, und dachte gerade darüber nach, was ich tun wollte, als ich Aiko bemerkte, die auf einer kleinen Steintreppe an einem Nebeneingang saß und etwas zu zeichnen schien. Als sie mich sah winkte sie und ich ging zu ihr hinüber.

"Guten Morgen, ich hätte nicht erwartet dich um diese Zeit zu treffen. Ich dachte du stehst immer spät auf."

Aiko lächelte und gähnte dann.

"Das stimmt auch, ich bin nur noch nicht schlafen gegangen."

"Was zeichnest du?"

"Hana hat mich gebeten, Zeichnungen zu zwei ihrer Haiku zu entwickeln."

Sie reichte mir einige Skizzen.

"Deine Zeichnungen sehen aus wie Kohlezeichnungen und irgendwie wirken sie traurig. Um was geht es bei den zwei Haiku von Hana?"

"Was weißt du über die Geschichte Hokkaidos im 19. Jahrhundert und davor?"

"Nur das, was Hana gerade gestern über die Vertragsfischerei erzählt hat."

Aiko zog einen Zettel hervor, auf dem eines der Haiku von Hana stand, sie las die Zeilen mit ruhiger Stimme vor.

"Ainu Moshir

Land der Ainu,
Terra nullius nur
für die Wajin."

Kurz schwieg sie, dann sah sie zum Wald.

"Hokkaido war lange, bevor die Japaner und Japanerinnen es besiedelten, bereits von den Ainu bewohnt. In ihrer Sprache nannten sie es Ainu Moshir und die Japaner bezeichneten sie meistens mit dem japanischen Begriff Wajin. Ein Name für die Bewohner und Bewohnerinnen der Hauptinsel Japans, der auch in anderen Teilen Asiens benutzt wurde und wird. In der Ainu-Sprache war auch der Begriff Shisam zur Bezeichnung der Japaner gebräuchlich, beziehungsweise seine abwertende Form Shamo. Ausgehend von einer japanischen Enklave im Süden der Insel haben die Japaner seit dem 16. Jahrhundert die Wirtschaft der Insel in zunehmenden Maße kontrolliert und in ihrem Sinne umgestaltet. Die Ausbeutung der Ainu in der Vertragsfischerei war nur ein Beispiel, Bergbau, der die Flüsse vergiftet hat und Ainu-Siedlungen die Lebensgrundlage entzog, ein anderes. Widerstand der Ainu wurde durch die Abhängigkeit der Ainu von den japanischen Händlern und ihren Gütern und durch Zusammenarbeit der Japaner mit einzelnen Ainu-Anführern verhindert und teils auch militärisch unterbunden. Die Japaner und Japanerinnen waren ein Millionenvolk mit einer sich entwickelnden Industrie und verfügten über Schusswaffen. Ainu gab es damals auf Hokkaido etwas mehr als 20.000, und sie verfügten über keinerlei moderne Waffen.
Anfang des 19. Jahrhunderts lebten ca. 30.000 Japaner auf der Insel, die sie damals noch Ezo nannten, größtenteils im Westteil, Mitte des 19ten Jahrhunderts waren es ca. 60.000. Die seit Ende des 18. Jahrhunderts zunehmende Intensivierung der Ausbeutung, die Zwangsarbeit, Krankheiten und die ungleichen Handelsbeziehungen und die Militarisierung der Insel als Außenposten gegenüber Russland hatten die Kultur der Ainu bereits bis dahin weitgehend zerstört. In der Meiji-Ära ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde dann eine systematische Kolonisierungspolitik betrieben. Es wurden gezielt Japaner und Japanerinnen in großer Zahl angesiedelt, die Infrastruktur der Insel ausgebaut und das Land industriell erschlossen. Heute leben über fünf Millionen Menschen auf Hokkaido. Die Ainu wurden gezwungen, ihre kulturellen Praxen aufzugeben, sich japanisch zu kleiden, japanische Namen anzunehmen und ihnen wurden die Grundlagen für ihre traditionelle Lebensweise der Jagd und Flussfischerei durch gesetzliche Einschränkungen entzogen. Teils geschah das bereits vorher, aber ab der Meiji-Ära wurde es systematisch betrieben. Aus Sicht Japans waren die Ainu Japanerinnen und Japaner, dies war eine der wesentlichen Legitimationsgrundlagen für die Ausweitung der Herrschaft Japans auf ganz Hokkaido und auf Teile von Sachalin gegenüber Russland und den westlichen Mächten.
Gleichzeitig wird Ezo aber bis heute in Teilen der japanischen Geschichtsschreibung als unbesiedeltes Land beschrieben, das erst von den japanischen Siedlerpionieren und -pionierinnen urbar gemacht und zu bewohnbarem Land entwickelt wurde."

Aiko zog ein weiteres Blatt mit dem zweiten Haiku von Hana hervor.

"Genchi Tsuma

Ich bin nicht dein
Besitzgut und auch nicht
meines Vaters.

Ein besonderer Teil der japanischen Machtpolitik war auf Ainu-Frauen bezogen. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts durften keine japanischen Frauen in den Teil Hokkaidos, der außerhalb der kleinen japanischen Enklave im Süden der Insel lag, übersiedeln. Die japanischen Vorarbeiter der Fischereistützpunkte und die außerhalb der japanischen Enklave stationierten Militärs wurden unter der offiziell Ende des 18ten Jahrhunderts formulierten Politik der Genchi Tsuma, der 'lokalen Frauen', gezielt zu Verbindungen und zur Heirat mit Ainu-Frauen angehalten, beziehungsweise diese wurden ihnen zugesichert.
Vergleichbar dem Zugriff auf die Ainu-Arbeitskräfte in der Fischerei wurde der Zugriff entweder durch verbundene lokale Ainu-Anführer oder mit direkter Gewalt durchgesetzt (22). Zum Teil wurden die Frauen vergewaltigt und zur Prostitution oder in Beziehungen gezwungen. Wurden sie schwanger, haben die Japaner sie in einigen Fällen auch verstoßen und sterben lassen. Umgekehrt wurden aber auch von Ainu-Frauen Beziehungen und Eheschließungen mit Japanern genutzt, um eine Zukunft für sich und ihre Kinder als japanische Staatsbürger zu sichern. Da die Bevölkerungsgruppen, aus denen die Ainu hervorgegangen sind, auch zu den frühen Einwohnerinnen Japans gehörten, stammen die Japaner und Japanerinnen zu 10 bis 30% von identischen Vorfahren wie die Ainu ab. Deshalb sind die Kinder aus Beziehungen zwischen Japanern und Ainu-Frauen kaum von Japanerinnen und Japanern zu unterscheiden. Viele Nachfahrinnen und Nachfahren wissen heute nicht einmal mehr um ihre Herkunft."

"Aber damit haben doch die Frauen, die freiwillig Beziehungen eingegangen sind, die Assimilation durch Zwang unterstützt."

"Auch in der Ainu-Gesellschaft hatten Frauen nur eine untergeordnete Stellung, einen geringeren Wert als Männer. Die japanische Gesellschaft war auch patriarchal und sexistisch, aber in Veränderung begriffen. Und sie versprach einen, wenn auch bescheidenen, besseren Lebensstandard. Die Ainu haben in einfachen Hütten gelebt und waren der Kälte und den Naturgewalten ausgesetzt. Und Ehen wurden über ihren Kopf hinweg festgelegt.
In Europa wurden meines Wissens nach dem zweiten Weltkrieg Frauen, die Beziehungen mit deutschen Besatzern eingegangen waren, massiv verfolgt und ihre Kinder stigmatisiert. Findest du das sinnvoll?"

"Nein, aber trotzdem finde ich es verständlich."

"Ich finde es falsch, Menschen aufgrund ihrer Herkunft zwangsweise auf eine kulturelle Identität festzulegen. Was soll das sein, eine kulturelle Identität, die du zu verteidigen hast? Was ist das für eine Zumutung für die Frauen? Und wieso sollte für mich als junge Frau wichtig sein, wer oder was meine Urgroßeltern waren? Und wieso sollten Frauen besonders verantwortlich sein für das Bewahren kultureller Traditionen? Was ist das für ein Unsinn? Ich bin doch ich und niemand sonst!"

"Aber ist es nicht sinnvoll, Raum und Entwicklungsmöglichkeiten für die Ainu-Kultur auch im Hier und Jetzt zu sichern?"

"Ich will niemanden daran hindern, sich mit der Kultur der Ainu auseinanderzusetzen und zu ihr beizutragen. Aber wieso sollen das nicht auch Japanerinnen ohne Ainu-Vorfahrinnen aus der jüngeren Vergangenheit tun? Und wieso sollte ich mich dazu verpflichtet fühlen, nur weil meine Urgroßmutter vielleicht eine Ainu war?
Es gibt eine berühmte Ainu-Ballade aus der Zeit, ein Lied der Trauer. Die Ballade von Esashi Oiwake thematisiert das Leid einer Ainu-Frau, die sich in einen Japaner verliebt und der ein glückliches Ende, ein glückliches Zusammensein mit diesem Mann verwehrt bleibt. Nach einer Erzählung, weil ihr Vater, ein Ainu-Anführer, jemanden anderen zur Ehe für sie vorgesehen hat und sie tötet, nach einer anderen Erzählung, weil der Japaner zurück nach Japan geht. Von Aktivistinnen der Ainu-Bewegung wird diese Ballade heute als Metapher für das Leid der Ainu-Frauen durch die japanische Kolonialpolitik ver-standen. Ich finde, dies wird der Widersprüchlichkeit der realen Verhältnisse und der Widersprüchlichkeit der Ballade nicht gerecht. Mein Körper als Frau ist kein Schrein zum Aufbewahren irgendeiner Kultur."

"Nach dem Land wird also auch die Kultur enteignet?"

"Kultur ist kein Besitzstand, der erblich ist. Du eignest dir Kultur durch deine kulturelle Praxis an, mit Biologie hat dies nichts zu tun. Und Kulturen leben davon, das sie sich gegenseitig durchdringen und beeinflussen. Das Problem ist die Abwertung bestimmter Kulturen, ihre Einordnung als primitiv und ihre Entsorgung im Museum und außerdem der starke Konformitätsdruck in dieser Gesellschaft. Ich finde es spannend wenn Menschen Einflüsse aus anderen Kulturen aufnehmen und in ihr aktuelles Leben einbeziehen. Die Manga- und Anime-Kultur würde in Japan ohne dies gar nicht existieren. Natürlich kannst du dich immer darüber streiten, ob etwas gelungen ist, aber dann am konkreten Ergebnis orientiert.
Glaubst du, die Aneignung der altgriechischen Philosophie und Kultur in der beginnenden Neuzeit durch die Menschen in Mitteleuropa war illegitim oder falsch?"

"Nein."

"Für alle macht es Sinn, sich mit den Verbrechen Japans, mit den Fehlern, die gemacht wurden, auseinander zu setzen. Hier auf Hokkaido gibt es eine aktive Basisbewegung der Geschichtswerkstätten (23), welche die Geschichte der Ausgegrenzten und ihrer Unterdrückung, die minshũshi horiokoshi undõ, thematisiert. Sie hat die verdrängten historischen Realitäten von Zwangsarbeit, Kriegsverbrechen und Kolonialismus überhaupt erst öffentlich gemacht. Das ist auch das Wissen, auf das Hana zurückgreift. Ich finde es nur falsch, wenn der Kampf für die Aufdeckung der Gewaltverhältnisse zum Kampf für eine Identität mutiert, die sich über diese Unterdrückung definiert. Und ich denke, Hana sieht das genauso."

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Eine Weile saßen wir nebeneinander auf den Steinstufen, beide in Gedanken versunken, bis Aiko mich berührte. Sie hatte ihre Zeichensachen zusammengepackt.

"Entschuldige bitte ich werde langsam zu müde. Wir können gerne ein anderes Mal weiter reden. Gerade kann ich mich nicht länger konzentrieren. Ich gehe schlafen."

"Gute Nacht bzw. guten Tagesschlaf, ich wollte dich nicht vom Schlafen abhalten, aber ich weiß so wenig über die Geschichte Hokkaidos."

Ich sah ihr nach, wie sie im Anbau verschwand. Meine Gedanken kreisten noch eine Weile um das Gespräch.

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Kapitel 10



Die nächsten Tage wechselten sich Regen und Sonne ab. Die zwischenzeitliche Abkühlung durch den Regen fand ich eher wohltuend als bedrückend.

Jeden Morgen fand das Zeichentraining mit Fumiko Furuhashi statt. Sie beriet meistens alle einzeln oder in kleinen Gruppen, mit direktem Bezug auf ihre Zeichnungen. Mir erläuterte sie die Grundlagen zur Darstellung von Bewegungsabläufen. Dabei verwies sie auch immer wieder auf Beispiele und Lehrbücher aus der Bibliothek.
Die Nachmittage verbrachten wir allein oder in Gruppen damit unsere Projekte voranzutreiben und miteinander zu diskutieren. Abends gab es nun häufiger Fisch als Dank für unsere Haiku-Manga.

Nachdem ich ihnen vom Verlag in Deutschland erzählt hatte, für den ich arbeitete, stellten mir Aki, Hana, Itsuko und Nishizawa ihre Arbeiten zum Thema Brücken und Tunnel zur Verfügung. Nishizawas Zeichenstil erinnerte an alte klassische Manga-Vorlagen, passte aber gut zu ihren Haiku. Hana hatte ihren Haiku-Manga von Aiko mit einer Zeichnung versehen lassen. Sie fand, dass ihr eigener Manga-Stil, der fast wie Aquarellmalerei wirkte, für ihre Haiku nicht die richtige Wahl war. Die Zeichnungen von Aki waren, ähnlich ihren Haiku, sehr zurückgenommen und geradlinig. Itsuko arbeitete mit starken Farbkontrasten.
Ich übersetzte die Textbestandteile und schickte Ausdrucke in einem Brief per Luftpost nach Deutschland, den ich Itsuko mit der Bitte gab, ihn im Ort einzuwerfen. Zuvor hatte ich bereits versucht die Erwartungen nicht zu groß werden zu lassen.

"Ich weiß nicht, ob diese Art Manga meinen Arbeitgeber interessieren werden. Falls es nichts wird, können wir noch etwas anderes versuchen."

Dabei wusste ich selbst nicht wirklich, was ich noch unternehmen konnte, um einen Verlag in Deutschland für Haiku-Manga zu interessieren, obwohl ich Haiku-Manga inzwischen wirklich interessant fand. Ich war mir nur ziemlich sicher, dass der Verlag, für den ich arbeitete, kein Interesse haben würde, trotz der Nachfrage meines Arbeitgebers. Er würde mit Sicherheit überrascht über das sein, was er da bekam. Ich seufzte leise, ich musste mir irgendetwas einfallen lassen, um eine Publikation in Deutschland zu ermöglichen. Ich würde mich sonst den anderen gegenüber schuldig fühlen.

Einige Tage darauf kam erneut ein Morgen an dem Furuhashi-Sensei wohl lieber im Bett geblieben wäre. Itsuko und Kazuya waren nicht anwesend. Aiko schlief noch und Hana hatte etwas im Ort zu erledigen, sodass nur Aki, Nishizawa und ich uns im Klassenraum einfanden.

Müde und etwas lustlos blickte uns die Lehrerin an.

"Wir führen heute wieder eine Haiku-Lehreinheit durch, diesmal zum Thema 'Küssen'. Hat jemand dazu Fragen?"

Aki meldete sich.

"Was genau meinen Sie mit dem Thema 'Küssen'?"

"Weiß du nicht, was ein Kuss ist? Wir können auch losen und zwei von euch führen dann den anderen vor, wie ein richtiger Kuss aussieht."

"Ich weiß, wie ein richtiger Kuss aussieht. Werden Sie uns unterstützen?"

"Beim Küssen?"

"Nein, beim Schreiben."

"Nein, ihr sollt lernen, ohne mich zurecht zu kommen, Selbstständigkeit ist ein wichtiges Lehrziel. Die Ergebnisse müssen nicht perfekt sein. Wir diskutieren die Ergebnisse hier um 12.30 Uhr."

Ich war mir sicher, Furuhashi-Sensei wollte nur weitere zweieinhalb Stunden schlafen, war mir aber gleichzeitig nicht sicher, ob mir zweieinhalb Stunden reichen würden, um ein Haiku zum Thema zu schreiben.

"Zweieinhalb Stunden sind nicht wirklich viel Zeit."

"Ihr müsst auch lernen, unter Zeitdruck zu arbeiten. Außerdem sollt ihr allein arbeiten, nicht in der Gruppe."

Mit dieser abschließenden Bemerkung ließ die Lehrerin uns allein zurück. Aufgrund der Arbeitsanweisung suchte sich jede einen Ort an dem sie in Ruhe arbeiten konnte.
Ich setzte mich in der Nähe des Waldrandes auf einen großen Stein. Doch ich hatte Schwierigkeiten, das Thema für mich zu fassen. Wofür standen überhaupt Küsse? Liebe, Nähe, Begehren, Konvention, was wollte ich thematisieren? Ich versuchte einfach aufzuschreiben, was mir einfiel und daraus ein Haiku zu entwickeln:

Und küssend will
ich ?
im Schwarz der Nacht
Zärtlich küsste

So richtig passte das nicht zusammen, die Zeilen wurden nur immer mehr. Dann stand auf einmal Aki vor mir.

"Die Zeit ist um, wir müssen zurück."

"Einen Augenblick."

Die Zeilen passten alle noch nicht: 'Ihr Kuss ertrinkt im Schluchzen, ...'. Immer noch nicht. Ich musste das noch anders ausdrücken. Endlich war ich zufrieden. Aki wartete, ich blickte sie entschuldigend an.

"Jetzt habe ich es, tut mir leid, dass du warten musstest."

"Kein Problem."

Als wir in den Klassenraum traten, waren Furuhashi-Sensei und Nishizawa schon dort. Nishizawa trug ihre Zeilen als erste vor, mit klarer, wieder fast ausdrucksloser Stimme:

"Ein kalter Kuss
aus Grabes Gruft, im Traum
liegst du bei mir.

Ach Liebste, liegst
im dunklen Grab, der Kuss
ist nur ein Traum.

Ein kalter Kuss
aus Grabes Gruft, zieht mich
hinab zu dir.

Nimm mich zu dir
ins kalte Grab, bis Nacht
zum Tage wird.

Und bist du nur
ein Traumgespinst, nie will
ich erwachen."

Aki und mir war anzusehen, dass wir beeindruckt waren. Doch falls Fumiko Furuhashi beeindruckt war, ließ sie sich dies nicht anmerken. Sie nickte nur und blickte aus dem Fenster, ohne etwas zu sagen. Wir warteten auf die Diskussion, doch unsere Lehrerin schien immer noch übermüdet zu sein. Statt an Nishizawa wandte sie sich Aki zu.

"Und was hast du geschrieben?"

Aki sah auf ihr Blatt und las einen Dreizeiler.

"Die Küsse ein
Abschied, die Tränen nur
verblieben ihr."

Sie holte kurz Luft und blickte uns fragend an, bevor sie ihr Haiku um eine kurze Erklärung ergänzte.

"Als ich als kleines Kind das erste Mal zur Schule musste, zwang mich meine Mutter, meinen Teddybären, der mich bis dahin überall hin begleitet hatte, zu Hause zu lassen. Das Bild von ihm, wie er einsam und traurig, von mir verlassen, im Zimmer saß, begleitete mich bis in die Schule. Und ich war Schuld. Also bekam er von da an jeden Morgen einen Kuss und eine Umarmung. Nichtsdestotrotz habe ich nächtelang geheult, ich fühlte mich schuldig. Er hatte mich nie verraten und allein gelassen. Ich habe das fast zwei Jahre lang durchgehalten."

Aki lächelte traurig.

"Ich weiß, dass das absurd ist, aber ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen."

Wiederum sagte die Lehrerin kein Wort und nickte nur. Ich wusste auch nicht recht, was ich auf Akis Erzählung hin erwidern sollte und Nishizawa schaute nur kühl zu uns herüber. Zum Glück wandte sich die Lehrerin mir zu und sah mich durchdringend an, bevor die Stille unerträglich wurde.

Ich räusperte mich und überflog noch einmal unruhig meine Zeilen. Meine Stimme klang mir selbst aus irgendeinem Grund auf einmal zu laut, sodass ich gegen Ende leiser wurde.

"Lippen schluchzen
Küsse, in die Kissen,
die niemand teilt."

Alle schwiegen. Die Stille füllte den Raum. Ich spürte, wie meine Unsicherheit wuchs. Doch dann unterbrach Aki das Schweigen, sie wirkte besorgt.

"Fühlst du dich einsam?"

Bevor ich Aki antworten konnte, kam mir Nishizawa mit einer weiteren Frage zuvor. Sie blickte mich dabei mit dem gleichen kühlen Blick an, mit dem sie vorher auf Akis Zeilen reagiert hatte.

"Weinst du nachts heimlich in die Kissen?"

"Das war nur ein Gedicht. Du hast doch auch keine tote Geliebte, oder?"

Nishizawa zögerte und sah mich nur durchdringend an, einen Augenblick lang stockte mir der Atem. Hatte sie vielleicht doch jemanden verloren? Doch dann zuckte sie nur mit den Schultern.

"Woher willst du das wissen? Aber es stimmt, das war dichterische Freiheit."

"Bei mir auch." Ich wandte mich unserer Lehrerin zu. Ich hatte keine Lust, weiter über meine Nächte hier zu diskutieren. "Welche Erwartungen hatten Sie, als sie die Aufgabe gestellt haben, Haiku zum Thema Küssen zu schreiben?"

Fumiko Furuhashi dachte kurz nach, bevor sie antwortete:

"Ich hatte keine direkte Erwartung, vielleicht, das ihr über euer direktes Körpergefühl schreiben würdet, dass die Worte eure Gefühle spürbar werden lassen. Aber dies ist auch interessant - überraschend. Aus irgendeinem Grund habt ihr das Thema Kuss in das Thema Einsamkeit umgewandelt. Um beim Thema zu bleiben, zum Abschluss noch ein Haiku von mir.

Küsse auf der
Haut in tiefer Nacht, sie
berührt sich selbst."

"Sensei?"

Der Nachmittag verlief danach ruhig, und ich ging relativ früh schlafen.

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Nacht 3



Als ich aufwachte, war es mitten in der Nacht. Die Nacht war still und schwarz, und diese Stille war unheimlicher als die Laute, die sonst zu hören waren.

Erst jetzt bemerkte ich, dass ich mir kein frisches Wasser von der Pumpe geholt hatte. Einen Augenblick zögerte ich, doch dann stand ich auf, entschlossen, mich nicht ängstigen zu lassen.
Draußen konnte ich zuerst kaum etwas erkennen, nur langsam gewöhnten sich meine Augen an das Dunkel. Ich hatte Mühe, die Pumpe zu finden. Kein Ton war zu hören, bis plötzlich ein Plätschern durch die Nacht klang. Gab es hier Kröten? Wasserpfützen gab es genug. Indes war auch dieses Geräusch gleich darauf nicht mehr zu hören und erneut versank alles in schwarzer Stille. Vorsichtig tastend bewegte ich mich weiter durch die Nacht, als meine Hand auf einmal auf etwas stieß, dass sich bewegte. Vor Schreck verlor ich das Gleichgewicht und stolperte. Die Wasserkaraffe blieb zum Glück unbeschädigt.

Noch bevor ich aufstehen konnte, näherte sich mir dieses Etwas.

"Was machst du hier?"

Das war Aikos Stimme und nun war ihr Gesicht meinem so nahe, dass ich sie auch erkennen konnte, zu nahe.
"Ich wollte mir nur frisches Wasser zum Trinken holen."

"Hast du dich beim Fallen verletzt?"

"Nein."

Aiko trug nur ein Nachthemd, das teilweise feucht war und ihren Körper kaum bedeckte. Sie sah wunderschön aus, ich schluckte, ich lag im Gras und sie hatte sich über mich gebeugt, ihr Arm berührte mich und ihr Gesicht kam noch näher.

"Deine Lippen
will ich trinken, Deinen
Durst zu stillen."

Kurz schloss ich die Augen, einen Augenblick lang wusste ich nicht, ob ich mir einen Kuss von Aiko wünschte oder nicht, dann erklang Aikos Lachen. Sie saß nun aufrecht neben mir. Ich kam nicht umhin, sie anzublicken. Kein Kuss. Ich fasste mich langsam wieder und blickte bei meiner Frage zu Boden.

"Wieso bist du halb nackt?"

Aiko saß immer noch direkt neben mir.

"Ich habe mich gewaschen und war gerade dabei mich abzutrocknen, als du mich unsittlich berührt hast." Kurz überlegte ich, wo ich sie berührt hatte, doch sie führte das nicht weiter aus, sondern fuhr fort. "Um diese Zeit ist hier sonst niemand. Ihr habt heute Haiku über das Küssen geschrieben, nicht? Und Nishizawa sagte, du fühlst dich einsam?"

"Nein, das war nur ein Haiku."

Ich wusste nicht, was ich weiter auf Aikos Bemerkung erwidern sollte. Ihre Nähe, die sichtbare Haut unter dem Nachthemd, die Atembewegung ihres Leibes, ließen mir den Atem stocken. Ich schluckte. Ein Zittern durchlief meinen Körper. Ich sah zur Seite. Aiko blickte mich an, dann rezitierte sie mit klarer Stimme noch ein Kurzgedicht:

"Ihr Körper bebt,
ihr Atem rast, wartend auf
den ersten Kuss."

Sie sah mich immer noch an.

"Das war auch nur ein Haiku."

Mit diesen Worten half sie mir auf, nur um mich von hinten zu umarmen. Ihr Stimme erklang nun fast direkt neben meinem Ohr.

"Fall nicht gleich wieder. Du wirkst unsicher."

Ich wusste immer noch nicht, wie ich reagieren sollte, ich spürte den Drang zur Flucht, den Drang mich der Umarmung zu entziehen und gleichzeitig das Bedürfnis nach intensiverer Nähe. Und noch bevor ich mich für eine Antwort entschieden hatte, zitierte sie ein weiteres Haiku, ihre Stimme sanft, fast flüsternd:

"Lippen zitternd,
unberührt, ungeküsst
in dieser Nacht."

Dann ließ sie mich frei.

"Ich glaube für heute habe ich dir genug zugesetzt, wir können das aber zu einem anderen Zeitpunkt fortsetzen."

Sie half mir, die Wasserkaraffe aufzufüllen, umarmte mich nochmal kurz und drehte mich dann in Richtung des Weges zum Schlaftrakt.

"Gute Nacht."

"Danke."

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Telefonat 4



Die Sonne war gerade erst im Aufgehen begriffen, das Gras war taufeucht und die Luft fühlte sich kühl und frisch an.

Ich hatte mir vorgenommen, wieder einmal beim Verlag anzurufen. Auf Grund des Zeitunterschieds zwischen Europa und Japan war ich deshalb direkt nach Sonnenaufgang aufgestanden und hatte mich nur kurz frischgemacht, bevor ich zum Haupthaus hinüberging. Nach europäischer Zeit war es jetzt früher Abend. Immer noch kreisten meine Gedanken um das nächtliche Zusammentreffen mit Aiko. Mit einer Mischung aus Angst und Hoffnung schaute ich mich um, ob sie wieder irgendwo saß und zeichnete, doch sie war nirgends zu sehen. Erleichtert und gleichzeitig enttäuscht atmete ich auf.

Mein Arbeitgeber nahm das Gespräch fast sofort an.

"Hallo, hier ist Yukiko."

"Hallo."

"Ich wollte mich nur melden."

"Verrate mir bitte mal, was ich mit den Manga soll, die du mir geschickt hast. Was soll das mit den Brücken und Tunneln in Hokkaido, warum sollen sich Leser in Deutschland für Takobeya-Arbeiter interessieren und wieso sind die Texte alle Dreizeiler?"

"Das sind Haiku-Manga."

"Und wen glaubst du interessiert das hier?"

"Du hast mich doch hierher geschickt."

"Was hat das damit zu tun?"

"Nun, das hier ist 'The Japanese Haiku-Manga Aca-demy
(of Rumoi)'. Der Verlag hat doch diese Schule ausgewählt."

"Die Schule war unglaublich kostengünstig. Das H steht für Haiku? Das ist doch Betrug."

"Nicht alle Menschen sind nur auf Perversionen fixiert. Und der Verlag hätte sich halt einfach genauer informieren müssen. Ich habe das beim letzten Telefonat schon versucht zu erklären, aber ich durfte ja nicht ausreden. Ich finde Haiku-Manga seitdem ich hier bin aber immer interessanter. Und bei Fumiko Furuhashi kann ich zeichnerisch wirklich viel lernen."

"Wenn es wenigsten Hentai-Haiku-Manga wären, aber Hokkaido-Haiku-Manga, wie soll die ein Verlag in Deutschland verkaufen? Und wer soll die übersetzen? Wir müssen uns überlegen, ob es unter diesen Umständen nicht sinnvoller ist, den Vertrag mit der Schule aufzulösen, dann würden wir zumindest die Gebühren und Unterbringungskosten für ein Drei-vierteljahr sparen."

Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Wollte ich bleiben? Aiko ging mir nicht aus den Sinn. Außerdem machte das Zeichnen Spaß. Ich brauchte Zeit, um mir darüber klar zu werden, was ich wollte.

"Oh, mein Akku schwächelt. Ich muss Schluss machen, Tschüs. Ich schicke weitere Manga."

Damit unterbrach ich das Gespräch, der Akku war voll, aber ich musste meine Gedanken ordnen und hatte keine Lust auf Diskussionen mit meinem Arbeitgeber.

Eigentlich hätte ich auch noch meine Mutter anrufen müssen, aber ich beließ es bei einer SMS: 'Hier ist alles in Ordnung, nur der Empfang ist schlecht. Ich melde mich.' Dass ich gut angekommen war, hatte ich ihr bereits vom Bahnhof in Rumoi aus per SMS mitgeteilt.

Als ich unten aus dem Haupthaus in das Freie trat, war das Gras immer noch taufeucht. Die frische Luft ließ meinen Ärger verfliegen.


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Kapitel 11



Der Morgen ging in einen klaren nicht zu warmen frühsommerlichen Tag über. Die Luft blieb angenehm kühl trotz des Sonnenscheins.

Ich kochte mir einen Becher Kaffee und arbeitete vor dem Anbau am Holztisch an meinen Zeichnungen. Gerade überlegte ich, wann wohl die anderen aufstehen würden, als mich auf einmal Fumiko Furuhashi ansprach. Sie musste den Anbau durch den Hintereingang verlassen haben, sodass ich sie nicht bemerkt hatte.

"Morgen, der Unterricht fällt heute aus, ich muss in die Stadt zu einer Sitzung mit der Schulleitung. Außer dir ist heute tagsüber fast niemand hier, bis auf Aiko Takanashi sind die anderen alle weg. Akiko Miyamoto und Hana Ichimura fahren ihre Familien besuchen. Itsuko Yasumi muss im Fischladen helfen, Kita Nishizawa wollte nach Rumoi Stadt und Kazuya Saito will Teilbereiche der alten Hoboro-Bahnlinie, die von Rumoi Stadt nach Horonobe die Küste entlangführte, abfahren."

"Oh."

"Der Termin stand bereits länger fest. Du warst aber, glaube ich, noch nicht hier, als ich das gesagt hatte."

Ich dachte nach: Natürlich konnte ich den Tag alleine mit Zeichnen verbringen. Vielleicht war das sogar angenehm, den ganzen Ort für mich zu haben. Aiko schlief sicher lange, nur falls sie aufstand, würde ich ganz allein mit Aiko sein. Wieder gingen mir die Bilder der Nacht durch den Kopf.

"Vielleicht sollte ich auch in den Ort fahren."

Fumiko Furuhashi zuckte mit den Schultern.

"Du könntest auch mit Kazuya Saito mitfahren. Du hast doch bisher wenig von Rumoi gesehen."

"Ist Kazuya-Kun nicht lieber alleine?"

"Ich habe ihn bereits gefragt und er würde dich mitnehmen. Er fährt mit dem Auto seiner Vermieterin und ich muss ihn nur anrufen, dann kommt er hier vorbei."

Ich nickte. Ich hatte außer Rumoi Stadt und dem Ort hier die anderen Teile Rumois wirklich nur durch das Busfenster gesehen. Bevor Fumiko Furuhashi ins Haupthaus ging, um vom Turmzimmer aus zu tele-fonieren, wandte sie sich noch einmal kurz um.

"Wenn du nicht nur Instant-Nudelbrösel trocken essen willst und Wasser trinken, solltest du für euch beide ein paar Brote schmieren und Getränke einpacken."

Während ich in der Küche dabei war, einige Brote fertig zu belegen, schauten nacheinander Nishizawa, Aki und Hana herein und verabschiedeten sich.

"Bis heute Abend."

Kurz darauf hörte ich bereits das Motorengeräusch des Autos. Kazuya wirkte wie immer distanziert.

"Hallo. Danke, dass du mich mit nimmst."

"Furuhashi-Sensei hat mich darum gebeten."

"Willst du lieber alleine fahren?"

"Nein, das ist mir egal."

Kazuya sah mich nicht an.

"Ich habe ein paar Brote und was zu Trinken für uns eingepackt."

Kazuya nickte. Schweigend machten wir uns auf den Weg. Ich nutzte die Ruhe, um die Landschaft draußen zu betrachten. Nach einer Weile unterbrach ich die Stille.

"Wo fahren wir lang?"

"Wir fahren entlang der alten Hoboro-Bahnlinie. Ich will heute das Teilstück von Chikubetsu bis Santomari, eine Station kurz vor Rumoi, abfahren."

"Ich wusste gar nicht, dass hier eine Eisenbahnlinie existiert."

"Sie wurde 1987 stillgelegt."

"Ist dann überhaupt noch etwas zu sehen?"

"Das ist unterschiedlich. Wir werden an verschiedenen ehemaligen Bahnstationen haltmachen. Ich will alles fotografieren, und zwischen den Stationen gibt es auch noch viele Brückenreste und ähnliches. Ich hoffe du hast festes Schuhwerk an, die Überreste liegen nicht immer direkt an der Straße."

"Wieso machst du das?"

"Ich bin extra von Tokio hierhergekommen. Ich arbeite an einer Haiku-Manga-Serie über alte aufgegebene Bahnlinien. In Hokkaido finde ich dafür die passenden Fotomotive, früher wurde hier Kohle und Erz gefördert und weite Teile Hokkaidos waren durch Bahnlinien erschlossen, die heute alle verfallen."

"Und die Fotos setzt du in Manga um?"

"Ja."

Dann erreichten wir unseren ersten Zielpunkt, Chikubetsu. Kazuya holte seinen Fotoapparat heraus.

"Das hier ist der Bahnkilometer 65 von Rumoi aus gemessen."

"Aber, wo ist die Station?"

"Der Schuppen dort ist ein Überrest der alten Bahnstation."

"Der sieht aus, als fiele er bald in sich zusammen. Gibt es von dir auch Haiku zu den Bahnstationen?"

Kazuya reichte mir ein Blatt. Ich las die Zeilen laut.

"Die Trauer der Bahnstation

Alte Fenster,
die Scheiben zerbrochen,
klagen im Wind."

Kazuya, der die ganze Zeit fotografiert hatte, wirkte etwas unzufrieden.

"Die Zeilen passen nicht wirklich zu dieser Station, da der Schuppen gar keine Fenster hat. Es gibt aber auch aufgegebene Stationen, wo der Wind durch zerborstene Scheiben pfeift. Ich kann dir in der Schule Bilder zeigen. Zu der Station hier ist mir bisher nichts eingefallen."

"Warst du schon mal hier?"

"Ja, ich bin die Strecke schon früher abgefahren, habe aber nicht alles fotografiert. Deshalb will ich mir heute diesen Teil der Strecke nochmal ansehen. Zu einigen Stationen habe ich bereits Ideen für Haiku."

Als nächstes fuhren wir bis zur Grubenbahn der ehemaligen Kohlengrube bei Haboro, deren Überreste nur etwa einen Kilometer entfernt lagen, Bahnkilometer 64 von Rumoi aus gemessen. Die Reste einer alten Brücke führten über einen Fluss, ein verrostender Stahlträger auf zerfallenden Betonpfeilern, langsam überwuchert vom Grün, darunter das Wasser des Flusses. Wir mussten uns etwas durch die Büsche schlagen, um einen guten Platz zum Fotografieren zu finden.

Von da aus fuhren wir mit nur kurzen Zwischenstopps eine längere Strecke mit dem Auto.

"Was findest du an den Bildern interessant?"

"Die Mischung aus Melancholie, Trauer und gleichzeitig das Grün, das alles überwächst, es wirkt irgendwie beruhigend. Diese Dinge und Orte haben ihre Ruhe gefunden. Niemand erwartet mehr etwas von ihnen. Das sind Dinge, an die niemand mehr einen Anspruch stellt."

Unser nächster längerer Haltepunkt war die ehemalige Eisenbahnbrücke bei Rickiburu, Bahnkilometer 33 von Rumoi aus gerechnet. Wieder mussten wir etwas von der Straße aus ins Gebüsch, um passende Orte zum Fotografieren zu finden.

Schwere Betonpfeiler trugen Betonplatten, die im Nichts endeten. Unter ihnen metallene verrostende Arbeitsplattformen zur Wartung der Brücke. Kazuya suchte aus einem Stapel, ein Blatt Papier hervor und reichte es mir. Ich las ganz automatisch:

"Nie wieder wird ein Zug hier fahren

Gleise ins Nichts,
nirgendwohin führt die
Trasse von hier."

Er blickte mich an.

"Glaubst du das passt?"

"Ja."

Eine Weile verbrachte er noch mit dem Fotografieren. Dann ging es weiter, unsere nächste Station war Hanaoka, Bahnkilometer 11,9.

"Wo ist die Bahnstation? Das hier ist doch nur ein Feldweg."

"Die alten Bretter dort sind Überreste der Bahnstation."

Am Rand des Feldweges, auf dem wir standen, lagen einige zerfallende Holzbalken und Bretter halb überwuchert im Gras. Kazuya drückte mir erneut ein Blatt mit einem seiner Haiku in die Hand.

"Früher fuhren hier die Schulkinder ab

Alles was blieb,
nur ein Haufen Bretter
im nassen Gras."

"Kannst du ihn dir zusammen mit Bildern von hier vorstellen?"

Ich nickte, langsam bekam ich eine Vorstellung von der Haiku-Manga-Serie, an der Kazuya arbeitete. Unser nächster Halt war Obira, Bahnkilometer 8,7. Von der Bahnlinie war nichts mehr zu sehen, statt dessen eine Reihenhaussiedlung, und dazwischen eine Parkanlage mit kurzgemähtem, fast englischem Rasen. Kazuya zog die Schultern zusammen.

"Ich finde das schrecklicher, fürchterlicher, als die zerfallenden Bauten."

"Es wirkt etwas tot, nichtsdestotrotz wohnen die Menschen hier vielleicht gerne."

"Würdest du hier wohnen wollen?"

"Nein."

"Und das Denkmal, das sie der Bahnstation gesetzt haben, wirkt wie ein Grabstein."

Das Denkmal befand sich am Rand der Parkanlage. Es bestand aus einem schwarzen, polierten, mamorartigen Stein in Form und Größe eines großen quergestellten Grabsteins, der auf zwei helleren Steinen stand, die an Eisenbahnräder erinnerten. Ich stimmte Kazuya zu.

"Ja, es könnte allerdings auch ein Sarg sein."

"Der stünde dann aber auf der Seite."

"Dann müssen sie aufpassen, dass die Leiche nicht herausfällt."

Wir verließen Obira recht schnell wieder. Kazuya drehte sich während der Fahrt kurz zu mir.

"Unsere nächste Station ist die letzte für heute, Santomari, Bahnkilometer 2,7."

Das Gelände der Bahnstation war nun ein Parkplatz mit Bushaltestelle. Das kleine Häuschen der Bahnstation diente jetzt als Wartehäuschen für die Haltestelle. Unter der abblätternden Farbe wurden die Betonplatten sichtbar. Grün wuchs zwischen ihren Ritzen hervor. Wir setzten uns auf die kleine Trittstufe am Eingang und aßen unsere Brote. Kazuya fotografierte wieder alles. Dies war für heute der Endpunkt unserer Fahrt.

Auf der Rückfahrt zog sich der Himmel langsam mit Wolken zu. Mir fielen nun immer mehr Überreste von Häusern und anderen Bauten ins Auge.

"Gab es hier früher viel Industrie?"

"Hier wurde Kohle und Erz gefördert und die Heringsfischerei war früher auch bedeutend.

Beton und Stahl
einst Boten neuer Zeit
vergangen nun.

Heute ist Rumoi ein Zentrum der Milchviehwirtschaft."

Als wir die Akademie wieder erreichten, schien Kazuya-Kun (24) auf einmal wieder genauso unsicher zu sein wie zu Beginn unserer Fahrt. Er sah an mir vorbei.

"Ich fahre gleich weiter nach Hause, um die Fotos der Bahnstationen einzusortieren."

Kaum war ich ausgestiegen, fuhr er weiter. Ich ging, nachdem ich mich kurz frischgemacht hatte, noch einmal raus, um die Luft zu genießen. Der Himmel war fast dunkelgrau, doch ich machte mir deshalb keine Sorgen, da ich mich nicht weit entfernen wollte. Trotzdem überraschte mich das Gewitter. Der Baum unter den ich flüchtete, erwies sich als ein nur unzureichender Schutz vor dem Sturzregen. Nach kurzer Zeit spürte ich die Feuchtigkeit bereits auf der Haut. In der Ferne zuckten Blitze, das Donnergrollen ließ auf sich warten. Wieder trat mir das Bild von Aiko vor Augen. Was hatte sie mit ihrem Verhalten bezweckt, interpretierte ich zuviel hinein? Meine Gedanken liefen im Kreis. Auf einmal berührte mich eine Hand.
Aiko stand hinter mir, unwillkürlich zuckte ich zurück. Ihre Nähe löste bei mir gleichzeitig Erwartung und Angst aus, ich kam mir vor wie ein Kaninchen, das gebannt auf ein unbekanntes Tier starrt, nicht wissend, ob es gleich gefressen oder gestreichelt wird.

Aiko trat einen Schritt zurück.

"Komme ich dir zu nahe?"

"Nein."

"Dann komm mit unter den Schirm." Sie hielt ihren Regenschirm, sodass wir beide darunter Platz fanden. Ich spürte die Wärme ihres Körpers, wieder drohte das Kaninchen die Oberhand zu gewinnen, doch ich riss mich zusammen. Aiko bemerkte mein Zögern. "Ich wollte nicht, dass du dich unwohl fühlst, konnte mich gestern Nacht aber trotzdem nicht beherrschen. Du wirktest so herausfordernd unsicher."

"Dass ich hingefallen bin, war meine eigene Schuld." Ich wollte auf keinen Fall weiter über den gestrigen Abend reden. "Was machst du hier?"

"Die Schule hat ein Gemeinschaftsbad mit Becken für mehrere Personen, fast eine Art Sentō (25). Hana und Kita haben mehrere Stunden gebraucht, um es aufzufüllen und sind dabei, das Wasser zu erhitzen. Sie warten zusammen mit Aki und Fumiko Furuhashi auf uns. Sechs Personen können das Bad ohne Probleme gleichzeitig benutzen. Ich habe verspro-chen, dich mitzubringen. Wir sollten uns beeilen."

Kita? Ich dachte kurz nach, Kita Nishizawa, ich sprach sie immer nur mit ihrem Nachnamen an, so dass mir ihr Vorname ungewohnt war. Erst dann wurde mir klar, dass dies bedeutete, dass wir alle nackt sein würden.
"Ich weiß nicht, ich will euch nicht zur Last fallen."

"Keine Angst, warst du noch nie in einem japanischen Bad?"

"Das ist lange her."

Ich war damals noch ein Kind gewesen. Ich mochte es nicht, nackt gesehen zu werden, doch Aiko zog mich einfach mit sich. Auf dem Weg in Richtung Schule hatten sich zwischen den Bäumen große Pfützen gebildet. Aiko fing einige Regentropfen mit der Hand auf, dann blies sie sie in die Luft.

"Wasserpfützen
spiegeln die Trauer in
deinen Augen.

Du wirkst manchmal so traurig und allein, dass ich mich herausgefordert fühle, irgendetwas zu tun. Ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel?"

Ich schüttelte den Kopf.

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Kapitel 12



Trotz des Gewitters blieb der Himmel bedeckt und die Luft lag schwer auf der Haut. Der Abend ging über in eine sternlose schwarze Nacht.

Das Bad war Teil des Anbaus, in dem sich auch unsere Schlafräume befanden. Ich hatte es nur bislang übersehen, weil es ganz am Ende zum Wald hin lag. Als Aiko und ich ankamen, waren die anderen schon da.

"Hallo."

"Hallo."

Der Vorraum war denkbar klein und eng, die anderen schien das beim Ausziehen aber nicht zu stören. Danach wuschen sich alle noch im Bad selber auf kleinen Hockern mit Wasser, das in Eimern bereit stand, bevor sie ins eigentliche Becken des Wannen-bades stiegen.
Zum Glück war das Becken so groß, dass ich Abstand halten konnte. Aiko saß am anderen Ende und hatte die Augen geschlossen. Sie sah selbst im Bad gut aus. Furuhashi-Sensei bemerkte meinen Blick.

"Das ist gut, du solltest die Möglichkeit nutzen und die nackten Körper für deine Zeichenpraxis studieren."

Einen Augenblick hatte ich den Eindruck als wären mit einem Mal alle Blicke auf mich gerichtet. Ich versuchte, meinen Körper im Wasser unsichtbar werden zu lassen. Zum Glück ließ die Aufmerksamkeit schnell nach.
Unweit von mir unterhielt sich Furuhashi-Sensei nun mit Nishizawa und an der rechten Seite saßen Aki und Hana. Hana ließ sich von Aki den Nacken massieren. Aufgrund der Bemerkung unserer Lehrerin wanderte mein Blick ganz automatisch die Körperkonturen entlang. Die körperliche Nähe der beiden zueinander irritierte mich kurz. Ich musste meine Fantasien besser im Zaum halten, unsere Lehrerin hatte eindeutig einen negativen Einfluss auf mich. Aki und Hana waren einander zugewandt und alles andere ging mich nichts an. Ich dachte an die Unterhaltung zurück, die ich mit Aki im Bus auf dem Weg zum Fischladen geführt hatte.

"Du bist mit Hana befreundet?"

"Unsere Familien kennen sich schon sehr lange. Wir haben uns deshalb schon als Kinder oft gesehen, obwohl wir damals noch nicht befreundet waren. Das kam erst später. Ich bewundere sie für ihre Konse-quenz. Sie ist viel klarer in ihren Haiku. Dabei lehnen wir beide die Inkonsequenz ab, mit der unsere Eltern mit Japans Geschichte umgehen. Sie ist inzwischen meine beste Freundin und ich ihre."

"Manchmal wünsche ich mir auch eine Person, der ich so vertrauen kann."

"Wir hatten einfach Glück, es war ein Zufall, dass Hana und ich uns nahe gekommen sind. Als Kinder wussten wir nicht viel miteinander anzufangen. In gewissem Sinne verdanken wir das einer bayrischen Blaskapelle."

"Mmh?"

"Vor einigen Jahren waren wir zusammen mit unseren Familien auf dem Fest am Gokoku-Schrein in Asahikawa (26). Wir konnten beide die Teilnahme aus familiären Gründen nicht verweigern. Dabei ist der Gokoku-Schrein eng verbunden mit dem Yasukuni-Schrein in Tokio und wie dort wird vom Gokoku-Schrein teilweise ein Geschichtsbild vertreten, das die japanischen Kriegsverbrechen und den japanischen Kolonialismus verharmlost (27). Kriegsverbrecher werden hier wie dort zusammen mit anderen Opfern des Krieges geehrt. Der einzige Unterschied ist, dass es bei den Gokoku-Schreinen in Hokkaido nicht um die Führungsspitze des Militärs geht.
An dem Tag spielte dort die Bernhaldswalder Blaskapelle aus Bayern den Marsch 'Alte Kameraden' (28). Hana hatte sich vorher darüber informiert und ist in dem Moment explodiert. Im Text zum Marsch gibt es Zeilen wie 'Ruhm und Ehr soll bringen uns der Sieg' und 'Sind wir alt, das Herz bleibt jung, Schwelgen in Erinnerung.' (29) Aus irgendeinem Grund hat sich für sie alles, was sich in ihr aufgestaut hatte, in diesen Zeilen widergespiegelt, die ganze Verlogenheit im Umgang mit Vergewaltigung, Massenmord und Grausamkeit durch das japanische Militär im Zweiten Weltkrieg. Im darauffolgenden Streit war ich die einzige, die sich mit ihr solidarisiert hat, die meisten aus der Familie wollten nicht das schöne Fest stören. Alleine hätte ich nie den Mut aufgebracht, zu protestieren. Das war der Anfang unserer Freundschaft."

Dann hatte der Bus sein Ziel erreicht.

Es war Aiko, die den Fluss meiner Erinnerungen unterbrach und mich aus meinen Gedanken riss.

"Bleib nicht zu lange im heißen Bad."

Sie war auf einmal direkt neben mir und stieg aus dem Becken. Vor Schreck schluckte ich Badewasser und musste husten. Aiko beugte sich besorgt zu mir herüber.

"Geht es?"

"Ja, alles in Ordnung."

"Ich wollte noch was ausarbeiten." Sie seufzte. "Obwohl ich auch noch gut eine Weile hier bleiben könnte. Aber dann würde ich mich hinterher ärgern. Außerdem will ich dich nicht weiter irritieren."

Die anderen waren auch schon dabei das Becken zu verlassen, Nishizawa drehte sich zu mir um.

"Außer Aiko setzen wir uns alle noch etwas draußen auf die Veranda, kommst du auch?"
Ich nickte.

Auf der Veranda war es fast dunkel, nur ein Windlicht flackerte im Luftzug. Ich setzte mich auf den nächstgelegenen freien Platz. An zwei Seiten schützten uns Wände vor dem Wind. Aki und Hana saßen nebeneinander auf der Eckbank, Furuhashi-Sensei trank Sake aus einer kleinen Schale. Auf dem Tisch standen verschiedene Getränke. Nishizawa begrüßte mich.

"Du kannst dir was nehmen. Wir haben gerade entschieden, Geistergeschichten zu erzählen. Wenn möglich mit einbezogenen Haiku. Ich fange an."

Von Nishizawa, die sich ganz in einen schwarzen Kapuzenpullover gehüllt hatte, war, obwohl sie fast neben mir saß, im Licht der Nacht nur ihr Gesicht zu sehen. Dann begann sie mit fast tonloser Stimme zu sprechen.

"Zwielicht

Die Nacht verschlingt
den Tag und Traum wird nun
zu Wirklichkeit.

Nebel trübt den
Blick und Geister tanzen
auf der Lichtung.

Bis Schatten nach
dir greifen und dich ins
Dunkel ziehen."

Sie setzte sich auf und schaute in die Nacht.

"Die Geschichte handelt von einer jungen Frau, etwa in unserem Alter, nennen wir sie Kyoko. Kyoko lebte allein in einer kleinen Wohnung ein normales Leben. Nichts war besonders. Doch eines Abends als sie nach Hause ging, merkte sie, dass ihr ein Schatten folgte. Zuerst achtete sie nicht weiter darauf, Schatten gab es viele in vielen Schattierungen, meistens wich sie ihnen einfach aus. Und vielleicht bildete sie sich dies auch nur ein.
Einige Tage darauf sah sie den Schatten aber direkt vor ihrer Wohnung, nur aus den Augenwinkeln, doch sie war sich sicher, dies war derselbe Schatten. Hastig öffnete sie die Tür und schloss sie mehrfach hinter sich ab. Dies wurde ihr von da an zur Routine: Sobald sie zu Hause ankam, sperrte sie blitzschnell nur kurz die Tür auf und schloss sie sofort hinter sich wieder, die Tür mehrfach abschließend. Sie achtete auch darauf, alle Fenster geschlossen zu halten.
Gleichwohl, am fünften Tag war der Schatten auf einmal bei ihr im Zimmer. Ihr wurde mit einem Mal das Atmen schwer, als würde sie etwas würgen. Sie hatte ihn nicht sofort bemerkt, doch es bestand kein Zweifel, sie sprang auf und schrie: 'Was willst du?' Der Schatten war diesmal deutlich zu sehen und wich nicht aus. In ihrem Kopf ertönte eine fast zärtliche Stimme:

'Das weißt du doch,
aus Furcht geboren kriecht
die Angst hervor.

Der Schatten, das
Grauen, das dir folgt, ist,
dein Abbild nur.

Unentrinnbar
folgt es dir, bis Würmer
dich verspeisen.'"

Nachdem sie geendet hatte schwieg Nishizawa, und auch die anderen sprachen eine Weile nicht. Dann nahm sich Nishizawa noch eine Dose mit grünem Tee.

"Will noch jemand etwas zu Trinken? "

Ich nahm mir eine Dose mit Fruchtschorle. Die Dunkelheit schien langsam auf die Veranda zu kriechen, Nishizawa blickte sich um.

"Wer erzählt als nächstes?"

Aki räusperte sich.

"Ich, ich kann weiter machen."

Ihre Stimme klang wie immer ruhig.

"Meinen Nacken
berührt eine kalte
Hand - bist du das?

Der Ausgangspunkt meiner Erzählung ist ein Abend, wie ihn sicher jede schon erlebt hat, ihr sicher auch, Alltag. Auch in diesem Fall geht es um eine junge Frau, nur wenig älter als wir. Die Frau saß an diesem Abend an ihrem Schreibtisch am Computerbildschirm und arbeitete, vergaß die Zeit. Sie war an diesem Tag allein in der Wohnung.
Irgendwann, sie hatte gerade bemerkt, dass es bereits dunkel wurde und wollte das Licht anschalten, da es ungesund ist, im Dunkeln am Bildschirm zu arbeiten, spürte sie auf einmal eine kühle Hand in ihrem Nacken. Die Haare auf ihrem Arm hatten sich aufgestellt. Ohne sich umzudrehen, wusste sie sofort, wessen Hand dies war. Sie grüßte ihre liebste Freundin - Haruka.

'Hallo Haru-Chan (30), das ist eine Überraschung. Wie kommt es, dass du hier bist?'

'Ich wollte dich sehen, ich vermisse dich.'

'Ich vermisse dich auch.'

'Du erkennst mich an meiner Hand?'

'Ja, wie sollte ich das Gefühl deiner Hand auf meiner Haut vergessen?'

Sie drehte sich nicht um, nur die kühle Hand ließ sie die Anwesenheit ihrer liebsten Freundin spüren. Eine Weile sprachen sie so miteinander, über nichts Besonderes, halt über dies und das. Nach einer Zeit, die obgleich nicht kurz, ihr doch viel zu kurz erschien, spürte sie, wie die Hand sich entfernte. Draußen sank nun die Nacht herab.

'Ich muss jetzt gehen.'

'Ja, das musst du wohl.'

Sie brauchte einen Augenblick, bis sie begriff, dass sie wieder allein im Zimmer war. Sie blieb einfach am Schreibtisch sitzen und betrachtete das Bild ihrer verstorbenen liebsten Freundin - Haruka, das links neben dem Bildschirm stand, bis ihr die Tränen kamen und in Bächen ihre Wangen herabliefen. Ihr Schluchzen wollte nicht enden."

Hana hatte während der Erzählung die Beine angezogen, sich an Aki angelehnt und die Augen geschlossen. Nun wandte sie sich ihr leise zu.

"Die Geschichte ist traurig."

Sie umarmte Aki.

Auch Nishizawa hatte die Geschichte scheinbar in ihren Bann gezogen, und sie sah auch nach deren Ende noch leicht abwesend in die Nacht. Nur Fumiko Furuhashi durchbrach den Bann.

"Was ist mit dir, Yukiko, hast du auch eine Geschichte für uns?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Nein, mir ist nichts eingefallen. Nur die üblichen urbanen Legenden (31) und Hanako-San (32) kann ich mir hier nicht einmal vorstellen."

"Das stimmt, Hanako-San, der mädchenhafte Geist der Schultoiletten, passt nicht wirklich zu einem Plumpsklo."

In Wirklichkeit war ich in meinen Gedanken noch zu sehr mit Aiko beschäftigt gewesen, als dass mir eine Erzählung eingefallen wäre, allein dies konnte ich unmöglich sagen. Nishizawa grinste, als sie die Bemerkung zum Plumpsklo hörte.

"Apropos, du solltest die Taschenlampenfunktion an deinem Smartphone reparieren lassen. Du musst ja heute Nacht vielleicht nochmal auf das Klo."

Ich würdigte sie keiner Antwort und gab mich bewusst gelassen. Statt mir fand sich Hana bereit, eine Geschichte zu erzählen. Sie lehnte mit dem Rücken weiter an Aki und auch sie war im Dunkeln kaum zu erkennen, nur ihre Stimme durchdrang die Nacht.

"Eine Freundin berichtete mir das Folgende, es soll zwei Schulmädchen der Mittelstufe passiert sein. Die beiden Mädchen, die an der Hauptstraße zwischen Asahikawa und Abashiri wohnten, mussten jeden Morgen auf dieser Straße mit dem Bus zur lokalen Mittelschule fahren und nachmittags wieder zurück.
Eines Tages, sie hatten nach der Schule noch ein Eis gegessen, verpassten sie ihren Bus, und da der nächste erst in zwei Stunden fahren würde, entschieden sie sich, zu Fuß nach Hause zu gehen. Sie mussten dafür fast immer entlang der Hauptstraße laufen und hatten sich ausgerechnet, dass sie, wenn sie zügig gingen, eine gute Stunde für den Weg brauchen würden. Um nicht durch die Autos gefährdet zu werden, gingen sie am Straßenrand durch das Gras. Nachdem sie bereits eine längere Strecke zurückgelegt hatten, machten sie eine kurze Pause.
Dem einen Mädchen, das Sayuri hieß, fiel dabei ein kleiner Hügel ein wenig abseits der Straße auf. An einer Stelle ragte Metall aus diesem Hügel. Neugierig stocherte sie mit einem Stock und legte das Metall frei. Es war eine uralte, verrostete Schelle mit Gelenk, ungefähr so groß wie ein stabiler Armreif, befestigt an einer Kette, die größtenteils im Erdreich verborgen war, groß und breit genug, um einen Arm oder gar ein Bein zu umfassen. Sie wusste hinterher nicht mehr weshalb, aber sie beugte sich herab und berührte das Metall. Doch kaum hatte sie dies getan, als sich die Schelle um ihren Arm schloss. Wie sehr sie auch zehrte und was immer sie auch versuchte, sie kam nicht frei und es war ihr auch nicht möglich, die Kette, welche in der Erde verschwand, herauszuziehen. Sie war gefangen.
Zum Glück war ihre Freundin nicht weit, doch auch ihr gelang es nicht, Sayuri zu befreien.

Langsam näherte sich der Abend und mit ihm die Nacht. Sayuri spürte, wie ihr die Tränen kamen. Und dann stiegen auf einmal seltsame Bilder in ihr auf, von zusammengeketteten Menschen, die hungernd mit Spitzhacken und Schaufeln arbeiten mussten, bis sie umfielen. Es war als würde das Metall mit ihr sprechen, also versuchte sie es mit Bitten. Doch auch ihr Bitten und ihre Tränen halfen nicht, sie kam nicht frei.
Das andere Mädchen mit Namen Miki hatte sich währenddessen unweit von ihr ins Gras gesetzt und nachgedacht.

'Ich habe einmal etwas über diese Straße gelesen: Sie wurde ursprünglich Ende des 19. Jahrhunderts von Strafgefangenen gebaut. Viele starben dabei und wurden am Straßenrand zusammen mit ihren Ketten verscharrt. Nach einiger Zeit blieben nur die Ketten übrig. Vielleicht ist dies eine solche Kette und sie hat sich nach all den Jahren in ein Tsukumogami (33) verwandelt, einen Gegenstand, der aufgrund seines Alters und seiner Geschichte ein eigenständiges Bewusstsein entwickelt hat.'

'Aber was soll ich tun? Was will die Kette von mir?'

Sayuri war der Verzweiflung nahe, es wurde immer dunkler. Sie hatte Angst, doch ihre Freundin blieb zumindest oberflächlich ruhig.

'Niemand hat der Toten gedacht. Sie wurden einfach verscharrt. Lass uns eine einfache Grabstätte improvisieren.'

Zusammen taten die beiden ihr Bestes, um einen kleinen Grabhügel zu errichten. Es war nicht einfach, da Sayuri ja angekettet war, und die aufkommende Dunkelheit machte es nicht leichter, doch schließlich waren sie mit ihrem Ergebnis zufrieden.
Aber die Kette hielt Sayuri weiterhin unerbittlich fest. Miki schlug vor, zu versprechen, dass sie wiederkommen würden. Und endlich löste sich die Metallschelle, so überraschend, wie sie sich geschlossen hatte.

Die Mädchen hielten wenige Tage später ihr Versprechen und brachten eine kleine Jizo-Statue mit, die sie an dem Ort aufstellten."

Hana trank kurz einen kleinen Schluck, bevor ihre Stimme wieder erklang.

"kusarizuka (Kettenhügel)

Ihre Ketten,
die Leichen verscharrt, sind
alles was blieb.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden in Hokkaido zusammengekettete Strafgefangene eingesetzt, um die Straße zu bauen, die heute Asahikawa und Abashiri verbindet. Aus militärischen Gründen wurde das Projekt unter hohem Zeitdruck umgesetzt, von den ca. 1.000 eingesetzten Strafgefangenen starben mehr als 200 aufgrund von Krankheiten, Hunger und Überarbeitung. Sie wurden am Straßenrand zusam-men mit ihren Ketten verscharrt. In den Siedlungen nahe der Straße werden diese Hügel deshalb kusarizuka (Kettenhügel) genannt (34).
Neben dem Einsatz von Takobeya-Arbeitern und später Zwangsarbeitern, die vor vor allem aus Korea stammten, sowie Kriegsgefangenen war der Einsatz von Strafgefangenen ein weiteres Glied beim Ausbau der Infrastruktur in Hokkaido.
Auf Hokkaido wurden viele Herrschaftstechniken entwickelt, erprobt und ausgefeilt, die später in Taiwan, Korea und der Mandschurei und weiteren der vor dem und im Zweiten Weltkrieg besetzten Staaten zur Anwendung kamen. In einem Teil der modernen kritischen Analysen gilt Hokkaido deshalb als erste Kolonie Japans, und die im 19. Jahrhundert beginnende Kolonisierung Hokkaidos wird damit zum Startpunkt des japanischen Imperialismus.
Aus japanischer Sicht wird häufig argumentiert, dass Japan nur für sich in Anspruch genommen hat, was für die westlichen Mächte eine Selbstverständlichkeit war und dass Japan dadurch als Vorbild wesentlich zur späteren Befreiung der Völker Asiens vom Kolonialismus beigetragen hätte. Und sicher, der Frühkapitalismus in Europa, zum Beispiel die Situation der Weber und Weberinnen in Deutschland, oder der europäische Kolonialismus, zum Beispiel die zeitgleiche deutsche Kolonialpolitik in Afrika, waren in keiner Weise weniger brutal. Die Menschen wurden zu Tode geschunden. Aber das andere Nationen die gleichen oder gar schlimmere Verbrechen begangen haben, macht die Verbrechen Japans nicht besser, finde ich."

Wieder verging eine Weile in der alle ihren Gedanken nachhingen, bis diesmal Nishizawa die Stille unterbrach.

"Du solltest deine Haiku zusammen mit den Erklärungen publizieren."

Hana nickte.

"Ja, daran habe ich auch schon gedacht."

Dann sah sie sich zur Lehrerin um.

"Haben Sie auch eine Geschichte für uns?"

Furuhashi-Sensei blickte in Richtung Wald, die Bäume ließen sich im Dunkel nur erahnen, kaum, dass ihre Umrisse zu sehen waren.

"Wenn ihr hier tiefer in den Wald hineingeht, seht ihr manchmal große Löcher, die in die Tiefe führen, davor ist der Boden häufig seltsam feucht. Dazu gibt es einen lokalen Mythos.
Vor eineinhalb Jahren verschwand eine Gruppe von drei Schulmädchen aus dem ersten Jahrgang der Oberstufe des regionalen Schulzentrums, sie waren im Wald, um Wildkräuter zu pflücken. Trotz intensiver Suche wurden sie nicht gefunden.
Zuerst wurde der Verdacht geäußert, dass ein Bär sie getötet und verschleppt haben könnte. Nur wurden nirgends entsprechende Spuren entdeckt. Und dann, nach zweieinhalb Wochen, tauchte eines der Mädchen, ihr Name war Kohana, wieder auf.
Nach ihrem Bericht waren die Mädchen tief in den Wald hineingegangen. In der Nähe eines der besagten Löcher fanden sie eine große Zahl von Kräutern. Da die Sicht teilweise durch Zweige verdeckt wurde verloren sie sich, obwohl sie dicht beieinander waren, aus den Augen. Es war bereits Abend und Kohana wollte gerade die anderen fragen, ob es nicht besser wäre aufzubrechen, als sie einen Schrei hörte. Ohne zu überlegen, lief sie sofort dorthin.
Der Anblick, der sich ihr bot, war schwer zu fassen. Aus dem Loch in der Erde war eine riesige Nacktschnecke, über einen Meter im Durchmesser, hervorgekrochen und halb unter ihr lag eines der beiden anderen Mädchen. Die Schnecke musste sie überrascht haben. Das Unbegreifliche war aber, dass das Mädchen, welches schon völlig von Schleim bedeckt war, gar nicht versuchte zu fliehen, vielmehr wirkte es eher so, als würde sie sich geradezu im Schleim baden, als wäre sie der Nacktschnecke verfallen.
Kohana hatte Angst, trotzdem sie zögerte nur kurz, dann lief sie zu ihrer Freundin und versuchte, sie gegen ihren Widerstand wegzuziehen. Dabei war es unvermeidlich, dass sie selbst den Schleim berührte. Zu spät begriff sie, was das bedeutete. Der Schleim enthielt Substanzen, welche die Mädchen zu willenlosen Sklavinnen der Nacktschnecke machten. Sie versuchte noch, dagegen anzukämpfen, indes, es war vergebens. Bald wälzte auch sie sich im Schleim und war nur noch ein devoter der Nacktschnecke untergebener Körper.
Als das dritte Mädchen dazukam, versuchte Kohana noch, es zu warnen. Das Mädchen, das eine Art Führungsposition in der Gruppe einnahm, ignorierte dies aber und wurde noch schneller zum Opfer.
Irgendwann, es mussten wohl gut zwei Wochen vergangen sein, verlor die Nacktschnecke aus irgendeinem Grund das Interesse an Kohana. Zuerst versuchte sie in ihrer Abhängigkeit, die Nacktschnecke wiederzufinden. Aber sie fand weder die Nacktschnecke, noch die anderen Mädchen. Verzweifelt suchte sie weiter, ernährte sich von Beeren und Kräutern und trank das Wasser aus Pfützen, bis ein älterer Mann, der Pilze sammelte, sie zufällig fand und mit sanften Zwang aus dem Wald herausbrachte.
Niemand schenkte dem Bericht des Mädchens Glauben. Die Psychologen sahen darin nur eine metaphorisch gefasste, sexualisierte Angstfantasie, die an Stelle des wirklichen Geschehens getreten war, und über die zwei Wochen, die sie mit der Nacktschnecke verbracht hatte, verweigerte sie zudem jede Auskunft. Sie wurde in eine Klinik eingeliefert. Der Fall wurde nach weiteren sechs Monaten abgeschlossen, nachdem von den beiden anderen Mädchen keine Spuren gefunden worden waren.
Nur der Freund eines der verschwundenen Mädchen wollte nicht aufgeben. Er durchstreifte den Wald immer tiefer, überall dort, wo er auffallende Löcher fand, suchte er genauer, und eines Abends, er hatte sich selbst verirrt, fand er ein Loch mit feuchter Spur davor. Von den Mädchen war indes auch hier nichts zu sehen, und das Loch schien nach wenigen Metern zu enden. Die Mädchen blieben zusammen mit der Nacktschnecke verschwunden. Langsam begann auch er zu glauben, dass Kohana den Verstand verloren haben musste.
Doch dann fand er einen Zettel in der Handschrift seiner Freundin, die er unzweifelhaft erkannte, er lag auf der Erde im Schmutz vor dem Loch, drei kurze Zeilen:

Dienerinnen
der Nacktschnecken, trinken
wir ihren Schleim."

Nachdem sie ihre Erzählung beendet hatte, blickte unsere Lehrerin in die Runde. Ich hatte den Eindruck, dass sie irgendeine Reaktion erwartete, die nicht eintrat. Nishizawa hatte dies scheinbar auch bemerkt, sie lehnte sich leicht vor.

"Die Nacktschnecke als Phallussymbol finde ich, verglichen mit dem realen Phallus des Mannes, ganz treffend, Nacktschnecken sind ähnlich schleimig."

Dies war offensichtlich nicht das, was Fumiko Furuhashi hatte hören wollen, sie schwieg und sah zu uns herüber. Aki blickte Nishizawa überrascht an.

"Ich finde Schnecken schnuffelig."

Mir war bei der Erzählung eine Frage in den Sinn gekommen, die mir schon länger im Kopf herumging.

"Wieso wird Sexualität in der Manga-Subkultur der Doujinshi in so vielen Fällen mit Gewalt verknüpft?"

Furuhashi-Sensei streckte sich, auf diese Frage schien sie gewartet zu haben, sie wandte sich mir zu.

"Die Europäer werden immer prüder. In Japan hat das eine andere Bedeutung."

"Mit Prüderie hat das nichts zu tun. Ich habe nichts gegen die Darstellung von Sexualität, aber in Doujinshi wird Sexualität in extremer Weise mit Gewaltfantasien und Frauenverachtung verknüpft. Frauenhass, der sich teilweise auch auf kindlich gezeichnete Charaktere richtet."

"Dann bist du für Zensur?"

"Nein, dass ich etwas falsch finde, ist kein Grund es zu verbieten. Und wozu Zensur führt, zeigt der absurde Balken, der nachträglich in US-amerikanischen Doujinshi-Manga-Publikationen bei sexuellen Darstellungen über Vulva und Penisspitze gelegt wird, als würde das etwas an der Verharmlosung von Gewalt ändern. Außerdem sind Realität und Fiktion zu unterscheiden, Menschen, die Zombiefilme ansehen, essen ja auch in der Regel keine anderen Menschen. Trotzdem finde ich es wichtig, die frauenverachtenden Inhalte zu kritisieren."

Die Frage der Zensur schien auch Aki zu beschäftigen und sie gab mir in diesem Punkt recht:

"Das stimmt, die Zensur führt nur zu Balken, ohne eine Kritik der realen Probleme zu formulieren."

"Das Tabu produziert den pornographischen Blick meiner Meinung nach sogar wesentlich. Das siehst du zum Beispiel in der realen Welt an der Bericht-erstattung über Busenblitzer bei Promis. Ich denke dann immer 'ja und'?
Und ich glaube auch, dass wir insgesamt andere Bilder von Sexualität und nackten Körpern brauchen. Aus meiner Sicht befördern Zensur und Tabu eher die Gewalt, da sie jeden Blick auf Nacktheit und Sexualität in eine Ecke des Unsagbaren oder des Schmutzes stellen."

Wieder stimmte Aki mir zu und nickte.

"Die Gewalt ist allerdings nicht nur ein Problem der Doujinshi, die für ein männliches Publikum produziert werden, auch in Yaoi-Manga, also Liebesgeschichten zwischen jungen Männern, die gezielt auf ein weibliches Käuferinnenpublikum zugeschnitten sind, finden sich zum Teil ähnliche sexuelle Gewaltexzesse. Nur ist dieses Marktsegment wesentlich kleiner."

"Was ist überhaupt für Frauen an Yaoi-Manga, also Liebesgeschichten zwischen Männern, und für Männer an Yuri-Manga, also Liebesgeschichten zwischen Frauen, interessant?"

Statt Aki antwortete mir Hana.

"Eine Theorie ist, dass es Frauen in Gesellschaften, in denen die Geschlechterrollen nach wie vor stark ausgeprägt sind, schwer fällt, sich als Frau in der aktiven Rolle in Beziehungen zu imaginieren.
Für heterosexuelle Frauen bieten Yaoi-Manga eine Möglichkeit, durch die Identifikation mit dem aktiven männlichen Part in einer Liebesbeziehung zwischen Männern, in der Fantasie eine aktive sexuell konnotierte Rolle gegenüber einem passiven Mann anzunehmen. Yaoi-Manga sind fast alle klar entlang aktiver und passiver Rollen strukturiert.
Das gleiche gilt für Yuri-Manga und ihre Rezeption durch Männer, nur umgekehrt. Heterosexuelle Männer können für sich hier durch Identifikation mit einer der Frauenfiguren eine vom männlichen Rollenbild aggressiver Sexualität abweichende Sexualität gegenüber einer Frau imaginieren.
Aus dieser Sicht stellen Yaoi- und Yuri-Manga die bestehenden Geschlechterverhältnisse in Frage. Sie bieten für Frauen und Männer, deren Begehren von der Rollenerwartung abweicht, einen Möglichkeitsraum, dieses Begehren zumindest in der Fantasie zu leben. In der Regel sind Yaoi- und Yuri-Manga ja auch kaum sexuell explizit und Gewalt ist selten und negativ konnotiert, klassisch sind romantische Geschichten."

"Es gibt aber auch in diesen Bereichen Manga mit extrem gewaltsamen Darstellungen von Sexualität."

"Zum Teil zielen die auf andere Leser und Leserinnen ab, viele Menschen sind aber auch in sich selbst sehr widersprüchlich."

"Was glaubst du, warum rezipieren Leser, es sind ja überwiegend Männer, überhaupt diese Formen sexueller Gewaltdarstellungen?"

"Dazu gibt es auch eine Theorie: Jungen werden bis heute in männlichen Peergroups Gleichaltriger und etwas älterer Jungen sozialisiert, die ihre Hierarchien stark durch sexualisierte Gewaltpraxen oder deren körperlich Andeutung reproduzieren. Schau dir das konkrete Körperverhalten von männlichen Kindern untereinander im Kindergarten oder in der Schule an, zum Beispiel das Zubodenwerfen schwächerer Jungen, dass sich auf sie Legen, das Umfassen schwächer Jungen von hinten, die klaren Hierarchien, nach denen stärkere Jungen die Körpergrenzen schwächerer Jungen bewusst missachten. Und vieles hat eine sexuelle Konnotation. Klar wird das sofort, wenn du siehst, wie dasselbe Verhalten von Jungen gegenüber Mädchen sanktioniert wird. Den schwächeren Jungen wird aber häufig jeder Schutz verweigert. Das wird als Rough und Tumble Play für Jungen als normal betrachtet.
Bei den Lesern von Doujinshi mit Frauenhass und Gewaltpornografie handelt es sich, betrachtet man die Foren, überwiegend um Männer mit niedriger Stellung in der männlichen Hierarchie. Ich glaube, sie versuchen durch diese Gewaltfantasien ihre in Frage stehende Männlichkeit zu stabilisieren. Und dass Männer, die als Jungen gelernt haben, das sexuelle Symbolik zutiefst mit Gewalt und hierarchischen Zuweisungen verknüpft ist, Sexualität derartig gewaltsam fantasieren, finde ich nicht erstaunlich."

"Das nimmt mir die Leser und Leserinnen und erst recht die Zeichner und Zeichnerinnen zu sehr aus der Verantwortung."

"Das war nicht mein Ziel. Sie könnten ja auch selbst darüber nachdenken und die Gewalt nicht repro-duzieren. Und du hast Recht, der Frauenhass und sexuelle Gewaltfantasien sind so extrem und zumindest im Doujinshi-Bereich so präsent, das dies in machen Foren fast die Regel ist. Und die Entwicklung eines ursprünglich als Diskussionsort für Manga und Anime angelegten Forums wie 4chan (35) hin zu einem Multiplikationsort für Sexismus, Antifeminismus, Frauenhass, rechtsradikalen Verschwörungstheorien und Hass allgemein, zeigt zudem, dass die mangelnde Auseinandersetzung mit diesem Frauenhass durchaus reale Auswirkungen hat und auch mit anderen Formen der Menschenverachtung in Zusammenhang steht. Die systematischen Hasskampagnen auf 4chan gegen Frauen in der Computerspiele-Industrie und gegen Feministinnen bis hin zu Mord- und Vergewaltigungsaufforderungen unter Angabe der Privatadressen der Frauen, unter anderen im Kontext Gamergate, zeigen leider auch, dass dieser Hass nicht nur im Virtuellen verbleibt.
Aber ich glaube nicht, dass Zensur etwas im positiven Sinne ändern würde. Das Tabu verhindert nur noch mehr, wie du selbst ausgeführt hast, ein emanzipatorisches Sprechen über Sexualität und Geschlecht."

An und für sich stimmte ich mit Hana überein, ich trank einen Schluck und dachte kurz nach, bevor ich ihr antwortete:

"Das Problem ist, dass Darstellungen von Nacktheit und Sexualität zwar nicht verboten sind, aber weiter tabuisiert werden. Letztendlich ist Gewaltpornografie eine Fortsetzung der Frauenverachtung puritanischer, sexualitätsfeindlicher Gesellschaften mit anderen Mitteln, beziehungsweise ihre Kehrseite. Und Japan hat die Körpertabus der westlichen Gesellschaft in der Meiji-Ära, Mitte des 19. Jahrhunderts, übernommen. Vorher waren gemischte öffentliche Bäder die Regel. Trotzdem ist Japan heute eine Gesellschaft mit extremen Körpertabus."

Hana nickte.

"Das alles ändert aber nichts daran, dass Männer sich auch anders positionieren könnten. Statt sich den Männerhierarchien anzudienen, könnten sie sich ja auch gegen das System stellen und aufhören, Männer zu sein. Feministinnen haben sich schließlich auch bewusst gegen die Zuweisungen gestellt, sich zur Frau machen zu lassen. Die Feministin Monique Wittig schreibt: 'Eine neue individuelle Definition für alle Menschen kann nur jenseits der Kategorie Geschlecht (Frauen / Männer) gefunden werden. Die Realisierung wirklicher individueller Subjektivität erfordert die Zerstörung der Kategorie Geschlecht, die Beendigung ihrer Nutzung und die Zurückweisung aller Wissenschaften, die sie weiter als eine ihrer fundamentalen Grundlagen verwenden.'" (36)

Hanas Forderung fand ich richtig, ich befürchtete nur, dass sie schwierig umzusetzen sein würde.

"Ich glaube, dafür haben die meisten Männer zu viel Angst und sind zu feige."

Furuhashi-Sensei hatte unsere Diskussion nur sehr unaufmerksam verfolgt, fühlte nun aber wohl doch noch die Notwendigkeit, sich zu rechtfertigen.

"Ihr hattet die Vorgabe gemacht, dass es eine Gruselgeschichte sein sollte. Mir fallen durchaus auch andere Haiku ein.

Auf meiner Haut
rieche ich dich noch, zu
kurz war die Nacht."

Wieder einmal wollte keine etwas dazu zu sagen, aber die vorherige Diskussion griff auch niemand mehr auf, und außerdem wurden mittlerweile alle müde. Eine Zeitlang saßen wir nur da und lauschten den Geräuschen aus dem Dunkel. Der Kerzenschein wurde immer schwächer und die Nacht hüllte uns ein, bis irgendwann Aki aufstand um die leeren Getränkedosen beiseite zu stellen.

"Langsam wird es kalt."

Furuhashi nickte.

"Zeit zum Schlafen. Der Unterricht beginnt morgen zur üblichen Zeit."

Nishizawa sah sich um.

"Wir müssen noch aufräumen."

Ich gähnte.

"Können wir nicht morgen Nachmittag aufräumen? Heute bin ich zu müde."

Alle stimmten mir zu, Hana schlief schon fast. Nachdem wir das Licht gelöscht hatten, gingen wir außen um den Anbau herum durch die Nacht zu unseren Zimmern.

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Nacht 4



Der Nachthimmel war immer noch schwarz vor Wolken, doch nun blies ein leichter Wind, und die Luft kühlte sich merklich ab.

Wir mussten einiges tragen und gingen deshalb langsam ums Haus herum. Auf einmal tippte Aki mich an.

"Was sind deine Lieblings-Manga?"

Ich zögerte, die Antwort führte immer leicht zu Fehlinterpretationen.

"Ich mag zum Beispiel die Manga von Jin Takemiya (37) sehr."

Furuhashi-Sensei, die dicht hinter uns ging, schaute mich neugierig an.

"Takemiya gilt als eine der lesbischen Ikonen unter den Mangaka."

Ich schüttelte den Kopf.

"Damit hat das nichts zu tun, obwohl ich auch Kazuma Kowo (38) mag, von der sich vermutlich Ähnliches sagen ließe. Ich mag die Art und Weise, wie Takemiya die Beziehungen ihrer Protagonistinnen darstellt."

Fumiko Furuhashi schien nicht wirklich zuzuhören.

"Wenn dich geschlechtliche Abweichungen interessieren, findest du bei genauerer Suche viele queere Manga. Es gibt sogar Manga, die sehr differenziert die Setzung binärer Geschlechtsidentitäten kritisieren, zum Beispiel 'Watashi no Kanojo wa Otokonoko' (39) von Hina Rutarou."

"Ich sagte schon, das dies nicht mein zentrales Interesse ist, es geht mir mehr um die Art und Weise der Interaktion und um den abweichenden Blick auf Realität. Ein anderer Lieblings-Manga von mir ist 'Sketchbook (full of Colours)' (40) von Totan Kobako. Fast ein Manga ohne spezifisches Thema, der nur den Alltag in einem Zeichenclub beschreibt, aber das mit einem unglaublichen Blick für das Absurde und ohne die Protagonistinnen und Protagonisten zu diffa-mieren."

Nishizawa hatte die ganze Zeit schweigend zugehört, nun wandte sie sich mir zu.

"Was hältst du von 'Sayonara, Zetsubou-Sensei' (41) von Kōji Kumeta?"

"Kōji Kumeta ist sicher ein brillanter Satiriker und Kritiker der japanischen Gesellschaft, auf Deutschland bezogen erinnert er mich an die deutsche Zeichnerin Elisabeth Kmölniger (42), aber mir ist das zum Teil zu zynisch.
Und anspruchsvolle Manga bekommst du in Deutschland in der Regel nur in englischer Sprachfassung. Und wenn es Übersetzungen gibt, sind diese meistens ungenießbar. Das, was deutsche Verlage Übersetzungen nennen, ist eher ein Zerstörungswerk. Ich glaube, viele Verlage versuchen krampfhaft, Manga auf ein Jugend- und Kinderpublikum zuzuschneiden und dann glauben sie noch, dass Jugendlichen und Kindern nur einfache Sprache zumutbar wäre. Bei Light Novels ist das noch schlimmer. Da ist das Hauptkäuferinnenpublikum, das sie anzusprechen versuchen, die Oma, die das Buch für das Kind kauft, um es ihm unter den Weihnachtsbaum zu legen. Entsprechend werden alle 'fragwürdigen' Bezüge aus den Büchern entfernt, ob die Jugendlichen sie dann noch lesen, ist egal, Hauptsache die Oma kauft sie. Insbesondere die Light Novel-Übersetzungen von Tokyopop ins Deutsche sind fast schon als Verbrechen zu bezeichnen.
Zum Teil liegt das Problem aber auch bei den Leserinnen und Lesern. Der erste Band der Manga-Serie 'Sayonara, Zetsubou-Sensei' hat in der englischen Sprachfassung 75 Endnoten zur Erläute-rung von Begriffen und Kontexten der Witze. In Deutschland einen Comic mit 75 Endnoten zu publizieren, würde auf völliges Unverständnis stoßen. Es gibt in Deutschland eine anspruchsvolle Comic-Kultur nur als Nische, fast nur im Eigenverlag. Falls dich so etwas - ohne Fußnoten - interessiert, schau mal unter Dreadfull Gate (43)."

"Ich kann kein Deutsch."

"Entschuldige, ich habe mich etwas mitreißen lassen. Aber mich ärgert das. Natürlich ist es schwierig, einen Anime wie 'Tesagure' mit der Vielfalt an Wortspielen und dem Spiel mit der Sprache zu übersetzen, aber wofür gibt es professionelle Übersetzerinnen und Übersetzer? Und gerade diese Art Spiel mit der Sprache finde ich wirklich lustig."

Aki drehte sich zu mir um.

"Findest du, im Mainstream der Manga und Anime gibt es keine interessanten Serien?"

"Doch durchaus, Serien wie 'Toaru Kakagu no Railgun - A Certain Scientific Railgun -' für Jugendliche oder die Kinderserie 'Dennō Coil' über Augmented Reality sind zum Teil sehr spannend und durchbrechen zumindest teilweise auch die klassischen Geschlechterklischees. Und die Kinderserie 'Yama No Susume - Encouragement of Climb -' (44) finde ich wirklich dazu geeignet, Kinder zu ermutigen, sich mehr zuzutrauen. Die Manga von Mizutani Fuka (45) '14 sai no Koi - Love at fourteen -' und 'Lonely Wolf, Lonely Sheep' sind auch sympathisch und durchbrechen ebenfalls die Klischees, obwohl '14 sai no Koi' als Jugendserie nun wirklich Mainstream ist. Und 'Yagate Kimi ni Naru - Bloom into You -' (46) von Nakatani Nio finde ich als Geschichte über Liebe und Einsamkeit gleichfalls sehr gelungen. Ich mag auch die 4-Panel-Gag-Manga-Serie Lucky Star (47), trotz der teilweise fragwürdigen sexuellen Anspielungen, aber sie ist einfach lustig."

"Sagt dir Takamichi (48) etwas?"

"Ursprünglich dachte ich, dass Takamichi für mich eher unter Kunst fällt. Da kannte ich aber nur einige der Manga-Serien. Takamichi erinnerte mich immer an den schwedischen Künstler Carl Larsson, obwohl die Zeichentechnik eine andere ist, aber das Sujet ist im gewissen Sinn ähnlich.
Bei der Publikation Art Works sind bei mir zum ersten Mal Fragen aufgetaucht. Art Works würde in Deutschland heute zu einem Aufschrei führen, weil Nacktheit immer mehr tabuisiert wird. Alles wird mit einem pornografischen Blick betrachtet, insbesondere die Abbildung von Jugendlichen in intimen Momenten. Das Problem habe ich zu dem Zeitpunkt aber bezogen auf diese Zeichnungen im Blick der Betrachter und Betrachterinnen gesehen, und nicht darin, was Takamichi zeichnet. Takamichi war für mich ein Beispiel für einen weitgehend unverkrampften Umgang mit Körperlichkeit. Du hast immer den Eindruck, dass Takamichi, den gezeichneten Jugendlichen zugewandt ist.
Ich habe ja schon in der Diskussion vorhin gesagt, dass ich glaube, dass gerade dieser andere Blick auf Nacktheit und Körperlichkeit wichtig ist. In Deutschland gab es einen solchen Umgang früher zumindest zum Teil in der DDR, zusammen mit einer relativ entspannten FKK-Kultur. Du kannst das noch in DDR-Filmen der späten 1970er und frühen 1980er Jahre wiederfinden, auch in Kinderfilmen (49). Davon ist leider aber kaum etwas übrig geblieben. Für mich ist gerade diese Tabuisierung von Nacktheit Teil des porno-grafischen Blicks."

"Und?"

"Nachdem ich jedoch erfahren habe, für welche Magazine Takamichi sonst arbeitet, insbesondere seine Cover-Zeichnungen, sehe ich ihn sehr viel kritischer. Diese Bilder transportieren für mich unter Berücksichtigung des Veröffentlichungskontextes auf jeden Fall einen instrumentellen sexualisierten Blick auf Kinder und Jugendliche."

"Ich sehe das ähnlich."

"Ich verstehe das Handeln von Takamichi da nicht wirklich, die Manga-Serien sind zum Teil sehr sympathisch."

Aki nickte und seufzte.

"Ja, ein Problem, dass du bei einigen und durchaus auch bei interessanten Mangaka hast."

Wir hatten inzwischen längst unsere Gemeinschaftsräume erreicht und saßen in der Küche. Langsam wurde es spät, doch eine Weile unterhielten wir uns noch über die unterschiedlichsten Manga und Anime.

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Telefonat 5



Einige Abende später war die Temperatur um mehrere Grad gesunken. Die Luft hatte sich weiter abgekühlt, die Nacht würde kühl werden und der Wind ließ mich leicht frösteln, als ich zum Hauptgebäude ging, um zu telefonieren.

Ich musste unbedingt meinen Arbeitgeber anrufen und mich zu seinem Vorschlag, meinen Aufenthalt hier abzubrechen, äußern. Ich hatte das notwendige Gespräch schon einige Tage vor mir hergeschoben. Inzwischen wusste ich zumindest sicher, was ich nicht wollte. Nach dem Tag mit Kazuya-Kun und dem Abend im Gemeinschaftsbad hatte ich fast eine Woche lang intensiv an meinen eigenen Manga-Entwürfen gearbeitet. Noch waren sie nicht wirklich gut, aber verwerfen wollte ich sie auch nicht. Ich wusste nun zumindest, dass ich nicht zurück nach Deutschland wollte. Und ich wusste auch, was ich ihm sagen würde, aber ich hasste solche Konfrontationen.

Ich erreichte den Verlag fast sofort.

"Hallo, hier ist Yukiko."

"Oh hallo, schön das du dich auch wieder einmal meldest. Wir haben hier alles durchgesprochen und entschieden, dass der Vertrag mit der Schule gekündigt wird. Der Beschluss ist endgültig. Du hast bis Ende des Monats Zeit, den Rückflug zu organi-sieren."

Damit hatte ich gerechnet.

"Das tut mir leid."

"Daran lässt sich nichts ändern."

"Ah, dann werde ich wohl die 50.000,- Euro Ausfallzahlung für die Nichterfüllung des Vertrages mit mir in Anspruch nehmen müssen. Du verstehst das sicher. Für den Verlag ist das natürlich blöd."

"Das kann der Verlag nicht bezahlen."

"Wie du selbst in unserem ersten Telefonat, dass ich mit dir von hier aus geführt habe, gesagt hast: 'Außerdem ist laut Vertrag bei Nichterfüllung eine Ausfallzahlung von 50.000,- Euro zu zahlen. Dies gilt gegenseitig, der Verlag unterliegt denselben Verpflichtungen wie du. Wenn wir den Vertrag brechen würden, müssten auch wir dir 50.000,- Euro bezahlen.'
Ich glaube ja, für den Verlag wäre es günstiger, einfach die Schulgebühren weiter zu finanzieren."

"Willst du uns verklagen?"

"Natürlich müsste ich das im Zweifelsfall, du würdest doch nicht anders handeln. Das ist ja nichts Persönliches. Ich gebe euch eine Woche, um das zu entscheiden."

"Das kann nicht dein Ernst sein!"

"Ich melde mich dann nochmal, Tschüs."

Bevor mein Arbeitgeber seine Einwände nochmals wiederholen konnte, legte ich auf. Neue Argumente würden sowieso nicht kommen und ich war mir sicher, dass sie sich dafür entscheiden würden, die Schulgebühren weiter zu zahlen.

Erleichtert blickte ich aus dem Fenster und atmete die frische Luft ein.


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Nacht 5



In der Nacht wurde der Wind stärker, der Himmel hatte sich aufgeklart, gleichwohl fiel wenig Licht ins Zimmer. Nur die frische Nachtluft wehte durch das geöffnete Fenster und füllte den Raum.

Meine Gedanken waren wieder einmal bei Aiko. Irgendwann entschloss ich mich, zu schlafen und einfach zu schauen, was weiter passieren würde.
Doch stattdessen fing ich an, darüber nachzudenken, wie ich Haiku-Manga in Deutschland publizieren könnte. Ich seufzte im Halbschlaf, mir fiel nicht einmal ein passender Verlag ein.
Und wieder trat mir Aikos Bild vor Augen.

Ich trank einen Schluck Wasser.

Und, was wollte ich selbst? Ich wusste es einfach nicht.

"Lang lag ich wach,
träumte nicht nur von dir,
verzeihst du mir?"

Indes auch diese Zeilen, die mir durch den Kopf gingen, erschienen mir, nachdem ich sie ausgesprochen hatte, nicht wirklich passend. Und Nishizawa würde sich über reimende Haiku-Verse sicher lustig machen.

Erst nach einer Weile schlief ich ein mit dem Gedanken, dass ich ja Zeit hatte, Antworten zu finden.


Fin





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Light Novel & kurze Texte – Tuja































Endnoten


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Endnote 1 - Hentai-Manga: Sexuell explizite Manga, die ihren Fokus auf Perversionen haben.

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Endnote 2 - shinkô haiku undô: Die Neue Haiku-Bewegung bildete sich im Japan der 1930er Jahre. Die DichterInnen verzichteten teils auf jahreszeitliche Terme, griffen soziale und gesellschaftliche Themen und neue Formen (z.B. Surrealismus) auf.
Ein Beispiel für ein Haiku der Neuen Haiku-Bewegung ist der folgende Haiku von Saitô Sanki: 'kikanjuu miken ni korosu hana ga saku' Übersetzung: 'a machine gun / in the forehead / the killing flower blooms'
Im japanischen 'Faschismus' wurden in den 1940er Jahren 46 HaikudichterInnen dieser Schule moderner Haiku verhaftet und teilweise bis zum Tode gefoltert, weil sie von der traditionellen Form abgewichen waren, soziale und politische Themen aufgegriffen hatten und z.B. pazifistische Haiku schrieben, surrealistische Stilmittel übernommen oder einfach keine jahreszeitlichen Terminie verwendet hatten. Alle wichtigen Magazine dieser Schule wurden geschlossen und die Druckwerke vernichtet, vergleichbar der Verfolgung von KünstlerInnen im NS unter dem Ideologem 'Entarteter Kunst'. Führend beteiligt bei diesen Verbrechen waren konservative Haikudichter der Schule traditioneller Haiku (dentô) aus dem Umfeld des Hototogisu Journals -
http://www.simplyhaiku.com/SHv5n4/features/Ito.html -.

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Endnote 3 - Sake: Hochprozentiges alkoholisches Getränk auf der Basis von Reis.

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Endnote 4 - Mangaka: Manga-Zeichner / Manga-Zeichnerin.

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Endnote 5 - Sensei: Respektvolle Bezeichnung einer/eines Lehrenden. In Manga- und Anime-Kontexten wird außerdem XX häufig als Abkürzung für Hentai (pervers) verwandt. XX-Sensei steht entsprechend für einen herausragenden (bzw. zumindest sich selbst so wahrnehmenden) Mangaka, der explizit pornografische perverse Manga erstellt.

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Endnote 6 - Yaoi-Manga: Yaoi-Manga sind Manga, die Liebe und die sexuelle Attraktion zwischen jungen Männern und zum teil zwischen Jungen zum Thema haben und primär auf ein weibliches Publikum ausgerichtet sind. Sie werden auch als Boys-Love-Manga bezeichnet, abgekürzt BL-Manga. Sie werden auch in Deutschland mit Erfolg vermarktet. Hentai-Yaoi-Manga sind sexuell explizite BL-Manga. Die Käuferinnen werden als Fujoshi, verdorbene Mädchen, bezeichnet. Yaoi-Manga bzw. BL-Manga bilden ein eigenständiges Marktsegment im Manga-Bereich.
Das Gegenstück sind Yuri-Manga, bzw. Shoujo-Ai-Manga (übersetzt Girls-Love-Manga), die Liebe und die sexuelle Attraktion zwischen Mädchen und jungen Frauen zum Thema haben und überwiegend auf ein männliches Publikum ausgerichtet sind. Sowohl Yuri- als auch Yaoi-Manga werden zum Teil aber auch von der LGBTIQ-Szene der Herkunftsländer genutzt, um Fragen zu Homo-, Trans- und Intersexualität zu thematisieren.

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Endnote 7 - Einheit 731: Weitere Informationen:
https://en.wikipedia.org/wiki/Unit_731

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Endnote 8 - Moritomo Gakuen: Weitere Informationen:
https://apjjf.org/2017/20/Repeta.html

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Endnote 9 - San: Das San ist eine Zusatz, der besondere Achtung ausdrückt.

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Endnote 10 - Siehe Endnote 2: In einem nach dem 2 Weltkrieg veröffentlichten Text beschreibt der Dichter Higashi Kyôzô (Akimoto Fujio) das Anliegen der Neuen Haiku-Bewegung wie folgt:
"The New Rising Haiku movement was, in short, a movement to recover the adolescence of haiku. ... In order to break the old and feudal tradition of haiku taste and thought, we hoisted the flag of liberalism and democracy against the exclusionism of the haiku world and the feudalistic masterdisciple system. That is, to create gendai haiku as poetry, we advocated the pure poesy of haiku, not the old hobby taste haiku."

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Endnote 11 - Senryuu (Senryū): Ein Teil der Haiku, die nicht den klassischen Mustern von Haiku bzgl. Stilmitteln und Thema (z.B. Jahreszeitenbezug durch Verwendung entsprechender Metaphern/Worte) folgen, werden Senryuu (Senryū) genannt. Zum Teil wird das Haiku vom Senryuu unterschieden, teilweise wird der Begriff Haiku aber auch als Oberbegriff verwendet. Im Haiku der literarischen Moderne fließen die Begriffe ineinander. Bis heute wird der Streit um die Begriffszuweisungen zum Teil mit einer Intensität geführt, der an Diskussionen um die 'Reinheit' der deutschen Sprache erinnert.

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Endnote 12 - Die Bären, die heute auf Hokkaido primär in unzugänglichen Gebieten und Schutzgebieten wild leben (ca. 3.000), spielen eine erhebliche Rolle für das Selbstbild der Region und viele Mythen beziehen sich auf sie. Der beschriebene Fall, in dem ein Bär in einer kleinen Siedlung, die zum Ortsteil Sankebetsu der Kleinstadt Tomamae gehörte, trotz Wachmannschaften an kurz aufeinanderfolgenden Tagen sieben Menschen tötete, hat das Bild von Bären in Japan mit geprägt. Der Bär war 2,7 Meter groß und 340 Kilogramm schwer und erhielt den Namen Kesagake. Es gibt zwei Novellen, ein Theaterstück, einen Film und einen Manga über den Vorfall. Der Ort Shosanbetsu in Rumoi macht explizit damit Reklame, dass er der Herkunftsort des Bärenjägers Yamamoto Heikichi ist, der den Bär Kesagake erlegte. Dies wurde hier als Vorbild für die fiktive Ortschaft in unmittelbarer Umgebung der H-Manga Akademie benutzt.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden das Siedlungsgebiet und die landwirtschaftliche Nutzfläche in Hokkaido stark ausgeweitet. Der Verlust der natürlichen Nahrungsgrundlagen führte dazu, dass Bären in Siedlungen nach Nahrung suchten. In dieser Zeit wurden 141 Menschen durch Bären getötet und viele weitere verletzt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm die Zahl der durch Bären getöteten Menschen stark ab. Aufgrund der sinkenderden Bevölkerungszahlen und Leerständen gerade in Randgebieten, weiten sich inzwischen die Territorien von Bären aber wieder aus und Vorfälle nehmen zu.
https://en.wikipedia.org/wiki/Ussuri_brown_bear
https://en.wikipedia.org/wiki/Sankebetsu_brown_bear_incident

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Endnote 13 - tako-beya rōdō (Takobeya Arbeit): Unearthing takobeya labour in Hokkaido - Yohei Achira - in: Local History and War Memories in Hokkaido - Ed. Philip A. Seaton - Routledge - New York, 2016

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Endnote 14 - Jomon Tunnel: Unearthing the history of minschū in Hokkaido - Hiroshi Oda - in: Local History and War Memories in Hokkaido - Ed. Philip A. Seaton - Routledge - New York, 2016
hitobashira (Menschlicher Stützpfeiler): Weitere Informationen:
https://en.wikipedia.org/wiki/Hitobashira

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Endnote 15 - Nobusuke Kishi: Weitere Informationen: https://en.wikipedia.org/wiki/Nobusuke_Kishi

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Endnote 16 - Tarō Asō: Family Skeleton: Japan's Foreign Minister and forced Labor by Koreans and Allied POWs - Christopher Reed - in: The Asia-Pacific Journal, Japan Focus - Volume 4, Issue 5 - May 06, 2006
https://apjjf.org/-Christopher-Reed/1627/article.html

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Endnote 17 - Itogumi: Unearthing takobeya labour in Hokkaido - Yohei Achira - in: Local History and War Memories in Hokkaido - Ed. Philip A. Seaton - Routledge - New York, 2016
und Webseite Itogumi:
https://www.itogumi.co.jp/en/story.html

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Endnote 18 - Old-School-Manga: Dass die Figuren im Manga ausgesprochen 'niedlich' (=Moe - mit Einschränkungen siehe auch Endnote 30) gezeichnet werden, ist primär eine Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte, in älteren Manga wurden eher im klassischen Comicstil realistischere Figuren gezeichnet, teils mit ausgesprochen harten Gesichtszügen. Dieser Zeichenstil wird heute auch als non-moe-art bezeichnet.

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Endnote 19 - Capitalism from Within: Capitalism from Within, Economy, Society, and the State in a Japanese Fishery - David L. Howell - UNIVERSITY OF CALIFORNIA PRESS: Berkeley, Los Angeles / Oxford, 1995 - Volltext:
https://publishing.cdlib.org/ucpressebooks/view?docId=ft1g50046g&brand=ucpress

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Endnote 20 - Kayano Shigeru: Weitere Informationen:
https://en.wikipedia.org/wiki/Shigeru_Kayano

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Endnote 21 - Our Land Was A Forest: An Ainu Memoir - Kayano Shigeru - Westview Press: USA Boulder/UK Oxford - 1994

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Endnote 22 - genchi tsuma (local wifes): Intimate Frontiers: Disciplining Ethnicity and Ainu Women's Sexual Subjectivity in Early Colonial Hokkaido - Annelise Lewallen - in: The Affect of Difference: Race and Identity in Asian Empire. - Edited by Chris Hanscom and Dennis Washburn - Honolulu: University of Hawai’i Press - Honolulu, 2016

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Endnote 23 - Unearthing the history of minschū in Hokkaido - Hiroshi Oda - in: Local History and war Memories in Hokkaido - Ed. Philip A. Seaton - Routledge - New York, 2016

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Endnote 24 - Kun: Eine Endung, die in der Regel Namen von Jungen angehängt wird, um Zugewandtheit auszudrücken, aber nicht im eigentlichen Sinn intim, z.B. angehängt an Namen von Schulfreunden, an den Namen des Freundes des Sohnes. Im Ausnahmefall kann es auch für jüngere Frauen verwendet werden, z.B. von Seiten eines Lehrers gegenüber seiner Studentin.

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Endnote 25 - Sentō: Traditionelles öffentliches Badehaus
https://en.wikipedia.org/wiki/Sent%C5%8D

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Endnote 26 - Asahikawa: Zweitgrößte Stadt Hokkaidos mit ca. 360.000 EinwohnerInnen, entstanden aus einem Garnisonsstandort und noch heute einer der größten Militärstandorte Japans.

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Endnote 27 - Germany's past and present ties with Yasukuni shrine uncomfortable for some - JapanToday - Tokyo, 19. August 2015
https://japantoday.com/category/features/kuchikomi/germanys-past-and-present-ties-with-yasukuni-shrine-uncomfortable-for-some

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Endnote 28 - Bernhardswalder Bläser als "Stargäste" - Ralf Strasser - Mittelbayrische Zeitung - Regensburg, 16. Juni 2015
https://www.mittelbayerische.de/region/regensburg-land/gemeinden/bernhardswald/bernhardswalder-blaeser-als-stargaeste-21380-art1246300.html

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Endnote 4 - Alte Kameraden: Alte Kameraden auf dem Marsch durch's Land / Schließen Freundschaft felsenfest und treu. / Ob in Not oder in Gefahr, / Stets zusammen halten sie auf's neu. // Zur Attacke geht es Schlag auf Schlag, / Ruhm und Ehr' soll bringen uns der Sieg, / Los, Kameraden, frisch wird geladen, / Das ist unsere Marschmusik. // Im Manöver zog das ganze Regiment / Ins Quartier zum nächsten Dorf, potzelement / Und beim Wirte das Geflirte / Mit den Mädels und des Wirtes Töchterlein. // Lachen scherzen, lachen scherzen, heute ist ja heut' / Morgen ist das ganze Regiment wer weiß wie weit. / Das, Kameraden, ist des Kriegers bitt'res Los, / Darum nehmt das Glas zur Hand und wir rufen "Prost". // Alter Wein gibt Jugendkraft; / Denn es schmeckt des Weines Lebenssaft. / Sind wir alt, das Herz bleibt jung / Und gewaltig die Erinnerung. // Ob in Freude, ob in Not, / Bleiben wir getreu bis in den Tod. / Trinket aus und schenket ein / Und laßt uns alte Kameraden sein. // Sind wir alt, das Herz bleibt jung, / Schwelgen in Erinnerung. / Trinket aus und schenket ein / Und laßt uns alte Kameraden sein.
https://en.wikipedia.org/wiki/Alte_Kameraden

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Endnote 30 - Chan: Chan ist eine Verniedlichungsform, die Namen angehängt wird und die intime Zugewandtheit ausdrückt und gegenüber Kindern oder sehr nahen FreundInnen verwandt wird. In Manga und Anime wird sie häufig zu Konnotation von Charakteren als besonders 'cute' benutzt. Der deutsche Begriff 'niedlich' passt nur begrenzt, da die Zuschreibung bei Manga- und Anime-Charakteren zum Teil implizit eine sexuelle Konnotation beinhaltet. Im Japanischen würde meistens der viel umfassendere Begriff 'moe' für die Beschreibung solcher Charaktere verwendet.

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Endnote 31 - Urbane Legenden: Es gibt in Japan eine ganze Reihe von Geschichten, die teils mit Fragen ungesühnter Schuld oder Verbrechen und Seelen, die im Hier verhaftet geblieben sind und nun die Lebenden heimsuchen, teils mit der Welt der Geister und des Übernatürlichen, verknüpft sind und vielfältig in Film und Literatur aufgegriffen werden, insbesondere in Manga, Anime und Light Novels. Diese Geschichten sind teilweise so bekannt, dass sie zu festen zitierbaren Tropen, also durch Stichworte aufrufbare Handlungsfiguren, geworden sind.
https://en.wikipedia.org/wiki/Japanese_urban_legend
https://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/TheSevenMysteries

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Endnote 32 - Hanako-San: Hanako-San, ist eine japanische urbane Legende über den Geist eines Mädchens namens Hanako, der Schultoiletten heimsucht. Die Figur Hanako-San wird in vielen Schul-Mangas zitiert, inzwischen meistens satirisch.
https://en.wikipedia.org/wiki/Hanako-sanhttps://en.wikipedia.org/wiki/Hanako-san

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Endnote 33 - Tsukumogami: Tools that have acquired a kami or spirit. Today, the term is generally understood to be applied to virtually any object "that has reached its 100th birthday and thus become alive and self-aware", though this definition is not without controversy.
https://en.wikipedia.org/wiki/Tsukumogami

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Endnote 34 - kusarizuka (Kettenhügel): Unearthing the history of minschū in Hokkaido - Hiroshi Oda - in: Local History and war Memories in Hokkaido - Ed. Philip A. Seaton - Routledge - New York, 2016

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Endnote 35 - 4chan: 'Chan' ist eine japanische Verniedlichungsform, siehe Endnote 29. Das Forum 4chan wurde 2003 nach einem japanischen Vorbild (2chan=Futaba Channel - 2chan.net -) als Imageforum für Manga und Anime gegründet. Heute ist dies eine der Seiten, auf der sich Anhänger faschistischer und rassistischer Ideologien und Antifeministen austauschen. Aufgrund redaktioneller Eingriffe gegen die extremsten Beiträge insbesondere im Kontext Gamergate, einer Hasskampagne gegen Frauen in der Computerspielbranche, gingen 2014 erhebliche Teile dieser Community über zum Forum 8chan. In Japan erfüllt das Forum 2chan=2channel - 2ch.net - dieselbe Funktion für rechte Internet-Trolle.
https://en.wikipedia.org/wiki/4chan
'Koreans, Go Home!' Internet Nationalism in Contemporary Japan as a Digitally Mediated Subculture - Rumi Sakamoto - in: The Asia-Pacific Journal, Japan Focus - Volume 9, Issue 10 - Mar 07, 2011 https://apjjf.org/2011/9/10/Rumi-SAKAMOTO/3497/article.html

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Endnote 36 - One Is Not Born A Woman: Monique Wittig - in: The Straight Mind - Beacon Press - Boston, 1992 - Download: https://canvas.instructure.com/courses/881484/files/29889512/download?download_frd=1

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Endnote 37 - Jin Takemiya: Download (Englische Version): https://archive.org/search.php?query=takemiya%20jin
Download (Englische Version): https://dynasty-scans.com/authors/takemiya_jin

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Endnote 38 - Kazuma Kowo: Download (Englische Version): https://dynasty-scans.com/authors/kazuma_kowo

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Endnote 39 - Watashi no Kanojo wa Otokonoko: Hina Rutarou - Download (Englische Version): https://dynasty-scans.com/chapters/watashi_no_kanojo_wa_otokonoko

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Endnote 40 - Sketchbook (full of Colours): Totan Kobako - Download (Englische Version): https://archive.org/details/manga_Sketchbook

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Endnote 41 - Zetsubou Sensei: Kōji Kumeta - Download (Anime - englische Untertitel): https://anime.thehylia.com/downloads/series/goodbye-teacher-despair
Download (Anime - englische Untertitel): https://anime.thehylia.com/search?search=zetsubou

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Endnote 42 - Elisabeth Kmölniger: https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Km%C3%B6lniger

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Endnote 43 - Dreadfull Gate: http://www.dreadfullgate.de - hier erscheint z.B. die Comic-Serie 'Monsterjägerin Conny von Ehlsing', und es finden sich Links zu anderen Webseiten.

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Endnote 44 - Yama no Susume (Encouragement of Climb): Siro - Download (Anime - englische Untertitel): https://anime.thehylia.com/search?search=yama

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Endnote 45 - Mizutani Fuka: 14 sai no Koi (Love at fourteen) - Download (Englische Version): https://archive.org/details/manga_14-sai_no_Koi
Lonely Wolf Lonely Sheep - Download (Englische Version): https://archive.org/details/manga_Lonely_Wolf_Lonely_Sheep

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Endnote 46 - Yagate Kimi ni Naru: Nakatani Nio - Download (Englische Version): https://dynasty-scans.com/series/bloom_into_you

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Endnote 47 - Lucky Star: Kagami Yoshimizu - Download (Englische Version): https://archive.org/details/manga_library_Lucky-Star

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Endnote 48 - Rito no Umi: Takamichi - Download (Englische Version): Download (Englische Version): https://archive.org/details/manga_Ritou_no_Umi

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Endnote 49 - Ein solcher unverkrampfter Umgang mit Nacktheit findet sich z.B. in einer Szene des Kinderfilms 'Gritta von Rattenzuhausbeiuns'.
https://de.wikipedia.org/wiki/Gritta_von_Rattenzuhausbeiuns






Anmerkung zu Haiku


In dieser Kurznovelle, die orientiert am Stil japanischer Light-Novels geschrieben wurde, spielen Haiku eine zentrale Rolle. Deshalb eine kurze Information darüber, in welcher Form hier Haiku verwandt wurden.

Haiku sind eine japanische Kurzgedichtform, die traditionell aus 3 Zeilen zu 5 / 7 / 5 Lauteinheiten besteht, die sich nicht reimen und die den Buchstaben des Hiragana-Alphabets entsprechen. Haiku nutzen in ihrer traditionellen Form bestimmte Begriffe mit Jahreszeitenbezug, beschränken sich auf bestimmte Themengebiete, vor allem Natur und fassen diese konkret, teils mit symbolischen Bezügen zur Religion oder zu Emotionen, überlassen aber gleichzeitig die Vervollständigung des Sinns den Lesenden.

Als Beispiel hier ein bekannter japanischer Haiku in deutscher Übersetzung:

Auf dem Seerosenblatt der Frosch
aber was macht er
für ein Gesicht?

Bei Übersetzungen ist es extrem schwierig die Zahl der Lauteinheiten zu berücksichtigen ohne den Inhalt zu verfälschen. Insbesondere da Silben häufig aus mehr als einer Lauteinheit bestehen, der Städtename Sendai besteht z.B. aus vier Lauteinheiten Se-n-da-i.

Für die Haiku in dieser Novelle wurde deshalb im deutschen die Festlegung auf die Silbenzahl 4 / 6 / 4 gewählt, statt der üblichen 5 / 7 / 5 Regel, da diese im japanischen für Lauteinheiten und nicht für Silben gilt. Außerdem wurde die inhaltliche Festlegung durchbrochen im Sinne der 'Neuen Haiku-Bewegung'.




Erstausgabe 2019
Anarchistische Texte für das 21. Jahrhundert
HerausgeberInnengemeinschaft
Paula & Karla Irrliche
Seit 2001



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In der Light Novel 'Inu to Hasami wa Tsukaiyō' heißt es sinngemäß, dass nicht wichtig ist zu wissen, wer oder was die AutorIn ist - wichtig ist der Text und die LeserInnen. Interessant ist vielleicht nur, weshalb ich schreibe: Weil ich mich nirgends in der Literatur wiederfinde, dort nicht vorkomme und nicht bereit bin zur Normalisierung meines Fühlen und Denkens.
Ihr erreicht micht unter der E-Mail - tuja@irrliche.org - Bitte im Betreff das Wort "Light Novel" schreiben, damit sie von Spam unterscheidbar ist - Danke.



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Zuletzt aktualisiert 30.08.2019


















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