Tuja


BUNG I - Vampire, Vampire!


Der Golch

ängstlich wie ein molch
zwirbelt der zwickel. - 'lauft!' -
gar gräulich grunzt der golch
und schlabbert die schlurf hinauf.

der zwickel läuft und keucht,
doch hinter ihm der golch,
der atem faul und feucht,
der zwickel schreit nur: - "olch!" -

nun laufen alle bickel,
der golch ist auf der turf.
nur einer sickt im sickel
und hört nicht - "olch!" - noch - "urf!" -

zu boden fällt ein nickel,
der zwickel ruft noch: "zurf!"
der golch verschlingt den bickel,
der golch ist auf der turf.

dann tanzt der golch die winne,
die bickel sind ganz tab,
der golch schnalzt mit der dinne
und schwabbelt die schlurf hinab.

(Auszug: Gedichte für Vampirkinder -
Band 3 - 1811)





- Inhalt -


- Kap. 0 'Unter Beobachtung'

- Kap. 1 'BUNG'
- Kap. 2 'Kolja'
- Kap. 3 'VVP'
- Kap. 4 'Eine unruhige Nacht'
- Kap. 5 'Hilfe'
- Kap. 6 'Was tun?'
- Kap. 7 'Ausblicke'









- Kapitel 0 'Unter Beobachtung' -


Lisa hockte im halbdunklen Schatten der Bäume hinter der großen alten Villa, mit ihren Erkern, Giebeln und Türmchen, in der sie zusammen mit ihrem Vater lebte. Sie sprach zu einem kleinen, leicht pelzigen, blassgrünen Tier, das sie vorsichtig streichelte.
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Das kleine Tier war ihr Geheimnis.

Das Weiß der Villa war im Lauf der Zeit nachgedunkelt, an einigen Stellen blätterte die Farbe ab und der Untergrund aus Putz und Holz wurde sichtbar. Doch jetzt im Spiel der Sonnenstrahlen, die das Dach und die Türmchen erleuchteten und die Fenster in Spiegel verwandelten, welche die grünen Wipfel der Bäume und den blauen Himmel mit weißen Wolken zeigten, sah sie wie ein verwunschener Ort aus.
Lisa beobachtete einen Moment lang das Flimmern der Luft und den Tanz der Bilder in den Scheiben.
Aus dem Schatten der Bäume wehte der Geruch nach feuchtem Laub herüber. Ein Windstoß bewegte die Äste über ihr und das Rauschen und Ächzen des Holzes übertönte einen Moment lang die Insekten.
Sie atmete tief ein.
Sie bemerkte, dass von dem kleinen Tier ein leichter Fäulnisgeruch ausging. Lisa war begeistert, das Kleine war einfach zu niedlich.

Lisa war für ihr Alter, sie war 13 Jahre alt, nicht sehr groß und sie trug ein Kleid, das aus einer anderen, längst vergangenen Zeit zu stammen schien und ihr viel zu weit war. Ihre Brille hatte ein altmodisches schwarzes Gestell.
Das kleine blassgrüne Tier sonderte einen schwarzgrünlichen Schleim ab. Es schien nicht hierher zu gehören, nicht zu dieser Tageszeit. Es mied das Sonnenlicht und versteckte sich im dunklen Schatten zwischen den Wurzeln am Fuß eines Baumes.

Doch dieses Tier war nicht das einzige Schattenwesen, das an diesem Spätnachmittag im Frühling am falschen Ort zu sein schien. Unsichtbar unter einem gewaltigen alten Weißdornbusch saß noch etwas anderes, grausameres und größeres. Auf den ersten Blick hätten Menschen es, falls sie es zu Gesicht bekommen hätten, wohl für einen sehr großen Hund gehalten, schwärzer als die Nacht. Doch dies war kein Hund, zumindest kein normaler Hund. Das Tier hatte sich lautlos angeschlichen und lauerte nun tief versteckt im Gebüsch auf seine Chance. Hier war es finster wie im tiefsten Verlies. Kein Blick von außen konnte das Untier wahrnehmen. Nur ein kalter Hauch ging von dem Gebüsch aus und streckte seine nackten Finger in Richtung des kleinen, blassgrünen Tieres aus.
Lisa bemerkte die Augen nicht, die jeder ihrer Bewegungen folgten, und die Kälte des Schattens wurde von der Sonne vertrieben.

Die Witterung des kleinen grünen Tieres schien diesen Hund, der kein Hund war, zu erregen. Das schwarze Untier fletschte die Zähne und Speichel tropfte auf den Boden. Und in der Tiefe des Gebüsches wurden nun die Eckzähne dieses Tieres sichtbar, die hervortraten. Sie waren mehr als doppelt so lang wie der Rest der Zähne und liefen spitz zu. An ihren Enden waren dunkelrote Flecken zu sehen, Flecken von Blut.

Lisa war immer noch ganz vertieft darin, sich um das kleine grüne Tier zu kümmern, als ihr Name gerufen wurde: "Lisa, Lisa!"
Das war ihr Vater.
Sie zog leicht unwillig die Schultern hoch und sah zum Haus. Dann nahm sie das kleine grüne Wesen hoch und versteckte es in einer ihrer Taschen, sorgsam darauf achtend, dass kein Sonnenstrahl das kleine Tier erreichte.
Das kleine Tier fiepte ängstlich, beruhigte sich dann aber schnell wieder.
Sie wischte den schwarzgrünen Schleim, den das Tier auf ihren Händen hinterlassen hatte, an ihrem Kleid ab und biss noch einmal in einen Apfel, der neben ihr im Gras gelegen hatte. Den unansehnlichen Rest warf sie ins Gebüsch.
Sie bemerkte auch in diesem Moment das leise, dumpf rollende Knurren nicht, das aus dem Dunkel kam, als der Apfelrest tief im Gebüsch den Kopf des schwarzen Untiers traf. Sie übersah auch jetzt die rot funkelnden Augen, die ihr drohend nachstarrten, als sie zur Villa lief.

Sie war mit anderen Dingen beschäftigt.

Als ihr Blick zufällig auf den großen alten Kirschbaum auf dem Nachbargrundstück fiel, fiel ihr wieder ein, dass sie morgen unbedingt die Parasiten pflücken musste und sie seufzte. Sie kletterte einfach ungern auf Bäume.









- Kapitel 1 'BUNG' -


"Hundedreck, elendiger!" Das Mädchen plumpste genau vor ihr in das Gras und fluchte noch eine Weile weiter. Katrin, die von ihren Freundinnen nur Ka genannt wurde, hatte es sich mit einem Buch unter dem großen Kirschbaum auf der Wiese bequem gemacht.
Die Frühjahrssonne war hier im Halbschatten weder zu warm noch zu kalt. Sonnen- und Schattenflecken wanderten mit der Bewegung der Äste im Baum durch das Gras. Die Grashalme streichelten die Haut kühl, nur manchmal kitzelten sie ein wenig. Der Boden roch nach Erde und frischen Pflanzen. Irgendwo schimpfte ein Vogel.
Sie hatte gerade auf dem Bauch gelegen, vertieft in das Buch über eine Ritterin, die eine Prüfung zu bestehen hatte, als plötzlich dieses Mädchen vor ihr auf den Rasen stürzte und eine Staubwolke aufsteigen ließ. Sie musste vom Baum gefallen sein. Aber was machte dieses Mädchen im Garten von Ka und ihren Eltern? Was hatte sie auf dem Kirschbaum zu suchen? Und woher kam der Staub?

Ka war gerade erst hierhergezogen. Ihre Eltern hatten sich auf dem alten Gartengrundstück ein neues, umweltfreundliches, aber leider langweiliges Haus gebaut. Ka hätte viel lieber in einem uralten Haus gewohnt. Aber alte Häuser hatten keine Dreifachverglasung und das Heizen kostete unendlich viel Energie. Das meinten jedenfalls ihre Eltern. Trotzdem fand Ka alte Häuser einfach viel interessanter, alte Häuser mit alten Dachböden und alten Kellern. Häuser in denen es Geheimnisse zu entdecken gab. Aber immerhin, zumindest waren die Bäume im Garten alt und riesig. Und hier weiter hinten im Garten hinter dem Haus war sie weit genug weg so dass ihre Eltern sie nicht sehen konnten. Da kamen sie auch nicht auf eine ihrer vielen tollen Ideen, was Ka alles tun könnte. Ideen, die meistens nur ihre Eltern gut fanden.

Das Mädchen, das vom Baum gefallen war, wirkte nun, nachdem sie mit dem Fluchen aufgehört hatte, etwas unsicher, verletzt hatte sie sich zum Glück nicht. Ka legte ein Lesezeichen in ihr Buch und klappte es zu. Sie stand auf, um ihr zu helfen. Das Mädchen sah etwas seltsam aus. Sie trug scheinbar ein Kleid ihrer Großmutter und war damit offensichtlich auf den Baum geklettert. Das Kleid war an zwei Stellen beschädigt und hatte braungrüne Schmutzstreifen, dort hatte es vermutlich beim Klettern am Stamm gescheuert. Nun schien sie etwas zu suchen. Ka sah eine Brille im Gras liegen, hob sie auf und hielt sie dem Mädchen hin. Die Brille war riesig, mit einem dicken schwarzen Gestell. Erst jetzt schien das Mädchen Ka richtig wahrzunehmen. Offensichtlich bemerkte sie, dass Ka sie fragend musterte. Sie lächelte leicht schief. "Danke."
Ka wusste immer noch nicht, was sie sagen sollte. Das Mädchen war kleiner als Ka und bei weitem nicht so kräftig. Ka schwamm regelmäßig und lief jeden zweiten Tag 4 Kilometer. Das Mädchen wirkte, als hätte sie gerade ein Windstoß aus einer alten staubigen Bibliothek herübergeweht. Sie war einfach enorm staubig. Vor allem ihr Kleid staubte bei jeder Bewegung. Ka war sich sicher, dass unten am Kleid Reste von Spinnweben hingen. Ihre dunkelblonden Haare sahen aus, als hätte sie sie sich selbst mithilfe einer Papierschere geschnitten und dann vergessen, sich zu kämmen. Ka trug ihre hellblonden Haare kurz, sie fand, es sei eine Strafe, hellblonde Haare zu haben. Das Mädchen ihr gegenüber schien sich aber um solche Fragen keine Gedanken zu machen. Sie wirkte jünger als Ka, die bald 13 wurde.
"Ich komme von drüben." Das Mädchen zeigte auf das Nachbargrundstück. "Ich bin Lisa. Ihr seid neu hier, nicht?"
"Ich bin Katrin, aber die meisten nennen mich Ka." Ka streckte ihr die Hand hin und half ihr auf.

Lisa unternahm einen Versuch, sich abzustauben, der aber nicht sehr ernsthaft wirkte. Ka hatte den Eindruck, sie tat das nur, weil sie dachte, dass es von ihr erwartet wurde. Ka machte das nichts aus, ihr waren solche Dinge nicht wichtig. Sie selbst trug meistens eher praktische Kleidung. An diesem warmen Frühlingstag hatte sie sich für schwarze Jeans und ein grünes T-Shirt entschieden. "Was wolltest du auf dem Baum?"
Lisa zögerte, ihr war das ganze offensichtlich peinlich. Ihre Stimme klang unsicher und sie stockte zwischendurch. "Entschuldige bitte, ich habe nicht daran gedacht, dass ihr jetzt hier wohnt." Sie sah Ka schuldbewusst an. "Früher war hier nur ab und zu jemand um Obst zu ernten und die Wiese zu mähen. Der Kirschbaum beherbergt seltene Parasiten. Davon wollte ich welche holen. Es ist total schwierig, sie zu bekommen." Lisas Blick streifte durch das Gras. "Irgendwo hier müssten sie liegen. Ich hatte schon welche gefunden und eingesammelt." Nun wirkte sie wieder gefasst.
"Parasiten?" Ka erwartete mit Ekel in der Stimme, gleich auf irgendwelche glibberigen Würmer oder gar Zecken zu treten. Misstrauisch sah sie sich um.
"Ja." Auf einmal hellte sich Lisas Mine auf, sie lief zu einer Stelle, an der einige Blätter im Gras lagen und hob etwas auf.
"Da sind sie ja."
"Pflanzen?" Ka hatte irgendwelche widerlichen Tiere erwartet.
"Diese Dinger leben vom Baum, sie saugen ihn aus, es ist wirklich schwer, welche zu finden. Überall sonst werden sie mit Chemie bekämpft?"
"Wozu brauchst du sie?"
Lisa schien einen Moment lang zu überlegen. Sie sah auf einmal ganz ernsthaft aus und schaute Ka genau an. "Ich erzähl' es dir nur, wenn du versprichst, mich nicht auszulachen."
"Warum sollte ich dich auslachen?"
"Weil alle das tun, weil alle meinen, ich wäre zu alt für so was."
"Für was?"
"Ich will eine Hexe werden. Alle halten das immer nur für ein Spiel, aber es ist mir ernst. Ich probiere gerade Zaubertrünke aus und für viele Rezepte sind Bestandteile von Baumparasiten unverzichtbar. Ich muss sowieso schon immer improvisieren, weil ich Teile von toten Tieren aus Prinzip nicht verwende. Ich esse auch kein Fleisch."
"Hm." Ka wusste nicht recht, was sie denken sollte.
"Meine Ururgroßtante war auch eine Hexe." Hexerei war scheinbar Lisas Lieblingsthema.
"Eine Hexe?" Einen gewissen skeptischen Tonfall konnte Ka nicht unterdrücken.
"Ja, wir haben drüben ein Bild von ihr. Willst du es sehen?"
Ka überlegte nicht lange, interessanter als Abwaschen, eine Aufgabe, die ihre Eltern ihr auftragen würden, falls sie Ka fanden, war das allemal. Sie legte dass Buch in der Nähe des Baumstamms ab, damit sie es wiederfinden würde und zusammen mit Lisa kletterte sie durch ein Loch im Zaun auf das Nachbargrundstück.

Auch auf diesem Grundstück waren die Bäume uralt und irgendwie nicht nur die Bäume, alles wirkte uralt, selbst der Rasen. Bäume und Büsche wucherten wild durcheinander, Lisas Eltern schienen von Gartenarbeit nicht viel zu halten. Und es roch eher wie im Wald, nach einer Mischung aus Holz und Feuchtigkeit. Außerdem war es hier seltsam still, alle Geräusche schienen weit weg. Selbst das Licht der Sonne tropfte nur in kleinen Pfützen durch die dichten Wipfel.
Zur Straße hin stand eine große uralte Villa. Jedenfalls erschien sie Ka aus dem Dunkel der Bäume heraus riesengroß. Das Weiß war verwittert und hatte Risse. Die Fenster hatten große hölzerne Fensterläden, die alle aufgeklappt waren, Erker und Türmchen lugten an unterschiedlichsten Stellen aus dem Dach und die Fenster spiegelten das Licht.
Ka war begeistert.

Über einen Schleichweg, der zwischen einigen Büschen hindurch und über einen umgekippten Baum führte, erreichten sie einen kleinen Hintereingang.
Durch einen kurzen Gang, von dem noch zwei weitere Türen abgingen, kamen sie in eine altmodisch eingerichtete, aber gemütliche Küche. Einen Augenblick lang musste sich Ka an das im Vergleich zu draußen dunklere Licht gewöhnen, doch ihren Augen tat die Entspannung gut und in der Küche war es angenehm kühl. In einem riesigen weißen Holzschrank stand im oberen Teil hinter Glas das Porzellangeschirr. Ein großer Holztisch bot Platz zum Essen. Das modernste in der Küche war ein alter, klobiger Kühlschrank mit Rundungen, wie sie sonst nur Autos in alten amerikanischen Spielfilmen haben. Irgendwo raschelte es, etwas schien unter dem Schrank zu verschwinden.
"Was war das denn?"
"Sicher nur eine Maus." Lisa schaute an Ka vorbei und schien damit beschäftigt zu sein, irgendetwas zu suchen. Ka war nicht überzeugt, denn das, was unter dem Schrank verschwunden war, war blassgrün gewesen, eindeutig blassgrün, und es war kein Frosch. Aber Lisa hatte es eilig, sie weiter zu ziehen.

Von der Küche führte außer der Tür durch die sie hereingekommen waren, eine Tür in den Keller und eine Tür in einen Raum, der wohl einst als Esszimmer genutzt worden war. Heute schien ihn aber niemand mehr zu benutzen. Der große Tisch und die Stühle waren mit weißem Tuch abgedeckt.
"Wir essen immer in der Küche."
Sie gingen weiter in eine Eingangshalle, von der aus verschiedene Türen in alle Richtungen abgingen und eine geschwungene Treppe nach oben führte. Ka war sich sicher, dass die Stufen knarren würden. Es roch nach Bohnerwachs und Staub, nur das Ticken einer alten Standuhr durchbrach die Stille. Überall war es schattig und kühl, Lisa schien das zu mögen.
"Wo sind deine Eltern?"
"Ich wohne hier nur mit meinem Vater, meine Mutter wohnt mit meiner älteren Schwester woanders. Sie mag das Haus nicht. Sie findet es alt und muffig."
"Und was macht dein Vater?"
"Der ist Literaturwissenschaftler. Er erforscht alte Sprachen und alte Bücher. Bis übermorgen ist er auf einer Konferenz."
Ka hatte schon bemerkt, dass überall Bücher und Zeitschriften herumlagen, mit vielen kleinen Zetteln versehen, die zwischen den Seiten steckten.
"Dann bist du hier ganz alleine?"
"Mein Vater bezahlt noch eine Frau dafür, dass sie ab und zu putzt und den Haushalt in Ordnung hält. Aber ich koche mir meistens selber was."
Ka schwankte ein bisschen, ob sie Lisa beneiden sollte für ihre Freiheiten, oder ob sie nicht doch lieber mit beiden Eltern zusammen wohnte. Lisa zog sie schon wieder am T-Shirt. "Aber komm, das Beste hast du noch gar nicht gesehen."

Eine der Türen an der Rückseite der Eingangshalle führte in eine große alte Bibliothek. Der Raum lag in der Mitte des Hauses mit großen Fenstern nach hinten hinaus. Hier war es heller. Die Sonne wärmte den Raum und durch die geöffneten Fenster wehten Vogellärm und der Geruch des Frühlings herein. An den Wänden erstreckten sich bis unter die Decke Regale mit Büchern, einige davon wirkten noch wesentlich älter als das Haus. An einer Wand lehnte eine fahrbare Leiter und zum Fenster hin standen große bequeme Sessel. In einer Ecke fiel Ka ein alter Globus mit seltsam klingenden Namen in einer unbekannten Sprache auf.
"Das ist lateinisch, das wurde im Mittelalter von den Gelehrten gesprochen." Lisa hatte sich in einen der Sessel geworfen und beobachtete, wie Ka staunend den Raum betrachtete, dann stand sie auf, setzte sich auf einen Tisch am Fenster und zappelte mit den Beinen. Ein altes Fernrohr auf einem Stativ blinkte neben ihr im Sonnenlicht.
"Das ist aber noch nicht alles." Lisa schien es zu genießen, dass Haus jemandem zeigen zu können. So oft bot sich dafür wohl auch keine Gelegenheit. Ka betrachtete immer noch die Bücher, es mussten Tausende sein. Lisa dirigierte sie zu einem kleineren Regal an der rechten Seite des Raumes, sie zog zwei der Bücher heraus und fasste durch den Spalt. Dazu musste sie sich auf die äußersten Zehenspitzen stellen, doch im nächsten Moment klappte das Regal zur Seite. Es war eine Tür.

"Komm, ich hatte dir doch versprochen, dir ein Bild meiner Ururgroßtante zu zeigen."
Ka zögerte einen Augenblick lang. Um ein solches Haus mit Geheimräumen zu bauen, mussten Lisas Vorfahren mindestens genauso seltsam gewesen sein wie Lisa. Durch die Tür sah sie weitere Bücher, die aber noch älter und irgendwie gefährlich wirkten.
"Komm!" Lisa war schon vorausgegangen.
Auch der geheime Raum war eine Bibliothek, nur sehr viel kleiner, eine kleine alte metallene Wendeltreppe führte nach oben und unten.
"Das ist die geheime Bibliothek meiner Ururgroßtante."
Ka schauderte und erwartete fast jeden Moment die Ururgroßtante eintreten zu sehen, um dann irgendwelche schrecklichen Dinge mit Ka zu tun. Aber der Raum war wunderschön, die Sonne schien hier fast heller als draußen unter den Bäumen.
In den Lichtstrahlen tanzten einige wenige Staubfädchen in der Luft. Die Luft war klar und es roch nach frischem Grün. Das Fenster stand halb offen, und auch hier waren die Vögel zu hören. In einer gemütlichen kleinen Leseecke stand ein Glas mit einem Löffel, Milch und Kakao. Auf dem Tisch in der Leseecke lagen in einem wilden Stapel Comics und uralte Bücher durcheinander.
'Zauberei in der Abtei' war die Überschrift eines Comics. '11 Wege zur Umwandlung von Gold in Blei', stand auf einem der Bücher in kaum zu entziffernden Buchstaben. Ka konnte Fraktur, die alte deutsche Druckschrift, zum Glück lesen.
"Wozu willst du Gold in Blei verwandeln?"
"Das ist einfacher als umgekehrt und ich fange ja erst an. Bisher hat aber auch das noch nicht funktioniert." Lisa seufzte.
Als Ka das Bild von Lisas Ururgroßtante sah, dass gegenüber dem Fenster an der Wand hing, musste sie über ihre Befürchtungen lachen. Lisas Ururgroßtante sah Lisa erstaunlich ähnlich. Eine relativ kleine Frau mit einer Frisur, die so aussah, als hätte sie vergessen, sich zu kämmen. In einem etwas zu großen Kleid mit leichten Brandspuren blickte sie lachend aus dem Bild in den Raum. In ihrem Arm hielt sie offensichtlich ein altes magisches Buch mit Runen auf dem Buchdeckel, vor ihr auf dem Boden zu ihren Füßen waren noch einige Tiegel und ein Mörser abgebildet und ein seltsames Lebewesen, das sich wie eine Mischung aus Gespenst und kleinem Känguru ausnahm.
Ka schaute sich weiter um.

Auf einem Lesepult lag ein großer Foliant aufgeschlagen, ein Buch so hoch und breit wie ihr Schulatlas, nur viel dicker, mit schweren, etwas steifen Seiten, zwischen denen teils ganzseitige Drucke eingebunden waren. Der Einband war, obwohl er sehr stabil aussah, abgegriffen, so als wäre das Buch häufig in Verwendung. Ka linste neugierig auf die aufgeschlagene Seite, sie sah Lisa an, die etwas verloren in der Leseecke saß. "Darf ich?"
"Klar, schau dir an, was du möchtest."
Angestrengt entzifferte Ka die Inschrift auf dem Einband, 'Verzeichnis der Unterweltbewohner, Nachtwesen und Geister - aktualisierte Fassung 30.2.1857 -'. Der Foliant war unter 'V' - Vampirhund - aufgeschlagen, ein großer schwarzer Hund mit geblecktem Vampirgebiss blickte sie gemein als Schwarzweißdruck an. Er schien fast aus dem Buch heraus zu springen.
Ka fühlte sich schon beim Anblick des Bildes unwohl. Hätten Lisa und sie gewusst, dass draußen im Garten ein Vampirhund in der schwarzen Dunkelheit der Büsche lauerte und das Haus beobachtete, hätten sie wohl kaum so sorglos hier drinnen gesessen. Ob es der gleiche Vampirhund war, der Lisa gestern im Garten beobachtet hatte oder einer seiner Verwandten hätte niemand sagen können. Sie waren alle schwarz wie die Nacht.
Doch die beiden wussten nichts davon. Ka blätterte nach kurzem Betrachten der Zeichnung die Seite um, weitere seltsame Wesen reckten ihr die Köpfe auf Zeichnungen und Drucken entgegen. Kurz blieb ihr Blick an einer Art Vampirmeerschweinchen haften, das seine übergroßen Ohren zum Fliegen benutzte. Auf einem Bild räkelten sich einige Seejungfrauen auf Badelaken, als hätte es ihnen Spaß gemacht, für dieses Bild Modell zu liegen. Und unter dem Buchstaben 'I' starrte sie ein Irrwisch an, ein kleines, fast menschenähnliches Wesen mit Wuschelkopf, riesigen hypnotischen Augen und einer niedlichen Knopfnase. Beim Buchstaben 'K' erregte das Bild eines Lebewesens ihre Aufmerksamkeit, welches dem kleinen Gespenst auf dem Bild von Lisas Ururgroßtante glich. Es hatte einen ungewöhnlichen Namen: Kunkuru. Ka las den Text unter dem Bild:

- Kunkuru - (australischer Poltergeist)

Kunkurus sind die australische Variante des europäischen Poltergeistes. Kunkurus unterscheiden sich von ihrem europäischen Gegenstück insbesondere durch ihre Größe, sie werden maximal 12 Zentimeter groß, und dadurch, dass sie sich nur hüpfend fortbewegen können. Da sie außerdem die kleinen Nachwuchspoltergeister in einem Beutel vor dem Bauch mit sich herumtragen, sind sie beim Spuken stark eingeschränkt. Nicht selten kommt es vor, dass ein Kunkuru beim Spuken ein Junges verliert und dann schreckhaft - Kunkurus sind äußerst ängstlich - beginnt nach dem Nachwuchs zu suchen. Das Spuken wird in solchen Situationen meistens darauf beschränkt, ab und zu ein kurzes 'Buh' auszustoßen, um anschließend die Suche fortzusetzen.

An dieser Stelle war das Bild zu sehen, welches Kas Aufmerksamkeit geweckt hatte: Eine alte Lithografie mit der Abbildung eines kleinen, verschreckt dreinblickenden, hüpfenden Gespenstes. Als Ka sie betrachtete, musste sie unwillkürlich lachen.
Unter der Lithografie ging der Text weiter:

Durch die Schifffahrtsverbindungen nach Australien wurden Kunkurus auch in Europa verbreitet. Da die kleinen 'australischen Poltergeister' sich bevorzugt von Süßspeisen ernähren, haben sie sich seither vor allem in Speisekammern angesiedelt. Ein typisches Zeichen von Kunkuru-Befall ist das unerklärliche Verschwinden von Zuckerwerk und Kuchen.

Am Rand stand eine handschriftliche Bemerkung in altdeutscher Handschrift, in Sütterlin. Sie hatten das altdeutsche Alphabet zwar in der Schule gelernt, aber nur sehr oberflächlich. Mühsam entzifferte Ka die Worte:

'Die Kunkurus aus der Backstube haben sich nach der Austreibung jetzt in der Speisekammer des Bürgermeisters angesiedelt. Seine Tochter betrachtet die Geister als ihre neuen Haustiere und hat sie heimlich mit in die Schule genommen, dort haben sie dem Lehrer den Kautabak stibitzt.
Eines der Gespenster hat sich zu meinem Haustier erklärt. Das Kleine ist einfach zu niedlich, um es auszutreiben. Außerdem hilft es mir, weniger Süßigkeiten zu essen, da alles Süße blitzschnell im Gespenstermagen verschwindet. Die Mengen, die dieses kleine Gespenst verschlingt, sind erstaunlich.'


Lisa, die sah, dass Ka die Randbemerkung las, wies auf das Bild an der Wand. "Die handschriftlichen Randbemerkungen sind alle von meiner Ururgroßtante."
Ka nickte. Auf dieser Buchseite war nichts weiter zu sehen, sie blätterte willkürlich weiter nach hinten. Eine Gans streckte ihr drei mit Moder verschmierte Köpfe entgegen.

- Schliru - (Höllengans)

Schlirus, die umgangssprachlich auch als 'Höllengänse' bezeichnet werden, sehen aus wie sehr schmutzige Gänse mit drei Köpfen. Schlirus verursachen nicht nur einen Höllenlärm, weil ihre drei Köpfe dauernd miteinander streiten, insbesondere ihr Mundgeruch ist unerträglich. Der Mundgeruch von Schlirus erinnert an eine Mischung aus überlagertem Schimmelkäse, verbrannten Haaren und Erbrochenem. Der Atem einer Schliru reicht aus, um ein größeres Wohnhaus zu verpesten. Der Blick von Schlirus lässt Menschen kurzzeitig bewegungsunfähig werden. Schlirus haben außerdem die Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen. Schlirus lieben alte feuchte dunkle Keller und nisten sich am liebsten in verschimmelten Tuchresten ein.

Auch hier stand am Rand eine handschriftliche Bemerkung von Lisas Ururgroßtante: 'Einige Werwolfhaare im Stoffbeutel in den Kellerschrank legen, als Mittel gegen Schlirunester. - Das Essen von Schlirueiern hilft bei Vergiftungen durch Zombiebisse.' Ka überlegte, wie Lisas Ururgroßtante wohl an die Werwolfhaare gekommen war.

Im Folianten waren mehr als tausend unterschiedliche Geschöpfe erfasst. Nicht alle Seiten waren lesbar, ein Teil der Schrift und der Zeichnungen war verblasst und einige Seiten waren halb eingerissen. Sie blätterte noch ein wenig hin und her, Poltergeister, Werwölfe... Die Bilder waren am eindrucksvollsten. An vielen Stellen hatte Lisas Ururgroßtante Randbemerkungen eingefügt. Die Seiten waren seltsam schwer und trotzdem hatte Ka bei jedem Umblättern Angst, sie könnten unter ihren Fingern zerfallen. Sie überlegte, wieso der Foliant aufgeschlagen war. "Hast du was gesucht?"
"Ach, ich wollte nur was gucken." Auf einmal schien es Lisa wieder eilig zu haben. "Du willst doch sicher auch noch meine Hexenküche sehen, oder?"

Sie steuerte auf den nach unten führenden Teil der Wendeltreppe zu. Die alte Metalltreppe ging hier in eine noch älter wirkende schmale Steintreppe über, die sich spiralig in ein dunkles Loch nach unten wand. Ka blieb nichts anderes übrig, als Lisa zu folgen. Die Treppe hinab wurde es kühler, an einigen Stellen zerbröselte das Treppengeländer, welches hier aus morschem Holz war. Es fühlte sich an wie grobes Schmirgelpapier. Am Ende der Treppe konnte Ka kaum noch etwas erkennen, nur eine schwere Holztür.
Lisa öffnete sie mit einem großen Schlüssel. Mit einem tief quietschenden Knarren schwang die Tür auf, Ka spürte, wie sich die Härchen auf ihrer Haut aufrichteten.
Die Tür schien der einzige Zugang zu diesem Keller zu sein.

Der Kellerraum war finster, staubig, stickig und gleichzeitig eiskalt. Ka fröstelte es, sie schmeckte die staubige Luft auf der Zunge, der Staub drang ihr in die Nase, sie musste niesen. Außerdem füllte ein süßlich-fauliger Geruch den Keller. Sie sah erst einmal nur die Dinge in ihrer unmittelbaren Umgebung. Der Raum um sie herum wurde unterteilt von den Säulen des Deckengewölbes, alte Regale und Schränke mit dunklen, unübersichtlichen Ecken und dunklen Stoffabhängungen standen hier. Dann fiel ihr Blick auf einen Tisch an der anderen Seite des Raumes unter einem der beiden Kellerfenster. Der Tisch wurde vom Licht, das durch das Fenster fiel, erhellt. Auf dem Tisch stand eine Kristallkaraffe mit einer grünbläulichen Flüssigkeit, die fast von innen zu leuchten schien. Außerdem sah Ka diverse Töpfe, zwei Mörser, einen Tiegel und einige Flaschen und Karaffen mit undefinierbarem Inhalt.
Lisa schienen der Geruch und der Staub nicht zu stören. Sie war hier unten offensichtlich zu Hause. Sie lief aufgeregt zum Tisch mit der Kristallkaraffe.

Ka folgte ihr. Ein beißender Geruch stach ihr nun in die Nase und übertönte den süßlich-fauligen Geruch, der ihr vorher den Atem genommen hatte.
Lisa schüttelte die Karaffe leicht und hielt sie in einen der kleinen Lichtstreifen, die durch das Kellerfenster fielen. Sie sah Ka begeistert an und schien zu erwarten, dass Ka ihre Begeisterung teilen würde. "Ich glaube, es hat funktioniert."
"Was?" Der Geruch schien Ka durch die Nase ins Gehirn zu steigen und dort kleine, fiese Pfeile abzuschießen.
"Ich versuche gerade einen Zaubertrunk herzustellen, der dafür sorgt, dass diejenige, die ihn trinkt, anfängt, von innen zu leuchten. Willst du mal probieren? Du wärst die Erste."
Lisa schien das für eine besondere Ehre zu halten. Sie hielt Ka die Karaffe hin. Ka roch vorsichtig an der Flüssigkeit und stellte sie schnell wieder beiseite. Der beißende Geruch kam eindeutig von der Flüssigkeit. "Ich glaube, ich bleibe bei einer Taschenlampe. Was ist denn da drin?"
"Ich experimentiere vor allem mit Schimmel."
"Schimmel?"
"Ja, ich hatte schon eine ganze Sammlung, aber leider ist der Keller zu trocken. Und ich habe die Töpfe nicht regelmäßig gegossen."
Lisa ließ den Kopf leicht hängen und deutete auf ein Regal, in dem alte Marmeladengläser mit vertrocknetem, staubigem, undefinierbarem Inhalt standen.

Auf einem beschädigten Porzellanteller lag im Regal auch noch eine glibberige Masse, die nach Schuhkreme roch. Ka berührte sie leicht mit dem Finger, die Masse fühlte sich an wie eine Mischung aus Wackelpudding und Rotz. Sie wischte ihren Finger an einem alten Sack ab, der Farbe nach hätte es auch gut Rotz sein können.
"Und was ist das?"
"Eine Hexensalbe, die hilft gegen Warzen. Du kannst dir gerne was davon nehmen."
"Danke, aber ich hab´ da keine Probleme. Hast du sie schon ausprobiert?"
"Leider nein, mein Vater wollte sie nicht, obwohl ich sie extra für ihn hergestellt habe."
Ka tippte noch einmal vorsichtig die glibberige Masse an. "Was ist da drin?"
Lisa fing sofort an, mit Eifer zu erzählen. "Laut Rezept hätte ich die verquirlte Galle einer bei Vollmond gestorbenen schwarzen Katze verwenden müssen und dazu das Blut einer frisch geschlachteten Ratte, etwas zerdrückte Champignons und saure Milch. Ich verwende aber grundsätzlich keine Bestandteile von toten Tieren, also habe ich die Galle durch den Sud von in Essig zerstampften Brennnesseln ersetzt und das Rattenblut durch frisch gepressten Kirschsaft. Ich habe mich einfach an der Farbe orientiert. Das ganze habe ich dann auf kleiner Flamme mit etwas Margarine verrührt."
"Und du meinst, das hilft?"
Kas Stimme war die Skepsis anzuhören, doch Lisa schien das nicht zu bemerken. "Ich fange ja erst an. Willst du es nicht doch ausprobieren?"
"Nein danke, wieso probierst du es nicht selber aus?"
Lisa zuckte traurig mit den Schultern. "Ich habe leider keine Warzen. Und außerdem darf ich das als einzige Hexe hier leider nicht. Ich muss schließlich da sein, falls es doch mal Probleme gibt, Überempfindlichkeiten, allergische Reaktionen oder falls irgendetwas Unerwartetes passiert.
Falls mir selbst etwas passieren würde, gäbe es ja keine Hexe, die mir dann noch helfen könnte." Sie blickte traurig auf die glibberige Masse und dann auf die leuchtende Karaffe, doch dann wich ihr Trübsinn einem Lächeln. "Vielleicht treffe ich ja irgendwann einmal eine andere Hexe, dann kann ich alles selber ausprobieren."

Ka sah sich weiter um. Irgendwo klapperte etwas und an einer anderen Stelle raschelte es.
Sie dachte an Mäuse oder Ratten und dann an die Wesen aus dem Folianten. Es fröstelte sie erneut.

Das zweite Kellerfenster war fast zugewachsen und halb durch ein Regal verdeckt, nur mühsam bahnten sich einige armselige Lichtstrahlen den Weg durch die schmutzig grünen Scheiben. Sie brauchte eine Weile, um in der Tiefe des Gewölbes mehr als nur Umrisse zu erkennen. Überall hingen Spinnweben.
Der Kellerraum war halb Rumpelkammer und halb Hexenküche, überall standen Dinge herum und in einer Ecke befand sich ein weiteres Regal mit Tinkturen und Pulvern in alten Marmeladen- und in Einmachgläsern. In der Nähe des zweiten Fensters hing im Halbschatten ein Skelett und schlenkerte mit einem Arm. Das Klappern der Knochen war deutlich zu hören. Die Knochenhand schien ihr aus dem Dunkel heraus zu zuwinken. Ka zuckte zusammen. Einen kurzen Moment lang hatte sie das Gefühl, das Skelett würde sich ihr nähern. Doch es war nur der Wind, der die alten Knochen bewegte, sie spürte den Luftzug, das Fenster war undicht.
Irgendwo raschelte erneut etwas.

Beim zweiten Hinschauen im Halbdunkel erkannte Ka nun, dass viele der Dinge sehr seltsam aussahen; überall funkelten Metall und Glas in den dunklen, grünen Lichtstrahlen. Zwar stand hier auch ein alter Schlitten, doch wozu diente der alte gusseiserne Ring in der Größe eines Hula-Hoop-Reifens, der mit vielen kleinen Spiegeln versehen war? Und wozu war die metallisch glänzende Kugel mit einem Loch, das dort aber scheinbar hineingehörte, und der Würfel aus lauter Spiegeln gut? Weiter hinten standen noch andere Apparate mit vielen Rädern, Spiegeln, Linsen, metallischen Federn und verwirrenden Mechaniken.
"Das sind alles Apparate meiner Ururgroßtante, ich weiß nicht genau, wozu sie gut sind. Wenn du willst, probieren wir was aus. Irgendwo oben in den Büchern ist das meiste sicher auch beschrieben. Aber ich finde, ausprobieren geht schneller." Lisa hatte den Würfel aus Spiegeln in die Hand genommen und drehte ihn.
Doch Ka winkte ab. "Nein, lass das lieber - ein anderes Mal vielleicht." Irgendetwas beunruhigte sie daran.
"Wie habt ihr das hier alles reinbekommen?"
Enttäuscht legte Lisa den Würfel zurück in eins der alten Holzregale, dann zeigte sie auf eine Holzkonstruktion an einer der Außenwände. "Dahinter ist eine Klappe nach außen, du kennst das vielleicht von den Kellern von Wirtshäusern, da kann man alles durchreichen."

In einer Ecke im hinteren Teil des Kellerraumes sah Ka eine große Holzkiste. In der Ecke war es so dunkel, dass sie nichts Genaues erkennen konnte. Sie hatte aber kurz den Eindruck, als ob dort etwas über den Boden laufen würde. Ka ging hin, um sich das genauer anzusehen.
Auf einmal spürte sie etwas über ihr Hand laufen, irgendetwas krabbelte auf ihr herum. Überall sah sie auf einmal Spinnen, kleine schwarze Spinnen, überall auf dem Boden, auf ihren Hosenbeinen, und Spinnen, die an ihr hochkletterten.
"Vorsicht, beweg´ dich nicht, du trittst sie sonst tot!" Das war Lisas Stimme, die ihr gefolgt war. "Du darfst Ihnen nichts tun! Ich ziehe sie hier groß."
Es wäre sicher eine Übertreibung, zu sagen, dass Ka Spinnen mochte, aber sie hätte niemals zugegeben, dass sie Angst vor Spinnen hatte. Sie blieb einfach wie festgefroren stehen, das fiel ihr nicht schwer. Lisa beeilte sich die Spinnen von Ka abzusammeln. Zum Glück war Lisa sehr routiniert im Spinneneinsammeln. Sorgsam verfrachtete sie die Tiere in die große Holzkiste zurück. "Ich versuche, sie zu dressieren, aber sie büxen immer wieder aus."

Kurz glaubte Ka wieder etwas Blassgrünes zu sehen, das sich bewegte, weiter hinten unter einem Regal. Aus der Entfernung sah sie nur etwas altes verfaultes Gemüse, doch sie entschloss sich, dieses nicht genauer zu untersuchen. Für den Moment hatte sie genug von krabbelnden Überraschungen. Außerdem hat sie genug von diesem Gewölbe, sie brauchte frische Luft. Hier schien der kalte Staub in der Luft zu stehen, kein Wunder das Lisas Kleid so schmutzig war. Sie sah Lisa an. "Ich muss leider langsam los."
Lisa nickte enttäuscht, nahm aber noch eine Flasche mit dunkler Flüssigkeit mit nach oben.

An der schweren Tür in der Ecke eines Regals fiel Ka noch ein alt aussehendes, großes Einmachglas mit einem schwach weiß leuchtenden Pulver auf.
Das Glas war etwas länglicher als gewöhnliche Einmachgläser und der Deckel lag nicht flach auf, sondern fasste in einen Glaswulst an der Oberkante hinein. Das Glas selbst war leicht grünlich und im Glas war ein Siegel eingeprägt.
"Was ist das?"
"Gespensterpulver, das ist von meiner Ururgroßtante, damit kann man laut ihrer Beschreibung unsichtbare Geister sichtbar machen, aber nur kurz." Ka schaute ungläubig, aber Lisa schien das ganz normal zu finden. Sie lächelte Ka schüchtern an. "Wir können noch auf den Dachboden gehen und die Beine in der Luke nach draußen baumeln lassen, da hast du einen tollen Ausblick. Falls du Lust dazu hast."
Ka hatte eigentlich gehen wollen, aber sie merkte, dass Lisa gerne wollte, dass sie noch blieb, also stimmte sie zu.

Die alte metallene Wendeltreppe in der Bibliothek führte in einer engen Spirale durch einen finsteren, runden, steinernen Schacht ohne Fenster am ersten Stock vorbei weiter nach oben. Lisa ging vorweg.
Ka tippte Lisa auf die Schulter, "Habt ihr keine Lichtschalter?"
"Fledermauspisse, das habe ich vergessen." Lisa klang zerknirscht. "Hier gibt es kein Licht, aber ich kann Kerzen besorgen. Tut mir leid, ich bin unaufmerksam, ich kenne hier jeden Winkel und finde mich ohne Kerzen zurecht. Geht es?" Ka nickte, obwohl Lisa das nicht sehen konnte. "Ist schon gut."
Die Treppe ging von der Metalltreppe in eine Steintreppe über und dann in eine Holztreppe. Ka spürte das eher, als dass sie es sah. Sie endete in einem alten Schrank aus rohem Holz. Als sie heraustrat, blendete sie einen kurzen Augenblick lang die Helligkeit. Sie stand auf dem Dachboden neben einem Schornstein, hinter ihr die Geheimtreppe. Von außen war nur der alte Schrank zu sehen.
Der Dachboden war riesig und sicher im Giebel fünf Meter hoch und doch stand fast alles voll. Hinter alten Möbeln lagen Matratzen und alte Koffer, dazwischen Kartons, Schachteln, Holzteile, ein halbes Fahrrad, alte Bilder und vieles, was auf den ersten Blick nur schwer zu erkennen war.
Durch Dachluken, Erker und Seitenfenster fiel das Licht herein und durchdrang die Schatten. Insekten schwirrten umher.
Plötzlich sah sie sich selbst verschwommen und völlig verzerrt. Zwischen den Bildern stand ein alter, fleckiger Hohlspiegel. Einen Augenblick lang schnitten Lisa und sie lachend Grimassen. Dann zog Lisa sie weiter.

Unweit von ihnen war eine Luke mit einem Balken, der nach draußen führte, und an dem früher Güter hochgezogen worden waren. Vor der Luke war auf dem Dachboden ein größerer freier Raum.
Sie öffneten die Luke, setzten sich an die Kante und ließen die Beine herabbaumeln.

Ka genoss erst einmal die Sonne und die frische Luft. Es wurde schon Abend, ewig konnte sie nicht mehr bleiben. Sie konnte in den Garten ihres Hauses hinüberblicken. Ihr Vater nahm gerade die Wäsche von der Leine ab. Auch der hintere Teil des Gartens war von hier aus zu sehen. Die Bäume warfen lange Schatten, Mauersegler jagten Mücken. Am Himmel waren jetzt einige Wolken aufgezogen. Der Ausblick war wirklich gut. Ka reckte sich und sog die Luft ein. Lisa saß neben ihr und freute sich darüber, nicht allein zu sein.

Beide ahnten nichts von dem tiefschwarzen Hund der Nacht, der immer noch unten in der Finsternis der Büsche lauerte und sie beobachtete. Woher hätten sie auch davon wissen sollen?

Ka dachte über Lisa und ihr Leben hier in diesem Haus nach. "Vermisst du deine Mutter gar nicht?"
"Nein, sie meint immer nur, dass es Zeit wäre, dass ich erwachsener würde. Und dann will sie immer, dass ich mich mal schick anziehe. Und sowieso soll ich mehr mit Freundinnen und Jungs unternehmen und nicht immer nur hier rumwühlen. Ich soll mehr mit anderen machen. Sie versteht einfach nicht, dass ich eine Hexe bin."
Ka nickte. "Meine Mutter will auch immer nur, dass ich mal mein Zimmer aufräume oder im Garten helfe oder für die Schule lerne und die wirklich wichtigen Dinge sind ihr egal. Ich will was erleben, irgendetwas Ungewöhnliches, und nicht Rasen mähen. Was ist mit deiner älteren Schwester?"
"Tine - eigentlich heißt sie Christine - aber alle nennen sie Tine. Manchmal ist sie ganz okay. Aber sie ist fast vier Jahre älter als ich und alles, was ich mache, ist für sie Babykram. Sie interessiert sich zurzeit nur dafür abends wegzugehen, zu tanzen und zu trinken, aber das ist meiner Mutter nun auch wieder nicht recht. Ab und zu kommt Tine vorbei und versucht, mich zu überzeugen, mir eine neue Frisur zuzulegen oder andere Kleider anzuziehen, in letzter Zeit aber kaum noch. Dabei haben wir hier ganze Schränke voller Kleider. Wozu brauche ich da neue?"
Beide ließen sie eine Weile nur ihre Beine baumeln und schauten in die Wolken, die langsam über den Himmel zogen, wahrscheinlich mussten sie auch zum Abendessen, dachte Ka kurz und musste wieder lachen.

Auf einmal fühlte sie sich beobachtet, sie wusste nicht genau, warum. Lisa schien nichts bemerkt zu haben. Dann sah Ka auf der Kastanie im Garten ihrer Eltern eine Bewegung. Ein Mädchen kletterte den Baum hoch, es schien ihr leicht zu fallen, wie einer Katze, und dann sah sie herüber. Das konnte nur Sara sein. Sara machte irgendwelche Zeichen, aber Ka konnte nichts Genaues erkennen.
"Können wir uns das Fernrohr aus der Bibliothek ausleihen und hier oben aufbauen? Da drüben auf dem Baum ist eine Freundin von mir und gibt uns irgendwelche Zeichen."
"Das Fernrohr aus der Bibliothek darf ich nicht herumschleppen, es ist zu alt. Aber", Lisa dachte einen Augenblick lang nach, "hier oben liegt irgendwo auch noch ein Fernrohr. Warte einen Moment."
Lisa verschwand zwischen einigen Schränken und anderem Gerümpel. Ka winkte Sara zu. Hinter sich hörte sie ein Krachen und Lisas Fluchen: "Hundekot, verdammter." Irgendetwas war umgekippt. Aber dann zwängte sich Lisa wieder zwischen den Schränken hervor, triumphierend schwenkte sie einen langen, runden Gegenstand über dem Kopf. Auch dieses Fernrohr in einer Lederschatulle war schon relativ alt. Lisa zog es vorsichtig aus der Hülle. Es sah aus wie die Fernrohre in alten Piratenfilmen. Das Messing glänzte fleckig im Sonnenlicht. Lisa zog das Fernrohr, das in zusammengeschobenem Zustand in der Lederschatulle aufbewahrt wurde, auseinander. Sie kniff ihre Augen zusammen. "Wo ist denn deine Freundin?"
Selbst mit Brille schien sie nicht besonders gut zu sehen. Sie gab Ka das Fernrohr.
Jetzt war Sara gut zu erkennen, sie lag mehr auf einem Ast, als dass sie stand. Saras Zeichen sollten wohl die Frage darstellen, ob sie auch herüberkommen sollte. Jedenfalls interpretierte Ka das so. Aber wie sollten sie ihr antworten? Sie fragte Lisa, ob Sara auch herüberkommen könnte. Lisa war sofort einverstanden, sprang auf und ab und wedelte mit den Armen. Ka war sich nicht sicher, ob Sara das verstehen würde, doch die war bereits dabei, vom Baum zu klettern.
Dann konnte sie sie nicht mehr sehen, nur noch Blätter und Zweige von Bäumen und Büschen, welche die Sicht versperrten.

Kurz darauf stand Sara schon unter der Luke und sah herauf. Lisa erklärte ihr den Weg zur Hintertür. Der Dachboden hatte noch einen unabhängigen Zugang zum Garten, eine schmale Holztreppe, die als Fluchttreppe im Brandfall angelegt worden war, aber in erster Linie zum Transport von Sachen auf den Dachboden genutzt wurde. Die Treppe mündete hinter einer der Türen auf dem rückwärtigen kurzen Gang, der zur Küche führte. Diese Treppe nahm Lisa jetzt, um Sara hereinzulassen. Kurz darauf kamen Sara und Lisa die Treppe wieder hinauf.
Ka begrüßte Sara: "Hallo, Lisa wohnt hier, sie hat mir das Haus gezeigt. Es ist", sie zögerte kurz, "beeindruckend."
"Hallo."
Sara trat an den Rand der Luke. Selbst Sara, die schwer zu begeistern war, genoss den Ausblick. Doch dann drehte sie sich zu Lisa um. "Zeigst du mir auch das Haus?"
Lisa zögerte kurz, doch dann siegte ihre Begeisterung darüber, noch jemandem alles zeigen zu können. Sara sah Ka an. "Kommst du mit?"
Ka schüttelte den Kopf, sie dachte an die Spinnen. "Nein, macht nur, ich habe ja schon alles gesehen. Ich warte hier."
Lisa zeigte Sara die Geheimtreppe im alten Holzschrank. Neugierig folgte Sara ihr.

Ka ließ weiter die Beine baumeln und in ihrem Kopf tanzten Bilder umher. Zuerst dachte Ka an Sara.
Sara war ihre einzige Freundin hier, sie kannte sie schon von früher, bevor sie hierhergezogen waren. Ihre Mutter hatte irgendwie beruflich mit Saras Großmutter zu tun und hatte Sara irgendwann angeschleppt, weil sie meinte, Sara bräuchte Freundinnen und ihre Tochter Ka sei da genau die Richtige. Außerdem ging Sara in dieselbe Schule. Ka war zuerst gar nicht angetan von der Idee. Doch sie hatte schnell gemerkt, dass Sara anders war, als sie auf den ersten Blick vermutet hatte. Mit ihren langen Haaren und dem schmalen Körper wirkte sie auf den ersten Blick verletzlich und zart. Doch genauso wie Ka bevorzugte Sara praktische und sportliche Kleidung, meistens trug sie wie Ka Hosen. Und obwohl Sara etwas kleiner und schmaler war als Ka, war sie schneller und konnte fantastisch klettern, außerdem entging ihr selten etwas. Und sie war unglaublich taff. Sie hatten zusammen einiges gemacht, was ihre Eltern besser nie erfuhren.
So waren sie nachts nur mit einem Seil auf das Schuldach geklettert und hatten dort mit weißer Farbe 'Dauerurlaub für Frau Matuschek' hingeschrieben, nachdem die Mathematiklehrerin ihnen beiden eine Fünf verpasst hatte. Sara war irgendwie an der Regenrinne hochgeklettert und hatte dann das Seil zu ihr herunter geworfen, später hatte Sara das Seil wieder gelöst. Da sie zu den Jüngeren gerechnet wurden und Mädchen waren, hatte sie nie jemand verdächtigt.
Für Sara war kein Zaun zu hoch. Und sie schien sich im Dunkeln am wohlsten zu fühlen. Nur mit der Angewohnheit, sich anzuschleichen, ärgerte sie Ka immer wieder. Mit ihren langen schwarzen Haaren und grünen Augen wirkte Sara manchmal auch etwas unheimlich, vor allem wenn sie sich wieder einmal angeschlichen hatte, und plötzlich hinter einem stand. Dazu kam, dass sie sich ab und zu völlig zurückzog und in sich verschloss. Sie konnte stundenlang schweigen. Wahrscheinlich lag das an Saras Leben mit ihrer Großmutter.
Ihre Eltern waren bei einem Verkehrsunfall getötet worden. Sie wohnte in einem Haus etwas abseits in einer Gartenkolonie. Das Haus war eher eine ausgebaute Gartenlaube. Und die Großmutter war reichlich streng, insbesondere hatte Ka bemerkt, das sie Sara regelmäßig einschloss. Ungefähr alle vier Wochen war Sara nicht erreichbar und durfte dann auch einen Tag nicht zur Schule. Ka war einmal trotz des Verbots vorbeigegangen und hatte geklingelt. Die Großmutter hatte Ka an der Schulter gefasst und sie praktisch vom Grundstück geschubst.
Angeblich war Sara krank, aber Ka glaubte das nicht. Sara selbst ging einfach weg, wenn sie danach gefragt wurde. Sie schien dann manchmal fast ängstlich, und das war Sara sonst nie. Ka kannte kein tafferes Mädchen als Sara.

Inzwischen waren sie beide enge Freundinnen. Da Sara hier in der Nähe wohnte, sahen sie sich jetzt sogar öfter als früher. Geschwister hatte Sara keine. Sie selbst zum Glück auch nicht. Das hätte ihr noch gefehlt, dass sie sich um irgend so eine kleine Kröte kümmern müsste oder noch schlimmer ein großer Bruder, der versuchte, ihr Vorschriften zu machen. Darauf konnte sie gut verzichten. Obwohl, vielleicht wären Geschwister für Sara gar nicht schlecht gewesen, dann wäre sie nicht so allein.

Doch ihre Gedanken an Sara wurden immer wieder von den Bildern des heutigen Tages überlagert. Ihr kam der Foliant in den Sinn, das 'Verzeichnis der Unterweltbewohner, Nachtwesen und Geister'. Was wohl ihre Eltern von so etwas halten würden? Sie war sich sicher, dass sie alles als Spinnerei abtun würden.
Ihre Eltern waren beide extrem rational und pragmatisch, außerdem hatten sie eigentlich nie Zeit. Ihre Mutter arbeitete als theoretische Physikerin, abends saß sie oft noch am Computer, auf dem Bildschirm waren dann Kolonnen komplizierter Gleichungen zu sehen. Ihr Vater entwarf Windkrafträder und in seiner freien Zeit engagierte er sich auch noch beim BUND, dem Bund für Umwelt und Naturschutz, für den Schutz bedrohter Tierarten. Er hatte schon oft versucht, sie zum Mitmachen zu überreden. Zum Bau von Krötentunneln oder so was. Aber Kröten fand sie einfach nicht interessant. Die Wesen aus dem Verzeichnis, das war etwas anderes. In ihrem Kopf nahm langsam eine vielleicht verrückte, aber geniale Idee Form an. Jedenfalls fand sie selbst sie genial.
Aber was würden die beiden anderen dazu sagen? Was dachte wohl Sara überhaupt über Vampire, Geister und Untote? Wahrscheinlich würde sie sie spöttisch auflaufen lassen und sich längere Zeit über Ka lustig machen.

Als Lisa und Sara zurückkamen, wirkte Sara seltsam nachdenklich. Lisa hatte beobachtet, wie Sara unauffällig im Folianten geblättert hatte, um an einer Stelle zu verweilen, danach war sie seltsam still gewesen, auch im Keller. In einer solchen Stimmung hatte Ka sie bisher nur an den Tagen, bevor sie nicht zur Schule kam, gesehen. Ka blickte Sara an. "Na?"
Sara sagte erst einmal nichts, sie setzte sich mit angezogenen Knien in die Nähe der Luke, dann schaute Sara die beiden anderen an. "Glaubt ihr an Untote?"
Lisa nickte nur, schien etwas sagen zu wollen, unterließ es dann aber. Ka wusste nicht, was sie sagen sollte. "Und du?"
Sara sah ihr direkt in die Augen. "Ich weiß, dass es sie gibt."
Ka schluckte trocken, damit hatte sie nicht gerechnet.
"Woher?"
"Ich weiß es."
Ka kannte Sara gut genug, um zu wissen, dass weitere Fragen zu nichts führen würden. Sie war offensichtlich die Einzige hier, die sich nicht sicher war, dass es solche Geschöpfe gab, wieso auch immer.
Sie schwiegen eine Weile.

Ka musste allen Mut zusammennehmen, vielleicht konnte sie Lisa und Sara von ihrer Idee überzeugen: "Ich habe da eine Idee."
"Eine Idee? Das bringt uns meistens in Schwierigkeiten." Aber Sara lächelte, als sie dies sagte. Lisa war ohnehin von ihren Gästen begeistert. Also hatte Ka ihre volle Aufmerksamkeit.
"Wieso gründen wir nicht eine Schutzgemeinschaft für Geister und so? Als Hauptquartier könnten wir doch den Dachboden hier nutzen. Ich meine", beide blickten Ka fragend an, die jetzt einfach weiterredete: "ich meine, die ganzen Geschöpfe in dem Folianten, die haben wir doch noch nie gesehen. Das heißt doch, die sind scheinbar alle vom Aussterben bedroht. Wir könnten Plätze für sie anlegen, an denen sie wieder Möglichkeiten finden, sich zu vermehren und an denen sie Nahrung finden. Mein Vater macht das auch so, aber nur mit langweiligen Kröten. Aber wir könnten doch diesen Geschöpfen helfen. Eine Art Bund zum Schutz der Unterweltbewohner, Nachtwesen und Geister."
"BUNG", sagte Sara nur trocken.
Lisa wirkte unsicher. "Aber sind diese Wesen nicht gefährlich? Einige sind sicher niedlich", Lisas Blick schien bei diesen Worten auf irgendetwas gerichtet zu sein, "aber die anderen." Sie zitterte leicht. "Das mit dem Dachboden als Hauptquartier wäre aber okay."
"Ach was!" Ka wischte den Einwand mit einer Handbewegung weg. "Das ist sicher wie mit den Wölfen. Mein Vater sagt immer das ist Propaganda, in echt sind die gar nicht gefährlich. Nur wenn sie nichts zu fressen finden. Die brauchen nur die richtige Umgebung. Nur, die hat der Mensch zerstört.
Sicher, einige Tiere finden auch neue Lebensmöglichkeiten, z.B. in der Großstadt. Die Tiere, die sich der menschlichen Umgebung anpassen, werden Kulturfolger genannt, z.B. Waschbären oder Amseln. Da viele überwiegend nachtaktiv sind, wissen die meisten Menschen das gar nicht. Das gilt sicher auch für einige Unterweltbewohner, Nachtwesen und Geister, aber anderen geht häufig einfach die Nahrungsgrundlage oder ihr Rückzugsraum verloren.
Wo gibt es zum Beispiel noch baufällige Schlösser oder verrottete Friedhöfe? Für die müssten wir Ersatz schaffen oder die Geister umsiedeln.
Und - wir müssen ja nicht gerade damit anfangen, Vampirhunde in unserem Garten anzusiedeln." Mit Unbehagen dachte sie an das Bild im Folianten, ohne zu wissen, dass genau in diesem Moment der Blick eines Vampirhundes starr auf das Haus und die drei gerichtet war. "Die meisten der Geistertiere sind sicher ganz harmlos."
Lisa schien langsam überzeugt zu sein. Hätte Ka in ihren Kopf schauen können, hätte sie gesehen, dass Lisa an etwas ganz bestimmtes dachte, an etwas kleines Blassgrünes.

Sara war da praktischer und skeptischer. "Das ist ja schön und gut, nur wie willst du sie finden? Ich meine, bisher hast du doch auch noch keine gesehen."
"Ich dachte, wir finden vielleicht in Lisas Büchern Informationen."
"Ich habe da eventuell noch was viel besseres." Lisa schien jetzt fast überzeugter zu sein als Ka.
"Was?"
"Ich habe mal einen Untot-Detektor im Keller unter den Sachen meiner Ururgroßtante entdeckt."
"Einen was?"
"Einen Detektor für untote Wesen."
"Und, hast du was gefunden?"
"Nein, er ist wohl kaputt, aber vielleicht kann eine von euch ihn reparieren, bei mir gehen komplizierte Apparate nur immer noch weiter kaputt. Er liegt unten in der Küche, ganz hinten auf dem Küchenschrank."
"Woher weißt du dann, was das ist?"
"Meine Ururgroßtante hat ihn in ihren Aufzeichnungen beschrieben. Damals hat der Apparat laut ihr auch noch funktioniert."
Eigentlich war es schon zu spät, Kas Eltern warteten mit dem Abendessen, aber das Gerät wollten sie sich unbedingt noch ansehen.

In der Küche musste Lisa erst einen Hocker an den Schrank schieben und dann auf das untere Schrankteil klettern, um oben auf den Schrank greifen zu können. Vorsichtig zog sie einen messingfarbigen, metallenen Gegenstand vom Schrank, ungefähr so groß wie ein Walkman.
Ka sah sich das Gerät an, es wirkte wie eine alte mechanische Uhr mit einigen Drähte und einer Antenne. Möglicherweise waren nur einige Drähte locker oder so etwas. Unter einem Glas war ein Zeiger über einer Skala, der Zeiger schlug vermutlich aus, falls Untote in der Nähe waren. Sie überlegte: "Ich frage meine Mutter, die hat Feinmechanikerwerkzeug. Falls sie mal Zeit hat, bastelt sie an alten Uhren."
"Aber was sagst du ihr, was das ist?"
"Na, ein altes mechanisches Messgerät. Ich hoffe, sie sieht, was vielleicht locker ist. Darf ich es mitnehmen?"
"Klar."
Sara sah auf ihre Uhr. "Wir müssen los."
Ka sah beide an. "Treffen wir uns morgen wieder hier, um 15 Uhr?"
"Sicher, die Tür unten zum Gang lasse ich morgen offen."
Sara nickte ein "Ja."

Sie und Ka und mussten jetzt aber schleunigst los. Doch Lisa hielt sie noch kurz auf. "Halt, wartet bitte noch einen kurzen Augenblick lang, ich finde wir müssen die Gründung von BUNG wenigstens ein bisschen feiern." Lisa hatte die Flasche mit der dunklen Flüssigkeit aus dem Keller mit in die Küche genommen. Ka und Sara waren beide nahe daran, eine Ausrede zu suchen. Aber Lisa hatte schon drei kleine Gläser gefüllt.
"Keine Angst, das ist kein Zaubertrunk, sondern Schwarzer Johannisbeersaft gemischt mit Apfel."
Vorsichtig probierten Ka und Sara, es schmeckte hervorragend. Lisa hob ihr Glas. "Auf BUNG!"
"Auf BUNG!"
"Auf BUNG!"









- Kapitel 2 'Kolja' -


Als Ka am nächsten Nachmittag die schmale Treppe zum Dachboden hochstieg, waren die beiden anderen schon da. Lisa saß auf einem alten, verstaubten Tisch und schlenkerte mit den Beinen. Sie trug ein neues altes Kleid, das aber auch schon wieder recht staubig war. Sara saß an der Luke und wirkte halb desinteressiert. Aber Ka wusste genau, dass auch sie neugierig war. Lisa ließ sich vom Tisch gleiten und kam Ka entgegen. "Hat deine Mutter Zeit gehabt? Hat sie die Fehler gefunden?"
"Sie war total neugierig und hat bis spät nachts daran herum gebastelt. Sie hat mich bestimmt zehn Mal gefragt, was das eigentlich messen würde, dann musste ich ins Bett. Heute morgen hat sie mich noch mal gefragt. Ich wusste schon nicht mehr, was ich ihr antworten sollte. Zum Glück hat sie dann die Fragerei aufgegeben."
Ka seufzte. "Aber dafür muss ich jetzt das Unkraut zwischen dem Gemüse herausziehen. Ihr könnt mir dabei helfen."
Besonders begeistert sahen auch Sara und Lisa nicht aus beim Gedanken ans Unkrautjäten.

Sara blickte auf den Apparat in Kas Hand. "Hat deine Mutter ihn repariert?"
Ka nickte. "Ich glaube, ja. Sie hat einige Kupferdrähte wieder befestigt, einen neuen Draht eingezogen, zwischen zwei Kontakten, die nicht mehr verbunden waren, und die Mechanik überprüft und geschmiert. Zum Schluss war sie überzeugt, dass das Gerät jetzt fast wieder im Originalzustand ist, nur mit dem Draht war sie sich nicht sicher, wie dick er sein muss und ob sie das richtige Material verwendet hat." Nachdenklich fügte sie hinzu: "Elektrisch macht das wohl einen Unterschied. Weil alle anderen Kontakte verbunden waren, ist meine Mutter davon ausgegangen, dass auch die beiden nicht verbundenen Kontakte ursprünglich verbunden waren. Ganz im Inneren des Apparates hatte sie mir dann noch einen Bergkristall gezeigt, der halb in einen Stein eingeschlossenen war."
Nach einer kurzen Pause fuhr Ka grinsend fort: "Wozu das alles gut sein soll, hatte sie aber nicht entschlüsseln können. Am liebsten hätte sie wohl selber noch mit dem Apparat experimentiert, aber ich habe darauf bestanden, ihn heute wieder mitzunehmen."

"Und funktioniert er?" Lisa konnte es kaum erwarten, den Apparat zu benutzen.
"Bisher passiert gar nichts." Ka hatte den Apparat erst auf Lisa und dann auf Sara gerichtet. "Ihr beide seid zumindest ganz normal lebendig, aber vielleicht funktioniert der Apparat auch nur nicht. Hier unten am Apparat sind übrigens noch zwei kleine Rädchen, mit denen können wir wahrscheinlich die Feineinstellung des Detektors vornehmen. Jedenfalls meint das meine Mutter."
Sara sah sich den Apparat noch einmal genau an, und drehte ihn in alle Richtungen. Aber der Zeiger schlug nicht aus. Ka war enttäuscht. Nur Lisas Gesichtsausdruck wirkte fast erleichtert, da sie hinter den beiden stand, konnten Sara und Ka das aber nicht sehen. Etwas unsicher zupfte sie sich am Kleid.
"Lasst uns erst mal einen Kakao trinken, ich lade euch ein."

Gemeinsam gingen sie nach unten in die Küche und Lisa schenkte allen Kakao ein. Sie hatte eine große Menge in einer Karaffe im Kühlschrank stehen. Ka glaubte wieder etwas Blassgrünes unter dem Schrank zu sehen und ihr war, als ob kurz der Zeiger ausgeschlagen hätte, außerdem hatte sie ein Rascheln gehört. Sie wollte gerade dazu etwas sagen, als Sara ihre Gedanken unterbrach: "Ich muss noch Gemüse einkaufen auf dem Markt am Kanal, wir können da genauso gut mit der Suche anfangen wie irgendwo anders."
Ka vergaß das Rascheln; zwar war sie nicht ganz überzeugt, sie konnte sich keine Nachtgeschöpfe auf dem Markt vorstellen, aber was machte das schon? Das Wetter war immer noch schön und draußen war es angenehm warm. "Dann lasst uns gehen."
Lisa nickte. "Gut"
Lisa war zwar froh, das Haus zu verlassen, aber von der Idee, auf dem Markt zu suchen, war sie nicht begeistert. In ihren Gedanken formte sich wieder das Bild kleiner, blassgrüner Geschöpfe, aber das war ihr Geheimnis, zumindest noch. Doch sie ließ sich nichts anmerken. Da sie nicht wusste, was sie sagen sollte, hatte sie zugestimmt. Ka und Sara bemerkten nur, dass sie etwas unsicher lächelte, dachten darüber aber nicht weiter nach.
Sie stellten die Gläser in die Spüle und liefen den Weg ums Haus herum zum Vordereingang, von da führte ein Pfad zur Straße.
Keine von ihnen bemerkte die dunkelrot glühenden Augen, die ihnen aus dem schwarzen Dunkel eines großen Busches heraus nachsahen, als sie den Garten durchquerten.

Auf der Straße war niemand zu sehen. Ka fand es fast unheimlich still für einen Nachmittag in der Stadt.
Nur der Wind war zu hören.
Ein Eichhörnchen lief über den schwarzen Asphalt und sah sie kurz an. Als sie sich näherten, rümpfte es die Nase und verschwand in einem Vorgarten. Sie lachten.
Lisa war die ganze Zeit so aufgeregt, dass sie mehr hüpfte als ging.

Der Markt war nicht weit. An einer Straßenecke begegnete ihnen ein junges Paar mit Kinderwagen. Ka überprüfte sie unauffällig mit dem Untot-Detektor. Die drei waren aber alle lebendig, auch das Kleine im Kinderwagen.
Lisa blickte dem Kinderwagen nach. "Ganz kleine Kinder sehen fast aus wie Marsmenschen."
Sara verdrehte die Augen: "Sicher."
Lisa ließ sich davon aber nicht abschrecken. "Ich habe einmal eine Fernsehdokumentation darüber gesehen."
Sara grinste. "Über Kinder?"
"Nein, über Marsmenschen, die haben auch so einen großen Kopf."
Sara schüttelte den Kopf. "Es gibt keine Marsmenschen."
Lisa sah Sara mit großen Augen an. "Ich weiß, aber wieso sehen dann nicht-existente Marsmenschen aus wie kleine Kinder?"
Darauf wussten weder Ka noch Sara eine Antwort.
Einen Augenblick lang schwiegen alle.
Dann kamen sie zum Markt.
Ein Auto hupte sie an, als sie die Straße überquerten. Ka verlangsamte bewusst ihr Schritttempo. Lisa war das sichtbar unangenehm, doch sie wollte auf keinen Fall vor ihren neuen Freundinnen als feige dastehen. Also ging auch sie langsamer, was aber dazu führte, dass sich ihre Füße irgendwie ineinander verhedderten. Sie musste sich auf dem Kühlerblech abstützen, um nicht hinzufallen. Ka und Sara lachten. Der Autofahrer hupte jetzt wie wild. Schnell zogen Ka und Sara Lisa zum Bürgersteig und tauchten in der Menge unter.

Der Markt, der sich am Kanalufer entlang zog, war überfüllt, der Lärm der Menge übertönte alle anderen Geräusche. Ka mochte den Geruch von Käse und Fisch vermischt mit dem Geruch des Kanals.
Sara hasste Menschenmengen, sie versuchte möglichst zwischen den Leuten durchzutauchen, ohne jemanden zu berühren um den nächsten Gemüsestand zu erreichen. Ka und Lisa störte das Gedränge nicht.
Das Gemüse sah einfach fürchterlich aus, ein großer Teil war völlig verschrumpelt. Normalerweise war das Gemüse hier frisch.
Sara war gerade dabei, sich einige gut erhaltene Gurken und Paprika zwischen den Vertrockneten und Verfaulten herauszusuchen, als Ka sie anstieß. "Der Detektor spielt völlig verrückt."
Ka drehte sich mit dem Gerät mehrfach um die eigene Achse, seitdem sie hier waren, schlug der Zeiger die ganze Zeit aus, egal in welche Richtung sie ihn hielt. Sara griff schnell noch nach einer letzten Gurke und ließ sie fallen. Irgendetwas hatte gefiept und sich unter den Gurken bewegt. "Ratten", Sara spannte ihren Körper an, einen Augenblick lang sah es so aus, als wolle sie den Ratten nachsetzen.
Doch Ka war nicht davon überzeugt, dass dies Ratten waren, sie glaubte wieder etwas Blassgrünes gesehen zu haben. Langsam wurde das zu einer fixen Idee, wahrscheinlich bildete sie sich alles nur ein. Sie wollte das gerade genauer untersuchen, als Lisa sich zu ihr umwandte, auch ihr schien der Aufenthalt auf dem Markt auf einmal unangenehm zu sein: "Lass uns doch etwas Abstand vom Markt halten, vielleicht funktioniert das Gerät dann besser." Ka fiel auf, dass Lisas Stimme zitterte. Sara, der es immer noch viel zu voll war auf dem Markt, trotz der Ratten, die sie scheinbar als interessante Ablenkung ansah, war Lisas Vorschlag natürlich recht. Ka wurde überstimmt.
Sara bezahlte schnell ihr Gemüse und zog Ka dann mit in Richtung der Brücke über den Kanal.

Etwas abseits in der Nähe der Brücke am Kanalufer blieben sie stehen, hier war es ruhiger und Ka konnte in Ruhe den Detektor überprüfen. Der Detektor schlug nur aus, wenn sie die Antenne auf den Markt ausrichtete. Sie fluchte: "Gemüse-Detektor."
Lisa wurde leicht rot. Sie war nahe daran, etwas zu sagen, dann biss sie sich aber auf die Lippe. Sie hatte die Geschöpfe entdeckt und es den anderen verschwiegen, wie konnte sie jetzt etwas sagen? Sicher würden Ka und Sara nicht mehr ihre Freundinnen sein wollen, sobald sie herausbekamen, dass sie es ihnen verheimlicht hatte.
Sie wusste nicht, was sie tun sollte.

An einer alten Häuserwand hinter dem Markt fiel Ka ein großer gesprayter Schriftzug ins Auge, VVP. Der Schriftzug befand sich in mindestens vier Metern Höhe. Ka überlegte kurz, wie die Sprayerin das wohl gemacht hatte. Nun fiel ihr auf, dass VVP auch auf diverse Mülltonnen und Laternenpfähle gesprayt worden war. Lisa und Sara hatten das auch bemerkt.
Ka sah die beiden an: "Wisst ihr, wofür das steht?" Doch beide schüttelten nur den Kopf.

Aufmerksam prüfte Ka nun alle Richtungen mit dem Detektor, sie hatte den Eindruck, dass er auch noch an einer anderen Stelle leicht ausschlug. Sie drehte an den Stellrädern, vielleicht hatte sie ihn nicht richtig eingestellt. Jetzt wurde der Ausschlag deutlicher, die Antenne zeigte in Richtung einer Hofeinfahrt. Dort im Schatten standen zwei Männer. Sie hatte sie zuerst übersehen.
Sara und Lisa schauten jetzt auch. Der Schatten trennte die Hofeinfahrt scharf vom Markt, der im hellen Sonnenschein lag, nicht ein Lichtstrahl fiel in die Einfahrt. Sie konnten das Dunkel nur langsam mit ihren Augen durchdringen.
"Vorsicht, nicht so auffällig." Ka stupste Lisa an, die regelrecht hypnotisiert zur Einfahrt hinüber starrte.
"Die sehen schon aus wie Zombies", flüsterte Lisa, ihr wurde doch etwas mulmig.
"Das könnten auch Lehrer sein", erwiderte Sara. "Die stehen da rum, als hätten sie hier die Pausenaufsicht."
"Zombies oder Lehrer, auf jeden Fall schlägt der Detektor aus und das sollten wir untersuchen." Ka sah die anderen beiden an. "Dafür sind wir doch hier." Ka betrachte die beiden Männer unauffällig genauer.
Die zwei Männer trugen Trenchcoats, Hüte, teure Schuhe und Sonnenbrillen. Die Haare waren kurz geschnitten. Die Männer waren kräftig gebaut. Auf den ersten Blick sahen sie absolut durchschnittlich aus Gleichzeitig wirkten sie irgendwie gemein. Beide waren seltsam bleich, selbst im Schatten, und ihre Mundwinkel waren dünnlippig nach unten gezogen. Für die Mäntel und Hüte war das Wetter außerdem eindeutig zu warm. Sie schienen etwas zu suchen.
"Wollen wir rüber gehen?" Ka wollte gerade los, da fiel ihr auf, dass der Detektor noch an einer anderen Stelle ausschlug. Etwas weiter abseits am Kanal, nicht weit von ihnen, saß im Schatten der Bäume am Ufer auf einem Steinpfosten ein Junge, der ungefähr in ihrem Alter sein musste, und las ein Buch. Ab und zu blinkten die Lichtstrahlen durch die Zweige, trafen den Jungen und zeichneten sich bewegende Muster auf die Erde, die Büsche und das Wasser des Kanals.

Auch der Junge trug einen Hut, was für einen Jungen in seinem Alter zwar etwas seltsam wirkte, ihm aber ein cool- melancholisches Aussehen verlieh. Ka war sich sicher, dass er genau das beabsichtigt hatte. Dazu passten auch das weiße, etwas altmodische, aristokratische Hemd und die perfekt sitzende schwarze Hose mit Schlag. Die schwarzen Sneaker, die er trug, wirkten zwar etwas unpassend, insgesamt erhöhten sie aber den Ausdruck von Coolness.
Für einen Ausflug auf den Markt sah der Junge eigentlich zu schick aus. Er trug außerdem ein schwarzes Armband. Ka meinte kurz, ein dunkelgrünes Leuchten zu sehen, das vom Armband ausging.
Sara hatte den Jungen auch bemerkt: "Lass uns zuerst zu dem Jungen gehen, der sieht harmloser aus. Bei den Männern wissen wir nicht, was sie tun werden."
Sie entschieden sich, unauffällig an dem Jungen vorbeizugehen.

So einfach war das aber nicht. Lisa lief aufgeregt zwischen Ka und Sara hin und her und löcherte sie flüsternd mit Fragen: "Was meint ihr, ist das ein Zombie? Oder ein Werwolf? Vielleicht ist er doch gefährlich!" Zwischendurch starrte sie dabei immer wieder den Jungen an. Selbst einem Menschen im Tiefschlaf musste das auffallen.
Der Junge sah sie auch, beachtete sie aber zum Glück nicht weiter. Er war ganz in das Buch vertieft, nur ab und zu sah er zum Markt hinüber. Ka schien es, als würde er unauffällig die Männer in der Einfahrt beobachten, die ihrerseits wiederum die ganze Zeit irgendetwas auf dem Markt suchten. Sie schienen sich zu bemühen, insbesondere die Gemüsestände im Blick zu behalten.
Ihr fiel dort aber nichts auf.

Dann erreichten die drei Mädchen den Schatten der Bäume. Im Dunkel der Baumwipfel war es kühl.
Das Stimmengewirr des Marktes trat in den Hintergrund. Ka hörte ihre eigenen Atemgeräusche und das Rascheln von Lisas Kleid. Sie spürte den Lufthauch der Bewegung ihrer Freundinnen. Einen kurzen Moment lang kam ihr die Situation unwirklich vor, wie ein Traum.

Der Junge war wirklich nicht älter als sie und sah nicht gefährlich aus, sondern eher etwas verträumt. Auch sein Haarschnitt schien aus einer anderen Zeit zu sein, die etwas längeren schwarzen Haare betonten noch das schmale blasse Gesicht und die dunklen Augen. Ka und Sara schauten unauffällig über den Jungen hinweg, als sie an ihm vorbeigingen.
Lisa hatte die ganze Zeit darüber nachgedacht, was sie tun sollte, der Junge sah wirklich harmlos aus, sie hätte ihn am liebsten angesprochen. Ihr fiel aber nichts ein. Sie wollte unbedingt wissen, was der Junge war, vielleicht ein Geist oder ein Zombie, außerdem hatte sie ihre eigenen Gründe, aus denen sie nicht wieder zum Markt wollte. Als sie den Jungen erreichte, rutschte ihr die Frage einfach heraus. "Bist du ein Zombie?"
Sara und Ka verdrehten die Augen, das hatten sie sich unter ‚unauffällig´ nicht vorgestellt. Doch der Junge reagierte anders, als erwartet. Einen Augenblick lang sah er Lisa, Ka und Sara nur still an, er schien über etwas nachzudenken, dann wandte er sich an Lisa. "Sehe ich so aus? Zombies sind widerlich. Ich bin ein Vampir, das siehst du doch."
Lisa fragte einfach weiter: "Und die da drüben?"
"Aufsichtsbehörde für jugendliche Vampire."
"Sind die wegen dir hier?"
"Dann würde ich hier nicht mehr sitzen. Die suchen was. Ich habe aber auch noch nicht herausbekommen, was sie suchen und ich beobachte sie schon eine ganze Weile. Sie beobachten die Gemüsestände. Ich weiß nicht was, aber die Aufsichtsbehörde hasst alles, was ungewöhnlich ist.
Und sie hassen Menschen, die zu viele Fragen stellen. Ich dürfte über all das gar nicht mit euch reden."
Ka unterbrach ihn: "Wieso redest du dann mit uns?"
Der Junge senkte den Blick. Ka hatte kurz den Eindruck, dass er etwas sagen wollte und es dann doch unterließ.
Lisa sah beunruhigt zu den Männern hinüber, die ihr nun Angst machten. "Wie angeekelt die gucken."
Der Junge rutschte vom Pfahl herunter und zuckte mit den Schultern. "Die Vampire der Aufsichtsbehörde schauen immer so." Dann klappte er das Buch zu. Lisa sah, dass es mindestens so alt war wie die Bücher in ihrer Bibliothek. Ka sah ihn an. "Und du gehorchst ihnen?"
"Nein", der Junge schüttelte den Kopf.
"Dann kannst du doch ruhig weiter mit uns reden." Sie stellte sich und die anderen vor. "Ich bin Ka, dies ist Sara und das Lisa."
Ein kurzen Moment lang zögerte der Junge erneut, dann nickte er. "Ich bin Kolja."

Ka grinste innerlich. Sie glaubte Kolja nicht - 'Vampir' - so wie er hier am hellen Tag saß, musste das eine Lüge sein. Und sie hatte sich vorgenommen, ihn als Lügner zu entlarven, trotz Zeigerausschlag des Untot-Detektors. Außerdem war Kolja kleiner als sie, nicht viel, aber kleiner, und er wirkte, als ob er viel Zeit mit Träumen verbringen würde.
Kolja sah die Mädchen an. "Habt ihr gar keine Angst?"
"Nein." Ka war das Ganze langsam zu dumm, Kolja hatte nicht einmal Vampirzähne. Lisa hätte nicht so klar mit einem ‚Nein´ geantwortet, sie schwankte die ganze Zeit zwischen Angst und Neugier, überließ aber Ka das Sprechen. Sara wirkte, wie fast immer, unbeteiligt.
Kolja sah Ka überrascht an. "Die meisten Menschen sind nicht so vernünftig, und glauben, dass Vampire sie aussaugen". Einen kurzen Moment lang schwieg er und blickte Ka in die Augen, dann fuhr er fort: "Übrigens treten die Vampirzähne bei Vampiren nur kurz bevor sie zubeißen hervor, bei Hunger und Wut, falls du, nur weil du meine Zähne nicht siehst denkst, ich wäre kein echter Vampir."
Ka zuckte leicht zusammen. Es war, als hätte Kolja ihre Gedanken gelesen. Trotzdem gab sie sich bewusst selbstsicher, selbstsicherer als sie war. In gewollt lockerem Tonfall antwortete sie: "Das habe ich mir schon gedacht." Trotzig wagte sie sich noch einen Schritt vor. "Lass uns doch wo anders hingehen. Wohnst du hier in der Nähe?"
Kolja überlegte kurz. "Ja, aber wieso sollte ich euch vertrauen?"
"Wieso nicht?" Ka grinste, "hast du Angst vor uns?"
Der Junge, der sich als Kolja vorgestellt hatte, zögerte wieder einen Augenblick lang. Sie hatte wieder den Eindruck, dass er nicht alles sagte. Irgendetwas schien ihn an Sara, Lisa und ihr zu interessieren. Sie hoffte, dass er sie nicht als Mittagsmahlzeit ansah. Sie fühlte sich etwas unwohl. Doch dann schob sie das Gefühl beiseite, schließlich glaubte sie Kolja nicht, dass er ein Vampir war. Trotzig sah sie ihn an. Kolja erwiderte ihren Blick. "Nein, ich habe keine Angst vor euch, ihr könnt mitkommen, wenn ihr wollt. Unser Schloss ist vier Straßen weiter. Meine Eltern sind zurzeit auf einem Kongress. Und meine Mutter will sowieso immer, dass ich mehr mit anderen unternehme und nicht die ganze Zeit nur drinnen hocke, Filme anschaue und lese." Leise fügte er hinzu: "Obwohl sie dabei wohl nicht an Menschen gedacht hat." Mehr zu sich selbst als zu Ka, Sara und Lisa ergänzte er dann noch: "Und Urgroßmutter hat sicher nichts dagegen. Diese modernen Trennungsregeln der Vampiraufsicht hält sie eh für Unsinn. Früher gab es das nicht." Er blickte die Mädchen an. "Sie ist eine uralte Vampirfürstin und sie hält ohnehin nicht viel von Regeln, vielleicht schläft sie aber auch." Dann wurde seine Stimme leise und eindringlich. "Ihr müsst aber versprechen, niemandem etwas darüber zu erzählen."
Kolja ließ sich das Versprechen von jeder einzeln geben. Ka war aber nicht bei der Sache, sie war sich jetzt sicher, dass Kolja log. Hier gab es kein Schloss. Sie sah Kolja an. "Dann lass uns gehen."

Kolja schritt voran, Ka, Sara und Lisa folgten ihm. Ka tat so als wäre sie gelangweilt, und doch war sie unsicher
Sara bemerkte dass ihre beste Freundin die Hände in ihren Taschen vergrub, ein Zeichen dafür, dass sie angespannt war. Sie selbst wusste auch nicht, was sie von Kolja halten sollte.
Lisa lief aufgeregt neben Kolja her und fragte ihn noch dies und das zum Leben als Vampir.
"Ist das Sonnenlicht für dich gar nicht gefährlich? Ich dachte, Vampire zerfallen im Sonnenlicht."
Kolja beantwortete scheinbar unbeteiligt alle Fragen: "Zerfällst du, weil du einen Sonnenbrand hast? Sicher, für Vampire ist das gefährlicher, weil unsere Haut empfindlicher ist, aber heute gibt es Sonnenschutzkreme mit hohem Lichtschutzfaktor. Außerdem ist das nicht bei allen Vampiren gleich, ich muss mich nur im Schatten aufhalten, das reicht."
"Und Knoblauch?"
"Auf Knoblauch reagieren viele Vampire allergisch und der Gestank ist für uns fast unerträglich, das kann auch richtig unangenehm sein, aber bei den meisten führt er nur zu leichten Hautreizungen und Knoblauchschnupfen."
"Und Kreuze, sind Kreuze gefährlich für Vampire?"
"Nein, das haben nur irgendwelche Priester erfunden, um sich wichtig zu machen."
Ka war sich sicher, dass Kolja Lisas Aufmerksamkeit trotz seiner Zurückhaltung genoss.

Vier Straßen weiter hätte sich Ka fast totgelacht. Sie standen vor einer Reihenhaussiedlung. Kolja zeigte auf das mittlere Haus. Lisa schien nun auch enttäuscht. Sara konnte man nur schwer ansehen, was sie dachte. Der Detektor schlug aber immer noch aus, wenn Ka ihn auf Kolja richtete. Und er schlug noch viel heftiger aus, als sie ihn auf das mittlere Reihenhaus richtete.
Aber sie konnten jetzt unmöglich kneifen.

Als sie durch die Eingangstür eingetreten waren, sah erst einmal nichts besonders ungewöhnlich aus. Nur wirkte das Haus seltsam überfrachtet und gleichzeitig unbewohnt. Tote Tiere starrten sie von Wänden herab an, überall hingen ausgestopfte Tierköpfe und durch einen Türspalt sah sie in einem der hinteren Räume die Umrisse eines ausgestopften Bären. Die schweren, dunklen Möbel und die alten Vorhänge ließen alles wie im Dämmerlicht erscheinen. In einer Vase stand ein Strauß vertrockneter Blumen. Die Luft roch muffig und nach Staub. Teppiche dämpften die Schrittgeräusche. Zu hören waren nur Geräusche von draußen. Lisa fröstelte, auch Ka sah etwas bleich aus.
Doch Kolja schien das Haus gar nicht zu interessieren. Er ging geradewegs zur Garderobe und drehte an einigen der Kleiderhaken. Die Garderobe klappte zur Seite und dahinter wurde eine große weiße Holztür sichtbar. Die Mädchen schluckten, aber keine wollte die Erste sein, die Angst zeigte, also folgten sie Kolja durch die Tür. Hinter ihnen schloss sich die Tür wieder.

Die Tür führte in eine große Halle, die Eingangshalle eines Schlosses. In der Halle war es ruhig und trotz der großen Fenster irgendwie leicht schummerig. Vielleicht lag das an den schweren Vorhängen und den Gardinen oder an den Wänden, die wirkten, als wären sie aus meterdicken Steinen. Auch die Decke war aus Stein und bildete ein Gewölbe. Alte Ritterrüstungen, große leere Vasen, einige Waffen, die an der Wand hingen, ein langer alter Tisch, schwere Teppiche auf dem Steinfußboden, Leuchter, ein großer Kamin, eine Bildergalerie am anderen Ende der Halle, viele Türen und eine Treppe nach oben fingen ihre Blicke ein. Die Luft legte sich kühl auf die Mädchen, Sara fröstelte es nun auch. Ka lief zu den Fenstern. Tatsächlich sah sie die Straße, aber alles war seltsam verzerrt, so dass ihr schnell die Augen weh taten.
Sie wandte sich fragend an Kolja. "Wie kann das sein?"
"Genau verstehe ich das auch nicht. Mein Großonkel war ein berühmter Paraphysiker und hat irgendwelche Raumverzerrungen genutzt um das Schloss und den Park hier unauffällig verschwinden zu lassen."
"Wie soll das funktionieren?"
"Wie bei einer Kaugummiblase, jedenfalls hat es mir meine Urgroßmutter so zu erklären versucht. Stell´ dir vor, du würdest auf einem Kaugummistreifen leben und an einer Stelle des Kaugummistreifens würde jemand das Kaugummi weich kauen und eine Blase produzieren. An dieser Stelle würde sich die Oberfläche massiv vergrößern und so die Blase bilden. Du könntest dort viel mehr als vorher draufstellen, also auf die Außenhülle der Blase. So ähnlich funktioniert das hier auch, eine Art Blase in der Raumstruktur. Aber ganz verstanden habe ich das auch nicht."
Ka nickte; wenn ihre Mutter wieder einmal versuchte, ihrer Tochter die Grundlagen der Allgemeinen Relativitätstheorie nahe zu bringen und von gekrümmten und nicht rechtwinkligen Räumen erzählte, verstand sie das auch nie. So ähnlich musste das hier auch sein.
"Leider haben wir inzwischen Probleme, weil an einigen Stellen weitere kleinere Blasen entstanden sind und einige Falten. Dadurch ist zurzeit eine der Badezimmertüren oben an der Decke."
"Das hört sich nicht gut an." Ka sah erst nach oben, schüttelte den Kopf und schaute dann etwas beunruhigt umher. Auch die anderen blickten zur Decke. Tatsächlich war dort mitten zwischen zwei Gewölbebogen eine Tür, die sie bisher übersehen hatten. Doch Kolja schien das alles ganz normal zu finden: "Ach, so schlimm ist das nicht, manchmal sind Räume nur plötzlich ganz woanders als vorher."
"Hm." Richtig beruhigt wirkten die Mädchen nicht. Sara sah ihn an: "Wieso repariert dein Großonkel das nicht?"
"Er schläft. Vampire werden in realen Jahren nur unwesentlich älter als Menschen.
Die älteste Vampirin in realen Lebensjahren, die ich kenne, ist 151 Jahre alt und schon einige Jahre bettlägerig. Das hohe Alter von Vampiren ergibt sich aus den langen Schlafphasen.
Meine Urgroßmutter ist zum Beispiel real 117 Jahre alt aber geboren wurde sie vor über 1200 Jahren. Nur ganz wenige andere lebende Vampirinnen und Vampire auf der Welt sind vor so langer Zeit geboren worden. Die meisten Vampire sprechen von ihr nur als 'Fürstin Irina'" Kolja machte eine kurze Pause und seine Stimme sank kurz zu einem unsicheren Flüstern herab: "Viele Vampire haben Angst vor ihr." Dann sprach er wieder lauter. "Mein Großonkel hat sich kurz nachdem er das Schloss hat verschwinden lassen, für 500 Jahre schlafen gelegt. Er wird erst in 70 Jahren wieder aufstehen.
Vampire verabreden sich langfristig in der Zeit. Er hat eine Verabredung mit einer Freundin." Kolja zuckte mit den Schultern. "So lange müssen wir warten."
Ka überlegte: "Aber es muss doch aufgefallen sein, als das Schloss verschwunden ist?"
"Ach, das ist unendlich lange her und damals haben die Menschen noch an den Teufel geglaubt."

Sara und Lisa gingen zu der langen Reihe mit Bildern von Frauen, Männern und einigen Kindern am anderen Ende der Halle. "Sind das alles Verwandte von dir?" Lisas Neugier hatte inzwischen ihre Furcht besiegt. Die Bilder hatten alle den Charme uralter, nachgedunkelter Ölgemälde.
Ein Bild fiel Lisa auf, weil der Vampir darauf neben einer Obstschale mit verschrumpeltem Obst abgebildet war, außerdem hielt er einen saftigen Apfel in der Hand. Der Vampir war dunkel und streng gekleidet, das Bild zeigte ihn im Halbdunkel, alles wirkte dunkel, ein alter Holztisch im Bild sah aus wie ein schwarzer Abgrund, nur die Vampirzähne des Vampirs leuchteten und der Apfel in seiner Hand. Im Hintergrund des Bildes fielen ihr noch eine kleine Statue und einige seltsame Schriftzeichen auf, welche sich aber kaum vom Dunkel des Bildhintergrundes abhoben. Sara, die ihrem Blick gefolgt war, zeigte mit dem Finger auf die Statue: "Das ist eine Buddha-Figur." Lisa fragte sich, was das wohl bedeuten sollte.
Kolja war inzwischen zu ihnen gekommen. "Ja, das sind alles Verwandte, ich kenne aber die wenigsten davon und ich kann mir die Namen nie merken.
Kommt, ich zeige euch das Schloss."

Sie liefen durch Gänge, Zimmer und Säle, über Treppen rauf und runter, das Schloss schien kein Ende zu nehmen. Die meisten Räume wurden aber scheinbar nur selten genutzt. Überall standen alte Sachen herum, Sextanten, alte Fernrohre, Kleiderpuppen mit uralten Kleidern, geheimnisvolle Kisten, alte Uhren, Tische, Stühle, Himmelbetten, riesige Schränke und Bücher. Schwere Vorhänge ließen nur schummriges Licht herein. Einmal durchquerten sie einige halb verfallene Räume, in denen der Staub aufwirbelte, als sie hindurchgingen und über herabgefallene Balken und herausgebrochene Steine kletterten. Ka sah etwas beunruhigt auf die brüchige Decke. Kolja, der ihren Blick bemerkte, beruhigte sie: "Dieser verfallene Flügel des Schlosses ist schon seit vielen Jahrhunderten im selben Zustand."
Es roch nach Stein und Staub. Nur ihre eigenen Schritte hallten durch das Gemäuer.

Dann kamen sie wieder in besser erhaltene Teile des Schlosses. In einem Gang schraken die Mädchen zusammen, eine Rüstung vor ihnen bewegte sich scheppernd, sie kam auf sie zu. Doch dann musste Ka lachen, die leere Rüstung fegte mit einem großen Besen den Gang vor ihnen. Besonders bedrohlich wirkte das nicht. "Was ist denn das?"
Kolja sah sie erstaunt an, dann besann er sich. "Ach so, ihr benutzt wahrscheinlich Staubsauger. Meine Urgroßmutter will solche Sachen nicht, also haben wir immer noch animierte Rüstungen, die putzen."
"Wie funktioniert das?"
"Keine Ahnung, weißt du wie ein Staubsauger funktioniert?"
"Du steckst ihn in die Steckdose und stellst ihn an."
"Einer animierten Rüstung musst du dreimal auf den Brustpanzer klopfen, ihr einen Besen oder Staubwedel in die Hand drücken und laut 'Verre!' rufen."
Sie betrachteten die animierte Rüstung eine Weile bei ihrer Arbeit. Weiter hinten im Gang war noch eine weitere animierte Rüstung mit einem Staubwedel dabei, andere Rüstungen abzustauben.
Lisa lief zu ihr hin und stellte sich vorwitzig zwischen die Rüstungen. Folgsam staubte die animierte Rüstung sie ebenfalls ab, was dazu führte, dass sie laut losprusten musste. Ka und Sara lachten und ließen sich auch abstauben.
Dann liefen sie weiter. Wieder ging es durch Gänge, über Treppen und durch Hallen. Kolja erzählte noch einiges über sein Leben hier im Schloss und seine Urgroßmutter. Und doch schien es Ka weiterhin so, als ob er ihnen etwas verschwieg. Wieso hatte er sie überhaupt eingeladen?
Sara war einmal, als ob sie ein tiefes Rasseln gehört hätte, doch sie war sich nicht sicher. Die anderen schienen nichts gehört zu haben. Also sagte sie nichts.
Auf einmal deutete Lisa nach oben. Ein Mauersegler saß dort, der kleine Vogel beobachtete sie vorsichtig.
Kolja war nicht überrascht. "Die Vögel finden immer wieder eine Lücke, um hereinzuschlüpfen."

Sie gingen weiter, vorbei an staubigen Truhen, Wandteppichen mit Abbildungen seltsamer Tiere und unendlich vielen Zimmern und Sälen.
Langsam wurde es langweilig.
Einmal landeten sie aus Versehen im Folterkeller, mit diversen Instrumenten, bei denen sie sich lieber nicht vorstellten, wie sie früher verwendet wurden. Hier war es finster und eiskalt, nur ein ganz kleines Erkerfenster weit oben ließ ein bisschen Licht hereinfallen. In der Mitte des Raumes war ein vergittertes schwarzes Loch. Irgendwo von weit unten war ein seltsames Glucksen zu hören. Ein Gestank nach altem, faulem Wasser erfüllte den Raum.
Lisa fiel beinahe auf das Gitter. Sie hatte kurz den Eindruck, als würde ein langer, schwarzer Finger nach ihr greifen. Sie versuchte, weiter zu gehen, aber ihre Beine gehorchten ihr nicht sofort. Die Kälte kroch ihr unter die Haut.
Niemand sagte etwas, auch ihr Atmen war kaum noch zu hören.
Doch dann stieß Kolja sich an einer Streckbank und fauchte das Ding wütend an. Es war das erste Mal, dass die anderen seine Vampirzähne sahen.
Lisa erschrak jetzt richtig, selbst ihre Worte durchdrang ein Zittern, doch der Bann war gewichen. Sie sah die anderen im Dunkel an. "Lasst uns doch irgendwo hingehen, wo es wärmer ist."
Kolja nickte und zeigte auf eine kleine Holztür. "Wir können die Turmtreppe benutzen, falls ihr nichts gegen Haustiere habt."

Lisa stürmte sofort die Treppe hinauf. Kolja kam kaum hinterher. Sara und Ka folgten mit einem Grinsen. Von Oben hörten sie Lisa. "Oh, sind die niedlich, darf ich sie streicheln?"
"Klar, wenn du möchtest."
Die Stimme von Kolja klang überrascht. Die beiden mussten zwei, drei Stockwerke über ihnen sein. Der Turm war leicht feucht und riesige Spinnweben hingen überall im Weg. Ka versuchte, ihnen so weit wie möglich auszuweichen. Irgendwo krabbelte etwas, und Ka zuckte zurück. Für eine Spinne war das viel zu groß gewesen. Sara hinter ihr schien aber nicht beunruhigt zu sein, also wollte Ka sich auch nichts anmerken lassen.
Endlich oben im Turmzimmer angekommen entdeckte sie Lisa, schluckte trocken und wich mit dem Rücken zur Wand zurück, so weit weg von Lisa, wie möglich. Lisa hockte freudestrahlend auf dem Steinfußboden und streichelte hingebungsvoll zwei kokosnussgroße, stark behaarte Spinnen, die sie sich auf den Schoß gesetzt hatte.
Das Turmzimmer wurde von den Strahlen der Nachmittagssonne in leichtes Licht getaucht. Die Spinnennetze, die überall von der Decke hingen, flirrten, dort wo sie von den Strahlen erreicht wurden und blinkten silbern, ein Webstuhl stand verstaubt in einer Ecke. Draußen waren der blaue Himmel und helle Wolken zu sehen. Lisa saß in einem Streifen von Licht und umsorgte glücklich ihre Spinnen. Sie blickte begeistert zu Ka. "Sind die nicht süß?"
Ka nickte gezwungen und presste ein kurzes "Sicher" hervor. Lisa erschien alles verzaubert.
Sara bewunderte die Aussicht.

Ka sah dies alles, hatte aber dafür keinen Blick, sie versuchte an Lisa vorbei aus dem Fenster zu schauen, und an irgendetwas anderes zu denken als an die Spinnen, als sich plötzlich eine weitere ähnlich große Spinne direkt vor ihr von der Decke herabließ. Zum Glück lief die Spinne auch zu Lisa welche sie mit Begeisterung in ihren Streichelzoo aufnahm.
Kurz glaubte Ka zu sehen, wie sie alle eingesponnen an der Decke hingen, hilflos darauf wartend, von den Spinnen verschlungen zu werden. Sie wischte den Alptraum beiseite, doch ihre Hand zitterte, obwohl es hier warm war.
Sara, die am wenigsten von all dem beeindruckt war, bemerkte, dass ihre Freundin wie gelähmt stocksteif an der Wand stand, und sich nur mit Mühe zusammenriss. Sie wusste, dass Ka, die sonst kaum etwas einschüchtern konnte, Spinnen fürchtete, obwohl Ka dies niemals eingestanden hätte. Sie drehte sich zu Kolja um: "Ich glaube, wir haben genug gesehen."

Lisa wollte protestieren, doch auch Kolja schien Saras Meinung zu sein. "Wollt ihr was trinken?"
Ka nickte sofort. Lisa zögerte etwas. "Was hast du denn zu trinken?" Ihrer Frage war Unsicherheit anzuhören. In Gedanken sah sie sich schon vor einem großen Glas dunklen Blutes sitzen und meinte die Schreie der Opfer zu hören. Sie wollte lieber weiter die Spinnen streicheln.
Doch Kolja war völlig unbekümmert.
"Meine Eltern haben öfter Menschen zu Gast, insofern steht im Kühlschrank alles was ihr wollt."
"Was machen denn deine Eltern?"
"Sie sind Diplomaten, sie gehören zur UNO-Vertretung der Vampire. Die meiste Zeit sind sie auf Kongressen und irgendwelchen wichtigen Treffen. Ab und zu sind aber auch hier im Schloss größere Empfänge. An sich sind meine Eltern ganz in Ordnung, aber sie sind halt selten da. Die meiste Zeit lebt nur meine Urgroßmutter hier mit mir und die diversen Dienstgeister und natürlich Tii", bei diesem Namen verzog Kolja das Gesicht, "ein Katzendämon, meine Urgroßmutter hat ihn schon vor langer Zeit aufgenommen."
Ka sah ihn überrascht an. "Ich habe noch nie von Vampiren in der UNO gehört".
"Das ist auch geheim, obwohl eine Reihe von Vampiren dafür ist, das Geheimnis zu lüften. Aber die Mehrheit der Vampire will, dass es geheim bleibt. Und die Vampiraufsicht würde am liebsten jeden Kontakt mit Menschen unterbinden.
Sie achten sorgsam darauf, dass die Existenz von Vampiren und anderen Nachtwesen unter Menschen nicht allgemein bekannt wird. Dabei gibt es in der Realität immer mehr Zusammenarbeit.
Urgroßmutter hält diese Geheimnistuerei für Schwachsinn und legt sich regelmäßig mit ihnen an. Meine Eltern meinen, das müsste diplomatisch gelöst werden."
Ka sah etwas besorgt aus: "Ist es dann nicht verboten, uns das alles zu zeigen und zu erzählen?"
Kolja überlegte kurz: "Ich finde, meine Urgroßmutter hat Recht. Und zu einzelnen Menschen ist der Kontakt auch nicht verboten, wenn sie zusagen, das Geheimnis zu wahren."
Ka fragte lieber nicht, was die Vampiraufsicht mit ihnen machen würde, falls sie ihr Versprechen brechen würden.
Kolja hatte sie inzwischen zur Küche geführt.

Von hier aus hatten sie einen guten Blick in den Park, alte Bäume beschatteten das Schloss. Ka war immer noch etwas verwirrt. "Aber hier hinter dem Haus stehen doch weitere Reihenhäuser".
"Das beginnt alles wieder hinter der Parkmauer, die Parkmauer endet im Hinterhof des Reihenhauses. Ihr könnt euch das nachher noch ansehen."
Irgendwie führte bei Ka der Versuch sich das vorzustellen zu einem Knoten im Gehirn. Dies war nur die kleinere Küche, die alltäglich benutzt wurde, hatte Kolja gerade gesagt. Zumindest war es hier ganz gemütlich, der Raum war auch etwas wärmer und der Duft einiger alter Äpfel lag in der Luft.
Am alten Holztisch ließ es sich bequem sitzen. Durch die großen Fenster fiel das Licht, nur gebrochen durch die alten Bäume im Park. Doch einige helle Strahlen spiegelten sich in den Töpfen und Pfannen, die von der Decke hingen, und tanzten als helle Flecken durch die Küche. An einer Schnur hingen Kräuter und auf einem Regal standen Flaschen. Weiter hinten in einer Ecke brummte der Kühlschrank. Der Apfelgeruch kam von einigen verschrumpelten Äpfeln, die in einer Schale lagen.

Ka sah sich um. "Wo sind eigentlich eure Dienstgeister?"
"Die arbeiten nur nachts. Jetzt schlafen sie, falls ich sie wecken würde, wäre um diese Zeit nichts mit ihnen anzufangen. Deshalb sind die Empfänge meiner Eltern immer erst um Mitternacht. Tagsüber müssen wir uns selbst um alles kümmern, aber den Abwasch lasse ich einfach stehen. Außer mir ist hier sowieso niemand am Tag wach.
Ich kann einfach morgens häufig schlecht einschlafen und dann stehe ich lieber auf, als wach im Sarg zu liegen. In der Nacht bin ich dann müde und muss mir das Generve meiner Lehrer anhören: 'Du sollst tagsüber nicht immer so lange aufbleiben', 'Kein Wunder wenn du dich nicht konzentrieren kannst.' 'Meinem Kind würde ich das nicht erlauben.' Na, und so weiter."
Kolja verzog das Gesicht zu einer Grimasse und zuckte mit den Schultern. Dann stellte er ihnen einige Flaschen und Gläser auf den Tisch, so dass sie sich selbst bedienen konnten. Für sich holte er ein blutrotes, sprudelndes Getränk aus dem Kühlschrank und schenkte sich ein großes Glas ein. Das Getränk roch nach Holunder. Lisa starrte fasziniert auf das sprudelnde Glas, sie nahm allen Mut zusammen, um ihre Frage zu stellen. "Hm, Kolja, darf ich dich was fragen?"
"Klar!"
"Was trinken und essen Vampire denn?"
Kolja schien Lisas Befangenheit gar nicht zu bemerken und zeigte auf sein Getränk. "Na, Blutoka zum Beispiel. Obwohl meine Eltern regelmäßig sagen, das sei zu ungesund und ich solle auch mal was anderes trinken."
"Und was ist da drin?"
"Kunstblut, Wasser, Eisen und ungesunde Zusatzstoffe, wie meine Mutter sagen würde. Außerdem ist zu viel Eisen ungesund."
"Und wie bekommt ihr das?"
"Das bringt der Tiefkühl-Lieferservice."
Sara musste lachen. "Ich glaube, es ging Lisa darum, dass in vielen Büchern Vampire menschliches Blut trinken."
"Nicht ohne Einwilligung der Menschen, das ist seit über 500 Jahren verboten. Das finde ich auch richtig.
Aber viele Vampire wollen inzwischen das Blutsaugen ganz verbieten, nur weil sie sich vor warmem, frischem Blut ekeln. Sie trinken nur noch Kunstblut, wegen übertragbarer Krankheiten und so. Das ist völlig absurd. Sie haben alle möglichen albernen Regeln erlassen. Viele haben einen richtig absurden Hass auf das Blutsaugen entwickelt.
Außerdem haben viele Vampire Angst, dadurch könnte unsere Existenz allgemein bekannt werden.
Und Blutoka würden sie am liebsten auch verbieten, weil es ungesund ist. Die schlimmsten sind die von der Aufsichtsbehörde."
"Ach so". Sie schwiegen einen Augenblick lang.

Nach einer Weile sah Lisa Kolja etwas verunsichert an: "Und du findest es richtig, menschliches Blut zu trinken?"
"Wieso nicht, wenn die Menschen zustimmen. Obwohl die Aufsichtsvampire das nicht gerne sehen.
Und manche möchten ja auch Vampire werden."
"Hast du schon menschliches Blut getrunken?"
Kolja sah sie gleichgültig an. "Ja, ich finde, es schmeckt etwas streng."
Lisa schluckte: "Du hast einen Menschen gebissen?"
Kolja schüttelte den Kopf. "Nein, dass du Milch trinkst, heißt doch auch nicht, dass du schon mal eine Kuh gemolken hast."
Ka trat Kolja unter dem Tisch. "Ich bin keine Kuh!"
Kolja hob abwehrend die Hände. "Das war nicht so gemeint. Es gibt Menschen, die für Vampire Blut spenden und gut dafür bezahlt werden, abhängig von der Qualität.
Der Geschmack des Blutes wird stark durch die Ernährung beeinflusst. Urgroßmutter sagt immer, die heutigen Blutspenden würden nach nichts mehr schmecken als nach Zucker, früher wäre das Blut viel schmackhafter und vollmundiger gewesen, bitter und säuerlich. Ich glaube, dass bildet sie sich nur ein. Sie hat auch noch den ganzen Keller voller alter vergorener Blutjahrgänge."
Ka blickte immer noch etwas sauer drein. "Aber da braucht ihr doch Unmengen an Blut!"
"Nein, die meisten Vampire trinken menschliches Blut nur zu besonderen Anlässen und ansonsten Kunstblut.
Nur Vampire aus der Bewegung für natürliche Ernährung versuchen, ausschließlich von Menschen- und Tierblut zu leben."
Lisa blickte Kolja entsetzt an, ihre Stimme war kaum zu hören. "Hast du schon ein Tier ausgesaugt?"
Kolja nickte. "Klar, natürlich, mit elf Jahren. Wenn wir Vampire und Vampirinnen elf Jahre alt werden, feiern wir ein Fest, vergleichbar dem, was ihr Kommunion oder Jugendweihe nennt. Als elfjähriger Vampir bekommst du ein weißes Kaninchen geschenkt und ein Höhepunkt des Festes ist, dass du es aussaugst.
Meine Eltern haben eine Pfote des Kaninchens in ihrem Schlafzimmer hängen." Er verzog das Gesicht. "Sie glauben, das bringt Glück und sie erzählen bei allen unpassenden Gelegenheiten, wie niedlich ich beim Aussaugen ausgesehen habe."
Lisa war sprachlos, ihre Lippen zitterten leicht. Auch Ka wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Doch Sara lachte: "Ich esse auch gerne Kaninchen."
Selbst Lisa musste zugeben, dass da kein großer Unterschied war und sie war zwar Vegetarierin, aber schließlich aßen auch ihr Vater und ihre Schwester Fleisch.
Als sie Kolja dann Blutoka trinken sahen und dabei seine Vampirzähne sichtbar wurden, mussten sie alle lachen, auch Lisa.
Kolja blickte erstaunt auf. "Was ist denn?"
Ka lachte. "Das sieht lustig aus, wie du die Blutoka schlürfst."

Sie alberten noch eine Weile herum, bis Ka sie unterbrach. Sie sah Kolja an. "Wieso hast du uns eingeladen?"
Kolja zögerte einen Moment lang, dann raffte er sich auf: "Ich will Filmemacher werden."
Ka sah ihn verdutzt an. "Und was hat das mit uns zu tun?"
Kolja schluckte. "Vampire finden Filme und Fotos widerlich. Zu Fotografieren gilt als krankhaft. Ein Vampir macht keine Filme. Wenn ich als Vampir andere Vampire fotografieren würde, würde niemand mehr etwas mit mir zu tun haben wollen. Die Vampiraufsicht würde mich vermutlich in ein Erziehungslager stecken." Kolja seufzte. "Ich hatte schon große Mühe, meine Eltern zu überzeugen, mir das Ansehen von Filmen zu gestatten." Er sah bedrückt aus dem Fenster. "Nur Urgroßmutter sieht das lockerer. Sie meint, dann müsste ich halt mit Menschen filmen." Er blickte die Mädchen schüchtern an.
Lisa strahlte, sie sah sich schon in einem von Koljas Filmen als Piratenkapitänin. Sara schien nicht sehr begeistert zu sein. Ka runzelte die Stirn. "Aber wieso finden Vampire Fotografieren widerlich?"
Kolja zuckte mit den Schultern. "Das weiß niemand so recht. Meine Eltern meinen, das hinge damit zusammen, dass die Magnesiumblitze der frühen Fotoapparate teilweise die Augen von Vampiren verletzt haben. Vampire sind gegen bestimmte Lichtblitze sehr empfindlich und die Augenverletzungen sind extrem schmerzhaft." Kolja fuhr grummelnd fort. "Aber heute wird so etwas ja gar nicht mehr verwendet und lichtempfindliche Kameras schaden auch Vampiren nicht." Einen Augenblick lang schwieg er, dann seufzte er. "Urgroßmutter meint, Vampire wären einfach konservativ, intolerant und würden alles Neue ablehnen. Die meisten heute lebenden Vampire sind im elisabethanischen Zeitalter vor mehr als 300 Jahren geboren. Da gab es noch keine Fotografie. Sie ist überzeugt, dass viele Vampire insgeheim Angst haben, dass Fotos ihnen ihr innerstes Ich stehlen würden."
Sara grinste: "Bei Menschen ist das nicht anders." Sie dachte an ihre Großmutter und Diskussionen über kurze Haare bei Mädchen.
Lisa wollte Kolja gerade noch weiter über seine Filmideen ausfragen, als auf einmal ein Glockenklang zu vernehmen war. Kolja horchte auf. "Meine Urgroßmutter muss uns bemerkt haben. Ich denke, sie will, dass wir zu ihr kommen."

Begeistert schauten die Mädchen nicht, aus den Erzählungen Koljas waren sie nicht sicher, ob es ratsam war, dieser uralten Vampirin gegenüber zu treten und außerdem waren sie schon so viele Treppen gelaufen. Ka sah Kolja an. "Gibt es keine Abkürzung?"
Kolja zögerte: "Wir könnten einen der Rutschtunnel benutzen."
"Was?"
"Das hängt wieder mit der Raumverzerrung zusammen. Mein Onkel hat damals in die Kaugummiblase einige Trichter gebohrt und sie verbunden. Wir können also statt außen rum auch quer durch rutschen."
So ganz verstanden hatten das Lisa, Sara und Ka wieder nicht, aber es hörte sich besser an, als zu laufen.
Ka stand auf. "Dann lass uns das doch machen."
Kolja deutete auf eine kleine Klapptür in der hinteren Wand. Ka hatte gedacht es wäre ein Speiseaufzug, aber als Kolja sie öffnete wurde dahinter ein Tunnel mit Rutsche sichtbar.
"Damit müssten wir direkt im Flur vor dem Zimmer meiner Urgroßmutter landen."
"Müssten?"
"Die Raumverzerrung ist manchmal unzuverlässig."
"Ach, lasst es uns probieren." Lisa war einfach zu müde. Kolja rutschte als Erster. Lisa folgte ihm, dann Sara und zum Schluss Ka. Nur am Anfang fühlte sich das Ganze wie die Bewegung auf einer Rutsche an, dann wurde es immer schneller, sehen konnte sie nichts, nur die Schreie der anderen waren zu hören, nun hatte sie den Eindruck, in einer Achterbahn zu sitzen, sie wurde in Kurven gepresst und zeitweilig schien sie verkehrt herum zu rutschen. Endlich plumpste sie hinter den anderen auf einige Kissen in einem halbdunklen Flur. Kolja fluchte laut: "Mist, wir sind falsch. Na ja, es hätte schlimmer kommen können."
"Wieso schlimmer?"
"Meine Urgroßmutter meint, es könnten sich Risse ausbilden in der Blase, durch die man durchfallen würde."
"Wohin?"
Kolja zuckte nur mit den Schultern. Ka massierte sich ihren Arm, auf dem sie etwas unglücklich gelandet war. "Lasst uns lieber zu Fuß gehen."

Es ging weiter durch immer weitere Flure und Zimmer, vorbei an Dutzenden von Türen über Treppen immer weiter hinauf und hinab, bis sie in einen dunklen Gang kamen. Das Tageslicht war nur noch als schwacher Schimmer zu sehen, die schweren Vorhänge waren hier alle zugezogen.
Als Ka sie berührte, fühlten sie sich kühl und sanft an. Alle Geräusche wurden vom Stoff gedämpft. In der Luft lag ein erdiger Geruch wie von frischer Rote Bete.
Für Vampire war es Schlafenszeit, nur Kolja hatte wieder mal den Tag zur Nacht gemacht. Aber die Fürstin hatte einen leichten Schlaf und sie deswegen gehört.

Koljas Urgroßmutter saß in einem abgedunkelten Zimmer inmitten eines großen, düsteren Himmelbetts.
Nur mühsam konnte Ka sie erkennen. Ka hatte einen Sarg erwartet, aber dieses Bett sah irgendwie noch unheimlicher aus als ein Sarg. Schwere schwarze Vorhänge umgaben das alte Bett aus dunklem, fast schwarzem Holz, in welches unheimliche Fratzen als Verzierungen geschnitzt waren. Die Vorhänge waren hochgeschlagen, der feuchte, dumpfe Geruch nach Rote Bete war hier im Zimmer noch stärker.

Kolja stellte sie vor und sie begrüßten die alte Frau schüchtern. Die Fürstin erwiderte die Begrüßungen nur mit einem leichten Kopfnicken und winkte sie heran, sie hielten aber alle vorsichtig Abstand. Dann griff die Fürstin nach einer Art flachem, bauchigem silbernen Fläschchen und schüttelte sich etwas metallisch schwarz schimmerndes Pulver auf die Hand. Sie sog es mit der Nase in zwei dunkle Nasenlöcher und nieste, eine gespenstische, dunkel schimmernde Wolke erhob sich aus ihrer Nase und verteilte sich im Zimmer. Ein stechender bitterer Geruch stand mit einem Mal in der Luft. Ka, Lisa und Sara versuchten dem Geruch auszuweichen. Lisa spürte das Bedürfnis wegzulaufen, doch auch dafür hatte sie zu große Angst. Ihr Herzschlag schien ihren Hals zu verstopfen.
Die uralte Vampirin betrachtete ihre Furcht mit einem leicht spöttischen Lächeln. Dann blickte sie sie durchdringend an und schwieg. Keine traute sich etwas zu sagen. Nervös traten sie von einem Fuß auf den anderen.
Die Fürstin sah auf den ersten Blick aus wie eine uralte Frau. Ihnen fielen vor allem die dunklen Haare auf, die aus ihrer Nase hervorlugten und die faltige und fleckige Haut ihrer Hände. Doch ihre Augen waren sehr wach, selbst im Nachtgewand wirkte sie, als wäre es nicht sinnvoll, ihr zu widersprechen. Von ihrem Bett wehte ihnen ein kalter Hauch entgegen, der sich schwer auf sie legte. Einen Moment lang hatte Ka das Gefühl, als würde es noch dunkler im Zimmer werden als es ohnehin war.
Kolja hatte sie noch gewarnt. Seine Urgroßmutter sei zwar Kindern gegenüber in der Regel nachsichtig, aber eine der mächtigsten existierenden Vampirinnen. Und falls Kinder nicht gehorchten, konnte sie sehr ungemütlich werden. Ka glaubte das sofort, als sie den Blick der Fürstin auf sich ruhen fühlte.
Dieser Blick schien in ihr Innerstes zu sehen, kühl und distanziert. Sie fühlte sich wie bei einer Prüfung, für die sie sich nicht ausreichend vorbereitet hatte und wünschte sich, in diesem Moment irgendwo draußen an der Sonne zu sein.
Doch die Fürstin schwieg immer noch.

Auf ihrer Bettdecke lag ein großer, fetter schwarzer Kater. Auch dieses Tier schien durch sie hindurch zu sehen.
Ka bemerkte ihn erst jetzt richtig, sie hatte kurz das Gefühl, als würde sich der schwarze Schatten einer riesigen Katze auf ihre Brust legen, aber da war nur der fette Kater. Sein dunkles Schnurren und ihr eigenes Atmen, das der anderen und das der alten Frau waren die einzigen Geräusche im Zimmer.
Kolja schien nicht nur vor seiner Urgroßmutter, sondern auch vor dem Kater einen Höllenrespekt zu haben. Er versuchte offensichtlich, möglichst viel Abstand zu dem Tier zu halten und wirkte völlig verkrampft. Ka stieß ihn an und fragte ihn leise flüsternd, "Ich dachte Vampire haben keine Angst. Und du hast Angst vor Katzen?"
Kolja flüsterte zurück: "Das ist keine Katze, das ist Tii der Katzendämon meiner Urgroßmutter."
Die Fürstin blickte Ka und Kolja nun direkt an. "Wolltet ihr etwas sagen?" Ka fühlte sich als wäre sie steif gefroren. Sie schüttelte mühsam den Kopf.
Tii sprang vom Bett und näherte sich ihnen. Die Fürstin beobachtete ruhig ihre Reaktion. Ka hatte den Eindruck, dass Kolja noch etwas blasser wurde, als er ohnehin schon war, sie spürte, wie ihre Hände feucht wurden und selbst Lisa, die sonst jedes Tier sofort in ihr Herz schloss, zog sich zusammen und machte sich klein. Ka war sich diesmal sicher, dass das Tier Dunkelheit und Kälte um sich herum verbreitete.
Sie wichen alle vor dem Tier zurück.
Nur Sara tat das Gegenteil, sie hockte sich hin und lockte das Tier. Der Dämon lief direkt zu ihr. Dann streichelte Sara das Tier auch noch.
Ka spürte einen kalten Schauer auf der Haut, sie hatte den Eindruck als ob der Dämon grinsen würde, Sara nahm ihn nun sogar auf ihren Schoß. Ka wollte zu ihr, sie warnen, vielleicht hatte der Dämon Sara verhext. Aber Ka war immer noch wie erstarrt und schaffte es nicht, sich zu Sara hinzubewegen. Sara musste das, was Kolja geflüstert hatte, doch auch gehört haben und die Kälte und Gefahr spüren, die von dieser Katze ausging.
Doch Sara war völlig unbekümmert, sie blickte kurz zu Ka hinüber und wirkte total gelöst. Und auch der Katzendämon wirkte auf einmal wie eine Schoßkatze. Sara streichelte ihn einen Augenblick lang und setzte ihn dann behutsam auf die Erde. Der Katzendämon blieb bei ihr und strich weiter um Saras Beine. Langsam löste sich Kas Erstarrung wieder. Aber sie versuchte vorsichtshalber, weiterhin Abstand zu dem Tier zu halten.

Die Fürstin hatte das Ganze aufmerksam beobachtet und blickte Sara nun fast liebevoll an. Dann richtete sie sich auf und sah sie alle ernst an. Ihre Stimme traf sie wie ein kalter Lufthauch. "So, Kolja hat sich also dazu entschieden, euch zu vertrauen. Ich rate euch dringend, euch dieses Vertrauens würdig zu erweisen. Die meisten Vampire mögen es nicht, wenn Menschen die Nase in ihre Angelegenheiten stecken. Ich wäre gezwungen", hier wurde ihre Stimme schärfer, "geeignete Maßnahmen zu ergreifen, falls ihr sein Vertrauen missbrauchen würdet." Dann wurde ihr Blick etwas freundlicher. "Vergesst das nicht, denn ich wäre andernfalls noch euer geringstes Problem." Auf ihrem Gesicht erschien ein schwer zu deutendes Lächeln. "Ihr werdet auch so schon manche Überraschung erleben.
Ich muss jetzt etwas schlafen. Und Kolja, du hast heute Nacht noch Unterricht bei deinem Privatlehrer Herrn Nolling."
Die Mädchen blickten fragend zu Kolja hin. "Mathe, Herr Nolling ist mein Privatlehrer für Mathematik. Ich erhalte zu Hause Unterricht" sagte er unwillig. Kolja nickte seiner Urgroßmutter zu.
Er war sich dessen bewusst, aber er konnte seine neuen Freundinnen ja nicht einfach im Stich lassen. Er würde eben wieder einmal völlig übermüdet sein. Den Ärger war er schon gewöhnt. Um 23 Uhr nachts zu lernen war ganz einfach nicht seine Zeit, obwohl das als Vampir von ihm erwartet wurde.
Die Fürstin sah Kolja, Ka und Lisa an und verabschiedete sie, ihre Worte füllten klar und dunkel den Raum: "Ihr könnt jetzt gehen, wir sehen uns sicher noch einmal wieder. Ich wünsche euch noch einen interessanten Nachmittag." Ein undurchschaubares Lächeln huschte über ihr Gesicht. Dann wandte sie sich mit einem Tonfall, der keinen Widerspruch zuließ, Sara zu: "Du bleibst bitte noch hier."
Ka sah, dass Sara zusammenschrak. Sie wollte protestieren, doch Sara gab ihr mit einem Kopfschütteln zu verstehen, dass sie das nicht sollte. Also ließ Ka Sara mit der Fürstin allein.
Sie ließ die Tür einen Spaltbreit offen stehen. Zuerst hörte sie gar nichts, dann schnappte sie einen Satzfetzen auf, die Stimme der Fürstin, fast sanft und doch bestimmt, "... Sara, du musst mir versprechen, den anderen niemals etwas zu tun". Aus den Augenwinkeln blickte Ka durch den Spalt, sie konnte nur Sara sehen, wie sie zitternd nickte. Dann fiel die Tür zu und sie konnte nichts mehr von dem Gespräch im Zimmer verstehen.
Der Satz gab keinen Sinn, sie musste sich verhört haben.

Draußen auf dem Flur standen Lisa und Kolja und sahen Ka fragend an. Kolja wirkte sichtlich überrascht. "Weißt du, wieso meine Urgroßmutter mit Sara sprechen will?"
Doch Ka konnte auch nur mit den Schultern zucken. Als Sara endlich das Zimmer der Fürstin verließ, bestürmten Kolja und Lisa sie mit Fragen. "Hattest du gar keine Angst vor Tii?", "Wieso solltest du noch dableiben?", "Was wollte sie denn noch von dir?" Doch Sara schüttelte den Kopf und wehrte alle Fragen mit abweisendem Blick ab: "Nichts." Alle weiteren Nachfragen wurden von Sara ignoriert. Lisa zappelte aber weiter um sie herum.
Ka nahm Lisa zur Seite. "Lass sie in Ruhe. Niemand wird hier gezwungen, etwas zu erzählen." Lisa sah erst Ka und dann Sara an und biss sich auf die Lippen. "Entschuldigung."

Ka wusste, dass ihre beste Freundin etwas verbarg. Sie sah, dass Sara bleich und nachdenklich wirkte. Ka musste immer wieder an den Satzfetzen denken, den sie gehört oder vielleicht auch missverstanden hatte. Aber sie wollte Sara nicht verraten, also sagte sie nichts.
Außerdem war Sara ihre beste Freundin, es war völlig absurd zu denken, dass Sara in irgendeiner Weise eine Gefahr für sie oder die anderen darstellen könnte.

Dann machten sie sich durch Säle und Gänge und über viele Treppen zurück auf den Weg zur Eingangshalle.
Lisa zupfte Kolja am Ärmel. "Was tut ein Dämon?"
"Dämonen leben von der Freude und dem Leid anderer Wesen. Sie saugen dir alle Gefühle aus, bis dir alles gleichgültig ist und sie haben spezielle Kräfte." Kolja ließ seine Stimme zu einem dunklen Flüstern absinken. "Tii ist ein Katzendämon. Er jagt und frisst vor allem Gespenster. Ihm wachsen dann riesige, mit Krallen bewehrte Klauen aus dem Leib und am liebsten spielt er erst eine Weile mit seinen Opfern. Aber falls du ihn daran zu hindern versuchst, ..." Kolja brach ab, machte eine Geste mit seinen Händen, als wären es drohende Klauen und verzog das Gesicht zur Fratze. Ka lachte. "Als Katzendämon bist du nicht sehr glaubwürdig." Lisa starrte Kolja entsetzt an, sie musste an das niedliche Gespenst auf dem Bild ihrer Ururgroßtante denken. Kolja schien ihre Gedanken zu erraten. "Ich habe einmal versucht, eins der Gespenster zu retten. Daraufhin hat Tii mich durch das halbe Schloss gejagt, da war ich zehn Jahre alt. Als ich irgendwann nicht mehr konnte, hat er mit seinen Klauen nach mir gegriffen. Ich habe versucht, mich zu wehren, aber ich konnte nicht. Alles fühlte sich auf einmal sinnlos, leer und kalt an.
Irgendwann, nach unendlicher langer Zeit, mir kam das zumindest so lange vor, kam meine Urgroßmutter und hat Tii beiseite genommen. Ich zitterte am ganzen Leib. Aber das Einzige, was sie sagte, war, dass es die Aufgabe von Tii sei, die Gespenster zu jagen, sie würden hier sonst überhand nehmen. Und ich solle ihn nicht ärgern.
Und dann hat sie mich allein im Dunkeln sitzen gelassen."

Den Rest des Weges dachte Lisa darüber nach, wie sie die kleinen Gespenster retten könnte. Sie nahm sich vor, die ganze Bibliothek ihrer Ururgroßtante nach einer Lösung zu durchsuchen.
Sara schwieg die ganze Zeit und hielt etwas Abstand, sie schien mit ihren Gedanken weit weg zu sein. Ka bemerkte, dass Sara ihren Anhänger berührte, der an einem Lederband verborgen unter ihrer Bluse hing. Sie hatte ihn ihr einmal gezeigt, ein blauer Halbedelstein mit dem Abbild eines schwarzen Panthers. Sie hatte ihn nur ihr gezeigt, niemanden sonst. Ka wollte Saras Vertrauen nicht enttäuschen, also sagte sie nichts. Doch sie machte sich um sie Sorgen, wusste aber nicht, was sie tun sollte. Dann dachte sie noch einmal über die Begegnung mit Koljas Urgroßmutter nach. "Was war das für ein Pulver, das sie in die Nase eingesogen hat?"
Kolja verzog das Gesicht. "Vampirtabak, wahnsinnig ungesund, die Vampiraufsicht würde den Genuss am liebsten untersagen. Aber Urgroßmutter meint, die letzten 1200 Jahre hätte sie ja trotz Tabak überlebt, da würde sie sich das jetzt auch nicht mehr verbieten lassen.
Einmal, als ich ein kleines Kind von sieben Jahren war, habe ich ihr Tabaksfläschchen versteckt. Sie hat mich mit ihrem Blick an die Decke geklebt und 24 Stunden dort hängen lassen." Kolja sah Kas fragenden Gesichtsausdruck und ergänzte: "Viele erwachsene Vampire haben telekinetische Fähigkeiten, sie können allein mit der Kraft ihrer Gedanken Dinge bewegen".

Sie hatten gerade wieder die Eingangshalle erreicht, als auf einmal ein Handy klingelt.
Ka, Sara und Lisa sahen sich gegenseitig an, aber es war Kolja, der ein Handy aus seiner Tasche zog. Seine Mutter war am Apparat. Die Konferenz war in einer anderen Zeitzone in den USA, dort war es gerade kurz nach Mitternacht und sie bat Kolja, ihr noch bis morgen ein Dokument per E-Mail zu schicken, das sie vergessen hatte. Dann ermahnte sie ihn noch - wie eigentlich immer - auch einmal etwas Vernünftiges zu trinken, ausreichend zu schlafen und tagsüber nicht immer so lange aufzubleiben und Kuss und bis bald.
Ka sah Kolja erstaunt an: "Du hast ein Handy?"
"Na klar, wie sollen mich meine Eltern denn sonst erreichen?"
Auch die anderen waren überrascht, irgendwie hatten sie sich Vampire anders vorgestellt.
Lisa stupste Kolja an: "Du hast uns gar nicht dein Zimmer gezeigt."
Kolja sah scheinbar unbeteiligt an ihr vorbei. "Das nächste mal." Aber Ka hatte den Eindruck, dass er ihnen absichtlich sein Zimmer vorenthalten hatte, wahrscheinlich hing es voller Filmplakate und vielleicht war ihm das als Vampir peinlich. Sie dachte nun wieder über Koljas Wunsch nach, Filmemacher zu werden. Die Glocke der Fürstin hatte sie vorhin unterbrochen und dann war so viel anderes passiert.

Lisa schaute sich inzwischen zum zweiten Mal begeistert die Ahnenreihe von Kolja an. "Ach, ich hätte auch gerne eine berühmte Familie."
Kolja sah nur aus dem Fenster. "Ich finde das unwichtig, obwohl ein bis zwei wirklich widerwärtige Verbrecher darunter waren." Lisa schluckte, auch ihr fiel nun wieder Koljas Wunsch ein, Filmemacher zu werden.
Ka dachte einen kurzen Moment lang nach, dann flüsterte sie mit Sara und Lisa. Alle drei gingen sie zu Kolja. "Du könntest bei uns mitmachen."
Lisa lächelte. "Wir könnten deine Freundinnen sein. Wir haben gerade den Bund zum Schutz der Unterweltbewohner, Nachtwesen und Geister gegründet."
Sara ergänzte: "BUNG."
Ka setzte sich auf den großen Tisch. "Machst du mit?"
Kolja sah die drei unsicher an. "Glaubt ihr, das wäre gut?"
Lisa blickte ihn an: "Klar, mach doch mit, das wird sicher lustig. Und du weißt vieles, was wir nicht wissen."
Kolja zögerte: "Aber eigentlich will ich Filme machen."
Ka nickte. "Wenn du mitmachst, drehen wir auch mal einen Film mit dir."
Lisa stimmte begeistert ein. "Ja."
Sara sah weniger begeistert aus, nickte aber auch.
Ka hielt Kolja die Hand hin und Kolja schlug ein. "Gut, ich bin dabei". Einen Moment lang zögerte er, dann ergänzte er noch: "Stört es euch, wenn ich zeichne?"
"Was willst du zeichnen?"
"Comics, über uns, Ausschnitte von dem, was passiert und was ich sehe. Das ist eine Art Tagebuch und hilft mir, bildliche Vorstellungen für meine Filme zu entwickeln."
Sara schwang sich neben Ka auf den Tisch. "Kein Problem, solange ich darauf nicht zu erkennen bin."
Kolja schnaubte trocken. "So schlecht zeichne ich nicht."
Ka ließ sich vom Tisch gleiten und richtete sich auf. "Dann ist ja alles klar."
Sara nickte. Lisa war sowieso von Kolja, dem Schloss und der Idee, einen Film zu drehen, begeistert. Das Kaninchen hatte sie inzwischen schon fast vergessen.
Kolja sah die drei an. "Gut."
Ka nickte. "Also gehörst du jetzt zu uns." Vier Stimmen vereinigten sich zu einem gemeinsamen, lauten: "BUNG!"

Im Reihenhaus sah es, nachdem sich die Garderobe wieder geschlossen hatte, genauso verlassen aus wie bei ihrer Ankunft. Nur die ausgestopften Tiere schienen sie nun noch bösartiger anzustarren.
Lisa betrachtete mit Widerwillen den Kopf eines toten Ebers. "Wieso hängen die ganzen toten Tiere hier?"
Kolja sah sie an. "Die sind nicht tot. Das sind Schutzgeister gegen Einbrecher. Sobald die Sonne untergegangen ist, erwachen die Tiere zum Leben und sorgen dafür dass niemand ins Schloss eindringt. Sie können das Haus aber nicht verlassen. Außerhalb erstarren sie sofort wieder."
Lisas Stimme stockte, als sie sich die Geistertiere vorstellte. Einen kurzen Moment lang hatte sie den Eindruck, der Eberkopf hätte sich bewegt. "Aber wie kommst du dann rein und raus?"
"Mir tun sie nichts, aber ihr müsst aufpassen, falls ihr jemals nachts hier durch müsst."
Lisa nahm sich vor, niemals nachts durch dieses Haus zu gehen. Sie hätte das Haus gerne umgehend verlassen. Aber Ka wollte unbedingt noch die Fläche hinter dem Haus sehen, sie wollte wissen, wo der Park geblieben war. Sie sah Kolja an: "Du wolltest uns noch die Rückseite des Hauses zeigen."
Doch Kolja schüttelte den Kopf. "Nein, heute wird es zu spät. Ich dachte, wir gehen noch mal zum Markt, um zu schauen, was die Vampiraufsicht da sucht."
Ka und Sara waren damit einverstanden.
Sie verließen das Reihenhaus.

Nur Lisa war bei der Erwähnung des Marktes unmerklich zusammengezuckt. Sie zögerte auf dem Fußweg und blieb fast stehen. Ka, Sara und Kolja drehten sich zu ihr um. Lisa biss sich auf die Lippen, nur zögerlich presste sie unsicher einige Worte hervor: "Äh", sie wurde rot und gleichzeitig blass, "ich muss euch was sagen. Ich meine ..."
Alle schauten sie an.
"Ich habe euch was verschwiegen, ich ...", sie verhaspelte sich, "zuerst war es mein Geheimnis und ich konnte ja nicht wissen, dass wir uns anfreunden, und dann habe ich mich nicht mehr getraut, es euch zu sagen, weil ich doch irgendwie nicht die Wahrheit gesagt hatte." Niedergeschlagen sah sie die anderen an. "Ihr vertraut mir sicher nicht mehr, sobald ihr es wisst. Ich weiß, was den Detektor in der Umgebung der Gemüsestände zum Ausschlagen bringt. Aber ...", Lisa fand keine Worte, in ihren Gedanken suchten kleine, blassgrüne feuchte Wesen bei ihr Schutz. Sie waren so niedlich. Lisa schüttelte sich. Ka sah, dass ihr die Tränen kamen. Sie ging zu ihr hin. "Zeig´ es uns doch einfach."
Lisa nickte.
Sie ließen das Reihenhaus hinter sich und folgten Lisa zurück zum Markt. Lisa lief mit hängendem Kopf voraus und schaute nur einmal kurz zu den anderen zurück. "Ich habe mir schon immer Haustiere gewünscht."
Aus dieser Bemerkung Lisas wurden sie aber auch nicht schlau.

Auf dem Markt, der inzwischen abgebaut wurde, obwohl noch einige Passanten einkauften, lief Lisa zielstrebig zu einem großen Gemüsekarren und hockte sich dann hin, so dass sie unter den Karren schauen konnte. Ka stieg ein intensiver Geruch nach verfaultem Gemüse in die Nase. Lisa suchte irgendetwas, nur kurz, dann hatte sie offensichtlich gefunden, was sie suchte, vorsichtig, aber schnell griff sie zu und zog ein kleines, blassgrünes Etwas unter dem Karren hervor, das in ihrer Hand jämmerlich fiepte. Vorsichtig nahm sie es in beide Hände und bildete eine kleine Höhle. Sorgsam achtete Lisa darauf, dass kein Sonnenstrahl das Geschöpf traf und streichelte es. Ka, Sara und Kolja sahen eine noch ganz kleine sich bewegende Gurke, die etwas verschrumpelt und bleich aussah. Die kleine, blassgrüne Gurke schlängelte sich in die dunkelste Ecke von Lisas Händen und versuchte, sich dort zu verstecken. Große Augen sahen sie ängstlich an, dann erstarrte das kleine Wesen plötzlich und sah aus wie eine vergammelte Gurke.
Ka berührte das Ding ganz sanft, es fiepte leise. Sie zuckte zurück. "Es stellt sich nur tot." Das Wesen fühlte sich wie eine Gurke mit Pelz an, aber gleichzeitig leicht matschig und nass. Ein Teil des Fäulnisgeruches ging von dem kleinen Lebewesen aus. "Was ist das?"
Lisa ließ das Ding los. Ka sah ihm nach, wie es unter dem Wagen verschwand. Es bewegte sich wie ein grüner Molch an Land und kroch zielstrebig auf eine heruntergefallene Gurke zu, die im tiefen Dunkel eines der Räder lag und saugte sich an ihr fest beziehungsweise saugte sie aus. Auf seinem Weg hinterließ das kleine Geschöpf eine grüne Schleimspur. Jetzt fielen Ka auch die parallelen Bissstellen am restlichen Gemüse auf, das überall auf der Erde lag. Kaum zu erkennen unter der hinteren Wagenachse turnten einige weitere kleine, nasse, blassgrüne Gurkengeschöpfe übereinander und schnupperten neugierig an altem Obst, bevor sie sich daran festsaugten.
Im dunklen Licht des Schattens unter dem Wagen sah Ka erst nur wenig. Erst nach einer Weile hatten sich ihre Augen an das Licht gewöhnt. Der Markt und seine Hektik im grellen Sonnenlicht traten zurück. Das dunkle Licht entspannte ihre Augen und ihr fielen nun immer mehr Einzelheiten auf. Auch die Geräusche des Marktes verschwammen zu einem Hintergrundrauschen. Die kleinen Gurkenwesen waren ganz mit der Suche nach Futter beschäftigt.
Kolja klappte den Mund auf und wieder zu: "Vampirgurken."
Lisa nickte.
Ka schaute sich um. "Betrifft es noch anderes Gemüse?"
"Nur den Sellerie" flüsterte Lisa, und doch war ihr die Begeisterung anzuhören. Sie zeigte auf einen Punkt kurz vor Ka unter dem Karren.
Ka sprang fast einen Meter zurück. Unter dem Karren direkt vor ihr hing eine dicke fette wachsbleiche Sellerieknolle und bewegte sich wie eine riesige Vogelspinne. Jetzt sah sie auch noch zwei weitere Vampirsellerieknollen, die kunstvoll wie Hochseilartisten an der Unterseite des Karrens herumturnten. Ihre Wurzelbeine waren feucht und schmutzig. Auch sie verströmten einen süßlichen Geruch nach Moder und Fäulnis.
Doch als sie bemerkten, dass sie beobachtet wurden, versteckten sie sich an der Unterseite des Karrens oder stellten sich tot und waren nicht mehr von faulem, altem Gemüse zu unterscheiden. Auch die Vampirgurken sahen auf einmal nur noch wie normale überlagerte Gurken aus, die überall auf dem Boden lagen.
Nur weiter weg, auf der anderen Seite, kroch noch eine kleine Vampirgurke im dunklen Schatten des Karrens auf der Suche nach Futter umher.

Lisa kroch weiter unter den Karren und strich vorsichtig und sanft einem der nun leblosen Vampirselleries mit den Fingerspitzen über den haarigen Pelz. Der Vampirsellerie reagierte erst gar nicht und stellte sich tot, doch nach einer Weile rollte er vorsichtig einige Wurzelhaare aus und um Lisas Finger und rieb sich an ihrer Hand. Er sonderte dabei reichlich schwarzgrünen Schleim ab, offensichtlich mochte er es, gekrault zu werden. Doch als Lisa sich einmal zu schnell bewegte, stellte er sich sofort wieder tot.
Kolja konnte es immer noch nicht fassen, davon hatte auch er noch nie gehört, er schüttelte den Kopf. "Vampirgurken und Vampirsellerie, das gibt es nicht." Fasziniert schaute er wie gebannt auf die kleinen Wesen.
Und sie schienen sich auch untereinander zu verstehen. Nachdem sich die Augen von Ka an das Dunkel unter dem Karren gewöhnt hatten, sah sie nun auch in einem der Radkästen einen Vampirsellerie und eine Vampirgurke, die dort fast unsichtbar waren, friedlich aneinander gekuschelt liegen und schlafen. Nur ab und zu zuckte der Sellerie, als träumte er.
Ka musste lächeln und selbst Sara war begeistert. Sie hatten nur noch Augen für die kleinen Geschöpfe. Ohne sich zu rühren warteten sie darauf, dass die Geschöpfe sich wieder zeigen würden.

Bis plötzlich ein Schuh eine kleine Vampirgurke, die gerade ihr Molchgesicht hochreckte, zertrat. Das Fiepen der kleinen Vampirgurke im Todeskampf ließ Ka einen Moment lang erstarren dann schreckte sie hoch.
Ein Geruch nach Rasierwasser und verfaultem Fisch schlug ihr entgegen. Das helle Sonnenlicht blendete sie. Ihr gegenüber auf der anderen Seite des Gemüsekarrens standen die beiden Vampire der Aufsichtsbehörde. Die glattrasierten kalten Gesichter schauten angeekelt auf die Vampirgurken, die beiden Vampire zertraten so viele wie möglich. Sie traten immer wieder zu. Ein eisiges Lachen stand in ihrem Gesicht. Ka war mit einem Mal so kalt, als säße sie in einem Kühlschrank.
Sie und die anderen hatten die beiden Aufsichtsvampire nach der Entdeckung der Vampirgurken und -sellerie völlig vergessen. Zwischen den schmalen Lippen der Vampire glaubte sie einen Moment lang Kadaverreste zu erkennen, obwohl alles an den beiden Männern sorgsam gepflegt wirkte, auch die Zähne.
Dann wandten sich die Vampire der Aufsichtsbehörde mit ihren kalt lachenden Gesichtern ihnen zu. Die Vampire versuchten sie zu greifen. Doch Ka und auch Sara und Kolja waren viel zu schnell.
Aber Lisa erwischten sie am Kleid, da sie erst noch eine der kleinen Vampirgurken in einer Falte ihres Kleides in Sicherheit brachte.

Die beiden beugten sich über Lisa um ihr die kleine Vampirgurke abzunehmen. Lisa war sich nicht sicher, ob sie nicht auch sie verspeisen wollten. Obwohl Kolja erzählt hatte, dass sich die Vampire der Aufsichtsbehörde vor menschlichem Blut ekelten, wollte Lisa es doch nicht darauf ankommen lassen, das auszuprobieren. Der nach verfaultem Fisch und Aas stinkende Atem der beiden Vampire nahm ihr die Luft.
Einer der Aufsichtsvampire hauchte ihr direkt ins Gesicht: "Du solltest dich nicht in Sachen einmischen, die dich nichts angehen, Mädchen. Du glaubst wohl, nur weil du so jung bist, würden wir dich nicht bestrafen." Der Aufsichtsvampir zog sie näher zu sich heran und grinste, Lisa fröstelte es. "Da irrst du dich. Denn siehst du, wir wissen, dass es wichtig ist, jede Form von Renitenz gleich im Keim zu ersticken.
Wir wollen doch nicht, dass aus dir einmal eine Erwachsene wird die keine Angst mehr vor Vampiren und Nachtwesen hat! Oder, Kleine, das wollen wir doch nicht?" Mit diesen Worten griff der Aufsichtsvampir nach der Vampirgurke, die Lisa in ihrem Rock verborgen hatte. Sie spürte die kalte Dunkelheit, die von diesem Griff ausging. Zuerst war Lisa vor Angst erstarrt, ihr liefen wieder die Tränen übers Gesicht doch dann dachte sie an die kleine hilflose Vampirgurke. Und die Angst machte sie nur umso wütender.
Ohne weiter nachzudenken, trat sie dem Aufsichtsvampir gegen das Schienbein und schlug auf ihn ein. Sie versuchte loszukommen, doch der kalte Griff des Vampirs war unerbittlich. Sie fing lautstark an zu brüllen: "Mörder! Lasst mich los! Loslassen, Fischgesichter, Gurkenmörder, Vampirzombies!
Hilfe! Hilfe!
Ihr stinkt!"
Immer mehr Leute wurden aufmerksam, den Vampiren war das äußerst unangenehm und sie trauten sich nicht mehr fester zuzugreifen, dadurch gelang es ihr, sich loszureißen. Die Vampire hielten nur noch einen Fetzen ihres Kleides in der Hand.

Lisa tauchte unter der Deichsel des Karrens weg und rannte im Zickzack zwischen den mit dem Abbau der Stände beschäftigten Marktstandbesitzerinnen und -besitzern hindurch.
Eine kräftige Frau, die Lisas Schreien gehört hatte und nun sah, wie zwei unangenehm fischig stinkende Männer in Trenchcoats ein kleines Mädchen verfolgten, hielt einen von ihnen am Mantel fest und verprügelte ihn mit einer Zucchini. Doch in diesem Moment verlor Lisa das Gleichgewicht und fiel über einen Blumenkohl. Alles schien umsonst gewesen zu sein. Gleich würde der zweite Vampir sie erreichen und ihr die kleine Vampirgurke entwinden und sie töten und danach, Lisa wagte sich nicht vorzustellen, was er mit ihr tun würde.
Doch inzwischen hatten die anderen sich gesammelt, Ka, Sara und Kolja bewarfen den Vampir mit altem Obst. Eine faule Birne traf ihn genau im Gesicht und er konnte einen kurzen Augenblick lang nicht richtig sehen. Der Vampir übersah eine alte Banane und rutschte mit Wucht in einen Abfallhaufen aus Altgemüse am Kanalufer, der ihn unter sich begrub. Noch bevor er wieder auf den Beinen war, wurde der ganze Abfall mitsamt dem Vampir über eine Rutsche auf ein Abfallschiff im Kanal geschoben. Lisa dachte einen kurzen Moment lang, dass dadurch der Geruch des Vampirs nur besser werden konnte, seine Kleidung würde aber wohl etwas leiden.
Sie nutzte den Moment um sich aufzurappeln. Hinter sich hörte sie noch die Stimme des zweiten Vampirs, den immer noch die Marktfrau festhielt. Ein zischender kalter Hauch in ihren Ohren. "Wir sehen uns wieder! Glaub´ nicht, dass wir dich vergessen."

Blitzschnell verschwand sie hinter einigen Marktständen. Sie zitterte und es fröstelte sie trotz des Sonnenscheins. Aber wo waren die anderen?
"Pst!" Das war Sara.
Sara, Ka und Kolja hatten sich genau hier versteckt und von dort aus mit dem alten Obst geworfen. Ka zog Lisa mit sich. Schnell rannten sie weiter in eine Seitenstraße, bis der Markt nicht mehr zu sehen war. Alle waren außer Atem. Lisa war völlig erschöpft und so außer sich, dass sie immer noch weinte. "Diese Fischgesichter, sie töten sie, wir müssen sie retten."
Ka berührte Lisa sanft am Arm. "Klar. Aber du hättest es uns ruhig früher sagen können."
Lisa schluchzte jetzt. "Es war doch mein Geheimnis und ich wollte so gerne Haustiere. Und dann wusste ich nicht mehr, wie ich es euch sagen sollte, weil ich es doch zuerst verschwiegen hatte."
Ka begriff langsam. "Du hast auch welche bei dir zu Hause?"
"Ja, aber es geht ihnen nicht gut. Ich habe ihnen im Keller in einer Kiste einen Unterschlupf gebaut."
Ka erinnerte sich an das faule Gemüse und die blassgrüne Bewegung, die sie im Keller gesehen hatte. Lisa schniefte. "Aber der Keller ist zu trocken. Und irgendwie schaffen sie es immer wieder aus dem Keller heraus nach oben ins Haus zu kommen. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Und auf dem Markt werden sie zerquetscht und wenn sie an die Sonne kommen, sterben sie. Und jetzt werden sie auch noch von diesen Fischgesichtern ermordet."
Lisa schluchzte nun noch mehr. Noch immer hielt sie die kleine Vampirgurke in einer Falte ihres Kleides verborgen. Sie hatte sie die ganze Flucht über nicht fallen lassen. Ka nahm Lisa in den Arm und versuchte sie zu beruhigen. Sara half ihr, die kleine Vampirgurke sicher zu verstauen. Dann gingen sie langsam zurück zu ihrem Hauptquartier, das Kolja ja noch gar nicht kannte. Sara und Ka ließen Lisa in ihrer Mitte gehen. Als sie den Dachboden erreichten, war Lisa wieder etwas ruhiger.
"Vertraut ihr mir trotzdem noch?"
"Ja, klar." Ka legte Lisa einen Arm um die Schulter und Kolja nickte, sein Blick wanderte über den Dachboden. Auch ihm gefiel die Villa.

Vorsichtig holte Lisa die kleine Vampirgurke hervor. Hier auf dem Dachboden war der Geruch nach vergammelndem Gemüse, den sie ausströmte, nur ganz leicht wahrnehmbar.
"Sie braucht frisches Gemüse."
Zum Glück hatte Sara ja Gurken eingekauft; die Tasche hatte sie die ganze Zeit mitgeschleppt. Jetzt bekam die kleine Vampirgurke eine der Gurken zum Aussaugen. Sie machte dabei kleine glucksende Geräusche und blickte sich immer wieder ängstlich mit großen Augen nach ihnen um. Das sah wirklich niedlich aus. Der Dachboden war durch den Baumschatten halbwegs kühl und dunkel. Trotzdem schien es der Kleinen nicht gut zu gehen.
Ka bemerkte als erste die Verletzung. Das musste im Kampf mit den Aufsichtsvampiren passiert sein. Sie verlor immer mehr Flüssigkeit. Sie wussten nicht, was sie tun sollten. Bis Sara die Idee mit dem Pflaster hatte. Sorgsam schloss Lisa die Wunde.
Nach einer halben Stunde ging es der kleinen Vampirgurke etwas besser. Sie kuschelte sich im Dunkel unter einem Schrank zusammen und schlief.
Lisa schniefte. Ka ballte die Fäuste. "Wir müssten mehr herausfinden. Irgendwie müssen wir die Kleinen vor den Vampiren der Aufsichtsbehörde schützen."

Eine Weile schwiegen sie alle und hingen aufgebracht ihren Gedanken nach. Selbst am Himmel zogen dunkle Wolken auf.

Ka ließ sich alles noch einmal durch den Kopf gehen. "Stinken eigentlich alle Vampire so?"
Kolja schaffte es irgendwie, obwohl er etwas kleiner als Ka war und auf einer alten Matratze saß, sie von oben herab anzusehen. "Stinke ich so?"
"Nein."
"Also."
Ka überlegte, sie hatte sich in ihrer Fantasie ja etwas Größeres, Eindrucksvolleres vorgestellt, das sie mit BUNG retten würden. Aber für den Anfang waren Vampirgurken und Vampirsellerie vielleicht gar keine schlechte Übung. Aber was wussten sie darüber? "Ob das Vampirgemüse Menschen gefährlich werden kann?"
Kolja schüttelte den Kopf: "Das glaube ich nicht, die ernähren sich doch vegetarisch."
Ka war nicht ganz überzeugt: "Hoffen wir das mal. Dir als Vampir kann ja nichts passieren."
Lisa hatte auch schon in der Bibliothek nach Informationen gesucht, ihre Stimme war leise. "Im Folianten stehen weder Vampirgurken noch Vampirsellerie verzeichnet."
Ka sah sie an. "Wie viele Vampirgurken hast du bereits früher hierhergebracht?"
Lisa sah bedrückt aus der Luke. "Etwa ein Dutzend, aber sie büxen immer aus und sind dann überall im Haus. Ihr glaubt gar nicht, wo sie überall hinkommen. Eine saß irgendwann in der Soßenterrine. Und sobald sie Sonnenlicht ausgesetzt sind, sterben sie. Die Hälfte ist inzwischen tot", ihr versagte die Stimme, "ich schade ihnen nur." Sie schniefte. "Ich wusste doch gar nichts über sie."
Dann wandte sie sich zu Kolja. "Wieso haben die Vampire von der Aufsichtsbehörde die Kleinen zertreten?"
Kolja zuckte mit den Schultern. "Sie hassen alle Grenzübertretungen und alle Mischwesen. Jede Vermischung von Vampirwesen mit Nichtvampiren lehnen sie ab. Und sie hassen alles, was unnormal ist, alles muss seine Ordnung haben. Vampirgurken finden sie sicher besonders ekelerregend. Sie haben alle möglichen Bestimmungen zur Unterbindung von ungenehmigtem Vampirismus und gegen Mischlinge und Artveränderungen erlassen.
Und außerdem hatte ich doch gesagt, dass sich viele Vampire heute vor dem Blutsaugen ekeln. Alles Flüssige, was nicht künstlich ist, flößt ihnen Furcht ein, ob Schweiß, Blut oder Gemüsesaft. Sie können einfach die Vorstellung nicht ertragen, dass andere Vampire in etwas hinein beißen, um es auszusaugen. Meine Urgroßmutter macht sich immer über diese modernen Vampire lustig.
Aber leider ist das nicht nur lustig, die Vampiraufsicht kann ziemlich gemein werden. Jugendliche Vampire können aufgrund von Blutsaugen richtig viel Ärger bekommen. Und", einen Augenblick lang schwieg Kolja, dann fuhr er fort: "sie werden wahrscheinlich versuchen, alle Vampirgurken zu töten, falls sie sie finden. Nichts ist ihnen wichtiger, als die Geheimhaltung dessen, dass es uns gibt, und Vampirgemüse auf dem Markt ist nun wirklich ein Risiko für die Geheimhaltung.
Mich wundert sowieso, dass es noch niemandem aufgefallen ist."
Ka zuckte mit den Schultern. "Ach, die Erwachsenen würden an die Existenz von Vampirgemüse selbst dann nicht glauben, wenn das Gemüse direkt vor ihren Augen einen Stepptanz aufführen würde. Ihnen würde immer irgendeine, scheinbar rationale Ausrede einfallen. Da glauben die eher, dass sie selbst verrückt sind und halluzinieren. Und die Kleinen stellen sich doch sofort tot und sind dann nicht mehr von vergammeltem Gemüse zu unterscheiden."
Sara nickte und sah in die Runde. "Was wollen wir jetzt machen?"

Alle dachten nach. Ka konnte nicht stillsitzen, sie ging zur Luke und schaute hinaus. "Vermutlich sind Vampirsellerie und Vampirgurken nachtaktiv. Wir müssten nachts ihre Spur aufnehmen und schauen, woher sie kommen."
Die anderen stimmten ihr zu, aber wie sollten sie das organisieren?
Lisa klatschte in die Hände. Sie hatte wieder Mut gefasst, vielleicht konnten sie die Vampirgurken und -sellerie ja doch retten. "Morgen ist doch Freitag Samstag und Sonntag sind frei. Übernachtet doch morgen und übermorgen bei mir, mein Vater hat sicher nichts dagegen. Wir brechen dann von hier aus in der Nacht auf und suchen mit dem Detektor nach Spuren."
Alle stimmten zu. Koljas Eltern würden sicher begrüßen, dass er mal wieder nachts wach blieb und nicht immer nur tagsüber. Und Sara würde ihrer Großmutter sagen, dass sie bei Ka eingeladen sei.
"Gut, dann kommt um 21 Uhr hier vorbei und bringt Schlafsäcke mit."
Da Kolja keinen Schlafsack hatte, versprach Ka, zwei mitzubringen.

Zum Abschied streichelten alle noch einmal die kleine, nassfeuchte Vampirgurke. Das war wie ein Schwur: Wir werden sie retten.
Dann trug Lisa sie zu den anderen Vampirgurken in den Keller.

Von draußen unter den Büschen beobachteten zwei blutrote Augen all ihre Bewegungen und wie sie das Haus verließen. Keine von ihnen ahnte davon etwas, nur Sara war einmal kurz irritiert, doch sie schob das auf ihre allgemeine Unruhe.
Sie dachte an das Gespräch mit Koljas Urgroßmutter.

Auf dem Rückweg bemerkte sie, dass Ka sie ansah. Sie wusste, dass Ka etwas ahnte, doch sie wusste auch, dass ihre Freundin sie nicht bedrängen würde.
Irgendwann würde sie ihr alles sagen, irgendwann.
Aber sie hatte Angst davor.
Sie verabschiedete sich von Ka, ohne Koljas Urgroßmutter und das geheimnisvolle Gespräch noch einmal anzusprechen.









- Kapitel 3 'VVP' -


"Lisa hat Sara und mich am Wochenende zum Übernachten eingeladen." Ka sah ihre Mutter fragend an.
Ihre Mutter blickte kurz auf. Sie hatte ihren Nachbarn und seine Tochter schon in der Bauphase des Hauses kennengelernt. "Findest du Lisa nett?"
Ka nickte.
"Und Lisas Vater ist damit auch einverstanden?"
"Ja."
"Na, dann viel Spaß. Falls irgendetwas ist, kannst du ja rüberkommen."

Am Freitagnachmittag packte Ka alles was sie brauchte in einen Rucksack, ihre Zahnbürste, Waschzeug, einen Pullover, Schlafzeug, zwei starke Taschenlampen, Batterien und etwas frisches Gemüse, das ihre Mutter ihr hingelegt hatte, damit sie auch etwas Vernünftiges zu Essen hatten. Ka grinste. Für die Vampirgurken würde das genau das Richtige sein.
Kurz vor 21.00 Uhr nahm Ka den Rucksack und die beiden Schlafsäcke und verabschiedete sich von ihren Eltern. Ihre Mutter war in ihre Formeln vertieft und nickte nur abwesend. Ihr Vater rief ihr noch fragend hinterher: "Hast du auch alles, was du brauchst?" "Ja, Tschüss!" brüllte sie zurück und schloss die Haustür hinter sich.

Sie benutzte den Weg hinten herum durch das Loch im Zaun. Die Abendluft lag kühl auf ihrer Haut. Unter den Bäumen roch es nach feuchtem, dunklem Grün. Eine Katze kam unter einem Gebüsch hervor und sprang an einem der Bäume hoch.
Als sie den Hintereingang der alten Villa erreichte, ging das Blau des Himmels in ein farbloses Grau über. Bald würde die Nacht anbrechen. Sie dachte über Sara nach und über die Erlebnisse mit Kolja. Auf einmal tippte ihr jemand auf die Schulter. Ka zuckte zusammen und ärgerte sich über sich selbst.
"Hallo." Sara lachte, Ka hatte sie wieder einmal nicht bemerkt. Sara gab sich auf den ersten Blick wie immer, doch Ka hatte den Eindruck, dass Sara die Lockerheit nur vorspielte. Sie wirkte immer noch zurückhaltend.
Gerade wollte Ka sie darauf ansprechen, als die beiden Kolja sahen.
Er kam von der Straße um das Haus herum. Kolja trug einen weiten, leichten schwarzen Stoffumhang und war unter den Bäumen kaum zu erkennen. "Hi."
Er hatte außerdem einen schwarzen schweren Stoffrucksack dabei, den Ka neugierig betrachtete. "Was hast du denn alles mit?"
Kolja ließ den Rucksack vom Rücken gleiten, um sich auszuruhen. "Lisa hat mich gefragt, ob ich für mich selbst Getränke und Essen mitbringen könnte. Sie wusste nicht, wo sie das kaufen sollte. Und für euch habe ich auch noch was mitgebracht."
Ka half ihm, den Rucksack zu tragen. "Ich habe auch den Schlafsack für dich."
Er nickte. "Danke, ich kann ihn morgen tagsüber sicher gut gebrauchen."

Aber Ka, Sara und Kolja waren nicht die einzigen Besucher dieser Nacht, unweit von ihnen tief im Weißdornbusch fletschte ein schwarzer Schatten seine Zähne, als ihr Lachen zu ihm herüber wehte.
Nur, dass dieser Besucher uneingeladen hier war.

Auf dem Dachboden lag auf der freien Fläche vor der Luke eine Reihe alter Matratzen, außerdem standen dort Gläser mit Kerzen. Ihr Flackern wurde noch vom diffusen Licht der Abenddämmerung überdeckt. Doch das Dunkel der Ecken zwischen den alten Sachen, die hier abgestellt worden waren, verschwamm bereits im letzten Schein des Tages. Schwarze Flecken schienen sich dort zu bewegen.
Ka, Sara und Kolja begrüßten Lisa: "Hallo."
"Hallo."
Jetzt sah Ka, dass Lisa auch etwas zum Essen und Trinken bereitgestellt hatte. In einigen Glasschalen lagen Salzstangen, Erdnussflips und eine große Tüte mit Schokoriegeln. In großen Trinkkrügen standen Wasser und Saft bereit.
Durch die geöffnete Luke wehte kühle Luft herein.

Kolja hatte für sich selbst einige Flaschen Blutoka und für die anderen zwei große Flaschen Cola mitgebracht. Außerdem packte er noch einige Vampirspezialitäten aus: "Ich habe gefriergetrocknete Blutwurstchips, lila gefärbte Blutgrütze im Plastikmantel zum Aussaugen und Turubällchen dabei. Falls ihr wollt, nehmt euch ruhig etwas davon.
Es ist genug da."
Ka probierte die Blutwurstchips, sie schmeckten salzig, fast wie die Erdnussflips. Lisa nahm neugierig einen der kleinen blauen Turubälle in die Hand, die Kolja zu den anderen Lebensmitteln gelegt hatte. Sie roch daran. "Was ist das? Ist da Fleisch drin?"
Kolja hatte sich gerade genussvoll einen davon in den Mund geschoben. Er schüttelte den Kopf. "Nein."
Lisa probierte den Ball. Er schmeckte wie bitteres Hackfleisch mit Vanillearoma und verwandelte sich im Mund in eine glibberige knorpelige Masse. Sie sah Kolja an. "Das ist wirklich kein Fleisch?"
Kolja schüttelte noch einmal den Kopf. "Nur Imitat, früher wurde für Turubällchen in Bluteis eingelegtes Froschhirn mit Vanille- und Eisentunke benutzt. Heute wird kein echtes Froschhirn mehr verwendet. Der Geschmack ist aber fast gleich.
Willst du noch einen?"
Lisa wurde etwas bleicher und schluckte mühsam das Bällchen herunter. "Nein - danke."
Auch Ka verzichtete dankend darauf, die Turubällchen zu probieren. Nur Sara nahm sich einen. Sie fand den Geschmack aber zu künstlich.
Dann probierte Kolja die Sachen, die Lisa besorgt hatte. Die Erdnussflips fand er essbar, aber die Schokoriegel lösten Ekel bei ihm aus. "Iiih, die sind ja mit Milch, ich verstehe einfach nicht, wie ihr das herunterbekommen könnt. Milch ist so eklig schleimig. Da müsste ich mich sofort übergeben."
Lisa sah ihn überrascht an. "Aber Blut ist doch auch schleimig."
Kolja schüttelte den Kopf. "Blut ist nicht schleimig, Blut ist sämig."

Ka packte das Gemüse aus, Zucchini und Auberginen, das ihre Mutter ihr mitgegeben hatte. Lisa nahm es mit Begeisterung für ihre Vampirgurken in Empfang und wollte gleich damit in den Keller laufen.
Weder im Keller noch im Treppengang gab es Licht. Sie suchte unter einem der Schränke ihre Taschenlampe, konnte sie aber nicht finden. Unzufrieden wirbelte sie herum. "Fledermausgrau, es geht auch so."
Und noch bevor Ka dazu kam, ihr eine der Taschenlampen anzubieten, die sie mitgebracht hatte, war Lisa bereits im Schrank hinter dem Schornstein verschwunden.

Nur in der Hexenbibliothek war noch etwas zu sehen, sowohl auf der Geheimtreppe als auch in ihrem Hexenkeller war es fast dunkel, doch Lisa kannte hier jeden Winkel. Sie kam ohne Schwierigkeiten die Treppe hinunter und fand sich auch im fast dunklen Keller zurecht. Ein kleines bisschen Licht fiel noch durch die Fenster. Als sie das frische Gemüse roch, lugte neugierig eine winzige Vampirgurke aus der abgedunkelten Kiste hervor, die im unteren Teil eines der Regale hinten in einer Ecke im Keller stand. Lisa nahm das aber nur schemenhaft war.
Dann hörte sie zwei Vampirsellerie, die von einem der oberen Regalbretter herabkletterten. Plötzlich spürte sie, wie ihr etwas auf die Schulter sprang. Es war ein weiterer kleiner Vampirsellerie. Er rieb sich an ihr und stieß eine Art Trillern aus. Sie kraulte ihn tastend und fütterte ihn mit einem Stück Aubergine, das er schlürfend aussaugte. Dann fütterte sie die Vampirgurken und Vampirsellerie in der Kiste mit dem restlichen Gemüse. Das Vampirgemüse konnte im Dunkeln offensichtlich besser sehen als sie.
Lisa seufzte, sie musste unbedingt noch frisches Gemüse organisieren, aber das musste warten. Heute Nacht hatte sie dafür keine Zeit. Sie lief im Dunkeln wieder nach oben zu den anderen.

Als sie auf dem Dachboden ankam, war es auch hier fast dunkel. Draußen war es Nacht. Die anderen saßen im Halbkreis vor der Luke. Überall sonst auf dem Dachboden waren nur noch schwarze Schatten zu sehen.

Nachdem auch Lisa sich hingesetzt hatte, blickte Ka in die Runde. "Wann wollen wir aufbrechen?"
"Nicht vor Mitternacht." Lisa sah zum Treppenaufgang. "Mein Vater schaut vielleicht vorher noch kurz nach uns."
Ka nickte. "Dann lasst uns zuerst einen Plan machen. Ich schlage vor, einfach mit dem Detektor Richtung Kanal zu schleichen und dann dem Zeigerausschlag zu folgen, um so herauszufinden, woher die Vampirgurken und die Vampirsellerie kommen. Wir müssen uns dabei nur vor Erwachsenen hüten. Die kommen sonst, wenn sie nachts eine Schar dreizehnjähriger Kinder am Kanal herumlaufen sehen, eventuell noch auf seltsame Ideen und rufen vielleicht sogar die Polizei."
Alle waren einverstanden. Sie besprachen noch kurz, was sie alles mitnehmen müssten. Lisa verspürte kurzfristig etwas Angst, so spät durch die Nacht zu laufen, aber Ka, Sara und Kolja waren ja dabei. Sie seufzte leise.

Auf einmal bemerkte Ka, dass sie schon eine Weile das schwarze Armband anstarrte, das Kolja auch heute trug. Es war nicht sehr auffällig und doch wirkten die Gravuren auf Ka fast hypnotisch und ein schwaches, dunkelgrünes Leuchten umgab im Dunkel der Nacht das Armband. Sie konnte ihren Blick nicht abwenden und berührte es: "Was ist das für ein Schmuck?"
Kolja strich über das schwarze Metall und seufzte. "Es ist unser Familienzeichen, älter als unser Schloss und auch älter als meine Urgroßmutter. Das jeweils jüngste Kind erhält das Armband, wenn es elf Jahre alt wird, um es dann an die nächste Generation weiterzugeben. Ich bin der Zehnte, der es trägt."
Lisa bestaunte das schwarze Armband mit offenem Mund und selbst Sara linste herüber. Kolja betrachtete das Armband etwas unwillig. "Eigentlich ist es nur ein Armband. Aber fast alle Vampire kennen es." Er grinste leicht schief. "Es hat sogar einen Namen in der Vampirwelt, es wird das Klurk genannt. Einige schreiben ihm magische Fähigkeiten zu. Für viele sehr konservative Vampire ist es fast ein heiliger Gegenstand. Die Aufsichtsbehörden haben schon mehrfach versucht, es in ihren Besitz zu bekommen.
Aber Urgroßmutter würde das niemals zulassen, schon aus Prinzip nicht. Obwohl ich nicht glaube, dass sie an die Dinge glaubt, die über das Armband erzählt werden. Also muss ich es als jüngstes Kind tragen. Ich finde das eher lästig."
Lisa hatte sich inzwischen so weit vorgebeugt, dass sie das Armband fast mit der Nasenspitze berührte. Sie sah Kolja mit großen Augen an. "Was für magische Fähigkeiten?"
"Die Legende sagt, dass es den Träger vor dem Golch schützt."
Ka stutzte. "Was ist der Golch?"
"Das grausigste Monster, das je auf Erden existiert hat. Zumindest sagt man so."
Sara blickte interessiert auf: "Und wie sieht so ein Monster aus?"
Kolja zuckte mit den Achseln. "Ich weiß nicht. Niemand weiß das. Das letzte Mal wurde es vor dreieinhalbtausend Jahren gesehen. Aber es gibt keine Beschreibung."
Sara schluckte trocken. "Ach, dann ist das Armband ja richtig praktisch."
Kolja grinste. "Ja, da hast du recht. Aber wenn ich mich weigern würde es zu tragen, würde mir das meine Urgroßmutter sehr übelnehmen."
Ka dachte an ihre Begegnung mit der Vampirfürstin, Koljas Urgroßmutter, und nickte: "Das ist ein guter Grund, es immer zu tragen."
Alle schwiegen kurz.

Dann fielen Ka noch weitere Fragen zum Leben von Vampiren ein: "Kolja, wie ist das eigentlich, wenn mich ein Vampir beißt, werde ich dann auch eine Vampirin?"
"Nein, normalerweise nicht. Ein einfacher Biss ist nicht anders als Blutspenden und auch nicht gefährlicher.
Die meisten Vampire sind heute Kinder von Vampiren."
Lisa sah auf. "So wie du und deine Familie."
Kolja nickte und fuhr dann fort. "Damit du dich als Mensch in eine Vampirin verwandelst, muss die Vampirin oder der Vampir einen Teil seines Blutes nach dem Biss in deinen Körper zurückfließen lassen. Nur wenn Vampir und Mensch Blut austauschen kommt es zur Verwandlung des Menschen in einen Vampir. Außerdem braucht es mehr als einen solchen Biss, mindestens drei, und zwischen den Bissen muss mindestens ein Abstand von zwei Wochen eingehalten werden, weil der Übergang sonst zu anstrengend würde. Der Übergang vom Menschen zum Vampir ist sehr gefährlich und führt leider auch heute noch manchmal zum Tod. Schweißausbrüche, Frösteln und heftige Kopfschmerzen sind noch das Harmloseste." Kolja schüttelte sich. "Der ganze Körper verwandelt sich. Und die Sonnenempfindlichkeit ist am Anfang sehr groß. Deshalb gibt es speziell ausgebildete Vampirinnen und Vampire, die Menschen beim Übergang begleiten.
Darüber hinaus ist das heute natürlich genehmigungspflichtig, wie fast alles. Die Aufsichtsbehörde behält sich die Entscheidung vor. Vampirismus (so werden Bisse mit Blutaustausch bezeichnet) ohne Genehmigung gilt als Kapitalverbrechen, vergleichbar einem Raubüberfall oder Schlimmerem.
Vampire, die früher Menschen waren, sind inzwischen die Ausnahme und die meisten geborenen Vampire haben Vorurteile gegenüber Übergängerinnen.
Ich finde das falsch, ich finde, dass die Betroffenen das selbst entscheiden sollten, was geht es die Aufsichtsbehörde an? Früher wurden Menschen allerdings manchmal auch gegen ihren Willen verwandelt."
"Das heißt ein Biss ohne Blutaustausch macht mir gar nichts?"
"Vielleicht ein bisschen Schwindelgefühl."
"Was ist, wenn uns die Vampirgurken und die Vampirsellerie beißen?"
Kolja zog zweifelnd die Schultern hoch. "Ich glaube nicht, dass die mit Blut etwas anfangen können. Und außerdem sind sie als vegetarische Vampirform vermutlich sowieso ungefährlich für Menschen und Tiere.
Du fragst dass jetzt schon das zweite Mal. Machst du dir Sorgen?"
Ka zuckte mit den Schultern. "Die Kleinen sind niedlich, aber als Gurke möchte ich nicht enden."
Einen Augenblick lang schwiegen wieder alle.

Plötzlich fiel Lisa noch etwas ein, was sie Kolja fragen wollte: "Wie ist das eigentlich mit dem Fliegen? Kannst du fliegen oder hast du noch andere Kräfte?"
"Erwachsene Vampire können meistens fliegen und fast alle haben telekinetische Fähigkeiten. Das heißt, sie können Gegenstände allein durch Willensanstrengung bewegen."
Lisa seufzte. "Wie deine Urgroßmutter, das würde ich auch gerne können."
Kolja nickte. "Meine Urgroßmutter macht das mit einem Wimpernschlag. Aber nur wenige Vampire und Vampirinnen sind so stark."
Ka überlegte. "Und du?"
"Bisher kann ich nur hoch springen, so 3 bis 4 Meter. Und Telekinese funktioniert gar nicht."
Kolja zog die Knie an. Er wirkte auf Ka etwas unsicher, als er das sagte.

Lisa löcherte Kolja mit weiteren Fragen. Aber Ka war aufgefallen, wie still Sara war. Sara hatte sich zurückgezogen. Sie saß in sich gekehrt im Dunkeln in der Nähe der Luke und sah in die Nacht.
Sara hörte die Stimmen der anderen kaum noch. Sie dachte zurück an eine kühle Nacht, im Wald, im dunklen Mondlicht, allein. Obwohl diese Nacht mehr als eineinhalb Jahre zurücklag, fühlte sie alles, als wäre es gestern passiert. Nach der Nacht war nichts mehr so gewesen wie vorher. Was in der Nacht passiert war, fand Sara zuerst erschreckend, aber dann wunderbar, neu, aufregend. In dieser Nacht war sie glücklich gewesen, vielleicht nicht das erste Mal, aber das erste Mal so frei.
Ihre Großmutter hatte sie mit Schweigen gestraft und mit kalten, abweisenden Blicken. Sie hatte sofort begriffen, was passiert war. Danach hatte ihre Großmutter sie immer eingesperrt, wenn es wieder so weit war. Sie hörte in Gedanken ihre Stimme: "Du bist eine Bedrohung, krank. Es ist zu deinem Schutz und zum Schutz der anderen."
Sara zitterte bei der Erinnerung. Sie fragte sich, ob ihre Großmutter vielleicht Recht hatte.
Manchmal wollte sie ihr Geheimnis hinausschreien, aber würden Lisa, Ka und Kolja sie dann nicht fürchten?
Sie riss sich zusammen.
Ka wusste nicht, was ihrer Freundin durch den Kopf ging, aber sie spürte, dass Sara Angst hatte und sie sah ihre verzweifelten Augen. Sie setzte sich zu ihr und umarmte sie.
Doch Sara versteifte sich, entzog sich der Umarmung. "Nichts, es ist nichts." Ihre Stimme klang rau.
Ka bemerkte, dass Sara sich die Augen wischte. Sie machte sich Sorgen, doch was sollte sie tun? Sie ließ sie in Ruhe und brachte nur ein mattes "Okay" über die Lippen.
In dem Moment kam Lisa zu ihnen herüber. "Wollt ihr noch Cola?"

Kurz nach 23.00 Uhr hörten sie Schritte auf der Treppe, Lisas Vater sah nach ihnen. "Hallo, habt ihr alles, was ihr braucht?"
Alle nickten: "Ja".
Lisa stellte ihrem Vater Ka, Sara und Kolja vor. Der schüttelte ihnen die Hand und wollte gerade noch etwas nachfragen, als Lisa ihn unterbrach: "Danke, wir haben alles."
Er stutzte kurz: "Ah, du willst mich loswerden?"
Lisa senkte den Kopf. "Tut mir leid."
Ihr Vater strich ihr über den Kopf, etwas das Lisa hasste, zumindest in Anwesenheit anderer. "Ist schon gut. Ich bin gleich weg und dann seht ihr mich erst morgen wieder.
Ich hole Brötchen. Wann soll ich denn das Frühstück bringen?"
Lisa sah ihn an: "Nicht vor 10 Uhr."
"Gut." Dann bestaunte er noch Koljas Getränk: "Was ist denn das?" Er roch kurz daran. "Ist das Tomatensaft mit Sprudel? Na ja, wenn es dir schmeckt." Dann ließ er sie allein. "Eine gute Nacht, bis morgen. Und schlaft auch etwas."

Sie warteten noch eine Zeitlang. Draußen schrie ein Käuzchen. Die Kerzen waren erloschen. Es war noch etwas kühler geworden. Aber alle hatten daran gedacht, Jacken mitzunehmen und Kolja hatte seinen Umhang. Ka zog sich ihren Pullover über. Einen Augenblick lang schauten sie schweigsam in die Finsternis. Dann klatschte Lisa in die Hände: "Wollen wir los?" Es musste etwa Mitternacht sein.
Alle nickten.
Sie schlichen sich mit Rucksäcken, etwas Wegzehrung, Taschenlampen und dem Detektor lautlos im Dunkeln aus dem Haus und machten sich auf den Weg zum Kanal.

Sara spürte wieder eine kurze Irritation, als sie an den großen Büschen im Garten vorbeigingen. Doch da sie den schwarzen Vampirhund unter den Büschen im Dunkel der Nacht nicht sehen konnte, achtete sie nicht weiter darauf.

Ka klopfte das Herz bis zum Hals. Lisa hüpfte aufgeregt hin und her. Kolja schien etwas ängstlich. Ka fragte sich, ob, ein Vampir Angst vor der Dunkelheit haben konnte. Für Ka wirkte nur Sara absolut ruhig, ihre Zweifel waren ihr nicht anzusehen.
Zum Glück war auf den Straßen zum Kanal niemand mehr unterwegs. Sie mussten sich kein einziges Mal verstecken. Trotzdem schlichen sie vorsichtig von Straßenecke zu Straßenecke.
Auch am Kanal war es ruhig.

Ka sah sich um. Sie hatte sich den Detektor umgehängt. Das Gerät reagierte, sobald sie sich Richtung Kolja drehte. Ansonsten schlug der Detektor nur in eine Richtung aus, am Kanal entlang in Richtung des alten Industriegebietes. Im Dunkeln konnte sie den Zeigerausschlag nur mühsam erkennen, doch der Zeiger leuchtete zum Glück leicht grünlich.
Sie wandte sich zu den anderen um und flüsterte: "Lasst uns den schmalen Weg auf halber Höhe zum Kanalufer nehmen. Da gibt es kein Licht und zwischen den Büschen sieht uns niemand."
Mühsam folgte Ka dem Zeigerausschlag des Detektors. Sie hatte ihn auf die größtmögliche Empfindlichkeit eingestellt. Kolja musste einige Meter hinter Ka gehen, die den Detektor trug, um die Messung nicht zu stören.
Zwischen den Büschen und Bäumen waren sie vor Blicken geschützt. Zum Teil war es aber so dunkel, dass sie kaum den Weg vor ihren Füßen erkennen konnten. Die Taschenlampen ließen sie ausgeschaltet, um nicht aufzufallen.
Plötzlich fing Lisa an zu kichern. "Kolja ist in was reingetreten." Der Gestank nach Hundekacke war eindeutig. Kolja versuchte mühsam seine Schuhe im Gras zu säubern. Er trug wieder seine schwarzen Sneaker. Lisa musste immer noch kichern.
"Pst!" Ka gab Lisa ein Zeichen, leise zu sein. Oben auf der Straße am Kanal führte eine Frau noch spät ihren Hund aus. Sie hielten den Atem an, dann verhallten die Schritte.

Einmal hatte Ka den Eindruck, dass irgendetwas im Dunkel hinter ihnen einen Ausschlag auslöste. Doch im nächsten Moment war davon nichts mehr zu bemerken. Sie hatte sich wohl getäuscht. Vermutlich hatte Kolja den Zeigerausschlag verursacht. Sie richtete das Gerät wieder nach vorne.
Wieder übersahen sie den schwarzen Schatten, der ihnen von der Villa aus gefolgt war und sich im Gebüsch verbarg.

Auf einmal bemerkte Ka einen leichten Zeigerausschlag in Richtung des Grüns vor ihnen. "Da ist etwas." Lisa lief sofort dorthin. Ka folgte ihr mit der Taschenlampe und schrak zusammen: Die Vampirsellerie waren tot.
Etwas weiter hinten fanden sie auch tote Vampirgurken, ausgetrocknet, zermatscht, zerbissen, nicht mehr zu unterscheiden von vergammeltem Gemüse. Vielleicht war es auch nur Gemüse, doch wieso hatte dann der Detektor reagiert? Da hörten sie ein leises Geräusch.
Unter einem Busch fand Lisa einen halbzerfetzten Vampirsellerie, der leise fiepte, als sie ihn berührte, mit seinen feuchten schlammigen Wurzelhaaren klammerte er sich an ihren Fingern fest. Ganz vorsichtig versuchte sie ihn zu bewegen, doch es war unmöglich, sofort fiepte er laut auf. Dann war es vorbei. Auch dieser Vampirsellerie war nun tot. Sanft löste Lisa ihre Finger aus seiner Umklammerung. Ihr liefen die Tränen herab. Sie konnte es nicht fassen.
Ka zog sie weiter. Auch Ka, Sara und Kolja schauten bedrückt.
Dann schlug der Zeiger wieder leicht aus. Diesmal fanden sie eine halbzerquetschte, aber noch lebende Vampirgurke. Sie lag in einer dunkelgrünen Pfütze. Lisa streichelte die Kleine so lange, bis sie starb. Lisa weinte, aber sie konnte nichts tun. Alle lagen im Sterben oder waren tot.
Ka versuchte sie zu trösten und nahm sie in den Arm, sie traute sich aber nicht, etwas zu sagen oder zu denken. Vielleicht war alles umsonst, zu spät.
Und dann zog sich auch noch der Himmel zu. Sie konnten kaum noch etwas sehen.

Plötzlich schlug der Detektor sehr stark aus. Ka dachte zuerst, sie hätte sich geirrt. Doch in einem großen dunklen Baum war etwas Untotes. Sie wies in die Richtung. "Dort." Lisa wollte schon darauf zulaufen, doch Ka hielt sie auf, leise sagte sie: "Das könnte auch etwas anderes sein als Vampirsellerie."
Das Ufer wirkte mit einem Mal schwarz. Schatten liefen unter den Büschen und schienen sich zu nähern. Die Sterne waren hinter Wolken verschwunden. Ein dumpfes Raunen tönte durch die Nacht. Ka versuchte sich selbst davon zu überzeugen, dass dies nur ihre Einbildung war.
"Ja, aber nachsehen müssen wir." Sara schien kein bisschen beunruhigt. Sie nahm eine der Taschenlampen, ging zum Baum und wurde beinahe unter Vampirsellerie begraben. Im Baum hatten sich fast ein Dutzend von ihnen verkrochen. Durch den Lichtstrahl aufgeschreckt ließen sie sich einfach fallen und Sara stand direkt unter ihnen. Ein Vampirsellerie versuchte, in Saras Hosenbein zu kriechen, einer saß auf ihrem Kopf.
"Lass das, lass los!" Sara hatte einige Mühe, den Vampirsellerie aus ihren Haaren zu lösen. Dann griff sie die Vampirsellerie, die auf ihr saßen, einen nach dem anderen und setzte sie ins Gras neben dem Weg. Kolja und Ka grinsten. Ka war froh, dass sich diese spinnenartigen Tiere nicht auf ihr tummelten.

Lisa war begeistert, sie streichelte die Vampirsellerie, beruhigte sie und verfrachtete sie dann in ihren Rucksack, den sie vorher sorgsam im Kanal befeuchtete und mit etwas Matsch einrieb. Zwei größere Vampirsellerie setzte sie sich auf die Schulter.
Saras Kleidung und selbst ihre Haare waren über und über voll von schwarzgrünen Schleimspuren. Auch Lisa sah schon recht grünschwarz aus, beide rochen leicht nach Fäulnis. Lisa schien diesen Geruch, ihrem Lächeln nach zu schließen, zu mögen.
"Was hast du vor?" Ka hatte noch einen kleinen Vampirsellerie gefunden.
Lisa sah sie an. "Wir nehmen sie mit, wir können sie doch nicht hier lassen."
"Das könnten aber ziemlich viele werden."
"Dann müsst ihr halt auch welche nehmen."
Der Detektor schlug aber nicht mehr aus, nur wenn Ka ihn auf Kolja oder auf Lisas Rucksack richtete, war ein deutlicher Ausschlag zu sehen. Ka probierte weiterhin, mit dem Detektor eine Spur zu finden: nichts. "Wo lang?" Sie wandte sich um.
Sara antwortete: "Lasst uns einfach weiter gehen." Kolja und Lisa stimmten ihr zu.

Der Mond war nicht zu sehen und schwarze Wolken zogen über den Nachthimmel, das Wasser des Kanals war dunkel und wirkte unglaublich tief. Feuchtigkeit zog vom Kanal herauf.
Ein Tier flog urplötzlich neben den Kindern auf. Lisa verlor fast das Gleichgewicht, so sehr schrak sie zusammen. Doch sie hatten nur eine Ente aufgescheucht, die ins Wasser flüchtete.
Es roch nach dem alten Wasser des Kanals und dem Moder und der Fäulnis der Vampirsellerie und Vampirgurken. Sie lauschten in die Nacht.
Einmal saßen ein paar fette Ratten im Dunkel dicht neben dem Weg. Sie hielten es nicht einmal für nötig, sich vor ihnen zu verstecken. Sie saßen da wie bei einer Skatrunde. Eine kleine Ratte, die zwischen den anderen hin- und herlief, streckte ihnen sogar neugierig ihr Näschen entgegen.
Nur vor Sara wichen sie zurück, Lisa hätte sie wohl am liebsten gestreichelt. Doch sie mussten weiter.
Ab und zu war ein Auto zu hören, sonst nur das Rauschen der Bäume und gelegentlich ein Plätschern des Kanalwassers. Ka beruhigte Lisa: "Das ist nur der Wind."

Da schlug der Detektor wieder aus, diesmal aber nur leicht. Sara und Lisa liefen in Richtung des Zeigerausschlages. Ka und Kolja halfen mit den Taschenlampen bei der Suche. Weiter oben im Gebüsch unweit der Straße fanden sie drei kleine Vampirsellerie.
Lisa und Sara versuchten, die Vampirsellerie einzusammeln. Der feuchte Modergeruch und der Schleim machte ihnen schon nichts mehr aus. Die anderen hatten sich inzwischen auch daran gewöhnt. Doch die Kleinen entwischten ihnen immer wieder, verkrochen sich im Gebüsch, kletterten Sara unter das Hemd und Lisa ins Kleid.
Ka und Kolja prusteten vor Lachen.

Doch auf einmal ragte eine dunkle schemenhafte Gestalt vor Lisa auf. Auch die anderen erblickten sie. Ihr Lachen erstarb. Ka schluckte.
Direkt vor Lisa stand eine blonde Polizistin mit Pferdeschwanz. Vor Schreck fiel Lisa fast in den Dreck. Sie hatte die Polizistin aufgrund ihrer Spielerei mit den Sellerievampiren und der Dunkelheit vorher nicht bemerkt. Ungesehen hatte sie sich Lisa genähert. Lisa versteckte zitternd den dritten kleinen Vampirsellerie hinter ihrem Rücken.
Die Polizistin starrte angeekelt mit herabgezogen Lippen auf Lisa und ihr vor Schmutz triefendes, stinkendes Kleid. "Was machst du denn hier? Um diese Zeit hast du ja wohl nichts mehr draußen verloren." Ka versuchte im Dunkeln unterzutauchen. Sara und Kolja hatten sich ins Gebüsch zurückgezogen. Doch die Polizistin hatte sie bereits bemerkt. Sie packte Lisa hart am Arm. "Du bleibst hier. Und deine Freundinnen kriegen wir auch noch. Was soll denn das hier? Du stinkst vielleicht!" Dann rief sie ihrem Kollegen auf der Straße zu: "Hier sind noch mehr Kinder!"
Lisa schossen die Tränen in die Augen, sie mussten doch die Vampirgurken retten, Ka war wie gelähmt, sie blickte zur Straße hoch. Zum Glück schien der Kollege der Polizistin, ein dicker Polizist, der sich gerade eine Stulle ausgepackt hatte, keine Lust zu haben, nach unten zu kommen. Er dachte wohl, seine Kollegin würde auch alleine mit ein paar Kindern fertig werden.
Erst jetzt sah die Polizistin den Vampirsellerie in Lisas Hand hinter ihrem Rücken. Sie nahm wohl an, dass Lisa damit nach ihr werfen wollte, sie schlug ihr auf die Hand. "Äih, schmeiß den Dreck weg, ich warne dich, Kleine. Das ist kein Spaß!"
Der Vampirsellerie versuchte zu fliehen, vor Angst sprang er der Polizistin ins Gesicht und klammerte sich an ihren Haaren fest. Die Polizistin schlug panisch nach dem kleinen Tier. Sie zischte Lisa an: "Nimm das weg - weg!" Irgendwie gelang es ihr schließlich, den Vampirsellerie abzustreifen. Wütend trat sie mit ihren schweren Stiefeln nach ihm. Lisa sah mit Schrecken die Gefahr in welcher der kleine Vampirsellerie schwebte. Sie fürchtete um sein Leben und wollte ihn beschützen. Sie überwand ihre Angst und flehte die Polizistin mit weit aufgerissenen Augen an: "Bitte, tun Sie ihm nichts."
Doch die Polizistin ignorierte Lisa einfach und zertrat das feuchte, kleine Wesen. Lisa versuchte frei zu kommen, doch nichts half. Sie musste hilflos zusehen, sie hörte das Fiepen des Kleinen. Sie zitterte am ganzen Leib, Tränen schossen ihr in die Augen, Tränen der Wut. Endlich gelang es ihr, sich loszureißen.
Ohne weiter zu überlegen stürmte sie auf die überraschte Polizistin los und schlug mit den Fäusten nach ihr. Dabei liefen ihr die Tränen immer schneller herab und sie schrie die Polizistin an: "Mörderin! Du hast ihn ermordet!" Selbst der Polizist oben auf der Straße zuckte zusammen und verschluckte sich an einem Stück seines Wurstbrotes.
Die Polizistin war so überrascht, dass sie das Gleichgewicht verlor und die Böschung hinunterrutschte.


Ka, Sara und Kolja hatten sich unterdessen im Dunkeln nach oben geschlichen, um Lisa zu helfen. Ka ergriff die Chance, sie machte Sara und Kolja Zeichen und rannte los. Laut schreiend stürzten sie sich auf die wütende Polizistin und schubsten sie gemeinsam den Rest der Böschung hinunter in den Kanal. Ein lautes Platschen scholl durch die Nacht. Die Polizistin brauchte nicht lange, um sich von der Überraschung zu erholen, dann fing sie an zu brüllen: "Seid ihr verrückt geworden? Das werdet ihr bereuen! Was soll das? Was sind das für Viecher?" Dabei planschte sie wie wild im Wasser. Doch das gemauerte Ufer des Kanals war an dieser Stelle zum Glück zu hoch, um ohne Hilfe aus dem schwarzen Wasser zu kommen.
Sie sahen sich an, Ka griff Lisa, die immer noch zitterte und auf den toten Vampirsellerie starrte, am Arm. Dann rannten sie los.
Gerade rechtzeitig, der dicke Polizist schnaufte die Böschung hinunter, sein halb angebissenes Brot in der Hand sah er ihnen hinterher, wedelte mit der Stulle und brüllte mit vollem Mund: "Ihr da, bleibt sofort stehen! Hier spricht die Polizei!"
Doch Ka, Sara, Kolja und Lisa dachten gar nicht daran stehenzubleiben, sie rannten, so schnell sie konnten. Niemand folgte ihnen.
Der Polizist eilte zuerst seiner jungen Kollegin zur Hilfe, die aber scheinbar trotz seiner Hilfe Schwierigkeiten hatte, das feuchte Nass des Kanals zu verlassen. Ihre Flüche waren noch eine ganze Weile zu hören, Flüche, von denen sich eine ganze Reihe auf Kinder bezogen und darauf, was man mit ihnen tun müsste.

Ka und die anderen liefen einfach immer weiter am Kanal entlang in Richtung des alten Industriegebietes bis der Polizist und die Polizistin nicht mehr zu hören waren.

Ein leichter Wind strich über ihr Gesicht, Ka schaute in den dunklen Nachthimmel. Die Wolken waren aufgerissen. Einige wenige Sterne waren nun zu sehen, über ihr flogen Vögel durch die Nacht. Ein Teil des Himmels war weiterhin von Wolken verdeckt. Sie hörte den Wind in den Zweigen der Bäume. Einen Moment lang vergaß sie alles, doch dann stieg ihr wieder der Fäulnisgeruch in die Nase.
Lisa streichelte ihre Vampirsellerie. Sie war inzwischen so voll von schwarzgrünem, fauligem Schleim, dass von der ursprünglichen Farbe ihres Kleides nichts mehr zu erkennen war und Sara sah nicht besser aus.
Auf einmal zeigte Sara auf einen Papierkorb. Ka sah die Buchstaben, die sie schon vom Markt her kannten: 'VVP'. Mit leiser Stimme sagte Sara: "Das ist schon das fünfte Graffiti mit diesem Schriftzug, das mir heute Nacht am Kanal aufgefallen ist."
Ka antwortete ebenso leise, sie wollte nicht noch weitere Polizisten auf sie aufmerksam machen, oder vielleicht gar anderes: "Das habe ich übersehen."
Lisa betrachtete neugierig den Papierkorb, "Was das wohl heißt?"
"Völlig verrückte Priesterschüler" kam als Vorschlag von Sara. Ka grinste: "Vorsicht vor Popel oder Vielleicht verfaulte Petersilie."
Eine Weile gingen die Vorschläge hin und her, während sie weiter am Kanal entlangliefen. Ka erzählte Kolja, dass der Schriftzug auch auf dem Markt zu sehen gewesen war.
Kolja war er nicht aufgefallen.

Vielleicht war es die Ablenkung und der Gestank, vielleicht die Aufregung oder alles zusammen, jedenfalls bemerkten sie den schwarzen Schatten nicht, der ihnen immer noch folgte. Falls sie den kalten Hauch spürten, der von diesem Wesen herüberwehte, dachten sie wohl, es sei die Kälte des Nachtwindes.
Nur Sara spürte ihn kurz, wie schon hinter der Villa, einen schwarzen eiskalten Schatten. Doch auch sie schob dies auf die Nachtkälte und die Bewegung der Büsche im Nachtwind.

Der schwarze Vampirhund hatte alles beobachtet. Jedes Mal, wenn er die kleinen Vampirwesen sah, zog er die Lefzen zurück und seine langen dolchartigen Vampirzähne glänzten dunkel. Doch er blieb im Verborgenen.
Schleichend und abwartend, bereit zu töten.

Die Wasseroberfläche war bis auf die Bewegung durch den Wind glatt; schwarz spiegelte sie die Nacht.
Sie hatten das Industriegebiet erreicht. Eine Zeitlang schwiegen sie.
Lisa fror immer stärker, sie fühlte sich müde und erschöpft. Langsam zweifelte sie an ihrem Unterfangen. Kleinlaut sah sie in die Nacht: "Hat es überhaupt Zweck, weiter zu gehen?" Erst jetzt sah Ka wieder auf den Untot-Detektor: "Ein Ausschlag!" Etwas musste direkt am Wasser am Ufer des Kanals im hohen, nassen Gras sitzen. Der Zeiger schlug nicht sehr stark aus. Das Ufer war hier flach. Sofort wurde Lisa wieder munter. Sie kletterte zum Wasser hinunter und ging in die Hocke.
Ka, Sara und Kolja sahen ein Flackern und hörten einen Ausruf: "Aua!"
Ka wollte schon hinterher. "Was ist denn passiert, brauchst du Hilfe?"
"Nein, ich habe mich nur leicht verbrannt."
"Wieso verbrannt?"
"Hier ist ein Vampirsellerie und dann ist hier noch ein Tier, eine Art Ente? Ich weiß nicht." Dann hörten sie Lisa zu dem Tier sprechen: "Ganz ruhig. Ich tue dir nichts, aua!"
Ka versuchte, die Dunkelheit mit ihren Blicken zu durchdringen. Doch sie sah im Dunkel nur Lisas Schatten am Ufer hocken. Sie redete beruhigend auf irgendetwas ein. Dann setzte Lisa sich etwas auf die Schulter und nahm etwas anderes vorsichtig auf den Arm. Ka hörte ein Schnattern. Außerdem sah sie kleine Stichflammen. Sie schienen von Lisa auszugehen.
Was war das?

Endlich kam Lisa zurück, auf ihrer Schulter saß ein weiterer Vampirsellerie und in ihrem Arm trug sie ein auf den ersten Blick entenähnliches Tier. Als sie bei ihnen angekommen war, erkannte Ka, dass nur Kopf, Schnabel und Füße einer Löffelente glichen, ansonsten sah es aus wie ein sehr kleiner Drache. Es hatte wunderschöne Flügel, wie eine große Fledermaus, nur leicht blauschwarz, einen blaugrünen Körper und einen Schwanz mit schwarzen Zacken.
Lisa setzte sich auf die Erde, das Wesen schnatterte erneut und spuckte dabei Feuer aus dem Schnabel. Nur langsam ließ es sich von Lisa beruhigen, die ihm behutsam über den Kopf streichelte und versuchte, sich dabei nicht die Finger zu verbrennen. Es knibbelte mit dem Schnabel an Lisas Jacke und hinterließ kleine Brandflecke.
Ka betrachtete das Tier. "Für Raucherinnen wäre das ein praktisches Haustier."
Dann kuschelte sich das kleine Tier in Lisas Schoß. Kolja betrachte es nun auch genau. "Das ist ein Schnabeldrache, ich habe das im Unterricht gehabt, aber noch nie einen lebenden gesehen."
Ka sah ihn mit gerunzelten Brauen an. "Wie groß werden die denn?"
"Nicht größer als Teichenten, viel mehr weiß ich aber auch nicht."
Lisa streichelte das Tier immer noch beruhigend. "Ich glaube, es hat sich den Flügel verletzt. Wir müssen es gesund pflegen."
Sara schaute skeptisch. "Du willst es mitnehmen?"
"Ja, dafür sind wir doch da."
Ka dachte, dass BUNG, der Bund zum Schutz der Unterweltbewohner, Nachtwesen und Geister, langsam richtig zur Arbeit wurde. "Wie willst du es denn transportieren?"
"Eine muss es in ihrem Rucksack mitnehmen."
"Aber es spuckt Feuer."
Lisa winkte ab. "Nicht mehr als ein Feuerzeug, und nur wenn es sich aufregt. Wir schauen zu Hause im Folianten nach, was es braucht."
Sara war immer noch skeptisch. Aber letztendlich nahm sie den Schnabeldrachen in ihrem Rucksack mit, sie hatte noch etwas Platz. Zuerst schaute er noch neugierig mit dem Kopf heraus und spie ab und zu kleine Flammen, doch dann rollte er sich, vom Schaukeln des Getragenwerdens beruhigt, im Rucksack ein.

Sie gingen weiter in die Nacht hinein, immer am Ufer entlang. Sie kamen unter uralte, große Bäume.
Hier war es so dunkel, dass sie kaum noch etwas sahen. Ka hatte kurz den Eindruck, als würden sie aus den Baumwipfeln beobachtet, ein Rascheln, doch im Dunkel konnte sie nichts erkennen. Sie wollte gerade die anderen darauf aufmerksam machen, als Lisa seufzte: "Lasst uns eine kurze Pause machen." Ka sah ihr die Müdigkeit an, sie vergaß das Rascheln und nickte. Auch Sara stimmte zu.
Kolja ließ ebenfalls sofort seinen Rucksack ins Gras fallen. Sie setzten sich auf ein kleines Stück Rasen auf der Böschung. Ka, Sara und Lisa nahmen sich je einen Schokoriegel und Kolja bekam eine kleine Flasche Blutoka und die letzten Turubällchen aus ihrem Vorrat.
Lisa wandte sich ab, sie musste an den Froschhirngeschmack denken und spürte ein saures Aufstoßen. Aber Kolja ging es beim Geruch von Milch wohl nicht anders. Sie dachte an die Polizistin und ihrer Stimme war anzuhören, dass sie immer noch außer sich war über deren Grausamkeit: "Warum sind Menschen so?"
Sara berührte ihren Arm. "Sie haben Angst vor allem was anders ist. Darum hassen sie es." Dann schaute sie in die Nacht. Ka hatte den Eindruck, dass Sara bei ihren Worten nicht nur an das Vampirgemüse dachte. Nur wusste sie nicht, was ihre Freundin umtrieb. Sie blickte Sara an. Mit ihren Gedanken schien sie weit weg zu sein.

Auf einmal blickte Sara auf. "Schnell, ins Gebüsch!"
"Was ist?"
Doch da hörte auch Ka oben auf der Straße die Wagentüren eines Autos zuklappen. Schnell krochen sie alle unter ein großes dunkles Gebüsch, dann hörten sie die Stimmen der Polizistin und des Polizisten.
"Da war was!"
"Ach komm, das ist doch sinnlos."
"Wenn ich die kriege!"
Die tropfnasse blonde Polizistin leuchtete mit einer starken Taschenlampe das Ufer ab. Sie trauten sich kaum zu atmen. Ka wusste, dass sie nicht noch einmal entwischen könnten, falls sie gefunden wurden, zumindest nicht alle. Lisa war sich sicher, dass ihr Herzschlag für die Polizisten zu hören war, so laut war er, besonders weil sich der dicke Polizist direkt vor das Gebüsch stellte. Zum Glück für sie verdeckte er es dadurch aber auch.
Nach einer Weile hatte er genug. "Lass gut sein. Zieh' dir lieber trockene Klamotten an."
Doch die Polizistin schob ihn beiseite, ihre Stimme klang jetzt bösartig. "Ich habe noch nicht hinter dir nachgeschaut. Ich krieg´ die noch und dann..." Sie brach ab und stieß ein lautes, unangenehmes Lachen aus.
Ka stockte der Atem. Sollten sie aufspringen und fliehen? Doch ihr war klar, dass sie keine Chance hatten. Lisa zitterte und ihr liefen die Tränen herab. Auch Ka und Kolja wurden bleich. Einen Augenblick lang war kein Laut zu vernehmen. Die Zeit schien still zu stehen.

Da durchbrach auf einmal die Stimme eines Mädchens die Stille der Nacht. "Hallo!" Ein vielleicht elf Jahre altes Mädchen winkte der Polizistin und dem Polizisten von der Straße aus zu. "Huhu, Frau Polizistin!"
Ka sah sie durch die Büsche im Schwarz der Nacht nur undeutlich. Sie war nicht besonders groß. Auch der Polizist und die Polizistin schauten überrascht zur Straße. Das Mädchen sprühte inzwischen mit einer Spraydose Buchstaben auf die Frontscheibe des Polizeiwagens. Ka glaubte den Schriftzug 'VVP' zu erkennen. Die Polizistin und der dicke Polizist standen einen Augenblick nur mit offenem Mund da und starrten ungläubig in die Nacht. Auch Ka fragte sich einen kurzen Moment, ob sie eine Halluzination hatte. Nun kletterte das Mädchen im Dunkeln auf das Dach des Autos, fing an, darauf herum zu hüpfen und zu tanzen und brüllte dazu aus vollem Hals:
"Sieben Tage frei,
für die Polizei.
Sieben Tage frei,
für die Polizei!"
Die Polizistin fing sich als erste, sie hastete die Böschung hoch. Der Polizist folgte ihr, wedelte mit dem Zeigefinger in der Luft und rief in Richtung des Mädchens. "Du, du... lass das sein! Das ist verboten!" Die Polizistin schrie auf einmal auf: "Das ist die Kleine, die mich neulich gebissen hat, die kleine Kriminelle." Doch bevor sie sie erreichten, sprang das Mädchen plötzlich hoch und blieb verschwunden.
Die Polizistin sah sich um und Ka hörte, wie sie zischte: "Wo ist die Göre geblieben?" Der Polizist schnaufte. "Sah so aus, als wäre sie mit einem Riesensatz in die Baumwipfel gesprungen." Die Polizistin schüttelte den Kopf. "Unmöglich, das war ein kleines Kind, das war nur ein Trick." Ihr Kollege schaute trotzdem misstrauisch in das Dunkel der Baumkronen. Doch dort sah er nur dunkle grüne Blätter und Zweige. Beide suchten noch eine Weile, doch das Mädchen blieb verschwunden.
Ka, Sara, Kolja und Lisa verhielten sich mucksmäuschenstill. Das Mädchen hatte sie in letzter Sekunde gerettet.
Endlich gingen der Polizist und die Polizistin zurück zum Auto. Die Polizistin klang nun in Kas Wahrnehmung noch fieser und kälter: "Die Kinder werden das noch bereuen. Die finde ich!" Ka spürte einen kalten Schauer, der ihr den Rücken hinablief und die Nacht einen Augenblick lang noch kälter erscheinen ließ.
Dann fuhren sie ab.

Erleichtert ließen Ka, Sara, Kolja und Lisa die Luft aus ihren Lungen entweichen. Lisa zitterte immer noch. Ka sah sie an. "Keine Angst, die kommen heute nicht wieder. Die Polizistin muss sich erst mal trocknen." Langsam beruhigten sie sich. Vorsichtig steckten sie die Köpfe aus dem Gebüsch.
Da kam plötzlich eine Stimme aus dem Baumwipfel über ihnen. "Die sind weg. Ihr müsst euch keine Sorgen mehr machen." Auf einem Ast in dem großen dunklen Baum in vier Metern Höhe saß das elfjährige Mädchen. Sie sah Ka, Sara, Kolja und Lisa misstrauisch an. "Was wollt ihr mit den Vampirsellerie? Was wollt ihr hier?"

Ka betrachtete das Mädchen jetzt genauer und bemerkte den Zeigerausschlag des Untot-Detektors: eine Vampirin!
Das Vampirmädchen sah aus dem nächtlichen Baumwipfel auf sie herab. Sie trug eine alte, dunkle, viel zu große Arbeitshose mit vielen Taschen. In einer der Taschen steckte die Sprayflasche und in anderen waren offensichtlich diverse andere Dinge. Die Hose war leicht eingerissen und über zwei T-Shirts trug sie einen ausgewaschenen Kapuzenpulli. Ihr dunkelblondes Haar trug sie kurz geschnitten, mit farbigen Strähnen. Mehr war im Dunkel des Baumwipfels nicht zu erkennen.
Ka war sich nicht sicher, ob die Strähnen beabsichtigt waren oder nicht.
Um sie herum turnten drei Vampirsellerie, die aber offensichtlich zahm waren. Außerdem lugte aus einer ihrer Taschen eine Vampirgurke.

Ka überlegte, dass sie vielleicht etwas über das Vampirgemüse wusste und außerdem hatte sie ihnen geholfen. Sie blickte Sara an, die verstand und nickte, auch Lisa nickte gleich, nur Kolja blickte skeptisch, aber er schüttelte auch nicht den Kopf. Ka entschied sich dafür, ihr die Wahrheit zu sagen.
Sie erzählte in kurzen Sätzen über den Folianten, wie sie BUNG gegründet hatten, über das Treffen mit Kolja, von den Erlebnissen auf dem Markt und den Grund für ihren nächtlichen Ausflug.
Als Ka fertig war, sprang das Vampirmädchen vom Baum. Sie war um fast einen Kopf kleiner als Ka. "Ich bin Blixa." Sie betrachtete spöttisch und mit gerümpfter Nase Koljas Armband. "Oh, ein Adelssprössling." Doch plötzlich wurde sie bleich. "Das Klurk, bist du ein Verwandter der Fürstin Irina?"
Jede Vampirin und jeder Vampir kannte das Zeichen auf dem Armband.
Kolja seufzte. "Da kann ich aber nichts dafür und eigentlich ist meine Urgroßmutter ganz in Ordnung."
Blixa starrte immer noch auf das schwarze Armband. Sie musste an das denken, was vielen kleinen Vampirinnen erzählt wurde, wenn sie nicht schlafen wollten: 'Wenn du nicht schläfst, holen wir die Fürstin Irina.' Aber dann zuckte sie mit den Achseln, sie war ja kein kleines Kind mehr. Sie lief zu Lisa und befreite die Vampirsellerie aus dem Rucksack.

Sie setzten sich wieder auf den Rasen an der Uferböschung des Kanals, der hier eine Biegung machte. Alle waren immer noch müde. Die Vampirsellerie tollten im Dunkel der Nacht um sie herum. Sie schwiegen einen Augenblick lang,
bis aus Lisa die Fragen herausbrachen. "Du bist Vampirin, nicht? Wo sind denn deine Eltern? Weißt du mehr über die Kleinen?" Lisa zeigte auf das Vampirgemüse.
Blixa wandte sich Lisa zu. "Ja, ich bin Vampirin." Dann wurde sie ernst. "Meine Eltern sind tot. Sie sind vor zweihundert Jahren gestorben." Sie gab sich Mühe, cool zu wirken, doch Sara merkte, dass etwas nicht stimmte. Sie sah Blixa an und fragte leise nach: "Vor zweihundert Jahren?"
Blixa versuchte, ihre Antwort leichthin klingen zu lassen. "Oder vor eineinhalb Jahren, wir sind vor 300 Jahren zusammen in Tiefschlaf gegangen und wollten auch wieder zusammen aufstehen. Als ich vor eineinhalb Jahren aufgewacht bin, war ich alleine, ein Erdrutsch hatte 200 Jahre zuvor die Särge meiner Eltern und meines Bruders zerstört und sie getötet. Nur mein Sarg blieb heil.
Also war ich allein."
Sara sah, dass Blixa die Knie angezogen hatte und zitterte. Sie war sich aber sicher, dass Blixa nicht umarmt werden wollte. Also nahm sie ihre große schwarze Jacke und legte sie Blixa um die Schultern. Sara selbst war nicht sehr kälteempfindlich. Die kleine Vampirin versank fast in der Jacke, aber sie kuschelte sich sofort darin ein.
Wieder schwiegen alle einen Augenblick lang. Blixa nahm eine Birne aus der Tasche, biss mit ihren Vampirzähnen hinein und saugte sie ganz in Gedanken versunken aus. Ka sah sie überrascht an. "Du isst Obst?"
"Ich bin Vegetarierin."
Lisa erschien das sofort einzuleuchten, sie aß ja auch kein Fleisch. Sara hatte Schwierigkeiten, sich das vorzustellen, aß sie doch selbst am liebsten Fisch oder Fleisch. Kolja schaute angeekelt auf die Birne.

Ka kam ein Verdacht. "Hast du etwas mit dem Vampirgemüse zu tun?"
Blixa wurde im Gesicht leicht blau, das war bei Vampiren ein Zeichen von Unsicherheit. Auch ihre Stimme klang auf einmal unsicher. "Mmhh, ich weiß auch nicht genau, wie es zustande gekommen ist. Aus irgendeinem Grund haben sich vor drei Monaten einige Sellerie und Gurken, die ich gebissen habe, in Vampirgurken und Vampirsellerie verwandelt.
Eigentlich dürfte das nicht passieren. Es ist vorher und hinterher auch nie wieder passiert.
Und am Anfang waren es nur ganz wenige." Sie streichelte die Vampirgurken in ihrer Tasche und blickte die Kleinen liebevoll an. "Sie sind so niedlich und außerdem finde ich, dass ich die Verantwortung für sie habe." Ihre Stimme wurde leiser und klang bedrückt: "Aber sie vermehren sich immer mehr. Und sie brauchen viel Futter."

Ka ging noch eine Frage durch den Kopf: "Du hast uns beobachtet, seit wir unter diesen alten Bäumen sind, nicht?"
Blixa nickte. Lisa strahlte sie an: "Danke, dass du uns geholfen hast."
"Ach, die Polizei ärgere ich immer mit Vergnügen. Ich hole den größten Teil meines Essens und die Nahrung für die Vampirsellerie und Vampirgurken aus dem Müll und dauernd kriege ich Ärger mit Polizisten, nur weil ich altes Gemüse und Obst aus Müllcontainern fische." Blixa seufzte. "Dabei ist es ohnehin schwer, genug zu finden."
Ka betrachtete sie. "Wieso hat die Polizistin gesagt, dass du sie gebissen hast?"
"Bahh, die schmeckt widerlich." Blixa spuckte ins Gras. "Vor einer Weile habe ich nicht aufgepasst und die Polizistin hat mich zu fassen bekommen. Sie hat gefragt, wieso ich nachts allein in Mülltonen nach Essen suche. Und ich hab ihr gesagt, dass meine Eltern tot sind. Sie war auf einmal super nett. Doch als ich ihr dann gesagt habe, dass sie vor zweihundert Jahren gestorben sind, hat sie mich eine Lügnerin genannt und geschüttelt. Da habe ich sie in die Hand gebissen und bin abgehauen." Blixa zuckte die Schultern und sah Ka trotzig an. "Das ist immer so, erst tun Leute nett und dann verhalten sie sich fies."
Doch Ka ließ sich davon nicht beeindrucken. "Du lebst alleine hier?"
"Direkt nach dem ich alleine aufgewacht bin, hat mich die Vampiraufsicht in ein Internat für Vampire gesteckt. Aber die anderen Kinder haben mich die ganze Zeit schikaniert, nur weil ich als Vegetarierin kein Blut trinke, sondern mich von Gemüsesaft ernähre und Gemüse aussauge.
Sie haben faules Obst in mein Bett gepackt, mein Gemüse zertrampelt und mich nachts überfallen und versucht, mir Kunst- und Tierblut einzuflößen. Und die Lehrer wollten mir, anstatt zu helfen, sogar verbieten, vegetarisch zu leben, weil es für ein Vampirkind in der Entwicklung ungesund wäre. Aber ich habe mich strikt geweigert.
Vor fünf Monaten ging es einfach nicht mehr. Da bin ich abgehauen.
Am Anfang bin ich fast verhungert, aber inzwischen weiß ich, wo ich suchen muss. In den Mülltonnen von Supermärkten oder in der Nähe von Märkten wird ganz viel brauchbares Gemüse und Obst weggeworfen. Die Schattenparker haben mir das gezeigt.
Und meine Kusine Miriam hilft mir auch."
Lisa sah Blixa mit großen Augen an: "Schattenparker?"
"Menschen, die in Autos leben und schlafen, und meistens irgendwo unauffällig im Schatten parken. Die kriegen auch immer wieder Ärger mit der Polizei, nur weil sie da schlafen. Und sie sind auch oft nachts unterwegs und holen sich Brauchbares aus dem Müll."
Lisa konnte sich das alles kaum vorstellen. "Und wo schläfst du?"
Einen Moment lang zögerte Blixa, dann antwortete sie aber doch. Auch sie hatte sich entschlossen, ihnen zu vertrauen: "In einem Keller der Fabrikruine da hinten." Sie zeigte den Kanal entlang. Ka sah im Dunkel hinter Büschen und Bäumen die schwarzen Schemen alter, verfallener Bauten einer Fabrik.
Blixa kuschelte sich wieder in die große schwarze Jacke ein. Langsam wurde es kalt.

Sara war aufgestanden und streckte sich, auch Ka stand auf und hüpfte auf und ab. Sie sah Blixa an. "Was ist eigentlich VVP?"
Blixa grinste. "Das ist das Zeichen der vegetarischen Vampirbewegung, Vegetarian Vampire Power."
Ka sah sie erstaunt an. "Wie viele seid ihr?"
Blixa ließ ein wenig den Kopf hängen. "Leider bin ich bisher die einzige vegetarische Vampirin, zumindest kenne ich keine anderen. Aber irgendeine muss ja anfangen. Sonst wird das nie was."
Einen Augenblick lang schwieg Blixa und blickte bedrückt auf das schwarze Wasser, doch dann hellte sich ihr Blick auf. Sie sah die anderen an. Ihre Stimme klang auf einmal sehr jung und leise: "Ihr könntet mir helfen."
Ka nickte. "Wie?"
Blixa sah sie unsicher an. "Ich finde kaum noch genug Futter für die Vampirsellerie und Vampirgurken. Die meisten sind bei mir im Keller. Miriam hilft ab und zu, aber es reicht einfach nicht aus. Sie haben immer Hunger. Einige haben angefangen, sich draußen was zu suchen. Und was ihr vom Markt erzählt habt heißt, dass die Aufsichtsbehörde aufmerksam geworden ist." Sie schwieg kurz, dann fuhr sie besorgt fort: "Wahrscheinlich kommen bald die Vampire der Behörde in ihren schnieken Anzügen, glattrasiert und parfümiert, und bringen die Kleinen um." Blixa ballte die Fäuste: "Das lasse ich nicht zu! Aber allein habe ich keine Chance."
Sie sahen sich an, Ka reichte Blixa die Hand: "Wir helfen dir." Alle nickten.
Blixa sprang mit einem Mal auf. "Kommt, ich zeig' euch mein Zuhause."
Zusammen mit Lisa verfrachtete sie die Vampirsellerie vorsichtig wieder in den Rucksack.

Dann bogen sie vom Weg am Kanalufer ab und folgten Blixa durch das feuchte Gras auf einem kaum sichtbaren kleinen Pfad.
Zwischen dunklen Büschen hindurch erreichten sie die Rückseite des alten Fabrikgeländes.
Auf einer überwucherten Mauer war im Dunkel der Nacht verschwommen ein Graffiti zu sehen. Blixa hatte auch hier groß die Lettern 'VVP' gesprüht und darunter, nur mühsam zu entziffern, in krakeligen und leicht verlaufenen Buchstaben 'Vegetarian Vampire Power'. Daneben war das Bild einer maskierten Vampirgurke und ein A im Kreis abgebildet.
Lisa kicherte. Kolja blieb kurz mit offenem Mund vor der Mauer stehen.
Blixa grinste.
Auch Ka musste lachen.

Doch auf einmal kam ein kalter Wind auf und dann klang in der Nähe wildes Fiepen und Kreischen durch die Nacht, das sich nach Vampirgurken und Vampirsellerie anhörte, die sich in äußerster Not befanden. Ka hörte nun auch ein tiefes Knurren und Bellen, es mussten mehrere Hunde sein.
Blixa wurde bleich und rannte durch eine Lücke in der Mauer. Sara folgte ihr als erste, dann rannten auch die anderen hinter Blixa her.

Drei riesige schwarze Hunde hatten in einer Ecke auf dem Außengelände der Fabrik einige Vampirsellerie und Vampirgurken eingekreist. Blixa stellte sich ohne zu zögern schützend vor die Kleinen, die sich sofort hinter ihr verkrochen. "Haut ab ihr Mistköter! Weg da, oder ich verarbeite euch zu Hundewurst!" Aber ihr Tonfall klang nicht besonders überzeugend, eher etwas ängstlich. Die Hunde reichten ihr fast bis zum Kopf.
Im Dunkel konnten Ka nicht alles genau erkennen. Doch die schwarzen Umrisse der Hunde wirkten unwirklich und bedrohlich.

Die Hunde näherten sich Blixa zu dritt. Ohne lange zu überlegen sprang Sara dicht an den Hunden vorbei und stellte sich neben Blixa. Aus Erfahrung wusste sie, dass die meisten Hunde Angst vor ihr hatten. Als sie die Gebisse der Hunde sah, war sie sich allerdings nicht mehr so sicher: Es waren Vampirhunde. Aus ihren schwarzen, blutunterlaufenen Augen starrten sie Sara ausdruckslos an. Sie waren größer und muskulöser als Schäferhunde und stanken nach Aas.
Blixa benutzte ihre Spraydose. Sara brüllte einen der Vampirhunde an und gab ihm eins auf die Nase.
Der Vampirhund ließ sich aber nur kurz verjagen und ein anderer sprang sie zur gleichen Zeit an. Er reichte ihr locker bis über die Schulter und sie konnte den faulig stinkenden Atem riechen, als er seine Zähne bleckte, zwischen denen noch Stücke von zerfetzten Vampirgurken klebten. Seine schwarzbläuliche Zunge schien sie zu berühren. Nun kam es ihr fast vor, als würden die Augen des Hundes freudlos lachen. Was sollte sie tun?
Sie versuchte ihn wegzuschieben. Für Angst hatte sie einfach keine Zeit. Alles ging zu schnell.
Da spürte sie auf einmal eine Hitze, die an ihrem rechten Ohr vorbei als Stichflamme genau die Nase des Hundes traf. Den Schnabeldrachen hatte sie ganz vergessen! Der Vampirhund raste mit lautem Jaulen davon. Ihr Ohr schmerzte, vermutlich würde sie eine Brandblase bekommen und auch einige Haare waren versengt, aber trotzdem streichelte sie das kleine Tier, das über ihre Schulter aus dem Rucksack lugte.

Immer noch bedrohten zwei große Vampirhunde Blixa, sie und die Vampirsellerie und Vampirgurken. Sie sah hinüber zu Ka, ihre Freundin erwiderte den Blick. Doch Ka konnte ihr nicht helfen.
Ka, Kolja und Lisa standen ein wenig abseits einem weiteren riesigen Vampirhund gegenüber. Lisa zitterte am ganzen Leib. Und auch Kolja war, obwohl er versuchte cool zu wirken, die Furcht anzusehen. Ka kam nicht an dem Hund vorbei. Der Vampirhund war auf einmal wie aus dem Nichts aus der Nacht erschienen. Sara dachte einen Augenblick an den schwarzen Schatten, den sie unterwegs in der Nacht zu spüren geglaubt hatte. Von den Tieren ging eine Grabeskälte aus, ein eisiger Lufthauch ließ sie frösteln.
Und obwohl die Anwesenheit ihrer besten Freundin Sara beruhigte, hieß dies auch, dass Ka ebenfalls in Gefahr war. Außerdem fühlte sie sich schuldig, weil sie ihr verschwieg, was Koljas Urgroßmutter gesagt hatte. Sie wusste, dass Ka sich seit dem Gespräch um sie sorgte. Sie vertraute Ka...und trotzdem. Sie biss sich auf die Lippen. Sie durfte das nicht erzählen! Ein kalter Windstoß ließ sie erzittern. Sara wandte sich ab. Das dunkle Knurren der Vampirhunde riss sie aus ihren Gedanken.
Sie musste Blixa helfen, die Hunde abzuwehren!

Auch Ka spürte Saras Blick und fühlte ihre Unsicherheit. Sie wusste, dass die Unsicherheit nichts mit den Hunden zu tun hatte. Doch was sollte sie tun? Ihr fiel ja nicht einmal ein, wie sie ihr in diesem Moment helfen konnte. Sie kam einfach nicht an dem Vampirhund vorbei, der ihr, Lisa und Kolja den Weg versperrte. Kolja und Lisa waren keine Hilfe. Sie brüllte den Hund vor ihr an: "Aus!". Aber es half nichts. Ihr wurde klamm. Die Wolken hatten sich wieder zugezogen, die Nacht war schwarz und kalt.
Und Blixas Spraydose musste inzwischen fast leer sein. Die Sorge um Sara, Blixa und das Vampirgemüse schnürte ihr die Kehle zu.

Doch sie hatten ein zweites Mal in dieser Nacht Glück. Auf einmal flog ein Frosch auf einen der Vampirhunde zu, die Blixa und Sara bedrohten. Ka musste zweimal hinsehen, im Dunkel war das kleine Tier erst nur undeutlich zu erkennen. Aber es war eindeutig ein kleiner grüner Frosch, der durch die Luft flog. Er umkreiste den Kopf des Hundes, der böse knurrte. Kurz darauf folgte ihm ein ganzer Schwarm grüner, zappelnder Frösche. Überall aus der Nacht flogen sie nun auf den Vampirhund zu. Unter das dunkle Knurren der Vampirhunde und das Fiepen des Vampirgemüses mischte sich ein vielstimmiges Quaken.
Ka hatte wieder das Gefühl zu halluzinieren - fliegende Frösche! Sie schüttelte sich, träumte sie? "Was passiert hier?" Auch die anderen schienen nicht weniger überrascht zu sein. Lisa stand nur mit offenem Mund da. Kolja schaute ebenfalls verblüfft. Sara war immer noch mit dem zweiten Vampirhund beschäftigt. Nur Blixa schien nicht erstaunt zu sein, sie grinste, ihr Blick war auf eines der Hallendächer gerichtet. Auf dem am nächsten gelegenen Dach stand im Dunkel der Nacht ein etwa siebzehnjähriges Mädchen. Genaueres konnte Ka nicht erkennen, aber offensichtlich war dies eine Vampirin mit telekinetischen Kräften. Sie musste diejenige sein, die die Frösche fliegen ließ.
Der Vampirhund versuchte inzwischen die Frösche zu schnappen. Wütend biss er in die Luft, dabei übersah er das alte Abwasserbecken der Fabrik. Ein lautes Platschen übertönte das Rauschen der Baumwipfel, als er in das Becken fiel. Eine widerliche Mischung aus Aasgestank und dem Geruch fauligen Wassers stieg Ka in die Nase als der triefende Hund aus dem Becken kroch. Und nun griff ihn erneut ein Geschwader Frösche an und eine große hässliche Kröte landete direkt auf seiner Nase. Der schwarze Vampirhund, der auf sie nun eher wie ein begossener Pudel wirkte, ergriff die Flucht. Sein Schatten verschwand im Schwarz zwischen den Bäumen.
Und noch bevor der zweite Vampirhund, der Blixa und Sara bedrohte, begriff was passierte, schwebte er auf einmal hilflos in der Luft. Verzweifelt ruderte er mit den Pfoten. Ka hörte sein Winseln. Überrascht bemerkte sie in Lisas Blick Mitgefühl. Lisa tat der Vampirhund in diesem Moment scheinbar leid, obwohl sie selbst zusammen mit Kolja und Ka nach wie vor von dem großen Vampirhund bedroht wurde. Ka musste trotz ihrer Lage grinsen. Unsanft landete der schwebende Vampirhund wieder auf dem Erdboden, auch er hatte genug und verschwand mit einem Jaulen in der Nacht.

Nun bedrohte sie nur noch der große Vampirhund, der Lisa, Kolja und ihr gegenüber stand, ein riesiger schwarzer Schatten. Ka überlegte gerade, wie sie gemeinsam etwas gegen ihn unternehmen konnten, als der Vampirhund direkt auf sie zu sprang, sie spürte die Eiseskälte, die von dem Tier ausging, Ka stockte der Atem, aber im letzten Moment sprang der Vampirhund über sie hinweg ins Schwarz der Nacht. Er tauchte in der Dunkelheit unter wie die anderen Vampirhunde.
Die Hunde waren so plötzlich verschwunden, wie sie aufgetaucht waren. Nun war nur noch der Wind zu hören. Wieso hatte die Vampirin ihnen geholfen?
Ka sah sich um.

Ein Lachen erklang unweit von ihr. Die junge Vampirin war inzwischen zu ihnen herüber geflogen und wandte sich gerade an Blixa: "Na, wieder mal in Schwierigkeiten?"
Sie lachte immer noch, ihr schien das Ganze Spaß gemacht zu haben. Noch eine Vampirin. Langsam wurden es Ka etwas viele Vampire. Außerdem konnte diese scheinbar nicht nur fliegen, sondern hatte zudem noch telekinetische Fähigkeiten. Aber sie hatte ihre Fähigkeiten genutzt, um ihnen zu helfen. Warum?
Blixa, die immer noch schützend vor den Vampirsellerie stand, blickte zu Sara, Ka, Kolja und Lisa: "Das ist meine Kusine Miriam."

Sara und Blixa bluteten leicht, wo die Klauen der Vampirhunde sie getroffen hatten. Die Wunden waren aber nicht tief. Trotzdem war Ka besorgt und Miriam schaute sich mit ernstem Gesichtsausdruck Saras Wunde an: "Vampirhundwunden sind für Menschen gefährlich".
Lisa lief zu Sara, um ihr zu helfen. Aber Sara zuckte nur mit den Schultern: "Bei mir verheilen Wunden schnell."
Und tatsächlich hatte sich ihre Wunde fast genauso schnell geschlossen wie die von Blixa. Miriam musterte Sara einen Augenblick lang fragend, doch dann wurde sie von Blixa abgelenkt, die ihr alle vorstellte.

Ka sah sich Miriam nun genauer an. Miriam sah aus, als wollte sie gerade in die Disko. Sie hatte ihr langes Haar weißblond gebleicht. Mit hellblauen Augen und nur leicht geschminkten Lippen wirkte sie selbst hier im Dunkel zwischen den Lagerhallen, zerfallenen Schuppen und Bäumen des Fabrikgeländes in ihrer schwarzen Hose und dem weißen Hemd, das vorne verknotet war und den Bauchnabel freiließ, schön.
Ka fand sie gleichzeitig unheimlich. Sie sah ein bisschen so aus wie Vampirinnen in modernen Vampirfilmen. Miriam schien das Spaß zu machen. Sie hatte sich sicher absichtlich so geschminkt. Und für die Temperaturen war die Kleidung viel zu leicht.
Und doch vergaß Ka nicht, sich zu bedanken. "Danke, dass du uns geholfen hast." Miriam zuckte nur mit den Schultern. "Wir üben das sowieso gerade in der Schule im Telekinese-Unterricht. Und dass mit den Fröschen war einfach, nur den Vampirhund anzuheben war schwer."

Lisa erinnerte Miriam an ihre Schwester Tine. Sie dachte gerade, was Tine wohl zu all dem hier sagen würde, als Tine aus der Lagerhalle heraustrat, auf deren Dach Miriam gestanden hatte.
Auch Tine hatte sich offensichtlich für einen Abend in der Disco fertig gemacht und wirkte etwas fahrig und nervös. Sie trug eine Art schwarzes Abendkleid und auch ihre Haare hatte sie schwarz gefärbt. Sie fluchte wegen des unwegsamen Geländes. Gerade wollte sie etwas zu Miriam sagen, als sie Lisa bemerkte. Sie schaute Lisa entgeistert an. "Das ist jetzt nicht wahr, oder? Meine kleine Schwester. Was hast du denn hier zu suchen?"
Lisa wusste zuerst nicht, was sie dazu sagen sollte, fasste sich dann aber wieder. "Wir müssen die Vampirgurken retten."
"Ihr müsst was? Mit dem Kindergarten? Ich glaub´, ich spinne."
Miriam lachte. "Da passen sie doch gut zu Blixa."
"Ja, aber wir können doch nicht die ganze Nacht auf die Gören aufpassen." Tine schaute genervt auf die Uhr.
Lisa war jetzt auch sauer. "Wir können ganz gut auf uns selbst aufpassen."
"Ach ja, und was war das eben? Seid froh, dass Miriam noch mal bei Blixa vorbeigeschaut hat."
Miriam lachte immer noch. "Ach, lass sie doch, die Hunde sind weg und sonst ist hier nichts Gefährliches. Blixa kennt sich hier gut aus. Und der da ist doch auch ein Vampir oder richtiger gesagt wird er noch mal einer, wenn er etwas älter ist." Sie zeigte mit dem Kopf auf Kolja, dann drehte sie sich zu Sara um: "Und du, was bist du?"
Sara erwiderte ihren Blick unwirsch. "Was soll ich schon sein?"
Miriam antwortete nicht. Sie wandte sich wieder Tine zu. "Komm lass uns gehen, die kommen allein zurecht."
Tine sah Lisa an. "Was ist, sollen wir bleiben?"
Lisa schüttelte den Kopf, sie wollte auf keinen Fall den Abend mit ihrer schlecht gelaunten großen Schwester verbringen. "Nein, ihr könnt ruhig gehen."
Tine seufzte. "Aber ihr bleibt da und geht von hier aus direkt nach Hause und bleibt zusammen?"
Lisa nickte. Arm in Arm machten sich Tine und Miriam auf den Weg in die Disko.
Lisa fragte sich, seit wann Miriam und Tine sich kannten, und was die beiden zusammen machten.

Blixa lebte in einem alten, schimmligen und feuchten Keller unter einer der alten Fabrikhallen. Ka konnte in der Dunkelheit kaum etwas erkennen. Der Raum war niedrig, aber riesig und verwinkelt. Überall standen und lagen alte verrottete Maschinen und Haufen matschiger Klumpen. Ka bemühte sich, auf nichts Lebendes oder Untotes zu treten. Immer wieder huschte irgendetwas schnell zur Seite oder steckte neugierig den Kopf hervor. Das meiste waren Vampirsellerie und Vampirgurken, aber Ka hatte zweimal den Eindruck, etwas Größeres gesehen zu haben. Kolja fragte sich, wie eine Vampirin in solch einem Dreck leben konnte. Sara schwieg. Nur Lisa war völlig begeistert.
Im Dunkel des Kellers war alles nur schemenhaft zu erkennen, immer wieder stolperten sie über undefinierbare Dinge. An einer Stelle mussten sie durch eine knöcheltiefe Pfütze waten. Kolja versuchte angeekelt, dem Schmutzwasser auszuweichen, trat dabei aber nur umso tiefer in die Pfütze.
Spinnweben hingen von der Decke. Es stank nach Öl, feuchten Wänden und verfaultem Gemüse. In einer Ecke lagen ein Haufen alter Matratzen und ein Riesenstapel alter Klamotten.
Mit leuchtenden Augen zeigte Blixa ihnen ihr Reich. "Das ist hier optimal für die Vampirgurken und die Vampirsellerie."
Lisa beneidete sie, der Keller wäre auch optimal für Schimmelkulturen gewesen. Lisa leerte ihren Rucksack und ließ die eingesammelten Vampirsellerie frei.
Die anderen waren nicht so angetan. Kolja verzog leicht die Mundwinkel, aber Blixa ließ sich nicht irritieren.

Nachdem sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, sah Ka die Schatten von Dutzenden Vampirgurken und Vampirsellerie, die umherkrochen und -liefen. Auf einem alten Kessel hatten sich die Vampirsellerie eine Art Nest gebaut, neugierig lugte einige kleine Vampirsellerie von dort herüber. Überall fasste sie in die Schleimspuren der Tiere.
Die Vampirgurken schien zu erwarten, dass es etwas zu fressen gab, jedenfalls krochen sie von überall her auf sie zu. Dabei turnten sie immer wieder über- und durcheinander. Ka sah, wie einige der Sellerie auch von der Decke herabsprangen, sie merkte, wie sich ihr Körper verkrampfte.
Sie hasste nun einmal Spinnen und diese Vampirsellerie hatten einfach zu große Ähnlichkeit mit ihnen. Da spürte sie, dass ein Vampirsellerie an ihr hochkletterte. Er setzte sich auf ihre Schulter und schmiegte sich mit einem schmatzenden schlammigen Laut an ihren Kopf, als wolle er schmusen. Ka blieb nichts anderes übrig, als ihn zu streicheln. Irgendwie war er sogar niedlich.
Lisa hatte zwei Vampirgurken aufgehoben und ließ sie an ihren Fingern nuckeln. Auch die anderen hatten sich hingehockt und spielten mit den kleinen Vampirgurken und Vampirsellerie.
Inzwischen waren alle mit frischen grünen und schwarzgrünen Schleimspuren überzogen. Bei Sara und Lisa fiel das allerdings nicht mehr auf. Nur Kolja sah noch halbwegs sauber aus, irgendwie schaffte er es, die Tiere nicht an sich hochkrabbeln zu lassen.

Nach dem Angriff der Vampirhunde war die Müdigkeit bei Allen wie verflogen, aufgeregt redeten sie durcheinander. Sie setzten sich in der Dunkelheit zusammen auf einige alte, halbverschimmelte Matratzen.
Doch nach kurzer Zeit wurde Ka unruhig: "Wir wollten doch überlegen, was wir tun können."
Sie dachten nach, doch es fiel ihnen keine Lösung ein. Die Vampirsellerie turnten weiter auf ihnen herum und schleimten sie voll.
Sara hörte in ihrem Rucksack das leise, gleichmäßige Atmen des Schnabeldrachens.
Ka dachte an die Tümpel, die ihr Vater für Kröten anlegte. "Wir müssen ein passendes Habitat für sie finden. Also einen Ort, an dem sie sich wohlfühlen und genug zu fressen finden und an dem sie sicher sind. Und dann siedeln wir sie um." Das erschien allen logisch. Aber wohin? Sie grübelten.
Nur Sara wirkte plötzlich abwesend. Sie hatte außer dem Atmen noch etwas gehört und horchte beunruhigt in die Nacht: "Seid bitte mal still."
Ka vernahm keinen Laut, doch sie wusste, dass Sara ein viel besseres Gehör hatte. "Was ist denn?"
"Ich höre Bellen von vielen Hunden, das näher kommt. Vampirhunde! Sie kommen zurück und diesmal sind es viel mehr! Wir haben sie unterschätzt."
Blixa wurde blass. Ka stand auf. "Wir müssen schneller umziehen als gedacht. Packt so viele Vampirgurken, wie ihr könnt in eure Rucksäcke. Die Vampirsellerie müssen wir so mitnehmen." Ka holte die zwei Taschenlampen aus ihrem Rucksack und gab eine davon Lisa. Auch Sara hatte eine mitgebracht.
Kolja und Blixa konnten als Vampire auch in der Dunkelheit gut sehen.

Sie fingen sofort an, die Vampirgurken einzusammeln. Doch auch mithilfe der Taschenlampen war das schwierig. Sie waren noch nicht einmal damit fertig, als ein Hund mit einem dumpfen Schlag gegen die Kellertür sprang. Lisa zitterte, die anderen schauten unsicher zur Tür. Aber sie schien zu halten, zumindest noch.
Es war wieder Ka, die am praktischsten dachte: "Aber wie kommen wir jetzt raus? Gibt es eine zweite Tür?"
Blixa schüttelte nur schweigend den Kopf. Betroffen schauten sie sich an.
"Gibt es andere Ausgänge?"
Blixa schien zu überlegen. "Eine Abflussröhre. Sie ist dick genug, wir müssten durchpassen." Sie zögerte kurz. "Kommt mit."
Weiter hinten im Raum befand sich ein großes Gitter im Boden. Blixa nahm es ab. Darunter befand sich eine runde Öffnung, so groß wie eine Kinderrutsche. Es war stockdunkel hier hinten im Keller und kaum etwas zu erkennen. Ka leuchtete mit der Taschenlampe in die Röhre. Das Abflussrohr führte schräg abwärts, aber sehr weit konnten sie nicht blicken, da eine Biegung die Sicht versperrte. Ka drehte sich zu Blixa um. "Wohin führt das?"
Blixa zuckte mit den Schultern. "Eigentlich müsste die Röhre in einem der großen Abflusskanäle münden. Die sind so hoch, dass wir dort sogar aufrecht stehen könnten. Aber sicher weiß ich das nicht."
Ka zögerte. "Aber wie sollen wir das herausfinden?"
Wieder bollerte etwas gegen die Kellertür. Diesmal schienen es mehrere Hunde zu sein. Einige Vampirsellerie sprangen in die Öffnung und rutschten die Röhre hinab. Lisa versuchte, sie aufzuhalten, doch es wurden immer mehr, auf einmal rutschte Lisa ab und fiel in die Röhre. Ka versuchte noch, sie festzuhalten: "Halt, das ist zu gefährlich!"
Doch da war Lisa schon nicht mehr zu sehen.

Einen Augenblick lang standen sie schreckensbleich am Rand des Loches. Sie hörten Lisa schreien, hohl klang es ihnen aus der dunklen Röhre entgegen. Dann wurde es mit einem Mal still.
Ka schluckte trocken. Sie stand wie gebannt auf der Stelle, ohne sich zu rühren.

Lisas Rutschfahrt hatte nur kurze Zeit gedauert, trotzdem kam es ihr wie eine Ewigkeit vor, bis sie Lisas Stimme hohl und hallend durch das Rohr schallen hörte. "Aaallllleeesss ooookkkkkaaaayyyy! Aaallllleeesss ooookkkkkaaaayyyy!"
Alle atmeten erleichtert auf. Blixa ging zum Loch: "Dann sollten wir am besten alle hinunterrutschen."
Ka nickte. "Aber lasst uns zuerst die Rucksäcke mit den Vampirgurken und die Vampirsellerie nach unten befördern."
Sara stimmte ihnen zu, nur Kolja schaute immer noch skeptisch drein. "Wir wissen jetzt, dass wir nicht aufgespießt werden, dass wir nicht ertrinken und nicht plötzlich in ein hundert Meter tiefes Loch stürzen, aber wissen wir auch, ob wir da unten je wieder rauskommen?"
Ka zeigte auf die Tür: "Möchtest du lieber da lang?"
In diesem Moment knallten mehrere Vampirhunde gegen die Kellerfenster. Ihr Knurren erfüllte den ganzen Raum. Nicht nur Kolja zuckte zusammen. Ka sah die anderen an: "Also los!"
Zuerst ließen sie die Rucksäcke mit den Vampirgurken und ihrem restlichen Proviant herunterrutschen. Dann trieben sie so viele Vampirsellerie zum Loch wie möglich. Einen Teil der Vampirgurken und Vampirsellerie mussten sie allerdings zurücklassen.
Ka spürte einen Kloß im Hals, als sie sich vorstellte, was die Vampirhunde mit den Kleinen tun würden. Aber sie hatten keine Zeit mehr, eines der Kellerfenster war schon halb aus der Verankerung gerissen. Ein kleiner Vampirhund versuchte bereits, sich durchzuzwängen. Er selbst sah zwar niedlich aus, sein Gebiss jedoch nicht. Sie rutschten nacheinander runter.
Als letzte rutschte Sara, sie schloss das Gitter wieder, bevor auch sie sich hinabrutschen ließ.

Die anderen waren nicht mehr zu sehen. Es stank fürchterlich in der Röhre, aber bei dem Gestank würde kein Vampirhund ihre Spur aufnehmen können.
Sie hatte ihren Rucksack mit dem Schnabeldrachen behalten. Sie legte ihn sich auf den Bauch und schützte ihn mit ihren Armen, dann ging es abwärts. Die anderen warteten sicher schon.
Zuerst ging es eher langsam voran, die Röhre war nur wenig abschüssig, die Wände waren aber extrem glitschig, ihre Hände berührten irgendetwas Weiches, Schmieriges, es stank nach Abwasser, dann ging es plötzlich steil bergab und wurde etwas huckelig, irgendetwas Stinkendes zermatschte unter ihrem Gewicht, Sara versuchte zu bremsen, doch das war völlig aussichtslos, ihre Hände fanden nirgends Halt, dann flachte die Neigung wieder ab, sie wurde langsamer und auf einmal spürte sie, wie sie aus einer Öffnung fiel, zum Glück nicht sehr tief, und unter der Öffnung befand sich Schlamm, der ihren Fall abfederte. Das musste der Abwasserkanal sein, sie konnte hier stehen und zu ihren Füßen spürte sie Wasser. Es war alles extrem glitschig. Um sie herum hörte sie die anderen. Obwohl sie auch im Dunkeln sehr gut sehen konnte erkannte sie in dieser Finsternis fast nichts, sie konnte die anderen nur erahnen. Plötzlich wurde sie geblendet: Ka leuchtete mit der Taschenlampe.
Zum Glück waren die Taschenlampen alle heil geblieben. Sie hatten insgesamt drei starke Taschenlampen und für alle Ersatzbatterien.
Das Abwasser füllte die dunkle Luft mit feuchten Schwaden, es roch nach einer widerlichen Mischung aus Fäkalien, faulem Wasser und feuchtem Schimmel. Selbst Blixa und Lisa krausten die Nasen.

Im Licht der Taschenlampe untersuchte Ka die Abwasserröhre, die sie umgab.
Alte Wände bildeten einen Rundbogen; an einer Seite war ein Tritt, auf dem sie jetzt stand, und daneben der Abflusskanal. Außerhalb des Lichts der Taschenlampe begann die Finsternis. Sonst war nur das Loch der Röhre sichtbar, durch die sie und die anderen herabgerutscht waren.
Auch das Abwasser war schwarz und der Grund nicht zu sehen, doch um die Vampirsellerie zusammenzutreiben, mussten sie in den Kanal hinein steigen. Vorsichtig tastete Ka sich voran. Zum Glück war es nicht tief.

Sie sah die anderen an. Kolja hatte sich, um seine schwarze Hose und sein reinweißes Hemd zu schonen, beim Herunterrutschen in der Röhre eine Pappe untergelegt. Das hatte auch bis zum Ende der Röhre wunderbar funktioniert, kurz vor dem Ende der Röhre war er aber ins Trudeln geraten und bäuchlings aus der Röhre direkt in den Schlamm geflogen. Er starrte auf sein Hemd, das von einer undefinierbaren, stinkenden, schwarzbraunen Masse durchweicht war und wirkte vollständig abwesend. Nur Lisa sah noch schmutziger aus, sie schien das allerdings nicht im Geringsten zu stören. Erst als Lisa ihm einen triefenden Rucksack, der mit Vampirgurken angefüllt war, in die Hand drückte, schien Kolja aufzuwachen.
Blixa grinste. Sie wusste, dass die meisten Vampire schmutziges Wasser hassten. Viele parfümierten sogar das Wasser aus dem Wasserhahn. Schmutzwasser war für Vampire ein Armuts- und Elendszeichen und sie ekelten sich davor, so wie Menschen, die sich vor Schmutz und Dreck ekelten. Kolja sah aus, als müsse er sich gleich übergeben. Aber dafür war jetzt keine Zeit.
Ka sah sich um. "In welche Richtung müssen wir?"

Die Röhre, durch die sie heruntergerutscht waren, hatte so viele Windungen gehabt, dass alle bis auf Sara die Orientierung verloren hatten. Sie zeigte in eine Richtung: "Ich würde vorschlagen, wir versuchen, so weit wie möglich hier unten in Richtung Zuhause zu kommen, wo wir schon mal hier sind. Dann müssen wir da lang. Zum Kanal geht es in der anderen Richtung. Nur sind da sicher wieder Vampirhunde."
Ka war die Einzige, die nicht überrascht war; sie hatte schon oft vom Orientierungsvermögen ihrer Freundin profitiert und vertraute ihr blind. Da die anderen keine bessere Idee hatten, folgten alle Saras Vorschlag.
Lisa sah Sara an. "Woher weißt du das?"
Sara zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht, ich spüre das. Und ich kann mich immer darauf verlassen."
Manchmal fand Lisa Sara etwas unheimlich.

Sie setzten die Rucksäcke mit den Vampirgurken auf und trieben die Vampirsellerie mithilfe der Taschenlampen vor sich her.
Immer wieder rutschte Ka ab und landete im Abwasser. Schon nach kurzer Zeit war sie bis auf die Haut durchnässt und fror. Ihre Kleidung sah aus, als hätte sie ein Schlammbad genommen. Den anderen erging es nicht besser. Inzwischen stanken sie alle genau so wie der Abwasserkanal um sie herum.

An einigen Stellen waren glitschige Schlammhügel im Weg, durch die sie waten musste und bei denen Ka lieber nicht genauer hinschaute, woraus sie bestanden. Sie spürte glibberige Stückchen und manchmal schien sich etwas zu bewegen. Schwere, teils nasse Spinnenweben hingen von der Decke. Im Licht der Taschenlampen war immer nur ein Ausschnitt des Kanals zu sehen; ein halbdunkler Bereich im nebligen Dunst der Abwässer dahinter begann die schwarze Nacht. Alle Geräusche halten x-fach von den Wänden wieder. Ab und zu hatte Ka den Eindruck, im Lampenschatten irgendetwas forthuschen zu sehen. Das waren nur Ratten, hoffte sie.
Lisa hatte dauernd Angst, die Ratten könnten über die Vampirsellerie herfallen. Sie fuchtelte mit der Taschenlampe umher, doch ihre Stimme klang eher unsicher als wütend: "Haut ab!"
Ka hatte ganz andere Befürchtungen.

Einmal glaubte sie, einige schlammige Frösche im Schatten der Kanalwand entlang hüpfen gesehen zu haben, nur hatten diese Frösche keine Köpfe gehabt. Dort, wo üblicherweise der Kopf am Hals saß, hatte sich nur ein schwarzes Loch befunden. Die kopflosen Frösche hatten auch Orientierungsprobleme gehabt, mehrfach hatte es so ausgesehen, als wären zwei zusammengestoßen. Aber dann waren sie so schnell wieder im Schlamm des Kanals abgetaucht, dass sie nicht wusste, ob sie sich nicht im Dunkel geirrt hatte. Sicher war sie sich nur, dass der Untot-Detektor kurz ausgeschlagen hatte.
Die anderen bemerkten die kopflosen Frösche nicht und Ka sagte nichts, sie wollte sie nicht beunruhigen. Durch das Platschen der Vampirsellerie, die immer wieder an ihnen hochkletterten, um dann wieder in das Kanalwasser zu springen, wurden alle anderen Geräusche übertönt.

Misstrauisch schaute Ka in das Dunkel außerhalb des Lichtes der Taschenlampen. Lisa, Sara und Blixa schienen ihren Blicken nach zu urteilen ihre Befürchtungen zu teilen, obwohl sie die Frösche übersehen hatten.
Nur Kolja wirkte fast glücklich. "Boah, das ist wie in einem Gruselfilm! Im Film schwimmen immer irgendwelche Monster, Alligatoren oder Schlimmeres in solchen Gewässern." Er sah sich zu Lisa um, die gerade am Schluss ging: "Und dann kommt immer die Szene, in der diejenige, die als letzte folgt, plötzlich verschlungen oder zerrissen wird." Er sah Ka, Sara und Blixa an. "Wir sollten hier unbedingt einen Film drehen."
Lisa wurde etwas nervös und beeilte sich, weiter nach vorne zu kommen.
Sara zuckte mit den Schultern und ging demonstrativ nach hinten. "Du guckst zu viele schlechte Filme." Blixa verdrehte nur die Augen.
Doch Lisa war sichtlich beunruhigt. Ka sah sie an. "Das hier ist Realität und kein Film, also haben wir nichts zu befürchten."
Das leuchte auch Lisa ein. Sie beruhigte sich wieder.

Ein Platschen ließ sie erneut zusammenzucken. Doch es war nur einer der Vampirsellerie gewesen. Sara flüsterte grinsend mit dumpfer Stimme: "Vielleicht lebt hier der Golch?"
Lisa sah sich erneut misstrauisch um. Blixa schüttelte sich: "Über den Golch zu reden bringt Unglück."
Ka zuckte mit den Schultern. "Wir haben doch Koljas Armband."
Aber Kolja hörte gar nicht zu, er dachte immer noch über die Filmidee nach.

Inzwischen machte sich die Anstrengung bemerkbar. Es kostete viel Kraft, auf dem glitschigen Boden des Kanals das Gleichgewicht zu halten. Lisa war total erschöpft. Sie wollte aber auch keine Vampirgurke zurücklassen und hatte ihren Rucksack bis obenhin mit ihnen vollgestopft.
Die Kleinen schienen die Gefahr nicht zu bemerken, dauernd kletterten sie aus dem Rucksack und unter ihre Kleidung. Auch die Vampirsellerie tobten immer wieder an ihnen vorbei, so dass sie sie erneut zusammen treiben mussten. Die Vampirsellerie schienen das als Spiel zu verstehen und nutzten sie als Klettergerüst. Das Kanalwasser drang dabei in jede Pore des Körpers.
Lisa war dem Umfallen nahe, auch Ka selber und Kolja waren erschöpft. Nur Sara war nichts anzumerken, sie nahm Lisa den Rucksack ab und trug nun zwei davon. Ka war immer wieder erstaunt über die Kraftreserven, die Sara aufbringen konnte. Der schien das Ganze kaum etwas auszumachen, obwohl sie Wasser nicht besonders mochte.

Trotz allem hatten sie sich inzwischen an die Umgebung gewöhnt und hingen ihren Gedanken nach.
Lisa ließ eine kleine Vampirgurke an ihrem Finger nuckeln und streichelte sie sanft. Sie dachte wieder über Miriam und Tine nach. "Blixa, wie lange kennen sich Miriam und Tine eigentlich schon?"
"Mm, ich weiß nicht genau, die beiden hängen seit einigen Monaten sehr viel zusammen ´rum. Ich glaube, Tine ist Miriams beste Freundin."
"Wie ist Miriam denn so?"
"Sie ist die Einzige, die mir geholfen hat - bis ihr kamt. Sie ist manchmal ein bisschen leichtsinnig und hat dauernd Ärger mit den Aufsichtsbehörden und in der Schule, außerdem macht es ihr Spaß, die Aufsichtsbehörden zu ärgern.
Und sie hat sich angewöhnt, Menschenjungen aus der Disko abzuschleppen und sie dann in irgendeinem Hinterhof zu beißen."
"Ich dachte, das ist verboten."
"Nur mit Blutaustausch, ein einfacher Biss gilt als harmlos und ist mit Einverständnis erlaubt. Das ist nicht gefährlicher als Blutspenden.
Die Aufsichtsbehörde sieht aber auch das nicht gern, dabei fragt Miriam die Jungen immer vorher. Sie fragt sie meistens, ob sie mit nach draußen kommen, damit sie sie beißen kann. Fast alle sagen ja und sind dann trotzdem schockiert. Jungs sind manchmal seltsam." Blixa schüttelte den Kopf. "Obwohl alle hinterher so tun, als wäre nichts passiert. Nur wollen sie dann nichts mehr mit Miriam zu tun haben. Aber dadurch wird sie für die restlichen Jungen immer interessanter. Ihr etwas unheimlicher und geheimnisvoller Ruf zieht die meisten an wie die Fliegen. Aber irgendwann gibt das trotzdem Ärger, befürchte ich."
Lisa fragte sich, ob Miriam der richtige Umgang für ihre ältere Schwester war, ihre Mutter hätte da sicher Bedenken. Außerdem hatte sie irgendetwas im Verhalten der beiden zueinander irritiert. Aber immerhin hatte Miriam ihnen geholfen.
Sie dachte noch darüber nach, als plötzlich alle stehen blieben.

Der Kanal führte hier abwärts und der Wasserstand stieg. Blixa, die in der Mitte des Abflusskanals im Abwasser versuchte einige Vampirsellerie in die richtige Richtung zu scheuchen ging das Wasser schon bis zu den Oberschenkeln. Sie hatte Mühe sich auf den Beinen zu halten. Zum Glück konnten die Vampirsellerie schwimmen, aber Ka, Sara, Kolja, Blixa und Lisa verloren zunehmend die Kontrolle. Die Kleinen wurden immer schneller weggespült.
Ka und Sara versuchten das zu verhindern, doch es war zwecklos, sie wurden nur noch nasser, aber das war auch schon egal. Sie konnten nur der Strömung folgen.
Und dann hörten sie in der Ferne hinter einer Biegung das Rauschen, Ka wurde bleich. "Ein Abgrund. Wir müssen die Vampirsellerie retten!" Sie hastete auf dem seitlichen Tritt vorwärts.
Was, wenn die Kleinen in den Abgrund gespült wurden?

Doch sie hatten Glück im Unglück. Der Kanal mündete zwar in einem großen, tiefen schwarzen Loch, doch die vor ihnen schwimmenden, hüpfenden und krabbelnden Vampirsellerie hatten sich zu einem Pulk aufgestaut. Das Loch war durch ein Gitter vom Kanal abgetrennt, das den Vampirsellerie genug Halt bot und auf dem Tritt war ein Durchgang, eine Gittertür, die sich quietschend öffnen ließ.
Lisa wurde trotzdem schlecht; zwar ging der Kanaltunnel auf der anderen Seite des Lochs weiter, aber Lisa schätzte, dass es gut eineinhalb Meter bis zur gegenüberliegenden Seite des Lochs waren. Das Stück des Tritts hinter dem Gitter war nur kurz und glitschig und für einen sicheren Absprung kaum geeignet.
Aber sie mussten dort hinüber. Niemand sah eine andere Möglichkeit.
Ka fragte: "Springen wir?"
Alle nickten, Lisa etwas zögerlich. Ka sah sie an. "Glaubst du, du schaffst es?"
Obwohl Lisa große Zweifel hatte, wusste sie auch keine andere Lösung. Sie versuchte, möglichst cool zu klingen, was ihr aber nicht gelang: "Wird schon gehen."
Sara wandte sich zu ihr: "Wirklich?"
Lisa zuckte mit den Schultern. "Wir müssen ja da rüber."
Darauf wussten auch Sara nichts zu sagen.

Kolja und Blixa hatten aufgrund ihrer Fähigkeiten als Vampire kein Problem und sprangen als erste. Zwar konnten sie noch nicht fliegen, doch um das Loch zu überwinden, reichte es allemal.
Lisa und Ka blieben auf dieser Seite des Kanals zwischen Gitter und Abgrund. Sara saß auf der anderen Seite des Gitters und reichte ihnen die Vampirsellerie herüber, dann warfen Ka und Lisa sie über den Abgrund hinweg Blixa und Kolja zu.
Nach einer Weile mussten sie eine Pause machen, so anstrengend war das. Ka zitterten die Arme vor Anstrengung und ihr und Lisa lief der Schweiß trotz der kalten, feuchtnebligen Luft in Strömen herab und selbst Sara wirkte nun müde.
Ka und Lisa setzten sich einen Augenblick lang auf dem Tritt hin, ließen ihre Beine in den Abgrund baumeln und schwiegen. Aus dem schwarzen Loch unter ihnen war ein Gurgeln zu hören.
Ka dachte kurz darüber nach, was sie machen sollten, falls Sara sich doch mit der Richtung irrte. Vor ihren Augen sah sie sich und die anderen durch endlose Abwasserkanäle irren, immer hungriger und zittriger, und irgendwann ganz ohne Licht in der Finsternis, bis sie nicht mehr konnten. Früher oder später würden sie einfach im kalten Abwasser liegen bleiben und einschlafen. Doch ein Blick auf Sara verscheuchte ihre trüben Gedanken, sie wusste einfach, dass sie sich auf ihre Freundin verlassen konnte. Nur fragte sie sich, ob Sara das umgekehrt auch wusste. Sara wirkte trotz ihres sicheren Auftretens immer noch fast ängstlich, sie konnte Ka nicht täuschen. Ka fühlte, dass Sara etwas bedrückte. Nur wusste sie nicht was. Aber das musste warten.
Ka stand wieder auf: "Kommt, lasst uns weitermachen." Sie warfen die letzten Vampirsellerie zu Blixa und Kolja und Sara kletterte zu Lisa und Ka hinüber. Zum Schluss warfen sie auch noch die Rucksäcke mit den Vampirgurken über den Abgrund.
Sara warf ihren Rucksack ganz zum Schluss besonders vorsichtig zu den anderen. Trotzdem hörte sie drüben Kolja fluchen, eine Flamme hatte ihm einige Haare versengt. Es gelang ihm jedoch, den Schnabeldrachen wieder zu beruhigen.

Jetzt mussten nur noch Ka, Lisa und Sara über das Loch hinwegspringen. Ka war sportlich, sie stieß sich von der Kante ab, sprang und schaffte es.
Lisa zitterte. Sie musste auch rüber, alle mussten sie das und eine andere Möglichkeit gab es nicht. Sie wusste, sie musste besser springen als je zuvor in ihrem Leben. Sie legte alle Konzentration in ihren Sprung.
Der richtige Absprung war das wichtigste. Lisa stieß sich ab, rutschte weg, stolperte halb ins Abwasser und wusste, dass sie gleich im Abgrund verschwinden würde.
Sie hatte einfach nicht mehr stoppen können. Gleich würde ihre Flugbahn abknicken, weit vor der anderen Seite. Sie würde fallen. Wie sollte die anderen sie da wieder rausholen? In ihren Gedanken sah sie das schwarze Loch immer näher kommen. Sie schrie: "Waaaaaaahhhh!" Dunkel hallte ihr Schrei von den Wänden des Abwasserkanals wieder.
Sie hörte schmatzende und blubbernde Geräusche aus dem Schwarz unter ihr heraufsteigen. Aus den Augenwinkeln glaubte sie, eine Bewegung ganz unten im Loch zu sehen, irgendetwas Großes schien dort auf sie zu warten. Sie war schon so gut wie tot.
Da traf sie ein heftiger Stoß in den Rücken. Sara war hinter ihr abgesprungen und stieß ihr mit voller Wucht in den Rücken. Der zusätzliche Schwung reichte aus, dass beide knapp die andere Seite erreichten. Sie schlugen sich zwar die Knie an der Kante auf und bekamen beide blaue Flecken, landeten wieder einmal in dieser Nacht im Abwasser und Lisa tat ihr Rücken weh, aber sie waren drüben. Sara half ihr auf. Lisa staunte: Wie konnte ein Mädchen, das kaum größer war als sie, eine solche Sprungkraft entwickeln? Sie zitterte und sah Sara schüchtern an: "Danke."

Nach einer kurzen Pause rafften sie sich wieder auf. Es war fast 4.00 Uhr. Eine Weile gingen sie schweigend geradeaus. Auf einmal hörten sie ein Geräusch vor sich. Etwas kam aus der Dunkelheit auf sie zu.
Dann flogen auch schon einige Tiere an ihnen vorbei. Kolja rutschte aus und Lisa verlor ebenfalls den Halt, weil Kolja gegen ihren Fuß knallte. "Fledermauskacke!" Laut fluchend rappelte sich Lisa wieder auf. Kolja schien inzwischen alles egal zu sein, er sah nur an sich herunter und rümpfte die Nase.
Dann kam eine Gabelung, der Kanal ging in zwei Kanäle über. Ka drehte sich zu Sara um. "Wo müssen wir lang?"
Doch auch Sara wusste nicht, welche Abzweigung richtig war. Einen kurzen Moment lang tauchte vor Kas Augen wieder die Fantasie auf, wie sie ziellos im Dunkel der Kanäle umherirrten und irgendwann aufgaben, doch sie verscheuchte die Gedanken. Sie war zu müde, um sich Sorgen zu machen.
Auch Lisa war todmüde: "Lasst uns eine Pause machen."
Die anderen stimmten zu.

An der Gabelung war ein kleiner Vorsprung, auf dem sie zusammen sitzen konnten. Die Taschenlampen legten sie so hin, dass sie ihnen Licht spendeten und doch war es überall dunkel, der nasse Nebel und drei finster-trübe Tunnelöffnungen umgaben sie. Aber irgendwie war Ka das inzwischen auch vertraut. Überall turnten die Vampirsellerie herum. Die Vampirgurken steckten wieder neugierig ihre Köpfe aus den Rucksäcken.
Lisa holte die letzten Schokoriegel aus einer Seitentasche ihres Rucksacks, Kolja hatte noch ein bisschen Blutoka und eine Packung mit lila Blutgrütze zum Aussaugen. Nur für Blixa war nichts da. Lisa tat das leid: "Nächstes Mal nehmen wir eine Flasche frischen Gemüsesaft mit."
Blixa lächelte. "Ihr konntet ja nicht wissen, dass ihr mich trefft. Wartet einen Augenblick."

Sie sprang in das Abwasser und watete zur gegenüberliegenden Wand des Kanalschachtes. Aus einer ihrer Taschen zog sie eine schwarze Spraydose hervor. Innerhalb kürzester Zeit stand in großen Buchstaben VVP an der Wand und daneben fletschte eine maskierte Vampirgurke ihre Zähne.
Ka, Sara, Lisa und auch Kolja lachten.
Blixa steckte die Sprayflasche wieder ein, sie zeigte mit der Hand das Victory-Zeichen und grinste. "Vegetarische Vampirinnen kommen überall hin."
Lisa sah Blixa irritiert an. "Aber hier kommt doch niemand lang!"
"Nein, vielleicht hast du Recht. Aber trotzdem, falls doch, ist es wirklich cool."
Lisa nickte. "Hm."
Irgendwie konnte sie Blixa verstehen.

Sie mussten weiter, die Vampirsellerie wurden unruhig. Im Abwasser schwammen einige undefinierbare Dinge an ihnen vorbei; Ka wollte gar nicht genau wissen was das war. Es stank nach Urin. Dann hörte sie ganz leise das Schlagen einer Kirchturmuhr.
Sara horchte auch: "Wir müssen da lang."
Kolja wollte das nicht glauben. "Aber das kann doch irgendeine Kirche gewesen sein."
Sara schüttelte den Kopf. "Nein die hören sich alle unterschiedlich an. Das war die Uhr der Kirche, die bei Ka gleich um die Ecke ist."

Kolja zuckte mit den Schultern. Sie folgten Saras Vorschlag, hoben ihre Sachen wieder auf, trieben die Vampirsellerie zusammen und setzten den Fußmarsch fort.
Langsam ließen die Taschenlampen nach. Dunkle Schatten zogen über die Schachtwand. Die Finsternis umschloss sie immer enger. Der Moder an den Wänden schien manchmal zu leben. Im Dunkel war ein Platschen zu hören. Ka legte die letzten frischen Batterien ein. Was war, wenn die Batterien nicht reichten?
Doch dann hatten sie Glück, an der Wand befand sich eine Leiter, die in einem Schacht nach oben führte.
Ka leuchtete mit der Taschenlampe. "Wenn Sara Recht hat, müssten wir fast zu Hause sein.
Was wollen wir eigentlich mit den Vampirsellerie und Vampirgurken machen?"
Lisa zögerte nicht lange. "Erst mal können sie in meinen Keller. Das wird zwar eng, vorübergehend wird es aber reichen. Und dann müssen wir uns eine richtige Lösung überlegen."
Ka kletterte die Leiter hoch, der Deckel war zu schwer, um ihn anzuheben. Erst mit Saras Hilfe schaffte sie es, ihn Stück für Stück zur Seite zu schieben.
Dann der nächste Schreck: Über ihr war kein Himmel zu sehen. Ka war kurz davor aufzugeben, doch dann begriff sie: Ein LKW parkte über der Schachtöffnung! Nur gut, dass keines der Räder direkt auf dem Schachtdeckel gestanden hatte. Es war gerade genug Platz, um aus dem Schacht zu kriechen, der sich tatsächlich fast vor Lisas Haustür befand.
Sie rief nach unten: "Wir sind genau richtig!"

Doch alle waren zu müde, um wirklich begeistert zu sein. Ka ließ Lisa heraufkommen. Die anderen bildeten auf der Leiter eine Kette und gaben die Vampirsellerie nach oben an Ka weiter, die sie von ihrem Platz unter dem Lastwagen an Lisa auf dem Fußweg weiterreichte, die ihrerseits mühsam versuchte, sie zusammenzuhalten. Sie hatten noch einmal Glück, niemand ließ sich auf der Straße blicken und entdeckte sie. Es musste inzwischen schon nach fünf Uhr sein.
Einmal sprang Ka ein Vampirsellerie direkt ins Gesicht. Nur mühsam konnte sie das Verlangen unterdrücken, ihn abzustreifen. Ihr Kopf zuckte zurück und sie knallte gegen den Unterboden des LKW, doch sie fing sich schnell wieder, griff vorsichtig den Vampirsellerie und gab ihn an Lisa weiter. Sie schwor sich, nie wieder spinnenähnliche Nachtwesen zu retten.
Danach reichten sie die Rucksäcke mit den Vampirgurken und dem Schnabeldrachen nach oben durch. Zum Schluss kletterten alle aus dem Schacht. Das Ganze war zeitraubend und anstrengend.
Blixa schaute zum Himmel hoch, nach der Finsternis des Kanals wirkte die Nacht nicht mehr dunkel. Ganz langsam wurde es auch heller, die Sonne würde bald aufgehen.
"Wir müssen uns beeilen, die Vampirsellerie und Vampirgurken vertragen kein Tageslicht."

So schnell es ging trieben sie die Vampirsellerie zur Rückseite der Villa. Aber immer wieder büxten ihnen einzelne aus.
Lisa war durch den Vordereingang ins Haus geschlichen und öffnete die Holzklappe zu ihrem Hexenkeller; blitzschnell reichten die anderen die Rucksäcke mit den Vampirgurken durch. Lisa ließ die Kleinen drinnen frei. Einige der bereits im Haus befindlichen Vampirgurken begrüßten die Neuankömmlinge mit aufgeregtem Fiepen. Alle Rucksäcke waren bald leer, nur Sara stellte ihren Rucksack mit dem Schnabeldrachen auf die Treppe zum Dachboden. Die Zeit wurde knapp, Ka sah mit Sorge, dass das Schwarz des Himmels langsam immer blauer wurde.
Sie schubsten die Vampirsellerie durch das Kellerloch und wurden gerade rechtzeitig fertig. Schnell verhängten sie noch die Kellerfenster von Lisas Hexenküche und schlossen die Holzklappe.
Als sie fertig waren erhellten gerade die ersten Sonnenstrahlen das Grün der Baumwipfel im Garten.

Eilig zogen sie sich die schmutzige Kleidung aus und spritzten sich in Unterwäsche mit einem Gartenschlauch den Schlamm ab. Kolja schaute dabei drein, als ob er geschlachtet würde. Erst das Wasser im Abwasserschacht und jetzt das Wasser hier! Kolja schüttelte sich angeekelt. Dieses Wasser war zwar sauberer, aber es roch nach Chlor.
Zum Glück lag die Rückseite des Hauses noch im Schatten, sodass Kolja und Blixa vor der direkten Sonne geschützt waren.
Dann liefen sie fröstelnd auf den Dachboden, zogen sich die restlichen nassen Sachen aus, trockneten sich zitternd ab und schlüpften in ihre Schlafsachen.
Lisa flitzte noch schnell nach unten durch die Küche in den Keller, steckte die Schmutzwäsche in die Waschmaschine im Waschkeller und stellte sie an. Als sie nach oben kam, lagen die anderen schon eingemummelt in ihren Schlafsäcken. Die Rucksäcke würden sie morgen gründlich säubern müssen, sie packte sie in eine Ecke auf dem Dachboden, so dass sie nicht zu sehen waren. Dort standen auch ihre nassen Schuhe zum Trocknen. Den Rucksack mit dem Schnabeldrachen hatte Sara bereits mit nach oben genommen und vorsichtig in eine Ecke gelegt. Hoffentlich schlief der Schnabeldrache lange genug! Ihr Vater würde sich sonst wundern.
Blixa hatte sich so in einem Stapel von Decken eingewickelt, dass nichts mehr von ihr zu sehen war. Irgendwie würde Lisa morgen ihrem Vater Blixas Anwesenheit erklären müssen, aber das konnte warten. Auch sie merkte jetzt wieder, wie todmüde sie war.
Das Wasser hatte sie nur kurz aufgeweckt.

Als Lisas Vater um 10.00 Uhr mit den Brötchen und dem Frühstück auf einem Tablett auf den Dachboden kam, fand er die Kinder tief schlafend in ihren Schlafsäcken vor. Er lächelte, sie hatten sicher bis spät in die Nacht hinein geredet und sich gegenseitig wach gehalten. Er ließ sie schlafen und stellte ihnen nur noch etwas zu Trinken hin.
Blixa sah er gar nicht, nur ein Knäuel von Decken in einer Ecke, das er nicht weiter beachtete. Auch das entenartige Tier, welches neugierig unter einem Stuhl hervorlugte, übersah er zum Glück.

Lisa wachte kurz auf, lächelte ihm zu und schlief dann wieder ein.









- Kapitel 4 'Eine unruhige Nacht' -


Eine Kuh zog an ihrem Ohr. Sie lag auf einer Wiese und eine Kuh zupfte an ihrem Ohr. Sara spürte die raue, feuchte Zunge der Kuh und ein Knibbeln an ihrem Ohr. Sie musste im Gras eingeschlafen sein. Sie versuchte, die Kuh mit einer Handbewegung zu verscheuchen, da fing die Kuh an zu schnattern. Es roch nach frischen Brötchen.
Langsam wurde Sara wach, irgendetwas zupfte sie am Ohr. Als sie ihr Gesicht zur Seite drehte, stupste der Schnabeldrachen mit seinem Schnabel an ihre Nase. Offensichtlich war das Tier hungrig und hatte sich aus dem Rucksack befreit.

Auf dem Wecker, den sie mit auf den Dachboden genommen hatten, war es beinahe zwölf Uhr. Auf einem Tablett lagen Brötchen, Butter, Marmelade, Honig, Nussnugatkreme, Käse, Frischkäse und eine Tüte Hörnchen. Daneben standen auf einem zweiten Tablett Besteck, Bretter, Säfte, Wasser und Gläser.
Sara kroch aus dem Schlafsack und nahm sich ein Glas Saft.
Draußen war ein wunderschöner Tag. Durch die halboffene Luke fielen Sonnenstrahlen. Die frische Luft weckte sie vollends auf. Sara streckte sich.

Alle anderen schienen noch zu schlafen. Kolja hatte sich in einer dunklen Ecke völlig im Schlafsack, den Ka ihm mitgebracht hatte, verkrochen, auch von Blixa war unter den Decken im Dunkel der Dachschräge nicht einmal die Nasenspitze zu sehen. Dafür schlief Lisa mehr auf ihrem Schlafsack als darin, sie schien ihn quasi zu umarmen. Ka schnarchte leise.
Der Drache tippte gegen Saras Glas. Sie goss ihm etwas Wasser in einen alten Blumenuntersetzer und hoffte, dass Schnabeldrachen Wasser mochten. Gierig trank das kleine Tier und spritzte dabei die Hälfte auf den Boden. Sie streichelte ihn, seine Haut fühlte sich warm und weich und doch schuppig an. Was fraßen Schnabeldrachen wohl? Sie mussten unbedingt im Folianten nachschlagen.
Der Drachen schnatterte wieder.

Lisa schlug nun auch die Augen auf, erstaunt sah sie herüber. Dann erinnerte sie sich, verschlafen und nur halb verständlich murmelte sie: "Guten Morgen."
"Morgen," erwiderte Sara klar und leicht grinsend. Sie deutete mit dem Kopf auf das Frühstück: "Dein Vater hat uns schon Frühstück heraufgebracht."
Lisa nickte, langsam wurde sie wacher. "Ja, ich habe ihn gesehen. Aber dann bin ich wieder eingeschlafen."
Sara sah sich um. "Wo ist denn unser Zeug?"
"Das ist noch in der Waschmaschine, wir können es gleich mal aufhängen und erst einmal welche von den alten Kleidern anziehen." Lisa rutschte nun auch das letzte bisschen aus dem Schlafsack heraus, stand auf und ging noch etwas unsicher zu einem großen Schrank.
Als sie ihn öffnete, wurde darin eine Unmenge an Kleidung sichtbar. Sie kramte eine Zeit lang darin herum und warf Sara dann einen Unterrock und ein weißes spitzenbesetztes Kleid zu.
Sara schaute etwas skeptisch, probierte die Sachen dann aber an. Sie schienen zu passen. Sie schaute an sich selbst herunter und fand, dass sie aussah wie eine Brautjungfer aus irgendeinem Kitschfilm, nur ihre Körperhaltung war dafür zu angespannt. Offensichtlich war Seide in den Stoff eingearbeitet, das Kleid lag angenehm kühl auf ihrer Haut.
Auch Lisa hatte sich Kleidung herausgesucht und angezogen. Sie trug einen schlichten braunen Rock, den sie oben mehrfach gefaltet hatte, damit er nicht auf dem Boden schliff und darüber eine dunkelgrüne Bluse, die ihr aber so viel zu groß war, dass sie wie ein halblanges Kleid wirkte.
Zusammen liefen sie nun die Treppe hinunter in die Küche und von da in den Waschkeller. Die Waschmaschine war schon lange mit dem Waschgang fertig, schnell hängten sie die Wäsche auf und öffneten die Kellerfenster. Bei dem Wetter draußen würde die Wäsche auch hier im Keller bis zum Abend trocken sein.

Als sie wieder oben ankamen, war auch Ka wach. Sie sah gerade die Kleider im Schrank durch und entschied sich dann für ein schlichtes, blaues Sommerkleid, das aber selbst für sie etwas zu groß war. Dann kramte sie aus einer Ecke noch ein paar alte Pluderhosen und ein Hemd hervor und brachte sie Kolja hinüber, der auch gerade mit der Nasenspitze aus dem Schlafsack lugte. Blixa schlief immer noch.
Als Ka einige der Decken, unter denen sich Blixa vergraben hatte, beiseite schlug, wurde kurz Blixas Kopf sichtbar, vorwurfsvoll öffnete sie die Augen: "Seid ihr verrückt, es ist doch mitten am Tag. Die Sonne ist noch nicht einmal untergegangen." Damit verschwand sie wieder unter den Decken.

Die anderen öffneten die Luke ganz, holten sich die Tabletts und setzten sich mit Brettern und Brötchen zufrieden im Halbkreis um die Öffnung.
Sie hörten Vogelgezwitscher und ab und zu wehte der Wind das Geräusch eines Rasenmähers herüber. Ka erinnerte das an die Samstagsnachmittagslieblingsbeschäftigung ihres Vaters. Mit der frischen Luft drang auch der Geruch nach den Blättern des Baumes vor dem Fenster herein.
Kolja blieb etwas im Schatten, er hatte sich wieder eine Flasche Blutoka genommen und die Reste der Blutwurstchips.
Der Schnabeldrache ließ sich mit Weißbrot aus dem Brötcheninneren füttern. Seine Ansprüche an Nahrung schienen einfach zu erfüllen zu sein. Er tunkte die Weißbrotstückchen nur meistens in seinen Wassernapf, bevor er sie gierig verschlang und noch mehr haben wollte.
Sara sah ihm kopfschüttelnd zu. "Wir müssen nachher im Folianten nachschlagen und überlegen, was wir mit ihm machen."
Lisa nickte. "Stimmt, mein Vater sollte ihn besser nicht sehen. Außerdem müssen wir noch die Rucksäcke putzen."
Durch die Luke konnte Ka ihre Mutter gegenüber durch den Garten gehen sehen.

Lisa, Sara und Ka waren gerade bei ihrem dritten Brötchen angekommen, als sie Lisas Vater auf der Treppe hörten. Sara setzte schnell den Schnabeldrachen hinter einen Schrank und warf ihm einige durchweichte Brötchenkrümel hin, in der Hoffnung, ihn damit zu beschäftigen.
Da erschien schon der Kopf von Lisas Vater. "Guten Morgen! Na, ihr Schlafmützen, wieder wach? Wann seid ihr denn gestern ins Bett gegangen?"
Lisa ging ihrem Vater entgegen. "Ziemlich früh."
"Am Morgen" ergänzte ihr Vater. "Na, das glaube ich. Ich wollte nur sehen, ob ihr noch etwas braucht."
"Nein, vielen Dank." Lisa umarmte ihn.
Ka, Kolja und Sara grüßten ihn nun auch: "Guten Morgen."
"Vielen Dank für das Frühstück", ergänzte Ka und alle schlossen sich dem an:
"Es hat wirklich gut geschmeckt."
"Und danke, dass wir hier schlafen durften."
Lisas Vater nickte. "Um 16.00 Uhr kocht euch Frau Marquard etwas Warmes."
Frau Marquard war die Frau, die Lisas Vater eingestellt hatte um ab und zu im Haushalt zu helfen. Sie war schon über sechzig, aber es machte ihr Spaß und das Geld konnte sie gut gebrauchen. Lisa fand sie nett, nur war Frau Marquard manchmal etwas altmodisch.
Sie konnte aber wunderbar kochen.

Plötzlich streckte Blixa ihren Kopf unter den Decken hervor. Lisas Vater schaute sie überrascht an. "Wer bist du denn?"
Bevor Blixa irgendetwas sagen konnte antwortete Lisa: "Das ist Blixa, äh, die Schwester von Kolja. Sie war gestern so allein und wollte unbedingt auch hier schlafen. Ihre Eltern haben das erlaubt."
Lisa log ihren Vater nur sehr ungern an, doch dies war ein BUNG-Notfall. Aber sie hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen, ihr Vater grüßte das verschlafene Mädchen nur flüchtig, bestaunte noch kurz die Kleider, die sie sich angezogen hatten und verabschiedete sich dann. Auf dem Weg die Treppe hinab drehte er sich noch einmal um: "Falls ihr noch was braucht, meldet euch. Ich bin in meinem Arbeitszimmer."

Blixa bekam auch ein altes Kleid und Unterwäsche aus dem großen Schrank. Sie sah jetzt aus wie ihre eigene Großmutter. Kolja gab ihr sein spezielles Sonnenschutzmittel, mit dem er sich bereits eingekremt hatte. Blixa war für eine Vampirin auch nicht sehr lichtempfindlich, aber falls sie doch länger an die Sonne mussten, war dies auf jeden Fall sicherer. Außerdem fand sie im Schrank einen Sonnenschirm und einen Hut. Dann nahm sie sich noch einen Saft zum Frühstück.
"Wer kommt mit runter in die Waschküche, Rucksäcke waschen?" Lisa sah die anderen an.
"Ich komme mit." Kolja musste nicht lange überlegen, da unten war es dunkel und angenehm kühl.
"Ich auch." Blixa ging es genauso.
Die drei nahmen die Rucksäcke und liefen die kleine Treppe hinunter.

"Dann schauen wir im Folianten nach, was der Schnabeldrache braucht" schlug Ka vor. "Wo ist er überhaupt?"
Sara schaute hinter den Schrank. "Der schläft schon wieder."
Der Drache hatte sich eingerollt und sie konnten seine leisen Atemgeräusche vernehmen. Sie vermischten sich mit den Vogelstimmen, die die frische Frühlingsluft von draußen hereintrug.
"Ich hol´ den Folianten", sagte Sara, während sie schon in den Schrank stieg, in dem die Wendeltreppe endete. "Hier oben sitzt man viel schöner", hörte Ka noch ihre Stimme aus dem Schrank.
Kurz darauf war Sara mitsamt dem Folianten wieder da. Die beiden schenkten sich noch etwas zu trinken ein und setzten sich direkt an die Luke.
Über Schnabeldrachen gab es ein eigenes kleines Kapitel.

Sara las leise und fasste den Inhalt zusammen: "Es gibt europäische und asiatische Schnabeldrachen. Der europäische Schnabeldrache erreicht ausgewachsen etwa die Größe einer Teichente, sein asiatischer Vetter ist ausgewachsen etwas kleiner als ein Schwan. Sie legen wie Enten Eier.
Schnabeldrachen fressen alles was Enten fressen und außerdem vergorene Früchte, die ihre Lieblingsspeise darstellen und Grundlage für ihren Feueratem sind. In der Phase der Aufzucht von Jungtieren sind alkoholhaltige, vergorene Pflanzenteile ihre Hauptnahrungsquelle. Die Jungtiere werden mit einer hochprozentigen alkoholischen Nährlösung, die die Schnabeldrachen hervorwürgen, gefüttert. Auch als erwachsene Tiere werden viele der Tiere von Alkohol geradezu magisch angezogen.
Im zwölften Jahrhundert gab es eine Schnabeldrachenplage in den Weinbaugebieten von Lothringen.
Weil die erwachsenen Tiere bei Alkoholgenuss zu unkontrolliertem Aufstoßen mit Feueratem neigen, wird dringend davon abgeraten, erwachsenen Tieren Alkohol zugänglich zu machen, außer in der Brutzeit. Die Brandgefahr ist erheblich.
Schnabeldrachen sind für gewöhnlich nachtaktiv, sie verbringen aber einen großen Teil ihrer Lebenszeit schlafend. Der natürliche Lebensraum von Schnabeldrachen sind einsam gelegene Teiche in Moorgebieten.
Die Tiere sind in der Regel sehr scheu."
Dann zeigte Sara Ka noch zwei Bilder: Ein großes, farbig koloriertes Bild von einem Schnabeldrachen und ein weiteres von einem Schnabeldrachen bei der Fütterung von Jungtieren. Ka bestaunte die Kleinen: "Die sehen mit ihren winzigen Drachenflügeln total witzig aus."

Sara hatte den schlafenden Schnabeldrachen genommen und ihn sich auf den Schoß gesetzt. Er hatte nur kurz eine kleine Flamme ausgespuckt und sich dann friedlich wieder eingerollt. Ka schüttelte den Kopf. "Also, besonders scheu erscheint der mir nicht. Aber vielleicht ist der Foliant nicht mehr aktuell und auch der Schnabeldrache ist inzwischen ein Kulturfolger."
Sara erinnerte sich, dass Ka ihr erzählt hatte, dass Tiere, die sich der menschlichen Umgebung angepasst haben, Kulturfolger genannt werden. Sie sah nach draußen: "Zumindest wäre es schwer, ein einsames Moor zu finden, Teiche gibt es ja noch einige." Dann sah sie wieder in den Folianten. "Hier steht noch eine handschriftliche Anmerkung von Lisas Ururgroßtante:' Schnabeldrachen gelten alten Erzählungen zufolge als Glücksbringer.'" Sie kraulte den kleinen Drachen zärtlich am Kopf. "Na, bringst du uns Glück?"

Sara untersuchte vorsichtig die Flügel des kleinen Tieres, das wütend kleine Flammen ausstieß. Sie fluchte. "Ich kriege garantiert eine Brandblase."
An einem der Flügel schien das Tier Schmerzen zu haben, gebrochen war aber wohl nichts. Sie hoffte, dass Ruhe ausreichen würde, um dem kleinen Drachenwesen zu helfen.
Sie strich ihm zum Schluss vorsichtig über den Kopf und seufzte: "Na, beruhig´ dich mal wieder."

Als Kolja, Lisa und Blixa wieder heraufkamen, zeigte Sara ihnen, was sie herausgefunden hatten. Lisa sah sich die Zeichnungen an und dachte einen kurzen Augenblick lang nach. "Wir haben einen kleinen Tümpel hinten im Garten mit einem alten, verrotteten kleinen Schuppen. Vielleicht geht das für den Moment."
Ka suchte mit halb zusammengekniffenen Augen den Garten ab. "Wo denn?"
"Du kannst ihn von hier aus nicht sehen."
"Wir bringen ihn einfach hin und schauen, ob es ihm gefällt", schlug Sara vor.
Die anderen stimmten zu. Sara nahm den Drachen vorsichtig auf den Arm und zusammen liefen sie die kleine Treppe hinunter und hinaus. Neugierig steckte das Tier seinen Kopf in die Luft, diesmal ohne Flammen dabei auszustoßen.

Der Tümpel lag versteckt zwischen Büschen unter hohen alten Bäumen und war fast zugewuchert. Ein feucht-sumpfiger Dunst lag hier in der Luft. Es roch nach morschem Holz. Das Sonnenlicht drang kaum durch die Baumwipfel. Nur im schwarzen Wasser des Tümpels spiegelten sich einige Strahlen. An einer Stelle ragte ein halb zusammengesunkener Holzverschlag aus dem Wasser.
Dort fanden sie ein feuchtwarmes Plätzchen und setzten den Drachen ab. Der Schnabeldrache besah sich das Quartier, watschelte dann aber zum Teich, um ein Bad im Schlamm zu nehmen. Er schüttelte sich, schlug mit den Flügeln und bespritzte Sara mit Dreck. Sara schimpfte ihn aus: "Iih, lass das." Doch der kleine Drache sah sie nur erstaunt an, rieb seine Flügel an Saras Beinen und zupfte mit dem Schnabel an ihren Schuhen, bis sie sich zu ihm herabbeugte und ihn streichelte. Ka musste laut loslachen.
Nach einer Weile hatte das kleine Tier genug, wandte sich wieder dem Teich zu und stocherte zufrieden mit seinem Schnabel im Matsch nach alten Früchten. Tatsächlich fanden sich dort vergammelte Beeren, die vermutlich von einem der Büsche im letzten Spätherbst herabgefallen waren. Zufrieden verschlang er die Leckerbissen. Danach zupfte er sich einige Halme zurecht, um daraus ein Lager zu bauen.
Ka grinste. Sara putzte sich die Dreckspritzer ab. "Zumindest scheint es ihm hier zu gefallen." Sara und Lisa streichelten ihn noch einmal, dann gingen sie zurück. Lisa hatte ihm noch eine kleine Schale mit altem Obst hingestellt. Fürs erste musste das reichen.
Der Schnabeldrache schnatterte noch kurz hinter ihnen her, beruhigte sich aber bald.

Als sie wieder auf dem Dachboden ankamen, saßen dort Miriam und Tine.
Miriam lächelte und umarmte Tine. "Siehst du, da sind sie alle, du hättest dir gar keine Sorgen zu machen brauchen."
Tine löste sich von ihr und ging auf Lisa zu, sie war so außer sich, dass ihre Stimme sich fast überschlug, und brüllte ihre kleine Schwester an: "Sag mal, seid ihr verrückt geworden?
Weißt du, was ich mir für Sorgen gemacht habe?
Was habt ihr denn gestern noch angestellt? Wir sind vorhin bei Blixa vorbeigegangen und da liegt alles in Trümmern. Ich dachte schon, ich darf jetzt Papa erklären, dass du leider von Vampirhunden zerrissen worden bist. Ich, ich..." Tine schluckte zweimal, sah Lisa ernst an und sprach dann ruhiger weiter, "ich habe Angst um dich gehabt. Ich dachte, ihr wolltet vorsichtig sein und aufpassen!"
Lisa blickte zu Boden und antwortete leise: "Haben wir ja, aber wir wurden überfallen."
"Überfallen?" Tine war noch immer sichtlich beunruhigt.
Sie erzählten kurz, was passiert war.
"Wie, und die Vampirsellerie und Vampirgurken sind jetzt alle hier im Haus?" Miriam schien amüsiert, Tine war allerdings nicht so begeistert.
Lisa schüttelte traurig den Kopf. "Alle leider nicht, einige mussten wir zurücklassen." Als sie das sagte und an die zurückgelassenen Vampirgurken und Vampirsellerie dachte, liefen ihr die Tränen herab. Tine nahm sie in den Arm. "Ist gut, alles ist gut, ihr habt das toll gemacht.
Ich hatte einfach nur Angst um dich."
Tine lief in den Keller, um sich anzuschauen wie die Vampirsellerie und Vampirgurken untergebracht waren. Als sie wieder nach oben kam, stieß sie Luft aus: "Boah, das stinkt ja fürchterlich. Ihr müsst die unbedingt füttern, sonst versuchen sie abzuhauen.
Miriam und ich legen uns erst mal hin. Wir sind in meinem Zimmer."
Auch Tine hatte hier noch ein Zimmer, obwohl sie bei ihrer Mutter lebte, aber im Haus war genug Platz und ihr Vater freute sich, wenn Tine zu Besuch kam.

Lisa sah die anderen fragend an. "Wo bekommen wir Futter her?"
Alle schauten ratlos zurück, nur Blixa schien unbekümmert. "Wir gehen containern."
"Was?"
"Containern, wir holen uns altes Gemüse aus den Abfallcontainern am Supermarkt" Blixa hatte sich selbst lange Zeit so ernährt.
"Ist das denn erlaubt?" Lisa hatte immer noch Zweifel.
Blixa zuckte mit den Axeln. "Wir müssen uns ja nicht erwischen lassen. Und schließlich werfen die das eh weg."
Blixa, Sara und Ka fanden, dass drei zum Containern reichten. Lisa war sowieso immer noch etwas ängstlich und außerdem wollte sie Frau Marquardt helfen, die gerade aus der Hintertür schaute und zu ihnen hochwinkte. Kolja war müde und legte sich auf eine der Matratzen.

Im Garten stand unter einem Vordach ein alter Fahrradanhänger. Sara schlug vor, ihn zum Transport des Gemüses zu nutzen. Ka zog ihn, während Blixa sich mit ihrem Sonnenschirm hineinsetzte.
Am Himmel waren wenige Wolken, der Wind wehte nur ganz sanft.
Die drei waren ganz auf ihre Aufgabe konzentriert. Sie nahmen die anderen Passantinnen kaum war. In der Sonne war es ziemlich warm, sie schwitzten in ihren seltsamen Kleidern, Blixa trug zusätzlich als Sonnenschutz den Hut mit breiter Krempe, den sie gefunden hatte. Lachend erreichten sie den Parkplatz des Supermarktes.

Als sie den Container öffneten, schlug ihnen ein widerlicher Gestank entgegen. Blixa kletterte davon unbeeindruckt in den Container.
Passantinnen gingen in einiger Entfernung vorbei. Ein paar schüttelten missbilligend den Kopf, aber den meisten fiel einfach nur die Kinnlade herunter. Sie hatten noch nie eine elfjährige Oma mit bunten Haaren und Sonnenschirm in einem Abfallcontainer wühlen sehen. Und Sara im Seidenkleid mit dazu aber nicht ganz passenden Turnschuhen, die wie eine wütende Elfe aussah und Wache hielt, damit niemand vom Marktpersonal sie erwischte, und die Gaffer böse anschaute, trug auch nicht dazu bei, dass die Vorbeigehenden weniger verwundert waren. Ein etwas beleibterer, schwitzender Mann mittleren Alters lief sogar gegen die Glastür des Supermarktes, so sehr verwirrte ihn der Anblick.

Im Container lag neben verfaultem Abfall auch brauchbares Gemüse. Blixa warf es heraus und Ka stapelte es im Fahrradanhänger. Im Container lagen auch Schokoladentafeln und Joghurt. Blixa wollte sie ebenfalls mitnehmen, doch Ka winkte ab. "Wir haben genug und bei Lisa liegt jede Menge Süßkram ´rum, das können wir auch für andere drin lassen."
In dem Moment kam Sara angerannt, hinter der Elfe lief ein Marktmitarbeiter. Eilig kletterte Blixa aus dem Container und sie zogen schnell den Anhänger weg. Der Marktmitarbeiter rief wütend hinter ihnen her: "Was habt ihr da gemacht? He ihr, das ist verboten! He, ich rede mit euch!"
Doch Blixa, Sara und Ka liefen einfach so schnell es ging weiter. Mit dem Fahrradanhänger und in den zu großen Kleidern war das gar nicht so einfach, wenn sie das Gemüse unterwegs nicht verlieren wollten. Aus den Augenwinkeln sahen sie noch, wie der Mann die Müllcontainer mit einem Schloss sicherte.

Blixa war so etwas gewohnt, doch trotzdem traf es sie immer wieder. Sie war viele Male von solchen Mitarbeitern beschimpft worden, nur weil sie Hunger gehabt hatte und sich etwas zu Essen aus dem Müll gefischt hatte. Schweigsam lief sie neben den anderen her.
Ka sprang begeistert in die Luft: "Wir haben es geschafft!" Sie grinste und auch Blixa lachte nun wieder.

Was die drei völlig übersahen, war der Mann im Schatten auf der gegenüberliegenden Straßenseite, der sie die ganze Zeit beobachtet hatte und ihnen nun unauffällig folgte. Sein Blick war kalt und ein gefrorenes Lächeln verzerrte seinen Mund. Er trug einen langen schwarzen Sommermantel, Sonnenbrille und Hut und stank aus einem schmallippigen Gesicht nach Fisch.

Als sie wieder in der Villa ankamen, klebte ihnen die Kleidung am Körper, aber sie stürmten sofort durch den Hintereingang über den Dachboden und die Geheimtreppe in Lisas Hexenkeller um die Vampirsellerie und Vampirgurken zu füttern.
Durch die Abdeckung vor den Fenstern war es hier bis auf wenige Lichtrinnsale, die durch einige Spalten tropften, nicht nur dunkel, sondern finster; ihre Augen mussten sich erst daran gewöhnen. Bei Sara und Blixa ging das erstaunlich schnell, nur Ka tappte längere Zeit im Dunkeln herum und konnte auch dann nur bis zu ihrer Nasenspitze sehen.
Trotzdem gelang es ihnen, dafür zu sorgen, dass auch die kleinen, etwas langsameren Vampirgurken ihren Anteil abbekamen.
Nach kurzer Zeit hingen acht saugende und glucksende kleine Vampirgurken an einer riesigen Zucchini.
Die Vampirsellerie trugen ihr Gemüse in dunkle Ecken und unter die Regale, wo sie in der Dunkelheit nicht zu sehen waren. Dort saugten auch sie das Gemüse den Geräuschen nach zu urteilen genüsslich aus. Blixa nahm einige Vampirsellerie auf ihren Schoß und fütterte sie mit Tomaten. Nachdem die Kleinen sie als Nahrungsquelle entdeckt hatten, konnte Blixa sich bald nicht mehr vor ihnen retten, immer weitere kletterten an ihr hoch, wobei sie leise, trillernde Geräusche ausstießen, und wollten Tomaten haben.
Überall aus der Dunkelheit kamen nun die Vampirsellerie und Vampirgurken zu ihnen. Auch Ka hatte inzwischen zum Glück ihre Angst vor den Vampirsellerie überwunden.
Als das Gemüse alle war, fiepten noch immer überall gierige Mäuler.
Lachend verließen sie den Keller. Ka grinste. "Die sind ja unersättlich." Sara zuckte mit den Schultern. "Fürs erste muss das reichen." Dann verzog sie die Nase. "Tine hatte Recht, im Keller stinkt es wirklich fürchterlich nach vergammeltem Gemüse. Einzelne Vampirgurken und Vampirsellerie riechen ja noch erträglich, aber in dieser Menge! Puhh, der Geruch ist einfach unbeschreiblich." Ka verzog ebenfalls das Gesicht, nur Blixa konnte ihre Abscheu nicht nachvollziehen. Sie fand den Geruch erfrischend.
Sie selbst stanken jetzt auch und ihre Kleider sahen schon wieder nicht mehr besonders sauber aus.
Vor allem Blixas Kleid war mit Schleimspuren überzogen.
Notdürftig spritzten sie sich im Garten mit dem Wasserschlauch ab und ließen sich dann in der warmen Luft trocknen.

Sie selber hatten nun auch Hunger. Frau Marquardt hatte mit Lisa zusammen einen großen Topf Lauchgemüse und Kartoffeln gekocht, dazu gab es Kräuterquark und Fisch.
Fisch aß Lisa ab und zu.
Auf Lisas Drängen hin hatte Frau Marquardt für Blixa einen Rohkostteller mit viel frischem Gemüse zusammengestellt, obwohl sie dabei immer wieder den Kopf geschüttelt hatte und vor sich hinmurmelte: "Kinder im Wachstum brauchen etwas Richtiges. Das ist doch nichts. Soll ich nicht doch noch ein Stück Fisch oder Fleisch draufpacken, Lisa?"
Lisa unterließ es, ihr das fünfte Mal zu erklären, dass Blixa nur Rohkost aß, sondern ignorierte die Einwände einfach. Frau Marquardt hatte sich nur mit Mühe daran gewöhnt, dass Lisa kein Fleisch aß.

Sie deckte den Tisch in der Küche. Als alles fertig war, rief sie die anderen.
Durch die Fenster fiel das Licht der Frühlingssonne gebrochen durch den Schatten der Bäume auf den Küchentisch. Kolja und Blixa wählten jeweils einen Stuhl außerhalb des Sonnenlichts. Essenslärm und ihre Unterhaltung füllten bald den immer noch angenehm kühlen Raum, gelegentlich unterbrach ein Lachen das Gespräch.
In der ganzen Küche roch es nach frisch gekochtem Lauchgemüse und gebratenem Fisch. Sara, Ka und Lisa schmeckte das Essen hervorragend, der Fisch war lecker kross gebraten und der Lauch nur kurz gedünstet. Blixa saugte unter den skeptischen Blicken von Frau Marquardt ihr Gemüse aus und erntete dafür weiteres Kopfschütteln. "Ach Kind, das ist doch nichts Richtiges, willst du nicht doch ein Stück Fisch?"
Doch Blixa war mit dem rohen Gemüse sehr zufrieden. "Nein danke, ich esse immer nur Rohkost."
Das Gemüse war zum Teil frisch vom Markt und Blixa hatte schon lange nicht mehr so saftige und feste Rohkost genossen, in die sie ihre Zähne schlagen konnte.
Nur Kolja saß vor seinem Teller und wusste gar nichts damit anzufangen, nirgends war das geringste bisschen Blut zu sehen. Als Frau Marquardt das bemerkte, wandte sie sich ihm mit einem Seufzer zu. "Na Junge, isst du auch nur Rohkost?"
Angewidert verzog Kolja sein Gesicht. "Nee, ich esse kein Gemüse."
Frau Marquardt lachte. "Ach, du magst nur richtiges Fleisch! Im Kühlschrank ist noch ein großes Stück Rinderfilet. Soll ich dir das braten?"
"Nicht nötig." Kolja ging zum Kühlschrank, packte sich das bluttriefende Stück Fleisch auf den Teller und begann, es genüsslich auszusaugen. Zwar war dies nur Rinderblut, aber im Notfall ging das schon mal und dies hier rann wenigstens schön frisch und kühl die Kehle herunter.
Frau Marquardt, die sich eben noch mit Begeisterung vorgestellt hatte, Kolja ein schönes Stück Fleisch zu braten, stand mit offenem Mund da. "Aber Kind, das geht doch nicht!"
Lisa und Ka mussten ein Kichern unterdrücken. Sara, die befürchtete, dass Frau Marquardt Verdacht schöpfen könnte, dass hier etwas grundlegend nicht stimmte, nahm sich kurzerhand auch ein kleines Stück von dem rohen Fleisch, schob es sich in den Mund und blickte Frau Marquardt freundlich an. "Aber warum denn nicht? Meine Mutter sagt immer, dass rohes Fleisch gut ist für das Immunsystem."
Frau Marquardt sah Sara an, schüttelte noch einmal den Kopf und sagte dann mehr zu sich selbst: "Diese Mütter von heute!"
Frau Marquardt konnte ja nicht wissen, dass Saras Mutter schon lange verstorben war, dass Sara bei ihrer Großmutter lebte und dass dies nur eine Notlüge gewesen war, um die Aufmerksamkeit von Kolja abzulenken. Sie wandte sich dem Abwasch zu.
Ka, Sara, Lisa, Kolja und Blixa schnitten sich über den Tisch hinweg Grimassen.

Auf einmal wurde Lisa bleich: Unter dem Küchenschrank hüpften zwei Vampirsellerie herum, sie mussten irgendwie einen Weg aus dem Keller gefunden haben. Vielleicht waren sie durch den alten Küchenaufzug herauf gekommen oder durch alte offene Rohre, vielleicht auch einfach durch hohle Wände der alten Villa. Lisa wusste es nicht und auch einige der Vampirgurken vom Markt hatten ja einen Weg nach oben entdeckt.
Auch Ka hatte sie jetzt bemerkt. Aber Frau Marquardt durfte sie auf keinen Fall sehen!
Sie schoss mit dem Fuß ein Stück Lauch, das beim Schneiden und Putzen des Gemüses heruntergefallen war, in Richtung der Vampirsellerie. Diese verkrochen sich erschrocken hinter dem Küchenschrank, machten dabei aber Krach wie eine ganze Horde Ratten.
Frau Marquardt hatte das auch gehört, sie schaute unter den Schrank, konnte aber zuerst nichts entdecken außer einem Stück Lauch, viel Staub, grünschwarzen und grünen, feuchten Schmutzspuren und einer Überziehsocke. Ka schluckte schnell den Bissen, den sie gerade im Mund hatte, herunter: "Mein Vater sagt immer, in so alten Häusern sind häufig Waschbären oder Marder. Die gehen auch in den Wänden und Decken lang."
Frau Marquardt klopfte gegen die Wand, es klang tatsächlich leicht hohl. "Vielleicht hast du Recht, du musst das mal deinem Vater erzählen, Lisa!"
Lisa nickte. Leider prallte in diesem Moment ein Vampirsellerie gegen Frau Marquardts Fuß. Sie bückte sich und hob ihn auf. "Ah, da ist ja noch ein Sellerie."
Dann schaute sie noch einmal genauer unter den Schrank. "Da hinten liegt noch einer, und zwei Gurken."
Sie holte einen Besen und versuchte, den zweiten Vampirsellerie mit dem Besenstiel hervorzuholen. "Irgendwie hat er sich verklemmt."
Plötzlich schoss der Vampirsellerie unter dem Schrank hervor, Frau Marquardt griff zu. Zum Glück stellten sich die Vampirsellerie beide tot. "Jetzt habe ich sie, die Gurken kriege ich auch noch."
Sie griff nun mit der Hand unter den Schrank und zog noch zwei Vampirgurken hervor. Auch diese waren so verschreckt, dass sie sich tot stellten. Frau Marquardt legte das Gemüse auf die Arbeitsplatte und begutachtete es. Zum Glück für die kleinen Vampirtiere sah sie nicht mehr so gut. Sie stellte den Abwasch zum Trocknen beiseite, zog dann ein Brett und ein großes Messer hervor und wandte sich wieder den beiden Vampirsellerie und den Vampirgurken zu. "Die sehen schon ganz schön alt und matschig aus, ich denke, ich verarbeite gleich alles, was davon noch zu gebrauchen ist. Aber ihr esst ja gar nicht mehr!"
Alle fünf saßen wie gebannt auf ihren Stühlen und bekamen kein Wort heraus. Was sollten sie tun?

Die beiden Vampirsellerie und die Vampirgurken schienen die Gefahr zu begreifen, in der sie schwebten. Kaum hatte Frau Marquardt ihnen den Rücken zugekehrt, um einen passenden Kochtopf und ein Sieb zum Waschen des Gemüses aus dem Schrank zu holen, als die Vampirsellerie auch schon hastig von der Ablage sprangen und hinter dem Mülleimer verschwanden. Frau Marquardt sah aus den Augenwinkeln, wie der zweite Vampirsellerie wegrollte. Erstaunt schüttelte sie den Kopf. "Das gibt es doch nicht, jetzt sind sie von der Ablage heruntergefallen."
Sie bückte sich und holte die Vampirsellerie umständlich wieder hinter der Mülltonne hervor.
Diesen Augenblick Zeit nutzten die beiden kleinen Vampirgurken, um ihrerseits ungesehen die Flucht zu ergreifen. Eine der Vampirgurken rutschte dabei ab und landete direkt vor den Füßen von Lisa. Lisa ergriff die Gelegenheit und ließ die Vampirgurke schnell in der Tasche ihrer viel zu großen Bluse verschwinden.
Als Frau Marquardt mit den Sellerie in ihren Händen ihren Kopf wieder nach oben streckte, sah sie gerade noch wie die zweite Vampirgurke todesmutig von der Ablage hinter den Herd sprang. Verdutzt schaute sie der Gurke hinterher, dann fing sie an, die Sellerie zu spülen. "Irgendwas stimmt nicht mit dieser Arbeitsplatte, alles rollt runter. Dein Vater muss das mal reparieren lassen, Lisa!"
Ka fürchtete, dass die Vampirsellerie sich nicht mehr lange tot stellen würden, falls Frau Marquardt sie weiter unter Wasser hielt. Irgendwie mussten sie sie ablenken. Sara sprang plötzlich auf. "Hier bewegt sich irgendetwas in meinem Essen! Da lebt irgendetwas." Offensichtlich hatte Sara denselben Gedanken gehabt.
Sofort wandte sich Frau Marquardt ihr zu und legte die Sellerie beiseite.
Diesmal legte sie die Sellerie aber vorsorglich in den untersten der Hängekörbe, die über der Ablage hingen, damit sie nicht wieder wegrollten.
Es gab vier Metallkörbe, die untereinander von der Decke herabhingen. Der oberste war der kleinste, dann folgte der Nächstgrößere und so weiter. Verbunden waren sie mit drei Ketten, an denen alle Körbe zusammen an einem Haken hingen, der in der Decke befestigt war. Der oberste Korb war so hoch, dass selbst Lisas Vater einen Stuhl nehmen musste, um an ihn heranzukommen.

In Saras Essen war nichts zu entdecken, natürlich hatte sie das nur zur Ablenkung behauptet. Frau Marquardt blickte Sara an: "Das hast du dir eingebildet, Kind, darin lebt nichts. Schmeckt es euch denn?"
Sara nickte und gab sich Mühe, nicht zu auffällig zu den Vampirsellerie zu schauen. Lisa hatte alle Hände voll zu tun, um die kleine Vampirgurke unauffällig daran zu hindern, aus ihrer Blusentasche zu klettern.
Als Frau Marquardt sich wieder umdrehte, lagen die Sellerie nicht mehr im untersten Korb, sondern im obersten. Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Da Frau Marquardt nicht sehr groß war, gelang es ihr selbst mithilfe eines Stuhls nicht, den Korb zu erreichen.
Sie stellte den Topf und das Sieb wieder beiseite und wandte sich an Lisa: "Entschuldige mich bitte bei deinem Vater, Lisa, aber ich glaube, ich bin übermüdet. Ich sehe schon Gespenster. Ich wische noch kurz die Ablage sauber, spüle das Geschirr und fahre dann nach Hause. Sag deinem Vater, dass ich den Rest nächste Woche mache."
Sie starrte noch einmal auf die Vampirsellerie, die wieder wie ganz normaler Sellerie ruhig im obersten Korb lagen, seufzte, und fing an aufzuräumen.

Als sie aufgegessen hatten, bedankten sich alle noch einmal für das Essen und halfen mit. Auch Kolja leckte sich das Blut von den Lippen, warf den ausgemergelten Rest, der vom Fleisch übriggeblieben war, in den Abfall, spülte seinen Teller vor und reichte ihn Frau Marquardt.
Frau Marquardt schüttelte nur noch einmal den Kopf.

Nach dem Essen machten sie erst einmal eine kleine Ruhepause auf dem Dachboden. Sara und Ka ließen die Beine aus der Luke baumeln. Kolja holte seinen Zeichenblock heraus und fertigte einige Skizzen an. Ab und zu lächelte er dabei, wollte aber nicht, dass die anderen sie sich anschauten. Blixa döste etwas im Schatten.
Nur Lisa war zu aufgeregt, sie musste immerzu an die Vampirsellerie und Vampirgurken im Keller denken und hoffte, dass nicht noch mehr nach oben entwischt waren. Sie entschloss sich zu einem Kontrollgang durch das Haus.

Leider war es schlimmer, als sie befürchtet hatte. Die Vampirsellerie waren überall und zogen schwarzgrüne und grüne Schleimspuren über Möbel, Tischtücher, Vorhänge und Fußböden.
Das alte Haus war kühl und dunkel, insbesondere die Zimmer im Erdgeschoss. Die Vampirgurken und Vampirsellerie wussten das zu schätzen. Sie bewegten sich immer im Schatten, dort, wo das Sonnenlicht nicht hinkam. Dies ließ ihnen in den alten hohen Räumen mit den großen alten Bäumen vor den Fenstern viel Platz, um von einem Raum in den anderen zu gelangen.
Selbst im ersten Stockwerk saßen kaum sichtbar zwei Vampirsellerie auf dem Kronleuchter im dunklen Flur und schaukelten dort wie zwei Hochseilartisten.
Im Erdgeschoß raschelten Vampirsellerie und Vampirgurken unter Schränken, einmal flitzte ein Vampirsellerie über ihren Fuß. In dunklen Ecken unter der Decke hingen sie ebenfalls und auch am Kleiderständer hingen zwei Vampirsellerie zwischen den Mänteln und Hüten ihres Vaters.
Lisa wurde immer unruhiger, hoffentlich hatte ihr Vater die Kleinen noch nicht entdeckt!
Aber wie sollte sie es verhindern? Das war unmöglich.

Ein paar Vampirsellerie hatten sich auf einer der Vorhangstangen aus alten Papierresten ein Nest als Schutz vor dem Sonnenlicht gebaut und ein winziger Nachwuchsvampirsellerie krabbelte neugierig am Rand herum.
Als die Vampirsellerie Lisa sahen, versteckten sie sich blitzschnell, nur das Kleine fiel dabei aus dem Nest. Vorsichtig hob Lisa es auf, wärmte es in der Hand und ließ es an ihrem Daumen nuckeln. Das Kleine fühlte sich warm an, sehr zart und nur ganz leicht feucht. Lisa hatte Angst, es zu verletzen. Sie setzte den kleinen Vampirsellerie vorsichtig auf den Boden in eine dunkle Ecke beim Vorhang, in der Hoffnung, dass er zurück ins Nest finden würde.
Überall war Rascheln und Fiepen zu hören und es roch streng nach vergammeltem Gemüse. Am Rand einer Blumenvase hatten sich Vampirgurken eingerollt. Auch über den großen Tisch in der Eingangshalle zog sich eine schwarzgrüne, faulige Schleimspur.
Was sollte sie bloß ihrem Vater erzählen?

Gerade hüpfte ein besonders frecher Vampirsellerie im Schatten der Möbel durch die Eingangshalle im Erdgeschoß, wo Lisa etwas verzweifelt stand, als ihr Vater aus dem Nebenzimmer trat. Lisa überlegte sich alle möglichen Ausreden, doch ihr fiel absolut nichts Überzeugendes ein.
Ihr Vater kam direkt auf sie zu: "Lisa, ich habe dich schon überall gesucht. Ich muss unbedingt mit dir reden." Lisa blieb fast das Herz stehen. Was sollte sie jetzt tun? Einen kurzen Augenblick lang schien ihr Vater die richtigen Worte zu suchen. "Ich muss heute Abend noch mal weg. Das tut mir leid, aber ich muss unbedingt. Ich habe mit Katrins Eltern telefoniert, ihr könnt sie jederzeit erreichen und sie sind ja gleich im Nachbarhaus.
Außerdem werden Tine und ihre Freundin heute hier übernachten. Ihr seid also nicht allein.
Ich hoffe, du bist nicht sauer."
"Nein, gar nicht." Lisa wurde etwas von einem Vampirsellerie abgelenkt, der genau über dem Kopf ihres Vaters im Schatten der Decke herumturnte. "Fahr´ nur."
Aus irgendeinem Grund schien ihr Vater die Vampirsellerie völlig zu übersehen, obwohl er mit der Hand in grünen Schleim fasste und ihn geistesabwesend an seinem Taschentuch abwischte. Vermutlich dachte er an irgendwelche wichtigen Ausarbeitungen, mit denen er gerade beschäftigt war.
Manchmal machte sie diese Geistesabwesenheit ihres Vaters richtig wütend. Aber heute, heute liebte sie ihn dafür und umarmte ihn spontan.
Ihr Vater sah sie noch einmal genauer an. "Ist das auch wirklich in Ordnung? Du wirkst ein bisschen beunruhigt."
Lisa gab sich Mühe, ganz entspannt zu wirken, was nicht einfach war, der Vampirsellerie an der Decke über ihrem Vater sah so aus, als würde er ihrem Vater gleich auf den Kopf springen. "Nein, nein, es ist alles in Ordnung. Aber du wolltest mir doch noch die Federballschläger geben."
Damit zog sie ihren Vater so schnell wie möglich aus der Eingangshalle.

Die Federballschläger lagen im Arbeitszimmer ihres Vaters. Der packte nur noch schnell ein paar Sachen zusammen, umarmte Lisa und musste dann auch schon los. Auf dem Weg zur Haustür blieb er noch einmal stehen: "Und ihr kommt allein zurecht?" Er rümpfte die Nase. "Sag mal, irgendwie riecht es hier nach vergammeltem Gemüse, oder?" Lisa befürchtete, jeden Augenblick von einer Horde Vampirsellerie überrannt zu werden, sie schob ihn zum Ausgang. "Ja, stimmt, das kommt von draußen. Wir kommen schon klar."
Plötzlich schüttelte ihr Vater den Kopf und fuhr sich mit dem Finger ins Ohr. "Entschuldige bitte, ich bin unaufmerksam. Ich habe schon den ganzen Tag irgendwelche komischen Fiepgeräusche im Ohr. Ich glaube, ich sollte wohl mal wieder Urlaub machen."
Lisa nickte. Sie musste sich zusammenreißen, damit ihre Stimme sie nicht verriet: "Das ist sicher eine gute Idee." Sie gab ihm noch einen Abschiedskuss. Abwesend nahm ihr Vater Mantel und Hut von der Garderobe und hätte sich dabei beinahe einen Vampirsellerie aufgesetzt. Lisa konnte das im letzten Moment verhindern, indem sie ihn anstieß. Dann hatte er zum Glück den richtigen Hut auf dem Kopf. Er umarmte Lisa und verabschiedete sich ein letztes Mal. "Grüß´ deine Schwester, ich hatte ihr vorhin schon auf Wiedersehen gesagt und wollte sie nicht noch mal stören."
"Ja."
"Und stellt nicht das ganze Haus auf den Kopf!" Damit schloss sich die Haustür hinter ihrem Vater.
Lisa rief ihm "Tschüss!" hinterher, aber das hörte er wohl nicht mehr.

Sie ließ sich mit einem Seufzer auf den Teppich sinken. Ein Vampirsellerie hüpfte aus dem Schatten des Papierkorbs, starrte sie kurz an und verschwand dann zwischen den Schuhen unter der Garderobe.
Erleichtert ging Lisa die Treppe ins erste Stockwerk hinauf. Sie mochte ihren Vater sehr, aber heute Nacht mussten sie eine Lösung für die Vampirsellerie und die Vampirgurken finden, da war es sehr praktisch, dass er nicht im Haus war. Frau Marquardt war inzwischen sicherlich auch gegangen, nachdem sie die Küche in Ordnung gebracht hatte. Sie waren also allein.
Lisa entschloss sich, mit Tine und Miriam zu reden. Vielleicht würde den beiden eine Lösung einfallen.

Lisa lief nach oben und trat ohne zu klopfen in Tines Zimmer. Das hätte sie besser nicht tun sollen.
Die Vorhänge waren zugezogen, nur einzelne Lichtstreifen fielen an den Seiten der Vorhänge in den Raum. Auch hier war es kühl. Tine und Miriam umarmten einander. Tine lag auf ihrem Bett und Miriam hatte sich über sie gebeugt, ihre Zähne waren in Tines Hals eingedrungen.
Als Lisa in das Zimmer platzte, richtete sich Miriam auf, aus ihren Mundwinkeln tropfte Blut. An Tines Hals war deutlich die Bisswunde zu sehen. Miriam blickte nur kurz Lisa an und Lisa sah Furcht in ihren Augen. Dann löste sich Miriam aus Tines Umarmung, stand auf und ging zum Fenster. Miriam schaute durch einen der Spalte an der Seite der Vorhänge. Im Lichtschein war das Blut auf ihren Lippen noch deutlicher zu sehen.
Draußen sang ein Vogel. Im Zimmer roch es nach Rote Bete.

"Was willst du hier? Kannst du nicht anklopfen?" Leicht zitternd hatte sich auch Tine aufgerichtet.
Aufgebracht und gleichzeitig stark geschwächt schaute sie ihre kleine Schwester an, ihre Augen waren ein bisschen geweitet. Lisa war mitten im Zimmer stehen geblieben und konnte nicht aufhören, die beiden anzustarren. Sie hörte ihr schweres Atmen. Sie sah ihre große Schwester an: "Aber sie hat dich nicht richtig gebissen, oder?"
Tine zitterte immer noch.

Tine dachte an die letzten Monate zurück. Sie hatte Miriam fliegen sehen, sie hatte mit ihr die Nächte verbracht, getanzt, gelacht. Sie hatten die Nacht durchstreift und sie hatte gewusst, dass dies das Leben war, das sie leben wollte.
Zuerst war es nur ein Spruch gewesen, Miriam zu bitten, sie zu beißen, doch dann war es für Tine immer ernster geworden. Sie hatte angefangen, davon zu träumen als Vampirin zu leben. Sie hatte sich gesehnt nach diesem ersten Biss. Sicher, sie hatte auch Angst gehabt, Miriam hatte nicht gewollt, es war gefährlich und verboten, aber Tine hatte sie immer wieder umarmt und gebettelt. Irgendwann hatte Miriam ihr immer weniger entgegenzusetzen gewusst. Sie war immer stiller geworden.
Und dann hatte sie sie gebissen, hier, jetzt.

Sie spürte noch das Eindringen ihrer Zähne in ihren Hals, die ihr Blut aufsaugten und dann, wie Miriams Blut in ihres floss. Sie hatte Miriam noch nie so intensiv wahrgenommen, wie in diesem Moment, ihre Haut, ihr Atmen, ihr Zittern, ihren Schweiß. Langsam hatte sich Miriams Blut in ihrem Körper ausgebreitet, sie spürte das Fließen. Auch sie selbst hatte gezittert.
Dann spürte sie, wie sich ihr Körper zu verwandeln begann, spürte die Wirkung von Miriams Blut. Es war, als hätte sie Grippe, aber auch, als würde sie wachsen. Und ihr wurde kalt, unendlich kalt, als würde sie in Eiswasser schwimmen, und doch hatte sie sich nie so klar gefühlt, so als sie selbst.
Miriam hielt sie fest umarmt und sie ihre Freundin. Das Blut um Miriams Mundwinkel, ihr Blut, ihr beider Blut. Sie hatte Miriam noch nie so erschöpft gesehen, aber auch nie so zugewandt. Auch sie war ermattet.
Und dann kam plötzlich Lisa ins Zimmer. Ihre kleine Schwester Lisa, und fragte: "Aber sie hat dich nicht richtig gebissen, oder?"

Tine straffte sich, obwohl es sie fröstelte, und sah ihrer kleinen Schwester in die Augen. Obwohl sie leise und erschöpft sprach, klang ihre Stimme klar und unmissverständlich:
"Doch, sie hat mich richtig gebissen. Ich habe sie darum gebeten, immer und immer wieder.
Ich wollte das. Ich habe keine Lust mehr, ich will nicht mehr als Mensch leben. Ich will als Vampirin leben. Und ich will mit Miriam zusammen sein."
Lisa traute sich kaum zu fragen, ihre Stimme zitterte, sie dachte an das, was Kolja erzählt hatte. "Ihr habt Blut ausgetauscht?"
"Ja."
"Aber was sagt denn Mama dazu?"
Tine zog ihre kleine Schwester, die hilflos in ihrer viel zu großen alten Bluse vor dem Bett stand, zu sich heran auf das Bett und umarmte sie. "Ich habe sie nicht gefragt. Sie hätte das nicht verstanden. Sie wird es nicht verstehen.
Wirst du es ihr sagen?"
Lisa spürte die Erschöpfung ihrer Schwester, den zitternden Körper. Sie schaute auf den Boden und sprach nur leise: "Nein. Aber Kolja sagt, der Übergang ist gefährlich. Und ihr dürft das doch gar nicht."
Tine zitterte noch stärker, kalter Schweiß stand auf ihrer Haut. "Es ist vor allem für Miriam gefährlich; wenn sie uns erwischen, bestrafen sie Miriam, nur sie. Ich bin ja das Opfer.
Dabei tut Miriam das nur um meinetwillen."

Im Zimmer war es einen Augenblick lang still, dunkel und kühl, Lisa hörte die Bewegung der Gardinen.
In der Luft lag immer noch der Geruch nach Rote Bete. Lisa begriff jetzt, dass der Geruch etwas mit Blut zu tun hatte, der Nahrung von Vampiren. Sie erinnerte sich an den Geruch im Zimmer von Koljas Urgroßmutter und spürte einen kalten Schauer, der ihren Nacken hinabkroch.

Miriam hatte sich wieder zu den beiden umgewandt, sie hatte das Blut abgewischt, wirkte unsicher und schwieg. Sie setzte sich neben Tine und Lisa auf das Bett.
Lisa sah ihre Schwester an. "Der wievielte Biss ist es?"
"Der erste." Tine lehnte sich an Miriam. "Aber nicht der letzte."
"Aber dann kannst du es dir noch überlegen." Lisa zitterte nun fast so stark wie ihre Schwester, die sie immer noch umarmt hielt.
"Lisa, ich will das. Ich werfe dir doch auch nicht vor, dass du eine Hexe werden willst." Tine schaute ihre Schwester bittend an, ihre Stimme war eindringlich. "Bitte, ich möchte dich nicht verlieren, nur weil ich mich entschieden habe, diesen Weg zu gehen." Und dann wurde ihre Stimme ganz leise. "Ich fürchte schon, dass Mama das nicht akzeptieren wird."
Lisa erwiderte Tines Umarmung, aber Tränen liefen ihr über das Gesicht. "Ich verrate nichts. Aber seid vorsichtig." Und dann flüsterte sie: "Ich habe Angst um dich."
Eine Weile hielten sie sich im Arm, dann löste Tine sanft den Griff ihrer kleinen Schwester. "Aber du bist doch sicher aus einem anderen Grund hier?"
Lisa nickte, sie wischte die Tränen beiseite. "Die Vampirgurken und die Vampirsellerie, sie können nicht hierbleiben."
Tine sah Miriam an. "Wir machen uns frisch und kommen zu euch, dann können wir uns was überlegen."

Nachdenklich ging Lisa durch das leere Haus hinauf auf den Dachboden.
Durch die Luke drang frische Luft herein und von irgendwoher Straßenlärm. Es war immer noch heller Nachmittag. Lisa war irgendwie erstaunt darüber, in Vampirfilmen war das immer anders. Die anderen unterhielten sich. In Lisas Kopf bildeten die Eindrücke der letzten Stunde und ihre Gedanken ein unentwirrbares Durcheinander. Sollte sie es erzählen? Aber sie hatte versprochen, nichts zu sagen. Sie hatte Angst und ihr war auf einmal kalt.
Der Anblick der anderen beruhigte sie etwas und lenkte sie ab. Ka sah ihr entgegen. "Ah, da bist du ja, wir wollten dich schon suchen gehen." Dann sah sie Lisa besorgt an. "Hast du irgendwas, ist was passiert?"
Lisa schüttelte den Kopf, doch dann fielen ihr die Vampirgurken ein und dass ihr Vater verreist war. "Mein Vater ist heute Nacht weg, aber Tine und Miriam sind da. Außerdem hat er", sie sah Ka an, "mit deinen Eltern telefoniert, die sind auch zuhause und wir können sie jederzeit anrufen."
"Das ist doch gut, da haben wir das Haus für uns!" Ka war begeistert.
Lisa war aber immer noch in Gedanken bei ihrer Schwester und Miriam, sie schüttelte sich, versuchte, sich auf die naheliegenden Probleme zu konzentrieren. "Aber die Vampirsellerie sind überall im Haus verstreut."
"Dann müssen wir sie wieder einsammeln."
Lisa setzte sich. "Tine und Miriam kommen gleich ´rauf, dann können wir überlegen, was wir mit den Vampirsellerie und Vampirgurken machen."
Eine Weile schaute Lisa in die warme Frühlingssonne ohne etwas zu sagen und sog die frische Luft ein. Das beruhigte sie zumindest ein bisschen.

Als Tine und Miriam die Treppe heraufkamen, hatte Tine sich ein schickes Halstuch umgebunden. Die Kinder weckten jetzt auch Blixa. Kolja legte den Zeichenblock beiseite. Lisa linste heimlich und erblickte sich selbst als Comicfigur, aber nur kurz. Ihre Nase war zu groß, aber sie traute sich nicht, das Kolja zu sagen.
Alle holten sich noch etwas zu Trinken und setzten sich in einem Kreis vor die Luke. Tine zog sich tief in den Schatten zurück, sie wirkte leicht krank.

Ka sah alle der Reihe nach an: "Hat jemand eine Idee?"
"Wir brauchen einen Ort, an dem sie ausreichend zu Fressen finden und der dunkel, feucht und kühl ist", erwiderte Kolja und sog an einer Blutoka.
Sie überlegten.
"Wie wäre es mit dem Großmarkt?" Der Vorschlag kam von Tine.
Sara sah zweifelnd zu ihr hinüber. "Ich weiß nicht, ob die Idee so gut ist."
"Aber da finden sie genug zu fressen." Blixa schien von der Idee ganz angetan zu sein.
"Unter den Großmarkthallen gibt es alte, kaum noch genutzte Kellergewölbe", stimmte Miriam Blixa und Tine zu, "ich war dort schon und weiß, wie ihr reinkommen könntet." Sie wirkte etwas verlegen, das fiel aber nur Lisa auf. Lisa blickte direkt zu ihr hin. "Hilfst du uns?" Miriam schaute an ihr vorbei. "Was soll ich tun?"
"Du könntest sie hinfliegen." Lisa schaute nun auch nicht mehr Miriam an, sondern starrte in die Luft. Sie musste immer wieder an das Geschehene denken und sah die ganze Zeit das Bild von Miriam mit blutigen Lippen und ihrer Schwester vor sich. Es fiel ihr schwer, Miriam unbefangen anzusehen.
Sie wusste einfach nicht mehr, was richtig und was falsch war, und vor allem wusste sie nicht, was sie tun sollte. Doch für alle diese Gefühle war jetzt keine Zeit, keine Zeit. Lisa fuhr fort: "Wir würden uns verteilen. Einige würden hier die Vampirsellerie und Vampirgurken einfangen und die anderen würden sie in den Gewölbekellern des Großmarkts freilassen. Du müsstest sie nur transportieren."
Miriam schien nicht sehr begeistert zu sein, doch Tine sah sie bittend an: "Ach, mach doch mit. Ich denke, sie haben unsere Hilfe verdient." Zögernd nickte Miriam "Okay", sie konnte Tine jetzt nichts abschlagen.

Sara hatte immer noch ein mulmiges Gefühl bei der Idee mit dem Großmarkt. Da sie aber nicht genau wusste weshalb, ließ sie sich von den anderen überstimmen.
Plötzlich zuckte sie zusammen. Draußen, tief unten im dunkelsten Schatten unter den Büschen und Bäumen, hatte sich etwas bewegt. Die anderen sahen, wie sie erschrak.
"Da draußen ist irgendetwas."

Angestrengt starrten alle hinaus. Ka sah Sara fragend an. "Ich sehe nichts." Doch Sara hatte den Schatten wieder entdeckt und zeigte in das tiefe Dunkel der Büsche.
Für einen kurzen Moment hatte Ka den Eindruck, anstelle von Sara eine sprungbereite Raubkatze zu sehen, das musste an Saras Körperhaltung liegen.
Jetzt hatte auch Blixa gesehen, was Sara meinte, sie zog die Schultern hoch und ließ ihre Eckzähne aufblitzen. Da sie ihr ohnehin nicht mehr sauberes Omakleid mit einigen Sicherheitsnadeln umgestaltet und ein paar störende Teile abgerissen hatte, sah sie mit ihren bunten kurzen Haaren in diesem Moment richtig gefährlich aus. "Vampirhunde, wie kommen die hierher?"
Sara starrte immer noch in den Schatten. "Sie müssen uns irgendwie gefunden haben."
Ka schüttelte den Kopf. "Ich glaube nicht, dass sie uns jetzt erst gefunden haben, wahrscheinlich haben sie die Vampirgurken beobachtet, sind Lisa gefolgt, und beobachten das Haus schon länger. Das erklärt auch, woher die Hunde gestern kamen."
Lisa traten Tränen in die Augen. "Ich wollte das doch nicht."
Ka sah überrascht auf, dann nahm sie Lisa in den Arm. "So habe ich das nicht gemeint. Du kannst doch nichts dafür!"
Lisa schniefte. "Aber ich habe sie hierher geführt."
Ka sah sie ernst an: "Ohne dich wären wir nicht hier und es gäbe BUNG überhaupt nicht. Und dann könnten wir den Kleinen auch nicht helfen."
Lisa wischte sich mit dem Handrücken über die Nase. "Ich sehe nichts, seid ihr euch sicher?" Sie sah draußen nur den Frühling, es roch nach warmem Gras. Außer ein paar Insekten war nichts zu hören. Doch auf einmal stieg ihr ein Fäulnisgestank in die Nase, er wehte von den Büschen herüber, auf die Blixa und Sara starrten. Lisa fror: "Wieso verfolgen die Vampirhunde die Kleinen? Was wollen sie hier?"
Miriam rümpfte die Nase. "Es gibt ein Gesetz gegen abnormale Vampirerscheinungen. Die Aufsichtsbehörde ist dafür zuständig, so etwas zu beseitigen.
Koljas Mutter und Vater und viele andere versuchen seit einem halben Jahrhundert, das Gesetz streichen zu lassen. Aber bisher ist es noch in Kraft. Und in der Aufsichtsbehörde sind einige Vampire, die regelrecht Spaß daran zu haben scheinen, alles, was anders ist als sie, zu jagen und zu vernichten. Die Vampirhunde sind extra darauf abgerichtet, solche Wesen zu töten."
Lisa erinnerte sich auch an das, was Kolja gesagt hatte, die Kleinen seien eine Gefahr für die Geheimhaltung, sie sah verzweifelt ins Dunkel der Büsche. "Als dürften Vampirsellerie und Vampirgurken nicht existieren. Als hätten sie das Recht, zu entscheiden, was existieren darf."
Miriam nickte. "Stimmt, das ist nicht fair, aber sie tun es trotzdem. Außerdem ekeln sich die meisten Vampire der Aufsichtsbehörde vor allem, was nicht künstlich ist und sich ihrer Kontrolle entzieht. Das macht ihnen Angst. Behaarte, feucht-matschige Vampirgurken, die sich unkontrolliert vermehren und anderes Gemüse ohne Genehmigung aussaugen, sind sicher ein Alptraum für sie.
Und sie würden vermutlich gerne Blixa in die Finger kriegen, um sie in eine Erziehungsanstalt zu stecken und sie zu zwingen, Kunstblut statt Gemüsesaft zu trinken."
Sara schaute sie an: "Wir werden das verhindern."

Lisa sah immer noch bleich aus. "Werden sie hier ´raufkommen?"
"Nicht vor Einbruch der Dunkelheit."
Tine legte von hinten ihren Arm um Lisa. In diesem Moment war Lisa dankbar dafür, dass ihre Schwester heute Nacht hier sein würde. Aber Tine roch anders als sonst, ihr Körpergeruch hatte sich verändert und auch ihre Haut fühlte sich anders an. Beunruhigt blickte sie sie an und flüsterte leise: "Du riechst anders."
Tine umarmte sie fester. "Ich bin immer noch ich, keine Sorge, kleine Schwester."
Die anderen Kinder bekamen das nicht mit, sie waren auf die Vampirhunde konzentriert. Alle waren beunruhigt. Blixa setzte sich auf eine Matratze. "Was sollen wir tun?"
Ka, die noch an der Luke stand, drehte sich zu den anderen um. "Wir müssen unsere Verteidigung organisieren."
Kolja zuckte mit den Schultern. "Und wie?"
Sara holte den Folianten hervor, der immer noch in einer Ecke lag, und suchte den Absatz über Vampirhunde, Sara überflog ihn kurz, doch da war nichts, was ihnen weiterhelfen würde. Aber am Rand befanden sich wieder eine handschriftliche Notiz und eine kleine Zeichnung.
Sara sah zu den anderen. "Hier ist eine Notiz, sicher von Lisas Ururgroßtante. Ich glaube es soll heißen: 'Vampirharfen sind sehr gut geeignet, um VH zu vertreiben'. Mit VH sind sicher Vampirhunde gemeint, aber was ist eine Vampirharfe?"
Kolja sah Sara über die Schulter. "Vampirharfen sind speziell gestimmte Harfen, die Töne sind für Vampire und Vampirhunde extrem unangenehm bis schmerzhaft. Ich glaube, die meisten Menschen empfinden ähnliches, wenn jemand mit einer Metallgabel auf Porzellan kratzt. Vampirharfen sind nur noch viel unangenehmer, aber Menschen können sie nicht hören."
Ka schaute hilflos nach draußen. "Wir haben aber keine Vampirharfe."
"Eventuell doch." Lisa hatte sich Notiz und Zeichnung angeschaut. "Die Zeichnung sieht aus wie ein Instrument, das ich im Keller habe."
Ka war skeptisch. "Und wie stellen wir fest, ob es funktioniert?"
Lisa lächelte. "Hier sind doch drei Vampire."
Blixa, Kolja und Miriam blickten drein, als hätte ihnen jemand vorgeschlagen, einen Zahnarzttermin zu vereinbaren. Aber irgendwie mussten sie das Instrument ausprobieren.

Lisa lief nach unten, um das Instrument zu holen. Blixa kaute auf ihrer Unterlippe. "Selbst wenn die Harfe funktioniert, hilft das aber nur gegen die Hunde."
Ka begriff sie nicht ganz. "Wieso, ich dachte für euch ist das auch schmerzhaft?"
"Ja, aber auch Vampire wissen, wie sie sich die Ohren zustopfen können. Die Vampire von der Aufsichtsbehörde werden sich davon nicht beeindrucken lassen."
Sara klappte den Folianten zu. "Was stört Vampire?"
Miriam lachte. "Knoblauchwasser, das haben wir früher in der Schule benutzt, um Lehrerinnen und Lehrer zu ärgern. Es ist zwar eher lästig als gefährlich, aber die meisten Vampire hassen Knoblauch. Und die Vampire der Aufsichtsbehörde ekeln sich sowieso vor allem, was flüssig ist und stinkt. Zur Ablenkung müsste das reichen, nur aufhalten können wir sie damit nicht.
Falls wir Glück haben, löst es bei ihnen eine Allergie aus, vergleichbar mit starkem Heuschnupfen bei Menschen."
Kolja krauste die Nase. "Knoblauchschnupfen."
Sara überlegte. "Können wir sie nicht einfach mit einem Netz fangen, wie die Mädchenbande in diesem Buch?"
Ka sah aus dem Fenster, es würde in wenigen Stunden dämmern. "Du meinst 'Die wilden Hühner'? Ich weiß nicht, ob ..."
"Vampire sind stark", unterbrach Blixa sie, "aber wenn uns nichts anderes einfällt - wir haben nicht mehr viel Zeit."
Sara sah zu Ka. "Deine Eltern haben doch Netze zum Abdecken der Beete."
Ka nickte. "Die sind aber nicht sehr stabil."
"Dann nehmen wir mehrere."
Da niemandem etwas Besseres einfiel, beschlossen sie, es zu versuchen. Sie waren gerade dabei, Aufgaben zu verteilen, als Lisa mit der Harfe wiederkam. Sie stellte sie vorsichtig auf den Boden und blies den Staub ab. Dann nahm sie sie auf den Schoß.
"Ich versuche es einfach mal" Fragend blickte sie die anderen an. Kolja, Blixa und Miriam sahen unwillig aus, nickten aber. Vorsichtig zupfte Lisa an den Saiten. Sie hörte gar nichts, doch Kolja und Blixa verkrochen sich augenblicklich unter den Decken und Schlafsäcken und Miriam presste die Hände gegen die Ohren. Die Harfe funktionierte also.

Nur Ka hatte bemerkt, dass auch Sara ausgesehen hatte, als hätte sie Zahnschmerzen, und Tine war ebenfalls zusammengezuckt. Sie fragte sich wieder einmal, was Sara ihr verheimlichte. Sie sagte aber nichts dazu.
Miriam atmete erleichtert aus, nachdem Lisa die Harfe beiseite gelegt hatte. "Das Hundeproblem dürfte gelöst sein."
Lisa und Blixa liefen noch kurz in den Keller und probierten auch dort die Harfe aus. Die Vampirgurken und die Vampirsellerie zeigten sich zum Glück unbeeindruckt, sie schienen die Töne der Harfe nicht zu hören. Blixa seufzte: "Puh, zum Glück reagieren sie nicht empfindlich auf die Töne. Das wäre sonst ein Höllenchaos geworden."
Lisa nickte. Sie liefen wieder nach oben und berichteten den anderen.
Aber trotz der Harfe war noch viel zu tun.

Lisa besorgte aus dem Schlafzimmer ihres Vaters Ohropax für Blixa, Kolja und Miriam. Dann stellte sie in der Küche Knoblauchwasser mit frisch gepresstem Knoblauch her und füllte damit Gefrierbeutel, so dass sie am Schluss fast 50 Knoblauchwasserbomben hatten. Außerdem füllte sie eine Wasserpistole mit Knoblauchessenz.
Ka und Sara waren währenddessen in den Garten von Kas Eltern hinübergeschlichen und besorgten mehrere Netze, die sie dann in den Bäumen oberhalb der Fenster des Hexenkellers befestigten, in dem sich die meisten Vampirsellerie und Vampirgurken verkrochen hatten. Die Vampirhunde waren zum Glück nirgends mehr zu sehen, aber sie würden wiederkommen, in der Nacht, da waren sich Ka und Sara sicher. Kolja, Blixa und Miriam verbarrikadierten die Kellerfenster von Lisas Kellerraum mit Balken und Brettern, die sie zusammennagelten.
Als Blixa ein Nagel auf den Boden des Hexenkellers herunterfiel, bückte sie sich, um ihn aufzuheben. In einer Ecke zog ein kleiner metallischer Gegenstand ihre Aufmerksamkeit auf sich, eine Art Trillerpfeife aus unterschiedlichen Metallen, offensichtlich sehr alt. Das Metall war beschlagen und über die Jahre hinweg ganz schwarz geworden. An einer Stelle war eine Fledermaus eingraviert. Sie steckte die Pfeife in ihre Hosentasche. Sie würde Lisa später danach fragen.

Tine hatte sich etwas hingelegt. Sie zitterte und fror und gleichzeitig war ihr heiß. Sie hatte den anderen erzählt, sie hätte sich wohl den Magen verdorben. Lisa sagte nichts dazu und sah nur ab und zu besorgt nach ihr, wann immer sie eine Fuhre Knoblauchwasserbomben auf den Dachboden schaffte. Auch Miriam schaute immer wieder bei Tine rein.
Bereits um halb neun war alles bereit. Sie hatten sich wieder an der Luke postiert und schauten in den Himmel, die Sonne war nicht mehr zu sehen, aber es war noch nicht dunkel. Sara saß unsichtbar draußen im Baum und lauschte.

Da fiel Blixa die Pfeife ein. Sie zeigte sie Lisa: "Guck´ mal, was ich gefunden habe", und setzte sie an den Mund.
Lisa zuckte leicht zusammen: "Nicht!"
Blixa setzte die Pfeife wieder ab. "Was ist denn?"
"Das ist eine Fledermauspfeife, die meiner Ururgroßtante gehört hat. Falls du die Pfeife ohne den Zauberspruch benutzt, ist das gefährlich." Lisa zitterte leicht. "Als ich die Pfeife letzten Sommer ohne Zauberspruch im Garten ausprobiert habe, griffen mich Tausende von Teichenten an. Ich konnte ihnen nur mit Mühe entkommen." Lisa dachte daran zurück, wie sie mit knapper Not ins Haus gelangt war. In den Zweigen der großen Blautanne hatten noch stundenlang quakend Hunderte von Teichenten gesessen. Ihr Vater hatte ein Foto davon gemacht.
Blixa betrachtete die Pfeife. "Hat deine Tante dir keinen Hinweis hinterlassen?"
Lisa verzog den Mund. "Doch, schon, ich glaube ich habe hier auch irgendwo noch einen Zettel mit einer Abschrift." Sie stand auf und durchwühlte die Schublade einer alten Kommode, die zwischen den alten Schränken auf dem Dachboden stand. Dann hielt sie triumphierend einen zerknitterten Zettel in die Höhe. Sie setzte sich wieder. "Das ist eine Abschrift, die ich selbst angefertigt habe, das Original ist in der Bibliothek." Sie las laut vor: "Willst du die Pfeife mit den Fledermauszeichen nutzen, lies die Worte - Blut Sutra Zart Zoe Tu Arunsw Deak -, doch beachte, dies ist die Frage und nicht die Antwort, finde zuerst den Sinn der Worte. Der Schlüssel liegt in der 7 viermal geschrieben in der dunklen Richtung. Hüte dich vor der Pfeife ohne Schlüssel!" Lisa machte eine kurze Pause. Die anderen sahen die Pfeife misstrauisch an. Lisa fuhr fort: "Das stand in der Handschrift meiner Ururgroßtante neben der Beschreibung der Pfeife in einem Buch. Die Pfeife gibt derjenigen, die sie richtig nutzt, Macht über Fledermäuse." Sie sah Blixa an. "Falls du aber das Zauberwort nicht weißt, können vollständig unberechenbare Dinge passieren. Die Fledermäuse werden dir nicht gehorchen. Oder es kann passieren, dass du ganz andere Tiere rufst, die dann auch nicht das tun, was du willst. Meine Ururgroßtante hat mehrfach dick unterstrichen davor gewarnt, die Pfeife ohne Zauberwort zu nutzen.
Ich habe wochenlang über Blut Sutra Zart Zoe Tu Arunsw Deak nachgegrübelt, aber mir ist nichts eingefallen."
Kolja sah auf. "Darf ich mal sehen?"
Lisa nickte und gab ihm den Zettel. "Du kannst ihn auch behalten, ich habe ja noch das Original."
Blut Sutra Zart Zoe Tu Arunsw Deak in der dunklen Richtung, auch den anderen fiel dazu nichts ein. Lisa sah Blixa an. "Meinetwegen kannst du auch die Pfeife behalten." Blixa steckte die Pfeife wieder ein. "Danke."
"Aber sei vorsichtig!"
Draußen wurde es langsam dunkler. Sie schwiegen und horchten.

Sie hatten alle Lichter gelöscht. Von draußen war es jetzt nicht möglich, zu erkennen, was auf dem Dachboden vor sich ging. Sie selbst sahen sich nur noch als Schemen. Auch Tine war wieder auf dem Dachboden, sie zitterte immer noch am ganzen Körper. Miriam umarmte sie. Lisa saß mit der Harfe in Bereitschaft und beobachtete Tine besorgt.

Sara saß still im Baum und war bereit die Netze fallen zu lassen.
Ihre Gedanken schweiften ab, sie betrachtete die kleinen dunklen Härchen auf ihrem Unterarm, die selbst in diesem diffusen Licht sichtbar waren, ein paar nur. Und wieder tönte die Stimme ihrer Großmutter in ihrem Kopf: "Niemand darf das erfahren, niemals!" Sara schüttelte den Kopf und sagte leise: "Nein", obwohl das niemand außer ihr hören konnte.
Sie schob die Bilder, die immer wieder in ihrem Kopf auftauchen wollten, beiseite. Sie musste sich auf ihre Aufgabe konzentrieren.
Sie horchte in die Nacht. Draußen war es fast dunkel. Sie hörte ein Käuzchen und das Atmen von Hunden. Einige Vögel flatterten unruhig auf und dann erschienen unten vor dem Haus schmale Schatten, die hin und her liefen, die Vampirhunde! Ihr Gestank zog bis auf den Dachboden.
Nun wussten auch die anderen, dass die Vampirhunde da waren.

Plötzlich ging es los, die Luft war erfüllt vom düsteren, heiseren Knurren und Bellen der Vampirhunde und ihrem Gestank. Sie sprangen mit Wucht gegen die Kellerfenster. Es wurden immer mehr und Ka sah mit Sorge, dass sie aus Richtung ihres Gartens zu kommen schienen. Aus der Nacht starrten die Augen der Vampirhunde zu ihnen herauf, sie hörten sie überall, ohne im Schwarz der beginnenden Nacht alles erkennen zu können.
Ka gab Lisa ein Zeichen. Blixa, Kolja und Miriam stopften sich die Ohren zu. Lisa begann zu zupfen, doch es passierte gar nichts. Lisa zupfte kräftiger, ohne Ergebnis.
Die Vampirhunde schien das nicht zu stören. Selbst in der Dunkelheit konnte Ka vom Dachboden aus ihre gefletschten Zähne erkennen. Böse knurrend scharrten sie unter den Kellerfenstern, warfen sich dagegen.
Vorsichtig nahm Blixa einen der Ohrstöpsel heraus, auch sie hörte nichts von der Harfe, nur das graue Gebell und das Knirschen des Holzes, mit dem sie die Kellerfenster verbarrikadiert hatten, das unter der Wucht der Vampirhunde nachzugeben drohte. Sie gab Lisa schnell ein Zeichen, andere Saiten der Harfe auszuprobieren. Lisa verstand nicht sofort, begriff dann aber doch, was Blixa meinte. Sie schlug die gleichen Saiten an, die sie beim ersten Mal benutzt hatte. Blixa hielt sich entsetzt das nicht verstopfte Ohr zu und steckte schnell den Ohrenstöpsel wieder hinein. Die Vampirhunde jaulten auf, einen kurzen Augenblick lang liefen sie noch hin und her und ihr Knurren wurde noch böser, doch dann verschwanden sie so schnell und unauffällig, wie sie gekommen waren. Lisa zupfte weiter. Draußen passierte nichts.
Sie warteten.

Ka und Blixa platzierten die Knoblauchwasserbomben allesamt nahe an der Luke. Die Zeit schlich dahin. Ein Vogel flog vorbei - oder war es eine Fledermaus? Sara blieb ruhig und verborgen im Baum sitzen. Auf einmal fluchte Kolja laut auf, er hatte sich auf einen Schokoriegel gesetzt. Von den Vampirhunden war nun kaum noch etwas zu riechen, doch Sara bemerkte einen leichten Geruch nach vergammeltem Fisch und suchte das Dunkel draußen ab.
Lisa wollte schon aufhören zu zupfen, als plötzlich einer der Vampire der Aufsichtsbehörde vom Himmel herabstürzte; sie hörten das Pfeifen des Windes. Seine kalten Augen blickten sie an. Das Gesicht war ausdruckslos. Einen kurzen Moment lang rührte sich niemand.
Ka war die erste, die ihre Lähmung überwand, sie nahm eine Wasserbombe und wartete, Kolja und Blixa folgten ihrem Beispiel. Als der Vampir nur noch wenige Meter entfernt war, warfen sie gleichzeitig. Drei Knoblauchwasserbomben trafen ihn, er schloss reflexartig die Augen, versuchte das Wasser abzuwehren, kam vom Kurs ab, verfehlte die Luke, flog klatschend gegen die Hauswand, rutschte ab und landete mit einem lauten Platschen und Fluchen in der Regentonne. Sein fischiger Gestank zog trotzdem bis zu ihnen hinauf. Sie schmissen weitere Knoblauchwasserbomben auf ihn. Das Trampeln auf dem Dachboden übertönte alle anderen Geräusche. Der Vampir stand jetzt klitschnass mit hängenden Armen neben der umgekippten Regentonne. Blixa lachte leise.
Doch wo war der zweite Vampir der Aufsichtsbehörde? Ka war beunruhigt. Zu Recht!
Auf einmal stand er vor ihr, nur ein dunkler Schatten, doch der Geruch nach Rasierwasser und Fisch war unverwechselbar. Er war auf dem Balken über der Luke gelandet und hatte sich von dort hineingeschwungen. Bevor Ka irgendetwas tun konnte, wurde sie von einer unbekannten Kraft auf die Matratzen gepresst. Kolja und Blixa erging es nicht besser. Was wollte der Vampir?
Dann begriff sie, dass Lisa und die Vampirharfe sein Ziel waren. Die Vampirhunde, die Vampire wollten die Vampirhunde wieder herbeiholen! Und dazu mussten sie die Harfe zerstören. Unaufhaltsam näherte sich der Vampir Lisa, die weiter die Vampirharfe zupfte, aber immer kleiner wurde. Lisa wusste nicht, was sie machen sollte. Da traf den Vampir etwas mit voller Wucht im Bauch und er wurde durch die Luke hinauskatapultiert. Es war Miriam, die dem Vampir wie ein Rammbock in den Bauch geflogen war. Als Vampirin war sie eine erstklassige Fliegerin und flog nun dem Vampir, der sie verfolgte, im Zickzack davon. Er hatte keine Chance, sie zu fassen; plötzlich änderte Miriam die Richtung und flog wieder auf die Luke zu, an der Ka, Kolja und Blixa mit weiteren Knoblauchwasserbomben warteten, bereit, Miriam zu helfen. Der Vampir hinter ihr brauchte dafür etwas länger und Miriam schien in Sicherheit zu sein. Sie drehte den Kopf und grinste den Vampir an. Da wurde sie plötzlich nach unten gezogen. Sie alle hatten den zweiten Vampir vergessen! Tropfnass und wütend hing er an Miriam und zog sie zum Erdboden. Miriam kratzte und trat und schrie ihn an: "Trockne dich erst einmal ab, du Fischgesicht!" Ihre Vampirzähne traten wütend hervor, genau wie die der Vampire der Aufsichtsbehörde.
Die beiden Vampire der Aufsichtsbehörde ließen sich aber nicht beeindrucken, gemeinsam überwältigten sie Miriam. Auch die Knoblauchwasserbomben ignorierten sie, obwohl einer der beiden die ganze Zeit über wie wild nieste.
Sie waren ohnehin schon klitschnass und knoblauchdurchtränkt.

Gerade wollten sie Miriam fesseln, als Tine unten aus der Tür stürzte. Sie zitterte immer noch am ganzen Körper aber als sie gesehen hatte, dass Miriam in Gefahr war, rannte sie kurzerhand die Treppe hinunter. Sie trat dem niesenden Vampir mit voller Wucht gegen das Schienbein. Der Vampir lachte. Er hatte aber die Wasserpistole in Tines Hand übersehen und bekam als nächstes eine Ladung Knoblauchessenz in die Augen, welche sofort stark anschwollen. Vor Wut schreiend ließ er von Miriam ab und stürzte sich auf Tine, die auswich. Ka, Blixa und Kolja verstärkten ihr Bombardement mit Knoblauchwasserbomben. Schreie und das Klatschen der Wasserbomben erfüllte die Nacht. Leider konnten sie nicht vermeiden, auch Miriam zu treffen, die ihnen wütend einen Vogel zeigte. Nun stank es nach vergammeltem Fisch und Knoblauch.
Ka erinnerte der Geruch an die alten Abfalltonnen auf dem Markt.
Das Geschrei hatte auch zwei Käuzchen aufgeschreckt, die lautstark schimpfend umherflogen und unter Sara brach ein Ast, der einen der Vampire nur knapp verfehlte. Sara konnte sich gerade noch festhalten.
Miriam nutzte den Trubel, um sich loszureißen. Da löste Sara die Befestigung der Netze. Sie fielen genau auf die Vampire und Tine, in einem Knäuel stürzten alle zu Boden. Die Vampire verwickelten sich im Netz, doch mit wenigen heftigen Bewegungen zerrissen sie die Teile der Netze, die sie behinderten und nur noch Tine lag zitternd im Netz gefangen. Miriam war frei, aber dafür hatten die Vampire jetzt Tine in ihrer Gewalt.
Die Vampire der Aufsichtsbehörde lächelten widerlich, der Vampir mit Nieskrampf, der nun direkt neben Tine stand, beugte sich zu ihr herab, sein fauliger, fischiger Atem streifte ihr Gesicht, seine nasse Fratze war zwischen den Niesattacken zu einem Grinsen verzogen, seine Hände berührten ihren Hals. Und auf einmal wurde sein Gesichtsausdruck kalt und böse.
Sie hatten kaum noch Knoblauchwasserbomben. Was sollten sie jetzt tun?
Miriam stürzte sich voller Verzweiflung im Sturzflug auf den Vampir. Sara war vom Baum geklettert und versuchte, den zweiten Vampir anzugreifen; der schleuderte sie aber einfach wie einen feuchten Wischlappen in die Luft und sie landete unsanft in einem Busch. Nun wendete sich auch dieser Vampir Miriam zu.
Inzwischen waren auch Blixa, Ka und Kolja die Bodentreppe heruntergestürzt und rannten durch die Hintertür. Kolja sprang mit Schwung einen der Aufsichtsvampire an, doch auch das beeindruckte die Vampire nicht. Der Vampir lachte nur und versetzte Kolja einen Schlag, der ihn zu Boden streckte, wobei er sich noch dazu unglücklich im Netz verwickelte. Ka erging es nicht besser. Blixa stand einen Augenblick lang wie erstarrt. Sara, Tine, Ka und Kolja lagen am Boden und die Aufsichtsvampire würden auch Miriam jeden Moment überwältigen.
Was sollte sie tun?
Da spürte sie die Pfeife in ihrer Tasche. Sie zögerte nur kurz. Schlimmer konnte es ja kaum werden! Mit Kraft blies sie in die Fledermauspfeife. Ein dumpfer und gleichzeitig schriller Ton durchdrang die Nacht. Alle Blicke richteten sich auf sie, dann war ein seltsam fließendes Geräusch zu hören. Zuerst bemerkte Blixa gar nichts. Auf einmal begann Tine zu fluchen: "Scheiße, Hilfe, Hilfe, ich versinke!" Der Erdboden schien lebendig zu sein und sich zu bewegen. Blixa sprang zurück zur Hintertür. Die Vampire verschwanden mit Miriam nach oben in die Luft. Auch Kolja, Ka und Sara versanken jetzt im Erdboden. Regenwürmer, Millionen von Regenwürmern durchwühlten die Erde! Auch einer der Bäume schwankte bereits. Kolja war wie gelähmt, er versank immer tiefer im Erdreich. Sara versuchte, sich an einem Strauch festzuhalten, sie funkelte Blixa wütend an: "Tu doch was!"
Aber Blixa wusste nicht, was. Sie sah sich panisch um. Vielleicht lag es nur daran, dass die Regenwürmer sie missverstanden hatten. Doch wie spricht man mit Regenwürmern? Sie spürte, dass ihr die Tränen kamen und sie hasste das.
Zum Glück hatte Lisa die Rufe gehört; sie stand jetzt direkt an der Luke und gab Blixa im Halbdunkel Zeichen. "Du musst ein zweites Mal in die Pfeife blasen, um das Ganze zu stoppen, aber genau wie vorher."
Blixa blies, traf aber nicht den richtigen Ton, sie blies erneut, wieder nicht, dann endlich bei dritten Mal war der Spuk vorbei. Doch Sara, Tine, Ka und Kolja waren im Erdreich gefangen! Von Kolja waren nur noch ein Arm und der Kopf zu sehen. Tine, Ka und Sara war es etwas besser ergangen, aber auch sie hatten Mühe, sich zu befreien. Die Aufsichtsvampire hatten das Durcheinander genutzt, um Miriam zu überwältigen. Schmallippig lächelnd landeten sie wieder auf dem Boden und verneigten sich vor Blixa. Dann schoss einer der Aufsichtsvampire überraschend zur Dachluke, entriss Lisa die Harfe und zerschlug sie in tausend Teile. Er stieß einen Pfiff aus. Die Vampirhunde, die Vampirhunde kamen zurück! Lisa saß zitternd an der Dachluke, sie konnte nichts tun.
Die Hunde näherten sich mit hochgezogenen Lefzen. Blixa schossen die Tränen in die Augen, an all dem war sie schuld! Sie wollte die Fledermauspfeife gerade in den Dreck schleudern, damit sie auch im Erdreich versank als ihr ein Gedanke kam. Jetzt war ohnehin alles egal! Erneut blies sie in die Pfeife, ohne auf die entsetzten Blicke der anderen zu achten.

Einen Augenblick lang wurde es mucksmäuschenstill. Die Aufsichtsvampire hatten sich mit Miriam in ihrer Gewalt ein Stück in die Luft erhoben. Selbst der Wind schien still zu stehen. Die Vampirhunde waren irritiert. Ein Beben war zu spüren und ein rollender Laut näherte sich, doch dann klang es ab.
Ein Rascheln war zu hören, ein kleines weißes Kaninchen streckte sein Näschen aus dem Gebüsch und hoppelte zwischen den Vampirhunden hindurch. Es setzte sich genau in die Mitte und fing an, sich zu putzen. Die Aufsichtsvampire lachten. Die Vampirhunde ließen ein sabberndes Knurren vernehmen und näherten sich dem kleinen, weißen Tier.
Da sah Lisa noch ein Kaninchen und noch eins und noch eins... Tausende von Kaninchen fluteten auf einmal aus den Büschen und bevor die Vampirhunde auch nur ‚Wuff´ sagen konnten, wurden sie von einem gigantischen Kaninchen-Tsunami erfasst. Sara, Ka, Tine und Kolja schützten sich so gut es ging mit den Armen vor den über sie hinwegflutetenden Tieren. Trotzdem hatten sie einen Augenblick lang das Gefühl, in weichem Fell und feuchten Nasen zu ertrinken. Die niedlichen Tierchen hoppelten zu Tausenden über sie hinweg, doch nach wenigen Minuten war alles vorbei, die Kaninchen waren wieder verschwunden und mit ihnen auch die Vampirhunde. Sie waren einfach weggespült worden. Nur ein kleines weißes Kaninchen schnupperte noch einen kurzen Moment lang an einigen Grashalmen herum, bevor es auch davonhüpfte.
Miriam war es währenddessen gelungen, sich zu befreien. Sie griff nun die Aufsichtsvampire erneut an. Tine, die einen Arm freibekommen hatte, spürte unter ihrer Hand eine eklige, fürchterlich stinkende, breiige Masse. Sie griff ohne weiter nachzudenken zu und warf dem Vampir in ihrer Nähe einen Teil der Masse direkt ins Gesicht. Der Vampir schrie auf. Der andere Vampir der Aufsichtsbehörde beging den Fehler, sich zu Tine umzudrehen um zu sehen, was passiert war, und bekam ebenfalls eine Ladung der stinkenden Masse in sein Gesicht. Auch er schrie auf. Tine hatte Vampirhundescheiße erwischt, die für Vampire beißender war als Pfeffer. Beide Vampire hatten sie in die Augen bekommen und konnten nur noch schlecht sehen, außerdem waren sie immer noch tropfnass und stanken nach Knoblauch.
Ihnen war Ekel und Wut anzusehen. Blixa ging nun auch zum Angriff über und Sara und Ka hatten sich fast wieder befreit. Die Angriffe der Vampirhunde hatten außerdem ein kleines Loch in die Holzbretter vor den Kellerfenstern gerissen, nicht groß genug für die Hunde, aber groß genug für die Vampirsellerie, um hinauszugelangen.
Nun brachen Dutzende Vampirsellerie durch das Loch in die Nacht. Sie waren von dem Vampirhundeangriff noch außer sich und griffen ohne Rücksicht auf sich selbst an. Sie bissen die Vampire der Aufsichtsbehörde, wo auch immer sie hinkamen und hingen in kürzester Zeit überall an ihnen, in den Haaren, an Armen und Beinen, auf dem Rücken und auch im Gesicht. Einige kleine Vampirsellerie krochen den Vampiren in die Hosenbeine. In der Dunkelheit waren die Vampirsellerie kaum zu sehen, für die Vampire waren nur schleimige Bewegungen und Bisse zu spüren. Vom Ekel vor dem Vampirgemüse und ihrem Schleim geschüttelt schlugen die Vampire panisch um sich.
Lisa warf die letzten Knoblauchwasserbomben.

Endlich hatten die Aufsichtsvampire genug. Sie gaben auf. Hasserfüllt wandten sie sich noch einmal zu ihnen um: "Wir kommen wieder!" Dann flogen sie durch die Nacht davon, ihre teuren Schuhe mit Schleim und Dreck bedeckt und die schicken Mäntel zerrissen. Noch immer lag über allem der Gestank nach Fisch und Knoblauch.
In der Luft wurden sie von den Käuzchen verfolgt, bis sie im Schwarz der Nacht verschwunden waren. Eine Weile hörten sie in der Ferne noch die Niesanfälle des einen Vampirs, dann verklang auch das.

Sie und die Vampirsellerie hatten gewonnen. Einige der Vampirsellerie hatten das allerdings mit ihrem Leben bezahlt, die Vampire hatten sie zerrissen und zerquetscht. Blixa heulte, sie konnte die Tränen einfach nicht mehr zurückhalten, traurig streichelte sie die Kleinen ein letztes Mal. Ihre kleinen Wurzelfinger lagen ausgerissen neben ihnen im Matsch, bei einigen kleineren war der Körper bis zur Unkenntlichkeit zerdrückt, nur noch Gemüsematsch. Und sie war schuld, sie war schuld!
Ka setzte sich neben Blixa. "Ist schon okay. Letztendlich hast du uns gerettet."
Sara war nicht so versöhnlich. "Trotzdem, ich will die Pfeife."
Kleinlaut gab Blixa sie ihr. Ka versuchte zu schlichten: "Aber die Kaninchen waren doch hilfreich."
Sara blickte sie an. "Fandest du es angenehm, von Tausenden von Kaninchen überrannt zu werden?"

Dann halfen sie Kolja und Tine, die sich, immer noch halb vom Netz bedeckt, halb in der Erde versunken, nicht selbst befreien konnten. Tine blieb, nachdem die anderen sie befreit hatten, einfach auf der Erde sitzen ohne irgendetwas zu sagen. Sie zitterte vor Erschöpfung. Kolja schüttelte die ganze Zeit den Kopf und wiederholte nur immer wieder: "Kaninchen, Kaninchen". Auch Miriam war völlig erschöpft. Sara zitterte ebenfalls, ob vor Wut oder Erschöpfung, war nicht klar.
Sie waren alle zu erschlagen, um sich wirklich zu freuen. Kolja schniefte und musste sich schnäuzen, auch er hatte Knoblauchwasser abbekommen. Miriam reagierte darauf zum Glück nicht so empfindlich. Lisa, die ebenfalls heruntergekommen war, besah die Bruchstücke der Harfe, der Schaden war irreparabel. Was sollten sie tun, falls die Hunde wieder kamen?
Miriam setzte sich neben sie, sie schien Lisas Gedanken zu lesen und nahm sie in die Arme: "Du warst toll, die Hunde und die Vampire der Aufsichtsbehörde kommen heute bestimmt nicht mehr wieder."
Dann schleppten sie sich, mehr als das sie gingen, die Treppe hinauf.

Sie hatten für diese Nacht gewonnen. Nun war nur noch der Wind in den Bäumen zu hören, auch die Käuzchen hatten sich beruhigt. Alle schienen kurz vor dem Einschlafen zu sein. Tine lag zitternd an Miriam gekuschelt, Blixa und Sara saßen erschöpft auf einer Matratze. Lisa hielt immer noch die Bruchstücke der Harfe umklammert. Knoblauchgeruch überdeckte alles, Blixa, Miriam und Kolja rümpften die Nase.
Von draußen wehte die kühle Nachtluft herein. Alle fröstelte es.

Ka sah die anderen an. "Noch so eine Nacht überstehen wir nicht. Außerdem müssen wir morgen wieder zuhause übernachten." Sie sprach eindringlich, obwohl sie todmüde war, und sah nach draußen. "Wir müssen die Vampirsellerie und Vampirgurken noch diese Nacht in Sicherheit bringen."
Alle waren völlig erschöpft, sie hatten sich schon in der gestrigen Nacht total verausgabt. Lisa zitterte einfach vor sich hin. Tine umarmte sie, war aber selbst nicht weniger müde. Sie spürte noch immer die Nachwirkungen des Bisses. Und doch gab sie Ka Recht: Sie mussten so schnell wie möglich einen sicheren Ort für die Kleinen finden. Ka sprach weiter: "Lasst uns noch einmal alles kurz durchsprechen."
Sara nickte. "Blixa und ich fahren zum Großmarkt. Ich habe mein Fahrrad dabei und nehme Blixa hinten drauf. Das ist ja nicht weit. Dann suchen wir den Eingang zu den Kellergewölben und warten auf Miriam."
Ka versuchte, die Müdigkeit abzuschütteln, was ihr aber nur bedingt gelang. "Lisa, Kolja, Tine und ich werden die Vampirsellerie und Vampirgurken hier einsammeln und in alte Kartoffelsäcke verfrachten. Miriam fliegt die Säcke dann zum Großmarkt."

Sara und Blixa fuhren gleich los. Ka, Lisa, Kolja und Tine holten sich den Untot-Detektor und begannen im Hexenkeller die Vampirsellerie und Vampirgurken zu suchen und einzusammeln. Die Aufgabe war nicht einfach, da der Raum trotz Taschenlampen im Dunkel lag. Elektrisches Licht gab es in diesem Teil des Kellers nicht. Lisa war außerdem um ihre Spinnen besorgt: "Bitte achtet darauf, keine totzutreten." Ka musste sie das nicht zweimal sagen. Sie mied die Kiste mit den Spinnen.
Die kleinen Vampirgurken fiepten ängstlich, als sie in den Sack gesteckt wurden, doch dann beruhigten sie sich schnell wieder und verkrochen sich. Nur ab und zu versuchte eine der Vampirgurken, ihnen in den Ärmel zu kriechen.
Die Vampirsellerie waren das größere Problem, da sie immer wieder aus dem Sack herausklettern wollten.
Trotzdem hatten sie dank dem Untot-Detektor bald alle Vampirgurken und Vampirsellerie im Keller eingesammelt, aber Ka wusste, dass die eigentliche Arbeit sie oben im Haus erwartete. Dabei wollten alle nur noch möglichst bald ins Bett.

Sara und Blixa hatten inzwischen die Markthallen erreicht. Die kühle Luft hatte sie beide wieder etwas wacher werden lassen. Der Nachthimmel war dunkel und klar und das Rauschen des Windes das einzige Geräusch. Die Hallen umgab ein hoher Zaun mit einem schweren, eisernen Gittertor. Dunkle, spitze Zacken drohten den Eindringlingen. Doch für Sara und Blixa war dies kein Problem. Sara kletterte mit Leichtigkeit über die Spitzen hinweg und Blixa als Vampirin sprang einfach. Zwar konnte sie noch nicht fliegen, aber über das Tor zu springen machte ihr keine Mühe.
Im Inneren der Umzäunung fanden sie schnell den Weg in die alten Kellergewölbe unter den grau aufragenden Hallen. Einige der Fenster standen offen, genau wie Miriam es vorausgesagt hatte. Die Keller waren tatsächlich riesig, verzweigt und kaum benutzt. Sara versuchte sich zurecht zu finden. Sie sah kaum die Hand vor Augen und musste die Größe der Kellerräume quasi erraten. Dunkelheit umgab sie, sobald sie sich von den Fenstern entfernte. Blixa erging es nicht besser.
Sie stolperten über alte Transportbehälter und Abfall. In den dunklen Gewölben roch es feucht nach Moder, Staub, Schimmel, vergammeltem Gemüse und altem Obst. Ein langer, breiter Gang führte schräg nach unten. Er war nur durch das, schwarze Licht der Nacht, das von außen durch ein Fenster hineinfiel, ein wenig zu erahnen. Blixa schaute den schwarzen Gang hinab. "Ich glaube, es gibt weitere Tiefgeschosse."
Sara stimmte ihr zu. "Ich denke, wir sollten schauen, wie es dort unten aussieht."
Blixa nickte, sie hatte gerade einen alten Einkaufswagen entdeckt. Sie schaute Sara müde an. "Lass uns den nehmen. Das ist sicher bequemer."
Sie setzte sich hinein und Sara stellte sich hinten auf die untere Stange. Sie hatten beide keine Kraft mehr, auch nur einen Schritt weiter zu gehen. Sara holte eine der Taschenlampen aus der Tasche und Blixa befestigte sie vorne am Wagen. Jetzt hatten sie einen Scheinwerfer. Sara stieß sich ab und der Einkaufswagen rollte den abschüssigen Gang herunter in die dunkle Tiefe. Schatten huschten vorbei, Sara hatte Mühe, den Kisten und Tonnen auszuweichen, die im Gang standen.
Es gab mehrere Tiefgeschosse und der Gang führte tiefer und tiefer. Jeweils am Ende einer geraden Strecke ging eine Kurve nach unten in das nächste tiefer gelegene Kellergeschoss. Immer schneller wurde ihre Fahrt. Zuerst machte ihnen das Spaß, doch dann bemerkte Sara, dass sie keine Bremsen hatten.

Schneller und schneller, tiefer und tiefer ging die Fahrt, dunkler und dunkler wurde die Nacht. Es waren tiefe, dunkle und nasse Kellerräume, in denen es zumindest für Sara ekelhaft stank. Erschreckt sprangen Ratten und andere undefinierbare Tiere beiseite. Und plötzlich fuhren sie über einen Huckel, die Taschenlampe zerbrach, Finsternis umgab sie mit einem Mal, Sara versuchte mit aller Macht zu bremsen, doch nichts funktionierte. Dann fuhren sie gegen irgendetwas, Holz splitterte, eine Tür!, Zum Glück war das Holz morsch und so durchbrachen sie es einfach.
Die Fahrt ging immer noch weiter. Sie sahen nichts. Sara schluckte. Blixa war zu müde, um noch Angst zu spüren. Irgendwie war ihr in diesem Moment alles egal. Auch sie hätte sich am liebsten in einem Bett verkrochen und die Decke über den Kopf gezogen.
Dann konnte Sara den Wagen nicht mehr halten, doch sie hatten noch einmal Glück: Sie landeten auf einem Stapel alter vergammelter Tücher. Der stank zwar muffig, aber zumindest fielen sie weich.
Blixa stöhnte: "Umpf". Hier war es nass, schimmelig und kühl. Nichts und niemand war mehr zu hören, abgesehen von ein paar Käfern und Ratten in der fast undurchdringlichen Dunkelheit. Blixa rieb sich den Arm, auf den sie gefallen war und trübe Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Sie stupste Sara im Dunkeln in die Seite: "Wie sollen wir zurückfinden? Das wird ewig dauern!" Und dabei wollte sie nur noch schlafen.
Doch Sara ergriff Blixas Hand und orientierte sich in der Dunkelheit scheinbar nach ihrem Gehör. Blixa war sie in diesem Moment fast unheimlich, wie konnte ein Mensch in der Dunkelheit besser zurechtkommen als eine Vampirin, als sie? Von irgendwoher spürte Sara einen kühlen Lufthauch und dann fanden sie einen schrägen Luftschacht, der nach draußen führte. Sara zog Blixa an der Hand mit sich. "Komm!"
Sie kletterten den Luftschacht hinauf und erreichten so wieder das eingezäunte Außengelände des Großmarktes. Blixa stellte fest, dass Sara auch besser klettern konnte als sie. Das Gitter oben ließ sich zum Glück leicht entfernen. Blixa sah Sara fragend an. "Wieso kannst du das?" Doch Sara schwieg.
Das Ganze hatte nicht lange gedauert, und doch war es Blixa wie eine halbe Nacht vorgekommen.

Als Miriam mit dem ersten Sack innerhalb der Umzäunung des Großmarktes landete, wussten sie bereits, wo sie die Vampirsellerie und Vampirgurken aussetzen würden. Sie würden sie einfach durch den Schacht nach unten lassen. Von dort würden die Vampirsellerie und Vampirgurken selbst ihren Weg zur Nahrung nach oben finden. Dort unten waren sie aber sicher, zumindest dachten das die beiden, und es war nass und dunkel.
Miriam überreichte ihnen nur müde den Sack und flog wieder zurück, um den nächsten zu holen.

Ka, Lisa, Kolja und Tine ruhten sich kurz in der Bibliothek aus, nachdem sie alle Tiere im Keller eingesammelt hatten. Lisa seufzte: "Wie sollen wir die Kleinen hier oben bloß alle einfangen? Ich kann nicht mehr." Auch Ka fiel nichts ein. Doch Tine hat trotz ihrer bleiernen Müdigkeit eine gute Idee: "Wir könnten den Apfelpflücker nehmen."
Der Apfelpflücker war ein langer Stiel, an dem an einer Seite ein kleiner Sack unter einem Metallkranz mit kleinen Zinnen befestigt war. Eigentlich diente er dazu, mit dem Zinnenkranz so hinter einen Apfel oben am Baum zu fassen, dass man ihn abpflücken konnte und der Apfel in den kleinen Sack plumpste. Mit Vampirsellerie und Vampirgurken ging das sogar noch besser als mit Äpfeln. Und mithilfe des Untot-Detektors spürten sie auch die Vampirgurken im Wäschekorb auf. Auf diese Weise kamen sie gut voran.
An zwei Stellen im Haus schlug der Untot-Detektor allerdings aus, ohne dass sie Vampirgurken und Vampirsellerie entdecken konnten. Seltsamerweise löste die Waschmaschine im Waschkeller einen starken Ausschlag aus, genau wie der Staub unter dem großen Schrank in der Eingangshalle. Ka schaute noch einmal genau nach. "Da ist nichts."
Lisa nickte. "Vielleicht gibt es hier unsichtbare Gespenster."
Tine zuckte mit den Schultern. "Dafür haben wir jetzt keine Zeit."
Lisa beschloss, das in den nächsten Tagen mit ihrem Gespensterpulver nachzuprüfen.
Einzelne Vampirsellerie kletterten immer wieder aus den Säcken und sie mussten sie erneut einfangen. Die Vampirgurken krochen ihnen stattdessen in die Ärmel.
Immer dann, wenn ein Sack mit Vampirsellerie und Vampirgurken gefüllt war, flog Miriam ihn zum Großmarkt und Blixa und Sara ließen die Säcke in die Tiefen des Gewölbekellers hinab, wo sie die Vampirsellerie und Vampirgurken frei ließen.

Endlich hatten sie es geschafft. In der Villa war es still. Alle Vampirsellerie und Vampirgurken waren eingesammelt. Der Untot-Detektor schlug nur noch bei Kolja und Miriam aus. Nur der grüne und schwarzgrüne Schleim überall bereitete Lisa trotz ihrer Müdigkeit noch Sorgen. Sie sah die anderen an. "Wie soll ich das erklären?"
Ka beruhigte sie. "Da kümmern wir uns morgen drum."
Dann saßen sie in Decken eingemummelt auf dem Dachboden und warteten darauf, dass Sara und Blixa zurückkamen. Alle waren zu müde, um noch zu reden.
Miriam und Tine zogen sich in Tines Zimmer zurück.
Ka sog die frische Nachtluft ein, bald würde es wieder hell werden. Endlich hörten sie Blixa und Sara die Treppe heraufkommen.
Sie zogen kurz die von Lisa geliehene Kleidung aus, warfen sie in die Waschmaschine und wuschen sich noch einmal mit dem Gartenschlauch. Dann legten sie sich schlafen. Morgen würden sie wieder ihre eigenen Sachen anziehen können.
Alle waren zum Umfallen müde. Ka sah die anderen an. "Ich glaube, ich stehe nie wieder auf."
Nur Sara grinste schwach, der Rest schlief bereits.

Sie schliefen bis zur Mittagszeit, dann machten sie sich unten in der Küche Frühstück. Sie kochten sich Eier und holten Salat aus dem Garten, den sie wuschen und mit etwas Öl und Essig anmachten, außerdem gab es verschiedene Sorten Marmelade und Honig. Kolja und Miriam tranken Blutoka, Blixa saugte einige Tomaten aus. Lisa gähnte. "Ich bin immer noch müde."
Der schwarzgrüne und grüne Schleim hatte sich zu Lisas Erleichterung unter Einwirkung des Sonnenlichtes größtenteils in Staub verwandelt. Lisa sammelte etwas von dem Staub als Zutat für ihre Hexenküche in einem Einmachglas. Trotzdem mussten sie die meisten Vorhänge und Tischtücher abnehmen, um sie in die Waschmaschine zu stecken. Dann saugten sie überall und beseitigten die Reste der Schleimspuren an Möbeln und Wänden. Das alles war viel Arbeit, da aber alle mithalfen, war es auch ganz lustig. Nach drei Stunden waren sie mit dem Putzen fertig. Sie hatten alle Fenster geöffnet, um frische Luft hereinzulassen.
Lisa ließ sich zufrieden in einen Sessel fallen. "Wir haben es geschafft. Frau Marquardt wird die letzten Reste des Staubes beim nächsten Staubsaugen mit aufsaugen und dabei wieder einmal den Kopf schütteln über den vielen Staub, den Bücher produzieren.
Wir müssen nur später noch die Vorhänge hinhängen, sobald sie fertig gewaschen sind."

Trotz der Arbeit wirkten nun alle wieder etwas erholter, nur Tine ging es sichtlich schlecht. Blixa brachte ihr einen Tee. "Hast du", sie brach mitten in der Frage ab, Tines Halstuch war verrutscht und Blixa sah nun zum ersten Mal den Biss. Sie blickte Miriam und Tine abwechselnd an. "Ihr seid verrückt. Ihr seid noch verrückter als ich. So sieht ein Biss nur bei Blutaustausch aus."
Trotzig schaute Miriam ihre Cousine an: "Und?" Tine nahm Blixa den Tee ab, den sie immer noch in der Hand hielt. Mit erschöpfter Stimme schnitt sie Blixa, die gerade noch etwas sagen wollte, das Wort ab. "Ich wollte das. Miriam hat keine Schuld."
Blixa schüttelte den Kopf. "Die Aufsichtsbehörde wird das anders sehen."
Dann kam ihr ein schrecklicher Verdacht. "Haben die Vampire der Aufsichtsbehörde das gestern Nacht bemerkt?"
Tine senkte den Blick und nickte nur ganz leicht: "Ja."
Blixa sah sie an: "Dann habt ihr richtig Schwierigkeiten. Ich wünsche euch Glück, aber ..."
Kolja war noch bleicher geworden, als er ohnehin schon war. Lisa blickte auf den Fußboden. Ka sah die anderen fragend an: "Wieso?"
Kolja antwortete ihr: "Die Vampire der Aufsichtsbehörde hassen Vampirismus, also Bisse mit Blutaustausch. Sie glauben, das wäre unzivilisiert.
Ich denke, sie haben einfach Angst, weil sie nicht zugeben wollen, dass sie selbst manchmal das Bedürfnis danach haben. Sie haben Regeln erlassen, um alles zu kontrollieren."
Blixa nickte. "Und überall sind ihre Spitzel. Eine bluttrinkende siebzehnjährige Vampirin, die Blut austauscht, ist für sie das Böse schlechthin. Besonders weil Miriam und Tine noch minderjährig sind. Für Minderjährige ist der Übergang absolut tabu."
Kolja sah bedrückt aus. "Falls sie Miriam kriegen, werden sie sie für einige hundert Jahre in Zwangsschlaf versetzen. Wenn sie wieder aufwacht, würde sie kaum noch jemanden kennen. Die Aufsichtsbehörde wird auf jeden Fall zu verhindern versuchen, dass es zum dritten Biss und zum Übergang kommt.
Und ein Übergang ohne Unterstützung ist außerdem gefährlich. Das was Tine hat, sind Auswirkungen des Bisses."
Alle schwiegen, selbst das Summen der Insekten draußen schien einen Augenblick lang verstummt zu sein. Miriam und Tine schauten betreten auf den Fußboden.
Doch dann stand Sara auf und ging zu Tine. Zuerst zögerte sie einen Moment lang, biss sich auf die Lippen und schluckte, doch dann sprudelten die Worte aus ihr heraus: "Ich finde das richtig, was ihr tut. Was die Erwachsenen sagen, ist mir egal, die können immer nur mit Wegschließen und Verbieten reagieren, wenn etwas anders ist und ihnen Angst macht.
Ich - wenn ich etwas tun kann, sagt das."
Sie umarmte Tine. Ka wunderte sich, Sara tat das fast nie. Sie hatte den Eindruck, dass Sara zumindest teilweise an andere Dinge dachte als an den Biss, aber auch sie hatte sich schon entschieden. "Auf mich könnt ihr euch auch verlassen."
Blixa sah Miriam und Tine an: "Natürlich tue ich auch, was ich kann. Tine hat es schließlich selbst entschieden." Sie blickte zu Miriam, schluckte und ergänzte leise. "Und du hast mir als Einzige auch immer geholfen."
"Ihr habt geholfen, die Vampirsellerie und Vampirgurken zu retten, natürlich hilft BUNG euch jetzt auch!" das war Lisa, die dabei die anderen ansah. Kolja nickte ebenfalls, aber er wirkte sehr beunruhigt.
Ka sah alle an und seufzte. "Dann hat BUNG jetzt eine weitere Aufgabe."

Sie wussten alle nicht, was die nächsten Wochen bringen würden, aber es würde wohl noch viel passieren.
Nur für heute mussten sie sich trennen. Miriam und Tine blieben in der Villa und Lisa bot Blixa an, vorerst in ihrem Hexenkeller zu bleiben, was Blixa gerne annahm. Nur Lisas Vater durfte das nicht bemerken.

Ka, Sara und Kolja mussten nach Hause, denn morgen war Montag und Ka und Sara hatten wieder Schule.









- Kapitel 5 'Hilfe' -


Rrriiiing - der Wecker riss Ka am Montagmorgen aus dem Schlaf. Als sie versuchte, ihn mit geschlossenen Augen auszustellen, stieß sie ihn dabei um und er fiel scheppernd zu Boden, wo er noch einen Augenblick lang unregelmäßig weiterklingelte.
Sie war gestern einfach ins Bett gefallen. Ihre Eltern hatten sie zwar noch über Lisa ausgefragt, wie sie wohnte und was sie gemacht hätten, aber Ka hatte nur einsilbig und müde geantwortet.
Der Wecker war jetzt verstummt. Sie sah durch die Vorhänge: Draußen schien die Sonne, Fäden von Licht huschten verspielt durch das Zimmer. Frische Luft kam durch das halboffene Fenster und sie hörte Vogelgezwitscher. Trotzdem verkroch sie sich noch einmal unter der Bettdecke.
Die ganze Nacht waren ihr immer wieder die Ereignisse der letzten Tage durch den Kopf gegangen. Manches kam ihr wie ein Traum vor, die Vampirgurken und Vampirsellerie, Blixa und Kolja. Doch die Kratzer auf ihrem Arm, die sie sich Samstagnacht bei der Auseinandersetzung mit der Vampiraufsicht zugezogen hatte, bewiesen, dass alles kein Traum gewesen war. Kein Wunder also, dass sie so müde war! Und doch hätte sie keinen Moment davon missen wollen.
Aber auch Saras Bild tauchte immer wieder vor ihren geschlossenen Augen auf und der Satz von Koljas Urgroßmutter klang ihr im Ohr - "Sara, du musst mir versprechen, den anderen niemals etwas zu tun!" Sara war ihre beste Freundin, und doch war sie seit diesem Nachmittag noch unnahbarer als sonst. Zwar tat Sara nach außen so, als hätte es das Gespräch mit der Fürstin nicht gegeben, doch gleichzeitig schien sie Angst zu haben. Ka hätte ihr gerne geholfen, doch was sollte sie tun?
Irgendetwas verbarg Sara.
Sie seufzte.

Da fing der Wecker erneut an zu klingeln, er war schlichtweg unzerstörbar. Auch ein gezielter Kissenwurf half nicht. Außerdem hatte sie jetzt kein Kopfkissen mehr. Es war zwecklos, widerwillig erhob sie sich aus dem Bett, schaltete den Wecker ab und ging aus ihrem Zimmer im ersten Stock die Treppe hinunter Richtung Küche. Sie roch Kaffeeduft.
Sie musste zur Schule. Dabei hätte sie viel lieber noch über alles nachgedacht. Wieso konnten Jugendliche nicht selbst entscheiden, ob sie zur Schule gingen oder nicht? Das wäre viel sinnvoller.

Ihre Eltern waren, wie fast immer am frühen Morgen, gut gelaunt. Ihre Mutter saß vor einer Tasse Kaffee und kritzelte einige Formeln auf ein Blatt Papier. Sie begrüßte ihre Tochter mit einem Lachen: "Guten Morgen."
"Morgen", gähnte Ka. Sie fragte sich, ob sie nicht doch adoptiert worden war. Normalerweise machte ihr frühes Aufstehen zwar nichts aus, aber die Begeisterung ihrer Eltern dafür teilte sie nicht. Irgendwie fand sie diese unnormal.
Ihr Vater stand am Herd und bereitete das Essen für den Nachmittag vor. Er wusch Gemüse und kochte Naturreis, damit es nachher, wenn er von der Arbeit wiederkam, schneller ging. Als er seine Tochter sah, drehte er sich zu ihr um: "Guten Morgen."
"Morgen", seufzte Ka und linste kurz in den Topf, um zu sehen, was ihr Vater vorbereitete. Ihr Vater hatte Lauch und Kohl gewaschen. Dann setzte sie sich müde vor ihr Müsli, stocherte darin herum und trank etwas mit Wasser verdünnten Saft. Sie gähnte.
Ihre Mutter sah von ihren Notizen auf. "Na, noch nicht ausgeschlafen?"
Ka schüttelte den Kopf. "Nein."
"Hast du schlecht geträumt?"
"Nein."
Durch das offene Küchenfenster zog ein frischer Lufthauch. Die Sonnenstrahlen fielen auf den Küchentisch und der Kaffeeduft vermischte sich mit der kühlen Morgenluft. Die Gardinen bauschten sich im Wind. Ka fühlte den Luftzug durch ihre Haare streichen, sie streckte sich und sog tief die Luft ein. Langsam wurde sie ein bisschen wacher.
Ihr Vater ließ kurz kaltes Wasser über den frisch gekochten Reis laufen, stellte ihn dann zusammen mit dem Gemüse in den Kühlschrank und setzte sich auch an den Küchentisch.
Ihre Mutter sah sie an. "Du hast gestern gar nichts über das Wochenende erzählt."
Ka zuckte mit den Schultern und nuschelte kurz angebunden: "Ach, nichts Besonderes."
Ihre Mutter beließ es dabei. Sie sah, dass es zwecklos war, mit ihrer Tochter in diesem Zustand ein Gespräch anzufangen und wandte sich wieder den Formeln zu.

In der Schule wurde es nicht besser. Sie hatte Mühe, wach zu bleiben.
In Mathematik lief es besonders schlecht. Sie schlief tatsächlich kurz ein und träumte, dass die Mathelehrerin mit entblößten Eckzähnen vor ihr stünde. Die Lehrerin war im Traum eine fies lächelnde Vampirin der Aufsichtsbehörde und zupfte einen Vampirsellerie und zwei Vampirgurken genüsslich aus der Tasche, um sie auf ihrem Schultisch mit Messer und Gabel zu zerlegen. Ka wunderte das nicht, im Traum fand sie es ganz natürlich. Die Mathelehrerin bot Ka kleine, noch fiepende Stücke der Vampirgurken an.
Ka sollte die Stücke zählen und die Zahlen durcheinander dividieren.
"Katrin! Katrin!"
Ka wachte auf. Vor ihr stand säuerlich lächelnd die Mathelehrerin, ohne Vampirzähne, was sie allerdings auch nicht sympathischer aussehen ließ. Sie legte Ka ein Stück Kreide hin: "Wenn du ausgeschlafen hast, dann rechne doch bitte die Aufgabe an der Tafel."
Natürlich wurde das eine Katastrophe. Sara versuchte, ihr die Lösung zuzuflüstern, kassierte dafür aber eine Verwarnung. Auf Dauer konnte das so nicht weitergehen.
Aber es ging schließlich um Leben und Tod - und das war ja wohl wichtiger als Mathe.
Da sie eine Ganztagsschule besuchte, musste sie bis vier Uhr durchhalten.

Lisa ging im Gegensatz zu Ka und Sara nicht auf eine Ganztagsschule, sie war bereits um zwei Uhr wieder zu Hause. Sie strich sich schnell zwei Brote, setzte sich mit etwas Saft auf dem Dachboden in die Luke, genoss die Sonne und die frische Luft und hing ihren Gedanken nach.
Nun waren alle Vampirsellerie und Vampirgurken fort. Sie hatte sich so sehr ein Haustier gewünscht und jetzt war sie wieder allein.
Ihr fiel das Bild ihrer Ururgroßtante mit dem kleinen australischen Poltergeist ein. Vielleicht konnte sie irgendwo einen australischen Poltergeist finden! Sie träumte davon, wie es wäre, einen australischen Poltergeist zu haben. Sie war gerne bereit, ihre Süßigkeiten mit einem Poltergeist zu teilen. Ein hüpfender kleiner Poltergeist, der in ihrem Hexenkeller spuken würde, wäre toll. Nur hatte sie in der Realität noch nie einen gesehen.
Aber zumindest der Schnabeldrache war ja noch da. Einen Augenblick lang überlegte sie, ob es ihm wohl gut ging. Sie musste an die Vampirhunde denken. Sie würde später nach ihm schauen.
Zuerst wollte sie die Ausschläge des Untot-Detektors in der Waschküche und unter dem alten Dielenschrank in der Eingangshalle untersuchen. Vielleicht gab es in der Villa andere Geister? Bei diesem Gedanken wurde sie wieder fröhlicher.
Sie beschloss, sich gleich auf die Suche zu machen und lief in den Hexenkeller, um das Gespensterpulver zu holen. Dann untersuchte sie die Stellen, an denen der Untot-Detektor ausgeschlagen hatte: hinter der Waschmaschine und unter dem Dielenschrank.

Um kurz vor drei Uhr klappte die Haustür. Ihr Vater konnte das noch nicht sein. Es war Tine. Sie sah fürchterlich aus. Lisa lief ihr entgegen. "Was ist denn?"
Tine war bleich. "Das Licht ist unerträglich." Ein Zittern schüttelte ihren Körper. "Mein Kopf platzt bald. Außerdem muss ich mich dauernd erbrechen. Die Lehrerin hat mich nach Hause geschickt, nachdem ich mich übergeben habe." Tine stützte sich kurz mit den Händen an der Wand ab, sie hatte Schmerzen. Sie sah Lisa ermattet an. "Aber ich kann unmöglich zu Mama. Die schickt mich sofort zu einem Arzt und das geht auf keinen Fall."
Lisa umarmte sie besorgt. Sie wussten beide, dass dies Auswirkungen des Bisses waren. "Du kannst doch hier bleiben! Ich rufe Mama an. Ihr ist das sicher recht, sie muss doch arbeiten und kann sich nicht zu Hause um dich kümmern."

Tine legte sich in ihr abgedunkeltes Zimmer. Lisa machte ihr etwas Brühe. Tine lächelte schwach, als Lisa ihr die Suppentasse reichte. "Danke." Vorsichtig schluckte sie einige Löffel hinunter. Doch kurz darauf wurde ihr wieder schlecht, sie musste sich erneut übergeben und schaffte es gerade noch zur Toilette. Sie krampfte am ganzen Körper. Lisa reichte ihr ein Glas Wasser, um den Mund auszuspülen. Danach half sie Tine zurück ins Bett, ihre große Schwester zitterte und war schweißnass. Sie konnte nichts bei sich behalten und hatte doch gleichzeitig Hunger. Sie versuchte Lisa anzulächeln: "Ist schon gut."
Doch Lisa schüttelte den Kopf. "Nein." Sie überlegte. "Ich habe noch eine halbe Flasche Blutoka von Kolja. Vielleicht", sie schwieg einen kurzen Moment lang, ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie daran dachte, dass Tine zur Vampirin wurde, leise fuhr sie fort: "verträgst du das jetzt besser."
Tine nickte nur schwach und Lisa holte schnell die Flasche. Tatsächlich half Tine die Blutoka, sie fühlte sich ein bisschen besser und schlief ein.

Lisa spürte, dass auch sie zitterte. Ihr war mit einem Mal kalt. Ihre große Schwester veränderte sich und das machte ihr Angst. Was sollte sie tun, wenn es noch schlimmer wurde? Kolja hatte erzählt, dass manche Menschen beim Übergang starben! Und was passierte, wenn Tine Hunger auf richtiges Blut bekam?
Lisa setzte sich einen Augenblick lang auf ihren Lieblingsplatz in der Hexenbibliothek, zog die Beine an und umschlang sie mit den Armen. Aber selbst das half nicht, sie zitterte immer noch.
Sie hatte Angst um ihre Schwester und Angst vor dem, was passieren könnte.

Erst nach einer Weile beruhigte sie sich langsam. Sie entschied sich, ein Hexenrezept auszuprobieren, das sie in einem der alten Bücher gefunden hatte: Der weiße Tod. Das Ergebnis konnte vielleicht nützlich für BUNG sein. Außerdem würde ihr die Beschäftigung dabei helfen, die Angst zu vertreiben.

Als Ka mit Sara von der Schule aus nach Hause ging, wehte ein leichter Wind, die Luft roch frisch und klar. Ka bemerkte, dass Sara bedrückt aussah, dabei hatten sie jetzt frei. Ka stieß sie an: "Was ist?"
Sara blickte Ka unruhig an. "Ich mache mir Sorgen um den Schnabeldrachen. Was ist, wenn die Vampirhunde ihn am Samstag gefunden haben? Wir haben uns Sonntag gar nicht mehr um ihn gekümmert. Vielleicht braucht er Hilfe oder sie haben ihn getötet." Sie schwieg.
Ka drückte ihren Arm. "Ach was, dem ist sicher nichts passiert." Aber wirklich überzeugt klang das selbst in ihren eigenen Ohren nicht.
Auch Ka war beunruhigt. Sie hatte bisher gar nicht an den kleinen Drachen gedacht und nun sah sie in Gedanken wieder die Vampirhunde vor sich. Und sie musste auch wieder an Saras Geheimnis denken, aber sie traute sich nicht, danach zu fragen.
Beide schwiegen.

Doch dann vertrieb der frische Wind die dunklen Gedanken. Sie blickte Sara an. "Komm doch mit zu mir! Wir schauen einfach nach ihm."
Sara nickte. "Aber ich muss zuerst zu meiner Großmutter und ihr im Garten helfen."
"Dann treffen wir uns direkt bei Lisa, ich wollte sowieso zu ihr rüber." Ka umarmte Sara kurz zum Abschied, doch Sara entzog sich ihr, wie fast immer. Ka grinste, sie kannte das schon: Sara hielt meistens Distanz, Ka fiel auf, dass sie darin Blixa glich. Sie musste hier abbiegen. "Bis dann."
"Bis dann." Sara wirkte immer noch beunruhigt.

Als Ka nach Hause kam, war ihr Vater bereits wieder da. Er begrüßte sie. "Hallo."
"Hallo." Die Uhr zeigte schon kurz vor fünf. Dafür war sie nun nach der Schule wenigstens ausgeruhter und hatte schon gegessen.
Unter der Woche aß Ka meistens in der Schule zu Mittag, insbesondere, wenn es zu Hause Kohl gab.
Sie holte sich ein Glas mit Wasser und gab einen Schuss Grapefruitsaft hinein. "Ich gehe zu Lisa." Ihr Vater nickte. Sie trank schnell das Glas aus und verabschiedete sich wieder. "Tschüss".
Dann lief sie durch den alten Garten zur Villa.

Als sie die Villa erreichte, war Lisa in ihrem Hexenkeller. Ka sah von draußen ein blaues Flackern durch die Kellerfenster. Sie klopfte gegen die Scheibe und Lisa winkte ihr, hereinzukommen. Die Türen waren alle offen.
Sie nahm den Weg über den Dachboden und die geheime Wendeltreppe durch die geheime Bibliothek. Inzwischen waren ihr die Räume schon vertraut.

Im Keller stand Lisa in der Nähe der Fenster mit einem Topf über eine bläuliche Flamme gebeugt. Sie trug wieder eines der alten Kleider, das aber bereits Brandspuren aufwies. Außerdem hatte sie sich eine Fliegerbrille aufgesetzt und ein Tuch um Mund und Nase gebunden. Sie bedeutete Ka, am unteren Treppenende stehen zu bleiben. "Bin gleich fertig."
Ka konnte auf einem alten Tisch einen Blick in ein uralt aussehendes Buch erhaschen. Es sah aus wie ein Kochbuch, nur die Überschrift auf der aufgeschlagenen Seite war groß genug, dass Ka sie im Halbdunkel des Kellers von ihrer Position aus entziffern konnte: Der Weiße Tod.
Was hatte Lisa vor?
Ein strenger und scharfer Geruch, vermischt mit Staub, stieg Ka in die Nase. Kein Ton drang von außen herein, nur das Zischeln der Flamme war zu hören und Lisas leises Fluchen: "Spinnendreck, Wanzenkot." Lisa sah zu Ka herüber. "Tschuldigung, aber mit fehlen die richtigen Zutaten. Hast du Nashornzahnmehl?" Sie überlegte kurz. "Ich glaube, ich nehme stattdessen einfach etwas Kalksteinmehl. Das haben wir im Garten. Außerdem brauche ich laut Rezept Koboldurin. Glaubst du, Meerschweinchenurin tut es auch? Den habe ich noch."
Ka nickte. "Das geht sicher auch."
Lisa rührte im Topf und seufzte. "Ich probiere es einfach."
Bei der ganzen Sache schien nicht das Ergebnis herauszukommen, das sie sich wünschte. Ka blickte sehnsüchtig nach draußen. Dann war Lisa aber doch zumindest für den Moment fertig, stellte den Topf zur Seite und deckte ihn ab. Ka sah nur kurz einen weißen Schleim.
Lisa wusch sich in einer Schüssel mit kaltem Wasser mit Seife die Hände, nahm Brille und Tuch ab und lief zu Ka. "Hallo, toll, dass du kommen konntest." Sie gähnte: "Bist du gestern zum Schlafen gekommen?"
Ka sah Lisa an. "Nein, nicht wirklich, mir ist alles immer wieder in den Sinn gekommen und ich war in der Schule noch müde, langsam werde ich aber wieder wach."

Lisa reckte sich. "Mir ging es genauso, auch mir ist alles noch durch den Kopf gegangen. Ich konnte nicht einschlafen und dann habe ich heute Morgen das Klingeln des Weckers überhört."
Lisa wirkte überanstrengt. Doch Ka konnte sich nicht vorstellen, dass das nur am Schlafmangel lag. "Wo ist eigentlich Blixa?"
Lisa deutete nach hinten in eine dunkle Ecke des Kellers auf einen Haufen Decken. Ka glaubte, an einer Stelle Blixas Haare zu sehen. Lisa flüsterte: "Lass sie schlafen, sie war nachts noch unterwegs. Komm, wir gehen rauf, dann stören wir sie nicht." Sie gingen die Treppe hinauf zur Hexenbibliothek.
Ka sah noch einmal interessiert durch die zuklappende Kellertür zu dem Topf zurück. "Was machst du da?"
Lisa antwortete schüchtern: "Ach, ich weiß noch nicht, ob ich es hinkriege. Ich sag es, wenn ich weiß, dass es funktioniert."
Ka nickte. "Das kann ich gut verstehen, mir geht es genauso. Ich hasse es auch, anderen unfertige Sachen zu zeigen."
"Aber", Lisa sah Ka bittend an, "du könntest mir vielleicht einen Gefallen tun. Mir fehlen noch Zutaten."
Ka sah sie überrascht an. "Was brauchst du denn?"
"Eine zerquetschte Kakerlake. Ich habe hier keine Kakerlaken, hast du welche? Vielleicht kannst du mal deine Mutter fragen. Und außerdem brauche ich die Augen eines Aals."
Ka schüttelte den Kopf. "Ich weiß nicht, ich glaube nicht, dass meine Mutter Kakerlaken hat."
Lisa ließ den Kopf hängen. "Dann war alles umsonst und das Rezept wird wohl nie fertig."
Ka überlegte. "Warte, ich frage einfach Sara. Zusammen fällt uns schon etwas ein."
Lisa sah sie mit großen Augen an. "Das wäre toll! Ihr seid wirkliche Freundinnen."

In der Bibliothek war ein Fenster geöffnet und die Frühlingsluft strömte herein. Der Wind trug das Rauschen der Bäume mit sich. Ka genoss nach dem Staub des Hexenkellers die frische Luft, doch Lisa sah immer noch bleich und bedrückt aus. Sie ließ sich in einen Sessel fallen. Ka sah sie besorgt an: "Was ist mit dir? Die Zutaten bekommen wir schon."
"Das ist es nicht." Lisa zog sich zusammen. "Sie haben Tine von der Schule wieder nach Hause geschickt. Sie muss sich immer wieder übergeben und wirkt ganz schwach. Sie ist jetzt oben in ihrem Zimmer, weil sie auf keinen Fall zu unserer Mutter wollte.
Ich habe mit Mama telefoniert und ihr vorgeschlagen, dass Tine hierbleiben kann. Zum Glück hat sie zugestimmt, ich bin ja da, um Tine zu versorgen." Lisas Stimme brach, sie schniefte, schwieg einen Augenblick lang, Tränen liefen ihr über das Gesicht. "Aber ich weiß nicht, was ich tun soll. Tine ist krank von dem Biss. Und außer Blutoka verträgt sie nichts, von allem anderen wird ihr schlecht." Lisa schluckte. "Was ist, wenn die Auswirkungen noch schlimmer werden? Ich habe doch keine Blutkonserven."
Lisa hatte sich ganz in ihren Sessel eingerollt. Ka hockte sich daneben. "Wir finden eine Lösung. Was ist mit Miriam?"
"Miriam kommt vorbei, aber sie weiß auch nicht, wie sie Tine helfen kann. Sie hat, glaube ich, auch Angst um Tine."
"Sollen wir mal nach ihr sehen?"
Lisa schüttelte den Kopf. "Nein, momentan schläft sie."
"Dann lass uns doch einen Moment rausgehen. Es ist wunderbar in der frischen Luft.
Und wir könnten nach dem Schnabeldrachen schauen."
Auch Lisa sah jetzt sehnsüchtig nach draußen und wischte sich die Tränen ab. "Ja, ich habe vorhin auch schon an ihn gedacht. Hoffentlich geht es ihm gut.
Aber vorher will ich dir noch etwas zeigen."

Lisa zog Ka mit sich, ihre Augen leuchteten auf einmal wieder. Lisas Begeisterung erinnerte Ka an ihre erste Begegnung, als Lisa ihr das Haus gezeigt hatte. Nur ein kleiner Schatten zeigte, dass Lisa ihre Sorge um Tine trotzdem nicht vergessen hatte.
Zuerst zog sie Ka in die Küche. Dort auf dem Tisch stand das alte, leicht grünliche Einmachglas mit dem Gespensterpulver, das Ka an ihrem ersten Tag bei Lisa im Hexenkeller gesehen hatte. Lisa nahm sich eine Handvoll. Ka wurde neugierig: "Was willst du mit dem Pulver? Hast du Gespenster gefunden?"
Lisa nickte nur und legte den Zeigefinger auf die Lippen. Sie zog Ka weiter die Treppe hinab, die von der Küche aus in die dunklen Kellerräume der Villa führte.
Im Kellergang war die Luft kühl und feucht. In finsteren Winkeln raschelte es. Das Licht fiel nur matt durch die Kellerfenster, Kas Augen mussten sich erst an das Dunkel gewöhnen. Die Luft roch auch hier nach Staub.
Lisa steuerte zielstrebig auf den Waschkeller zu. Hier wurde es etwas heller und durch das geöffnete Fenster kam ein wenig frische Luft herein. Lisa sprang zur Waschmaschine und warf das Pulver in den dunklen Zwischenraum dahinter.
Ka sah auf einmal mehrere kleine Geister, nicht größer als ihre Hand. Sie waren durch das Gespensterpulver sichtbar geworden und leuchteten schwach. Das Pulver funktionierte also tatsächlich! Mit großen Augen wirbelten die Kleinen erschreckt um sie herum. Nun konnte Ka auch ihre verstörten Laute hören: "Mibiib, Mibiib!"
Sie sah Lisa an. "Die können einem fast leidtun."
Lisa lächelte zaghaft. "Schau mal."
Sie zeigte hinter die Waschmaschine. Dort lagen, auch schwach leuchtend, alte Socken und eine Unterhose. Ka starrte verwundert auf die gespenstisch leuchtende Wäsche. "Gespenstersocken?"
Lisa schüttelte den Kopf. "Nein, das sind ganz normale Socken. Ich habe sie schon vermisst. Aber diese kleinen Gespenster haben sie zum Nestbau benutzt." Sie lächelte. "Das sind Tupuks, ich kannte sie bis heute Mittag auch nur aus dem Folianten. Alles, was sie einschleimen wird unsichtbar, genauso wie sie. Die Schleimschicht muss aber immer wieder erneuert werden, damit der Effekt anhält. Und nur in ihrem Nest wird alles dauernd neu eingeschleimt. Früher haben Tupuks in alten, umgefallenen Bäumen tief im Wald gelebt. Nur gibt es die ja kaum noch."
Ka dachte kurz nach. "Das sind sicher auch Kulturfolger, wie Amseln und Waschbären." Sie überlegte noch einen kurzen Augenblick und fuhr dann nachdenklich fort: "Wahrscheinlich haben sich Tupuks auf Waschmaschinen spezialisiert und leben jetzt dort, weil es nicht mehr genug umgestürzte Bäume gibt. Ich wette, wir haben auch Tupuks, meine Mutter vermisst ständig Socken. Vermutlich sind Tupuks heute weiter verbreitet als früher."
Lisa stimmte ihr zu: "Klar, Waschmaschinen gibt es ja genug."

Auf einmal hörte Ka ein Geräusch hinter sich. Als sie sich umdrehte, standen drei große Vampirhunde vor ihr im Waschkeller. Sie waren aus dem Nichts aufgetaucht. Ka hatte den Eindruck, dass es auf einmal dunkler und kälter im Keller war. Ihre Beine wollten ihr nicht mehr gehorchen, mühsam drückte sie sich an die Kellerwand. Wo kamen die Vampirhunde nur her? Wie sollten sie sich verteidigen? Sie brüllte: "Lisa, Vorsicht!"
Doch Lisa war völlig unbeeindruckt - sie lachte nur. Und die Vampirhunde trugen blauweiße Ringelsocken. Ka schaute genauer hin: eindeutig blauweiße Ringelsocken.
Was ging hier vor? Die Vampirhunde fletschten die Zähne und stimmten ein fürchterliches Geheul an. Lisa lachte immer noch: "Die sind nicht echt, das sind nur Illusionen, die die Tupuks erzeugen." Mit dieser Bemerkung ging sie einfach durch die Hunde hindurch.
Ka musste zweimal tief Luft holen, bevor sich ihre Erstarrung löste. Sie brauchte noch einige Atemzüge lang, um sich zu überwinden und Lisas Beispiel zu folgen. Aber nachdem sie auch einmal durch die bedrohlich knurrenden Hunde hindurchgegangen war, verlor sie ebenfalls jede Furcht. Die Vampirhunde existierten nicht wirklich.
Lisa sah Ka begeistert an: "Die Tupuks haben zu ihrem Schutz die Fähigkeit entwickelt, Illusionen zu erzeugen. Außerdem sind sie hervorragend im Nachahmen von Geräuschen. Das sind aber alles nur Täuschungen. So stand es im Folianten. Du kannst das auch am Zimtgeruch erkennen." Ka nahm den Geruch erst jetzt bewusst wahr, nachdem Lisa es gesagt hatte. Der Keller roch intensiv nach Zimt. Sie hatte außer den Vampirhunden gar nichts mehr beachtet. Außerdem bemerkte sie jetzt, dass einige der kleinen Gespenster neugierig hinter der Waschmaschine hervorlugten. Das furchtsame Mibiib der Kleinen hatte sich in eine Art Giggeln verwandelt. Ka sah zu den kleinen Gespenstern hinüber. "Es scheint ihnen Spaß zu machen."
Lisa nickte. "Außerdem versehen Tupuks ihre Täuschungen häufig mit unpassenden Zusätzen. Wahrscheinlich sollen sie dadurch schrecklicher wirken." Ka dachte kurz an die Ringelsocken. Nun kam ihr ihre Furcht dumm vor. Lisa blickte sie verständnisvoll an. "Als ich die Tupuks heute Mittag entdeckt habe, hatte ich zuerst auch Angst, obwohl ich aus dem Folianten wusste, dass es nur Täuschungen sind."
Ka sah sie überrascht an. "Haben sie dich auch mit Vampirhunden erschreckt?"
Lisa verzog ihr Gesicht. "Mmh, nein, meine Mutter stand plötzlich vor mir." Lisa war das offensichtlich peinlich.
Ka grinste mitfühlend. Sie hatte Lisas Mutter bisher nicht kennengelernt, wusste aber aus Lisas Erzählungen, dass sie Lisa immer kritisierte.
Lisa hatte eines der kleinen Gespenster auf die Hand gelockt. "Vielleicht kann ich eins zähmen!"
Ka lächelte. "Niedlich sind sie ja."

Langsam ließ die Leuchtkraft des Gespensterpulvers nach und die kleinen Geister wurden wieder unsichtbar. Doch auch Lisas Handfläche wurde unsichtbar, der Tupukschleim zeigte seine Wirkung, die aber nur wenige Minuten anhielt. Lisa wedelte mit ihrer unsichtbaren Hand durch die Luft. "Ich werde es zumindest versuchen."
Ka spürte jetzt wieder die Kälte des Kellers und roch den Staub. Sie schaute durch das Kellerfenster nach draußen und dachte an die frische Frühlingsluft. Die Dunkelheit im Keller ließ sie wieder müde werden. Sie sah Lisa an. "Wir wollten doch nach dem Schnabeldrachen sehen!"
Lisa nickte. "Ja, lass uns schauen, wie es ihm geht. Ich habe zwar noch etwas entdeckt, oben unter dem großen Schrank in der Eingangshalle, aber das kann ich dir auch ein anderes Mal zeigen."

Draußen hinter der Villa unter den alten Bäumen hätte sich Ka am liebsten ins Gras gelegt und durch die Baumwipfel in den Himmel geschaut. Im Vergleich zum Keller war es im Schatten der Bäume warm und die Luft roch frisch. Sie hörte das Rauschen des Windes in den Wipfeln. Ka sah durch die grünen Baumwipfel hindurch weiße Wolken und blauen Himmel.
Lisa ließ den Kopf hängen. Sie schaute Ka hilflos an. "Ich muss immer an Tine denken."
Ka versuchte sie zu beruhigen: "Wir sind doch auch noch da." Da stand plötzlich Sara vor ihnen.

Sie war ziemlich außer Atem. "Puh, ich bin die halbe Strecke hierher gerannt, sonst wäre es noch später geworden. Habt ihr schon nach dem Schnabeldrachen geschaut?"
Ka schüttelte den Kopf. "Nein, wollten wir gerade machen."
Sara sah sie verständnislos an. "Ihr habt euch noch gar nicht um ihn gekümmert?"
Ka fühlte sich durch Saras Tonfall angegriffen und giftete zurück: "Wir hatten anderes zu tun. Und Lisa musste sich um Tine kümmern."
Sara blickte sie sauer an. Einem Augenblick lang versank sie in Schweigen.
Der Schnabeldrache war ganz allein. Ganz anders als die anderen Wesen um ihn herum. Sie fühlte sich oft selbst so, so allein und unverstanden. Nur Ka verstand sie irgendwie, meistens jedenfalls. Und nun verriet Ka den kleinen Drachen! Sara spürte einen Kloß im Hals. Sie wusste nicht, was sie tun sollte und hätte ihrer besten Freundin fast ins Gesicht geschrien.
Ka spürte Saras Verletzung und Wut. Sie ging auf Sara zu. "Tschuldigung, das war nicht so gemeint." Sie erklärte ihr kurz, wie es Tine ging.
Auch Sara kam sich jetzt dumm vor. Sie biss sich auf die Lippen und sah Ka an: "Tut mir auch leid, ich hatte nur Angst um den kleinen Schnabeldrachen und habe gar nicht an Tine gedacht." Sie ging zu Lisa. "Wenn du Hilfe brauchst, musst du das sagen."
Lisa schaute sie an. "Ist schon gut."
Ka seufzte. "Dann lasst uns nach dem Kleinen schauen."

Ka lief voraus in den hinteren Teil des Gartens. Sara und Lisa folgten ihr.
Unter den Bäumen am Teich im Dunkel der Büsche mussten sich ihre Augen nach der Helligkeit erst einmal an die wenigen Tropfen Licht gewöhnen, die hier den Boden eher verdunkelten als erhellten, bevor sie anfangen konnten zu suchen. Hier war es dunkler als vorhin im Keller und ihr Atmen war das lauteste Geräusch.
Auf dem Teich sah Ka keinen Schnabeldrachen und auch im Holzverschlag war er nicht. Beunruhigt blickte sie zu Sara und Lisa: "Seht ihr ihn?" Beide schüttelten den Kopf. Nun kroch auch Ka die Angst im Nacken hoch, Angst um den kleinen Drachen. "Lasst uns das Ufer absuchen."
Sie zwängten sich durch das Ufergebüsch um den Teich herum, ab und zu versanken sie im Matsch. Doch nirgends war der kleine Schnabeldrache, Ka fand nur viele Spuren von Vampirhunden. Lisa sah verzweifelt auf die Abdrücke: "Vielleicht haben sie ihn getötet?" Ka schüttelte den Kopf, schwieg aber. Sie befürchte jetzt auch das Schlimmste. Sara kaute auf ihrer Lippe herum und Lisa blickte mit großen Augen ins Dunkel.
Sie suchten weiter.

Als sie wieder am Holzverschlag ankamen, blieb Sara plötzlich stehen. "Psst, da ist etwas." Sie horchte, nun hörte auch Ka ein ganz leises Fauchen. Sara kroch tief in den Verschlag, obwohl sie dazu durch das Brackwasser waten musste, ihre Füße platschten im Schlamm. Ganz hinten in einer Ecke unter einigen Brettern lag der Schnabeldrache. Sara zwängte sich in die Ecke und hob eins der Bretter an. Sie wurde bleich. "Er blutet, sein Flügel ist viel stärker verletzt als vorher." Bedrückt sah sie auf. "Er reagiert kaum noch."
Lisa kroch sofort zu ihr in den Schuppen. Vorsichtig streichelte sie den Schnabeldrachen. Ganz leise erklang eine seltsame Art Schnurren, das ein bisschen Ähnlichkeit mit Schnarchen hatte. Nur die Augen bewegten sich. "Wir müssen ihm helfen."
"Aber wie?"
"Er braucht etwas zu Essen und zu Trinken."

Lisa sauste hinaus und fand einen alten, kaputten Topf, mit dem sie etwas Wasser schöpfte und dem Drachen hinstellte. Doch der kleine Drache nippte nicht einmal daran. Er ließ einfach den Kopf hängen und schaute nur traurig in ihre Richtung. Seine großen dunklen Augen blickten Lisa hilfesuchend an.
Ka hatte etwas altes Weißbrot in einer Tasche. Sie weichte es ein, aber der Drache war zu schwach. Er schloss die Augen. Lisa liefen die Tränen herab, sie konnte nichts dagegen tun. Ka legte ihr den Arm um die Schulter. "Wir werden ihn gesundpflegen." Doch Lisa schluchzte nur, es war zu viel für sie, erst Tine jetzt der Drache.
Sara war auch immer noch blass. Sie holte den Drachen vorsichtig aus der Ecke und setzte ihn auf ihren Schoß. "Er atmet noch. Wir müssen ihn verbinden und ihm ein Nest bauen."

Langsam beruhigte sich Lisa wieder, sie nickte und wischte die Tränen ab, dabei schmierte sie sich Schmutz ins Gesicht, aber das war ihr egal. Sie lief los, um Verbandsmaterial zu holen.
Ka schob eine kleine Erhöhung aus Erde zusammen, einen trockenen Untergrund für das Nest. Durch die Spalten des Bretterverschlags fiel Sonnenlicht auf die Stelle. Darauf baute sie aus trockenen Zweigen das Nest, in welches Sara vorsichtig den Schnabeldrachen bettete. Sara hatte ihn inzwischen mit dem Verbandsmaterial verbunden, das Lisa gebracht hatte.
Das kleine Tier schlief. Sein Atmen war kaum noch zu vernehmen. Eine Weile blieben sie still im Bretterverschlag sitzen, dann zog Ka Lisa mit hinaus. Lisa war immer noch zum Heulen zumute. Sara folgte ihnen mit bleichem Gesicht: "Er muss etwas fressen."
"Aber was?"
"Erinnerst ihr euch an die Beschreibung im Folianten, da stand doch, dass Schnabeldrachen als Jungtiere Alkohol und vergorenes Obst zu fressen kriegen."
Ka überlegte einen kurzen Augenblick: "Meine Eltern haben vor einer Weile Rumtopf angesetzt."
Lisa sah sie fragend an. "Rumtopf?"
Ka nickte. "Rumtopf wird aus Früchten, Rum und Zucker hergestellt. Die Früchte und der Zucker werden mit hochprozentigem Rum übergossen. Die Früchte vergären im Rum und werden selbst alkoholisch."
Sara sah Ka an. "Kannst du ihn holen?"
"Na ja, er steht in der Abstellkammer. Ich kann ein bisschen davon in eine Karaffe abfüllen. Mit etwas Glück bemerken das meine Eltern nicht. Sie wissen nie, was sie noch an Getränken in der Abstellkammer haben." Sie dachte kurz nach. "Sonst muss ich ihnen sagen, dass ich dagegen gekommen bin und einen Teil verschüttet habe." Eigentlich belog sie ihre Eltern nur ungern.
Aber auch Lisa sah Ka bittend an: "Die Früchte sind sicher genau das Richtige für ihn."
Ka seufzte. "Ich hole was." Sie lief schnell nach Hause.

Kas Eltern hatten den Rumtopf in einem großen Steinguttopf angesetzt. Sie füllte einen ganzen Liter mit vielen Früchten in eine Glaskaraffe ab. Dann lief sie zurück zu den anderen. Vorsichtig füllte sie etwas von der alkoholischen Flüssigkeit in den alten Topf und tat auch einige der Früchte hinein. Es roch stark nach Alkohol.
Sara hielt dem kleinen Drachen den Topf direkt vor den Schnabel, doch der reagierte nicht. Vorsichtig benetzte Sara seinen Schnabel mit etwas Alkohol und kraulte das kleine Tier. Endlich rührte er sich und begann, die Flüssigkeit aufzuschlabbern. Es funktionierte! Leise drang das Geräusch, das er dabei machte, durch die Stille des Nachmittags, dann verschlang er auch zwei der Früchte. Mit großen Augen sah er sie an.
Danach schlief er ein.

Ka, Lisa und Sara gingen schweigsam zurück zum Haus. Lisa weinte leise. Ka nahm sie in den Arm. "Er wird wieder gesund." Sara sah stur geradeaus. "Er muss wieder gesund werden!"
Lisa schniefte. "Die sind so fies."

Als sie oben auf dem Dachboden ankamen, blickte Sara starr aus der Luke. "Wir müssen einen besseren Platz für ihn finden!" Ihr Tonfall ließ keinen Raum für Widerspruch. Ka sah ihre Freundin an. "Wir werden einen besseren Platz für ihn finden." Lisa zitterte immer noch, trotzdem klang auch ihr "Ja" entschlossen. Schweigend sahen sie nach draußen. Sie saßen eine ganze Weile so da, bis Lisa aufstand. "Ich muss nach Tine schauen."
Ka stand auch auf. "Dürfen wir mitkommen?" Lisa nickte.
Zusammen liefen sie nach unten in Tines Zimmer.

Das Zimmer war abgedunkelt, nur ein bisschen Licht drang durch die schweren Vorhänge. Miriam war inzwischen gekommen, sie begrüßten sie und Tine.
Miriam freute sich, sie zu sehen und auch Tine versuchte zu lächeln. "Hallo." Sie sah sie an: "Macht euch keine Sorgen um mich."
So richtig beruhigte sie das aber nicht. Tine sah bleich und krank aus. Miriam hatte sich neben sie gelegt Tine kuschelte sich fest an sie und genoss die Kühle, die Miriam ausstrahlte. Tine war es heiß und gleichzeitig fror sie. Nur Miriams Nähe half.
Miriam lächelte, doch zwischendurch sah Ka kurz in ihren Augen, dass auch Miriam Angst hatte.
Lisa brachte Tine noch den Rest Blutoka und etwas Wasser zu Trinken. Sie sah die anderen an. "Woher kriegen wir mehr Blutoka?"
Sara antworte ohne zu Zögern: "Wir bitten Kolja, ein paar Flaschen mitzubringen."

Dann ließen Lisa, Sara und Ka die beiden allein. Sie hatten irgendwie den Eindruck zu stören.
Sara stieß Ka in die Seite. "Lass uns noch mal nach dem Schnabeldrachen sehen und ihm mehr Rumtopf geben." Ka stimmte zu. Lisa blieb in der Küche sitzen, sie war immer noch bedrückt. Ka und Sara versprachen, schnell wiederzukommen. Lisa lächelte schwach. "Bis gleich."
Ka und Sara beeilten sich. Der Schnabeldrache schnarchte leise und gleichmäßig. Das kleine Tier hatte sich jetzt ganz unter den Zweigen verkrochen. Der Topf war allerdings leer, er musste zwischendurch gefressen haben. Sie füllten ihn wieder auf.
Danach liefen sie zurück zur Küche und verabschiedeten sich; sie mussten wieder nach Hause. Ka umarmte Lisa noch einmal. "Mach dir nicht zu viele Sorgen, wir kommen morgen wieder."
Sara ergänzte noch: "Wir schauen jeden Tag rein. Und wenn du was brauchst, sagst du es einfach."

Als Lisa allein war, musste sie trotzdem schniefen. Sie hatte einfach Angst.

Auch Dienstag war die Luft trotz der Sonne frisch und kühl. Ka sog sie tief ein und ließ ihren Gedanken freien Lauf. Dann erinnerte sie sich an ihr Versprechen bezüglich der Zutaten für Lisa.
"Aalaugen und Kakerlaken", Sara verzog ihre Nase, als Ka ihr auf dem Schulweg erzählte, welche Zutaten Lisa brauchte. Doch sie wusste für die Kakerlaken gleich eine Lösung. "In der Schule gibt es Kakerlaken."
Und tatsächlich kroch mitten im Deutschunterricht eine Kakerlake unter dem Heizungsrohr hervor. Sara gelang es, das Insekt mit einem gezielten Wurf ihres Schulbuches zu erlegen. Leider hatte ihr Deutschlehrer kein Verständnis für die Notwendigkeit der Kakerlakenjagd. Sie bekamen beide eine Extraaufgabe für zuhause. Aber die tote Kakerlake konnten sie am Nachmittag Lisa überreichen.
Lisa umarmte sie stürmisch. "Ihr seid tolle Freundinnen!" Dann verschwand sie mit der zerquetschten Kakerlake in ihrem Hexenkeller.

Sara und Ka liefen zum Teich, um den Schnabeldrachen zu versorgen.
Sara stürmte gleich in den Holzverschlag. Der kleine Schnabeldrache sah ihr mit großen Augen entgegen. Er war immer noch schwach, bettelte Sara um Futter an und streckte ihr den Schnabel entgegen. Sie begrüßte ihn, indem sie ihm über den Kopf strich. "Na, Kleiner?" Als sie ihm etwas Rumtopf gab, schlang er die alkoholischen Früchte sofort gierig herunter. Dann knibbelte er an Saras Hand und ihrer Hose und folgte mit seinem Blick jeder ihrer Bewegungen. Sara ließ sich erweichen und gab ihm noch ein paar Früchte: "Nimmersatt." Doch gerade als sie den alten Topf füllte, musste das kleine Tier aufstoßen. Eine Stichflamme traf Sara. "Aua!"
Freudestrahlend wandte sich Sara an Ka. "Siehst du, der Rumtopf ist genau das Richtige für ihn!"

Dann gingen sie zurück zu Lisa, die inzwischen wieder in der Küche saß. Lisa wirkte müde und ruhelos. Ka versuchte, sie zu beruhigen. "Dem kleinen Drachen geht es schon besser und Tine sicher auch bald."
Lisa lächelte schwach.
Kurz bevor die beiden gehen mussten, schaute Kolja vorbei, er brachte Blutoka für Tine. Es schien wirklich das Einzige zu sein, was sie zurzeit vertrug.

Tine lag die meiste Zeit nur frierend und zitternd im Bett. Lisa gelang es nicht, die Angst um ihre Schwester vor ihrem Vater zu verbergen.
Zum Glück hielt ihr Vater Tines Unwohlsein für eine normale Magen- und Darmgrippe. Er drückte Lisa fest: "Du brauchst keine zu Angst haben, das sieht schlimmer aus als es ist und geht bald vorbei."
Lisa schniefte. Was sollte sie ihrem Vater antworten?

Ihr Vater bemerkte natürlich auch Miriam, die fast jeden Tag vorbeikam. Doch er hielt sie einfach für eine enge Freundin von Tine. "Es ist wirklich sehr fürsorglich, dass du dich so um Tine kümmerst." Er sah Miriam besorgt an. "Aber pass bitte auf, dass du dich nicht ansteckst."
Miriam nickte. "Danke, da müssen Sie sich keine Sorgen machen."

Blixa achtete darauf, unbemerkt zu bleiben. Selbst Lisa sah sie kaum. Sie war meistens nachts unterwegs und schlief tagsüber.

Auch für die Aalaugen fand Sara eine Lösung. Ihre Großmutter kaufte ab und zu Fischabfälle, um sie unter das Hühnerfutter zu mischen. Sara brachte Mittwochnachmittag einfach alle Fischaugen mit, die sie im Abfall fand. Lisa war in der Küche. Sie erdrückte Ka und Sara fast vor Begeisterung. Ihr Hexenrezept war eines der wenigen Dinge, die sie von ihrer Angst um Tine ablenkten.
Ka fiel dabei ein, dass Lisa außer den Tupuks noch etwas entdeckt hatte. "Was hast du eigentlich in der Eingangshalle gefunden?"
Lisa tat geheimnisvoll. Ka sah sie an. "Komm, sag schon." Lisa grinste. "Ich zeige es euch." Sie griff in das alte grüne Einmachglas mit dem Gespensterpulver, das immer noch in der Küche stand, und zog Ka und Sara mit in die Eingangshalle.

In der Eingangshalle war es trotz des anhaltenden sommerlichen Wetters immer noch kühl und dunkel. Kaum ein Geräusch drang von draußen herein, nur das Ticken der Standuhr fiel Ka wieder auf. Lisa zeigte auf einen alten, nachgedunkelten großen Eichenschrank.
"Schaut unter den Schrank."
"Ich sehe nur Staub." Ka musste niesen.
Sara zuckte auch nur mit den Schultern, nachdem sie unter den Schrank geschaut hatte. Unter dem Schrank lag nur eine riesige Menge Staub.
Lisa gab den beiden Zeichen: "Legt euch hin." Die drei legten sich vor den Schrank und schauten darunter. Ka fand das etwas albern, warum sollten sie sich Staub ansehen? Lisa nahm das Gespensterpulver und blies es unter den Schrank.
Auf einmal formte sich im durchsichtigen Leuchten des Gespensterpulvers unter dem Schrank ein kauendes, breites Gesicht ohne Körper. Es fraß bedächtig wie eine Kuh, erinnerte vom Aussehen her aber eher an das Krümelmonster aus der Sesamstraße. Es sah im grünlichen Leuchten aus, als könnte es auch Menschen verspeisen. Ka zuckte zurück und bemerkte aus den Augenwinkeln, dass auch Sara nicht wohl zumute war, doch da Lisa in keiner Weise beunruhigt wirkte, blieben auch sie und Sara flach liegen.
Sie stieß Lisa an: "Was ist das?"
"Ein Staubmonster. Ich habe nachgeschlagen, Staubmonster fressen Luft und filtern den Staub heraus, den scheiden sie dann aus. Deshalb kannst du immer erkennen, wo sich Staubmonster eingenistet haben: Dort liegt ganz viel Staub. Und falls du den Staub entfernst, ist ganz schnell wieder alles voll Staub, sogar noch mehr als vorher. Je mehr du putzt, desto schneller wird es wieder staubig. Putzen regt die Verdauung von Staubmonstern an. Deshalb ist Putzen an Orten, wo Staubmonster leben, völlig sinnlos.
Meine Ururgroßtante hat ganz viele handschriftliche Bemerkungen zu Staubmonstern ergänzt und richtige Forschungsarbeit dazu betrieben."
Ka betrachte das luftfressende Monster. "Unter meinem Bett zu Hause ist, glaube ich, auch eins."
Lisa sah sie an. "Was hast du für ein Bett?"
"Ein altes Erbstück, groß und aus Holz."
Lisa nickte. "Dann kann das gut sein. Meine Ururgroßtante schreibt, dass die dunklen Ecken unter alten schweren Holzbetten zu den Lieblingsplätzen von Staubmonstern gehören."
Ka überlegte. "Das muss ich unbedingt meiner Mutter erzählen, die denkt immer, ich würde nicht richtig putzen."
Lisa hielt das für keine gute Idee. "Ich glaube nicht, dass Eltern das begreifen. Die behaupten einfach, du würdest nur eine Ausrede suchen.
Und falls dir deine Mutter glauben würde, wäre es noch schlimmer. Sie würde dann alles Stück für Stück wissen wollen."
Ka seufzte. "Wahrscheinlich hast du Recht."
"Das Einzige, was gegen Staubmonster hilft, ist laut meiner Ururgroßtante das Ausstreuen von Nieswurzpulver bei Neumond."
Langsam verblasste die Wirkung des Gespensterpulvers und unter dem Schrank war nur noch Staub zu sehen.

Die nächsten Tage und das Wochenende vergingen mit der Pflege des Schnabeldrachens und der Sorge um Tine.
Ka brachte noch mehr Rumtopf mit. Sie musste gegen Ende der Woche die dritte Karaffe abfüllen, jetzt war der Steinguttopf zu drei Vierteln leer. Sie hoffte auf die Schusseligkeit ihrer Eltern, hoffentlich hatten sie den Rumtopf bereits vergessen.

Inzwischen kam der kleine Drache angewatschelt, sobald er Sara hörte und den Rumtopf roch. Er wurde zusehends kräftiger und spie ständig kleine Flammen. Sara saß oft bei ihm, streichelte und beobachtete ihn. Sie hatte das kleine Tier liebgewonnen und fürchtete sich vor dem Tag des Abschieds.
Doch der kleine Drache konnte nicht bleiben. Der Zwischenfall mit den Vampirhunden hatte gezeigt, dass es hier für ihn nicht sicher war.
Das kleine Tier sprang Sara jetzt schon von selbst auf den Schoß, ließ sich kraulen und sah sie mit großen Augen fast hypnotisch an. Dabei stieß der Drache schnatternd schnarchende Laute aus. Das hieß: "Ich will noch mehr Rumtopf!"
Sara streichelte ihn sanft und lächelte traurig. "Alki."

Als Ka an einem Nachmittag allein mit Tine im Zimmer war zuckte Tine auf einmal zusammen. Ka sah sie an. "Was ist denn?"
Tine sah auf ihre Hände. "Nichts", sie zögerte kurz und sah dann Ka an, "nichts von Bedeutung. Ich habe mich noch nicht daran gewöhnt, dass ich jetzt auch Ultraschall hören kann. Irgendein Idiot benutzt hier in der Umgebung immer eine Hundepfeife." Tines Blick war unsicher. "Ich merke, dass sich meine Sinne verändern, mein Körper, mein Fühlen. Meine Körpertemperatur ist um zwei Grad gesunken. Licht kann ich gar nicht ertragen. Dafür kann ich im Dunkeln besser sehen."
Ka hatte sich daran gewöhnt, dass die Vorhänge in Tines Zimmer jetzt immer zugezogen waren. Sie lehnte sich an eine Kommode. "Und, wie ist das?"
Tine lächelte schwach. "Auf der einen Seite ist es schön. Ich spüre, wie ich langsam vampirischer werde", sie wurde leicht violett, "manches ist aber auch beängstigend." Sie schluckte und sah Ka genau an. "Auch mein Geruchssinn ändert sich. Einige Dinge, die früher unangenehm gerochen haben, riechen auf einmal anziehend, wie feuchte Kellerwände. Und", sie sah auf die Bettdecke, "und Blut, frisches Blut rieche ich durch die Haut. Lisas Geruch nach frischem Blut ist unglaublich! Aber du darfst ihr das nicht sagen, ich will sie nicht beunruhigen." Sie sah Ka an: "Versprichst du das?" Ka nickte.
Tine brauchte viel Schlaf, ihr Körper rebellierte immer noch gegen die Umwandlung und sie musste mit ihren neuen Gefühlen und den Veränderungen ihrer Sinne klar kommen.
Miriams Unterstützung half ihr.

Miriam half Tine, wo sie konnte, nur überbeanspruchte sie dabei ihre eigenen Kräfte. Tine ließ sie davon nichts merken, aber Blixa konnte sie nicht täuschen.
Blixa sah ihre Erschöpfung. Sie sprach deshalb eines Abends Lisa in der Küche an. "Miriam achtet nicht genug auf sich. Sie hat Tine bei dem Biss mit Blutaustausch zu viel Blut überlassen."
Lisa sah sie überrascht an. "Wieso?" Einen Augenblick lang schwieg Blixa und sah aus dem Fenster. Dann wandte sie sich zu Lisa. "Bei einem Biss mit Blutsaustausch wird es für die Übergängerin leichter, wenn die Vampirin der Übergängerin mehr eigenes Blut zukommen lässt, als sie getrunken hat." Blixa machte eine kurze Pause und fuhr dann unruhig fort. "Miriam hat Tine massiv eigenes Blut übertragen, um es ihr so leicht wie möglich zu machen. Viel mehr, als sie getrunken hat. Dadurch ist sie sehr geschwächt." Sie sog den Atem ein. "Ich fürchte, dass sie selbst krank wird. Sie braucht eigentlich Ruhe, um sich zu erholen, aber sie kümmert sich die ganze Zeit nur um Tine. Wenn Miriam so weitermacht, ist das gefährlich." Blixa fauchte, zeigte ihre Vampirzähne und sprach mit ängstlich-wütender Stimme weiter: "Und sie will nichts dazu hören. Sie hat mich kalt abgewiesen, als ich ihr das gesagt habe."
Lisa sah, dass Blixa wirklich Angst um Miriam hatte. Blixa wirkte auf einmal hilflos. Lisa fühlte sich schuldig, auch sie hatte die ganze Zeit nur an Tine gedacht. "Was können wir denn tun?"
Blixa zerknüllte eine Reklame, die auf dem Tisch lag. "Ich weiß nicht. Am besten wäre es, wenn Miriam Menschenblut trinken würde. Ihr Körper ist daran gewöhnt, aber zurzeit scheint sie gar nichts zu essen."
Lisa wurde bleich. Wo sollten sie Menschen zum Blutabzapfen herbekommen? Sie schwieg. Dann sah sie aus dem Fenster. "Meinst du, Blutoka würde ihr auch helfen?"
Blixa zuckte mit den Schultern. "Besser als nichts."
"Dann muss Kolja eben noch mehr mitbringen. Ich werde Miriam ab morgen auch immer eine Flasche hinstellen."
Beide schwiegen noch eine Weile. Dann ging Lisa ins Bett.

In dieser Nacht hatte sie einen Alptraum, sie wachte schweißgebadet auf.
In ihrem Traum hatte Miriam sich über sie gebeugt. Eine Miriam, wie sie sie noch nie gesehen hatte, mit kalten Augen, die ihren Hals fixierten. "Ich habe Hunger."
Doch dann war es plötzlich gar nicht mehr Miriam, sondern ihre Schwester und sie sah die Vampirzähne. Dann spürte sie die Zähne in ihrem Hals. In dem Moment war sie angsterfüllt aufgewacht.
Sie kam sich dumm vor, sie wusste, dass weder Miriam noch Tine so etwas tun würden. Oder doch? Einen Augenblick lang dachte sie noch nach.
In letzter Zeit sah ihre große Schwester sie manchmal so komisch an und dann schien sie Lisa bewusst fortzuschicken. So, als wäre Lisa eine große Portion Schokoladenpudding, die ihr während einer Diät angeboten wurde.
Unruhig schlief Lisa wieder ein.
Noch hatte Tine ja nicht einmal ansatzweise Vampirzähne.

Zum Glück beruhigte Lisas Vater ihre Mutter über den Zustand von Tine und überzeugte sie, dass Tine gut versorgt war. Aus seiner Sicht war es ja nur eine Grippe und Tine schon auf dem Weg der Besserung.
Da ihre Mutter arbeiten musste, war sie ganz erleichtert, Tine in der Obhut ihrer Schwester und ihres Vaters zu wissen.
Lisa fürchtete nur, dass sie irgendwann vorbeikommen würde.

Montag am Spätnachmittag waren sie ausnahmsweise wieder alle fünf beisammen. Kolja brachte eine ganze Kiste Blutoka vorbei und Blixa hatte Lust gehabt, die anderen wieder mal zu sehen. Sie kannten sich alle, mit Ausnahme von Ka und Sara, gerade eine gute Woche und doch hatten sie den Eindruck, sich schon viel länger zu kennen.
Sie saßen wieder einmal auf dem Dachboden und genossen die frische Luft, erzählten sich, was in den letzten Tagen passiert war, und lachten.
Lisa betrachtete die Wolken, die sich im Licht des Nachmittags, das durch die Bäume in die Dachluke fiel, in den Saftgläsern spiegelten. Die Stimmen von Ka, Sara, Blixa und Kolja beruhigten sie und Tine ging es langsam besser. Sie fühlte sich das erste Mal seit Tagen wieder unbeschwert und fröhlich.
Kolja ließ sich von Lisa die Fledermauspfeife geben, die Sara Lisa zur sicheren Aufbewahrung zurückgegeben hatte. Er hatte auch den Zettel mit dem Hinweis ihrer Ururgroßtante dabei. Er las ihn noch einmal laut vor: "Willst du die Pfeife mit den Fledermauszeichen nutzen, lies die Worte - Blut Sutra Zart Zoe Tu Arunsw Deak -, doch beachte, dies ist die Frage und nicht die Antwort, finde zuerst den Sinn der Worte. Der Schlüssel liegt in der 7 viermal geschrieben in der dunklen Richtung. Hüte dich vor der Pfeife ohne Schlüssel!" Dann zog Kolja sich in eine Ecke zurück und schrieb auf einem Zettel herum, leise murmelte er: "Blut Sutra Zart Zoe Tu Arunsw Deak".
Sara sah ihn an. "Blas auf keinen Fall in die Pfeife."
Kolja sah nur kurz auf: "Keine Angst, ich bin nicht Blixa", dann versank er wieder hinter dem Zettel. Blixa grummelte etwas, sagte aber nichts.
Auch Ka überlegte laut: "Blut Sutra Zart Zoe Tu Arunsw Deak - in der dunklen Richtung geschrieben. Was soll das heißen?"
Alle schwiegen. Sara schrieb die Worte rückwärts auf: "Tulb Artus Traz Eoz Ut Wsnura Kaed." Sie zuckte mit den Schultern. "Auch rückwärts gelesen ergeben die Worte keinen Sinn."
Niemand fand eine Lösung. Auch Kolja packte nach einer Weile den Zettel wieder ein und legte die Pfeife beiseite.

Bevor sie gingen, wollte Lisa auch Sara, Kolja und Blixa noch die Tupuks unten im Waschkeller zeigen. Sie hatte ihnen die kleinen Gespenster bereits ausführlich beschrieben. Ka kam auch noch einmal mit.
Im Keller war es im Vergleich zum Dachboden dunkel und kühl. Die kleinen Gespenster wuselten im Schein des Gespensterpulvers durch die Waschküche.
Sara, Kolja und Blixa lachten, doch diesmal erzeugten die Tupuks keine Illusionen.
Dann schien Lisa auf einmal in einem leeren Kellerregal etwas zu suchen. Sie fluchte: "Luftmüll, wo ist das Teil?"
Plötzlich schlug sie sich mit der flachen Hand an den Kopf und ging zum Kellerfenster. "Da ist es ja." Sie schien gefunden zu haben, wonach sie suchte, nur stand dort nichts und sie hatte nichts in der Hand, obwohl sie vorsichtig irgendetwas zu tragen schien. Ka schaute sie verblüfft an. "Was machst du da?"
"Ich habe Tupukschleim in einem luftdichten Einmachglas gesammelt." Lisa seufzte. "Das Einmachglas mit Tupukschleim selbst ist natürlich auch unsichtbar." Sie seufzte wieder. "Ich habe immer Schwierigkeiten, mir zu merken, wo ich es hingestellt habe. Meistens finde ich es aber nach einigem Suchen".
Vorsichtig stellte sie das unsichtbare Glas auf die Waschmaschine. "Der Schleim verliert an der Luft nach kurzer Zeit die Wirkung, unsichtbar zu machen. Luftdicht verschlossen lässt sich der Schleim aber lange aufbewahren."

Blixa sah Lisa mit großen Augen an. "Darf ich ihn mal ausprobieren?" Lisa zögerte kurz, dann überließ sie Blixa vorsichtig das Glas.
Blixa schleimte sich mit der Hand einen Teil ihres Gesichts ein, das nun wirkte wie ein schwarzes Loch. Lisa schluckte. "Das sieht ja gruselig aus." Auch Ka spürte einen Gruselschauer. Dann schleimte Blixa sich den Kopf vollständig ein.
Nun war Blixa kopflos. Die Hand, die Blixa in den Schleim gesteckt hatte, um ihn herauszuholen, war ebenfalls unsichtbar und auf Teilen ihrer Hose, die sie mit der Hand berührt hatte, befanden sich die gleichen schwarzen Löcher.
Auf einmal lief die kopflose Blixa auf Lisa zu und berührte sie mit ihrer unsichtbaren Hand. "Du hast da ein Loch!" Lisa kreischte. Tatsächlich hatte Lisa dort, wo Blixa sie berührt hatte, nun auch ein schwarzes Loch.
Sara kicherte und wurde prompt als nächste von Blixa berührt. Blixa grinste. "Du auch."
Nun lief Blixa auf die anderen zu. Überall hinterließ ihre Hand schwarze, gestaltlose Löcher. Sie versuchten ihr auszuweichen, nur war das in dem kleinen Waschkeller gar nicht so einfach. Nach kurzer Zeit sahen sie alle so löcherig aus wie Schweizer Käse. Ihr Lachen erfüllte den Keller.
Ka war trotzdem froh, dass der Effekt nur kurz anhielt, sie wäre ungern dauerhaft mit Löchern herumgelaufen.
Nach circa zehn Minuten wurde alles wieder sichtbar, zuerst Blixas Kopf.
"Toll." "Boah!" Ka, Sara, Blixa und Kolja waren beeindruckt. "Ein Tarnumhang." Lisa war glücklich.

"Ich bin dabei, eines der Tupuks zu zähmen. Es bleibt schon freiwillig in meiner Tasche." Lisa zeigte auf ein Loch in ihrer Rocktasche. "Ist es nicht süß?" Sie hielt inne und strich zärtlich über das Loch.
Für Ka, Sara, Kolja und Blixa war das Loch nicht von anderen Löchern in dem alten Kleid zu unterscheiden. Vorsichtig strich auch Ka darüber und spürte tatsächlich einen leicht flaumigen, kühlen Hauch. "Kannst du es auch dazu bringen, Illusionen zu erzeugen?"
Lisa schüttelte den Kopf. "Nein, leider noch nicht."
Auf einmal fiel Kas Blick auf ihre Uhr. Sie und Sara hatten die Zeit vergessen und mussten wirklich nach Hause. Sie verabschiedeten sich: "Tschüss!".
Kolja brach ebenfalls auf.
Blixa legte sich noch für einige Stunden in Lisas Hexenkeller schlafen. Sie mochte den leicht fauligen, staubigen Geruch hier unten und die kühle Dunkelheit.

Blixa schlief bis kurz nach Mitternacht und brach dann auf, um die Nacht zu genießen.
Die Nacht war kühl und schwarz, feuchte Nebelschwaden krochen über den Boden. Blixa liebte dieses Wetter.
Sie sprühte VVP und die Vampirgurke mit der Maske auf die alte Mauer eines dunklen Parks. Dann sprang sie auf einen Baum, ließ die Beine baumeln und schaute in die Nacht. Der Wind heulte durch die schwarzen Äste.
Sie dachte zurück an eine kühle, feucht-neblige Nacht vor mehr als dreihundert Jahren. Ihre Eltern hatten noch gelebt. Sie hatte sich zusammen mit einer Freundin einen Spaß daraus gemacht, Reisende auf einer nächtlichen Kutschfahrt im Dunkel des Waldes zu erschrecken.
Das war lustig. Auch damals hatte der Wind alles mit schauriger Musik untermalt.
Dann musste ihre Freundin nach Hause. Blixa hatte noch einen Augenblick lang allein in einer Baumkrone gesessen und in die Nacht geschaut. Die schwarze Nacht fühlte sich damals an wie heute. Auch der Geruch nach feuchtem Laub umfing sie genauso. Dann hatte die Stimme ihrer Mutter nach ihr gerufen.
Ihre Freundin war zurückgeblieben, als Blixa sich mit ihrer Familie schlafen gelegt hatte. Und ihre Mutter würde sie nie mehr rufen. Sie konnte aufbleiben, solange sie wollte. Früher hatte sie sich das gewünscht. Aber alleine, ohne Freundin, war das traurig.
Sie saß eine Zeit lang still da, horchte auf die Geräusche des Windes und beobachte die Bewegung der Blätter und Zweige in der Nacht.

Da hörte sie plötzlich eine Stimme: "Lagern und Nächtigen ist hier verboten. Haben Sie das Schild nicht gesehen?" Blixa kannte die Stimme, sie sprang zwei Baumwipfel weiter und sah, dass unter ihr die blond bezopfte Polizistin mit einer jungen Frau und einem jungen Mann schimpfte, die es sich in einem kleinen Pavillon mit Decken und Wein bequem gemacht hatten. Die junge Frau sah widerstrebend zur Polizistin auf. "Aber hier ist doch niemand. Wir stören doch keinen." Die Polizistin zog an einer der Decken. "Ich kann Sie auch mit aufs Revier nehmen. Haben Sie Ihre Ausweise dabei?"
Blixa sah, dass auch der dicke Polizist etwas weiter hinten auf einem Parkweg stand. Er schnaufte und machte dabei ein ernstes Gesicht.

Blixa schlich durch die Baumwipfel bis zu ihm hin. Dann sprang sie leise neben ihm auf den Weg und tippte ihn mit dem Finger in die Seite: "Hallo."
Erschreckt drehte sich der Polizist mit weit geöffnetem Mund zu ihr um. Blixa lächelte ihn unschuldig an. "Www, www", die Worte blieben dem Polizisten im Mund stecken. Bevor er begriff was passierte, sprang Blixa über ihn hinweg. Der Polizist drehte sich zu ihr um. Blixa streckte ihm die Zunge raus. Dann wich sie so weit zur Seite ins Dunkel einiger Büsche aus, bis sie sicher war, dass der Polizist sie nicht mehr sehen konnte.
Sie schlich lautlos weiter und tauchte dann urplötzlich wieder hinter dem Polizisten auf, der gerade die Büsche untersuchte, hinter denen Blixa verschwunden war. Blixa pfiff durch die Finger. "Hallo, Herr Polizist!" Sie winkte mit den Armen. Der Polizist versuchte, sie zu ergreifen, doch Blixa tauchte wieder im Schwarz der Nacht unter.
Sie sah noch, dass auch die Polizistin mit dem Pferdeschwanz sie nun bemerkt hatte. Blixa hörte ihre Stimme: "Wo ist das Kind?" Die Polizistin kümmerte sich nicht mehr um das junge Paar und lief zu ihrem Kollegen. "Das ist die Kriminelle, die unseren Polizeiwagen besprüht hat."

Blixa lachte im Dunkel. Sie wusste, dass die Polizistin sie nicht sehen konnte. Dann kletterte sie in die Baumwipfel und lockte die Ordnungshüter mit Rufen und Pfeifen durch den Park.
Irgendwann hatte sie genug.

Mit den Beinen schlenkernd beobachtete sie aus einem Baumwipfel, wie die beiden nach ihr suchten. Sie hatte Mühe, sich nicht durch ihr Lachen zu verraten. Die Polizistin kroch gerade in einen Dornbusch, überzeugt davon, dass Blixa dort sein musste.
Blixa dachte darüber nach, was sie sonst noch tun könnte. Da bemerkte sie die Fledermauspfeife in ihrer Hosentasche. Kolja hat sie bei Lisa liegenlassen und sie hatte sie eingesteckt, natürlich nur, um sie zurückzugeben.
Doch nun war sie hier.
Blixa überlegte. Sie selbst war im Baum sicher. Das würde lustig werden. Sie blies mit voller Kraft in die Pfeife und der hohe Ton durchdrang die Stille. Die Polizistin und der Polizist würden eine Überraschung erleben! Gespannt wartete sie, was passieren würde. Doch im schwarzen Dunkel der Nacht war nichts zu sehen oder zu hören.
Nach einiger Zeit schien es zwecklos, weiter zu warten. Sie seufzte leise. "Schade." Doch als sie aufstand, um in den nächsten Baumwipfel zu springen, glitschte sie weg. Sie versuchte sich festzuhalten, doch überall um sie herum krochen Tausende von Maden, unsichtbar im Schwarz der Nacht selbst für sie, auf den Ästen des Baumes umher. Blixa rutschte weg.
"Doch keine so gute Idee mit der Pfeife", dachte sie, als sie vom Baum fiel.

Sie plumpste der Polizistin genau vor die Füße. Die Polizistin grinste breit und böse. "Hab´ ich dich!" Und bevor Blixa sich vom Fall erholt hatte, griff die Polizistin zu und legte ihr Handschellen an. "Du kommst jetzt vor Gericht." Dann schleppte sie Blixa zum Polizeiwagen.
Ihr Kollege sah unglücklich zu ihr hinüber. "Mach dich nicht lächerlich, die Kleine ist doch höchstens elf. Wenn jemand sieht, dass du dem Kind Handschellen angelegt hast!"
Doch die Polizistin ließ sich davon nicht beeindrucken. "Das Kind ist eine Intensivtäterin. Die gehört in eine Erziehungsanstalt!"

Blixa brauchte einige Minuten, um sich zu fangen. Die Handschellen würde sie nicht abstreifen können. Aber auch mit Handschellen konnte sie fliehen. Nur hielt die Polizistin sie immer noch fest.
Kurz entschlossen fauchte Blixa die Polizistin an und biss ihr trotz des schlechten Geschmacks kräftig in die Hand. Das war schon das zweite Mal, dass sie zubiss, doch diesmal sah die Polizistin Blixas Vampirzähne: "Eine Vampirin, eine Vampirin!" Überrascht ließ sie kurz los.
Das reichte Blixa, um hochzuspringen und in eine Baumkrone zu entwischen. Doch die Polizistin sah, wohin Blixa verschwand, sie kletterte hinter ihr her. Blixa hörte sie fluchen: "Du entkommst mir nicht, du kleine Ratte." Immer höher folgte sie Blixa auf den Baum.
Auf einmal spürte Blixa Regentropfen auf der Haut. Die Tropfen fielen immer dichter, das Platschen der dicken Tropfen auf den Blättern und in den Pfützen am Boden erfüllte die Nacht. Es wurde noch dunkler, angenehm dunkel, fand Blixa. Die Nacht war jetzt tiefschwarz.
Die Polizistin fluchte hinter ihr: "Warte nur, bis ich dich kriege, du widerliches, kleines Stück Dreck. Du ..." Blixa sah zu ihr hinunter. "Das darf man nicht, fluchen."
Damit sprang sie in die Krone des Nachbarbaums und tauchte in der regennassen, schwarzen Nacht unter. Hinter sich hörte sie leiser werdende Rufe: "Das ist kein Kind, das ist ein Monster!" Blixa seufzte, zumindest hatte das junge Paar jetzt genug Zeit gehabt, um unauffällig den Park zu verlassen.

Als Blixa zur Villa zurückkam, ging schon die Sonne auf. Sie kletterte durch das Küchenfenster, das sie vorsorglich angelehnt gelassen hatte.
Lisas Vater war zum Glück wieder einmal auf einer Konferenz. Er würde erst in drei Tagen wiederkommen.
Blixa trank auf den Schreck hin erst einmal einen Tomatensaft und rieb sich mit einem Handtuch trocken. Dabei schlief sie vor Müdigkeit am Küchentisch ein.

Als Lisa morgens in die Küche trat, erschrak sie kurz. Dann deckte sie Blixa mit einer Decke zu und wollte sie eigentlich schlafen lassen, doch als sie die Handschellen sah, weckte sie sie doch auf: "Was ist denn passiert?"
Blixa erzählte müde in knappen Worten die Erlebnisse der Nacht. "Ich glaube, die Polizistin konnte oben auf dem Baum weder vor noch zurück. Ich bin jedenfalls weggesprungen und hierher." Sie krauste ihre Nase und sah auf die Handschellen. "Ohne die Kette wären das schicke Armringe, aber so sind sie unbequem."
Lisa sah Blixa mit großen Augen an. "Leg´ dich erst mal schlafen, nachher finden wir sicher eine Lösung."
Blixa nickte und gähnte und machte sich auf den Weg in den Hexenkeller.

Als Sara und Ka am Nachmittag vorbeikamen erzählte Lisa ihnen was Blixa passiert war. Ka und Sara mussten lachen.
Sara dachte kurz nach, dann sah sie Lisa an. "Habt ihr einen Bolzenschneider? Das ist eine Art riesige, scharfe Stahlzange mit Hebeln, die länger sind als deine Arme."
Lisa zuckte mit den Schultern. "Wir haben Werkzeug im Keller neben der Waschküche." Die beiden liefen hinunter. Sara fand einen Bolzenschneider. "Das müsste reichen." Sie lief kurz in den Hexenkeller. Ihre Augen brauchten einen Moment, um sich an das Dämmerlicht zu gewöhnen. Sie weckte Blixa. "Blixa!"
Ein verschlafener Kopf lugte aus dem Deckenhaufen hervor. "Was ist?" "Streck´ mal deine Hände aus." Blixa streckte die Hände aus, Sara sah sie an. "Leg' sie bitte auf den Boden." Sara klemmte die Kette zwischen die Schneiden des Bolzenschneiders und hängte sich an den Griff. Sie musste noch etwas ruckeln, dann gab die Kette nach. Sie grinste. "Sprengt eure Ketten, Verdammte dieser Erde!" Irgendwo hatte sie das mal gehört.
Blixa konnte die Arme jetzt wieder frei bewegen. Ihr gefielen die beiden einzelnen Handschellen als Schmuck recht gut. Sie lächelte müde. "Danke." Dann verschwand ihr Kopf wieder unter den Decken. Sie schlief beruhigt wieder ein.

Als Sara danach mit den anderen in der Küche zusammensaß, musste sie grinsen. "Blixa sollte zusehen, dass sie der Polizistin eine Weile nicht begegnet."
Dann unterhielten sie sich über Tine. Lisa gingen lauter Fragen im Kopf herum: Wo würde Tine ihr Essen herbekommen? Was sollte sie tun? Und wie sollten sie das Ganze ihrer Mutter klar machen?
Ka versuchte sie zu beruhigen: "Das hat doch Zeit. Wir finden schon eine Lösung!"
Dann mussten die beiden wieder aufbrechen.

Am frühen Abend trank Lisa mit Blixa einen Saft aus schwarzer Johannisbeere mit Apfel.
Sie saßen in der Küche. Durch das halb geöffnete Fenster hörte Lisa den Wind in den Baumwipfeln. In der Küche war es fast finster, die Kälte drang von draußen herein.
Im Zwielicht betrachtete sie Blixa, die mit ihren Vampirzähnen den Saft aus dem Glas saugte. Die Handschellen blinkten im Licht. Sie sah Blixa schüchtern an: "Stören dich die Handschellen gar nicht?"
Blixa sah sie an. "Nein, sie sind doch schick!" Mit einem Grinsen fügte sie hinzu: "Nur abnehmbar wären sie noch besser." Doch dafür würde sich auch noch eine Lösung finden lassen.
Eigentlich hatte Lisa etwas anderes fragen wollen, doch sie traute sich nicht richtig. Sie dachte an Tine und ihren Alptraum und fühlte sich unsicher. Die Tupuks und das Zusammensein mit den anderen hatten sie in den letzten Tagen abgelenkt. Der Traum war ihr peinlich, aber die Bilder tauchten immer wieder in ihren Tagträumen auf. Mit einem Kloß im Hals wandte sie sich an Blixa: "Mmhh, kann ich dich noch was fragen?"
Blixa sah überrascht auf. "Klar."
"Wie ist das mit Übergängerinnen, trinken die auch Blut?"
Blixa schwieg einen Augenblick lang, sie sah Lisa aufmerksam an. "Erst ab dem zweiten Biss trinken sie Blut und erst ab dem dritten und letzten Biss brauchen sie Blut. Ihre Zähne wachsen auch erst dann. Wieso fragst du?"
Lisa stotterte, wie sollte sie das sagen? "Manchmal fürchte ich mich davor, was aus Tine wird", nach einer Pause fügte sie hinzu: "Ich habe nichts gegen Vampire, aber die Vorstellung, dass Tine Menschenblut trinkt, macht mir Angst." Sie sah Blixa unsicher an. "Ich habe wirklich nichts gegen Vampire. Ich hoffe, du denkst das jetzt nicht." Auf einmal hellte sich Lisas Blick leicht auf. "Vielleicht braucht Tine ja auch gar kein Blut. Du kommst doch auch ohne Blut aus!"
Blixa fand, dass Lisa ein Recht auf die Wahrheit hatte. Sie schüttelte den Kopf. "Nein, Übergängerinnen brauchen am Anfang nach dem dritten Biss menschliches Blut, selbst Blutoka oder Tierblut reichen dann nicht. Und viele Übergängerinnen sind nach dem dritten Biss halb verdurstet. Das hat früher auch zu ...", Blixa wusste nicht, wie sie es ausdrücken sollte, "Unfällen geführt."
Lisa war von Unruhe erfüllt, sie sah Blixa an. "Unfälle?"
Einen Augenblick lang war es still.

Blixas Antwort war leise: "Vampire können ihren Durst beherrschen. Sie trinken nie mehr, als ein Mensch verkraften kann." Sie grinste. "Schließlich schlachtet keine eine Kuh, die sie melken will." Dann wurde sie wieder ernst. "Übergängerinnen müssen das erst lernen. Es ist vorgekommen, dass eine Übergängerin immer weiter getrunken hat". Blixa sah auf ihre Schuhspitzen, einen Moment lang breitete sich wieder Stille im Raum aus, nur der Wasserhahn tropfte leise. Dann fuhr sie fort: "Aber Tine ist doch deine Schwester!"
Dann schwieg sie. Auch Lisa wusste nicht, was sie sagen sollte. Die Dunkelheit in der Küche schien noch zugenommen zu haben. Lisa war kalt. Vielleicht war das alles falsch und sie hätte Tine davon abhalten müssen.
Doch was hätte sie tun sollen? Ihrer Mutter alles erzählen? Tine hatte ihr vertraut, da konnte sie sie doch nicht verraten! Und Lisa spürte, dass sie Tine auch vertraute. Tine entschied schließlich selbst über ihre Handlungen. Und Tine würde bestimmte Dinge nie tun. Tine war immer noch ihre Schwester.
Sie sah Blixa an und seufzte. "Ja, du hast Recht. Aber ich sollte vielleicht irgendwoher Blut besorgen."
Doch wo konnte sie menschliches Blut bekommen? Im Supermarkt gab es jedenfalls keines.
Blixa wusste auch keinen Rat. Sie setzte sich direkt neben Lisa. "Du liebst deine Schwester, oder?"
Lisa nickte. "Wieso?"
Blixa kaute auf ihrer Lippe herum. "Das war erst der erste Biss, nach dem zweiten wird alles noch schwieriger, die Symptome sind dann viel stärker."
Lisa schluckte und sie begann zu zittern. Blixa strich ihr vorsichtig über den Arm. "Ich helfe dir."
"Danke." Lisa betrachte Blixa, die gleichzeitig mutig, aber auch klein und verletzlich wirkte.
Einen Augenblick lang schwiegen sie.

Dann wandte sich Lisa Blixa im Dunkeln zu: "Fühlst du dich nie allein?"
Blixa dachte kurz nach. "Ich mag das", sie hielt kurz inne und dachte kurz daran, dass sie sich manchmal auch einsam fühlte, "meistens jedenfalls". Sie schwieg kurz und fuhr erst nach einem Augenblick fort: "Außerdem haben mich irgendwann immer alle verlassen". Sie zögerte kurz. "Oder ich sie. Miriam wird sich jetzt sicher um Tine kümmern. Das war früher auch so, aber alle meine Freundinnen sind irgendwann zurückgeblieben oder sie sind fort. Vampire ziehen nicht nur von Ort zu Ort um. Durch die Schlafphasen reisen wir in der Zeit. Freundinnen, die du in anderen Jahrhunderten zurücklässt, kannst du nicht einmal mehr Briefe schreiben." Sie lächelte Lisa schüchtern an. "Aber das ist nicht schlimm. Mir macht es nichts aus." Blixa schaute aus dem Fenster. "Meine Eltern sind halt gerne gereist." Sie sah gleichzeitig glücklich und traurig aus. Nach einer kurzen Pause blickte sie Lisa an: "Ich finde das wirklich nicht schlimm. Ich finde viel wichtiger, dass alle jederzeit das Recht haben zu gehen. Und keine nur deshalb bleibt, weil sie denkt, dass sie es muss. Das ist doch das Schlimmste, wenn eine nur darum bleibt.
Dann will ich lieber, dass sie geht."
Blixa stand auf und ging durch die Küche, ihr Atmen war kaum zu hören. "Und manchmal passiert auch irgendetwas und plötzlich bist du allein."
Lisa begriff, dass Blixa bei den letzten Worten an ihre Eltern dachte. Blixa wirkte ganz klein. Sie umarmte sie. Doch Blixa entzog sich ihr. Lisa sah sie an. "Was ist denn?"
Blixa sah zu Boden. "Nichts. Ich lasse mich nur nicht gerne umarmen."
Lisa sah sie erstaunt an. "Aber wieso?"
Blixa trat von einem Fuß auf den anderen. "Ich weiß nicht genau. Vielleicht, weil Umarmungen immer so viel versprechen und so wenig halten.
Sie versprechen dir ich bin für dich da, und dann, wenn du das ernst nimmst, lassen sie dich fallen."
Lisa schluckte. "Das ist aber nicht immer so."
Blixa zuckte mit den Schultern. "Vielleicht hast du Recht. Ich lasse mich nur einfach nicht mehr umarmen, ich habe es satt, zurückgestoßen zu werden.
Nach dem Tod meiner Eltern haben mich ganz viele umarmt und dann haben sich mich abgeschoben. Ich verstehe nicht, wieso andere einen umarmen, wenn sie es gar nicht ernst meinen."
Lisa sah Blixa mit großen Augen an. Sie spürte Blixas Verletzlichkeit. Blixa war jünger als sie und wirkte doch manchmal viel älter, aber sie war es eindeutig nicht. Lisa nahm ihre Hand. "Ich wollte dir nicht zu nahe treten." Dann umarmte sie Blixa ganz vorsichtig.
Blixa schluckte und schwieg.
Die Nacht verlief diesmal ruhig.

Mittwochnachmittag kamen Ka und Sara wieder vorbei. Ka brachte den letzten Rest Rumtopf mit. Dies war die vierte Karaffe, die sie für den Schnabeldrachen abgefüllt hatte. Nun war der Topf leer.
Auch Sara begrüßte Lisa. "Hallo, wir haben leider nicht viel Zeit."
Ka bemerkte, das Lisa bedrückt aussah. "Was hast du?" Lisa erzählte, was Blixa über den zweiten Biss gesagt hatte. Ka und Sara waren still, bis Sara das Schweigen brach. "Tine hat sich dafür entschieden." Ka stimmte ihr zu. "Ja, und wir haben versprochen, ihr zu helfen. Wir treffen uns morgen einfach mit allen. Dann sehen wir weiter." Sie umarmte Lisa.
Lisa sah Ka und Sara zaghaft an: "Danke."

Am nächsten Tag war es wieder klar, doch der Himmel war von dünnen weißen Strähnen durchzogen und der Wind hatte aufgefrischt. Für die Nacht waren Sturm und Gewitter angesagt. Ka lief direkt nach der Schule als erstes der BUNG-Mitglieder zu Lisa hinüber, die sie in der Küche fand.
Der Schnabeldrache saß auch in der Küche, Lisa hatte ihn geholt. Ka hatte den Eindruck, dass der Drache eine willkommene Ablenkung für Lisa war. Ka nahm sich ein Glas mit Wasser verdünnten Saft. "Ich habe meinen Eltern gesagt, dass ich bei dir zu Abend esse, damit ich länger bleiben kann."
Lisa nickte. "Das geht klar. Mein Vater ist noch bis morgen auf einer Konferenz und Frau Marquard kommt heute Abend auch nicht."
Der Schnabeldrache saß auf der Altobstschale und zupfte altes, gammeliges Obst aus dem Abfall. Die ganze Küche roch nach den vergorenen Früchten. Zwischendurch schnatterte das kleine Tier immer wieder. Im Licht der Nachmittagssonne leuchteten seine Flügel blau.
Lisa strich ihm über den Kopf. "Ich glaube, du hast genug gefressen, du verdirbst dir sonst noch den Magen." Sie hob ihn von der Altobstschale und setzte ihn auf den Boden. Der Drache war nicht ihrer Meinung, er stieß eine Stichflamme aus. Lisa schrie auf: "Aua! Drachenschleim! Gierschlund!" Der Feuerstoß hatte ihr die Hand versengt. Der Drache legte seinen Kopf schief und starrte sie mit großen Augen an. Dann blickte er sehnsüchtig in Richtung des Altobstes.
Ka besah sich Lisas Hand. "Tut es sehr weh?" Lisa grummelte: "Nein" und schimpfte den kleinen Drachen weiter aus. Sie wirkte dabei fast glücklich, Ka musste lachen.
Sie sah, dass Lisa die Ablenkung gut tat, doch unter der Oberfläche wirkte Lisa weiterhin bedrückt. Ka wusste, dass Lisa immer wieder über Tine nachdachte.

Kurz darauf kam Sara. "Hallo, ich bin leider nicht eher von Zuhause losgekommen."
"Hallo."
Sie ging direkt zum Drachen, betrachtete ihn genau und streichelte ihn. "Na, Kleiner?", sie sah zu Lisa: "Wie geht es ihm?"
"Ich würde sagen, schon wieder zu gut." Lisa war immer noch etwas sauer und hielt ihre Hand unter fließendes, kaltes Wasser. "Ich kaufe mir Asbesthandschuhe." Sie zeigte Sara ihre Hand. "War er das?" Sie sah zum Drachen und dann wieder zu Lisa. "Das ist nur eine Rötung, halt´ sie einfach noch länger unter kaltes Wasser."
Der Schnabeldrache zog sich in den dunklen Schatten halb unter den Küchenschrank zurück und steckte seinen Kopf unter den linken Flügel.
"Wo wollen wir ihn eigentlich hinbringen?" Ka war bisher nichts eingefallen.
Sara blickte auf: "Wie wäre es mit dem alten Hafengelände unten am Fluss? Dort laden die Marktleute ihr Altobst ab, und die Fläche ist riesig und zugewachsen, mit alten, verfallenen Gebäuden. Das müsste doch gehen!"
Ka und Lisa fanden die Idee nicht schlecht. Sara setzte sich. "Ich befürchte, wir werden die Vampirsellerie und Vampirgurken auch noch mal woanders hinbringen müssen. Für sie ginge das Gelände auch."
"Wieso?"
"Lest ihr gar keine Zeitung?"
Lisa und Ka schüttelten den Kopf.
"In der Zeitung steht, dass eine geheimnisvolle Sellerie- und Gurkenpest auf dem Großmarkt ausgebrochen ist, die das Gemüse auf seltsame Art verdorren lässt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die etwas bemerken. Und die Vampiraufsicht liest sicher auch Zeitung." Sie rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her. "Mir kam unsere Lösung gleich irgendwie falsch vor, aber ich wusste nicht, warum. Ein bisschen ist es so, als hätten wir Ratten in einem Kornspeicher ausgesetzt."
Ka stimmte ihr zu. "Wir müssen uns etwas überlegen. Lasst uns nach oben gehen."
Sie liefen auf den Dachboden.

Sie hatten sich gerade auf die Matratzen vor der Dachluke gesetzt, als Blixa über die rückseitige Treppe hereingestürzt kam.
"Was ist denn los?"
"Vampire!" Blixa musste erst Luft holen, dann sprudelten die Worte aus ihr heraus: "Ich wollte vor unserem Treffen noch kurz schauen, ob es den Vampirgurken und den Vampirsellerie im Keller des Großmarktes gut geht. Ich bin in die Markthallen und wollte weiter nach unten in den Keller. Aber dann sind mir ein Mann und eine Frau aufgefallen." Sie schluckte. "Ich habe sofort bemerkt, dass es Vampire waren. Aber keine Vampiraufsicht, sondern Agenten der Zentrale." Blixa war bei dem letzten Satz etwas bleicher geworden. "Das erkennst du daran, dass sie fast normal aussehen."
Sowohl Ka als auch Sara fanden diese Beschreibung nicht besonders hilfreich. Ka versuchte, Blixa zu beruhigen: "Was heißt das?"
"Die tragen ganz unauffällige Kleidung, sie sehen aus wie Geschäftsleute oder die Nachbarin." Ka versuchte, sich ihre Mutter als Vampirin vorzustellen, was ihr aber nicht gelang, schließlich waren sie die Nachbarn von Lisa. Blixa sprudelte weiter: "Die sind viel gefährlicher und gemeiner als die Vampiraufsicht. Ich hatte einmal mit Agenten der Zentrale zu tun. Die setzen dich einfach mit ihren telekinetischen Fähigkeiten dort, wo du stehst, fest, das ist als wärst du festgefroren, und tun dann mit dir, was sie wollen." Sie holte kurz Luft. "Ich habe sie belauscht, sie suchen Miriam, wegen Tine und dem Biss, und außerdem haben sie die Vampirsellerie und Vampirgurken auf dem Großmarkt gesehen." Blixa schwieg einen Moment lang, dann fuhr sie mit leiser, bedrückter Stimme fort: "Und als ich gerade hier angekommen bin, waren sie schon da. Sie standen draußen auf der Straße gegenüber der Villa. Die Frau ist dann verschwunden, aber sie ist sicher noch in der Nähe."
Lisa wurde bei Blixas letzten Worten bleich. Sara ballte die Hand zur Faust. Ka sah Blixa an: "Übertreibst du da nicht?" Blixa schüttelte heftig den Kopf. "Nein, wir müssen Miriam warnen. Die Vampiragenten sind primär hinter ihr her, weil sie Tine mit Blutaustausch gebissen hat." Blixa zitterte leicht. Ka war nun auch beunruhigt. "Werden sie nicht auch Tine bestrafen?"
"Nein, Tine steht in ihren Augen unter Miriams Einfluss und ist unzurechnungsfähig. Für sie ist Tine eine Art Drogensüchtige.
Und Menschen dürfen sie nichts tun."

Sie liefen zu Tines Zimmer hinunter und klopften an die Tür. Tines Stimme erklang: "Ja?" Sie traten ein. Das Zimmer war abgedunkelt, doch das Fenster hinter den Vorhängen halb geöffnet. Von draußen drangen leise das Geräusch eines Autos und kühle Luft ins Zimmer. Auf einem kleinen Schränkchen standen frische Blumen. Nur langsam gewöhnten sich ihre Augen an das schattige Licht.
Tine und Miriam saßen auf dem Bett. "Was ist denn?"
Blixa erzählte, was sie gehört und gesehen hatte. Miriam schluckte trocken, sie sah ihre Kusine ernst an. "Irrst du dich auch nicht?"
"Nein, den Mann müsstest du vom Badezimmerfenster aus sehen können."
Miriam und Tine liefen ins Bad; Ka und die anderen folgten ihnen. Unauffällig spähte Miriam durch den Gardinenspalt. Ka bemerkte, dass sie auf einmal leicht zitterte. Auch Ka sah jetzt zwischen den Gardinen durch eine Lücke der Bäume einen Mann, der auf der Straße an einem großen schwarzen Auto stand. Der Vampir wirkte wie ein Geschäftsmann, der auf irgendetwas wartete. Er trug einen dunklen Anzug und einen unauffälligen Aktenkoffer, der gut ein Laptop enthalten könnte. Auf den ersten Blick wirkte selbst sein Gesicht unauffällig. Doch auch Miriam schien jetzt von Blixas Warnung überzeugt. Ka sah, dass ihr dieser Mann Angst machte. Auch Tine erkannte das.
Ka hätte den Vampir nicht als Vampir enttarnt, aber sie begriff, dass die Lage ernst war.
Sie gingen zurück in Tines Zimmer.

Als sie in das dunkle Zimmer traten, schlug ihnen die kühle, frische Luft entgegen. Niemand sagte etwas. Lisa schluchzte, Tine nahm ihre kleine Schwester kurz in den Arm. Dann brach sie das Schweigen, sie ging zu Miriam und umarmte sie mit traurigen Augen. "Du musst hier weg, sie werden dich sonst holen."
Miriam schüttelte den Kopf. "Ich kann dich nicht allein lassen. Nicht jetzt."
Tine widersprach ihr laut: "Du musst! Du hast mir selbst erzählt, wie mitleidlos und grausam die Vampire der Zentrale sind," ihre Stimme brach und wurde leise und unsicher, "aber vorher habe ich noch eine Bitte. Du weißt, was."
Miriam wurde bleich. "Aber dann kann ich dich doch erst recht nicht allein lassen."
Tine strich ihr eine Haarsträhne beiseite. "Du lässt mich nicht allein. Nur wenn du es zulässt, dass sie dich holen, dann lässt du mich allein."
Miriam schien wie betäubt. "Aber danach ist es nicht mehr rückgängig zu machen."
Tine lachte. "Ich weiß." Sie wandte sich an Blixa, Ka und Sara: "Könntet ihr bitte einen Augenblick lang rausgehen? Lisa, bleib bitte hier."
Ka, Sara und Blixa gingen vor die Tür und schauten sich betreten an, sie dachten alle dasselbe.

Lisa fühlte sich hilflos. Von draußen floss der Geruch von nassen grünen Blättern herein. Stille umfing sie. Sie blickte ihre Schwester an, versank in Tines dunklen Augen, die ganz auf sie gerichtet waren. "Ich will, dass Miriam mich das zweite Mal beißt bevor sie geht." Tine zitterte bei diesen Worten.
Lisa umarmte ihre Schwester heftig, sie schluchzte. "Aber dann, dann - was wird dann aus dir? Und dann ist nicht einmal Miriam da!"
Tine strich Lisa über das Haar, sie roch wieder den Blutgeruch ihrer kleinen Schwester, doch sie unterdrückte die Empfindung. "Ich werde Vampirin - zumindest fast."
Lisa dachte an Blixas Worte über die Auswirkungen des zweiten Bisses. Sie schluckte ihr Schluchzen hinunter. "Aber die Auswirkungen sind beim zweiten Biss noch schlimmer!"
Tine nickte. "Ja."
"Und was ist mit dem dritten Biss?"
"Ich weiß nicht."
Doch Tine war entschlossen. Lisa hatte Angst und sah auch in Miriams Blick Zweifel. Miriam stand im dunklen Schatten des Schrankes und blickte auf einen kleinen Spiegel, in dem sie aber nicht zu sehen war. Tine umarmte Lisa noch einmal und schickte sie dann hinaus.

Tine wusste, dass Miriam Angst hatte, Angst vor dem, was passieren konnte. Sie schaute ihr in die Augen. "Ich merke immer noch die Nachwirkungen des ersten Bisses, aber trotzdem, bitte tu es!" Tine sah die Angst in Miriams Augen aufflackern. Sie biss sich auf die Lippen, zog sie zu sich auf das Bett, umarmte sie und flüsterte: "Bitte, ich weiß, dass ich sehr viel von dir verlange. Aber ich möchte dies mehr als alles und du bist die Einzige, die mir helfen kann."
Einen Augenblick lang sahen sie sich schweigend an. Dann schloss Tine die Augen.
Sie fühlte, wie Miriam ihre Schulter und ihren Nacken ergriff und das Zittern ihrer Freundin. Dann spürte sie Miriams Atem auf ihrem Hals und die Zähne, die ihre Haut durchstachen. Ein kurzer Schmerz, dann floss ihr Blut.
Tine verlor an Kraft. Sie wusste, dass beim zweiten Biss eine große Menge an Blut ausgetauscht werden musste. Sie hielt sich an Miriam fest, dann floss das Blut zurück, Miriams Blut. Diesmal kam es wie eine Welle über sie, durch sie hindurch, überall wurde ihr eiskalt. Sie fror. Ihr Körper rebellierte. Sie zwang ihn zur Ruhe und zitterte doch. Sie spürte, wie ihre letzten Kräfte schwanden, langsam wurde es ihr dunkel vor Augen. Sie hatte gewusst, dass sie das Bewusstsein verlieren würde.
Sie überließ sich ganz Miriam.

Miriam spürte, wie Tine unter ihrem Biss zusammensackte. Ganz leise hörte sie noch Tines Stimme, kurz bevor Tine das Bewusstsein verlor: "Du musst gehen." Miriam hielt Tine auch nach dem Biss noch fest. Sie fühlte, wie Tines Körper unter der Anstrengung des Übergangs zuckte. Vorsichtig bettete sie Tines Kopf auf das Kissen und deckte sie zu. Tränen liefen ihr herab, sie wischte sie weg.
Von draußen drangen Vogellaute in das kühle Zimmer, wie aus einer anderen Welt.

Ka, Sara, und Lisa standen auf dem Flur und warteten. Ka nahm Lisa in den Arm, die auf einmal fror. Blixa trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Ka hatte kurz das Gefühl, als würde es im Flur dunkler und kälter. Blixa schlug mit der Hand gegen die Wand. "Das ist viel zu früh. Miriam hat noch nicht wieder genug Kraft gesammelt."
Lisa schluckte. "Aber du hast selbst gesagt, dass Miriam nicht hier bleiben kann. Und ..." Lisa beendete den Satz nicht. Ka drückte sie noch fester, aber auch sie war besorgt. Und als ihr Blick Saras traf, wusste sie, dass sich auch Sara um Miriam und Tine sorgte.
Die Zeit schien still zu stehen.

In ihrer Wahrnehmung dauerte es unendlich lange, bis Miriam aus dem Zimmer trat.
Aus ihren Mundwinkeln flossen noch leichte Blutfäden. Sie sah totenbleich aus und ihr Blick war nach innen gerichtet. Im Flur roch es auf einmal nach Rote Bete. Irgendwo war das Schlagen einer Uhr zu hören, es war fünf Uhr am Abend. Miriam wirkte durch den Biss sichtlich geschwächt, doch sie wollte sofort aufbrechen. Blixa hielt sie auf: "Das geht nicht, es ist viel zu gefährlich. Dann haben sie dich gleich. Sie würden dich verurteilen und - für Tine würde das den Tod bedeuten." Lisa schaute Blixa entgeistert an. "Wieso das?"
Blixa wusste nicht, wo sie hinsehen sollte, sie traute sich nicht, Lisa bei der Antwort direkt anzublicken. "Nach dem zweiten Biss ist es nicht mehr rückgängig zu machen, aber auch noch nicht abgeschlossen. Du bist dann weder Fisch noch Fleisch. Das kann niemand lange ertragen. Auf der anderen Seite muss sich der Körper vor dem dritten Biss ausreichend umgestellt haben. Deswegen darf der dritte Biss auch nicht zu früh erfolgen." Sie schwieg kurz. "Miriam darf auf keinen Fall der Vampirzentrale in die Hände fallen, nicht nur um ihretwillen, sondern auch wegen des dritten Bisses. Und ohne den wird Tine ...."
Blixa brach ab.
Lisa fror noch stärker. "Aber ich dachte, die Vampire der Zentrale dürfen Tine nichts tun?"
Blixa sah wütend auf den Boden. "Aus ihrer Sicht ist Miriam schuld, auch dafür, was Tine passiert, falls Miriam nicht dazu kommt, sie zum dritten Mal zu beißen." Sie blickte Lisa direkt an, wusste aber nicht, was sie noch sagen sollte. Lisa zitterte am ganzen Körper; sie wandte sich an Miriam: "Was ist mit Tine?"
Miriam versuchte Lisa mit ihrer Antwort etwas Sicherheit zurückzugeben. "Tine hat das gut verkraftet. Sie wird in ein paar Stunden wieder aufwachen. Ich ..." Sie hielt mitten im Satz inne und sackte plötzlich in sich zusammen.

Lisa fiel vor Schreck beinahe ebenfalls um, aber Ka hielt sie. Blixa lief zu Miriam hin und kniete sich zu ihr auf den Boden. Hilflos strich sie ihr über die Wange. "Wach auf - bitte, bitte!"
Und Miriam schlug wirklich die Augen auf. Sie sah Blixa an und flüsterte schwach. "Alles in Ordnung, ich bin nur müde. Du musst dir keine Sorgen machen." Sie versuchte sich aufzurichten, was ihr aber nicht gelang. Blixa zeigte ihr einen Vogel: "Du spinnst doch! Gar nichts ist gut. Du hast viel zu viel Blut abgegeben!" Miriam wurde bei Blixas Worten leicht blau.
Ka sah Blixa an. "Wir bringen Miriam erst mal in Lisas Zimmer." Sie sah zu Lisa, die nickte.
Zusammen brachten sie Miriam in Lisas Zimmer und halfen ihr auf das Bett. Blixa fühlte, dass ihre Kusine schwitzte und gleichzeitig eiskalte Hände hatte. Ka spürte das auch. "Das fühlt sich nicht gut an, wie können wir ihr helfen?" "Sie braucht Blut, menschliches Blut - möglichst schnell!"
Lisa sah Blixa hilflos an. "Wir haben aber keine Blutkonserven."
Saras war die Erste, die begriff worauf Blixa hinauswollte. "Frisches Blut." Sie sah zu Ka und Lisa. "Blixa meint frisches Blut und davon ist doch genug da." Blixa nickte.
Lisa wurde kreidebleich, Ka entschied sich sofort, sie wandte sich an Miriam. "Du kannst mich beißen - also als Blutspende. Meine Mutter spendet auch immer Blut." Doch Miriam schüttelte den Kopf: "Nein, das kann ich nicht annehmen. Ihr seid lieb und ...." Blixa fiel ihr ins Wort: "Ka hat Recht. Es ist nichts anderes, als Blut zu spenden."
Sara blickte zu Miriam. "Du kannst mich auch beißen." Ka sah Lisa an. "Sara und ich können das machen." Blixa stimmte zu und ging zu Lisa. "Die Blutspende von Ka und Sara reicht sicher." Lisa schluckte trocken und schüttelte den Kopf. "Nein, wir machen das alle drei. Dann ist es für keine zu viel." Dabei wurde sie immer bleicher.
Ka nickte.

Als Erste trat Sara zu Miriam ans Bett. Ka sah, wie sich ihre beste Freundin unruhig über den Hals strich. Trotz der Sonne und des blauen Himmels draußen schien die Kälte im Zimmer zuzunehmen. Ka erschauerte. Miriam, die Saras Geste auch bemerkt hatte und der anzusehen war, dass ihr das Ganze immer noch peinlich war, setzte sich im Bett auf. "Ihr müsst das wirklich nicht machen."
Sara schüttelte den Kopf. "Das ist doch Unsinn." Ka sah Miriam an. "Wieso ist dir das peinlich, die Jungs beißt du doch auch!"
Miriam schluckte. "Die kenne ich aber auch nicht." Sie zögerte kurz. "Ihr seid Freundinnen."
"Aber uns passiert doch nichts."
Miriam nickte.
Sara wurde langsam ungeduldig. "Du brauchst das Blut! Also, was soll ich machen?" Ka wusste, dass Sara das Ganze hinter sich haben wollte.
Miriam wurde leicht blau und flüsterte mit abgewandtem Blick: "Dein Unterarm, es reicht, wenn du mir deinen Unterarm gibst."
Sara hielt Miriam ihren Unterarm direkt vor das Gesicht. "Da."
Ka sah, dass Miriam Saras Blut roch, sie sah Miriams Zähne hervortreten, das blaue Band von Saras Pulsader befand sich genau vor Miriams Mund. Miriam atmete tief ein.
Einen Augenblick lang war Miriams Hunger für Ka fast körperlich spürbar.
Dann griff Miriam nach Saras Unterarm, sah sie noch einmal kurz an und biss zu. Ihre Zähne senkten sich in die Pulsschlagader. Sara zuckte nur kurz zusammen, als würde sie sich jeden Tag von einer Vampirin beißen lassen. Doch die Anspannung ihres Körpers zeigte, dass Sara Mühe hatte, sich nichts anmerken zu lassen.
Auf Ka wirkte alles unwirklich: Draußen der kühle helle Nachmittag und drinnen das Blut, das deutlich sichtbar aus Saras Pulsader durch Miriams Zähne floss. Sie tauschte einen Blick mit Sara, die schief grinste.
Ka spürte einen frischen Luftzug, der durch das halboffene Fenster zog. Ihr Blick fiel auf die fetzenartigen Wolken am Himmel.
Dann war Miriam fertig. "Danke."
"Bitte." Saras Stimme klang kühl, sie fuhr mit dem Finger über ihren Unterarm, die Einstiche waren kaum zu sehen.
Blixa schaute sie an: "Die Einstiche von Vampirzähnen schließen sich von selbst."
Lisa trat als nächste vor. Sie ließ sich auf der Bettkante nieder, zitternd, bleich und mit großen Augen, wie ein kleines weißes Kaninchen. Ka hielt Lisas linke Hand. Sie sah, dass Miriam Lisas Blut roch und sie musste an Tines Worte denken, dass Lisas Blut unwiderstehlich roch.
Doch Miriam unterdrückte ihren Durst. "Du musst das wirklich nicht tun. Das Blut von Sara und Ka wird sicher ausreichen." Lisa schüttelte ihren Kopf. "Doch, Tine ist meine Schwester und du bist ihre beste Freundin." Sie streckte Miriam den rechten Unterarm hin.
Miriam atmete tief ein und ihre Vampirzähne traten deutlich hervor. Sie ergriff sanft Lisas rechte Hand mit ihrer Rechten und hielt mit der linken Hand Lisas Unterarm fest. Dann sah sie Lisa noch einmal kurz an. Lisas Augen wurden noch größer, mit ihrer anderen Hand umklammerte sie Kas Hand, doch sie nickte. Als Miriam zubiss, schien Lisa dies aber kaum zu spüren. Auch sie zuckte nur kurz. Dann trank Miriam einige tiefe Schlucke. Der Fluss des Blutes war deutlich zu sehen.
Danach ließ Miriam Lisas Arm wieder los: "Danke." Auch bei Lisa schlossen sich die Einstiche sofort. Lisa sah sie erstaunt an. "Das war alles? War gar nicht schlimm!" Sie lächelte erleichtert: "Ich habe nur ein leichtes Ziehen gefühlt."
Blixa nahm Lisa in den Arm. "Du warst toll."
Nun war Ka an der Reihe. Sie spürte, dass ihr kalt wurde. Sie reichte Miriam den Unterarm. Miriam lächelte sie kurz an, dann wandte sie sich Kas Unterarm zu, ihre Vampirzähne traten hervor. Ka spürte, wie die Zähne durch ihre Haut drangen. Sie sah ihr Blut. Dann wurde ihr schwarz vor Augen.
Als sie wieder aufwachte, waren vier Augenpaare auf sie gerichtet. Sie lag auf Lisas Bett. "Was ist passiert?"
Lisa zupfte erschrocken an der Bettdecke. "Du bist einfach weggesackt."
"Wie lange war ich bewusstlos?"
Sara sah sie erleichtert an. "Nur kurz. Aber es sah eindrucksvoll aus, wie du umgekippt bist."
Ka wurde trotz ihrer momentanen Blässe rot, das war ihr noch nie passiert. Miriam stand neben dem Bett und versuchte, Ka zu beruhigen: "Das hat nichts zu bedeuten, manche Menschen reagieren so. Du kannst das nicht kontrollieren. Und ich habe genug getrunken.
Auch bei einigen der Jungen, die ich gebissen habe, ist das passiert. Sie sind einfach umgefallen."
Blixa grinste.
Ka streckte ihr die Zunge heraus. "Du musstest dich ja nicht beißen lassen."
Lisa lachte.

Dann wurde sie wieder ernst. Lisa machte sich Sorgen um Tine. Und draußen standen die Vampiragenten der Zentrale. "Wir müssen uns etwas einfallen lassen."

Zusammen mit Miriam gingen sie zurück auf den Dachboden. Nur Lisa kam nicht mit, sie wollte zu Tine. "Ich bleibe bei ihr, bis sie aufwacht."
Ka und die anderen hatten sich gerade auf dem Dachboden vor die Luke gesetzt, als Kolja die Hintertreppe heraufkam. Er trug wieder eines seiner weißen Seidenhemden, dazu eine schwarze Hose mit Schlag und die schwarzen Sneaker. Sara schüttelte den Kopf. "Willst du dir nicht mal was anderes anziehen? Das wird doch garantiert wieder dreckig!"
Kolja rümpfte nur die Nase. "Wieso, was habt ihr vor?"
Ka erzählte ihm kurz, was passiert war. Kolja wurde noch bleicher, als er ohnehin schon war. "Wir müssen schnell eine Lösung finden. Die Vampire der Zentrale greifen auch tagsüber an." Sie sahen einander bedrückt an.
Ka tippte Blixa an. "Wieso schleicht sich Miriam nicht einfach hinten über das Grundstück raus?"
Blixa schüttelte den Kopf. "Der Vampir steht an der Straße, aber die Vampirin ist nirgends zu sehen. Sie überwacht das Grundstück garantiert von oben. Miriam hat nur dann eine Chance, wenn wir sie täuschen können."
Lisa kam nun auch von unten. "Tine ist kurz aufgewacht und ich habe ihr etwas Blutoka geholt. Dann ist sie wieder eingeschlafen." Lisa flüsterte fast: "Sie hat Schmerzen und wimmert im Schlaf." Lisa war bleich und zittrig. Ka sah sie an. "Du hättest doch noch bei ihr bleiben könne. Wir kommen schon allein zurecht."
"Nein, wir müssen Miriam bei der Flucht helfen. Das ist jetzt doch das Wichtigste!" Aus einer Kiste wühlte Lisa einige alte Kleider und einen alten Damenhut hervor und brachte sie Miriam: "Du musst dich verkleiden und gehst erst in der Nacht. Dann erkennen sie dich nicht in der Dunkelheit."
Miriam schüttelte den Kopf. "Danke, aber das wird nicht funktionieren."
Lisa sah sie an. "Es muss."
Miriam schüttelte erneut den Kopf.

Einen Augenblick lang breitete sich Stille auf dem Dachboden aus. Ka sah Blixa, Kolja und Sara an. Alle dachten nach. Was sollten sie tun?
Sie betrachtete Miriam und überlegte. Miriam wirkte auch unsicher. Auf einmal fiel Ka eine Fluchtmöglichkeit ein, sie wandte sich an Lisa: "Du hast doch den Tupukschleim gesammelt, oder?"
"Ja."
"Wie viel ist das denn?"
"Ungefähr ein Einmachglas voll, wieso?" Lisa schaute Ka fragend an.
"Das müsste doch reichen, um Miriam unsichtbar zu machen. Sie muss sich nur damit einschleimen."
Außer Miriam hatte Lisa allen die Tupuks gezeigt, Ka erklärte ihr kurz, worum es ging. Sie überlegten weiter, doch Kolja unterbrach ihre Gedanken: "Das wird nicht funktionieren. Die Vampire können Miriam wittern und sie erwarten, dass Miriam erst im Dunkeln aufbricht. Sie muss sich genau andersherum verhalten und noch bei Tageslicht aufbrechen. Und sie muss sich möglichst wie ein Mensch verhalten, nicht fliegen, dann wird sie in der Masse unauffindbar."
Ka schüttelte den Kopf. "Aber dann sehen sie Miriam erst recht."
"Nicht, wenn wir sie täuschen", warf Sara ein, "wir müssen ihnen einen Köder anbieten. Eine von uns verkleidet sich als Miriam und lockt den Vampir und die Vampirin hinter das Haus. Dort lenken wir sie dann eine Weile ab, bis Miriam die Flucht gelungen ist."
Blixa sah zweifelnd zu ihr hinüber. "Darauf fallen die nie herein." Ihr fiel es schwer das zu sagen, denn bei diesen Worten zuckte Lisa zusammen. Lisa saß fröstelnd auf einer der Matratzen und wurde von der Angst um Tine überwältigt. Blixa setzte sich zu ihr, sie wollte helfen, schien aber nicht zu wissen, wie.
Schweigen breitete sich aus.
Auf einmal sprang Ka auf. "Vielleicht ist es doch möglich. Ich ziehe mir Miriams Kleidung an, die nach ihr riecht. Ich bin die Einzige, bei der der Größenunterschied nicht sofort auffällt. Außerdem schleime ich mich mit dem Tupukschleim ein, so das nur noch ein Teil der Kleidung zu sehen ist. Die Vampire werden nur Miriams Kleidung riechen und ein Stück ihrer Kleidung sehen und mir folgen."
Sara nickte. "Du könntest die Vampire zumindest so lange ablenken, wie du unsichtbar bist." Besorgt fügte sie hinzu: "Die Vampire werden aber echt sauer sein, wenn sie merken, dass du nicht Miriam bist."
In Lisa keimte wieder Hoffnung auf, sie sah Miriam an. "Zehn Minuten reichen bis zur nächsten U-Bahnhaltestelle."
Miriam schüttelte den Kopf. "Das geht nicht. Das ist zu gefährlich für Ka."
Ka gab sich bewusst unbekümmert und setzte sich wieder hin. "Ich glaube nicht, dass sie mir etwas tun werden. Ich bin schließlich ein Mensch und mir etwas zu tun wäre ein Regelverstoß, oder?"
Kolja stimmte ihr zu. "Wahrscheinlich hast du Recht, aber sicher ist das nicht."
Blixa fiel noch etwas ein, um die Tarnung zu vervollkommnen: "Miriam schneidet sich die Haare ab und Ka fügt sie an ihre an." Sie blickte zu Ka. "Einen Teil von Miriams Haaren lässt du sichtbar, wenn du dich mit dem Tupukschleim unsichtbar machst."
Lisa nickte. "Die Idee ist gut." Sie sah zu Miriam. "Und die restlichen Haare färbst du dir schwarz. Dann erkennt dich auch niemand." Doch dann unterbrach sie sich seufzend. "Froschkot, ich haben kein Färbemittel!"
Blixa sah auf. "Das geht auch mit schwarzer Schuhkreme. Die überdeckt außerdem Miriams Geruch."
Miriams Gesicht war, seitdem es um ihre Haare ging, immer länger geworden, doch sie biss sich auf die Lippen und stimmte zu.
Ihr fiel keine Alternative ein.

Sie ließ sich mit steinernem Gesicht von Blixa die Haare abschneiden. Danach färbte Blixa ihr den Rest der Haare mit schwarzer Schuhkreme. Einige schwarze Flecken auf der Stirn ließen sich nicht vermeiden. "Du musst still halten."
Miriam sah nur starr auf ihre abgeschnittenen Haare. Der Geruch nach Lösungsmittel überdeckte alle anderen Gerüche.
Lisa sauste kurz nach unten und holte für Miriam statt der Kleider aus dem Schrank alte Sachen von Tine. Außerdem brachte sie noch eine Schirmmütze mit. "Hier, die kannst du anziehen."
Miriam sah sie an. "Danke." Nach einem kurzen Seufzer zog Miriam alles an, ihre eigene Kleidung gab sie Ka, die sie betrachtete: "Mit der Schirmmütze und den kurzen schwarzen Haaren bist du kaum wiederzuerkennen."
Blixa musste die ganze Zeit ein Lachen unterdrücken, prustete zum Schluss aber doch los: "´Tschuldigung, aber du müsstest dich mal sehen. Du siehst lustig aus."
Blixas Lachen munterte auch Lisa etwas auf.
Ka zog sich Miriams Sachen an, aber fast alles war ihr zu lang oder zu eng. Auch in Miriams Klamotten sah sie kein bisschen wie Miriam aus. Sara begutachtete sie: "Glaubst du wirklich, du gehst als Miriam durch?"
Ka schnüffelte an ihrem neuen Hemd. "Die Kleidung riecht stark nach Miriam, zumindest nach ihrem Parfüm. Mit dem Tupukschleim wird es nicht auffallen, ich bin dann ja unsichtbar." Sie schaute an sich herab. "Ich muss eben alles außer einem Teil der Kleidung und Miriams Haaren gut einschleimen. Hilfst du mir mit den Haaren?"
Sara blickte sie an. "Was soll ich tun?"
"Ich zeig´s dir." Ka ließ sich von Sara helfen, Miriams lange hellblonde Haare mit Paketband an ihren Haaren zu befestigen. Dann war auch Ka fertig. Sie sah Miriam an, die ihren Blick erwiderte, beide mussten lachen. Das half gegen die Angst.
Lisa gab Ka zum Schluss das Glas mit dem Tupukschleim. "Danke, dass du Tine hilfst."

Alle waren zufrieden, nur Kolja schüttelte den Kopf. Ka sah ihn an. "Was ist?"
"Ich glaube nicht, dass Miriams Parfüm und die Haare ausreichen, um sie zu täuschen. Vampire können hervorragend riechen."
"Und was sollen wir tun?"
"Ich weiß nicht."
Ka zuckte mit den Schultern. "Ach, das klappt schon."
Doch auch Blixa wirkte wieder unsicher. "Nein, Kolja hat Recht."
"Und?"
Einen Augenblick lang breitete sich Stille aus. Nur der Wind war durch die Luke zu hören. Draußen war es kühler als vorhin. Ka dachte an das angekündigte Gewitter. Noch war der Himmel hell.
Sie dachte nach, doch irgendwie fiel ihr nichts ein. Auch Sara und den anderen schien es nicht besser zu gehen. Wieder versanken sie in Schweigen.
Da hob Lisa den Kopf: "Ich habe eine Lösung: Wir nutzen die Klärgrube! Das Haus ist so alt, dass es noch eine Klärgrube hat, in die alles Abwasser geleitet wird. Ungefähr einmal im Jahr wird der Klärschlamm abgepumpt. Die Pumpe dafür und der Schlauch sind fest installiert."
Ka zeigte Lisa einen Vogel. "Du willst Miriam und mich mit Jauche besprühen?"
"Nein, den Vampir! Wir locken ihn an und bespritzen ihn mit Jauche. Dann riecht er nichts mehr."
"Aber wie locken wir den Vampir in den Garten?"
Blixa lachte auf einmal. "Wir bewerfen ihn mit den überreifen Kartoffeln aus Lisas Hexenkeller."
Ka schaute Blixa überrascht an. "Was für Kartoffeln?"
Lisa war bereits aufgestanden. "Ich habe im Keller für ein Rezept alte Kartoffeln in einer feuchten geschlossenen Metalltonne gesammelt und sie dann vergessen. Blixa hat sie wiederentdeckt." Lisa schaute Blixa an. "Die können wir verwenden." Bevor die anderen widersprechen konnten, liefen die beiden in den Keller. Sie füllten die Kartoffeln in einen kleinen, alten Rucksack und liefen zurück auf den Dachboden. Lisa nahm unauffällig auch noch den weißen Schleim aus ihrem Hexenregal mit.
Als sie zurückkamen, sah Ka neugierig in den Rucksack, den Blixa trug und aus dem ein unerträglicher Gestank drang. "Das nennst du überreif? Puh, die stinken ja fürchterlich! Ich würde das eher als uralte, vergammelte Matschkartoffeln bezeichnen" Ka und Sara hielten sich die Nase zu, auch Miriam und Kolja verzogen das Gesicht. Nur Lisa und Blixa schien der Geruch nicht zu stören.
Für ihren Zweck war das genau richtig. Ka gab den Rucksack an Blixa zurück.

Lisa blickte auf einmal zu Ka. "Was ist mit der Fledermauspfeife? Könnten wir die nicht doch nutzen?"
Blixa kramte aus einer ihrer Taschen die Pfeife hervor, sie hatte gar nicht mehr daran gedacht und trug sie immer noch mit sich herum. Nachdenklich drehte sie die Pfeife im Licht.
Ka überlegte. "Vielleicht ..."
Doch Kolja unterbrach sie. "Nein, Vampire der Agentur haben Gewalt über Fledermäuse. Wir hätten keine Chance. Selbst wenn die Pfeife richtig funktioniert, würden sie einfach die Macht über die Fledermäuse übernehmen."
Blixa seufzte. "Schade."
Kolja ließ sich die Fledermauspfeife von ihr geben. "Sicher ist sicher."
Ka zuckte mit den Schultern. "Dann muss unser Plan reichen. Lasst uns anfangen."

Sara, Lisa, Kolja und Blixa liefen nach unten in den vorderen Teil des Gartens. Auch hier wucherten Büsche und Bäume wild durcheinander. Blixa trug den Rucksack mit den Matschkartoffeln. Der Blick zur Straße wurde durch hohe Büsche verdeckt. Die Luft war immer noch klar, aber die Sonne bereits hinter den Bäumen verschwunden.
Sara folgte Blixa auf einen Baum.
Lisa und Kolja blieben unten im tiefen Dunkel zurück. Lisa sah etwas verloren aus. Sara wandte sich noch einmal kurz zu ihr um: "Das klappt schon alles." Zum Teil sagte sie dies auch, um ihre eigene Furcht klein zu halten, sie sorgte sich um Ka. Lisa lächelte schwach.
Sara kletterte leise zu Blixa, der Vampir durfte sie nicht bemerken. Dann sahen sie ihn: Er stand immer noch auf der anderen Straßenseite. Blixa machte ihr ein Zeichen und flüsterte: "Da ist er." Sara nickte. Blixa versuchte cool zu klingen, doch auch sie wirkte unsicher und die Furcht war ihr anzuhören.
Sara wusste aus Blixas Erzählungen, dass die Vampirzentrale mehr noch als die Aufsicht verantwortlich war für all die Gemeinheiten der anderen Kinder und der Lehrer und Lehrerinnen, die Blixa angegriffen hatten, nur weil sie kein Blut trank. Zwar führte die Vampiraufsicht die Internate, doch die Zentrale bestimmte alles. Sara bemerkte, wie Blixas Vampirzähne sichtbar wurden.
Saras Furcht wurde von einer kühlen Erregung überlagert. Ihre Sinne schärften sich, sie hörte jetzt das kleinste Geräusch und mit ihren Körperhaaren spürte sie jeden Lufthauch. Sie horchte, vernahm das Flüstern der Zweige und Lisas furchtsames Atmen und spürte den Vampir. Ein kalter Lufthauch schien von ihm auszugehen und seine Finger nach ihnen auszustrecken.
Sara ließ sich lautlos vom Baum herab. Blixa blieb dort und beobachtete weiter.

Sara sah im dunklen Schatten die fragenden Augen von Kolja und Lisa. "Wir führen alles wie geplant durch." Beide nickten. Sie wollten gerade anfangen, als auf einmal Blixa vom Baum herunterkam. Lisa sah ihr beunruhigt entgegen. "Was ist?" Blixa sah bleich aus.
"Eine Varya." Blixas Stimme zitterte.
Sara und Lisa fragten fast gleichzeitig: "Was ist eine Varya?"
Kolja schluckte. "Eines der gemeinsten Geschöpfe, die es gibt. Sie haben Krallen wie Rasierklingen. Und sie empfinden Freude beim Töten." Kolja schüttelte sich kurz, dann sprach er weiter. "Töten und Quälen ist das Einzige, was sie wirklich lieben. Sie sind etwa so groß wie Hunde, nur haben sie einen Kinderkopf und Flügel." Sara schaute Kolja und Blixa an: "Was sollen wir tun?"
"Wir müssen dafür sorgen, dass sie Miriam nicht entdeckt. Ihre Sinne sind noch schärfer als die von Vampiren."
Sara blickte sie an. "Dann muss die Jauche eben auch dafür reichen."

Lisa hüpfte aus irgendeinem Grund auf und ab. Kolja zupfte sie am Ärmel. "Was soll das?"
Lisa war außer Atem. "Das hilft gegen Aufregung!" Sie blickte Kolja an. "Du solltest das vielleicht auch mal probieren."
Kolja grummelte nur.

Blixa kletterte auf den Baum zurück.

Sara, Lisa und Kolja bereiten unten ihre Überraschung für den Vampir vor. Der Jaucheschlauch war zum Glück lang genug. Sie zogen den Schlauchauslass in den tiefen, dunklen Schatten direkt gegenüber einem kleinen Stück Rasen.
Sara schaute nach oben, ihre Augen durchdrangen das Dunkel der Wipfel über ihr. Dann blickte sie zu Kolja: "Ihr müsst die Varya und den Vampir hierher locken." Kolja nickte und folgte Blixa auf den Baum.
Alles war bereit.

Lisa lief zur Pumpe und schaltete sie ein. Der Lärm überlagerte das Rauschen der Bäume und musste auch über die Straße hinweg zu hören sein. Da hatte der Vampir etwas zum Grübeln. Die Jauche bewegte sich im Schlauch und blähte ihn auf. Ein Gestank nach fauligem Wasser und Fäkalien durchzog die Luft.

Sara krauste die Nase. Sie hielt den geschlossenen Schlauchauslass zwischen ihren Händen. Der Schlauch war dicker als ihr Arm, mit einer Handbewegung konnte sie ihn öffnen. Sie gab Blixa und Kolja ein Zeichen.

Nun begannen Blixa und Kolja, den Vampir mit den alten, matschigen, stinkenden Kartoffeln zu bewerfen. Kolja ekelte sich dabei selbst vor dem fauligen Kartoffelmatsch. Doch sie warfen vorbei und der Vampir reagierte nicht. Kolja wischte widerwillig den Kartoffelmatsch von seiner Hand. "Es funktioniert nicht." Aber Blixa grinste nur finster und zog eine Zwille aus ihrer Hosentasche.
Diese hatte genau die richtige Größe für die Matschkartoffeln. Blixa zielte, schoss und traf die Varya genau ins Gesicht.
Die Wirkung trat schneller ein als erwartet.

Bevor der Vampir reagieren konnte, schoss die Varya über die Straße. Einen Moment lang waren Blixa und Kolja wie gelähmt.
Dann sprangen sie blitzschnell vom Baum auf das Rasenstück. Doch mit einem stumpfen Lachen im Gesicht brach die Varya bereits durch das Dunkel der Büsche und sprang unmittelbar neben Kolja auf den Boden.
Sie hatte den Kopf eines zehnjährigen, blonden Jungen und war ungefähr so groß wie ein mittelgroßer Hund. Ihr glänzendes, glattes Fell und die lederartigen Flügel leuchteten weiß. Ihre Klauen waren ausgefahren und blitzten in den Lichtstrahlen des Abends. Der kalte Blick des Jungengesichts ließ Blixa frösteln. Kolja war in höchster Gefahr.
Aber kurz bevor die Varya ihn erreichte, traf sie der Strahl der Jauchepumpe mit voller Wucht. Kolja konnte dem Strahl gerade noch ausweichen. Laut aufschreiend wurde die Varya vom Strahl in ein Gebüsch gedrückt.
Ihr Fell war jetzt alles andere als weiß und ein Gestank nach Kloake ging von ihr aus. Sie war nur noch ein dunkler Kothaufen.
Sara hatte Auslass des Jaucheschlauches genau im richtigen Moment geöffnet. Lisa, die ein Stück hinter ihr stand, jubelte.

Doch Sara kam nicht dazu, ihren Triumph zu genießen. Auf einmal konnte sie sich nicht mehr rühren. Auch die anderen waren urplötzlich wie gelähmt. Der Agent der Vampirzentrale stand unvermittelt zwischen ihnen. Er hatte sie mit seiner Kraft gebannt.
Sara hatte den Schlauch geschlossen und konnte ihn nun nicht mehr öffnen, selbst der Mund wollte ihr nicht mehr gehorchen. Der Vampir würde Miriam nun sofort wittern.
Er lächelte abfällig, der Klang seiner scheinbar freundlichen Stimme war furchteinflößend: "Wisst ihr, was man mit Kindern wie euch macht?"

Sara bemerkte, dass sich ihr die nach Jauche stinkende Varya näherte, der Jungenkopf schrie und sabberte. Sie konnten nichts tun. Sie sah, dass Lisa aufschreien wollte, es aber aufgrund der Erstarrung nicht konnte. Die Varya sprang auf sie zu. Sara verspürte keine Angst, nur das Bedürfnis, sich zu wehren. Doch im eisernen Griff des Vampirs konnte sie nichts tun.
Eine der Krallen traf ihren Arm, ein kurzer scharfer Schmerz durchzuckte ihren Körper, dann spürte sie Feuchtigkeit. Blut quoll aus einem tiefen Schnitt, doch gleichzeitig traf eine andere Klaue den Schlauch und schlitzte ihn der Länge nach auf.
Die Fäkalien spritzten mit Wucht heraus und ergossen sich nicht nur über Sara und die Varya, sondern auch über den in ihrer Nähe stehenden Vampir. Der Vampir fluchte laut auf: "Du dummes unnützes Tier, ich ...!" Doch gleich darauf bereute er es, den Mund geöffnet zu haben Kleine Stücke einer ekligen, schwarzen Masse schwammen in der stinkenden Flüssigkeit und nun auch in seinem Mund.
Angewidert sprang der Vampir zur Seite und spuckte auf den Boden. Auch sein Anzug sah nicht mehr wie der eines Managers aus, und die Varya zog ängstlich den Kopf ein.
Die Abendluft war durchzogen vom Gestank nach Kot und verfaultem Wasser. Da die Pumpe weiterlief, floss immer neue Jauche nach.

Ka hatte hinter der Haustür gewartet. Sie sah, wie die Klaue Sara traf und ihr blieb fast das Herz stehen. Doch sie durfte ihr nicht helfen, sie hatte eine andere Aufgabe.
Als der Vampir von der Jauche getroffen wurde, beeilte sie sich. Sie frischte schnell den Tupukschleim, mit dem sie sich vorher bereits überall eingeschmiert hatte, auf. Dann hustete sie einmal laut, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie sah, wie die Varya den Kopf wandte und rannte los. Sie konnte nur hoffen, dass die Kreatur und der Vampir ihr folgen würden. Sie schaute sich um, ihr Atem ging stoßweise.
Tatsächlich hatte die Varya ihre hellblonden Haare und Miriams Jacke bemerkt und der Jungenkopf brüllte ihr hinterher. Der Vampir musterte sie, die halb Unsichtbare, mit kalten, sachlichen Augen. Für ihn war sie nur eine Delinquentin auf der Flucht. Kurz stieg Furcht in ihr auf, aber dafür war jetzt keine Zeit.
Ka rannte um die Ecke der Villa. Sie hörte den Flügelschlag der Varya, der Vampir und die Kreatur waren ihr auf den Fersen. Sie musste zur Rückseite gelangen, bevor der Vampir und die Varya sie erreichten, damit Miriam unbemerkt durch die Vordertür entkommen konnte.
Sie zwang sich, nur noch ans Laufen zu denken, Laufen, Laufen. Ihre Beine schienen sich trotzdem nur in Zeitlupe zu bewegen. Sie hörte nur noch das Rauschen ihres Blutes und das Geräusch ihres eigenen Atems. Alles andere trat in den Hintergrund. Die Außenwelt lief wie ein unwirklicher Film an ihr vorbei. Die Zeit schien fast still zu stehen.

Doch dann hatte sie es geschafft, sie hatte die Rückseite erreicht. Sie sah die Dachbodenluke, doch plötzlich verlor sie die Kontrolle über ihren Körper. Sie wurde in die Luft gehoben und dann zu Boden geschleudert. Dort lag sie auf dem Rücken wie ein Käfer, festgefroren durch die unheimliche Kraft des Vampirs, wehrlos, schutzlos.

Über sich sah sie die Wolken über den weißblauen Himmel ziehen, der Wind hatte aufgefrischt. Es dämmerte leicht. Die letzten Strahlen der Sonne ließen die Giebel der Villa leuchten. Sie hörte das Rauschen der Äste. Sie roch die beginnende Nacht. Es war ein kühler wolkiger Frühsommerabend.
All dies erschien ihr nun unwirklich. Nur der Vampir und seine Kreatur waren real. Unter den dunklen alten Bäumen hinter der Villa war sie allein. Niemand würde sie hören, selbst wenn sie den Mund hätte bewegen können, um zu schreien. Ka fühlte sich ganz klamm.
Der Vampir ließ sich Zeit. Ein grausames Lächeln lag auf seinem Gesicht, das Ka aus den Augenwinkeln sehen konnte. Er schien sich sicher zu sein, Miriam gefangen zu haben.
Auch die Varya schlich auf sie zu, die Kreatur mit dem Gesicht eines zehnjährigen Jungen starrte sie gierig an und kreischte.
Der Jauchegestank überlagerte nun alle anderen Gerüche.

Da landete wie aus dem Nichts eine Vampirin direkt neben ihr, eine Frau Anfang Dreißig in einem unauffälligen, aber teuren Kostüm. Ka bemerkte, dass ihre Haut vollkommen glatt war, sie sah nicht ein Haar, nicht eine Falte. Die Frau war unauffällig geschminkt und nicht ein einziger Tropfen Schweiß lief an ihr herab.
Das musste die Agentin der Vampirzentrale sein!
Die Vampirin hielt sich die Hand vor die Nase, angewidert blickte sie zu ihrem Kollegen und der Kreatur. Sie schickte die Varya mit einer Handbewegung fort.
Ka war ihnen ausgeliefert. Weil große Teile ihres Körpers und ihres Kopfes unsichtbar waren und wegen der hellblonden Haare glaubten die Vampire, Miriam vor sich zu haben - noch. Riechen konnten sie bei dem Gestank nicht.
Ka hoffte, das Miriam das Haus bereits verlassen hatte.

Aber Ka war nicht allein. Nachdem der Vampir um die Hausecke verschwunden war, gelang es Sara als Erster, ihre Erstarrung zu überwinden. Sie war wieder frei. Auch Kolja und Blixa bewegten sich, nur Lisa hatte noch Probleme. Sara schaute zu ihr hinüber: "Geht es?" Lisa nickte, dann blickte sie auf Saras Verletzung. "Das muss verbunden werden." Sara spürte ihre blutende Wunde kaum. Sie schüttelte den Kopf. "Keine Zeit." Ka brauchte Hilfe!
Sara lief ums Haus. Sie musste ihrer Freundin helfen! Dann entdeckte sie Ka und die Vampire.
Ohne weiter nachzudenken sprang sie zwischen Ka und die Vampire, um ihre immer noch unsichtbare Freundin zu schützen. Sie fauchte die Vampire an: "Lasst sie in Ruhe!"
Sie hatte keine Angst um sich, aber um Ka. Ka war ihre einzige wirkliche Freundin und den Vampiren völlig hilflos ausgeliefert. Sara spürte Wut und Verzweiflung, aber sie zwang sich zur Ruhe. Sie war sich auf einmal nicht mehr so sicher, ob ihr Handeln wirklich klug war.
Die Vampire drehten sich überrascht zu ihr um. Der Vampir grinste sie böse an. Sara begriff: Gleich würde er sie wieder mit seiner Kraft einfrieren. Da stürzte sich Kolja aus dem Gebüsch auf den Vampir. Der war einen kurzen Moment lang abgelenkt und ließ von Sara ab.
Als die Vampirin eingreifen wollte, bekam sie eine Matschkartoffel mitten ins Gesicht. Das stinkende Mus vermischte sich mit ihrer Schminke.
Blixa saß unweit in einem Baumwipfel und schoss mit ihrer Zwille Matschkartoffeln auf die Vampire. Die nächste Matschkartoffel traf die Vampirin am Ohr. Die Vampirin sah nun aus, als hätte sie gammeliges Kartoffelmus als Gesichtskreme benutzt. Im Abendlicht wirkte das fast wie eine Hautpflegemaske.
Einen Augenblick lang verlor die Vampirin die Kontrolle. Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.
Dazwischen flogen nun auch wieder die Käuzchen durch die Luft und attackierten die Störer. Ihre Rufe übertönten den Wind.

Sara versuchte Ka, die immer noch keinen Finger bewegen konnte, wegzuziehen. Sie musste Ka in Sicherheit bringen! Da hörte sie auf einmal Blixa schreien: "Hau ab! Aus!" Blixa klang das erste Mal, seit Sara sie kannte, ängstlich. Die Varya näherte sich Blixa mit ausgefahrenen Klauen.
Was sollte sie tun? Ka war immer noch hilflos den Vampiren ausgeliefert, doch Blixa war in akuter Gefahr. Sara blickte Ka unsicher an. Sie wusste, dass sie Blixa helfen musste, doch sie hatte Angst, dass Ka etwas passieren könnte. Und doch war sie gezwungen, ihre beste Freundin allein lassen. Sie spürte einen Stein im Magen. Wütend lief sie genau auf die Varya zu. Jedes ihrer Körperhaare hatte sich aufgestellt. Augenblicklich ließ das Tier mit dem Jungenkopf von Blixa ab. Sara flößte der Varya Furcht ein. Die Kreatur zögerte. Sie traute sich nicht, Sara anzugreifen. Ihr heiseres Bellen verwehte im auffrischenden Wind.

Nachdem er sich auf den Vampiragenten gestürzt hatte, versuchte Kolja sich durch einen Sprung in Sicherheit zu bringen. Doch der Vampir fror ihn mitten im Sprung ein und hob in mit seinen telekinetischen Kräften hoch in die Luft. "Gehört sich das, Erwachsene umzurennen?"
Kolja schwebte beinahe drei Meter über dem Boden. "Lassen Sie mich runter!"
Der Vampir hauchte ihn eiskalt an. "Als Vampirkind solltest du wissen, was sich gehört. Was glaubst du, sagen deine Eltern zu dem, was du hier machst? Soll ..." Er brach mitten im Satz ab. Seine Stimme wurde eiskalt: "Das Klurk, du trägst das Klurk." Der Vampir hatte das schwarze, mattdunkelgrün leuchtende Armband entdeckt. "Du bist der Urenkel der Fürstin Irina!" Er starrte Kolja mit seinen schwarzen wässrigen Augen böse an. "Wie kann sie das Klurk einem Kind anvertrauen? Deine Urgroßmutter ist verrückt, sie ist krank."
Kolja kannte das schon. Für die Vampire der Aufsichtsbehörde und der Zentrale war die Fürstin Irina die Verkörperung einer überholten Unordnung. Gleichzeitig maßen sie diesem schwarzgrünen Armband unheimliche, unaussprechliche Kräfte zu. Aber um ihm das Armband abzunehmen, hatten die Vampire zu viel Angst vor der Fürstin. Kolja versuchte sich zu befreien, doch seine Kräfte reichten dafür nicht aus.
Der Vampir lächelte Kolja an. "Ich soll dich also runter lassen?" Er lächelte noch mehr. "Ja? Gut!" Er schleuderte Kolja aus drei Metern Höhe auf den Boden. "Grüß´ deine Urgroßmutter!"
Kolja schrie auf: "Aaarrh!" Seine Hand war seltsam umgeknickt, er spürte einen stechenden Schmerz. Der Vampir lachte. Wieder versuchte Kolja, sich zu befreien. Doch all seine Wut war zwecklos, er kam nicht frei. Er konnte nichts tun, bis auf eines: Er sah dem Vampir in die Augen und schrie ihn an: "Der Golch soll dich holen!"
Der Vampir wurde eine Nuance bleicher und sein Gesichtsausdruck noch hässlicher. Kolja grinste. Die Vampire der Agentur waren einfach unglaublich abergläubisch!

Blixa fühlte sich allerdings auch nicht besonders wohl, als Kolja den Vampir mit dem Golch verfluchte. Den Golch zu nennen war ein böses Omen und es machte ihr Angst. Blixa schüttelte sich, das war albern.
Viel schlimmer war, dass ihr die Matschkartoffeln ausgingen. Sie schoss die letzten zwei auf die Varya, um Sara zu unterstützen. Sie zitterte. Ka und Kolja waren gelähmt, die Varya bedrohte Sara. Die Agentin und der Agent waren dabei, zu gewinnen.
Nur Lisa war nirgends zu sehen.

Und es kam noch schlimmer: Kaum hatte die Vampirin das stinkende Matschkartoffelmus aus ihrem Gesicht entfernt, da setzte sie ihre Kraft auch gegen Sara ein. Sie hob Sara plötzlich in die Luft und warf sie in einen Weißdornbusch. Blixa konnte sehen, dass die langen Dornen Saras Haut verletzten, doch Sara gab keinen Laut von sich. Dann bemerkte Blixa mit Schrecken, dass Sara nun ebenfalls gelähmt war.
Blixa brüllte die Vampirin an: "Dumme Kuh!" Doch was konnte sie tun? Sara, die ihr geholfen hatte, brauchte nun ihre Hilfe. Aber ihr fiel nichts ein. Und dann ließ die Vampirin auch Blixa erstarren, die wie eine reife Frucht vom Baum fiel. Sie konnte nicht einmal mehr den Mund bewegen, um die Vampirin zu verfluchen.
Die Zwille zerbrach. Die Käuzchen zogen sich schimpfend ins Geäst zurück. Blixa hörte das Hecheln der Varya, welches sich ihr näherte.
Alles schien zu Ende zu sein.

Lisa war die Einzige, die noch frei war. Nachdem der Vampir Ka gefolgt war, hatte sich Lisas Erstarrung nur langsam gelöst. Sie hatte einen Augenblick lang gebraucht, um Luft zu schöpfen und war etwas langsamer als die anderen ums Haus herum gelaufen.
Nun schien alles verloren. Sara, Ka, Blixa und Kolja waren in der Gewalt der Vampire.

Der Wind hatte sich kurzfristig gelegt. Aber langsam wurde es dunkler und eine kühle Stille hatte alles durchdrungen. Sie erkannte Blixa und Sara nur verschwommen im kalten, schwarzen Licht unter den Bäumen.
Aber was sie sah, machte ihr Angst. Sie sah die Varya, die Blixa umschlich.
Lisa lief ein kalter Schauer den Nacken hinunter, doch dann sah sie das Lachen der Vampire der Agentur und ihr wurde heiß vor Wut.
Sie zog den weißen Schleim - Der Weiße Tod -, den Ka gesehen und den sie zusammen mit den Matschkartoffeln aus dem Keller geholt hatte aus ihrer Tasche. Sie lief auf die beiden Vampire zu, die sie nicht beachteten, da sie auf Sara, Blixa, Kolja und Ka konzentriert waren. Lisa zitterte und stolperte fast über ihre Füße. Zum Glück erreichte sie die Vampire ungesehen und schleuderte den weißen Schleim auf sie. Sie wusste zwar nicht, ob ihr das Hexenrezept trotz aller Improvisationen gelungen war, aber sie wollte es zumindest versuchen.
Doch leider schien der Schleim die beiden Vampire nicht im Geringsten zu beeindrucken.

Der Vampir drehte sich zu ihr um. Jauchegestank schlug ihr entgegen. Er stand so dicht vor Lisa, dass sie selbst in der beginnenden Dämmerung und im Schatten der Bäume erkennen konnte, wie gepflegt sein Gesicht ausgesehen haben musste, bevor ihn die Jauche getroffen hatte. "Noch ein kleines Mädchen. Solltest du nicht im Bett liegen und schlafen?" Er wollte Lisa gerade mit seinem Blick bannen, als plötzlich direkt hinter ihr ein schreckliches Brüllen die Stille zerriss. Aus den Augenwinkeln sah sie hinter sich die Gestalt eines riesigen Wolfes.
Die Varya schrie ängstlich auf, ließ von Sara und Blixa ab und suchte Schutz bei den Vampiren.
Ein Werwolf! Wo kam der her? Die Vampire fauchten. Lisa konnte vor Furcht nicht einmal schreien, die kalte Nässe der Abendluft kroch ihr unter die Kleidung. Sie wartete darauf, verschlungen zu werden. Doch irgendetwas irritierte sie. Der Werwolf zeigte seine Zähne und schlich um sie herum.
Die Gesichter der Vampirin und des Vampirs wurden bösartig, auch ihre Zähne traten hervor.
Der Schleim auf der Kleidung der Vampire zog inzwischen klebrige Fäden. Zuerst hatten sie dies nicht weiter beachtet, doch nun zog die Masse bei jeder Bewegung Fäden wie Kaugummi und schien immer fester zu werden. Jeder Versuch, sie zu entfernen, führte nur dazu, dass sich die Vampire noch mehr verklebten.
Bei dem Durcheinander übersahen sie Ka, die langsam wieder sichtbar wurde. Einen Augenblick lang schien alles im Chaos zu versinken.
Doch dann roch Lisa auf einmal Zimtgeruch und sie sah, dass der Werwolf eine Zahnspange trug und begriff alles. Jetzt wusste sie, was sie irritiert hatte. Sie streichelte das Tupuk in ihrer Rocktasche.
Doch auch die Vampire begriffen nun, dass dies nur eine Illusion war. Sie wandten sich beide zu Lisa um. Der Werwolf löste sich in Luft auf.
Mit ihrem eisigen Atem hauchte die Vampirin Lisa mit ausgefahrenen Zähnen an: "Was ist das?" Sie deutete auf den Schleim.
Lisa steckte ein Kloß im Hals, die Angst lag wie ein schweres Kissen auf ihr. Sie schluckte.

Da durchschnitt ein wütender Schrei des Vampirs die Stille hinter der Villa und eine Windböe peitschte die Zweige der Baumwipfel. Die kurze Windstille war vorbei, die Bäume rauschten stärker als zuvor. Ka war jetzt selbst in der Abenddämmerung deutlich sichtbar. Die Vampire erkannten, dass sie nicht Miriam vor sich hatten. Wütend starrten sie auf das Mädchen, das hilflos vor ihnen auf der Erde lag.
Lisa stellte sich zitternd vor Ka. Trotz der Furcht, die ihr die Kehle zuschnürte, brachte sie ein Flüstern zustande: "Rührt sie nicht an!"
Sie hatten Miriam genug Zeit verschafft, um zu fliehen. Doch was würden die Vampire jetzt tun?

Der Vampir stieß Lisa einfach zur Seite in den Dreck. Blixa, die das aus den Augenwinkeln sah, wünschte sich, ihm ins Gesicht zu springen, doch sie war immer noch bewegungsunfähig. Dabei hatte sie Lisa doch versprochen, ihr zu helfen. Aber alle Versuche, den Bann zu brechen, scheiterten. Das Gesicht des Vampirs näherte sich nun Ka, seine Zähne waren deutlich zu sehen.
Die Vampirin versuchte immer noch mühsam, die grauweiße Masse abzukratzen. Die Verrenkungen, die sie dabei machte, brachten Ka aller Angst zum Trotz beinahe zum Lachen.
Der Vampir atmete ihr jetzt direkt ins Gesicht: "Wo ist die junge Kriminelle?"
Ka konnte Mund und Kopf nun wieder bewegen. Unter den Bäumen war es inzwischen fast dunkel, sie zitterte vor Erschöpfung, Kälte, Angst und Wut, aber sie legte ihre ganze Verachtung in ihre Stimme: "Miriam ist nicht kriminell und sie ist weg!"
Die Vampire drehten sich und witterten, aber sie rochen rein gar nichts außer dem Gestank der Jauche in der Luft. Auch die Varya hatte jeglichen Geruchssinn verloren. Und zu hören waren nur die Käuzchen und der Wind.

Miriam hatte es geschafft!

Ka sah den Vampir an: "Sie dürfen Menschen gar nichts tun!" Der Vampir lachte freudlos und näherte sich ihr erneut. Doch da gab die Vampirin ihm ein Zeichen, angeekelt betrachtete sie Ka. "Verlass dich nicht zu sehr darauf, Helferinnen dürfen wir durchaus bestrafen. Aber wir haben Wichtigeres zu tun."
Plötzlich waren die beiden Vampire verschwunden. Die Varya folgte ihnen in die anbrechende Nacht.

Endlich konnte Ka sich wieder bewegen, doch alle ihre Glieder waren steif. Auch Saras, Koljas und Blixas Erstarrung löste sich.

Sara lief zu ihr, immer noch leicht zitternd vor Wut. Sie half Ka aufzustehen. "Alles okay?" Saras Stimme klang besorgt, ihr war die Angst um Ka anzusehen. Ka lächelte. "Ja, aber was ist mit dir?" Aus der Nähe konnte Ka selbst bei der einsetzenden Dunkelheit sehen, dass Sara diverse Kratzer hatte und aus einigen Schrammen und einer tiefen Wunde blutete, außerdem war sie von oben bis unten voller Jauche, ihre nasse Kleidung stank fürchterlich und klebte auf der Haut.
Ka fielen wieder einmal die unauffälligen, dunklen Härchen ins Auge, welche Saras Arme und Beine zierten. Ka fand das cool, sie wusste aber, dass Sara manchmal deshalb gehänselt wurde. Sie mussten irgendetwas mit Saras Geheimnis zu tun haben. Sara schien immer zwischen Stolz und Scham zu schwanken. Jedenfalls war es nicht gesund, sie damit zu hänseln, Sara konnte ziemlich aggressiv werden, wenn sie wütend war.
Ka wusste, dass Sara die Kratzer kaum störten, nur die Wunde, die ihr die Varya am Arm zugefügt hatte, betrachtete Ka mit Sorge. "Das sieht schlimm aus." Sara grinste. "Geht schon." Ka sah sie kopfschüttelnd an. "Wir müssen die Wunde reinigen und desinfizieren." Sara nickte nur ergeben und umarmte Ka dann spontan, nur kurz und doch wusste Ka, dass dies bei Sara sehr viel zu bedeuten hatte.

Nun kam auch Kolja. Er hielt seine eine Hand mit der anderen. Ka wandte sich zu ihm. "Was ist mit deiner Hand? Das war fies von dem Vampir." Kolja zuckte mit den Schultern. "Ist nur verstaucht." Doch er sah bei diesen Worten so unleidlich aus, dass Ka zu ihm ging. "Brauchst du Hilfe?" Sie zögerte kurz und fuhr dann fort. "Und danke übrigens, dass du mir geholfen hast."
Kolja schüttelte den Kopf. "Ist schon gut. Ich finde es nur unglaublich unfair, dass alle immer nur den Urenkel der Fürstin Irina in mir sehen."
Ka und Sara widersprachen ihm gleichzeitig: "Wir nicht."
Kolja krauste die Nase. "Ich weiß, aber ihr seid ja auch keine Vampire."
Sara blickte ihn an. "Und, sind wir deshalb nicht von Bedeutung?"
Kolja sah auf. "Das habe ich doch gar nicht gemeint. Ich glaube, ich schmeiße das Armband weg, soll Urgroßmutter mich doch dafür umbringen."
Ka dachte an die Fürstin und fragte sich, ob sie Kolja wirklich umbringen würde. Vermutlich nicht, aber die Bestrafung würde sicherlich unangenehm ausfallen. Sara grinste. "Und was machst du, wenn der Golch angreift?"
Kolja erwiderte darauf gar nichts, sondern schnaubte nur durch die Nase.

Blixa war zu Lisa gelaufen, die immer noch einfach dort auf der Erde saß, wo sie hingefallen war und zitterte, fror und schluckte.
Blixa ging zu ihr. "Du warst toll." Dann sah sie schüchtern an Lisa vorbei zu Boden. "Entschuldige, dass ich dir nicht helfen konnte, obwohl ich es versprochen habe."
Lisa stand auf, nahm Blixas Hand und sah ihr in die Augen. "Aber du warst doch gelähmt. Du warst auch toll!"
Blixa wurde leicht blau.

Ka näherte sich und umarmte Lisa. "Danke." Dann nahmen Sara, Kolja und sie Lisa und Blixa in die Mitte. Zusammen gingen sie mit klopfendem Herzen zur Hintertür.

Plötzlich fluchte Lisa: "Stinkender Jauchefrosch!" Sie hatte die Jauchepumpe vergessen! Schnell lief sie hin und stellte sie ab. Teile des Vorgartens waren von einer stinkenden, schwarzen Brühe überflutet. Ka beruhigte sie: "Morgen fällt uns schon etwas ein."

Kurz darauf saßen alle auf dem Dachboden. Langsam löste sich die Anspannung, aber sie waren noch sehr aufgeregt. Immer wieder erzählten sie die eine oder andere Einzelheit, die ihnen aufgefallen war.
"Habt ihr die fiesen Augen der Varya gesehen?"
"Wie der Vampir geguckt hat, als er die Jauche abbekommen hat!"
"Die Idee mit der Zwille und den Matschkartoffeln war super!"
Die Abenddämmerung war inzwischen in die Nacht übergegangen. Nur der Wind in den Bäumen und ein schnuffelnder Igel waren noch zu hören. Die frische Kälte des Windes umfing sie.
Sie saßen an der Luke und blickten in die Nacht. Weitere Wolken zogen auf. Der schwarze Nachthimmel bedeckte sich langsam immer mehr, Sara betrachtete die Wolken. "Ich glaube, es gibt noch ein Gewitter."
Lisa hatte sich in eine Decke eingekuschelt und betrachtete Blixa nachdenklich. "Hattest du gar keine Angst? Dich suchen sie doch auch!"
"Ich bin nicht wichtig genug für die Zentrale, die suchen jetzt Miriam. Mich überlassen sie der Vampiraufsicht."
Kolja grinste. "Aber Miriam hatte genug Zeit. Sie werden sie nicht finden."

Dann wandte sich Ka an Lisa: "Was war das für ein Schleim?" "Eigentlich sollte es - Der Weiße Tod - Vampirjuckpulver sein. Aber trotz Rezept habe ich es nicht hinbekommen." Lisa ließ den Kopf hängen. "Ich habe es nicht einmal pulverförmig gekriegt und Juckreiz hat es offensichtlich auch nicht ausgelöst. Obwohl ihr mir doch extra noch die fehlenden Zutaten besorgt habt." Sie seufzte.
Blixa sah Lisa begeistert an. "Das war trotzdem klasse! Zwar nicht als Juckpulver, aber als Klebstoff. Das ist sicher extrem hinderlich beim Fliegen, wenn sie sich dauernd verkleben. Ich finde, du bist eine richtige Hexe!"
Lisa lächelte zaghaft, vielleicht war ihr Hexenrezept doch nicht so schlecht gelungen. Nur leider hatte sie sich die Rezeptur ihrer Improvisation nicht gemerkt.
Kolja grinste. "Den Gestank nach Jauche wird der Vampir auch erst mal nicht los."
Alle lachten. Nur Sara, die selbst höllisch stank, fand diese Bemerkung nicht lustig und tat so, als wolle sie Kolja umarmen. Kolja wich aber schnell aus. Sara schaute ihn an: "Na, hast du Angst, dass ich abfärbe?"
Kolja, dessen Hemd und Hose trotz der Auseinandersetzung mit dem Vampir immer noch wie frisch gebügelt aussahen, nickte nur trocken, aber seine Hand schmerzte ihn offensichtlich. Lisa blickte ihn besorgt an: "Soll ich eine Schmerzsalbe aus der Hausapotheke holen?" Kolja schüttelte den Kopf. "Nein, ist nicht so schlimm." Dann grinste er und rümpfte die Nase in Richtung Sara. "Zumindest stinke ich nicht."
Sara streckte ihm die Zunge heraus.
Sie waren alle erleichtert.

Nur Blixa war nachdenklich. Sie dachte an das, was ihnen noch bevorstand. "Die Vampiragenten werden mit Sicherheit das Haus überwachen und irgendwann muss Miriam zum dritten Biss zurückkommen." Sie setzte sich zu Lisa, die bei ihren Worten blass geworden war. "Zusammen finden wir eine Lösung."
Alle schwiegen.
Wie würde es weitergehen?

Sie verabredeten ein weiteres BUNG-Treffen für Mitternacht am nächsten Tag. Ihnen fehlte noch eine Lösung für den Schnabeldrachen, die Vampirsellerie und die Vampirgurken.
Ka würde sich, nachdem sie ins Bett gegangen war irgendwie hinausschleichen müssen. Auch Sara wusste noch nicht, wie sie das machen sollte, aber ihr Zimmer lag ebenerdig. Und ihre Großmutter würde ohnehin schimpfen. Kolja und Blixa stimmten ebenfalls zu.
Sie mussten außerdem darauf achten, leise zu sein, um Lisas Vater nicht zu wecken. Morgen kam er zurück.

Sie besprachen noch, was sie mitbringen wollten, als Lisa auf einmal aufstand.
Der Kampf hatte Lisas Gedanken kurz von Tine abgelenkt. Doch nun, da er vorbei war, meldete sich die Sorge um ihre Schwester umso lauter zurück. Sie sah Ka an: "Ich muss nach Tine schauen."
Ka nickte, sie hatte auch schon an Tine gedacht und wie es ihr nach dem zweiten Biss wohl ging.
Lisa ließ die anderen auf dem Dachboden zurück und lief hinunter.

Im Zimmer roch es immer noch nach Rote Bete. Tine lag in ihrem Bett, sie war mit kaltem Schweiß bedeckt und zitterte. Lisa holte trockenes Bettzeug und brachte ihr Blutoka. Tines Augen waren stark geweitet. Als sie Lisa sah, fragte Tine nur: "Was ist mit Miriam?"
Lisa umarmte ihre Schwester. "Miriam ist in Sicherheit."
Tine lächelte. "Dann ist alles gut." und fiel in einen schweren Schlaf.
Doch Lisa war nicht davon überzeugt, dass alles gut war, Tines Zustand machte ihr Angst.

Die anderen blieben noch einen Moment lang schweigend auf dem Dachboden sitzen, doch dann musste Kolja los, er hatte gleich Privatstunden.
Und auch Blixa konnte nicht still sitzen. Um diese Zeit stand sie meistens auf. Sie spürte das Dunkel der Nacht. und schaute Ka und Sara an. "Ich gehe noch mal raus." Sara fühlte die kühle, schwarze Luft, sie konnte Blixa gut verstehen.
Blixa ging noch kurz bei Tine und Lisa vorbei. Lisa wirkte völlig erschöpft und Tine schlief unruhig. Blixa schaute Lisa besorgt an: "Soll ich bleiben?" Lisa schüttelte den Kopf. Blixa winkte ihr zum Abschied, dann tauchte sie ein in die Nacht.

Ka und Sara saßen nun allein auf dem Dachboden. Ka schaute ihre Freundin an. "Du solltest sehen, dass du das nasse, dreckige Zeug loswirst." Sara nickte. Sie lief ins Bad im ersten Stock und duschte, nachdem sie sich ein paar alte Klamotten vom Dachboden mitgenommen hatte. Ihre eigenen Klamotten waren hinüber. Sie seufzte: "Das gibt Ärger."
Ka half ihr, die Wunde zu versorgen, dann tauschte auch Ka Miriams Kleidung wieder gegen ihre eigene. Der Tupukschleim hatte sich fast vollständig in Luft aufgelöst. Die letzten Reste entfernte sie mit einem nassen Handtuch. Sara grinste. "Die Haare solltest du auch loswerden. Oder willst du jetzt TV-Blondine werden?"
Anstelle einer Antwort bespritzte Ka Sara mit kaltem Wasser. "Iiih!" Sie lachten. Dann half Sara Ka, die angeklebten Haare zu entfernen. Sie musste eine Schere zu Hilfe nehmen. Ka störten die kürzeren Haare nicht. Sara grinste wieder. Ka blickte noch einmal besorgt auf Saras Wunden: "Hast du Schmerzen?" Sara schüttelte den Kopf. "Nein, kaum, alles okay."
Ka hatte sich Sara schon lange nicht mehr so nahe gefühlt. Seit dem Nachmittag bei Koljas Urgroßmutter war immer eine Distanz zwischen ihnen gewesen.
Doch auch jetzt spürte Ka, dass Sara etwas vor ihr verbarg und ein Blick in Saras Augen verriet ihr, dass ihre beste Freundin nicht darüber reden wollte. Ka fühlte sich zurückgestoßen, der kurze Augenblick der Nähe war vorüber. Beide sahen sich unsicher an und blickten dann einander vorbei.
Sie verstummten, bis Ka die Stille unterbrach: "Ich denke, wir sind aufbruchsbereit. Wir sollten noch kurz bei Lisa und Tine reinschauen." Auch Ka wollte sich von den beiden verabschieden, doch Sara hielt sie zurück. Sie sah ihre Freundin an. "Ich bleibe hier. Wir können Lisa nicht allein lassen. Rufst du meine Großmutter an und sagst ihr, dass ich bei dir übernachte?"
Ka nickte. "Ja, aber ich muss trotzdem los, sonst bekomme ich Ärger."
Sara stimmte ihr zu. "Ich weiß, bis morgen. Und ..." Sie setzte an und brach dann ab.
Sie hatte bemerkt, dass Ka ihr Schweigen nicht verstand, und wollte ihr am liebsten alles erklären, aber als sie ansetzte, merkte sie, dass sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Sie biss sich auf die Lippen.
Ka stieß sie in die Seite. "Ist schon gut. Danke, dass du dich vorhin zwischen mich und die Vampire gestellt hast. Bis morgen."

Ka schaute noch kurz bei Lisa und Tine vorbei, verabschiedete sich und brach auf.

Lisa war froh, dass Sara blieb. Sie hatte Angst allein zu sein, obwohl sie das Blixa nicht gesagt hatte.
Lisa fror. In ihrem Kopf herrschte immer noch ein einziges Durcheinander. Immer wieder gingen ihr Bilder von Tine und Fragen über die Zukunft durch den Kopf. Sara beruhigte sie irgendwie. Sie gab ihr einen Schlafsack und breitete eine Matratze auf dem Boden neben ihrem Bett aus. Draußen hatte es zu regnen begonnen.

Als sie einschliefen, beugte sich Lisa im Dunkeln unsicher flüsternd zu Sara hinunter: "War es richtig, Tine und Miriam zu helfen?"
Sara drehte sich zu ihr: "Ja."









- Kapitel 6 'Was tun?' -


Als Sara am Morgen in die Küche herunterkam, empfing sie die frische, klare Luft von draußen. Lisa hatte die Fenster geöffnet.
Aber es roch auch nach altem Obst. Sie hatten den Schnabeldrachen gestern in der Küche vergessen und das kleine Tier hatte frühmorgens die halbe Altobstschale auf dem Boden verstreut. Nun saß der kleine Drache im Schatten und schnarchte. Lichtstreifen spielten auf dem Küchenboden. "Guten Morgen" Sara schaute durch das Küchenfenster in den Garten. Der Himmel war strahlend blau. Über Nacht hatte ein Gewitter die Luft gereinigt. "Wie siehst es draußen aus?"
Lisa sah auf. "Guten Morgen, besser als befürchtet. Das Gewitter hat die Spuren der Jauche beseitigt. Ich muss mir nur noch eine Erklärung für den kaputten Schlauch ausdenken."
Sara nickte. "Das ist doch praktisch."
Lisa hatte extra ein Stück Schinken für sie auf den Frühstückstisch gestellt. Der Frühlingsmorgen ließ die Ereignisse des Vortages wie einen bösen Traum erscheinen.

Trotzdem wirkte Lisa bedrückt. Sara setzte sich zu ihr an den Küchentisch. "Was ist denn?"
"Tine sieht schlimmer aus als vorher und selbst Blutoka verträgt sie nur noch schlecht. Sie schwitzt, obwohl ihr kalt ist." Lisa wirkte hilflos. "Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich habe sie gefragt, ob ich zu Hause bleiben soll. Aber sie wollte das nicht. Und ich muss zur Schule." Ihr kamen die Tränen. Sie schluckte. "Tine wird immer schwächer. Sie trinkt kaum noch was."
Sara wusste auch keinen Rat. "Lass uns erst mal die Küche aufräumen." Sie hoffte, Lisa damit etwas ablenken zu können.
Ihr ging die eigene Furcht durch den Kopf. Was war, wenn ihre Großmutter Recht hatte und sie eine Gefahr für andere darstellte? Musste sie ihre Freundinnen dann nicht davor schützen? Musste sie sich dann nicht von ihnen fernhalten? Angst überflutete sie. Sie zitterte. Ein Glas rutschte ihr aus der Hand und zerbrach auf dem Boden.
Lisa lächelte schwach. "Das ist nicht schlimm, wir haben noch mehr."
Sara schwieg. Lisa bemerkte Saras Unsicherheit nicht, sie war mit den Gedanken bei Tine.

Bevor sie zur Schule gingen brachten sie den Schnabeldrachen zurück an den Teich.
Der Drache fauchte zwar, als Sara ihn hochnahm und in den Garten trug, zum Feuerspucken war er aber zu faul.

Dann machten sie sich zusammen auf den Schulweg. Auf der Straße trafen sie Ka. "Hallo." Ka sah Lisa an, sie bemerkte ebenfalls Lisas Unruhe. "Was ist mit dir?" Lisa erzählte ihr von Tines Zustand. Aber auch Ka wusste nicht, was sie für Tine tun konnten.
Eine Weile schwiegen sie, dann blickte Ka auf. "Kommt dein Vater heute Nachmittag zurück?"
"Ja."
"Können wir uns dann überhaupt um Mitternacht bei dir treffen?"
"Das ist kein Problem. Nach der Rückkehr von einer Konferenz ist mein Vater immer erschöpft, sodass er früh fest schläft. Wir müssen nur leise sein."

Als Ka nach der Schule wieder zu Hause war, versuchte sie das Buch über die Abenteuer der Ritterin zu Ende zu lesen. Sie konnte sich aber nicht konzentrieren. Sie war müde nach dem gestrigen Abend. Und nach all den Abenteuern der letzten Tage kam ihr das Ganze zu trivial und zu wenig lebensecht vor.
Erschöpft legte sie sich auf das Bett und sah aus dem Fenster. Sie fuhr nicht einmal zum Schwimmen. An sich war das freitags ein fester Termin.
Ihre Mutter schaute besorgt nach ihr. "Was ist, wirst du krank?" Ka schüttelte müde den Kopf. "Nein, wir hatten nur viel zu tun in der Schule."

Als Ka früh zu Bett ging, fiel das dafür gar nicht auf. Sie stellte sich den kleinen Wecker auf halb zwölf. Kurz vorher wachte sie auf. Sie stellte den Wecker aus, bevor er anfing zu klingeln. Leise schlüpfte sie in ihre Sachen.
Sie nahm sich diesmal Ersatzkleidung mit. Sie hatte keine Lust, auf Lisas Röcke angewiesen zu sein, falls sie wieder in irgendeinen Abwasserkanal oder etwas anderes in der Art gerieten.
Ihre Eltern schliefen zum Glück bereits. Sie hatte keine Probleme, unbemerkt aus dem Haus zu schleichen.

Nur ein paar Wolken zogen über den Nachthimmel. Die Nacht war fast schwarz. Dem Kalender nach war in dieser Nacht Halbmond, doch der war nicht zu sehen. Unter den Bäumen in Lisas Garten war es finster. Ka stolperte. "Mist!" Ab und zu raschelte etwas und verschwand im Gebüsch, doch es roch nirgends nach Vampirhunden.
Die Tür zum kleinen Gang hatte Lisa wieder offen gelassen.

Alle anderen waren bereits im Hauptquartier von BUNG auf dem Dachboden von Lisa versammelt. Ka hörte ihre Stimmen, als sie die Treppe hochging.
Trotz einer Kerze war es auch hier stockdunkel. Ka sah zuerst lediglich Umrisse, nur langsam konnte sie mehr wahrnehmen. Blixa trank gerade eine Flasche Gemüsesaft.
Sara stand an der Luke und schaute hinaus. Matt lächelte sie Ka zu. Ihr Gesicht sah blass aus, aber das lag vielleicht nur am blauen Licht der Nacht. Ka spürte wieder die Kluft, die sich zwischen ihr und ihrer besten Freundin aufgetan hatte. Was verschwieg Sara ihr? Sie erwiderte Saras Lächeln unsicher.
Kolja saß in einer Ecke und zeichnete. Lisa saß niedergeschlagen neben ihm im Dunkel. Sie begrüßte Ka leise: "Hallo, bis du gut rausgekommen?"
Ka nickte. "Ja, meine Eltern haben schon geschlafen. Was ist mit deinem Vater?"
"Der schläft wie ein Murmeltier." Ein kurzes Lächeln unterbrach ihre Sorge um Tine. "Einmal ist nachts ein Regal in seinem Schlafzimmer umgefallen und er ist nicht davon aufgewacht. Er hat sich nur am nächsten Morgen gewundert, dass überall Bücher im Zimmer verstreut lagen. Außerdem ist sein Schlafzimmer auf der anderen Seite des Hauses im Erdgeschoss. Und er ist erst am späten Nachmittag zurückgekommen und fast schon beim Abendbrot eingeschlafen."
Auch Kolja und Blixa begrüßten Ka.

Lisa entschloss sich, noch einmal nach Tine zu schauen. Ka und Sara begleiteten sie. Leise schlichen sie im Dunkel durchs Haus, um Lisas Vater nicht zu wecken. Alles war still. Lisa holte noch ein Glas Blutoka für Tine.

Auch in Tines Zimmer war es dunkel, Tine war nur als Schatten zu sehen. Sie lag auf ihrem Bett und starrte auf ihr Kopfkissen. Lisa schluckte. "Was ist denn?"
"Nichts, ich habe nur dauernd den Eindruck, ich müsste mich übergeben, dabei ist mein Magen längst leer. Außerdem habe ich Kopfschmerzen." Sie wandte sich ab. "Ich bin selbst schuld." Lisa wurde bei Tines Worten immer blasser. "Ich bleibe hier." Tine drehte sich wieder zu ihr um. "Was habt ihr vor?"
Ka erklärte es ihr: "Wir wollen die Vampirgurken und Vampirsellerie woanders hinbringen. Im Keller des Großmarktes sind sie nicht mehr sicher."
Tine versuchte zu lächeln, sie sah ihre kleine Schwester an. "Du musst nicht hierbleiben. Das ist nett, aber du kannst heute Nacht sowieso nichts tun. Mach dir keine Gedanken, mir ist einfach nur hundeelend. Zu Trinken hast du mir ja gerade gebracht."
Lisa wirkte unschlüssig: "Aber was ist, wenn der Vampir und die Vampirin wiederkommen?"
Tine schüttelte schwach den Kopf. "Die dürfen mir nichts tun. Und ihr interessiert sie auch nicht." Sie zitterte. "Nur Miriam, Miriam wollen sie fangen."
Lisa umarmte ihre Schwester. "Keine Angst, Miriam ist in Sicherheit." Tine nickte kaum merklich, sie starrte schon wieder abwesend auf ihr Kissen.
Ka zog Lisa mit sich zurück auf den Dachboden. "Tine kommt die Nacht über schon alleine klar."
Sara blickte auf dem Weg zurück nachdenklich ins Dunkel. "Miriam muss irgendwann zurückkommen."
Ka wusste das und auch Lisa dachte oft an den dritten Biss. Sie wurde noch etwas bleicher und zitterte. Ka drückte sie kurz und Lisa beruhigte sich ein bisschen.

Als sie wieder auf dem Dachboden ankamen, fischte Sara einen Zeitungsausschnitt aus ihrem Rucksack. "Schaut mal, was ich gefunden habe. Das wollte ich euch vorhin schon zeigen." Ka sah ihr über die Schulter, konnte aber in der Dunkelheit nichts entziffern.
Sara grinste. "Das ist eine Kurzmeldung. Polizistin von Feuerwehr aus Baum gerettet." Ka bewunderte wieder einmal Saras Fähigkeit, auch im Dunkeln zu sehen. Sara schien keine Probleme beim Lesen zu haben und las die Zeitungsnotiz vor: "Polizistin klettert auf Baum und muss von Feuerwehr gerettet werden. Die Polizistin verfolgte eine jugendliche Sprayerin und kletterte ihr auf einen Baum nach. Dabei brachte sie sich in eine missliche Lage, da sie irgendwann weder weiter nach oben noch nach unten klettern konnte. Ihr Kollege alarmierte daraufhin die Rettungskräfte. Die Polizistin erlitt nach Ansicht des behandelnden Arztes einen Nervenzusammenbruch. Sie war der festen Überzeugung, dass es sich bei der Sprayerin um eine etwa elfjährige Vampirin gehandelt habe."
Ka lächelte. Für einen kurzen Augenblick war sie Sara nahe. Auch Lisa musste schmunzeln.
Ka wandte sich an Blixa. "Du solltest der Polizistin eine Weile aus dem Weg gehen."
Blixa nickte und betrachtete ihre Handschellen. Ka sah das. "Behindern dich die Handschellen gar nicht?"
Blixa zuckte mit den Schultern. "Nein, Lisa hat mich das auch schon gefragt. Seit Sara die Kette durchtrennt hat, bemerke ich sie kaum noch. Außerdem finde ich, dass ich damit schwarzmagisch wirke." Sie betrachtete die Handschellen, die das Schwarzblau der Nacht spiegelten.

Dann schaute Blixa zu Lisa. "Ich habe mit Kolja über die Vampirstinkbomben gesprochen." Ka wusste nicht, worum es ging. "Vampirstinkbomben?"
Lisa lächelte schwach. "Ich habe ein Rezept für Vampirstinkbomben gefunden. Darin sind aber Zutaten enthalten, die ich nicht benutzen will. Laut Rezept müsste ich ranziges Blut und frisch abgestochenen Eiter hinzufügen. Blixa wollte sich einen Ersatz ausdenken."
Kolja legte seinen Zeichenblock beiseite. "Du könntest stattdessen Echt Kölnisch Wasser und ein Herrendeo benutzen."
Blixa stimmte zu. "Iiih, ja, und Klosteine und vergammelte Dosenmilch!"
Lisa schrieb sich alles gewissenhaft auf. Ka sah auf ihren Zettel. "Und wogegen hilft das?"
"Zum Beispiel gegen Vampirhunde."
Ka setzte sich. "Jetzt weiß ich endlich, warum meine Oma Echt Kölnisch Wasser benutzt."
Einen Augenblick lang schwiegen alle, sie saßen nur da und blickten in die Nacht.

Nach einer Weile stand Ka auf. "Wo bringen wir die Vampirgurken und Vampirsellerie hin? Ich finde Saras Idee mit dem alten Hafengelände nach wie vor gut."
Blixa sah sie fragend an. "Hafengelände?" Sie war nicht dabei gewesen, als Sara ihren Vorschlag gemacht hatte. Auch Kolja schaute überrascht.
Sara erzählte ihnen kurz, was Ka, Lisa und sie gestern besprochen hatten.
Kolja blickte in die blauschwarze Nacht. "Ja, ihr habt Recht, wir müssen das Vampirgemüse umsiedeln. Aber wie kriegen wir die Tiere von einem Ort zum anderen?"
Ka sah, dass er wieder ein teures weißes Seidenhemd und eine neue schwarze Hose trug. Sie fragte sich, wie viele er davon wohl besaß. Auch für den heutigen Abend kam ihr diese Kleidung nicht gerade passend vor, aber Kolja musste das ja selber wissen. Zusätzlich hatte er einen schweren schwarzen Umhang dabei. Sein schwarzes Armband schien wieder leicht grün zu leuchten.
Sie überlegte: "Auf der Rückseite des Großmarkts ist der Fluss. Wir können die Kleinen einfach am Fluss entlang zum alten Hafengelände bringen. Das ist nicht weit. Und vorher ziehen wir sie mit Seilen und Taschen durch den Lüftungsschacht nach oben."
"Die Vampirgurken könnten wir mit dem Fahrradanhänger transportieren" schlug Blixa vor.
Ka nickte. "Das stimmt, dann müssen wir sie nicht tragen. Die Vampirsellerie werden uns schon genug Arbeit machen."
Damit war alles klar.

Sie mussten die Vampirsellerie und die Vampirgurken retten. Sie packten alles, was sie brauchen würden, in Rucksäcke, die Seile, Taschenlampen, ein paar leere Tragetaschen, ein paar Schokoriegel, etwas Apfelsaft, Gemüsesaft, Blutoka und Bluttrüffelriegel von Bissini, die Kolja mitgebracht hatte. Sie waren auf den ersten Blick nicht von normalen Schokoriegeln zu unterscheiden.
Lisa nahm einen der Bluttrüffelriegel in die Hand. "Wie schmecken die?"
Kolja sah zu ihr hinüber. "Willst du mal probieren? Nimm dir einfach einen."
"Nein, danke." Lisa legte den Riegel zurück in den Rucksack zu den anderen Lebensmitteln. "Blut ist nicht vegetarisch." Leise und nachdenklich fügte sie hinzu: "Aber vielleicht schmeckt das Tine bald."

Alles war jetzt für ihren Nachtausflug bereit. Die Kerze war erloschen. Da kaum Wolken zu sehen waren, ließen sie die Fenster halb geöffnet.
Lisa drückte Ka noch eine Tüte in die Hand. "Ich habe auch etwas Gemüse eingepackt, damit können wir die Vampirsellerie und Vampirgurken anlocken."
Ka schaute in die Tüte. "Das Gemüse können wir sicher gebrauchen. Ich ..."

Auf einmal unterbrach Kolja sie. "Ich habe auch noch eine Überraschung." Kolja hielt die Fledermauspfeife in seiner Hand. Bevor Ka ihn davon abhalten konnte, trat er an die Luke und blies in die Pfeife. Dann rief er in die Nacht: "Ruknuzsat!"
Lisa schaute mit großen Augen auf die Pfeife. Sara protestierte. "Was machst du da?"
Ka dachte an die Regenwürmer und ihr wurde flau im Magen. Alle schwiegen und lauschten. Was würde diesmal passieren? Auf einmal sah Ka eine Fledermaus.
Dann senkte sich eine schwarze Wolke herab. Das Rauschen unzähliger flatternder Flügel erfüllte die Luft. Tausende von Fledermäusen stürzten sich aus der Nacht. Sie waren überall, zwischen den Bäumen, am Himmel und vor der Luke.
Kolja sah sich zu den anderen um. "Das Zauberwort lautet Ruknuzsat. Die Worte von Lisas Ururgroßtante - Blut Sutra Zart Zoe Tu Arunsw Deak - bedeuten nichts anderes als: Das Zauberwort lautet Ruknuzsat. Ich habe die Aufgabe entschlüsselt!"
Lisa sah Kolja mit großen Augen an. "Du kannst den Fledermäusen Befehle erteilen?"
"Ja."
Ka glaubte ihm nicht. "Dann lass einige auf meinem Arm landen." Sie streckte den Arm aus.
Kolja nickte. "Ich muss nur intensiv daran denken." Er starrte mit konzentriertem Blick in die Nacht hinaus.
Auf einmal landete eine Fledermaus auf Kas Arm, dann noch eine und dann folgte ein ganzer Schwarm. Hunderte von Fledermäusen flatterten herein und schwirrten auf dem Dachboden umher. Ka wurde regelrecht unter ihnen begraben, sie hingen jetzt überall. Sie schrie auf: "Stopp!" Doch unter all den Fledermäusen war das kaum noch zu hören. Auf dem Dachboden herrschte Chaos. Sara schüttelte Kolja. "Los, mach was."
Kolja entzog sich ihr. "Was ist denn? Ka wollte das doch!" Er starrte auf die Fledermäuse und tatsächlich verschwanden nach einiger Zeit bis auf zwei Tiere alle nach draußen. "Siehst du, ich habe alles unter Kontrolle." Ka fühlte sich ziemlich zerzaust und schaute Kolja böse an.
Blixa saß auf einer der Matratzen und konnte sich vor Lachen kaum halten.

Die zwei verbliebenen Fledermäuse kuschelten sich bei Ka an. Sie streichelte sie und ihr Ärger verflog; die kleinen Tiere waren einfach zu niedlich.
Lisa betrachtete trotz ihrer Sorge um Tine neugierig die kleinen Stupsnasen. "Die sind ja süß. Kannst du mir auch welche schicken?" Sie sah zu Kolja. "Aber nicht mehr als drei, ja?"
Kolja nickte. Diesmal gelang es ihm auf Anhieb, drei Fledermäuse lösten sich aus den Scharen in der Luft und landeten auf ihr. Lisa streichelte sie mit Begeisterung. Auch Blixa bekam zwei Fledermäuse zum Streicheln.
Nur zu Sara wollten die Fledermäuse nicht. Kolja gelang es nicht, sie dazu zu bringen, zu ihr zu fliegen.
Ka sah Kolja an. "Wie bist du auf die Lösung des Rätsels gekommen?"
Aber bevor Kolja antworten konnte, fiel Sara ihm ins Wort: "Wir müssen los. Das kann Kolja doch immer noch erklären." Sara wirkte kühl. Doch Ka erschien sie traurig darüber zu sein, dass die Fledermäuse sie mieden. Sie kannte Sara zu lange, um sich täuschen zu lassen und hatte den Eindruck, dass es irgendetwas mit Saras Geheimnis zu tun hatte. Aber sie sagte nichts dazu, sondern stimmte ihr zu: "Ja, lasst uns losgehen."

Draußen im Garten unter den Bäumen war fast nichts zu erkennen. Die Nacht umfing sie. Ka sah kaum ihre eigene Hand. Sie atmete erst einmal tief durch. Die Luft war frischer als in den letzten Tagen und roch nach feuchten Blättern. Büsche und Bäume bewegten sich in einem leicht feuchten Wind. Das Rauschen und Knacken der Äste beruhigte sie.

Sara lief in den hinteren Teil des Gartens und kam kurz darauf mit dem Schnabeldrachen zurück. Ka schnupperte. "Boah, der riecht aber stark nach Alkohol! Hat der im Rumtopf gebadet?" Sara grummelte. "Ich sollte ihn vielleicht einfach irgendwo aussetzen."
Doch Ka wusste, dass der kleine Drache Sara dafür viel zu viel bedeutete. Sara setzte ihn vorsichtig in ihren Rucksack. Sie sah zu Ka. "Ich stinke nachher garantiert auch nach Alkohol." Ka grinste.
Den kleinen Drachen beeindruckte das alles nicht, er sah sie nur neugierig an. Sara strich ihm über den Kopf. "Ich hoffe, du bekommst keinen Schluckauf."
Blixa holte den Fahrradanhänger.

Sie machten sich auf den Weg. Die Fledermäuse saßen auf ihren Schultern und Armen und schwirrten durch die Nachtluft. Kolja übte, sie zu dirigieren. "Vielleicht brauchen wir irgendwann ihre Hilfe."
Ein Vogel flog auf, irgendwo raschelte wieder etwas im Gebüsch. Ka bemerkte, dass Lisa an Tine dachte. Sie schaute sie an. "Tine kommt zurecht."
Lisa blickte unsicher zurück.

Sie schlichen durch die schwarzblaue Nacht zum Fluss und am Fluss entlang in Richtung Großmarkt. Der kühle Wind ließ Ka erschauern. Die Dunkelheit hüllte sie ein, die Fledermäuse folgten ihnen als schwarze Wolke. Sie blieben unentdeckt, niemand war unterwegs.
Blixa spielte mit zwei Fledermäusen. Sie lächelte, als die Kleinen an ihr hochkletterten.
Eine schwarze Katze kreuzte ihren Weg, sie ließ sich jedoch nur von Sara kraulen.

Am Großmarkt verlief alles reibungslos. Mit dem Gemüse als Lockmittel sammelten Blixa und Sara im Keller die Vampirsellerie und Vampirgurken ein. Die Finsternis störte sie diesmal nicht. Sowohl Blixa als auch Sara fanden sich in der Dunkelheit zurecht. Nachdem Sara ihr bei ihrem ersten Aufenthalt, als sie das Vampirgemüse freigelassen hatten, den Schacht gezeigt hatte, wusste nun auch Blixa, wie sie sich orientieren konnte. Bald war die erste Tasche mit Vampirgemüse bereit. Ka zog die Taschen mit den Kleinen zusammen mit Kolja an Seilen durch den Lüftungsschacht nach oben. Lisa passte auf, dass sie nicht wegliefen. In der Dunkelheit war das nicht einfach.
Trotz der Kühle der Nacht schwitzte Ka. Sie sah zu Kolja hinüber: "Kannst du nicht die Fledermäuse dazu bringen, die Kleinen zu tragen?" Kolja schüttelte den Kopf. "Dazu ist das Vampirgemüse zu schwer." "Wozu sind die Fledermäuse dann gut?"
Lisa blickte Ka verständnislos an. "Sie sind niedlich." Die kleine Fledermaus auf ihrer Schulter gab Köpfchen.
Ka seufzte.

Nachdem sie das Vampirgemüse eingesammelt hatten, machten sie sich am Fluss entlang auf den Weg Richtung Hafen. In der schwarzen Nacht verlor sich der Weg im feuchten Nebel des Flusses unter den Ästen und Blättern. Die Vegetation am Ufer wurde immer dichter, Büsche und Bäume spiegelten sich dunkel im Wasser, aber dafür störte sie hier niemand. Nur der Wind, das Plätschern des Flusses und die Fluggeräusche der Fledermäuse durchbrachen die Stille. Ka atmete tief die kühle Nachtluft ein. Sie kraulte die kleine Fledermaus auf ihrem Arm und sah sich um.

Lisa und Blixa zogen den Fahrradanhänger mit den Vampirgurken. Kolja und Sara trieben zusammen mit Ka die Vampirsellerie im Dunkel der Nacht am Fluss entlang.
Sie unterhielten sich.

Nach einer Weile wurde es noch nebliger und die Nacht immer dunkler. Das Ufer lag einsam unter den schwarzen Bäumen und Büschen, die das Ufer überwucherten. Niemand konnte sie hier hören. Und niemand hielt sich nachts hier auf. Ka streckte sich. "Lasst uns eine kurze Pause machen."
Kolja gähnte. "Wie weit ist es noch?"
Sara blickte in die Nacht. "Wir sind bald da, aber eine Pause ist gut." Sie nahm ihren Rucksack ab.
Lisa ließ sich erschöpft auf ein kleines Stück Rasen gleiten, sprang aber sofort wieder auf. "Waah, das ist nass!" Sie lief zum Fluss. Dann setzte sie sich trotz der Nässe hin und starrte ins Wasser. Ka sah ihr an, dass sie wieder an Tine dachte, doch dann lenkte eine Fledermaus sie ab.

Nebelschwaden zogen über das Ufer. Dem Schnabeldrachen schien das zu gefallen, er streckte seinen Kopf aus Saras Rucksack und kletterte dann ganz heraus. Auf einmal breitete das kleine Tier seine Schwingen aus und flog in die Nacht. Ka sah auf. "Na, dem geht es ja scheinbar wieder gut."
Sara blickte ihm nach, sie wirkte gleichzeitig erleichtert und traurig. "Er ist wieder gesund."

Ka setzte sich auf ihren Rucksack. Um sie herum flogen die Fledermäuse durch die Nacht. Blixa, die nahe bei ihr saß, spielte mit einigen von ihnen. Kolja saß mit einer Flasche Blutoka auf einem großen Stein und trank in langen Zügen.
Ka überlegte gerade, wie sie Lisa aufmuntern konnte, als Lisa auf einmal aufsprang. Lisa lief zum Ufer und ruderte mit den Armen in der Luft. Dabei stieß sie Schnarchlaute aus: "Chrr, Chrr."
Ka sah ihr im Dunkel der Nacht verblüfft nach. "Was soll das?"
"Ich locke den Schnabeldrachen an, damit er mich trocknet." Tatsächlich wurde der kleine Drache auf sie aufmerksam. Ka begriff, dass Lisa versuchte, sich abzulenken.
Lisa sah zu ihr hin. "Siehst du, er versteht mich." Der Drache steuerte direkt auf Lisa zu. Sie stand nun fast an der Uferkante. Sara sah ihr beunruhigt zu. "Pass auf, dass dir nichts passiert."
"Eine kleine Flamme tut mir nur gut, ich bin ganz feucht." Der Drache ging direkt vor ihr im Wasser nieder und schlug kräftig mit den Flügeln, um abzubremsen. Ein großer Schwall Wasser ergoss sich über sie.
"Fischgedärme, Entenkacke!" Nun war Lisa nicht nur feucht, sondern nass. Alle mussten lachen.
Der Schnabeldrachen kletterte an Land, ging zu Sara und legte sich zu ihr ins Gras. Lisa sah dem kleinen Drachen wütend nach.
Ka blickte in die Nacht. Zumindest vergaß Lisa einen Augenblick lang die Angst um Tine.

Lisa setzte sich zu Blixa, auf deren Schulter zwei Fledermäuse herumturnten. Blixa zog ihre Beine an, es fröstelte sie leicht an den Füßen. Lisa blickte sie unsicher an: "Du kannst deine Füße auch unter mein Kleid stecken." Blixa nickte schüchtern "Danke" und schob ihre Füße unter Lisas Kleid. Die Fledermäuse turnten von einer zur anderen.
Lisa lächelte ein bisschen, doch ihr war gleichzeitig die Sorge um ihre Schwester anzusehen. Blixa sah zu ihr hin. "Du musst dir keine Sorgen um Tine machen. Das Leben als Vampirin ist gar nicht so schlecht."
Lisa senkte ihren Kopf: "Aber was ist mit dem dritten Biss und dem Übergang?"
Blixa schwieg. Darauf wusste sie auch keine Antwort.

Sie schaute zu den Vampirsellerie. "Die Vampire der Zentrale und die Vampiraufsicht sind einfach nur fies."
Sara blickte hinaus in die Nacht. "Sie haben Angst."
Ka nickte. "Bei den Menschen gibt es das doch auch. Viele Menschen haben Angst vor Vampiren, Zombies und Werwölfen, obwohl ich noch nie gehört habe, dass wirklich ein Mensch von Zombies gefressen worden ist."
Blixa sah auf. "Zombies sind aber wirklich hinterhältig."
Ka dachte nach. "Wenn es alle von ihnen erwarten, ist das auch kein Wunder."
"Mhh." Blixa war weiter skeptisch.
Lisa zitterte vor Kälte und Tine ging ihr nicht aus dem Kopf, doch das hielt sie nicht davon ab, weitere Abenteuer zu planen. "Dafür ist doch jetzt BUNG da. Wir werden allen Nachtgeschöpfen und Unterweltwesen helfen." Selbst die Angst um ihre Schwester hatte ihre Begeisterung nicht gebremst.
"Auch Zombies?" Kolja rümpfte die Nase.

Ka streichelte einen der Vampirsellerie, der seine kleinen Wurzelfinger um ihr Handgelenk geschlungen hatte. Nachdenklich fragte sie sich, ob es wohl auch Zombiegurken und Zombiesellerie gab und versuchte, sich das bildlich vorzustellen. Sie musste wieder lachen.
Was würde noch alles an Aufgaben auf BUNG zukommen?

Auf einmal schaute Lisa zu ihr herüber. "Gibst du mir bitte einen Schokoriegel?"
"Klar." Sie griff in ihren Rucksack und sah zu den anderen. "Möchtet ihr auch was?"
Da alle nickten, holte sie für Lisa, Sara und sich Schokoriegel aus dem Rucksack und verteilte sie. Kolja reichte sie einen der Bluttrüffelriegel und Blixa bekam Gemüsesaft. "Hier."

Einen Augenblick lang saßen sie einfach nur still in der Nacht. Dann brachen sie zum letzten Stück des Weges auf.
Sara trug den Schnabeldrachen wieder in ihrem Rucksack. Ka bemerkte, dass das kleine Tier neugierig aus dem Rucksack in die Nacht lugte.

Die Fledermäuse begleiteten sie weiter. Sie halfen ihnen nun das Vampirgemüse zusammen zu halten. Kolja wusste inzwischen, wie er sie dazu brachte, zu tun, was er wollte. Mit ausladenden Gesten seiner Hand dirigierte er sie.
Doch irgendetwas irritierte Ka. "Deine Hand weist in eine ganz andere Richtung, als die Fledermäuse fliegen! Und du hast doch gesagt, du kannst ihnen mit deinen Gedanken Befehle erteilen?"
"Aber mit der Handbewegung dazu sieht es doch viel cooler aus!"

Es dauerte nicht lange bis sie das alte Hafengelände erreichten. Ka kletterte auf einen alten, umgestürzten Baum und sah sich im Dunkel der Nacht um. Viel erkennen konnte sie nicht, aber was sie sah, beruhigte sie. Sie wandte sich zu den anderen um. "Das Gelände ist zugewachsen, alte Bäume, verfallene Bauten, Unterholz und Büsche. Dazwischen Löcher, Spalten und Gruben. Und weit und breit kein Weg."
Nur das Rauschen des Flusses war zu hören. Lisa schaute zu Ka hoch, ihre Stimme klang besorgt. "Sind die Kleinen an diesem Ort denn sicher? Irgendwann werden die Vampirhunde sie auch hier aufspüren."
Ka drehte sich zu ihr um und sprang vom Baum herunter. "Hier sind so viele Möglichkeiten, sich zu verkriechen, da ist das egal. Und weiter hinten muss die Grube für Altobst- und Gemüseabfälle sein. Ich denke nicht, dass wir uns Sorgen machen müssen. Tagsüber sieht das hier auch nicht übersichtlicher aus. Ich war schon mal mit dem Rad hier."
Sie ließen die Kleinen einfach laufen. Bald waren sie verschwunden. Ka bemerkte noch kurz ihren leicht fauligen Geruch in der Luft, dann war nichts mehr von ihnen wahrzunehmen. Sie würde die Kleinen vermissen.
Kolja ließ nun auch die Fledermäuse ziehen. Blixa, Lisa und Ka verabschiedeten sich von ihnen und streichelten sie ein letztes Mal. Dann verloren sich die Fledermäuse im Schwarz der Nacht.
Ka fror inzwischen ebenfalls und spürte die Müdigkeit immer stärker. "Machen wir uns auf den Rückweg."

"Einen Augenblick noch." Sara saß am Boden und schniefte. Ka sah, dass ihr beinahe die Tränen kamen und Sara war sonst immer taff. Nun saß sie vor dem Schnabeldrachen und streichelte ihn. "Nächstes Mal, wenn ich komme, bringe ich dir eine Flasche Rum mit."
Sara hatte den kleinen Schnabeldrachen liebgewonnen. Das Tier schien allein zu sein. So allein, wie sich Sara selbst oft vorkam.

Ka wusste, dass Sara sich oft unverstanden und ausgeschlossen fühlte. Sara war ihre beste Freundin, doch manchmal trennte sie eine unüberwindbare Kluft. Der Grund lag in den Dingen, die Sara für sich behielt, die sie selbst mit ihr nicht teilte. Ka akzeptierte das, obwohl sie es nicht immer verstand. Sara konnte ihr doch vertrauen! Und seit dem Gespräch mit Koljas Urgroßmutter war Sara noch verschlossener als sonst. Aber was sollte sie tun?
Sie hockte sich im Dunkeln neben ihre Freundin. Leise wandte sie sich ihr zu: "Wir können ihn zusammen besuchen."
Sara nickte.

Lisa seufzte. "Hier wird er ganz auf sich gestellt sein." Sara wischte sich über das Gesicht. "Das ist er doch gewohnt. Und Freiheit ist wichtiger." Ka sah, dass sie eine Träne wegwischte. Sie hätte Sara am liebsten umarmt, spürte aber, dass Sara nicht umarmt werden wollte.
Sie biss sich auf die Lippen.

Der Drache versuchte, auf Saras Schoß zu klettern. Aber Sara ließ das nicht zu. Dann reckte er seinen Kopf und ließ sich kraulen. Er stieß Sara mit dem Schnabel an, aber sie schob ihn weg und schluckte. Sie streichelte ihn noch einmal. "Du musst hier bleiben." Ihre Stimme klang brüchig.
Auch Lisa streichelte den Drachen traurig, sie schien den Wasserschwall schon vergessen zu haben. "Tschüss. Viel Glück, Kleiner." Sie stupste den Drachen an. Er stupste zurück.
Dann watschelte er ein Stück, horchte kurz, breitete die blauschwarzen Flügel aus und flog in die Nacht. Bald war er im Dunkel der Nacht verschwunden.
Sara unterdrückte ihre Tränen, sie wandte sich ab, auch von Ka. Ka wusste, dass sie nicht wollte, dass die anderen ihre Tränen sahen.

Sie machten sich auf den Rückweg. Alle froren und waren todmüde. Lisa zitterte. Ka gab ihr ihre Jacke. "Hier, pass auf, dass du dich nicht erkältest."
"Danke" Lisa sah hilflos in die Nacht, "ich muss immerzu an Tine denken."
Zum Glück hielt sie niemand auf. Schweigend kamen sie endlich zu Hause an.

Leise liefen sie durch den Hintereingang hoch zum Dachboden. Ihre schmutzigen Schuhe zogen sie im kleinen Gang aus und ließen sich erschöpft auf die Matratzen sinken. Nicht einmal eine Kerze zündeten sie an, so müde waren sie. Durch die Fenster war ein bisschen Feuchtigkeit hereingekommen und die Matratzen waren leicht klamm.
Sie schlossen die Fenster, zogen sich die verschmutzten, nassen Sachen aus und rieben sich mit einem Handtuch trocken. Kolja, Blixa und Sara tauschten wieder einmal ihre Kleider gegen Kleidung aus Lisas Schrank.
Nun sahen sie beinahe so aus wie auf einem alten Gemälde, nur hatte irgendjemand auf diesem Bild die Kleidungsstücke der Abgebildeten untereinander vertauscht und zu groß gemalt. Ka war froh, dass sie Ersatzkleidung mitgebracht hatte.
Dann mussten Kolja und Sara los. Sie verabredeten sich alle für nachmittags um 16 Uhr bei Lisa.

Sara und Kolja nahmen notgedrungen ihre eigenen Sachen unter den Arm, schlüpften unten im Gang wieder in ihre Schuhe und beeilten sich, nach Hause zu kommen. Für Kolja war es bald Schlafenszeit und Sara würde sowieso einen Höllenärger mit ihrer Großmutter bekommen.
Auch Blixa ging Schlafen. Lisa sah noch kurz nach Tine. Als sie zurückkam, wollte Ka gerade aufbrechen. Sie musste auch los. "Wie geht es ihr?"
"Nicht gut." Lisas Stimme war kaum zu verstehen, so leise sprach sie und sie blickte in die Nacht.
Ka umarmte Lisa. "Tine schafft das. Sie wusste, dass der Übergang nicht leicht ist."
Dann musste auch sie los.

Sie ließ ihre verdreckten Sachen auf dem Dachboden, nur die schmutzigen Schuhe zog sie wieder an.
Draußen im Garten sah sie, dass der Himmel langsam hellblau wurde. Einige Wolken waren bereits weiß, nur die Sonne war noch nicht zu sehen. Im sanften Licht des Frühmorgens wirkte alles frisch. Einige Mauersegler schwirrten durch die kühle Luft. Der Gesang einer Amsel klang zu ihr herunter, der schwarze Vogel saß auf einer Dachgaube der Villa. Selbst unter den Bäumen war es nicht mehr völlig dunkel.
Sie hoffte, dass ihre Eltern noch nicht aufgestanden waren.

Als sie jedoch die Haustür aufschließen wollte, hörte sie den Rasierapparat ihres Vaters. Zum Glück bemerkte sie ihn, bevor sie ins Haus ging. Sie dachte kurz nach und ihr fiel ein, was sie tun konnte.
Schnell lief sie zum Bäcker um die Ecke und kaufte frische Brötchen, dann lief sie wieder nach Hause und kam laut polternd durch die Vordertür. Die feuchten Schuhe ließ sie unauffällig unter dem Schuhregal verschwinden.
Sie lief in die Küche, umarmte ihren verdutzten Vater, der gerade Kaffee kochte und halb verschlafen Becher auf den Küchentisch stellte, und legte die Brötchen auf den Tisch. "Ich bin heute früher wach geworden, da bin ich aufgestanden und habe Brötchen gekauft."
Ihr Vater staunte. "Am Samstagmorgen? Wird doch noch eine Frühaufsteherin aus dir? Dann deck doch schon einmal den Tisch."
Ka seufzte lautlos.

Als ihre Mutter in die Küche kam, starrte sie Ka völlig ungläubig an und konnte es einfach nicht fassen. Sie setzte sich, nahm eines der Brötchen und lächelte ihrer Tochter zu: "Das kannst du ruhig öfter machen." Dann trank sie einen Schluck Kaffee und ihr fiel noch etwas ein. "Das ist ja gut, da kannst du gleich heute Morgen mit dem Jäten beginnen. Das Unkraut ist schon wieder erheblich gewachsen und die Beete haben es dringend nötig." Sie blickte Ka an. "Du erinnerst dich?"
Ka nickte widerstrebend. Ihr blieb nichts anderes übrig, als zuzustimmen, schließlich war Samstag und sie musste nicht zur Schule. Ihre Mutter hatte schließlich den Untot-Detektor repariert und sie hatte versprochen, ihr dafür im Garten zu helfen. "Ja, ich muss nur noch mal aufs Klo."
Am Waschbecken in der Toilette spritzte sie sich kaltes Wasser ins Gesicht und machte sich notdürftig frisch, aber lange anhalten würde das nicht. Sie war sich absolut sicher, dass sie beim Unkrautjäten einfach umfallen und garantiert im Kohlbeet einschlafen würde.

Seufzend holte sich Ka Gartenhandschuhe und einen Eimer und ging nach draußen. Zumindest hielt die kühle Morgenluft ihre Müdigkeit im Augenblick in Schach. Ihre Mutter kam kurz zu ihr heraus und gab ihr Tipps. "Du musst darauf achten, die Wurzeln mit auszurupfen, und fang am besten hinten an." Ka nickte, vergaß aber alles gleich wieder. Schläfrig kroch sie durch das Gemüsebeet. Die Zeit tropfte dahin.
Dann schaute Sara vorbei. Sie hatte wutverweinte Augen, der Streit mit ihrer Großmutter war heftiger ausgefallen. So ganz verstand Ka die Großmutter nicht.
Sara war zwar auch todmüde, aber durch den Streit zumindest im Moment wach. Sie half Ka, dadurch ging es etwas besser.
Sie dachten sogar daran, einige besonders seltsam aussehende Unkräuter in einem Glas für Lisa zu sammeln. Vielleicht konnte sie sie für ihre Hexenküche gebrauchen. Besonders einige schwarzrote Beeren, die nach faulen Eiern stanken, wirkten vielversprechend.
Nur wurden sie immer müder. Nach zwei Stunden waren sie so kaputt, dass sie sich entschlossen, eine Pause zu machen. Sie legten sich etwas abseits unter einem Baum auf den Rasen.

Als Ka aufwachte stand ihr Vater über ihr. "Na, gut geschlafen? Du wurdest schon gesucht. Ich dachte, ihr wolltet das Unkraut ausrupfen?" Ihr Vater schüttelte den Kopf. "Habt ihr den ganzen Morgen hier geschlafen? Du solltest vielleicht doch nicht so früh aufstehen."
Ka sah die Sonne am blauen Himmel, als sie zu ihrem Vater aufblickte. "Wieso, wie spät ist es denn?" Sie war immer noch müde. Und außerdem hatte sie sich irgendwie verlegen, der Erdboden war zum Schlafen einfach zu hart.
"Ungefähr ein Uhr. Seit wann liegt ihr denn hier? Deine Mutter hat den Rest inzwischen selbst erledigt." Ihr Vater half ihr auf. "Du kannst ihr ja einen Ersatz anbieten."
Ka trat etwas verlegen von einem Fuß auf den anderen. "Wie wäre es, wenn ich Montag den Rasen mähe?"
"Wahrscheinlich ist das in Ordnung, aber frag sie noch mal. Ich muss das Essen vorbereiten." Ihr Vater sah sie noch kurz an, schüttelte den Kopf und ging zurück ins Haus.
Nachdem Ka wieder allein war, weckte sie Sara, die etwas weiter abseits eingerollt im Schatten des Baumes schlief. Sie hatte den Arm über ihre Augen gelegt, das sah lustig aus. Sara reckte sich, gähnte und sah Ka vorwurfsvoll an. "Was ist denn?"
"Es ist ein Uhr durch."
"Was?" Sara war auf einmal hellwach. Zusammen gingen sie nach drinnen und holten sich etwas zu Trinken aus dem Kühlschrank. Kas Mutter war mit dem Rasenmähen einverstanden, sie hatte sowieso gewisse Bedenken gehabt, Ka ins Gemüse zu lassen. Die Pflanzenkenntnisse ihrer Tochter waren doch ziemlich begrenzt.
Ka hatte schon einmal systematisch den frisch gesäten Salat ausgerupft.

Am Nachmittag trafen sie sich wie verabredet alle um 16.00 Uhr bei Lisa.
Lisa wirkte müde und unaufmerksam. Selbst das Glas mit den seltsamen Unkräutern und den stinkenden Beeren, das ihr Ka und Sara mitgebracht hatten, munterte sie nicht auf. Sie sagte nur schwach: "Danke" und stellte das Glas achtlos beiseite. Ka setzte sich zu ihr. "Geht es Tine so schlecht?" Lisa nickte nur, dann liefen ihr die Tränen herab. "Mein Vater macht sich jetzt auch Sorgen."
Ka umarmte sie.

Nach einer Weile blickte Ka in die Runde. Sie dachte an die Abenteuer, die sie in den letzten zwei Wochen erlebt hatten. "Ich finde, wir sollten auf die erfolgreiche Rettung der Vampirsellerie und Vampirgurken anstoßen. Schließlich sind sie jetzt in Sicherheit und der Schnabeldrache auch."
Alle stimmten ihr zu. Auch Lisa fühlte sich durch das Zusammensein mit Ka, Sara, Kolja und Blixa besser. Sie holte zwei Flaschen von ihrem mit Apfel gemischten Saft aus schwarzen Johannisbeeren aus dem Keller. Blixa nahm auch ein Glas davon, nur Kolja schenkte sich Blutoka ein. BUNG hatte die erste Aufgabe erfolgreich abgeschlossen, das war ein Grund, anzustoßen.
Sara dachte immer noch etwas traurig an den Schnabeldrachen. Sie würde ihn bald einmal mit dem Fahrrad besuchen. Trotzdem war auch sie glücklich, die Kleinen in Sicherheit zu wissen.
Alle fünf stießen zusammen an.
"Auf BUNG!"
"BUNG!"

Auf einmal wandte sich Sara an Kolja: "Wie hast du eigentlich das Zauberwort für die Fledermauspfeife herausbekommen?"
Kolja griff in seine Hosentasche und holte den alten Zettel mit dem Rätsel heraus und breitete ihn auf dem Boden aus. "Ich habe mir die Zeilen von Lisas Ururgroßtante noch mal genau angeschaut." Er las sie laut vor: "Willst du die Pfeife mit den Fledermauszeichen nutzen, lies die Worte - Blut Sutra Zart Zoe Tu Arunsw Deak -, doch beachte, dies ist die Frage und nicht die Antwort, finde zuerst den Sinn der Worte. Der Schlüssel liegt in der 7 viermal geschrieben in der dunklen Richtung. Hüte dich vor der Pfeife ohne Schlüssel!"

Dann nahm Kolja einen Zettel und einen Stift. "Irgendwann bin ich auf die Idee gekommen, die Worte in eine Tabelle mit 7 Spalten und 4 Zeilen zu schreiben." Er zitierte: "'Der Schlüssel liegt in der 7 viermal geschrieben'." Er schrieb etwas auf den Zettel. "Die Worte müssen in verkehrter Reihenfolge von oben nach unten geschrieben werden, 'in der dunklen Richtung'. Das sieht dann wie folgt aus." Er zeigte ihnen das Ergebnis:

D A s Z a u B
e r w o r t l
a u T e t r u
k n u Z S a t

"Wenn ihr jetzt von links nach rechts lest, steht dort: 'Das Zauberwort lautet Ruknuzsat'." Kolja schaute sie an.
Ka, Sara, Lisa und Blixa starrten verblüfft auf die Tabelle. Lisa staunte:. "Sobald man es einmal gesehen hat, scheint es einfach."

Sara nahm sich den Stift und zeichnete eine zweite Tabelle.

M e i n N
a m e i s
t S A r a

Sie fuhr mit den Händen durch die Luft und sprach mit lauter Stimme, als würde sie einen Zauberspruch rezitieren: "Nsa Anir Sie Matem."
Ka linste auf die Tabelle und übersetzte. "Mein Name ist Sara."

Blixa hatte aber noch nicht richtig begriffen, wie es funktionierte.
Kolja zeigte es ihr noch einmal. "Du nimmst einen Satz, zum Beispiel 'Lisa mag Salat'. Der Satz hat 12 Buchstaben. 12 ergibt sich aus der Multiplikation 4 mal 3." Er schrieb den Satz in 3 Zeilen untereinander auf einen Zettel. "Also kannst du den Satz in eine Tabelle mit 4 Spalten und 3 Zeilen schreiben - Der Schlüssel liegt in der 4 dreimal geschrieben -."

l i s a
m a g s
a l a t

"Dann liest du es von oben nach unten und teilst dabei die Buchstaben in Worte ein, die möglichst unheimlich klingen, z.B. 'Lmai Al Sgaast'"

L i S a
m A g s
a l a t

Liest du die Worte nun rückwärts - in der dunklen Richtung - heißt 'Lisa mag Salat' nun 'Sgaast Al Lmai'.
Blixa sah auf den Zettel. "Irgendwie hört sich alles auf diese Weise völlig unheimlich an." Die anderen gaben ihr Recht.

Eine Weile probierten sie noch weitere Sätze aus. Nach einiger Zeit stand Lisa unruhig auf. "Ich schaue kurz nach Tine." Ka, Blixa und Sara begleiteten sie.
Kolja verstaute unterdessen die Zettel wieder in einem der kleinen Schränke.

Als sie Tines Zimmer betrat, hatte Ka den Eindruck, eine kühle Gruft zu betreten. Durch die zugezogenen Vorhänge fiel nur wenig Licht ins Dunkel. Tine zitterte, die Bettdecke lag auf dem Boden. Sie schien sie nicht zu bemerken und flüsterte unverständliche Worte vor sich hin. Plötzlich fuhr sie hoch und schrie auf: "Nein!"
Ka stockte der Atem. Lisa lief zu ihrer Schwester. "Tine, Tine!" Sie setzte sich zu ihr aufs Bett und schluchzte. "Ich lass dich nicht mehr allein." Sie umarmte sie. Tine blickte mit starren Augen an ihr vorbei. Sie schien abwesend zu sein. Ka war sich nicht sicher, ob Tine Lisa überhaupt wahrnahm. Tines Zustand machte ihr nun auch Angst. Sara und Blixa wirkten ebenfalls beunruhigt. Was konnten sie tun, um Tine zu helfen?
Zum Glück wurde Tine nach kurzer Zeit ruhiger und schlief wieder ein. Dafür zitterte nun Lisa, ihr war die Angst um ihre Schwester anzusehen.

Einen Augenblick lang breitete sich Stille im Zimmer aus, dann setzte sich Ka zu Lisa auf das Bett. "Wir helfen dir." Sara deckte Tine unterdessen wieder zu. Sie blickte Ka und Lisa an: "Wir können uns abwechselnd um Tine kümmern." Blixa zupfte Lisa am Ärmel. "Ich übernehme die Nachtschicht. Ich glaube, ich sollte die Straßen zurzeit sowieso besser meiden."
"Danke." Lisa fasste sich wieder etwas und doch bemerkte Ka, dass Lisa immer noch zitterte. Was würde werden? Niemand wusste Rat.
Eine Weile saßen sie noch zusammen auf dem Dachboden, dann verabschiedeten sie sich, Kolja und Sara mussten nach Hause und Ka zum Abendbrot.

Den Rest des Wochenendes verbrachte Ka überwiegend schlafend. Doch Tines Zustand ließ ihr keine Ruhe. Sonntag lief sie gleich morgens hinüber zu Lisa, um nach Tine zu schauen. Tine ging es zum Glück wieder etwas besser. Sie fantasierte nicht mehr und war ansprechbar. Ka atmete auf, die Krise schien vorüber zu sein.
Ein mattes "Hallo" war aber alles, was Tine herausbrachte. Draußen war es heiß, die Sonne blendete, doch in der alten Villa und hier im Zimmer war es noch kühl. Ka gab Tine Blutoka. Sie blieb wie versprochen eine Weile bei ihr.

Lisa saß in der Zeit müde in ihrer Hexenbibliothek. Als Ka sich verabschiedete, hatte sie sich kaum bewegt. Ka setzte sich zu ihr. "Du musst auch auf dich selbst achten."
Lisa sah sie hilflos an. Ka nahm sie in die Arme.

Als Ka am Montagnachmittag nach der Schule vorbeikam, sah und hörte sie niemanden. Die Küche war still und leer. Sie lief zu Tine hoch, die unruhig in ihrem Zimmer schlief.
Danach ging sie auf den Dachboden, doch auch hier keine Spur von Lisa. Dann trat sie in den Geheimgang und lief die Wendeltreppe hinab. Die Luft war hier fast kalt. Kurz fröstelte es Ka in ihrem T-Shirt. In der Hexenbibliothek war auch niemand. Hatten die Vampire der Zentrale doch angegriffen?
Doch aus dem Hexenkeller hörte sie Punkmusik.

Sie ging nach unten zur Kellertür und schaute durch den Türspalt.
Auch im Keller war es im Vergleich zum heißen Sommernachmittag kalt und fast finster, nur an einigen Stellen fielen die Strahlen der Sonne durch die grünlichen Fenster und spiegelten sich im Staub in der Luft. Dann sah Ka Blixa, die sie vorher nicht bemerkt hatte. Blixa tanzte durch den Lichtschatten alleine zur Musik. Sie tanzte einfach, wie es ihr einfiel. Einen Augenblick lang beobachtete Ka sie.
Blixa sah glücklich aus, wie sie so alleine tanzte, und frei, als wäre sie in ihrem eigenen Traum. Sie wirkte völlig entspannt. Ka hatte Blixa noch nie so gesehen und schaute weg. Sie kam sich wie ein Eindringling vor.
Sie wollte unauffällig verschwinden, doch dann reizte der Staub ihre Nase und sie musste niesen.

Blixa hörte augenblicklich auf zu tanzen und drehte sich überrascht zu ihr um. Ka schaute sie an. "Das sah schön aus." Blixa schwieg, sie blickte schüchtern zu Ka und schaltete die Musik aus. Ka biss sich auf die Lippen. "Entschuldige bitte, ich wollte dich nicht stören."
"Ich wollte sowieso aufhören. Das ist nur Turnen." Schnell zog sie Ka mit hinauf in die Hexenbibliothek. Hier war es hell und die vom Duft des Frühlings erfüllte Luft drang durch die offenen Fenster. Ka blickte Blixa fragend an. "Wo ist Lisa?"
"Einkaufen." Blixa klang unsicher. "Mmmh, ich hoffe, du denkst nicht, dass ich Tine vernachlässige? Aber sie schlief, da dachte ich, ich kann auch... ich gehe gleich wieder rauf."
Ka wandte sich ihr erstaunt zu. "Ich weiß, dass du dich um Tine sorgst."
Blixa lief leicht lila an. "Ich, ich mag Tine und Lisa ist lieb. Trotzdem bedrückt mich Tines Zustand nicht. Ich kann ja nichts für ihren Zustand." Blixa schluckte. "Ist das herzlos?"
Ka schüttelte den Kopf. "Nein, du hilfst ihr doch."
Blixa sah sie unsicher an. "Wirklich?"
"Ja", Ka nickte, "wenn es dir auch schlecht ginge, würde das Tine doch nicht helfen." Sie seufzte. "Ich muss leider gleich wieder nach Hause. Grüßt du Lisa von mir?"
"Ja." Blixa wirkte immer noch unsicher.
Ka sah sie an. "Du musst dir wirklich keine Gedanken machen. Ich bin mir sicher, Lisa freut sich, dass du da bist."

Sara sah Ka Montag und Dienstag nur in der Schule. Sara hatte Ärger mit ihrer Großmutter und musste deshalb zu Hause bleiben.
Auf dem Rückweg am Dienstag entschuldigte sie sich dafür: "Das ist dumm, ich darf einfach nicht raus. Nur weil ich nachts mal länger weg war. Dabei hatte ich doch auch versprochen, Lisa zu helfen."
Ka beruhigte sie: "Das ist nicht schlimm. Blixa, Kolja und ich sind doch da. Blixa und Kolja kümmern sich nachts um Tine und Lisa und ich tagsüber und es muss auch nicht immer jemand da sein."
Ka musste wieder an Saras Geheimnis denken. Sie konnte die Distanz nur schwer ertragen. Sie überlegte, Sara zu fragen, versuchte, die richtigen Worte zu finden. Doch bevor sie dazu kam, verabschiedete sich Sara überraschend: "Tschüss, ich muss noch was erledigen." Dann war sie auch schon weg.
Ka hatte fast den Eindruck, dass Sara geahnt hatte, was sie fragen wollte.

Zu Hause half Ka Lisa und kümmerte sich einige Stunden um Tine.
Danach ging sie hinunter in die Küche. Lisa saß im Schatten am Küchentisch und zitterte trotz des warmen Sommertages. Ka setzte sich zu ihr. "Lass uns rausgehen."
Doch Lisa schüttelte nur müde den Kopf.

In der Nacht lag Ka noch lange wach und dachte über Sara, Lisa und Tine nach.
Was würde werden? Wie sollte Miriam für den dritten Biss zu Tine gelangen? Blixa war davon überzeugt, dass die Vampirzentrale auch weiterhin das Haus überwachte. Doch Ka war sich da nicht sicher.
Und was war mit Sara?
Sie schlief nur unruhig.

Am Mittwochmorgen in der Schule hatte sie Mühe sich zu konzentrieren, ihre Gedanken schweiften immer wieder ab. Sie sah aus dem Klassenfenster. Die Sonne schien am blauen Himmel zwischen weißen Wolken hindurch.
Sie dachte an Tine und versuchte sich vorzustellen, wie das war. Sie überlegte, was sie empfinden würde, wenn sie selbst auf einmal Hunger auf Blut hätte und das Sonnenlicht sich plötzlich zu hell anfühlen würde. Doch so richtig gelang ihr das nicht.
Dann dachte sie kurz an Kolja und seinen Traum, Filmemacher zu werden. Sie hatten das fast vergessen. Ka spürte ein leicht schlechtes Gewissen. Aber es war einfach zu viel passiert. Sie würden es nachholen.
Und sie dachte wieder an Sara. Wieso vertraute Sara ihr nicht?
Ihre Gedanken schweiften weiter, bis plötzlich der Englischlehrer direkt vor ihr stand. "Du möchtest das also lieber alles zu Hause abschreiben?"
Sie schrak hoch. Zum Glück war auch dieser Schultag irgendwann zu Ende.

Ka lief auch an diesem Nachmittag gleich zu Lisa hinüber und auf den Dachboden. Lisa saß auf einer Matratze, sie umschlang mit den Armen ihre Knie und starrte aus der Luke. Neben ihr stand eine Tasse mit kaltem Tee, den sie offensichtlich völlig vergessen hatte.
Blixa lag in einer schattigen Ecke und las in einem Comic. Ab und zu versuchte sie hilflos, Lisa mit besonders witzigen Stellen aufzumuntern. Doch Lisa beachtete sie kaum.
Ka setzte sich zu ihnen. "Hallo?"
Blixa nickte. "Hallo."

Lisa wandte sich auf einmal Ka zu. "Tine tut nur so, als ob es ihr besser ginge. Sie reißt sich immer zusammen, wenn ich im Zimmer bin. Aber in Wirklichkeit verliert sie immer mehr an Kraft. Sie trinkt kaum und muss sich trotzdem übergeben. Das Einzige, was sie zumindest kurze Zeit bei sich behält ist Blutoka. Außerdem wird sie immer lichtempfindlicher." Sie schlang ihre Arme noch fester um ihre Knie. "Und seit dem zweiten Biss ist Tine außerdem irgendwie seltsam. Sie sieht mich immer so komisch an."

Lisa beobachtete einige Staubkörner in der Luft. "Ich weiß nicht, ob es richtig ist, was sie tut."
Ka sah aus der Dachluke und dann zu ihr. "Tine hat das selbst für sich entschieden. Und wir haben versprochen, ihr zu helfen."
Lisa stimmte ihr unsicher zu. "Ja, aber unsere Mutter wird immer misstrauischer. Sie ruft an und fragt mich aus. Sie will wissen, ob Tine irgendetwas raucht, das komisch riecht, oder Tabletten schluckt. Ich glaube sie denkt, Tine nimmt Drogen." Sie sah zu Boden. "Und dann will sie alles über Miriam wissen. Ich weiß nicht, was ich ihr antworten soll. Montag will sie mit Tine zu einem Arzt fahren, falls es ihr bis dahin nicht besser geht. Und mein Vater unterstützt das, obwohl Tine versucht hat, ihn zu überzeugen, dass sie nicht zum Arzt muss. Tines Zustand beunruhigt ihn inzwischen auch stark." Sie blickte hilflos zu Ka auf. "Ich weiß nicht, wie ich Tine helfen kann!"
"Du machst alles, was du kannst. Ohne dich würde es Tine viel schlechter gehen."
Lisa schniefte. "Wieso können sie uns nicht einfach vertrauen? Und wieso vertraut Tine mir nicht? Sie sagt mir nicht alles."

Blixa war aufgestanden und kam zu ihnen herüber. "Tine braucht eigentlich Hilfe von Vampiren. Es gibt spezielle Mittel, die den Übergang erleichtern. Aber weil die Bisse illegal waren, geht das nicht."
Eine Weile schwiegen alle drei.

Dann sah Ka Blixa an: "Vielleicht sollten wir doch Miriam bitten, vorbeizuschauen?"
"Nein, das ist zu gefährlich. Du unterschätzt die Vampire der Zentrale." Als Blixa an die Zentrale dachte, traten ihre Vampirzähne hervor. Die Vampire der Zentrale waren verantwortlich für alles. Die Vampiraufsicht war ihnen untergeordnet. "Sie überwachen garantiert das Haus. Und falls sie Miriam zu fassen kriegen, ist alles aus."
Ka zuckte mit den Schultern. "Ich habe nichts gesehen."
Blixa rümpfte die Nase. "Die siehst du auch nicht."

Nach kurzem Schweigen fuhr sie fort: "Draußen ist Miriam sicher. Sie hat menschliche Freundinnen und Freunde. Die Vampirzentrale wird sie dort nicht finden. Aber wenn sie hierher kommt, schon." Blixa hasste die Vampire der Zentrale, sie spuckte aus der Luke und sah bedrückt zu Boden.
Ka wusste nicht, was sie sagen sollte und Lisa weinte einfach. Dann raffte sich Ka auf. "Irgendetwas müssen wir zumindest tun. Ich denke, wir sollten Samstag auf Sonntag noch einmal hier übernachten. Alle. Zusammen fällt uns schon etwas ein."
Lisa nickte verzagt. Blixa versprach, Kolja zu informieren. Ka würde Sara Bescheid sagen.

Als Ka Sara am nächsten Tag in der Schule von dem geplanten Treffen erzählte, schüttelte die den Kopf. "Ich kann nicht, ich kann da nicht raus."
Ka biss sich auf die Lippen, es war offensichtlich einer der Tage, an denen Saras Großmutter sie einsperrte. "Wieso lässt du dir das gefallen?"
Sara schüttelte den Kopf. "Du verstehst das nicht."
Ka fasste sie sanft am Arm. "Versuch es einfach, bitte, für Tine, ja?"
"Ihr seid ohne mich besser dran."
"Wieso?"
Sara antwortete nicht und sah stur an ihr vorbei. Doch Ka bemerkte die Angst in ihren Augen.
Sie drang nicht weiter auf sie ein.

Auch an diesem Nachmittag lief Ka zu Lisa und Tine hinüber. Lisa war in der Küche.
Ka ging kurz zu Tine hinauf, um nach ihr zu schauen. Als sie das Zimmer betrat, wandte sich Tine urplötzlich ab. Ka trat einen Schritt zurück. "Störe ich?" Tine schüttelte den Kopf. "Nein, du riechst nur nach frischem, menschlichem Blut. Ich spüre das immer stärker. Ich habe Durst."
Ka schluckte. "Aber du hast doch noch gar keine Vampirzähne!"
Tine nickte schwach. "Das stimmt, die wachsen erst nach dem dritten Biss. Nur der Durst nach Blut ist schon da. Bitte versteh das nicht falsch. Ich habe nur manchmal Angst, dass der Durst mich überwältigt. Bei Lisa ist der Blutgeruch noch stärker ausgeprägt." Tine wandte sich ihr wieder zu. Ka erinnerte sich, dass Tine ihr erzählt hatte, dass Lisa unglaublich nach frischem Blut roch. Tines Blick wirkte unsicher, als sie fortfuhr: "Und ihr fällt natürlich auf, dass ich mich immer abwende. Aber ich kann ihr das doch nicht sagen! Ich weiß nicht, was ich tue, falls der Durst noch stärker wird." Tine sah bei diesen letzten Worten bleich und furchtsam aus.
Eine Weile schwiegen beide. Auch Ka wusste nicht, was sie dazu sagen sollte.
Sie ging nachdenklich zurück in die Küche zu Lisa.

Draußen war es heute noch heißer und gleichzeitig feucht, die Schwüle drang auch ins Haus. Selbst in der Küche war die stickige Luft zu spüren.
Lisa wusch das Geschirr ab. Das Geräusch des fließenden Wassers und das Klirren des Geschirrs klangen durch den Raum. Normalerweise beruhigte Abwaschen Lisa, doch heute half selbst das nicht. Ka sah ihr die Angst um Tine an.
Sie half beim Abtrocknen. Sie erzählte ihr nichts von dem Gespräch mit Tine, um sie nicht noch mehr zu beunruhigen. Sie überlegte, doch ihr fiel nichts ein, um Lisa abzulenken.

Da kam Blixa in die Küche. Sie war gerade aufgestanden. "Ein Freund von mir, einer der Schattenparker, hat gestern Nacht meine Handschellen mit Feinmechanikerwerkzeug umgebaut." Begeistert zeigte sie sie Ka und Lisa. "Ich kann sie jetzt abnehmen, aber ich trage sie weiter als Armreifen, nur beide links." Sie sah nach draußen. "Ich bin sicher die Einzige, die so einen Armschmuck trägt. Ich glaube, ich besorge mir noch ein zweites Paar." Sie ließ sich auf einen der Küchenstühle sinken und spielte mit den blaumetallisch blinkenden Handschellen.
Ka schluckte. "Ich weiß nicht, ob das so einfach ist."
Lisa lächelte das erste Mal an diesem Tag. Sie unterhielten sich noch eine Weile, dann musste Ka nach Hause.

Freitag in der Schule ging Sara ihr aus dem Weg. Ka wollte sie noch einmal auf Samstag ansprechen, doch Sara senkte sofort ausweichend den Blick. Im Unterricht saß sie still und in sich gekehrt neben Ka, ohne ein Wort zu sagen. Nach dem Unterricht sprang sie sofort auf.
Ka hielt sie kurz auf. "Du musst nicht kommen, das ist schon okay", flüsterte sie. Sie wollte Sara auf keinen Fall verlieren. Sie stotterte: "Ich, ich wollte nichts Böses."
Da war Sara schon weg, und doch hatte Ka Tränen in ihren Augen gesehen.

Nach der Schule kam ihr Lisa atemlos im Garten entgegen. "Miriam hat geschrieben! Sie will uns Samstagnacht treffen. Mehr erzähle ich dann. Ich muss wieder zurück, ich habe meinem Vater versprochen, ihm in der Bibliothek zu helfen. Du brauchst heute nicht zu kommen."
Damit war sie schon wieder auf dem Rückweg. Ka nutzte den freien Nachmittag, um Schwimmen zu gehen.

Lisas Vater hatte sofort zugestimmt, als Lisa ihn fragte, ob sie noch einmal von Samstag auf Sonntag auf dem Dachboden übernachten durften. Kas Eltern freuten sich, dass ihre Tochter so schnell Anschluss am neuen Wohnort gefunden hatte. Und für Kolja war es sowieso kein Problem, über Nacht woanders zu sein. Nur tagsüber war das seinen Eltern nicht immer recht.

Als Ka am Samstag kurz nach 21.00 Uhr zu Lisa hinüberging, war es bereits fast dunkel. Schwarze Wolken verbargen den Himmel. Auf einmal wurde es kühl. Ein Unwetter kündigte sich an. Die Bäume im Garten knarrten im Wind. Sie spürte Regentropfen auf der Haut, erst nur wenige Tropfen und dann einen richtigen Guss. Ka beeilte sich, auf den Dachboden zu kommen. Lisa und Blixa waren schon da. Lisas Vater hatte ihnen wieder Schokoriegel und ausreichend Saft hingestellt.
"Mein Vater hat auch Tomatensaft und Gurken besorgt. Mein Wunsch hat ihn zwar überrascht, aber Gemüsesaft ist ja gesund." Lisa schaute zu Blixa. "Er weiß ja nicht, dass Blixa das meiste davon trinkt. Die Lebensgewohnheiten vegetarischer Vampirinnen sind ihm unbekannt." Sie zögerte kurz. "Eigentlich weiß er überhaupt nichts über Vampire. Tine muss, sobald sie Vampirin ist, entscheiden, was sie ihm erzählt." Als sie an Tine dachte, wirkte Lisa unsicher. Leise fügte sie hinzu. "Obwohl es auf Dauer sicher unmöglich ist, das zu verheimlichen."

Kurz darauf kam Kolja. Er brachte noch mehrere 1,5-Literflaschen Blutoka mit, auch, damit Lisa für Tine etwas zu Trinken hatte. Außerdem hatte er für sich eine neue Packung Bluttrüffelriegel dabei. Heute trug er kein Seidenhemd, sondern einen schlichten, schwarzen Pulli, dafür hatte er sich einen besonders schicken, wie immer schwarzen Umhang ausgewählt. Die anderen waren eher praktisch gekleidet. Ka trug zur Jeans ein Kapuzenshirt und eine Jacke.
Draußen goss es in Strömen; Kolja war halb durchweicht. An seinem Blick war zu erkennen, dass er es nach wie vor hasste, nass zu werden, doch er sagte nichts dazu. Auch Ka war auf dem kurzen Weg durchnässt worden. Lisa reichte ihnen Handtücher, damit sie sich abtrocknen konnten. Der Himmel wurde inzwischen fast schwarz und die Welt versank im blauschwarzen Dunst der Nacht.
Um 22.00 Uhr schaute Lisas Vater kurz nach ihnen und begrüßte sie.

Dann waren sie wieder allein. Im diffusen Dunkel verschwammen die Umrisse der Gegenstände auf dem Dachboden.
Ka fand das Wetter gleichzeitig unheimlich und entspannend. Sie konnte nur einige Meter weit sehen und auch das nur undeutlich. Die Farben waren wie ausgewaschen, nicht zu erkennen. Sie mochte das, sie fühlte sich geschützt wie in einer Höhle.
Der Regen kam von einer anderen Seite und durch die Luke drang nur ein bisschen feuchte Luft herein. Sie roch nach schweren, nassen Blättern. Ka blickte hinaus. Vom Wasser beschwert bogen sich die Zweige der Bäume. Dazwischen tanzten schwarze Flecken. Unten auf dem Rasen bildeten sich dunkle Pfützen, nur der Regen war zu hören. Sie sah lediglich die schwarzen Bäume und Büsche direkt vor der Luke, dahinter begann die Welt der Schatten.
Lisa erzählte, was Miriam geschrieben hatte. "Sie will uns nach Mitternacht an der alten Kanalschleuse treffen. Sie wartet an der Bank, die dort steht, auf uns." Auf den ersten Blick wirkte Lisa ruhig, aber Ka sah Unruhe und Angst in ihren Augen.
Kolja blickte nach draußen in den Regen. "Und wie kommen wir dorthin?" Ka grinste. "Zu Fuß."
Kolja sah sie an. "Du meinst, wir schwimmen durch die Nacht?"
"Vielleicht hört es bis dahin auf."
Sie schwiegen und blickten durch die Luke in die fast schwarze Nacht.
Ka blickte zu Lisa. "Ich schaue kurz nach Tine."
Lisa nickte.

In Tines Zimmer konnte Ka zuerst kaum die eigenen Füße sehen und tastete sich vorwärts. Sie hörte den Regen draußen. Im Zimmer roch es nach kaltem Schweiß. Sie hatte Mühe, sich zurechtzufinden, ihre Augen gewöhnten sich nur langsam an das Dunkel. Doch Tines Augen schienen inzwischen die Nacht durchdringen zu können, sie begrüßte Ka. "Hallo."
"Hallo."
Ihre Stimme klang schwach. Vermutlich nahm ihr Hunger zu. Tine versuchte, es vor Lisa zu verbergen, aber Ka wusste, dass Tine Lisa nicht täuschen konnte.
Tine wandte sich ihr als dunkler Schatten zu. Ihre Stimme klang traurig und angestrengt: "Ich würde am liebsten mitkommen. Aber es kann gut sein, das mein Vater nachts noch mal nach mir schaut. Außerdem würde es die Aufmerksamkeit der Vampirzentrale wecken, falls sie das Haus überwachen. Sie werden vor allem mich im Blick behalten, weil Miriam irgendwann für den dritten Biss zurückkommen muss."
"Du willst möglichst bald zum dritten Mal gebissen werden, nicht?"
"Ja, aber ich habe auch Angst davor." Ka hörte ein Zittern in Tines Stimme. Sie konnte das verstehen.

Als sie zurück auf den Dachboden kam aß Kolja gerade einen Bluttrüffelriegel. Ka schaute Blixa an. "Glaubst du, Miriam weiß etwas, um Tine zu helfen?"
Blixa lief unruhig hin und her. "Keine Ahnung, vielleicht."

Kolja sah immer noch missmutig in die regnerische Nacht. "Wann wollen wir los?" Ka blickte zum ihm hinüber. "Ich glaube, der Regen hört bald auf. Vielleicht so in einer halben Stunde."
Lisa schaute sie unruhig an. "Kommt Sara noch? Sie ist doch auch ein Teil von BUNG!" Ka wusste, dass Saras Abwesenheit Lisa beunruhigte, weil Sara Lisa bei ihrem ersten Abenteuer beim Sprung über den Abflussschacht gerettet hatte. Trotzdem konnte Ka nur mit dem Kopf schütteln. "Ich glaube nicht." Sie wusste nicht, wie sie es erklären sollte, sie verstand es ja selbst nicht.
Kolja wies mit dem Kopf nach draußen. "Na ja, bei dem Wetter ist das verständlich."

Der Himmel war schwarz wie die Nacht, schwere Wolken verdeckten die Sicht und es sah nicht aus, als würde sich das im Laufe der Nacht ändern.
Da kam Sara die schmale Holztreppe zum Dachboden herauf. Ihre Schritte auf den Stufen klangen durch den Raum. Sie hatte Koljas letzte Bemerkung gehört. "Das siehst du falsch, das Wetter ist der einzige Grund, der es mir ermöglicht hat, zu kommen." Ka sah ihre beste Freundin überrascht an. "Und", fügte Sara leise hinzu, so dass es nur Ka hörte: "ich hoffe, ihr werdet es nicht bereuen und ich auch nicht."
Trotz dieser unverständlichen Bemerkung umarmte Ka Sara spontan. Sie wusste, dass Saras Großmutter vermutlich toben würde, wenn sie bemerkte, dass sie weg war. Sie freute sich, dass Sara trotzdem gekommen war. "Toll, dass du da bist. Wir sind vollzählig, dann kann nichts mehr schief gehen."
Sara erwiderte nichts und ihr Blick wirkte unruhig. Ka wusste nicht, dass auch Sara sich nicht sicher war, ob ihre Großmutter nicht Recht hatte und sie nicht besser zu Hause geblieben wäre.
Um Mitternacht brachen sie auf. Lisa verabschiedete sich noch kurz von ihrer großen Schwester und versprach, Miriam von ihr zu umarmen.
Der Regen hatte aufgehört, aber es war weiterhin kein Himmel zu sehen, nur die nachtschwarzen Wolken und dunkle Schatten. Aus keinem Fenster fiel Licht. Alle schliefen.

Auf dem Pflaster stand Wasser. In der Finsternis der Nacht geriet Ka immer wieder in tiefe Pfützen. Nach kurzer Zeit hatte sie durchweichte Schuhe. Den anderen erging es nicht besser, aber dafür waren sie allein. Alle schwiegen. Ka hörte nur den Wind in der Nacht. Sie mussten kein einziges Mal Erwachsenen ausweichen, damit sie als Kinder um diese Zeit nicht auffielen. Die Nacht roch nach der nassen Luft. Sie spürte die Feuchtigkeit am ganzen Körper.
Dann ging es weiter am Kanal entlang. Sie mussten diesmal entgegengesetzt zu der Richtung gehen, die sie bei ihrem ersten Nachtausflug auf der Suche nach dem Vampirgemüse eingeschlagen hatten. Die Regentropfen, die von den Bäumen herabtropften, ließen Ka frieren. Im Dunkel stolperten sie den Pfad am schwarzen Wasser des Kanals entlang.

Ka bemerkte, dass Sara immer wieder zum Himmel starrte. Und in ihrem Blick lag Furcht. Sie selbst sah am Himmel nur tiefschwarze Wolken. Jedes Mal schien Sara für den Moment beruhigt zu sein. Doch was fürchtete sie?
Ka berührte sie leicht. "Werden wir verfolgt?"
Sara schüttelte den Kopf. "Nein, ich glaube nicht. Zumindest bemerke ich nichts."
Ka wandte sich an Blixa. "Werden der Agent und die Agentin der Vampirzentrale uns nicht folgen?"
Blixa schüttelte den Kopf. "Nein, dann könnten sie Tine ja nicht überwachen. Und für den dritten Biss muss Miriam auf jeden Fall irgendwann zu Tine kommen. Das wissen sie." Bei der Erwähnung der Vampire der Zentrale traten wieder Blixas Vampirzähne hervor. Sie schoss einen Stein ins Dunkel.
Kolja sagte nichts, dachte aber wohl das Gleiche.

Nur Ka blieb misstrauisch, vielleicht kalkulierten die Vampire genau diese Erwartung mit ein und folgten ihnen gerade deswegen. Doch im Schwarz der Nacht hinter ihnen war nichts zu sehen.

Ka bemerkte, dass Sara weiter unauffällig in den Nachthimmel blickte. Nur versuchte sie nun, sich nichts anmerken zu lassen. Doch sie konnte Ka nicht täuschen. In ihren Augen lag Furcht.
Ka machte sich Sorgen. Sara schien vor irgendetwas Angst zu haben. Falls es nicht die Vampire der Zentrale waren, was war es dann? Was konnte bedrohlicher sein? Sara war eigentlich nicht furchtsam. Ka wurde immer unsicherer.
Sie fragte sich, ob es richtig gewesen war, dass sie Sara gedrängt hatte, mitzukommen.

Das Schwarz der Nacht verschluckte sie. Ka hörte den Wind und ab und zu das Knacken von Zweigen. Sie waren allein in der Nacht. Wieder streiften Tropfen ihr Gesicht. Die feuchten Bäume schüttelten sich. Ka spürte, wie ihr ein Schauer den Rücken herunterlief. Dann wurde die Nacht noch schwärzer.

Lisa lief ein Stück hinter ihr, Ka sah, dass sie zitterte. Sie trat zu ihr: "Du kannst meine Jacke haben."
Lisa schüttelte den Kopf. "Nein, das ist nicht die Kälte." Sie sah ins Dunkel. "Ich muss an Tine denken. Was ist, wenn Miriam nicht zu ihr kann?" Sie schniefte.
Ka wusste keine Antwort darauf.

Kurze Zeit später erreichten sie die alte Kanalschleuse. Überall tropfte das Wasser von den Bäumen; die Erde war matschig und klebte an den Schuhen, die immer schwerer wurden. Weit entfernt erhellte kurz ein Blitz die Nacht, um sie hinterher umso dunkler erscheinen zu lassen. Ka hörte ein Donnergrollen, doch bald verstummte es wieder. Nur noch das Geräusch des Windes erfüllte die Luft.
Die Nachtluft roch frisch. Die Bank stand unter einigen Bäumen. Hier war die Nacht tiefschwarz. Ka schaute sich um, sie sah nur wenig. Blixa rief leise: "Miriam!"
Wo war Miriam? Plötzlich rauschte etwas hinter ihnen zu Boden. Ka schrak zusammen. Miriam lachte: "Ihr solltet besser aufpassen!" Doch dann wurde sie ernst. "Wie geht es Tine?"
Blixa berichtete ihr alles. Miriam war sichtlich beunruhigt und schüttelte immer wieder den Kopf. Lisa schaute sie verunsichert an: "Kannst du ihr helfen?"
Miriam sah bedrückt in die schwarze Nacht. "Vielleicht, aber ich kann nicht zu ihr."

Ka musste trotz des Ernstes der Situation lächeln, als sie bemerkte, dass Miriams Haare, die sie nun kurz frisiert trug, immer noch einige leicht schwarze Stellen von der Schuhkreme aufwiesen.

Doch im nächsten Moment blieb ihr das Lachen im Halse stecken: Ein Blitz schlug in ihrer Nähe ein! Ka zuckte zusammen. Der Donner war nun viel näher.
Und dann standen auf einmal die Vampirin und der Vampir der Vampirzentrale vor ihnen. Sie waren wie aus dem Nichts aus der Dunkelheit aufgetaucht. In der Finsternis standen sie ihnen wie zwei übergroße, böse Schatten gegenüber.
Der Lärm des Windes übertönte alle Geräusche. In dieser Nacht war es leicht gewesen, ihnen unbemerkt zu folgen.

Die aufgetürmten Wolken des Nachthimmels hüllten alles in Nachtschwärze. Doch Ka konnte das Gesicht der Vampirin deutlich erkennen. Sie betrachtete die Kinder verlogen lächelnd: "Zum Aufpassen ist es zu spät."
Wieder trug sie ein unauffälliges, aber teures dunkles Kostüm. Ihre Haare saßen trotz Regen perfekt. Ihre Haut war glatt und makellos, nur der fischige Geruch verriet sie. Er verpestete die Luft.
Ihre Augen streiften Ka und diese spürte mit einem Mal, dass sie wie steifgefroren war. Sie konnte nichts mehr tun. Selbst ihr Mund war gelähmt. Und den anderen erging es sicherlich nicht besser.
Sie konnte zwar lediglich Miriam und Blixa sehen, die ebenfalls gebannt dastanden, aber auch von Sara, Lisa und Kolja hinter ihr war nichts zu hören, nur der Wind.

Als der Blick der Vampirin auf Miriam fiel, wurde ihr Gesicht zu einer dunkel lächelnden Maske: "Du bist Miriam, nicht? Wir wollen dir nichts Böses. Im Gegenteil, wir wollen nur verhindern, dass du etwas Falsches tust. Du glaubst, du könntest dich über die Regeln hinwegsetzen. Aber du wirst noch begreifen, dass das nicht geht. Du wirst jetzt lange Zeit haben zu lernen." Sie sah Miriam an. "Du musst dich nicht vor uns fürchten, du bist krank. Und wir werden das behandeln lassen."
Miriam wurde aschfahl. Sie wollte etwas erwidern, doch auch ihr Mund war wie zugefroren. Ka sah, dass Miriam versuchte, sich dagegen zu stemmen, doch es war zwecklos. Die Vampirin schüttelte den Kopf. "Ich sehe schon, du bist uneinsichtig. Wir werden viel Geduld mit dir haben müssen. Aber du bekommst viele Jahrhunderte Zeit, um schlafend darüber nachzudenken."
Dann sah sie zu Blixa. "Du bist die Kusine mit der Essstörung, oder? Wir werden auch dir helfen." Sie wandte sich an den Vampir: "Die ganze Familie ist abnorm."

Blixa wurde bleich und ihre Vampirzähne traten hervor, sie schaffte es, trotz der Lähmung zu fauchen, aber nur schwach, und sie wirkte dabei klein und verletzlich.
Ka begriff, dass Blixa sich Vorwürfe machte, dass sie die Vampire unterschätzt hatte. Blixa war sich sicher gewesen, dass sie weiter Tine und die Villa überwachen würden, statt ihnen zu folgen. Und nun dachte sie vermutlich, dass sie die Vampire zu Miriam geführt hatte. Ka wollte zu ihr und ihr sagen, dass es nicht ihre Schuld war, dass sie es nicht hatte wissen können. Doch sie konnte sich nicht rühren.
Hilflos sah sie, dass Blixa die Tränen kamen.

Der Vampir hatte sich im Hintergrund gehalten. Auch er trug wieder einen dunklen Anzug.
Nun kam er auf Ka zu. Sie spürte sein mühsam unterdrücktes Bedürfnis, ihr etwas anzutun. Der Vampir erinnerte sich offensichtlich daran, dass sie ihn in die Irre geführt hatte. Sie versuchte, ihn zu ignorieren. Der Vampir blickte sie drohend an, er hauchte ihr seinen stinkenden Atem ins Gesicht, seine Zähne waren auch im Dunkel der Nacht deutlich zu sehen. "Du solltest lernen, dass man sich als Mensch besser nicht in die Angelegenheiten von Vampiren einmischt."
Auch von ihm ging ein süßlicher Fischgestank aus. Ka fühlte Brechreiz in sich aufsteigen, ein Zittern durchlief ihren Körper. Der Vampir kam noch näher. "Schau mich an, wenn ich mit dir rede!"
Doch obwohl ihr vor Furcht Schauer über den Körper liefen, blickte sie stur an ihm vorbei. Zum Glück rief die Vampirin den Vampir mit einer kurzen Handbewegung zur Ordnung. Er ließ von ihr ab. Sein Blick glitt weiter.

Ka begriff auf einmal, dass sie diesmal keine Chance hatten, und die Angst überwältigte sie fast. Doch das ließ sie nicht zu. Sie konnte sich nicht bewegen, es war als gehörte ihr Körper nicht mehr zu ihr. Sie versuchte dagegen anzukämpfen, doch sie schaffte es nicht, auch nur einen Finger zu rühren. Und die Vampire hielten die anderen ebenfalls mit ihren telekinetischen Kräften fest im Griff.

Noch immer rauschte der Wind und Tropfen fielen von den Blättern durch die schwarze Luft. Doch Ka spürte nur ihre eigene Unfähigkeit. Die Nacht und die Nässe auf ihrer Haut waren nun vollkommen unwichtig. Sie sah zu Miriam und was sie sah, ließ kalte Schauer über ihre Haut laufen.
Miriam wurde wie eine Marionette von der Vampirin gelenkt. Sie zwang Miriam, Schritt für Schritt zu ihr zu kommen. Dabei betrachtete sie Miriam mit einem Lächeln, das Ka von ihrer Mathematiklehrerin kannte, wenn diese unaufmerksame Schüler an die Tafel rief. Die Stimme der Vampirin klang durch die Nacht und übertönte den Wind, obwohl sie nicht laut sprach: "Wir tun nur unsere Pflicht. Dein Widerstand ist sinnlos. Du hättest das wissen müssen, du bist doch alt genug. Auch alt genug dafür, bestraft zu werden."
Die dunklen Wolken schoben sich langsam immer weiter zusammen. Trotz der Finsternis stand Ka alles klar vor Augen.

Sie versuchte den telekinetischen Bann zu brechen, zitternd vor Anstrengung. Irgendwie musste sie doch loskommen!
Doch alles war umsonst, ihr brach nur der Schweiß aus. Er lief ihr in die Augen, zusammen mit der Nachtfeuchtigkeit, die sich auf ihrer Stirn niederschlug. In den Ohren hörte sie ihr Blut rauschen. Miriam ging an ihr vorbei. Keine von ihnen konnte sprechen. Ka sah die Panik in Miriams Augen. Sie bemerkte, dass auch Miriam weiterhin versuchte, sich zu wehren. Doch diesmal ließen die Vampire ihnen keine Chance. Nichts, sie konnten nichts tun.
Das durfte nicht sein!

Sie hatten diese Vampire zu Miriam geführt, das war Ka klar. Doch wieso hatte Sara nichts gesagt?
Ka begriff das Verhalten ihrer Freundin nicht. Wieso hatte sie nichts gesagt? Warum hatte sie immer wieder in die schwarzen Wolken gestarrt? Sie musste die Vampire in der Nacht bemerkt haben! Ihr fiel einfach kein anderer Grund für Saras Verhalten ein.
Ka zitterte. Sie konnte Sara nicht fragen, konnte sie nicht einmal sehen. Sara stand hinter ihr und sie selbst konnte sich nicht umdrehen. Ihr Körper war im Bann der Vampire.

Sie schluckte. Auch sie fühlte sich schuldig. Ihr hatte das alles Spaß gemacht, es war wie ein großes Abenteuer gewesen. Nie hatte sie geglaubt, dass wirklich etwas passieren könnte. Und nun würden die Vampire der Zentrale Miriam einsperren und Tine würde langsam zugrunde gehen.
Ka zitterte. Sie konnte nur mühsam ihre eigenen Tränen unterdrücken, doch sie wollte nicht, dass die Vampire ihre Tränen sahen.

Sie spürte Wut und Hass. Sie zwang sich, nachzudenken. Irgendetwas musste ihr einfallen! Vielleicht war die Dunkelheit eine Chance. Sie betrachtete die Nacht als ihre Verbündete. Wenn sie nur kurzzeitig frei käme! Vielleicht fände sie dann eine Möglichkeit, den telekinetischen Kraftstrom irgendwie zu unterbrechen. Und dann würden sie alle zusammen ins Unterholz fliehen.
Sie versuchte mit aller Gewalt freizukommen, aber es war unmöglich. Der Vampir hatte nur ein kurzes, abfälliges Lachen für ihre Anstrengungen übrig. Selbst im Schwarz der Nacht war das für Ka zu sehen. Dann verstärkte der Vampir den telekinetischen Griff. Ka merkte, dass sie kaum noch atmen konnte, sie verlor fast das Bewusstsein. Alles schien vergebens zu sein.
Und nun wurde auch noch ihre letzte Fluchtmöglichkeit, ihre Hoffnung, im Dunkel der Nacht unterzutauchen, zunichte gemacht. Im Schwarz der Wolken riss ein Loch auf. Der blasse Vollmond griff mit kalten Fingern nach ihnen. Ein kalter Nachtwind ließ Ka frösteln. Die Nacht hatte sich gegen sie gewandt.
Sie gab auf. Ihre Tränen liefen nun rückhaltlos. Ka war am Ende ihrer Kraft.

Da sah sie auf einmal Unsicherheit, Unglauben und Furcht im Blick der Vampirin und des Vampirs. Die Vampirin fixierte mit starren Augen voller Angst einen Punkt hinter Ka. Irgendetwas passierte dort. Sie versuchte erneut, die Kraft der Vampire zu überwinden, sich umzudrehen, um zu sehen, was die Vampire fürchteten, aber sie konnte es nicht. Immer noch hielten die Vampire sie fest in ihrem Bann. Sie spürte selbst Angst.
Waren auch ihre Freundinnen in Gefahr? Hinter ihr befanden sich Sara, Lisa und Kolja.

Die Vampirin stieß ein heiseres Fauchen aus: "Schsch." Ihre Zähne traten hervor, doch sie zitterte gleichzeitig unsicher und zog sich zurück. Auch der Vampir zeigte Furcht und folgte der Vampirin Schritt für Schritt rückwärts. Sein Blick war starr.
Ka zitterte nun auch. Was war da Furchtbares hinter ihr? Sie hörte nur teilweise verständliche furchtsame Rufe von Kolja, Blixa und Lisa, aber sie konnte keinen Sinn in den Wortfetzen ausmachen: "Sar ... atze" "Sie ..." "... auskacke" Sie wollte zu ihnen. Doch immer noch hielten die Vampire sie gebannt, obwohl ihre telekinetischen Kräfte nachließen. Ka spürte, dass ihr das Atmen leichter wurde.
Miriam war auf einmal frei. Sie schwankte vor Erschöpfung. Sie wandte sich zu Ka und den anderen um. Und auch auf ihrem Gesicht spiegelte sich Unglauben und Furcht, als ihr Blick hinter Ka fiel.

Ka nahm ein tiefes Fauchen hinter sich wahr, das den Nachtwind übertönte. Der Wind blies immer noch. Dann ließ auch Kas Lähmung nach, sie stolperte und fiel hin. Ihr Herz schlug bis zum Hals.
Furchtsam drehte sie sich um. Direkt hinter ihr, über ihr, stand im Dunkel der Nacht eine große schwarze Raubkatze, die zum Sprung ansetzte. Die Katze sah sie mit grünen Augen an.
Aus irgendeinem Grund fühlte sich Ka nicht von ihr bedroht. Obwohl die Katze unheimlich aussah, hatte Ka das Gefühl, ihr trauen zu können. Irgendetwas an der großen Katze ließ sie nicht los. Ka hatte den Eindruck, sie schon lange zu kennen. Sie war wunderschön, schwarz wie die Nacht, und wirkte gefährlicher als alles, was Ka je gesehen hatte.
Aber Ka wusste, dass die Bedrohung nicht ihr galt.

Die Katze fixierte die Vampirin. Sie zeigte ihre Fänge, im Vergleich dazu sahen die Vampirzähne wie Milchzähne aus. Sie sprang über Ka hinweg und warf die Vampirin mit einem Schlag ihrer Tatze um, die daraufhin rückwärts ins Dunkel floh. Dies alles geschah in einem Augenblick, doch der Vampir nutzte die kurze Zeit, um eine Waffe zu ziehen, Ka konnte sie nicht genau erkennen. Sie hörte Lisa rufen: "Vorsicht!" Aber der Vampir hatte die Katze bereits getroffen, die verletzt auswich und schwankte. Nicht nur die feuchte Nachtkälte ließ Ka erzittern.
Sie wusste nicht wieso, sie fühlte nur, dass sie der schwarzen Katze helfen musste. Sie griff an, rutschte auf dem schlammigen Boden aus und traf nur die Füße des Vampirs. Trotzdem verlor er beinahe das Gleichgewicht, erst im letzten Moment gelang es ihm, sich abzufangen.
Die Katze hatte sich inzwischen wieder aufgerichtet, sie stellte sich schützend zwischen den Vampir und Ka und fauchte. Der Vampir war ganz auf die Katze konzentriert. Seine Waffe funkelte bedrohlich.
Ka überlegte, was sie tun konnte, doch ihr fiel nichts ein. Sie wurde immer unruhiger. Da hörte sie Kolja rufen: "Lassen sie sie in Ruhe."

Der Vampir sah ihn nicht einmal an. Kolja stürzte sich auf ihn, auch er wollte sie in ihrem Kampf unterstützen. Doch der Vampir schleuderte ihn mit einem fast gleichgültigen Schlag in die Büsche, er hatte nur Augen für die Katze.
Kolja schrie auf, er war auf seine verletzte Hand gefallen. Der Vampir grinste nur und wandte sich wieder der Raubkatze zu. Ka fürchtete um das Leben der Katze. Sie wollte aufspringen, sie musste ihr zur Seite stehen, schließlich hatte die schwarze Katze sie gerettet, als auf einmal schwarzer, stinkender Matsch auf den Vampir zuflog.
"Nieder mit der Vampirzentrale!" Das war Blixa, aber diesmal ließen sich die Vampire der Zentrale nicht so leicht beeindrucken wie in Lisas Garten. Die Vampirin hatte sich inzwischen wieder aufgerichtet, sie stand abseits im Schwarz der Nacht unter den Bäumen, Blut war auf ihrem Kostüm zu sehen, die Katze hatte sie verwundet, und starrte mit bösem Blick zu ihnen herüber. Sie hielt den Matsch mit ihren telekinetischen Kräften mitten in der Luft auf. Er fiel zur Erde. Dann schleuderte sie Blixa mit ihrer Kraft zur Seite. Auch Ka wurde von ihr in ein nasses Gebüsch gedrückt, sie spürte die Dornen, feuchte Blätter streiften ihr Gesicht, die Nacht umschloss sie. Alles schien vergebens.
Lisa konnte ihnen nicht helfen. Sie zitterte zu sehr und war noch durch die Lähmung geschwächt. Ka sah sich um. Wo war Sara?
Die Vampire wandten sich wieder der schwarzen Katze zu. Der Vampir näherte sich ihr mit der Waffe. Ka fror.
Irgendetwas mussten sie tun!

Sie versuchte aufzustehen, doch die Vampirin hinderte sie daran. Die schwarze Katze und der Vampir umkreisten einander lautlos. Nur das Knacken einiger Zweige und der Laut der Tropfen, die von den nassen, im Wind bewegten Blättern geschüttelt wurden, durchbrachen die Stille der Nacht. Ka durchfuhr ein kalter Schauer. War das das Ende?
Nur sie bemerkte, dass Kolja im dunklen Nachtschatten unauffällig und lautlos das uralte schwarze Armband, das die Vampire das Klurk nannten, abstreifte. Das Armband leuchte dunkelgrün. Was hatte Kolja vor? Das Armband schützte doch nicht vor Vampiren!
Da warf Kolja auf einmal das Armband in das Wasser des Kanals. "Plutsch." Der Laut, mit dem es in das Wasser eintauchte, durchdrang laut die Stille der Nacht. Alles verstummte, einen Augenblick lang war kein anderes Geräusch zu vernehmen, selbst der Wind schwieg. Lisa und Blixa sahen mit offenem Mund dem Armband hinterher. Das Klurk versank im schwarzen Wasser. Alles schien still zu stehen. Ka schluckte.
Was sollte das?

Dann sah sie den fassungslosen Blick des Vampirs. Sie erinnerte sich, dass dieses Armband für die Vampire unbezahlbar war. Der Vampir wandte sich mit ungläubigem Blick an Kolja. "Das Armband! Du bist irrsinnig, krank. Dafür wird deine Urgroßmutter ..."
Dies war ein schwerer Fehler, weiter kam er nicht. Für die Katze reichte der kurze Moment der Unaufmerksamkeit aus: Sie sprang den überraschten Vampir an, die Waffe fiel ihm aus der Hand. Nun stand er dem Raubtier unbewaffnet gegenüber.
Kolja lächelte unsicher. Ka begriff. Genau das war sein Ziel gewesen: Der Raubkatze Zeit zum Angriff zu verschaffen. Nur war sie sich trotzdem nicht sicher, ob das eine so gute Idee gewesen war. Würde die Fürstin es verstehen? Hoffentlich, denn sonst müsste sich Kolja wohl ein neues Zuhause suchen.
Ob Lisa ihn aufnehmen würde?

Die schwarze Raubkatze griff nun erneut an. Der Vampir fauchte und zeigte seine Zähne, Fisch- und Aasgestank verbreitete sich, aber die Raubkatze ließ sich nicht beeindrucken. Ihr Fauchen klang jetzt sehr viel bedrohlicher. Sie sprang den Vampir an, warf ihn um und sprang dann zum zweiten Mal auf die Vampirin zu. An ihren Krallen schimmerte das Blut des Vampirs.
Die Vampirin und der Vampir ergriffen beide die Flucht.

Sie waren auf einmal allein im Dunkel der Nacht mit der tiefschwarzen, nassen Raubkatze. Nur noch der kühle Nachtwind umstrich sie. Ka sah sich um.
Miriam, die während des Kampfes wie erstarrt in der Dunkelheit gestanden hatte, näherte sich nun zitternd, hielt aber Abstand zur Katze. Kolja und Blixa rappelten sich auf und auch Lisa kam. Alle redeten durcheinander, doch Ka nahm ihre Stimmen nur im Hintergrund wahr, wo war Sara?
Saras Kleidung lag im Matsch.

Die schwarze Raubkatze lag verletzt auf dem Boden neben ihr. Ka wandte sich ihr zu. Und auf einmal begriff sie, was die furchtsamen Rufe von Kolja, Blixa und Lisa bedeutet hatten: "Sara ist eine Werkatze!" "Sie verwandelt sich!" "Fledermauskacke!"
Die Raubkatze war Sara! Ka bemerkte nun auch das blau leuchtende Medaillon um den Hals der Katze, Saras Medaillon. Sara war die Katze. Eine Werkatze. Und auf einmal begriff Ka alles: Sara hatte sich nicht getraut, ihr zu erzählen, dass sie eine Werkatze war. Wahrscheinlich hatte sie gefürchtet, dass sie dann Angst vor ihr hätte. Ka biss sich auf die Lippen. Sie hatte Schuld, dass Sara verletzt worden war. Sie hatte Sara dazu überredet, mitzukommen.
Ka blickte die Katze, Sara, an, sie schaute ihrer besten Freundin in die Augen und wischte sich die Tränen ab, Schuldgefühle und Unsicherheit überflutete sie. Wusste Sara als Katze, wer sie war? Würde sie ihr verzeihen? Sie hatte sie schließlich in diese Situation gebracht. Vielleicht war Sara als Katze gefährlich, doch das war ihr egal, sie wollte ihrer Freundin nahe sein, sie hockte sich neben sie. "Ich werde mich niemals vor dir fürchten."
Sie fragte sich, ob Sara als Katze ihre Worte verstand.

Die schwarze Katze blickte sie mit ihren grünen Augen an. Vorsichtig streckte Ka die Hand aus, die Katze ließ sich anfassen.
Sie betrachte die schwarze Katze. Sie fragte sich, wie es für Sara war, bei Vollmond Katzengestalt anzunehmen und als schwarze Raubkatze durch die Wälder zu streifen, durch die Nacht. Das Gefühl von Freiheit. Ka war sich sicher, dass Sara ihre Fähigkeiten als Katze liebte. Aber sie begriff auch die Furcht und Unsicherheit ihrer Freundin, die Angst, für andere zur Gefahr zu werden und die Notwendigkeit, alles geheim zu halten. Deshalb ließ Sara zu, dass ihre Großmutter sie einsperrte. Nur war Ka sich sicher, dass dies falsch war. Sara war kein Untier. Sie fühlte das und sie wollte, dass Sara es spürte. Nur wie sollte sie ihr das als Katze sagen? Ihr kamen die Tränen. Sie sah die Katze an. "Darum wolltest du heute nicht mitkommen, oder? Du bist kein Untier."
Ka wusste nun, warum Sara immer wieder furchtsam in den Nachthimmel geschaut hatte: aus Angst vor dem Vollmond, um sich zu vergewissern, dass die schweren schwarzen Wolken sie weiterhin schützten.
Und doch hatte Sara sie trotz ihrer Angst nicht im Stich gelassen.

Sie umarmte die Katze, roch nasses Raubtierfell, das irgendwie auch nach Sara roch. Sie sah die Raubkatze an, schaute ihr in die Augen. In Saras Augen. Sie waren wunderschön. Doch die Katze, Sara, blutete stark, sie verlor viel Blut, viel zu viel. Sie brauchte Hilfe.
Aber was sollte Ka tun? Sie wusste nicht weiter. Dann riss sie sich zusammen und untersuchte die Wunde. Sie mussten sie verbinden so viel wusste sie aus dem Erste-Hilfe-Unterricht. Sie hoffte inständig, dass das auch für Werkatzen galt. Sara durfte nicht sterben! Sie umarmte die Katze wieder und schniefte. Sie hatte Sara überredet, mitzukommen. Und nun brauchte Sara ihre Hilfe.
Vorsichtig reinigte Ka die Wunde. Sie wandte sich den anderen zu, die sie erst jetzt wieder richtig wahrnahm: "Ich brauche etwas zum Verbinden!"

Lisa kam ihr zu Hilfe. Sie sah die Raubkatze an, schluckte einmal und hatte sich bereits entschieden. Jedes Tier, das Hilfe brauchte, konnte Lisas Herz erweichen. Und dies war Sara und sie war nur verletzt worden, weil sie ihnen geholfen hatte. Für Tine konnte sie zurzeit nichts tun. Aber für Sara! "Du kannst das hier nehmen." Lisa riss einige Stoffstreifen aus ihrem Kleid und half Ka, Sara zu verbinden. "Reicht das? Ich kann noch mehr abreißen."
"Ich glaube, das reicht."
Die Wunde der schwarzen Katze, Saras Wunde, hatte aufgehört zu bluten. Die Katze blickte benommen zu Ka. Die Verletzung schien schwerer zu sein als gedacht. Sie schloss die Augen. Ka fiel nichts ein, was sie noch tun konnten.

Sie sah auf. Miriam hielt immer noch Abstand. Sie blickte Ka an: "Braucht ihr mich?"
Ka schüttelte den Kopf. Miriam konnte Sara nicht helfen. Sie wusste, dass die schwarze Katze Miriam Furcht einflößte und dass sie Angst um Tine hatte. "Du willst doch sicher zu Tine?"
Miriam nickte. "Ich warte dort auf euch." Dann flog sie davon in das Schwarz des Nachthimmels.
Lisa sah ihr im Dunkeln hinterher. Ka wusste, dass auch Lisa Angst um Tine hatte. Trotzdem wandte Lisa sich wieder der schwarzen Katze zu. Dann schaute sie Ka an und biss sich auf die Lippen. "Wir müssen Sara helfen." Ka nickte.

Kolja fluchte: "Ich wette, sie hat das gewusst. Ich wette, meine Urgroßmutter wusste das. Sie wusste garantiert die ganze Zeit, dass Sara eine Werkatze ist."
Ka lächelte matt. "Dann wusste sie sicher auch, dass Sara uns nichts tun wird."
Blixa kniete sich nun auch neben der Katze nieder. "Deshalb kann sie so gut hören, springen und sich orientieren. Werkatzen behalten einen Teil ihrer Fähigkeiten auch in menschlicher Gestalt." Sie lächelte. "Die Vampire der Zentrale fürchten Werkatzen mehr als alles auf der Welt. Werkatzen gelten als die gefährlichsten Gegner für Vampire. Die meisten Vampirkräfte wirken bei ihnen nicht, Telekinese ist wirkungslos, sie haben eine schärfere Wahrnehmung und sie sind schneller und stärker als Vampire."
Ka fiel noch das Klettern ein, die Angst der meisten Hunde in Saras Nähe und die Reaktion des Katzendämons Tii.
Lisa dachte einen kurzen Augenblick nach. "Aber wieso hat der Untot-Detektor nichts angezeigt?"
"Werkatzen sind nicht untot, nur anders. Sie leben auch nicht länger als normale Menschen."
Doch Ka hörte kaum zu. Sie hatte nur Augen für die schwarze Katze, für Sara. Ihr musste etwas einfallen, um ihr zu helfen. Aber was?

Sie versuchte, die schwarze Katze aufzurichten. Doch auch zusammen mit den anderen gelang es ihr nicht, Sara zum Aufstehen zu bewegen.
Ka ließ sich von Kolja seinen Umhang geben und hüllte sie darin ein. Zumindest war sie nun ein bisschen vor der Nässe geschützt. Sie froren inzwischen alle. Sie sahen sich im Dunkeln nur noch als Schatten ihrer selbst. Der Wind ließ nun wieder die Blätter rauschen.
Was sollten sie tun?

Die Nacht wurde auf einmal wieder dunkler. Tiefschwarze Regenwolken verhüllten erneut den Mond. Der Wind frischte auf und die nasse schwarze Nachtluft hüllte sie ein. Kas Kleidung war beinahe völlig durchnässt, doch das spürte sie kaum, sie dachte nur an Sara.
Und Sara verwandelte sich wieder zurück. Nach kurzer Zeit lag Sara statt der Katze vor ihnen unter dem Umhang. Blixa wurde bleich. "Das ist nicht gut."
Ka begriff nicht. "Wieso?"
"Als Werkatze ist Sara wesentlich widerstandsfähiger. Als Mensch ..."
Blixa führte den Satz nicht zu Ende, aber Ka verstand sie auch so. Sie schüttelte den Kopf. "Nein!" Sara durfte nichts passieren! Ihr kamen wieder die Tränen.
Lisa sah auf. "Wieso rufen wir keinen Krankenwagen?"

"Nein," ein Flüstern, Saras Stimme. Sie schlug die Augen auf. "Nein, als Werkatze habe ich auch als Mensch besondere Heilkräfte. Ihr müsst mir nur zurückhelfen. Es tut mir leid. Ich wollte ..."
Ka sah sie an. "Das hat alles Zeit. Streng´ dich nicht an." Sie biss sich auf die Lippen, ihr fielen keine passenden Worte ein. "Wir ..."
Sara ignorierte das und richtete sich auf. Sie stützte sich auf Ka. "Ich weiß. Danke, helft mir einfach zurück."
Saras Stimme war eher ein Flüstern, und sie wirkte schwach. Und doch wusste Ka, dass sie Sara nicht umstimmen konnten. Ka seufzte, sie spürte einen Kloß im Hals. Gleichzeitig war sie erleichtert, dass Sara wieder bei Bewusstsein war. Sie nickte. "Gut, wir bringen dich erst mal zurück zur Villa. Du würdest ja doch nichts anderes zulassen."
Doch Ka war unsicher. Sie wusste, dass Sara schwerer verletzt war, als sie zugab. Sie sah sie an. "Ich habe dich in diese Situation gebracht, entschuldige."
"Es war meine Entscheidung." Sara flüsterte nur und drückte sie leicht.

Langsam machten sie sich auf den Rückweg. Der Regen wurde wieder stärker. Lisa hatte Saras Kleidungsstücke eingesammelt, sie waren völlig durchnässt. Ka hatte ihr deshalb zusätzlich zu Koljas Umhang ihre Jacke um die Schultern gelegt, um Saras Wunde vor Feuchtigkeit zu schützen. Ihr selbst war zwar auch kalt, aber das war ihr egal.
Sie stützte Sara zusammen mit Kolja, fast mussten sie sie tragen. Sara versuchte, ihre Schmerzen nicht zu zeigen, doch Ka fühlte ihr Zittern. Sie sah ihre Freundin unruhig an. Sara blickte zu Boden. "Tut mir leid, ich bin ein Untier und dann falle ich dir auch noch zur Last."
Ka schüttelte den Kopf. "Nein, du bist meine Freundin."
Sara schluckte und sah sie an. "Und ich habe dir nicht vertraut."
"Das kannst du nachholen."

Auf dem Weg zurück schwiegen alle. Im Dunkel der Nacht spürte Ka, dass Sara schwächer wurde. Ihre Angst nahm zu, trotz Saras beruhigender Worte. Die Wunde hatte wieder angefangen zu bluten. Sie mussten irgendetwas tun, aber was? Sie zermarterte sich das Gehirn, aber ihr fiel nichts ein. Sara brauchte dringend Hilfe.
Die schwarzen Wolken am Himmel machten es schwierig, nicht zu stolpern, in der Dunkelheit sah sie kaum ihre eigenen Füße. Endlich erreichten sie die Villa.
Ka atmete auf, nur kurz.

Auf einmal stand Tine im Garten der Villa in der Nacht vor ihnen. Ihre Stimme klang seltsam leer. "Ich habe Miriam gedrängt, mich das dritte Mal zu beißen." Dann brach sie zusammen. Miriam, die hinter ihr um das Haus herumkam, konnte sie gerade noch auffangen.
Der Wind peitschte die Zweige der Bäume im Schwarz der Nacht. Das Rauschen der Baumwipfel übertönte einen Augenblick lang alle Geräusche.
Zusammen sanken die beiden auf den Erdboden.

Lisa lief zu Tine. Erschreckt sah sie Miriam an. "Was ist passiert?"
Miriam hielt Tine fest umarmt. "Als ich herkam, hat Tine mich umarmt und wollte nicht loslassen. Sie wollte mich nicht mehr gehen lassen." Sie schüttelte den Kopf. "Nicht vor dem dritten Biss."
Lisa nickte. "Und du hast sie gebissen?"
"Ich habe mich erst geweigert, aber ich habe die Angst in ihren Augen gesehen. Sie hat es nicht mehr ausgehalten. Da habe ich zugestimmt."
Ka bemerkte erst jetzt, dass auf Miriams Lippen noch Tines Blut zu sehen war. Im Schwarz der Nacht fiel das kaum auf.
Miriam sah auf. "Ich habe ihr das letzte menschliche Blut ausgesaugt und sie ist zusammengesunken, dann habe ich ihr Blut von mir übertragen. Und plötzlich ist Tine aufgewacht und nach draußen gelaufen. Ich bin ihr gefolgt. Und dann wart ihr da." Miriam blickte in die Nacht. "Sie ist nun eine Vampirin. Der Übergang wird sich in den nächsten Wochen endgültig vollziehen."
Tine schwieg, ihr Blick war nach innen gerichtet und ihr Körper krampfte sich immer wieder zusammen. Sie schien sie nicht wahrzunehmen. Auf einmal sackte sie völlig zusammen.
Lisa erschrak. Ihre Schwester würde bald Hunger auf Blut entwickeln. Doch was sollten sie tun? Sie konnten doch keine Blutbank ausrauben!
Miriam blickte Lisa bittend an. "Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Tine hatte Angst, dass dies ihre letzte Chance sein könnte. Und ich wusste, dass sie damit wahrscheinlich recht hat."
Lisa zitterte, sie zögerte kurz, dann wandte sie sich an Miriam. Ihre Stimme war nur ein Flüstern: "Du musst dir keine Vorwürfe machen. Zurzeit sind die Vampire der Zentrale außer Gefecht gesetzt. Aber bald werden andere Vampire hier erscheinen. Bisher hattet ihr Glück. Aber nicht immer ist zufällig eine Werkatze da." Sie schluckte. "Wahrscheinlich war das Tines einzige Chance."

Auf einmal liefen Miriam Tränen herab. Das Schluchzen schüttelte sie und ließ sie nicht mehr los. Lisa weinte nun auch. Blixa sah hilflos von einer zur anderen. "Was ist denn?"
Tine saß in sich zusammengesunken auf der Erde, Schweißperlen liefen ihr trotz der Nachtkälte über die Stirn. Sie schien abwesend.
Kolja half Ka, Sara aufrecht zu halten und schaute zur Seite. Und auch Ka wusste nicht, was zu tun war.
Saras Atem ging flach, ihre Augen waren halb geschlossen. Ka wusste nicht, ob sie noch bei Bewusstsein war. "Sara!" Keine Antwort.
Ihr wurde kalt und klamm. Wieder rauschten die Baumwipfel im Nachtwind.

Tine würde nach dem dritten Biss bald Hunger entwickeln. Und die Vampire der Zentrale würden irgendwann wiederkommen.
Und Sara ging es immer schlechter. Auch Ka wusste nicht mehr weiter. "Sara braucht Hilfe und Tine auch."

Ka dachte kurz daran, nach Hause zu laufen und ihre Eltern um Hilfe zu bitten, doch sofort verwarf sie den Gedanken wieder. Was sollte sie ihnen sagen?
Lisas Schwester ist eine Vampirin und braucht Blut. Und Sara ist eine Werkatze. Ihre Eltern konnten ihr nicht helfen. Vermutlich würden sie sie für verrückt halten und nicht zurück in die Nacht lassen.
Ihr fiel nichts ein. Langsam kroch ihr die Angst den Nacken hinauf. Alles schien im Schwarz der Nacht zu versinken. Sie hörte die Bäume im Sturm ächzen. Sara verlor immer mehr Blut. Sie zitterte. "Vielleicht müssen wir doch einen Arzt rufen?"
Blixa schüttelte den Kopf. "Sara braucht spezielle Hilfe weil sie mit einer Vampirwaffe verletzt wurde. Ein normaler Arzt kann ihr nicht helfen." Blixa sprach auch diesmal nicht aus, was passieren würde, falls Sara keine Hilfe bekam. Doch Ka begriff dies nur zu genau. Und sie konnte nichts tun.
Sie fühlte sich immer noch schuldig.

Sie umarmte Sara und schniefte leise. "Ich bin schuld, falls du stirbst, weil ich dich überredet habe." Da traf sie auf einmal ein Tritt gegen ihr Schienbein. "Aua!"
"Du bist dumm." Sara richtete sich auf. Sie hatte Ka getreten. Es war das erste mal, dass Ka sich über einen Tritt freute. "Ich sterbe nicht. Ich ruhe mich nur aus. Mir geht es schon besser." Doch Ka wusste, dass ihre beste Freundin log. Sie spürte, dass Sara vor Schmerzen und Schwäche zitterte. Ka schüttelte traurig den Kopf. "Nein."
Sara blickte Ka in die Augen. "Du bist aber nicht schuld."
Ka drückte Sara leicht. "Ich weiß, dass ich dumm bin."
"Dann ist ja alles gut." flüsterte Sara schwach. "Ein Arzt kann mir nicht helfen." Sie wandte sich Kolja zu. Die Anstrengung war ihr anzusehen, ihre Stimme wurde noch leiser: "Aber vielleicht hilft uns ja deine Urgroßmutter?"
Kolja blickte überrascht auf. "Meine Urgroßmutter, ja, das stimmt. Sie würde dir sicher helfen. Wieso bin ich nicht selbst darauf gekommen?"
Blixa sah ihn an. "Wieso sollte sie einer Werkatze helfen? Die meisten Vampire hassen Werkatzen."
"Meine Urgroßmutter nicht."
"Wieso?"
"Das musst du sie schon selber fragen. Ich bin mir sicher. Wir sollten keine Zeit verlieren. Und Tine würde sie auch helfen. Nur ob sie Miriam hilft, weiß ich nicht." Dabei sah er Miriam unsicher an.
Miriam riss sich zusammen und wischte sich das Gesicht ab. Sie sah ruhig in die Nacht. "Was mit mir passiert ist egal. Lasst uns gehen. Tine und Sara brauchen Hilfe."

"Aber kann uns die Fürstin schützen?" Lisa blickte ängstlich in die Nacht. "Wird die Aufsichtsbehörde nicht einfach kommen und uns mitnehmen?"
Blixa schüttelte sich. "Alle Vampire, die ich kenne, haben Angst vor der Fürstin, auch die Vampire der Behörden. Niemand wird uns dorthin folgen. Alle haben Angst" und leise fügte sie hinzu: "Ich auch."
Lisa schluckte. Ka war zu erschöpft, um Furcht zu spüren. Und Kolja schien nicht beunruhigt zu sein. Ka atmete tief ein. "Dann lasst uns gehen."

Lisa blickte zu Kolja. "Hast du gar keine Angst, dass du mit deiner Urgroßmutter Ärger wegen des Armbandes bekommst?"
Erst Lisas Worte schienen Kolja an dieses Problem zu erinnern. Er wurde etwas blasser, als er ohnehin schon war, gab sich aber Mühe, sich das nicht anmerken zulassen. "Ich hoffe, sie wird eine Möglichkeit finden, das Armband wieder aus dem Wasser zu fischen." Er schluckte und versuchte sich die Reaktion seiner Urgroßmutter lieber nicht vorzustellen, falls das Armband im Schlamm des Kanals unauffindbar blieb.
Nun war auch er beunruhigt.

Sie machten sich auf den Weg durch die Nacht. Sara ging es immer schlechter, Ka spürte das. Doch was sollte sie tun? Würde die Fürstin Sara helfen? Ka fror bei dem Gedanken, was passieren würde, falls sie Sara nicht half. Wieder stützte sie mit Koljas Hilfe Sara, die immer mehr an Kraft verlor.
Blixa und Lisa halfen Miriam und Tine, die noch vom Biss geschwächt waren.
Die Nacht ertrank im nassen Nachtwind. Die Angst lag Ka wie ein schwerer Klumpen im Magen.

Sie wandte sich an Sara: "Geht es?" Sara antwortete kaum vernehmlich mit langen Pausen. "Tut mir leid, dass ich dir soviel Umstände mache." Ka hätte Sara am liebsten geschüttelt. "Du spinnst."
Ein Fauchen holte sie zurück in die kalte Nacht. Tii stand vor ihr, beinahe hätte sie ihn getreten. Der Katzendämon näherte sich ihr. Nur kurz stockte ihr der Atem, dann begriff sie, dass Tii Sara schützen wollte. Sie beruhigte sich. Die Fürstin musste ihn geschickt haben. "Die Fürstin erwartet uns."
Sie wusste nicht, ob das ein Grund zur Angst oder zur Erleichterung war.
Der Katzendämon begleitete sie.

Nass und erschöpft erreichten sie das Reihenhaus. Niemand begegnete ihnen. Die Tür des Reihenhauses öffnete sich von selbst, ein schwarzer Schlund.
Lisa fürchtete kurz, dass das Haus sie verschlucken würde. Die ausgestopften Tiere schienen sie anzublicken, doch sie rührten sich nicht. Kolja beruhigte sie. "Sie werden uns nichts tun, solange Tii bei uns ist."
Ka fröstelte. "Lasst uns reingehen."
Die Haustiere ließen sie passieren. Lisa war sich aber sicher, dass ihre Augen sich bewegt hatten und ihre Blicke ihnen folgten.

Sie standen nun in der schwarzen Finsternis der Eingangshalle des Schlosses. Kein Licht schien hier. Stille umgab sie. Eine Wasserlache bildete sich zu ihren Füßen. Hinter ihnen fielen die Türen, die vom Haus zur Eingangshalle führten, mit dumpfem Knall zu.
Der Laut ließ Ka erschreckt zusammenfahren. Selbst Kolja wurde etwas weiß um die Nase. "Jetzt kommt niemand mehr rein."
Und Blixa ergänzte: "Und niemand mehr raus."
Die Finsternis umschloss sie.









- Kapitel 7 'Ausblicke' -


Einen Augenblick lang standen sie wie gelähmt im Dunkel. Ka roch die kalten Steinmauern. Sie spürte Sara vor Schmerzen zittern. Würde die Fürstin ihr helfen? Nur das Atmen der anderen war zu hören, dann rüttelte ein stürmischer Wind an den Fenstern der Halle.
Auf einmal öffneten sich wie von Geisterhand langsam die weißen Doppelflügel einer Tür an der Seite der Eingangshalle. Kühles, weißblaues Licht fiel aus dem Zimmer dahinter. Durch die Tür sah Ka nur schwarze Schatten.
Lisa wandte sich flüsternd an Kolja: "Was ist das?"
"Geisterlicht."
"Habt ihr kein elektrisches Licht?"
Kolja schüttelte den Kopf. "Urgroßmutter ist etwas altmodisch."
Dunkle Schatten umgaben sie. Ka hatte den Eindruck, als würde sie aus dem Dunkel der schwarzen Schatten heraus beobachtet. Und Sara ging es immer schlechter.
Auf einmal zuckte Tine zusammen. Miriam hielt sie. "Was ist denn?"
"Schreie, hörst du nicht die fürchterlichen Schreie?" Sie wandte sich Ka und Lisa zu: "Und ihr, hört ihr sie nicht?"
Ka schüttelte den Kopf. "Nein." Sie hörte nichts. Lisa sah ihre Schwester besorgt an. Verlor Tine jetzt ihren Verstand?
Miriam drückte Tine beruhigend. "Das sind Fledermäuse. Du hörst ihre Rufe. Sie müssen sich irgendwie hierher verirrt haben."
Ka erinnerte sich daran, dass Tine inzwischen Ultraschall hören konnte. Sie selbst hörte nichts. Die Fledermäuse waren vermutlich auf demselben Weg ins Schloss gekommen wie die Vögel.
Tine hockte sich zitternd auf den Steinfußboden. Lisa wollte ihr helfen, doch Tine stieß sie zurück. "Nein, nicht. Geh weg!" Sie sah Lisa mit unstetem Blick an. "Ich habe zu viel Durst."
Ka wurde kalt. Blut, Tine brauchte Blut. Sie hatte kurz den Eindruck, als würde Tine aus tiefliegenden Augen auf Lisas Halsschlagader starren. Sie musste an Tines Worte über Lisas Blutgeruch denken. Musste sie Lisa jetzt vor Tine beschützen? Da spürte sie einen kalten Hauch.

"Na, wollt ihr hier Wurzeln schlagen?" Die Stimme der Fürstin klang dunkel. Sie stand auf einmal direkt hinter ihnen. Ihr Gesichtsausdruck war undurchschaubar. Sie wirkte kräftiger und jünger, aber auch strenger als in ihrem Schlafzimmer. Ihre Bewegungen ließen die Kraft spüren, über die sie als Vampirin verfügte. Kälte ging von ihr aus.
Ka fühlte sich auf einmal klein und hilflos. "Guten Abend." Auch die anderen begrüßten die Fürstin. "Guten Abend." Und doch kam Ka das irgendwie unpassend vor. Die Fürstin blickte sie nur kühl an.

Dann wandte sie sich Sara zu. "Halt still!" Sara nickte. Die Fürstin untersuchte Sara im Dunkel der Halle. Als Vampirin konnte sie im Dunkeln sehen. Sara sog hörbar den Atem ein. Die Berührung bereitete ihr offensichtlich Schmerzen. Besorgt betrachtete die Fürstin die Wunde. "Das ist ernster, als ich befürchtet habe. Ich werde mich gleich darum kümmern müssen."
Sara ließ alles ohne Widerstand über sich ergehen. Aus irgendeinem Grund schien sie der Fürstin zu vertrauen. Tii saß aufmerksam daneben und wandte den Blick keinen Augenblick lang von ihr ab. Ka traute sich nicht, etwas zu sagen. Die Fürstin musterte sie.
Die anderen standen unsicher fröstelnd in der dunklen Halle. Was würde die Fürstin mit ihnen machen?
Auf einmal griff die Fürstin Sara am Arm. "Komm mit, ich muss das behandeln." Dann wandte sich die Fürstin an Ka: "Katrin, hilf Sara." Nur kurz drehte sie sich mit kalten Augen zu Miriam und Tine um. "Ihr kommt auch mit. Wir haben da noch einiges zu klären." Die Stimme der Fürstin klang bei diesen letzten Worten schroff. Sie ließ keinen Zweifel daran zu, das dies keine Aufforderung war, sondern ein Befehl. Ka bekam Gänsehaut auf den Armen.
Miriam blickte unsicher zu Boden. Tine schien die Blicke der Fürstin gar nicht zu bemerken. Sie sah fahrig ins Dunkel und zuckte bei den Schreien der Fledermäuse immer noch zusammen. Die Fürstin lächelte düster. Sie sah zu Kolja, Lisa und Blixa. "Für euch gilt das Gleiche."

Die Fürstin half Ka, Sara zu stützen. Schweigend brachten sie Sara in das Zimmer hinter der Tür.
Kein Laut des Sturmes drang in dieses Zimmer. Ka glaubte kurz, ein Rascheln aus den schwarzen Schatten zu hören. Drei Geisterlichter schwebten ziellos durch den Raum. Ihr Licht war weißblau, kalt und blass. Nur dort, wo ihr Lichtkreis hinfiel, wurde einen Augenblick lang blauschwarz ein Teil des Zimmers sichtbar. Überall sonst schienen die schwarzen Schatten umso tiefer zu sein.
Die Schatten blieben ihre Begleiter. Das Geisterlicht schien bestimmte Bereiche fast bewusst ins Dunkel zu tauchen. Ka sah undeutlich einen großen, dunklen Holztisch und alte, schwere Stühle. Nur kurz erhaschte sie einen Blick auf uralte, grausam wirkende Waffen aus längst vergangener Zeit, welche an den Wänden hingen. Der Raum wurde zu zwei Dritteln von dem Holztisch mit den schweren alten Stühlen ausgefüllt. Im hinteren Bereich stand ein einzelner Stuhl. Ein weiter Stuhl befand sich neben einer Seitentür. Mehrere Türen führten aus dem Raum hinaus. Auf dem Tisch standen bleiche weiße Blumen, ein Geruch nach feuchter Erde ging von ihnen aus, sie wirkten allerdings frisch.
In den alten Holztisch waren Fledermäuse und Spinnen geschnitzt. Sie schienen miteinander zu kämpfen. An der hinteren Wand sah Ka kurz einen schwarzen Teppich mit unheimlichen Fratzen. Von irgendwoher kam kühle frische Luft. Ka fror. Wieder glaubte sie ein Rascheln zu hören. Ihr war, als hätte sie eine der riesigen Spinnen aus dem Turm gesehen. Schwere, dunkle Vorhänge schluckten die Geräusche.

Auf den Stühlen hingen dunkelgrüne Handtücher. Sie trockneten sich ab. Ka half Sara. "Tut es sehr weh?" Sara zuckte, nickte und biss die Zähne zusammen. Ka konnte ihr die starken Schmerzen ansehen. Sara war am Ende ihrer Kräfte, sie zitterte und hatte Mühe, sich aufrecht zu halten. Ka sah sie an: "Stütz dich auf mich."
Ka war sich nicht sicher, was die Fürstin betraf. Konnte die Fürstin Sara überhaupt helfen?
Lisa und Blixa kümmerten sich um Tine.

Ka nahm all ihren Mut zusammen. Sie sah im Dunkel zur Fürstin hinüber: "Tun Sie bitte etwas für Sara!" Die Fürstin legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. "Du musst dir keine Sorgen machen." Doch Ka war immer noch unsicher. "Woher wussten Sie, dass wir kommen?"
Die Fürstin blickte sie belustigt an. "Ihr habt euch nicht gerade unauffällig verhalten. Setzt euch." Sie sah Kolja, Lisa und Blixa an und wies auf einige Stühle am unteren Ende des Tisches. Danach wandte sie sich zu Miriam und Tine. Ihre Stimme wurde kälter und härter: "Miriam, du setzt dich dorthin." Miriam wollte protestieren, "Ich ...", doch ein Blick der Fürstin genügte, um sie zum Schweigen zu bringen. Sie zeigte auf den Holzstuhl, der abseits an der Tür stand. Als nächstes nahm sie Tine beim Arm und führte sie zu dem einzelnen Stuhl im hinteren Drittel des Zimmers. "Christine, du nimmst hier Platz." Tine schien willenlos, sie folgte der Fürstin ohne Widerspruch. Doch sie redete wirr. "Was für ein schöner Teppich."

Tine saß nun direkt unter dem schwarzen Teppich. Die Fratzen starrten sie an. Eines der eisblauen Geisterlichter blieb über ihr stehen und beschien kalt ihr Gesicht. Sie wurde von Krämpfen geschüttelt und hatte Mühe, sich aufrecht zu halten. Lisa wollte protestieren, doch bevor sie auch nur ein Wort sagen konnte, ließ auch sie ein kalter Blick der Fürstin verstummen.
Dann wandte sich die Fürstin wieder Sara zu. Ihr Blick verlor die Kälte und Härte: "Ich muss deinen Verband erneuern. Du wirst dadurch zusätzliche Schmerzen haben."
Sara nickte, ihre Stimme war nur ein Flüstern: "Ich komme schon klar."
Ka spürte, wie schwach Sara inzwischen war. Sara hatte ihren Arm über Kas Schulter gelegt und Ka den ihren um Saras Taille, sie trug Sara fast mit ihrem Körper und fühlte jedes Zucken ihrer Freundin. Die Fürstin wandte sich ihr zu. "Katrin, du musst mitkommen und mich unterstützen. Wir müssen Sara in ein Nebenzimmer bringen, um ihre Wunde zu versorgen."

Ka brachte Sara zusammen mit der Fürstin durch eine Tür in ein kleines Nachbarzimmer. Sie hörte Blixa und Kolja hinter ihrem Rücken tuscheln, nahm dies jedoch kaum wahr.
Tii folgte ihnen. Die Fürstin griff sich eines der Geisterlichter, zwei blieben zurück. Das Licht tauchte Teile des Zimmers in einen blauschwarzen Schein. Als Vampirin schien dies der Fürstin zum Sehen auszureichen. Ka sah teilweise nur Umrisse. Auch in diesem Zimmer standen frische, blasse weiße Blumen, die nach feuchter Erde rochen. Auch hier verdeckten schwere, dunkle Vorhänge die Fenster.
Die Fürstin bettete Sara auf ein Lager aus weißer Seide, ohne darauf zu achten, dass die erneut blutende Wunde alles befleckte. Sie entfernte den alten Verband, säuberte die Wunde, bestrich sie mit einer Salbe und zerriss Verbandsstoff. Sie wandte sich an Ka: "Halte das bitte kurz", und erneuerte den Verband.
Ka musste der Fürstin alles anreichen. Ab und zu zuckte Sara vor Schmerzen. "Aaarh!" Sie biss die Zähne zusammen und sagte nichts, sie gab sich Mühe, ruhig liegen zu bleiben. Ka schaute Sara in die Augen. Sara versuchte etwas zu sagen, doch sie war zu schwach. Ihre Stimme war nur noch ein fast lautloses, unklares Flüstern. "Ich wollte ..." Den Rest verstand Ka nicht. Nur das Reißen des Stoffes und ihr unruhiges Atmen waren noch zu hören.
Die Luft war nun vom intensiven Duft der Heilsalbe erfüllt. In ihrer Erinnerung roch Ka noch immer das feuchte Fell der schwarzen Raubkatze.
Dann war die Fürstin fertig, und Sara in einen unruhigen Schlaf gefallen. Ka zitterte. "Was ist mit ihr?" Die Fürstin beruhigte sie: "Keine Angst, Sara ist eine Werkatze. Sie wird das überstehen. Aber jetzt braucht sie Ruhe. Tii wird auf sie achtgeben." Ein kurzen Augenblick lang war der Blick der Fürstin freundlich. Der Katzendämon ließ sich vor dem Bett nieder.
Die Fürstin legte Ka die Hand auf den Arm und verließ mit ihr das Zimmer.
Das Geisterlicht erlosch. Sie schloss die Tür.

Im großen Raum wies sie Ka einen Platz neben Kolja, Blixa und Lisa zu. "Setz dich dorthin." Ihre Stimme duldete keinen Widerspruch. Auf einmal wirkte sie wieder kalt und unnahbar. Ka hatte den Eindruck, dass es noch kühler im Raum wurde. Die Fürstin sah sie der Reihe nach an, keine traute sich, etwas zu sagen. Nur ihre Atemgeräusche waren zu hören.

Miriam saß in sich zusammengesunken auf dem Stuhl an der Tür. Sie starrte ins Leere.
Tine saß abseits und hatte die Arme um sich geschlungen. Sie zitterte am ganzen Körper. Auch ihr Blick war leer. Sie schien nichts zu begreifen, Durst und Schwäche hatten sie vollkommen überwältigt.
Lisa schaute besorgt zu ihrer Schwester. Doch die kalten Augen der Fürstin und die Reaktion ihrer Schwester, als Lisa ihr in der Halle helfen wollte, hielten sie davon ab, zu ihr zu gehen.
Blixa wirkte auf einmal klein und unsicher. Die Fürstin schien ihr mehr Furcht einzuflößen, als die Vampire der Zentrale.
Und selbst Kolja schien seine Urgroßmutter nun zu fürchten.

Ka wollte gerade gegen die Behandlung von Miriam und Tine protestieren, als die Fürstin auch sie mit eisigem Blick zum Schweigen brachte. Sie war wieder die übermächtige Vampirin.

Die Fürstin stand nun direkt vor Tine und fixierte sie mit ihrem Blick. Sie hielt sie mit ihren Kräften im Stuhl fest. Ka konnte die Angst in Tines Augen sehen. Kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn. Die Fürstin zwang Tine, sich im Stuhl aufzurichten und sie anzusehen. Eiseskälte breitete sich im Raum aus. Ka schnürte sich bei Tines Anblick die Kehle zusammen. Sie wollte etwas tun. Nur was?
Die schwarzen Schatten schienen mit langen Fingern nach ihr zu greifen. Ka bemerkte, dass Lisa aufspringen wollte, um Tine zu helfen, doch die Fürstin verhinderte das. Ka spürte die Lähmung. Miriam richtete sich ebenfalls kurz auf und wollte Tine helfen, doch mit einer Handbewegung fror die Fürstin auch sie regelrecht ein.

Dann wandte sie sich Tine zu: "Du willst also Vampirin werden?" Tine zitterte. Die Fürstin wiederholte ihre Frage mit kaltem Blick. "Willst du Vampirin werden?"
Tine nickte. "Ja."
Die Fürstin verstärkte ihren Zugriff. "Und du hast das selbst so entschieden?" Tine bereitete der unerbittliche Zugriff der Fürstin offensichtlich Schmerzen, sie zog die Knie an und stieß den Atem stoßweise durch die Nase aus. Ka spürte wieder das Bedürfnis einzugreifen, aber sie konnte keinen Finger rühren. Die Fürstin wiederholte auch ihre zweite Frage. "Hast du das selbst entschieden?"
Tine schluckte. "Ja."
Die Schmerzen, die Tine erlitt, nahmen zu. Ka bemerkte das, konnte aber nichts tun. Tine hatte Schwierigkeiten, klar und deutlich zu sprechen. Ihre Stimme gehorchte ihr nicht, ihr bleiches Gesicht zuckte. Sie hatte ihre Arme um die Knie verkrampft. Ka roch Angstschweiß. Der Geruch vermischte sich mit dem feucht-erdigen Geruch der bleichen Blumen.
Die Fürstin ignorierte Tines Schmerzen. Sie näherte sich Tine noch weiter. Ka hatte den Eindruck, dass sich die schwarzen Vorhänge bewegten. Im Zimmer wurde es noch dunkler und kälter. Sie fröstelte. Die Fürstin sah Tine direkt in die Augen: "Du bist alleine verantwortlich und Miriam hat dich nicht überredet?"
Tine nickte und brach weinend zusammen: "Ich bin schuld."
Sie saß bleich und in sich zusammengesunken auf dem Stuhl.

Ka zitterte vor Wut. Was bildete sich diese Vampirfürstin eigentlich ein? Sie spannte ihre Muskeln an, um sich vom telekinetischen Bann zu befreien. Ihre Blicke durchbohrten die Fürstin, die das amüsiert betrachtete. Auch Miriam krümmte sich bei dem Versuch, die Kräfte der Fürstin zu überwinden. Doch mit einem Mal änderte sich das Verhalten der Fürstin. Sie waren frei.
Der Blick der Fürstin wurde freundlich, sie ging zu Tine und nahm sie in den Arm. "Es ist gut. Ich musste nur mit Sicherheit wissen, dass es ganz allein deine Entscheidung war. Sonst hätte ich Miriam nicht helfen dürfen. Du musst keine Angst haben. Ich werde euch beiden helfen. Aber zuerst brauchst du Hilfe."
Ka spürte, wie die Kälte im Zimmer nachließ, aber immer noch schienen die Schatten nach ihnen zu greifen.

Ohne weiter zu überlegen, lief Lisa zu Tine. Ka stand auf und half Miriam, die zitterte. Die Fürstin brachte Tine mit Lisas Hilfe in ein zweites Nachbarzimmer, das sich hinter der kleinen Tür neben Miriams Platz befand. Eines der beiden verbliebenen Geisterlichter folgte ihr. Ka sah zwei Liegen.
Als die Fürstin mit Tine und Lisa an ihnen vorbeiging, wandte sie sich an Miriam: "Komm bitte auch mit."
Miriam zögerte. Sie blickte die Fürstin angsterfüllt an. Die Fürstin legte ihr die Hand auf die Schulter. "Ich musste das tun, um sicherzugehen, dass du Tine nicht benutzt hast."

Ka stützte Miriam. Zusammen folgten sie der Fürstin, Tine und Lisa in das Zimmer. Auch hier roch es nach feuchter Erde. Auf einem kleinen Tischchen sah sie eine Schale mit blassen Blüten. Außerdem standen dort zwei Gläser, eine Flasche Blutoka, eine Karaffe mit Blut und ein großes, bauchiges Glas, ebenfalls mit dunklem Blut gefüllt. Daneben bemerkte sie einige kleinere dunkle Flaschen. Der Duft nach feuchter Erde vermischte sich mit dem nach Rote Bete.
Ohne zu fragen ergriff Tine das bauchige Glas und trank es in raschen Zügen leer. Lisa wirkte leicht unsicher, als sie ihre Schwester das Blut trinken sah. Sie schluckte, doch sie wich nicht von ihrer Seite. Die Fürstin legte Tine die Hand auf den Arm. "Trink langsam. Zu schnell zu trinken ist ungesund."
Tine betrachtete bestürzt das leere Glas. "Entschuldigung, ich wollte nicht, ich dachte ..."
Die Fürstin beruhigte sie: "Alles ist gut."

Ka bemerkte mit einem Mal, dass auch Miriam kurz vor dem Zusammenbruch stand, und sah die Fürstin böse an. Die schüttelte nur den Kopf und reichte auch Miriam ein Glas Blut, in das sie einige Tropfen Flüssigkeit aus einer der kleinen Flaschen mischte. "Du musst lernen, besser auf dich selbst zu achten. Du hast Tine viel zu viel von deinem eigenen Blut übertragen. Das war zwar gut gemeint ..." sie brach ab und seufzte. "Trink das."
Dann wandte sie sich wieder zu Tine um. Mit Lisas Hilfe bettete sie sie auf eine der Liegen und flößte ihr eine dunkle Flüssigkeit aus einer anderen Flasche ein. "Das wird dir helfen, es erleichtert den Übergang. Du wirst dich bald besser fühlen. Ruh dich einfach aus. Und wenn du Durst hast, trink Blut, aber nicht so hastig."
Dann wandte sie sich an Ka: "Miriam sollte sich auch hinlegen. Und schau mich nicht so böse an."
Die Fürstin deutete auf die zweite Liege im Zimmer. Ka schluckte und schaute zu Boden. Miriam blickte die Fürstin an: "Danke."
Sie legte sich auch hin. Schwere, dunkle Vorhänge beruhigten die Augen. Und auch hier schien irgendwoher frische Luft zu strömen.
Die Fürstin löschte das Geisterlicht. Sie gingen zurück in das große Zimmer. Die Fürstin schloss die Tür. Sie wies Ka und Lisa an, sich wieder zu den anderen zu setzen.

Nun saßen Ka, Blixa, Kolja und Lisa alleine mit der Fürstin im Zimmer.
Auf einmal schnippte die Fürstin mit dem Finger. Das letzte Geisterlicht erlosch. Nichts, Ka sah nichts. Was kam nun?
Da zog die Fürstin die schweren Vorhänge zur Seite. Das Zimmer füllte sich mit dem sanften ersten Licht des frühen Morgens. Ka hatte die Zeit völlig vergessen und Lisa, Blixa und Kolja war es nicht anders ergangen. Erstaunt blickten sie in das Licht. Draußen war der Himmel klar. Die Fürstin öffnete einen Fensterflügel, frische Morgenluft strömte herein. Vogelgezwitscher war zu hören. Ka brauchte einen Moment, um ihre Augen an die Helligkeit zu gewöhnen.
Nach dieser Nacht erschienen ihr die frische Luft und der klare Himmel fast unwirklich. Einen Moment lang fragte sie sich, ob sie träumte. Nein, sie träumte nicht.
Lisa seufzte. "Ich dachte, die Nacht würde nie aufhören." Blixa und Kolja rückten mit ihren Stühlen in eine schattige Ecke des Zimmers.

Es musste nach 5.00 Uhr sein. Lange konnten sie nicht mehr bleiben, ohne dass es Lisas Vater auffallen würde. Doch Lisa hatte gesagt, dass er nicht vor 8.00 Uhr aufstand.

Im fast taghellen Licht sah das Zimmer auf einmal gar nicht mehr unheimlich aus. Alle dunklen Schatten waren verschwunden. Sie sah nun, dass die in den Tisch geschnitzten Spinnen und Fledermäuse nicht kämpften, sondern Tanzfiguren vollführten. Das sah lustig aus und auch die alten Waffen an den weißen Wänden hatten ihren Schrecken verloren. Die Fratzen auf dem Teppich erinnerten in diesem Licht eher an getuschte Strichzeichnungen, obwohl sie immer noch bedrohlich wirkten.
Die Fürstin klatschte in die Hände. Zwei durchscheinende Gespenster, die schon zu verblassen schienen, brachten Getränke, Becher und Gläser. Das mussten die Dienstgeister sein, von denen Kolja gesprochen hatte. Sie ließen ab und zu ein dumpfes Heulen erklingen: "Huuh. Huuh." Und sie rochen nach Flieder, fand Ka.
Sie betrachtete die Geister fasziniert. Als alles auf dem Tisch stand, lösten sie sich einfach in Luft auf.

Saft, Wasser, Blutoka, Cola und dampfender Kakao standen nun vor ihnen und vor der Fürstin eine alte Flasche mit dunkelroter Flüssigkeit, Blut. Wieder roch Ka Rote Bete. Der Geruch stieg ihr in die Nase, sie merkte, dass auch sie durstig war. Sie hielt sich an Saft mit Wasser. Die Fürstin schenkte sich Blut aus der alten bauchigen Flasche in ein großes Weinglas und hob ihr Glas. "Auf die Zukunft von BUNG!"
Lisa staunte sie an. "Woher wissen Sie von BUNG?"
Die Fürstin lächelte. "Ich habe meine Quellen."
Kolja verschluckte sich fast an seinem Glas Blutoka. "Ich habe nichts erzählt."
Der Saft schmeckte Ka hervorragend, obwohl sie nicht wusste, von welcher Frucht er stammte.
Lisa sah die Fürstin an. "Was passiert jetzt mit Tine und Miriam?"
Die Fürstin blickte sie an: "Du musst dir keine Sorgen machen, aber ich würde das gerne mit den beiden zusammen besprechen. Trink in Ruhe deinen Kakao. Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Ihr müsst bald zurück."
Aber auch Ka musste die ganze Zeit an Sara denken. "Und was ist mit Sara?"
Die Fürstin sah sie beruhigend an. "Sie wird wieder gesund. Die Nacht über muss sie aber hier bleiben und braucht Ruhe. Ihr könnt sie heute Nachmittag besuchen."
Ka nickte. "Das mache ich." Blixa und Lisa stimmten zu: "Wir kommen auch."
Die Fürstin sah zu Ka. "Ich brauche noch die Telefonnummer von Saras Großmutter. Kolja hat erzählt, dass sie bei ihrer Großmutter lebt. Ich denke, ich werde ein längeres Gespräch mit ihr führen müssen."
Ka schrieb die Telefonnummer auf. "Wieso helfen Sie Sara?"
Die Fürstin schwieg einen Moment bevor sie antwortete: "Das ist eine lange Geschichte und ich denke, Sara hat ebenfalls ein Recht, sie zu hören. Also muss ich auch dich auf heute Nachmittag vertrösten."

Die Fürstin ließ sich nun die Ereignisse der Nacht schildern. Nach einer Weile war alles erzählt. Blixa sah sie an: "Werden die Vampiraufsicht und die Zentrale uns nicht wieder angreifen?"
Die Fürstin schüttelte den Kopf. "Nein, der Einfluss von Koljas Eltern und mir reicht aus, um das zu regeln. Da Tine es wollte, ist das kein Vampirismus. Ich halte diese Vorschriften sowieso für zu bürokratisch. Früher gab es solche formalen Regeln nicht." Die Fürstin schien einen Moment in die weite Ferne vergangener Zeiten zu schauen. "Außerdem hätten die Agentin und der Agent der Zentrale Sara auf keinen Fall so schwer verletzen dürfen. Es gibt eine Vereinbarung zwischen Werwesen und Vampiren. Eine unerfahrene, noch nicht ausgewachsene Werkatze in solch einer Situation schwer zu verletzen, ist ein sehr ernster Verstoß.
Und Vampire der Zentrale dürfen Menschen nur im Notfall angreifen und Kinder sowieso nicht. Ihr habt nichts zu befürchten. Nur ein Problem gibt es da noch." Die Fürstin fixierte Blixa, die blau anlief. "Ich trinke kein Blut."
Die Fürstin lachte. "Das ist nicht das Problem. Tatsächlich gibt es vegetarische Vampire, solange es Vampire gibt. Insbesondere in Asien ist der Anteil vegetarischer Vampire sehr groß. Buddhistische Vampire leben fast alle vegetarisch. Ich kann das zwar nicht nachvollziehen, weil ich schon das Kunstblut von heute widerlich finde und lieber echtes Blut trinke," die Fürstin nahm einen großen Schluck aus ihrem Glas, "aber solange ich mich nicht so ernähren muss, empfinde ich Antivegetarismus als dummes Vorurteil. Die Aktionen der Schulleitung waren, zumindest was das angeht, überzogen und illegal."

Die Fürstin sah Blixa an. "Leider sind Vampire heutzutage hier in diesem Land intoleranter und halten vegetarische Vampire für ein Problem. Das ist", und bei diesem Satz sah die Fürstin Blixa in die Augen, "aber kein Grund, die Schule zu schwänzen und wegzulaufen." Blixa wollte widersprechen, doch die Fürstin fuhr fort. "Ich denke, ich habe auch dafür eine Lösung gefunden. Ich habe mit Koljas Vater gesprochen. Ich halte es nicht für gut, dass Kolja Privatunterricht bekommt. Kolja sollte auf eine normale Schule gehen. Also werden wir euch beide auf dieselbe Schule schicken." Nun wollte auch Kolja widersprechen, doch die Fürstin fuhr ungerührt fort: "Ihr werdet dieselbe Schule wie Sara und Katrin besuchen. Zukünftig wird es wichtig sein, dass es Menschen und Vampire gibt, die gelernt haben, ihre Lebensweise gegenseitig zu verstehen. Das ist ein Anfang. Erfahren darf das aber niemand. An der Schule wird nur der stellvertretende Direktor Bescheid wissen. Ich denke, Sara und Katrin werden euch helfen, es vor den anderen Lehrerinnen und Lehrern und den Mitschülern geheim zu halten.
Und Kolja macht ja sowieso am liebsten den Tag zur Nacht."

Kolja und Blixa schwiegen. Sie überlegten, wie eine Menschenschule wohl aussah. Fragend schauten sie Ka an. Ka war begeistert: "Das wird toll! Sara wird es sicher auch toll finden." Und an Blixa gewandt ergänzte sie: "In unserer Schule haben wir viele Vegetarierinnen."
Lisa war zwar etwas eifersüchtig, weil sie dann als Einzige auf eine andere Schule ging, aber sie dachte auch, dass es für BUNG gut wäre.
Alle dachten an die Zukunft.

Die Fürstin holte ein uraltes Buch mit Reproduktionen alter Ölgemälde hervor. "Koljas Urgroßonkel hat übrigens vor 1000 Jahren die Vegetarische Vampirweltliga mitgegründet."
Sie reichte Blixa das aufgeschlagene Buch mit dem Bild eines strenggekleideten Vampirs mit hell leuchtenden Vampirzähnen und einem saftigen Apfel.
Lisa, die neben Blixa saß, erkannte das dunkle Gemälde wieder, welches ihr beim Betrachten der Ahnengalerie aufgefallen war, als sie das erste Mal hier im Schloss gewesen waren. Jetzt sah sie, dass das verschrumpelte Obst, welches im Dunkel neben dem Vampir in einer Schale abgebildet war, eindeutig Bissspuren von Vampirzähnen aufwies.
Blixa staunte. "Das Obst sieht aus, als wäre es ausgesaugt worden und in der Hand hält er einen frischen Apfel, als wollte er hineinbeißen."
Kolja war das nie aufgefallen und auch Lisa hatte den Sinn des Gemäldes bei ihrem ersten Besuch nicht begriffen, obwohl es ihr aufgefallen war. Ka überlegte. Auf diese Weise erklärte sich auch die Buddhafigur im Hintergrund. Koljas Urgroßonkel war vermutlich Buddhist.
Sie betrachteten mit Interesse weitere Details des Bildes. Blixa stieß sie an. "Wie der guckt!"

Die Fürstin unterbrach sie. Mit ernstem Blick stand sie unvermittelt auf und trat hinter Kolja. "Eine Sache müssen wir trotzdem noch klären." Ihre Stimme klang nun erneut dunkel und kühl: "Kolja, du weißt was es heißt, das Armband zu verlieren?"
Kolja fühlte sich auf einmal ganz klein und ihm fiel keine Antwort ein, außer, dass er Schuld hatte. Was sollte er sagen? Doch Lisa fuhr an seiner Stelle wütend hoch. "Er hat es nicht verloren, er hat es weggeworfen."
Die Fürstin sah Lisa belustigt an. "Ah, das ändert natürlich alles."
"Er hat es nur getan, um Sara zu helfen." Lisa stolperte beinahe über ihre eigenen Worte.
Die Fürstin sah Lisa halb lachend, halb ernst an. "Du hast Recht, Lisa. Und auf diese Weise hat der Schmuck vermutlich zum ersten Mal einen sinnvollen Zweck erfüllt." Sie sah Kolja eindringlich an. "Trotzdem, bevor du das nächste Mal Teile des Familiensilbers versenkst, frag mich bitte vorher um Hilfe, ja?"
Kolja nickte beschämt und umarmte seine Urgroßmutter. Sie beruhigte ihn. "Ich denke, einige unserer dressierten Wasserratten werden in der Lage sein, das Armband aus dem Kanal herauszuholen. Aber dann bleibt es hier im Schloss."

Lisa gähnte auf einmal. Blixa war kurz vor dem Einschlafen. Auch Ka merkte auf einmal, wie müde sie war. Der Morgen begann bereits und sie hatten nicht geschlafen. Sie sah die Fürstin an: "Wir müssen zu Hause sein, bevor Lisas Vater aufsteht."
Die Fürstin nickte. "Und Tine wird euch begleiten." Sie ging zusammen mit Ka und Lisa in den kleinen Nebenraum und weckte Tine.
Tine war noch sehr geschwächt, aber es ging ihr deutlich besser. Sie hatte die Karaffe mit Blut ausgetrunken. Als Tine Lisas Blick auf der leeren Karaffe ruhen sah, lief sie leicht blau an. Die Fürstin half Tine auf. "Das ist normal nach einem Übergang. Du wirst auch die nächsten Tage noch starken Durst verspüren. Ich gebe dir ausreichend Blut mit", sie sah mit einem unergründlichen Blick zu Lisa, "obwohl das Blut deiner Schwester sicher auch gut schmecken würde. Und es würde ja in der Familie bleiben."
Lisa rückte etwas zur Seite. Die Fürstin lachte. "Keine Angst, das war nur ein Witz."

Ka sah Lisa an. "Auf jeden Fall muss Tine mitkommen. Was sollen wir sonst deinem Vater erzählen? Und wir müssen jetzt los, es ist schon fast 7.00 Uhr." Lisa nickte.
Die Fürstin sah Tine an: "Langfristig wirst du es nicht vermeiden können, deinen Eltern zu erklären, dass du nun eine Vampirin bist."
Tine zuckte zusammen. Die Fürstin nickte. "Das Problem klären wir heute nachmittag. Ich habe da schon eine Idee. Jetzt geh erst mal nach Hause."

Ka musste einen Dreiliterkanister Blut für Tine in ihrem Rucksack mitnehmen. Die Fürstin gab Tine außerdem die Flasche mit der dunklen Flüssigkeit. "Davon nimmst du dreimal am Tag einen kleinen Becher voll. Und du musst dich vor dem Sonnenlicht schützen. In den ersten Monaten nach dem Übergang sind Vampire besonders empfindlich. Trotzdem, komm bitte heute Nachmittag mit den anderen hier vorbei. Wir müssen einiges besprechen. Du bist Vampirin im Übergang und wirst bald wieder Hunger nach Blut haben. Der Kanister wird nicht lange reichen.
Ich denke, ich weiß eine Lösung, von der müssen wir dann aber noch deine Eltern überzeugen. Wir besprechen das alles dann."
Tine bedankte sich leise. Sie wirkte sehr nachdenklich. Die Fürstin verabschiedete sie.
Sara und Miriam ließen sie schlafen.

Erschöpft machten sie sich auf den Weg zur Villa. Lisa suchte die Nähe ihrer älteren Schwester. Draußen war es immer noch ein wenig feucht, aber es war ein klarer Frühsommermorgen. Ka hatte Tine ihr Kapuzenshirt geliehen, damit sie sich vor der Sonne schützen konnte und trug jetzt nur noch ein T-Shirt. Sie fror zwar ein bisschen, aber sie erreichten die Villa wie im Flug.
Ganz leise und vorsichtig schlichen sie sich nach oben und machten sich zum Schlafen fertig. Zum Glück schlief Lisas Vater noch tief und fest. Blixa und Kolja verschwanden wieder ganz in den Schlafsäcken, bzw. unter Decken, und schliefen sofort ein. Ka war auch todmüde. Tine legte sich unten in ihr Bett, sie vermisste Miriam, doch auch sie war so müde, dass sie schnell einschlief. Lisa dachte noch kurz, dass sie ihrem Vater irgendwie Saras Verschwinden würde erklären müssen, dann fiel ihr ein, dass Sara ja erst später gekommen war und ihr Vater sie gar nicht gesehen hatte. Ihr fielen die Augen zu.

Lisas Vater schaute um 10.00 Uhr kurz nach ihnen und stellte ihnen wieder Tabletts mit Essen und Trinken zum Frühstück hin. Alle schliefen so fest, dass er sich Mühe gab, niemanden aufzuwecken.
Als er bei Tine ins Zimmer schaute, schlug sie kurz die Augen auf. Es schien ihr sehr viel besser zu gehen, obwohl sie extrem bleich wirkte. Nur die Vorhänge sollten gschlossen bleiben, sie wollte noch weiter schlafen.
Er würde Tines Mutter beruhigen können.

Sie wachten erst um 12.30 Uhr auf und frühstückten zunächst einmal ausgiebig. Die Sonne schien durch die Dachluke und wärmte sie. Die Luft roch wie frisch gewaschen, ein leichter Wind ließ hin und wieder die Blätter der Bäume rauschen.
Für Lisa und Ka waren Unmengen an Brötchen, Eiern, Käse, Honig, Müsli und Marmelade da. Dazu hatte ihr Vater auf Lisas ausdrücklichen Wunsch hin auch noch Salat und gewaschenes Gemüse vorbereitet. Er hatte die Menge für fünf Kinder berechnet. Blixa hielt sich an das Gemüse. Tine, die auch vorbeischaute und sich in eine dunkle, kühle und schattige Ecke setzte, trank Blut aus dem Kanister, den Ka mitgebracht hatte. Ihr Durst war immer noch beeindruckend. Sie hat den Kanister bereits zu zwei Dritteln geleert. Kolja trank Blutoka.
Lisas Vater schaute kurz vorbei. Tine stellte den Kanister gerade noch rechtzeitig zur Seite. Ka dachte kurz daran, dass sie eine Lösung finden mussten, um das Blut gekühlt aufzubewahren. Dann bedankte sie sich zusammen mit Kolja und Blixa für das Frühstück. Lisas Vater wandte sich an Tine. "Dir geht es besser?" Tine nickte. "Ja." Er sah sie an. "Überanstrenge dich trotzdem nicht. Nur weil es dir besser geht, bist du noch nicht wieder gesund."
Tine lächelte. "Du musst dir keine Sorgen machen. Ich fühle mich gut." Bis auf die auffällige Blässe sah sie tatsächlich wieder gesund aus.

Sie dachten alle noch an die Geschehnisse der letzten Nacht. Ka wollte sobald wie möglich Sara besuchen. Sie machte sich immer noch Sorgen. Blixa und Kolja hatten aber immer wieder neue Fragen zur Schule und den Lehrerinnen und Lehrern.
Nach dem Frühstück brachten sie die Reste nach unten in die Küche und wuschen noch kurz das Geschirr ab, doch dann hielt sie nichts mehr.
Tine kam auch mit. Sie trug wieder einen Kapuzenpulli, diesmal aber aus ihrem eigenen Schrank. Sie musste sich hinausschleichen, weil ihr Vater ihr wohl kaum erlaubt hätte, das Haus zu verlassen. Schließlich war sie in seinen Augen bis gestern schwer krank gewesen. Er wusste ja nicht, dass es sich dabei um Beschwerden des Übergangs zur Vampirin gehandelt hatte. Und sie fühlte sich auch noch erschöpft. Trotzdem, sie musste die Fürstin und Miriam sprechen.

Als sie ins Schloss kamen, hörten sie bereits in der Eingangshalle im Nebenraum Besteck klimpern und andere Frühstücksgeräusche. Miriam und Sara saßen an dem großen Tisch und frühstückten. Durch die Fenster fiel das Tageslicht und frische Luft kam herein. Sara sah aber immer noch sehr blass aus und trug einen Verband.
Als sie die anderen erblickte, schaute sie unsicher zur Seite. Ka lief sofort zu ihr hin und umarmte sie. "Hallo, tut es noch weh? Fühlst du dich besser? Hast du noch Probleme?"
Sara schüttelte den Kopf. Sie wirkte unsicher. "Nein, ja. Äh, ich meine, solange ich es nicht berühre, ist alles gut." Dann blickte sie wieder auf ihre Fußspitzen. "Sicher verachtest du mich jetzt."
Ka sah sie erstaunt an. "Wieso?"
Ganz leise flüsterte Sara: "Weil ich dir nichts gesagt habe, und weil ich nicht normal bin, weil ich eine Werkatze bin."
Ka drückte sie so sehr, dass Sara einen leichten Schmerzensschrei ausstieß: "Au!"
Ka ließ sie los. "´Tschuldigung, aber du bist so doof. Du hast uns gerettet und außerdem will ich dich gar nicht anders haben." Ka spürte, wie ihr Herz einen Luftsprung machte. Sara ging es wieder besser!
Blixa setzte sich zu ihr an den Tisch. "Ich fand das total cool."
Lisa setzte sich auch. "Du bist wunderschön als Raubkatze."
Sara wurde ganz verlegen.
Kolja grinste. "Bild dir nur nichts darauf ein, eine Werkatze zu sein. Das ist nichts Besonderes. Vampire sind ja auch nichts Besonderes."
Sara lächelte, aber ihr schossen die Tränen in die Augen. "´Tschuldigung", sie schniefte, "ich war so lange immer wieder eingesperrt, viele Male. Und ich dachte, das müsste so sein." Sie weinte.
Miriam und Tine, die in einer Ecke miteinander geflüstert hatten, kamen nun auch. Miriam ging zu Sara. "Werkatzen können lernen, ihre Umwandlung selbst zu steuern. Das ist schwer, aber möglich. Du könntest dann selbst entscheiden, wann du dich verwandeln willst." Sara schaute sie ungläubig an. Miriam sah etwas verlegen an ihr vorbei. "Tut mir leid wegen gestern. Es war dumm, dass ich Angst vor dir hatte. Du hast uns gerettet, ich meine, die hatten mich schon. Ich habe mich noch gar nicht richtig bedankt. Du hast als Werkatze einer Vampirin geholfen."
"Ich habe dir und Tine geholfen, nicht irgendeiner Vampirin."
Einen Augenblick lang schwiegen alle.

Dann sah Ka ihre Freundin an. "Wo ist eigentlich Koljas Urgroßmutter?"
Sara wandte sich zu ihr um. "In ihrem Schlafzimmer. Wir sollen vorbeikommen und uns melden, wenn ihr da seid und wir fertig gegessen haben." Sie war immer noch etwas unsicher. Ka schnitt ihr eine Grimasse.
Kolja sah die anderen an. "Rutschtunnel oder Treppe?"
Sie waren immer noch etwas erschöpft von der Nacht und deswegen dafür, den Rutschtunnel zu nehmen. Nur Lisa dachte mit Unbehagen an die Möglichkeit, durch einen Riss ins Nichts zu fallen. Aber da alle den Rutschtunnel nutzen wollten, blieb ihr ebenfalls nichts anderes übrig.

Vorher lief Blixa noch kurz zur Ahnengalerie und sah sich das Original des Gemäldes an, dessen Reproduktion ihnen die Fürstin gestern gezeigt hatte. Auf dem Originalbild waren die Bissstellen der ausgesaugten Äpfel, Birnen und Weintrauben in der Obstschale viel besser zu erkennen als auf der Reproduktion. Koljas vegetarischer Urgroßonkel wirkte zwar sehr streng, war aber durch sonst nichts von den Vampiren auf den anderen Gemälden zu unterscheiden.
Ka erzählte unterdessen Sara, dass die Fürstin Kolja und Blixa auf ihre Schule schicken wollte. Auch Sara war hellauf begeistert.

Diesmal funktionierte der Rutschtunnel einwandfrei und sie gelangten von der Eingangshalle unmittelbar in die Nähe des Schlafzimmers von Koljas Urgroßmutter.
Die Fürstin hatte ihr Kommen schon bemerkt. Sie rief, dass sie hereinkommen sollten. Wieder lag sie in ihrem Bett, eine alte Frau. Doch auch diesmal ging ein kalter Hauch über sie hinweg, obwohl die Fürstin lächelte, als sie sie alle sah.
Wieder waren die schweren Vorhänge zugezogen und es roch auch diesmal nach Rote Bete. Die Fratzen der Schnitzereien am Bett der Fürstin schauten im halbdunklen Raum so düster auf sie herab wie beim ersten Mal.
Die Fürstin deutete auf einen Sessel und einige Stühle, die in ihrem großen Schlafzimmer standen. "Setzt euch."

Blixa setzte sich in den Sessel, Ka nahm einen Stuhl. Auch die anderen ließen sich nieder. Tine und Miriam saßen nebeneinander. Die Fürstin sog wieder etwas von ihrem Vampirtabak ein und nieste. Ka ließ sich diesmal nicht von der dunkel leuchtenden Wolke irritieren, die sich im Zimmer verbreitete. Sie dachte kurz an Koljas Bemerkung über den Vampirtabak.
Die Fürstin sah Tine und Miriam an: "Ich hatte gesagt, dass ich eine Lösung weiß. Das geht aber nur, wenn ihr beide mitmacht.
Miriam, du weißt, dass neue Vampire wie Christine häufig viele Gemeinheiten erdulden müssen. Leider haben viele geborene Vampire Vorurteile gegen Übergängerinnen.
Bist du bereit, sie zu schützen, auch dann, wenn ihr euch einmal streitet?"
Die Fürstin blickte Miriam wieder sehr kühl an. Miriam war durch den Blick verunsichert, doch sie nickte. "Tine kann sich auf mich verlassen."
"Gut, dann ist das Beste, wenn ihr beide euch auf einem der Vampircolleges in den USA anmeldet. Christine hat dann genug Zeit, alles zu lernen, was sie als Vampirin wissen muss. Und dir wird es auch gut tun."
Tine schaute skeptisch. "Ich weiß nicht, ob meine Eltern dem zustimmen."
Die Fürstin sah Tine prüfend ins Gesicht. "Du willst ihnen noch nicht sagen, dass du jetzt eine Vampirin bist?"
Tine schüttelte den Kopf, biss sich auf die Lippen und blickte zu Boden.
Die Fürstin trank einen Schluck dunkles Blut aus einem alten, grünlich schimmernden Glas, dann fuhr sie fort: "Dann ist das College eine gute Lösung. Euer Semester beginnt bereits in wenigen Wochen. Für die kurze Zeit wirst du es hier mit Lisas Hilfe geheim halten können. Danach hast du auf dem College erst einmal Ruhe und kannst überlegen, wann du es ihnen erzählst. Auf lange Sicht hin wirst du es ihnen sagen müssen. Bis dahin bist du auf dem College gut aufgehoben. Deine Eltern überzeugen wir schon noch.
Das College, an das ich gedacht habe, ist eine Schwesterinstitution der Columbia High. Ich habe eine befreundete Vampirin angerufen, eine eurer zukünftigen Professorinnen, die gerade als Gastdozentin an der Columbia High tätig ist. Sie wird deine Mutter anrufen und ihr mitteilen, dass du als Nachrückerin ein Vollstipendium an ihrem College erhältst."
Ka pfiff durch die Zähne und sah Tine an. "Die Columbia High ist eines der US-Elitecolleges. Deine Mutter wird vor Stolz fast zerfließen."
Tine nickte. "Sie wird sich auch Sorgen machen, aber vermutlich wird es klappen." Sie blickte unsicher zu Miriam. "Das geht so schnell. Ich habe Angst, alles falsch zu machen. Und du wirst mich sicher bald über haben."
"Vermutlich," Miriam lächelte und umarmte sie, sie wirkte auch unsicher, "und du mich. Ich bin da und ich werde da sein."
Lisa ging zu ihrer Schwester. "Dann werden wir uns nur noch selten sehen. Vor ein paar Wochen hätte ich das gar nicht bemerkt. Aber jetzt ..." Sie umarmte ihre Schwester. "Ich wünsche dir Glück." Sie schluckte. "Immerhin wolltest du doch Vampirin sein."
Tine nickte und doch hatte sie Tränen in den Augen. Miriam nahm Tine am Arm. "Lass uns ein bisschen durchs Schloss gehen."

Ka, Kolja, Blixa, Lisa und Sara blieben noch bei Koljas Urgroßmutter.
Sara sah die Fürstin an: "Wieso haben Sie mir geholfen? Die meisten Vampire betrachten Werkatzen doch als ihre Feinde."
Die Fürstin schwieg einen Augenblick lang. Auf Ka wirkte sie gleichzeitig traurig und glücklich. Saras Fragen schienen sie an etwas zu erinnern. Ka dachte schon, sie würde nicht antworten. Da blickte sie Sara an: "Damit du es verstehst, muss ich dir aus meiner eigenen Jugend erzählen. Das ist mehr als 1200 Jahre her. Dabei ist es gar nicht wichtig, wie viel Zeit seitdem vergangen ist. Kolja kennt, nehme ich an, Teile der Geschichte von seinem Vater." Sie blickte kurz zu Kolja hinüber, der seiner Urgroßmutter mit großen Augen lauschte.

"Zu der Zeit waren die Wälder noch richtige Urwälder. Unsere Burg befand sich in einem der größten und dunkelsten Wälder. Ich war eine junge Vampirin, etwa im Alter von Tine und Miriam. Ich hatte dauernd Streit mit meinen Eltern und hielt mich in fast keiner Beziehung an die üblichen Regeln. Ich lief allein durch den Wald und machte den Tag zur Nacht. In unserer Burg roch alles nach dem Rauch der Kamine und kaltem Stein. Im Wald fühlte ich mich frei, die frische Luft und die Weite dunkler Lichtungen ließen mich aufatmen. Ich liebte den Wald.
Nachts war ich übermüdet und schlief im Unterricht fast ein. Ich war intelligent, neugierig und, falls Dinge mich interessierten, war ich auch bei der Sache. Nur interessierten mich meistens nicht die Dinge, die mich nach Meinung meiner Eltern interessieren sollten." Die Fürstin lächelte. "Sie waren Vampire aus altem Adel. Und statt Standardtänze zu büffeln, befasste ich mich lieber mit dem Wissen über Nachtwesen und Menschen.
Außerdem nahm ich ein kleines, schwarzes Kätzchen auf. Ein verspieltes kleines Kätzchen. Das Kätzchen war aber gar keine Katze, sondern ein kleiner, noch nicht ausgewachsener Katzendämon. Ich behielt ihn trotzdem und nannte ihn Tii." Sie streichelte Tii, der zu ihr auf das Bett gesprungen war. Einen Augenblick lang schwieg sie erneut.

Dann blickte sie wieder zu Sara: "Meine Eltern fanden einen Dämon als Haustier unpassend. Mehrfach verbrannte Tii das Mittagessen. Weil er ein kleiner, verspielter Dämon war, setzte er einmal mein Zimmer in der Burg unter Wasser. Ich musste ihn daraufhin in einem der Keller halten, aber heimlich ließ ich ihn immer wieder in mein Zimmer.
Meine Mutter schüttelte nur den Kopf, wenn sie mich dabei erwischte, wie ich tagsüber aus dem Haus schlich oder andere Dinge tat, die ich nicht tun sollte. 'Such dir ein paar nette Vampirfreundinnen. Du kannst doch deine Zeit nicht nur mit Menschen und anderen Wesen verbringen!' seufzte sie dann."
Die Fürstin trank noch einen Schluck Blut, den sie sich aus einer Karaffe einschenkte.

Dann fuhr sie fort: "Ich verbrachte viel Zeit mit Tii im Wald. Ich liebte das Halbdunkel.
Eines Tages traf ich auf einer einsamen, schattigen Lichtung mitten im Wald eine junge Frau meines Alters. Am Tag zuvor hatte es geregnet, und die Luft im Wald lag kühl auf meiner Haut. Der Geruch nach feuchtem Laub hing noch über allem.
Die junge Frau kam mir wie ein Waldgeist vor. Ich hatte sie noch nie gesehen. Und im Wald traf man nicht so ohne weiteres Unbekannte. Das war undenkbar. Menschen liefen nicht einfach so durch das Dunkel des Waldes, das trauten sie sich nicht. Abseits der Wege gingen nur die, denen nichts anderes übrig blieb. Damals gab es im Wald Wölfe und riesige Bären. Ich überlegte kurz, ob sie wirklich ein Waldgeist war, aber dafür war sie zu real. Ich sprach sie überrascht an: 'Hallo, ich bin Iri.'
'Hallo.' Das Mädchen schien ihren Aufenthalt im Wald für selbstverständlich zu halten. Sie war kein bisschen unsicher, nur irgendwie zurückhaltend. Sie war nicht einmal eingeschüchtert als sie bemerkte, dass ich eine Vampirin war. Die meisten Menschen fürchteten sich, wenn sie alleine einer Vampirin begegneten. Sie schien davon unberührt zu sein, trotzdem wollte sie sich zurückziehen. 'Ich muss los, meine Tante wartet auf mich.'
Das war die dümmste Ausrede, die ich je gehört hatte. Und ich war nicht bereit, einfach aufzugeben. Sie wirkte interessant, geheimnisvoll. Ich wollte mehr von ihr wissen. 'Bleib noch ein bisschen. So viel Zeit wirst du doch haben? Du magst den Wald?' Sie nickte. Ich sprach einfach weiter. 'Die Mädchen bei uns auf der Burg sind alle langweilig und haben dauernd Angst hier im Wald. Du hast keine Angst, oder?'
Sie lachte, die Frage schien sie zu amüsieren. 'Nein.' Mit wenigen Griffen kletterte sie auf einen Baum am Rand der Lichtung und schaute mich von oben an. Als Vampirin, die bereits über Flugerfahrung verfügte, fiel es mir leicht, ihr zu folgen. Ich setzte mich neben die Unbekannte auf einen großen Ast.
Das Licht der Sonne brach sich in den Baumwipfeln. Der Wind flüsterte in den Ästen. Ich sog die kühle Waldluft ein und wandte mich ihr zu. Doch ich wusste nicht, was ich sagen sollte, alles kam mir trivial vor. Und irgendetwas an ihr irritierte mich. Ihr ging es scheinbar nicht anders. Wir schwiegen. Sie hatte schwarze glatte Haare, grüne Augen und war schlank. Um ihren Hals trug sie ein Medaillon, auf dem eine Katze abgebildet war." Sara berührte ihr eigenes Medaillon, als die Fürstin das Medaillon der jungen Frau erwähnte.

Die Fürstin fuhr unterdessen fort: "Wir lachten beide unsicher. Meine Neugier überwand meine Zurückhaltung. 'Wie heißt du?' Sie sah mich an. 'Tira.'
Einen Augenblick lang schwiegen wir. Ein Lichtstrahl fiel durch die Blätter, ein kühler Windhauch fuhr durch die Bäume. Auf einmal sprang sie mit wenigen geschickten Griffen vom Baum und lief auf die Wiese. Sie drehte sich zu mir um und rief: 'Wirf mir den Teller zu. Ich habe ihn in der Astgabel liegen lassen.'
Ich fand einen flachen Holzteller, ließ ihn durch die Luft wirbeln und sprang selbst vom Baum. Sie warf ihn zurück. Wir spielten und vergaßen die Zeit, irgendwann lagen wir völlig außer Atem nebeneinander im Gras. Die Feuchtigkeit störte uns nicht. Wolken zogen über den Himmel. Tira zeigte auf eine ungewöhnlich dumm aussehende Schäfchenwolke. 'Schau mal.' Wir mussten beide lachen.
Dann fiel ein Schatten auf uns. Ein Köhler auf der Suche nach Brennholz hatte uns gehört. Nun stand er hinter uns. Als er mich erkannte, grüßte er höflich, er war meinen Eltern verpflichtet. Doch als er Tira erblickte, sah ich Furcht in seinen Augen. Der Mann wandte sich abrupt ab und hatte es eilig, wieder im Wald zu verschwinden.
Auch Tira wirkte jetzt ernst. Sie sah mich, ihre neue Freundin an. 'Ich muss gehen.'
Ich hielt sie kurz auf. 'Sehen wir uns wieder?'
Tira nickte. 'Hier in zwei Tagen.'
Wieder machte die Fürstin eine Pause. Ka und die anderen hingen ihr an den Lippen.

Sie lächelte. "Ich befürchtete, sie nie wieder zu sehen. Ich war mir sicher, dass sie nicht zu unserer Verabredung kommen würde. Doch sie kam, und wir verstanden uns unglaublich gut.
Die nächsten Monate vergingen damit, dass wir den Wald durchstreiften. Wir erschreckten die Wölfe, schwammen in schwarzen Waldseen, erforschten dunkle Orte oder lagen einfach auf einer der Wiesen unter Bäumen und redeten. Wir liebten beide den kühlen Schatten, den Wind, die einsamen Lichtungen und den Geruch nach feuchtem Wald. Auf einmal war da jemand, der mich verstand, und Tira ging es genauso. Sie war erstaunlich furchtlos und wir streiften nun auch nachts durch den Wald.
Ich hatte zum ersten Mal eine wirkliche Freundin. Ich vertraute ihr und sie vertraute mir.
Nur manchmal erschien es mir, als wäre plötzlich eine Wand zwischen uns getreten. Dann war sie unnahbar. Tira verschwieg mir etwas, das wurde mir klar. An einigen Tagen hatte ich den Eindruck, sie wollte mir sagen, was sie bewegte, doch sie tat es nicht. Ich wusste inzwischen viel über meine Freundin, ihre Lieblingsplätze, ihre Art, Sätze nur halb zu beenden, aber dennoch hielt sie etwas geheim.
Ungefähr alle vier Wochen verschwand sie für zwei Tage. Ich machte mir Sorgen. 'Was ist? Kann ich dir irgendwie helfen? Hast du Schwierigkeiten?'
Doch sie schüttelte immer nur den Kopf, also vertraute ich ihr. Doch als es wieder einmal soweit war, sah sie mich unsicher an. 'Du möchtest wissen, was mit mir ist? Dann komm heute Nacht auf unsere Lichtung.' Sie meinte damit die Lichtung, auf der wir uns zuerst begegnet waren."
Die Fürstin trank noch einen Schluck Blut. Sara schaute sie mit großen Augen an und wartete. Auch Ka, Blixa und Kolja konnten es kaum erwarten, dass die Fürstin ihre Erzählung fortsetzte, obwohl sie alle längst wussten, dass Tira eine Werkatze war.

Die Fürstin sah sie an. "Ich wartete also in dieser Nacht auf Tira." Sie sah die gebannten Blicke von Sara, Ka, Blixa und Kolja. "Ihr habt sicher schon erkannt, dass Tira eine Werkatze war, so wie Sara. Unbewusst war mir das wohl auch klar. In dieser Nacht sah ich sie zum ersten Mal in ihrer Katzengestalt. Dies war ihr Geheimnis. Sie war wunderschön. Dies war ihr Geheimnis.
Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf: Werkatzen und Vampire waren Erzfeinde, meine Eltern würden diese Freundschaft niemals akzeptieren, ich war unpassend gekleidet. Ich war verwirrt und mir kamen alle möglichen seltsamen Gedanken.
Die Waldluft war feucht und kühl. Tira roch nach nasser Katze, doch das störte mich nicht." Ka lächelte, als sie das hörte. Die Fürstin fuhr fort. "Die große schwarze Katze kam zu mir. Sie war schlank und hatte Tiras Augen. Und irgendwie war auf einmal alles nicht mehr wichtig. Ich schlang meine Arme um Tiras Hals.
Die Katze stupste mich an. Sie stieß mich um. Ich sah sie an 'Ey, was soll das?' Ich schubste zurück. Kurz darauf liefen wir gemeinsam im Schwarz der Nacht durch den Wald. Die Waldluft füllte meine Lungen. Wir verfolgten uns zum Spaß gegenseitig. Irgendwann blieben wir beide erschöpft auf dem weichen Waldboden im Dunkel an einem Bach liegen. Das leise Plätschern des Wassers mischte sich mit unserem Lachen. Ich spürte kühl das dunkle moosige Gras auf meiner Haut. Ab und zu raschelte etwas im Gebüsch.
Wir schliefen ein. Die Sonne ging auf und der Mond unter. Und Tira wurde wieder zu der jungen Frau, die ich kannte. Als ich im taufeuchten Gras aufwachte, lag sie neben mir. Ich umarmte sie schüchtern. 'Morgen.'
'Hallo.'
Beide waren wir befangen, doch dann stieß Tira mich ins nasse Gras und kurz darauf jagten wir uns in den ersten Sonnenstrahlen des Morgens, die den Nebel lichteten, über die Wiese. Der Morgenwind kühlte uns mit frischer Luft und verscheuchte die letzten Dunstschleier.
Wir verbrachten ein Jahr lang viel Zeit miteinander. Einfach war das nicht immer, Tira konnte unerträglich und abweisend sein. Wir haben uns auch oft gestritten und dabei hatten wir niemanden außer uns." Die Fürstin überlegte kurz und streichelte dann den Katzendämon. "Außer natürlich Tii, er ist Tira gleich bei der ersten Begegnung auf den Schoß gesprungen. Das hat er sonst nie gemacht." Die Fürstin hatte den Blick in die Ferne gerichtet und schwieg. Ka sah wieder die Mischung aus Lachen und Trauer in ihrem Gesicht. Sara schluckte. Sie nahm all ihren Mut zusammen, um die Fürstin zu fragen: "Was ist passiert?"

Die Fürstin zögerte, sie blickte Sara ernst an. "Damals haben sich Vampire und Werkatzen bekämpft. Wir mussten unsere Freundschaft vor unseren Eltern geheim halten. Und doch erfuhren sie es irgendwie. Sie verboten, dass wir uns weiterhin sahen. Und doch trafen wir uns.
Dann wurde aus der latenten Feindschaft zwischen Werkatzen und Vampiren ein Krieg, der auch unsere Gegend erreichte. Mein Onkel leitete die Aktionen auf Seiten der Vampire. So erfuhr ich, dass ein gemeinsamer Angriff von Vampiren und Werwölfen auf die Werkatzen geplant war. Ich verriet Tira den Plan." Die Fürstin machte eine kurze Pause. Ihr Gesicht wirkte wie versteinert. "Wäre es zum Angriff gekommen, hätte das ein unglaubliches Blutvergießen bedeutet. Doch ich habe die Vampire nicht deshalb verraten. Der einzige Grund war Tira. Ich wollte sie schützen.
Der Angriff fand nicht statt und Werkatzen und Vampire schlossen einen Friedensvertrag, der bis heute gilt. Doch ich sah Tira nie wieder. Ich wurde als Verräterin gefangengenommen. Tira durfte mir nicht helfen. Der Vertrag sah vor, dass Vampire allein über Vampirangelegenheiten entschieden. Werkatzen durften sich nicht einmischen.
Also verurteilten sie mich zu 600 Jahren Schlaf."
Die Fürstin schwieg. Ka dachte schon, dass sie nicht weiterreden würde.

Doch dann schüttelte die Fürstin ihre Gedanken ab. Sie blickte auf. "Als ich wieder erwachte, lebte niemand mehr, den ich kannte.
Tira und ihre Zeit waren lange vergangen. Werkatzen werden nicht älter als Menschen.
Ich war während der Zeit meines Schlafes zur furchterregenden Legende geworden. Die meisten hatten Angst vor mir." Sie schüttelte sich und lachte dann. "Nur ein kleiner schwarzer Kater war mir geblieben." Sie kraulte wieder Tii. "Dämonen leben unendlich lange."
Eine Augenblick lang sagte keine etwas, vor allem Sara schien in Gedanken versunken zu sein.

Die Fürstin unterbrach nach einer Weile das Schweigen. "Kolja, ziehst du bitte den Vorhang an der Wand zur Seite?"
Gegenüber vom Bett verdeckte ein schwerer Vorhang einen Teil der Wand. Als Kolja ihn zur Seite zog, wurde dahinter ein großes Gemälde sichtbar. Eine wunderschöne dunkelhaarige Frau in einem eindrucksvollen Kleid war dort abgebildet. Zu ihren Füßen lag eine schwarze Raubkatze.
Irgendwie hatte die Malerin es geschafft, dass sich Raubkatze und Frau ähnlich sahen. Um den Hals der Frau hing das Medaillon mit dem Abbild einer Katze. Die Frau wirkte aus irgendeinem Grund außergewöhnlich. Fasziniert betrachtete Ka den leichten, schwarzen Haarflaum auf ihren Beinen. Sie hatte das ansatzweise auch bei Sara bemerkt und musste lächeln.
Die Fürstin seufzte. "Dieses Bild und meine Erinnerung sind alles, was mir von Tira geblieben ist. Sie hat es für mich malen lassen."
Sara stand vor dem Bild und schluckte. Sie wandte sich an die Fürstin. "Das tut mir leid."
Die Fürstin schaute lange schweigend auf das Bild, dann lächelte sie Sara an. "Das muss es nicht. Ich möchte keine Sekunde missen. Werkatzen sind übrigens für ihre Schönheit bekannt."
Sara wurde rot. Sie ging zur Fürstin und reichte ihr die Hand. "Danke für alles."
Die Fürstin untersuchte noch einmal den Verband an Saras Wunde. Dann verabschiedete sie sie. "Für heute muss das reichen." Still betrachtete die Fürstin das Bild als Ka, Sara, Blixa und Kolja den Raum verließen.

Ka fielen noch einige Fragen zu Werkatzen ein. Sie stieß Sara an. "Wie ist das eigentlich, ist deine Großmutter auch eine Werkatze?"
Sara prustete los. "Pffft, nein! Ich glaube, sie würde sich dann irgendwo in einen Keller einschließen. In Familien, wo die Werkatzeneigenschaft vererbt wird, tritt sie in der Regel nur im Abstand mehrerer Jahrhunderte auf. Die letzte Werkatze in unserer Familie war mein Ururgroßonkel."
Lisa wurde nun auch neugierig. "Und was passiert, wenn ich von einer Werkatze verletzt werde?"
"Normalerweise gar nichts. Manche Menschen besitzen aber die Werkatzeneigenschaft, ohne es zu wissen. Sie kommt nicht unbedingt zum Ausbruch, ist aber da. Die Verletzung durch eine andere Werkatze, auch wenn es nur ein Kratzer ist, kann dann der Auslöser dafür sein, dass die Eigenschaft bei ihnen wirksam wird. Sie waren zwar schon immer Werkatze, für sie erscheint es dann aber wie eine Folge ihrer Verletzung. Bei Spätentwicklern führt dies manchmal zu Überraschungen.
Ich bin seit meiner Kindheit Werkatze." Sara zuckte mit den Schultern. "Aber als Kind verwandelst du dich nicht, frühestens mit zehn oder elf Jahren."
Lisa schaute Sara mit großen Augen an. "Dann bin ich ja vielleicht auch eine Werkatze!"
Sara lächelte. "Das ist unwahrscheinlich, in den meisten Familien bleibt das Wissen erhalten. Gibt es in eurer Familie Geschichten über Werkatzen?"
"Nein." Lisa ließ den Kopf hängen, sie schien das fast zu bedauern.

Sie verabschiedeten sich nun auch voneinander. Kolja blieb zu Hause. Seine Eltern kamen in dieser Nacht.
Miriam musste am Abend zur Vampiraufsicht. Sie wollte sich darauf vorbereiten. Die Fürstin versprach ihr, sie zu begleiten. "Du hast nichts zu befürchten. Mach dich nur auf eine lange Strafpredigt gefasst."
Tine bot ihr an mitzukommen, doch Miriam schüttelte den Kopf. "Nicht nötig, ruh dich lieber aus. Es reicht, wenn ich mir das anhören muss."
"Dann lege ich mich zu Hause noch mal hin." Die Anstrengungen der Nacht waren Tine nach wie vor anzusehen. Und sie musste sich erst langsam an ihre neuen Vampirsinne und -gefühle gewöhnen.
Blixa war ebenfalls halb am Einschlafen. Tagsüber wach zu sein war sie nicht gewohnt. Sie wollte sich auch noch mal in Lisas Keller Schlafen legen.
Zusammen mit Lisa gingen Tine und Blixa zurück zur Villa. Die Fürstin hatte für Tine noch zwei Kanister Blut und ein Sonnenschutzmittel für lichtempfindliche Vampire bereitgestellt, die sie mitnahmen.

Ka wandte sich an Sara: "Kann ich dich nach Hause begleiten?"
"Klar, wenn du Lust hast." Sara berührte Ka am Arm. "Danke."
Sie wussten beide nicht, wie Saras Großmutter reagieren würde. Doch als sie bei Sara ankamen, sagte die alte Frau gar nichts. Sie blickte Ka nur skeptisch an und wandte sich dann schweigend ab. Ka nahm Sara noch kurz zum Abschied in die Arme. "Lass dich nicht einschüchtern. Du bist im Recht. Und die Fürstin hat ihr klar gesagt, dass sie dich nicht einsperren darf."
Sara seufzte. "Sie ist nicht immer so. Und ich habe nur sie. Sie ist meine Großmutter."
"Das verstehe ich. Aber du kannst immer zu mir kommen." Ka schluckte kurz. "Und beim nächsten Vollmond verbringe ich die Nacht mit dir zusammen." Sie fühlte Saras Furcht und blickte ihr in die Augen. "Ich vertraue dir."

Die nächsten Tage waren sie alle zu erschöpft, um viel zu unternehmen.

Dienstag nach der Schule traf Ka sich mit Sara und Lisa auf dem Dachboden. Draußen regnete es. Der Himmel war schwer und wolkenverhangen. Sara schaute nachdenklich durch die Luke. "Was der Schnabeldrache jetzt wohl macht?"
Ka zuckte mit den Schultern. "Der hat sich sicher längst ein trockenes Plätzchen eingerichtet. Wir müssen unbedingt mal vorbeischauen. Ich möchte auch wissen, ob es den Vampirsellerie und den Vampirgurken gut geht."
Die Regentropfen auf dem Dach hatten etwas Beruhigendes und die Luft war angenehm frisch. Sie verabredeten sich für den nächsten Tag, um zum alten Hafen zu fahren.

Als Ka am Mittwoch mit ihrem Fahrrad zu Lisa herüberkam, war Sara schon da. Auch sie hatte ihr Rad dabei. "Hallo."
"Hallo."
Lisa befestigte gerade eine Tasche auf ihrem Fahrrad. Sie strahlte Ka und Sara an: "Ich habe noch Gemüse für die Kleinen eingepackt, frisch und saftig." Alles war bereit für ihre Radtour.

Sie hatten Glück, dass Wetter war wieder besser. Am Himmel zogen weiße Wolken dahin. Die Sonne wärmte sie, nur im Wind war es kühl. Sie brauchten nicht lange zum alten Hafen.
Sie suchten in der Nähe des Flussufers nach den Kleinen. Ka versuchte, die Vampirsellerie und -gurken mit einer besonders saftigen Gurke anzulocken. Sie brauchten viel Geduld. Auf einmal wies Lisa in das Dunkel eines Busches. "Schau mal."
Einige kleine Vampirgurken schnüffelten vorsichtig im Schatten. Ka schob ihnen die Gurke unter den Busch. Die Vampirgurken zogen das Gemüse mühsam weiter ins Dunkel. Ka stieß Lisa an. "Da sind noch mehr Vampirgurken und auch Vampirsellerie" Sie schob weiteres Gemüse unter den Busch. Die Kleinen schauten nur kurz aus Erdlöchern heraus, um das Gemüse hineinzuziehen. Sie roch den leicht fauligen Geruch der Vampirwesen.
Auch Sara und Lisa fütterten nun die Vampirgurken und -sellerie. Einige vorwitzige Vampirgurken und zwei kleine Vampirsellerie wagten sich im Schatten bis zur Tasche mit dem Gemüse. Ka streichelte sie. Die Kleinen trillerten leise. Sie sah beruhigt zu Lisa und Sara. "Ich glaube, es geht ihnen gut." Lisa nickte, sie fütterte die Kleinen mit Begeisterung.
Nur Sara blieb unruhig. "Ja, aber was ist mit dem Schnabeldrachen?"

Der Schnabeldrache war nirgends zu finden. Sara blickte traurig suchend über das Brachgelände. Sie biss sich auf die Lippen. "Wir hätten viel eher nach ihm sehen müssen." Nun ließ auch Lisa den Kopf hängen. "Vielleicht ist ihm etwas zugestoßen und er liegt irgendwo und braucht Hilfe und niemand ist da. Nur weil wir ihn allein gelassen haben." Der Wind hatte aufgefrischt und Ka spürte die Kälte. Überall um sie herum wuchsen Büsche, Wildkräuter und Bäume zwischen den alten Bauten des Hafens. Sie hörte den Fluss und den Wind. Sie blickte zu Sara. "Versuch´ doch, ihn mit dem Rum anzulocken."
Sara blieb skeptisch. Sie seufzte. Sie hatte tatsächlich eine kleine Flasche Rum mitgebracht. Sie schüttete einen Teil der Flasche in ein altes Metallgefäß. Der Geruch nach Alkohol durchzog die Luft. Sie warteten. Nichts passierte. "Siehst du, er ist nicht da." Auch Ka wollte gerade aufgeben, als auf einmal mit lautem Schnattern der Schnabeldrache auf Saras Schulter landete. Er stieß eine kleine Flamme aus.

Sara lächelte. "Da bist du ja!" Sie hob ihn vorsichtig von ihrer Schulter. Der Drache trank und ließ sich geduldig von ihr streicheln. Sie füllte den restlichen Rum Schluck für Schluck nach. Ka streichelte ihn nun auch. "Siehst du, es geht ihm gut." Sara nickte.

Nachdem er ausgetrunken hatte, watschelte der kleine Drache zu Lisa und stupste sie an. Lisa strich ihm über den Kopf. "Gierschlund, du willst doch nur noch mehr Alkohol."
Sie lockte ihn auf ihren Schoß. Der Schnabeldrache rollte sich zufrieden ein. Trotzdem hätte sie das besser sein lassen. Der Drache bekam vom Rum Schluckauf und Lisas Kleid wurde von einem Feuerstoß getroffen. Ka schrie noch: "Vorsicht!", doch da war es schon zu spät.
"Drachenkacke!" Lisa sprang fluchend auf. Zum Glück hatte sie sich nicht verletzt, nur ihr Kleid sah nun noch löcheriger aus als zuvor.
Der Schnabeldrache purzelte auf den Boden und kroch eingeschnappt in dass Dunkel einiger Büsche. Dort legte er sich zum Schlafen hin und ließ sich nicht wieder hervorlocken. Ka und Sara mussten lachen. Lisa fluchte immer noch.
Bald darauf fuhren sie nach Hause.

In Lisas Hexenbibliothek fand Ka ein Buch über Werkatzen. "Hier steht, dass Werkatzen nur dann angreifen, wenn sie selbst oder ihre Freunde bedroht werden." Sie reichte Sara das Buch.
"Danke." Sara blätterte aufmerksam durch die Seiten. Sie nahm nichts anderes mehr wahr. Dann meinte sie zu Ka: "Hier ist das Training beschrieben, das Miriam erwähnt hat und mit dem Werkatzen lernen können, ihren Übergang selbst zu kontrollieren."
Ka sah ihr über die Schulter. "Das scheint schwierig zu sein."
Doch Sara hatte sich bereits entschlossen. "Ich werde das lernen!"

Als Ka am Samstag zur Villa hinüberlief, saß Lisa niedergeschlagen auf dem Dachboden. "Blixa zieht aus."
"Was, wohin denn?"
"Auf einen Bauwagenplatz."
"Einen Bauwagenplatz?"
"Das ist ein Platz, auf dem Menschen in umgebauten Bauwagen oder großen ausgebauten Transportern wohnen. Ein Platz ist auf einer Brachfläche am Kanal in der Nähe von Blixas alter Unterkunft. Sie haben Blixa angeboten, dort hinzuziehen. Freundinnen und Freunde bei den Schattenparkern haben ihr einen Bauwagen organisiert." Lisa seufzte.
Ka war immer noch überrascht. "Aber ist das nicht viel zu hell?"
"Der Platz wird von großen Bäumen beschattet und sie haben Blixas Bauwagen in der Erde eingegraben. Nur der Eingang ist frei und ein Abzugsrohr für den Ofen schaut aus dem Erdhügel. Und auf dem Hügel haben sie Kräuter und Gemüse gepflanzt."
Ka setzte sich zu Lisa. "Und was sagt Blixa?"
"Sie findet es wunderbar gruftig." Lisa klang traurig. "Dann ist Tine weg und Blixa auch."
"Du warst doch die ganze Zeit allein."
"Ja, schon", sie ließ den Kopf hängen, "trotzdem werde ich sie vermissen." Sie blickte nach draußen.
Ka umarmte Lisa.

Die Fürstin hatte durchgesetzt, dass die Vampiraufsicht Blixa in Ruhe ließ. Sie musste aber versprechen, keine Polizisten mehr zu ärgern. "Sonst bekommst du Ärger mit mir, ist das klar?" Dabei sah sie Blixa kühl an.
Blixa nickte zerknirscht. "Ja. Ich bemühe mich."
Die Fürstin sah sie mit einem unergründlichen Lächeln an. "Dann hoffe ich für dich, dass du das erfolgreich tust."

Doch nur drei Tage nach Blixas Versprechen sprayte irgendwer in der Nacht eine riesige Figur auf die Betonfassade des Polizeireviers. Ka hörte dies von ihren Eltern als sie nach der Schule vom Sport nach Hause kam. "Im dritten Stock! Da muss jemand fliegen können." Ihr Vater lachte. "Die Figur sieht aus wie eine maskierte, bleiche Gurke." Ka lief hinüber zu Lisa.
Auf dem Dachboden saßen Lisa, Blixa und Sara flüsternd in einer Ecke. Ka verstand nur das Wort Polizeirevier. Alle kicherten. Als sie an die Gesichter dachte, die die Polizistin mit Pferdeschwanz und der dicke Polizist machen würden, musste auch Ka grinsen. Trotzdem war sie in Sorge um Blixa. "Die Fürstin wird nicht begeistert sein."
Blixa grinste. "Ich habe ein Alibi."
"Und wer war das dann?"
Auf einmal prustete Sara vor Lachen los. Ka sah sie überrascht an. "Du warst das?"
Sara zuckte mit den Schultern. "Ich wollte nur ausprobieren, ob ich meine alte Beweglichkeit wieder habe. Wegen der Verletzung war ich etwas steif geworden. Blixa hat mir gezeigt, wie Vampirgurken gesprayt werden."
Ka setzte sich in die Luke und betrachtete die sich vor dem blauen Himmel bewegenden Baumwipfel. Sie hörte den Wind. Die Luft war frisch, aber nicht kalt. "Na dann ist ja alles gut." Sie war froh, dass Sara wieder gesund war. Und Blixa hatte ihr Versprechen gehalten.

Tines und Lisas Eltern waren zuerst sehr überrascht, als die Professorin vom College anrief. Tines Mutter hatte große Bedenken, ihr ging alles viel zu schnell. Ka bekam eines der Gespräche durch Zufall mit. Tine telefonierte gerade, als Ka in die Küche der Villa kam. Die Mutter sprach so laut, dass selbst Ka das meiste verstehen konnte.
"Wieso hast du mir denn gar nicht erzählt, dass du dich da bewirbst? Und weißt du, ich finde du bist dafür noch zu jung."
"Ich bin fast 17!"
"Und manchmal noch total unvernünftig."
"Ich pass schon auf mich auf."
"Du musst aber jede Woche schreiben. Und wir telefonieren!"
"Ja."
"Und du weißt, dass du immer zurückkommen kannst. Es ist nicht schlimm, wenn du nicht allein zurechtkommst."
Tine verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse, als sie Ka sah.

Letztendlich stimmten beide zu. Das College hatte einen hervorragenden Ruf, insbesondere in Bezug auf alte Sprachen.
Ka, Sara, Blixa und Kolja beglückwünschten sie. Tine las sich zum ersten Mal die Beschreibung des Colleges durch, bisher war sie nicht dazu gekommen. Auf einmal blickte sie ungläubig Miriam an: "Hier steht, unsere Professorin für Altgriechisch hätte vor 2400 Jahren, also 411 vor Christus, bei der Uraufführung die Lysistrata gespielt."
Miriam zuckte mit den Schultern. "Das habe ich auch gehört."
Kolja blickte auf. "Meine Urgroßmutter hat das auch erzählt. Eure Professorin ist eine der wenigen Vampirinnen, die noch früher geboren wurden als sie."
Tine saß mit offenem Mund da. "Kein Wunder, dass sie die Sprache so gut beherrscht."
Tines Eltern konnten sie das aber nicht erzählen. Tine wollte schließlich noch nicht, dass sie erfuhren, dass sie nun eine Vampirin war. Aber der gute Ruf des Colleges war auch Tines Vater bekannt.
Blixa sah Kolja an. "Was ist Lysistrata?"
"Ein Theaterstück über Frauen, die mit einem Streik durchsetzen, dass ein Krieg beendet wird."

Die letzten Tage vor ihrer Abreise ins College verbrachten Miriam und Tine zusammen in der Villa. Das Blut lagerten sie nun in einem alten Kühlschrank in Lisas Hexenkeller.

An einem Spätnachmittag war Tine alleine mit Lisa in der Küche. Sie saß im Schatten, blickte nachdenklich aus dem Fenster und trank ein großes Glas Blut. Auf einmal wandte sie sich an Lisa. "Manchmal habe ich Zweifel. Dann weiß ich nicht, ob ich mich richtig entschieden habe."
Lisa schluckte. "Aber du wolltest doch Vampirin werden."
Tine nickte. "Das will ich auch immer noch. Aber ich bin mir nicht immer sicher. Vielleicht ist es falsch?"
Lisa dachte eine Weile nach. Dann blickte sie ihre Schwester an. "Ich weiß nicht, ob es richtig war. Ich glaube, dass es normal ist, Angst zu haben. Aber auf jeden Fall ist es besser, die eigenen Fehler zu machen, als die anderer Menschen. Du hast dich dafür entschieden. Und das ist wichtig."

An den Nachmittagen trafen sich Ka, Lisa und die anderen meistens auf dem Dachboden. Manchmal waren sie alle da, manchmal waren sie nur zu zweit oder zu dritt. Auch Tine und Miriam kamen zuweilen herauf, oft wollten die beiden aber allein sein.
Tine hatte irgendwo Vampirromane einer Autorin mit Namen Stephanie Meyer ausgegraben. Eins der Bücher hieß 'Bis(s) zum Abendrot'. Lisa machte daraus 'Bis zum Abendbrot'. Die Bücher waren Schmachtfetzen über eine junge Frau, die gebissen werden wollte oder auch nicht und außerdem wollte sie den einen Vampir unbedingt heiraten. Die Autorin hatte offensichtlich keinerlei Ahnung davon, wie Vampire wirklich lebten. Vom Tiefkühllieferservice für Vampire hatte sie offensichtlich auch noch nie gehört.
Ka überflog kopfschüttelnd einige Seiten und seufzte. "Wieso flüchten sich so viele Erwachsene in Traumwelten? Entweder sie glauben gar nicht an Vampire oder sie haben eine total irreale Angst vor ihnen."

Blixa und Lisa spielten Szenen aus dem Buch, die sie recht frei ausgestalteten, in verteilten Rollen nach und hatten große Mühe, nicht die ganze Zeit loszuprusten.
Blixa kniete vor Lisa und säuselte: "Beiß mich, heirate mich." Und Lisa legte den Handrücken auf die Stirn, wankte über den Dachboden und rief: "Ach, ach, darf ich solch Unschuld beißen." Blixa schmachtete Lisa weiter an: "Beiß mich, beiß mich."
Miriam und Tine war das teilweise peinlich, aber sie mussten schließlich auch lachen.

Da es die letzten Schultage im Schuljahr waren, mussten sie in der Schule zum Glück nicht mehr viel tun.
Kolja zeichnete die meiste Zeit. Bald konnten sie einen Teil ihrer Abenteuer als Comic bewundern. Lisa fand immer noch, dass ihre Nase zu groß ausgefallen war, Ka aber war zufrieden mit ihrem Comicabbild.

Eine Nacht verbrachte Tine auch bei ihrer Mutter, um sich zu verabschieden.
Sie nahm zum Essen etwas Blutgrütze mit. Als Ka daran roch, wurde ihr fast schlecht. Tines Mutter schüttelte nur den Kopf, nachdem sie an der Grütze gerochen hatte. "Tine du bist wirklich schlank genug, du musst doch nicht noch Diätkost essen." Tine musste ihr versprechen, im College richtig zu essen.

Dann kam der Tag der Abreise. Lisa liefen beim Abschied die Tränen herab. Auch Tines Mutter war sichtlich traurig. Tine umarmte beide. "In den Ferien sehen wir uns wieder." Tines Vater gab ihr einen linguistischen Text mit, mit der Bitte, ihn an ihre zukünftige Professorin für Altgriechisch weiterzureichen.

In ihrem ersten Brief vom College, den Tine an Lisa schrieb, war sie hellauf begeistert.
Nur mit dem Zahnen hatte sie Probleme, die neuen Vampirzähne bereiteten ihr Schmerzen beim Wachsen. Miriam hatte ihr heimlich ein Mittel aus der Apotheke geholt, das normalerweise kleinen Kindern beim Zahnwachstum verschrieben wurde. Das Mittel half auch, nur war das Tine wahnsinnig peinlich. Sie achtete sorgsam darauf, dass keine ihrer neuen Vampirmitschülerinnen und -schüler das Mittel bei ihr sah.

Blixa besuchte ein Treffen der Vegetarier-Liga der Vampire. Danach war sie tief enttäuscht. Ka setzte sich zu ihr. "Was ist denn?"
"Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie altmodisch die sind. Fünfmal musste ich mir anhören, dass ich nächstes Mal hoffentlich im Kleid kommen würde. So ein hübsches kleines Mädchen, blah." Blixa schüttelte sich, wie ein nasses, kleines Tier.
Ka zuckte mit den Schultern. "In unserer Schule lernst du bald gleichaltrige Vegetarierinnen kennen."

Dann begannen die Ferien. Blixa und Kolja bereiteten sich auf die Menschenschule vor. Kolja würde in eineinhalb Monaten zusammen mit Ka und Sara in dieselbe Klasse gehen und Blixa eine Klasse unter ihnen. Formal war alles abgeklärt, aber der Schulstoff bereitete ihnen doch Schwierigkeiten. Sara und Ka halfen ihnen, wo sie konnten.
Vor allem Blixa hatte große Lücken. Sie fluchte über die Mathematikaufgaben: "Die kann meinetwegen der Golch fressen."
Sara grinste. "Das grausigste aller grausamen Ungeheuer. Hältst du das nicht für etwas übertrieben?"

Kurz darauf kam der Tag des nächsten Vollmondes. Ka fragte Sara bei Lisa im Garten: "Übernachtest du bei uns?" Sie sah kurz zu Boden, dann fuhr sie fort: "Das letzte Mal scheint mir unendlich lange her zu sein. Und doch habe ich darauf gewartet." Sie blickte Sara an.
Sara wirkte unsicher. Sie schwieg. Ihre Großmutter hatte widerstrebend zugestimmt, dass Sara bei Ka übernachten durfte. Doch Sara hatte sich immer noch nicht entschieden. Ka berührte Sara am Arm. "Du musst dir keine Sorgen machen. Du hast doch schon öfter bei mir übernachtet."
"Nicht bei Vollmond. Was ist, wenn etwas passiert?"
"Ich bin doch da. Aber, wenn du nicht willst, ist das auch ok." Ka flüsterte dies mehr als dass sie sprach.
Sara schüttelte den Kopf. "Nein, ich komme. Ich vertraue dir auch."

Trotzdem war sie schweigsam und zurückhaltend, als sie an diesem Tag zu Ka kam. Sie begrüßte nur kurz Kas Eltern. Ka brachte sie gleich auf ihr Zimmer. Ihre Eltern hatten sich glücklicherweise verabredet und würden erst am nächsten Morgen wieder nach ihnen sehen.
Ka und Sara tranken Saft, Ka verdünnte ihren mit Wasser. Sie unterhielten sich über die Ereignisse der letzten Wochen, doch beide waren befangen. Sie schwiegen. Sara starrte mit angezogenen Knien in ihr Glas. Ka sah sie an. "Hast du Angst?"
"Ja."
"Das musst du nicht."
"Bist du dir sicher?"
Ka biss sich auf die Lippen. Was wusste sie wirklich von Sara? Sie konnte Saras Nervosität fast körperlich spüren.

Auch sie fühlte sich nun unsicher. Langsam wurde es dunkler. Sie zog die Gardinen beiseite und öffnete das Fenster. Draußen breitete sich die Nacht aus, der Himmel wurde schwarz. Sie fühlte einen leichten Lufthauch auf ihrem Gesicht. Irgendwer in der Nachbarschaft unterhielt sich lautstark, Ka achtete nicht auf die Worte, sonst war nichts zu hören. Dann schloss jemand ein Fenster und der Lärm verstummte.
Stille lag nun über der aufkommenden Nacht. Die Luft roch kühl.

Die beiden sahen sich leicht befangen an. Beide wussten nichts zu sagen. Ka fröstelte es leicht.
Dann ging der Mond auf. Ka hatte den Eindruck, dass Sara bei ihrer Verwandlung nicht beobachtet werden wollte. Sie stellte sich mit dem Rücken zu ihr. Hinter sich hörte sie, dass Sara sich auszog. Dann blieb es seltsam still. Ka spürte, wie sich ihre Muskeln anspannten. Sollte sie sich umdrehen? Da strich die schwarze Raubkatze an ihrem Körper entlang. Sie schluckte. Sara war als Katze wunderschön. Sie strich ihr ganz automatisch über das Fell, das schwarz war wie die Nacht. Auf einmal sprang die Katze aus dem geöffneten Fenster.
Ka folgte ihr durch das Treppenhaus. Was sollte sie tun, wenn Sara fort war? Ka fühlte sich verantwortlich, sie hatte den Vorschlag gemacht, dass Sara bei ihr übernachten sollte. Sie beeilte sich, aber die schwarze Katze wartete draußen auf sie. Die Nacht war klar und kühl.

Ka zog ihre Laufsachen an. Sie strich der Katze kurz über den Rücken und wandte sich dann in Richtung Stadtrand. Sie liefen nebeneinander durch die Nacht. Ein leichter Wind wehte. Nur entfernt waren ab und zu die Geräusche von Fahrzeugen und Menschen zu hören. Sie umliefen sie im weiten Bogen. Die Straße glitt unter ihnen im Schwarz der Nacht dahin. Langsam entspannte sich Ka. Sie liefen schnell, die Nachtluft kühlte ihren Schweiß.
Dann erreichten sie den Rand der Stadt.

Die Stadt lag im Tal unter ihnen, hier begann der Wald. Ka hörte das Rauschen des Windes. Ihre Augen durchdrangen nur langsam die Dunkelheit. Sie zog sich ein Sweatshirt über, das sie um ihre Hüften gebunden hatte, dann lief sie mit Sara in den dunklen Wald.
Tiere huschten im Dunkel beiseite. Zweige streiften sie. Ihr Atem klang gleichmäßig in der Nacht. Sie fühlte sich nun sicher, die schwarze Katze lief neben ihr. Im schwarzen Schatten liefen sie unter großen dunklen Bäumen über Bäche und Wiesen. Auf einer Lichtung machten sie eine kurze Pause.
Ka atmete tief ein und aus. Sie atmete die Nachtluft ein und spürte die kühle Frische auf ihrer Haut, sie roch das Grün. Sie sah in die Nacht; Eine Fledermaus flatterte umher, irgendwo fauchten zwei Igel. Wieder war der Wind zu hören. Die schwarze Katze berührte sie, diesmal beruhigte das Ka. Dann ging es weiter, immer tiefer hinein ins Dunkel des Waldes. Irgendwann spürte Ka ihre Müdigkeit.

Sie ließ sich erschöpft auf den Waldboden sinken. Die Nacht umfing sie. Sie ruhte sich im dunklen Laub unter einigen alten Bäumen aus, die schwarze Katze legte sich neben sie. Ka spürte, dass auch die große Katze müde war. Stille umgab sie, selbst das Geräusch des Windes war nur noch leise zu hören. Die schwarze Katze roch wie ihre Freundin, sie war Sara. Sie würde ihr nie etwas tun, Ka wusste das nun. Sie schlief ein, ohne nachzudenken. Mit Sara an ihrer Seite fühlte sie sich sicher. Sie kuschelte sich in der kühlen Nacht an die große Katze.

Im ersten Morgengrauen stupste die große schwarze Katze sie wach. Noch stand der Mond am Himmel, das Gras war taufrisch. Ka reckte sich und sah durch die grünen Blätter der Baumwipfel, die sich im Wind bewegten, wie die erste Dämmerung langsam den Tag ankündigte. Nur der Wind war zu hören. Sie umarmte die große Raubkatze.
Dann massierte sie ihre kalten Muskeln. Sie mussten zurück sein, bevor ihre Eltern aufwachten und der Tag begann. Die frische Morgenluft belebte ihre Sinne.
Ein Stück liefen sie nebeneinander durch den Wald und über Wiesen und machten einen kurzen Wettlauf, dann musste Ka ihr Tempo etwas reduzieren. Einigen Frühaufstehern wichen sie in das Dunkel schattiger schwarzer Ecken aus. Bevor der Mond vollständig verblasste, waren sie wieder zu Hause. Leise schlich Ka durch das Haus in ihr Zimmer. Die große schwarze Raubkatze sprang durchs Fenster.
Sara legte sich direkt neben Kas Bett auf eine große Matratze auf ihren Schlafsack.

Als Sara kurz darauf wieder erwachte, schlief Ka noch. Sara hatte ihre menschliche Gestalt wieder. Einen Augenblick lang kroch sie wieder in den Schlafsack, doch dann stand sie leise auf und zog sich etwas an. Die kühle Luft, die von draußen durch das offene Fenster zog, ließ sie leicht zittern. Sie schämte sich immer noch dafür, dass sie eine Werkatze war. Ka hörte Sara im Zimmer auf- und abgehen. Sie öffnete die Augen und blickte Sara an. "Morgen."
"Morgen", erwiderte Sara leise.
Ka sah ihr in die Augen: "Was ist?"
Sara schaute durch die Gardinen aus dem Fenster. "Ich habe Angst. Ich meine, ich bin eine Werkatze."
Ka setzte sich auf. "Aber diese Nacht war doch alles gut. Oder kannst du dich nicht erinnern?"
Sara biss sich auf die Lippen. "Doch, aber ich könnte dich verletzen."
Fragend sah Ka Sara an. "Willst du das denn, spürst du als Raubkatze das Bedürfnis, mich zu verletzen?"
Sara schüttelte entsetzt den Kopf. "Nein, gar nicht, aber ..."
Ka grinste. "Außerdem würde ich einfach zurückbeißen."
Sie warf Sara ein Kissen an den Kopf. Die nahm das Kissen und warf es zurück. Als Kas Mutter kurz darauf ins Zimmer kam, war die Kissenschlacht in vollem Gange.

Lisa saß zur gleichen Zeit auf dem Dachboden der Villa in der Luke und genoss die frische Morgenluft. Sie dachte an die letzten Wochen, an all das, was passiert war. Sie dachte an die Vampirgurken, an die Vampirsellerie, den Schnabeldrachen und die Tupuks.
Sie dachte auch an Kolja und Blixa, die demnächst mit Ka und Sara auf dieselbe Schule gehen würden. Und sie dachte an Sara und natürlich an Tine und Miriam.
So viel war passiert und doch hoffte Lisa, dass dies bloß der Anfang war. Sie hoffte, das BUNG noch viel erleben würde.
Sie ließ die Beine in der Luft baumeln.
Sie hatte da gestern etwas Seltsames entdeckt, das sie den anderen unbedingt zeigen musste.


Ende


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Kinderbuch – Tuja






























BUNG - Band 1
Vampire, Vampire!

Tuja
Erstausgabe - Hannover 2016
Spiegelung & Verbreitung der Texte sind ausdrücklich gewünscht
Anarchistische Texte für das 21. Jahrhundert
HerausgeberInnengemeinschaft
Paula & Karla Irrliche
Seit 2001


Ausdrücklich bedanke ich mich bei Kerstin Engel für die inhaltliche Kritik und bei Ute Finkeldei für das Lektorat & darüber hinaus bei allen anderen, die mich unterstützt haben.












Copyright für alle hier publizierten Texte von Tuja: CC BY SA


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Zuletzt aktualisiert 10.07.2017


















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