Z.Z.


Wider die Entpolitisierung sexueller Gewalt

Einleitung


Ich schreibe diesen Text aus der Perspektive der eigenen Erfahrung sexueller Gewalt als Kind, der Schwierigkeiten damit umzugehen (Der Angst vor körperlicher Nähe), der eigenen Involviertheit in vielfältige politische Bezüge (Im linksradikalem und Universitätsbereich), der eigenen Auseinandersetzung mit Sexismus und Patriarchat.

Ich finde es wichtig die Differenz sexueller Gewalterfahrung zu betonen, sei es zwischen männlichen und weiblichen Kindern, Kindern und Erwachsenen, den einzelnen Betroffenen untereinander, oder aufgrund des Hineinwirkens weiterer Herrschaftsverhältnisse (Rassismus/Militarismus/Heterosexismus/Nationalismus u.a.), nichts desto trotz gibt es denke ich auch Gemeinsamkeiten.
Die Differenz zu vernachlässigen hieße aber die Sicht des/der Täter/s zu übernehmen, für den das Objekt sicher oft austauschbar ist.

Ich habe bewußt bzgl. Täter die männliche Form gewählt, da ich sexuelle Gewalt durch Frauen nicht als vergleichbar ansehe unter der Perspektive der Analyse und des Kampfes gegen patriarchale und sexistische Herrschaftsverhältnisse, da sie nicht parallel zu diesen Strukturen läuft, im Gegensatz zur Gewalt der Männer. Meine eigene Wahrnehmung ist geprägt von dem Erleben sexueller Gewalt durch altere männliche Jugendliche. Und der Wahrnehmung desjenigen aus diesem Kreis, der mir heute noch bekannt ist, zweifelsohne keine direkte sexuelle Gewalt gegen Kinder mehr ausüben würde, hat er doch den Sprung in die sexuelle 'Normalität' geschafft, sein Objektverhältnis glücklich transzendiert, als 'liebevoller' Familienvater oder anders, verletzlich zumindest soweit es die Dokumentation einer begrenzten Offenheit erfordert, sexuell tolerant und einfühlsam, zumindest in der Selbstdarstellung. Sozusagen im psychoanalytischen Sinne ein geglückter Fall einer abgerundeten männlichen Sexualidentitätsentwicklung, vorbildlich.
Dies ist nicht ironisch gemeint es sei denn der verletzende Zynismus der Realität.

Für mich war es immer wichtig weder zu einem Mann (Täter) zu werden noch mich zu einer Frau (Opfer) machen zu lassen, beides unerträglich, also suche ich ein außerhalb.
Und ich halte die Gleichsetzung Mann - Täter für allgemein berechtigt, sozusagen für eine der Wortbedeutungen.
In diesem Sinn halte ich es auch für sinnvoll sexuelle Gewalt als Gesamtthema zu diskutieren. Also unter der Perspektive der Täterschaft und MittäterInnenschaft.

Ich selbst sehe nur die Möglichkeit mich in einem dauernden Prozeß soweit als möglich geschlechtlich zu entsozialisieren.

Als Kind/Junge habe ich mir zeitweise eine Zwillingsschwester erträumt. Wir verstanden uns in unserer eigenen Sprache, die sonst niemand sprach. In gewissen Sinn war sie ich, und ich sie. Wieso sollte ich diesen Traum aufgeben, und nicht umzusetzen versuchen. In einer Person dies vereinigen, nicht bi, sondern in einer anderen Welt, bzw. in dieser Welt als einer anderen.
Das dies schwer zu leben ist entspricht meiner eigenen Erfahrung. Ich kann nicht behaupten meine eigenen Ziele umgesetzt zu haben. Sie stellen zu einem erheblichen Teil eine Verhinderung von sexuellen Beziehungen überhaupt dar, insofern behaupte ich auch nicht, daß dies die richtige Form wäre, die es aufgrund der Unterschiedlichkeiten auch nicht geben kann. Nur habe ich bei jedem Versuch der Anpassung erlebt, daß diese auch nicht lebbar ist für mich.

In der politisch bipolar organisierten Welt ist eine einfache Antwort auch nicht denkbar.
Dieses selbst außerhalb setzen die Ausgrenzung macht eigene Strukturen notwendig.

Das nicht mehr eins sein mit dem eigenen Geschlecht und auch nicht wieder eins werden wollen sehe ich nicht als zu therapeutisierende Abweichung, sondern als Ausgangspunkt für eine politische Veränderung der Gesellschaft. Ähnlich wie andere von der heterosexistischen Norm abweichende sexuelle Nichtidentitäten z.B. aus den lesbischen Lebenswelten und Frauen.

Das Angebot therapeutischer Ansatze, für Männer, basiert weitestgehend auf der Resozialisierung ins Patriarchat ähnlich dem klassischen Therapieangebot für Frauen.
Ich will keine Männlichkeit entwickeln, auch keine sanfte. Aggression ist in vielen Punkten zur Veränderung der Gesellschaft notwendig. Die Männerbewegung mit ihren Ansätzen der Entwicklung einer 'positiven Männlichkeit' (schwarzer Schimmel) stellt damit die sexistische Grundstruktur (Bipolarität) nicht mehr in Frage.
Ich halte auf dieser Basis die Forderung, daß Männer, männliche Kinder, die sexuelle Gewalt erlebt haben, betreuen sollen, für eine Fortsetzung der Gewaltverhältnisse, zumindest in einem Teil der Fälle. Noch ein älter männlicher Kumpel, der nur ihr bestes will, diesmal mit sozialtherapeutischer Ausbildung.
Den Kindern ist gleichwertig die Möglichkeit einzuräumen eine andere in der Bipolarität nicht faßbare sexuelle Identität herauszubilden. Dies wäre z.B. eine konkrete politische Forderung. Die Schwierigkeit der Umsetzbarkeil ist kein Gegenargument.


Das folgende richtet sich nicht grundsätzlich gegen Therapie. Es ist mir auch bewußt, daß das Angebot parteilicher feministischer therapeutischer Beratung und anderer Unterstützungsmöglichkeiten auch heute noch viel zu gering ist. Gerade die mangelnde Unterstützung derartiger Angebote bzw. die finanziellen staatlichen Zwangsjacken beinhalten aber die Gefahr einer Therapeutisierung, die einmal, mangels freier Auswahlmöglichkeiten, Betroffene erneut auf Objekte reduziert, und außerdem einer staatlicherseits gewünschten Entpolitisierung des Themas Vorschub leistet.





Sexuelle Gewalt und politische Implikationen Fragestellungen/Thesen



Sexualisierte Norm - normierte Sexualität


Die sexuelle Norm, die sich scheinbar auch gegen sexuelle Gewalt richtet z.B. gegen Pornographie wirkt in der Realität offensichtlich anders, gerade Gewaltförmigkeit, ein entwickeltes Objektverhältnis, wird zur Norm.
Das heißt eine Diskussionsthese von mir ist, das 'vom Faschismus schweigen soll wer vom Kapitalismus nicht reden will', zu übertragen ist auch auf die individualpsychologische Entwicklung. Ich sehe in der von der Psychoanalyse beschriebenen männlichen heterosexuellen bürgerlichen Normalentwicklung und der Setzung dieser Entwicklung zur Norm eben die Verdrängung/Verdrehung dieser Thematik.
Die psychoanalytisch bürgerliche männliche Norm ist eben nicht das Gegenstück zu einer bis hin zum Mord gewaltförmigen Sexualität, sie steht vielmehr zum Sexismus, gerade auch in seinen extremsten Varianten, in einem ähnlichen Verhältnis wie der Kapitalismus zum Faschismus. Dementsprechend wird von der bürgerlichen Norm auch nicht so sehr Vergewaltigung, sexuelle Gewalt als schweres Verbrechen begriffen, als vielmehr, als an sich verständliche Reaktion, auf Unbotmäßigkeiten gegenüber von Verstößen gegen die heterosexistische männliche Norm, angesehen. Sexuellen Gewalttätern wird ein ähnliches Verständnis wie Skinheads entgegengebracht, der eigentliche Feind steht links, ist eine Frau, ist lesbisch, ist schwul, stellt die Norm in Frage und bestärkt sie nicht.

Sexuelle Gewalt gegen Kinder scheint in diesen Kontext erst einmal nicht hineinzupassen. Aber auch Kinder sind zumindest in der Imagination der Täter als unbotmäßig zu denken, und sei es nur als potentiell. Die Argumentationsmuster von Täterseite, mit meinem Kind kann ich machen, was ich will, ich habe sie nur eingeführt, u.a., liegen direkt in der repressiven Verlängerung der oben genannten bürgerlichen Norm. Sexuelle Gewalt ist die Normalität der sexuellen männlichen Norm in dieser Gesellschaft in einer Ausnahmesituation, und damit in ihr implizit immer mitgedacht. In diesem Sinn gilt jedermann ist potentieller ein Vergewaltiger, soweit er Mann ist, zum Glück läßt sich niemand darauf reduzieren.
Viele umgesetzte Strategien gegen sexuelle Gewalt stellen aber gerade nicht diese sexuelle Norm in Frage, sie bekämpfen die Normalität in der Ausnahmesituation ohne die dahinter stehende Norm nennen zu wollen/können. Dies ist kein Vorwurf an feministische Gruppen, als vielmehr eine Anklage gegen die Gruppen und Institutionen (Parteien, Bürokratie), die die Macht der Umsetzung von Forderungen besitzen und ihrer Verdrehung/Instrumentalisierung.

Eine alternative Form der Selbstkonstitution als Individuum außerhalb der psychoanalytischen Norm weist Judith Butler auf. Indern sie das Subjekt als sich selbst konstituierend in dem Diskurs, den es selbst spricht, begreift. Das heißt das Subjekt konstituiert sich in der präödipalen Phase jenseits der Ausgrenzung eines Objektes im Diskurs selber. Die Worte in denen das Subjekt gesprochen wird, werden von eben diesem Subjekt mit konstituiert (mit Bedeutung belegt).
Ich gehe davon aus, daß die von der Psychoanalyse aufgeführten Phasen zwar für die Durchschnittseuropäerln durchaus in vielen Punkten eine sinnvolle Beschreibung liefern, daß aber ihre Reihung wie auch Hierarchisierung nicht gerechtfertigt ist. Dies bedeutet auf die verschiedenen Phasen jederzeit zurückgreifen zu können und dies nicht in einer Regression, sondern in einem selbst bestimmten Umgang. Die Subjektkonstitution, wie sie von Butler beschrieben wird, liefert insofern eine reale Alternative zur geschlechtlichen psychoanalytisch normierten Subjektkonstitution mit der Reduktion des Anderen auf Objekthaftigkeit.

Butlers Konzept der Maskerade teile ich nicht, die Maske ist oft auch ein Mittel der Machtausübung nicht nur ihrer Subversion.
Zwar ist das Maskenspiel im Sinne Aristophanes als demaskierendes ein Mittel von Gegenmacht.
Die Maskerade ist dies in den meisten Fällen nicht, sie ist Schutz und Mittel der Täter zumindest im hier thematisierten Bereich. Die Instrumentalisierung der Bedürfnisse anderer, anderer insgesamt, zum Zweck der eigenen sexuellen Befriedigung, geschieht durch die Maske. Als Kind wird dir ein Eingehen auf deine Bedürfnisse nach Zärtlichkeit, Nähe, Anerkennung, Aufgenommen sein vorgespielt nur um dich nach befriedigter Sexualität fallen zu lassen. Die Maske wird hier zum Phallus oder zu seinem Hilfsmittel.
Auch allgemein stellt der (Nicht)Umgang mit den Bedürfnissen von Kindern ein politisches Problem dar.




Kinder & Frauen als Eigentum - Kleinfamilie


Die sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder, auch hier ist sicher eine genauere Differenzierung notwendig, basiert nicht nur auf individualpsychologisch verankerten Strukturen, sondern auch auf sehr realen gesetzlich sanktionierten, und konstituierten Machtverhältnissen. In der Kleinfamilie sehe ich für die BRD immer noch das zentrale Repressionsinstrument in diesem Bereich. Wie Gesetzgebung, soziale Sanktionierungen, private Kapitalbesitzverhältnisse, direkte Gewalt, und die Verknüpfung mit anderen Herrschaftsverhältnissen (z.B. in Form des Abhängigkeitsverhältnisses ausländischer Frauen von ihren Ehemännern, durch die Koppelung des Aufenthaltsrechtes an die Ehe) in einander greifen ist in einzelnen Bereichen immer wieder dargestellt worden, nicht desto trotz wird die Familie als Keimzelle eben genau dieses Staates nicht angegriffen.
Die andersartigen Strukturen in anderen Gesellschaften zeigen zwar auf, daß die Kleinfamilie nur eine denkbare sexistische Organisationsform der Gesellschaft ist, eine Kritik also weit über diese eine Organisationsform hinausreichen muß, trotzdem, wieso sollen nicht aktive Gruppen, die gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder vorgehen, nicht endlich politisch gegen die Kleinfamilie als eine der tragenden Strukturen in dieser Gesellschaft vorgehen. Und eben gerade die Streichung des besonderen Schutzes der Familie aus dem Grundgesetz fordern, und damit auch des spezifischen und besonderen Besitzstandrechtes von Vätern an ihren Kindern, und darüber hinaus auch jegliche Form von Besitzstandsrechtes an Menschen, insbesondere auch Kindern, bekämpfen.

Dies würde für mich explizit bedeuten Kindern eine freie Wahl von Bezugspersonen zu ermöglichen, ein eigenständiges Eingehen von Beziehungen z.B. auch zu anderen Kindern, die genau so ernst zu nehmen sind wie die der Erwachsenen, ein Außerkraftsetzen einer biologistischen Eltern/Kindbeziehungsnorm die allen Gewalt antut.

Ich hatte als Kind durchaus enge gefühlsmäßige Bindungen zu anderen Personen, explizit Kindern. Nur wurden diese ignoriert, als irrelevant beiseite gefegt, negiert als niedlich witzig, oder schlichtweg durch strukturelle Gewalt, Umzug, Einschulung, Wechsel der Schule beendet. In der psychoanalytischen Bewertung der Eltern-Kind-Beziehung wird diese Ignoranz gegenüber dem Kind als eigenständige Person fortgesetzt und ideologisch abgestützt.
Wenn Kinder lieben (Personen außer ihren Eltern) wird dies nicht ernst genommen, im Gegenteil die Beziehungsunfähigkeit von Kinder, die sich in der Fähigkeit zum andauernden Wechsel, des gegenüber Allen und Jedem/r offen sein äußert, wird als besondere Qualität abgefeiert.




Objektverhältnis/Pornographie/Enteignung der ´┐Żeigenen' Sprache/Überformung der eigenen Körperbilder/Sexuelle Tabuisierung


Sexualität als Objektverhältnis hat auch auf der Ebene des Denkens der eigenen Vorstellungen, Bilder, Phantasien katastrophale Auswirkungen. Bei Pornographie geht es nicht unwesentlich um das Gleiche wie eben bei der Tabuisierung von Sexualität um die Verhinderung des eigenen Sprechens, Benennens. Wird erst durch den Aufbau des Tabus und massivste Gewalt (schwarze Pädagogik) in der Kindheit ein Sprechen über Sexualität verhindert und somit die Herausbildung eines eigenständigen Diskurses frühzeitig unterbunden.
So findet eben diese Politik der Entmündigung ihre Fortsetzung in dem Sprechen anstatt, der Pornographie. Der Nichtdiskurs wird durch einen Fremddiskurs auf Dauer verunmöglicht. Pornographie ist die Fortsetzung der Enteignung der eigenen Sexualität im doppelten Sinne, im Sinn der Verhinderung, Überlagerung eines eigenen Diskurses, und im Sinne der direkten Enteignung und Umdeutung der wenigen vorhandenen Bilder auf die herrschende Norm.
Der Kampf gegen sexuelle Gewalt bedarf eines eigenständigen und damit immer antipornographischen Diskurses über Sexualität, denn nur in der Auseinandersetzung gegen die Überformungen durch die pornographische Bilderflut ist es möglich eben dieser Überformung zumindest ein Stück weit zu entgehen.
Tabuisierung, Prüderie und Pornographie sind zwei Seiten ein und der selben Politik, der Enteignung des eigenen Sprechens über Sexualität, and damit auch der Enteignung dieser Sexualität.
Gerade diese Sprachlosigkeit war für mich als Kind und später ein wesentliches Moment der Schwierigkeit beim Umgang mit der eigenen Gewalterfahrung, und außerdem der Verhinderung der Herausbildung einer lebbaren, sprechbaren Alternative zu dieser Form der Sexualität. Das eigene Nachdenken wird mir auch heute noch als negative Intellektualisierung eines an sich doch nur 'natürlich' auszulebenden Sexualverhaltens, bei dem du einfach weißt, was welche und wer wie will und empfindet, zurückgespiegelt, als meine spezifische Unfähigkeit, mich doch einfach treiben lassen zu können.
Dies Treiben lassen würde aber eben bedeuten die alltäglichen Bilder zu reproduzieren. Die in diesem Treiben lassen implizierte Übernahme der alltäglichen Herrschaftsformen wird dann auch entweder ignoriert, oder als naturnotwendig postuliert.




Instrumentalisierung des Diskurses über sexuelle Gewalt für patriarchale und sexistische Interessen - Erfahrung sexueller Gewalt und ihrer Androhung in ihrer differenten Wirkung


In der Gesetzgebung gegen Kinderpornographie hat sich insbesondere die CSU aber auch die katholische Kirche engagiert. Um weiterhin politisch aktiv eingreifen zu können ist es notwendig diesen Institutionen die bigotte Maske der Doppelmoral vom Gesicht zu reißen.
Feministische Forderungen gegen sexuelle Gewalt werden nicht mehr nur einfach bekämpft oder ausgegrenzt, sie werden in einer ganz neuen Form aufgegriffen und gegen die Interessen ihrer Urheberinnen gewendet und das nicht nur von konservativer Seite.
Insbesondere dort, wo eine zweite Entmündigung der Betroffenen von sexueller Gewalt stattfindet und wieder Andere für sie meinen sprechen und handeln zu müssen, dient dies primär den Interessen eben dieser Vetreterlnnen. Die Erfahrung sexueller Gewalt und die permanente Drohung der Wiederholbarkeit gegenüber Frauen wird, in dem sie als Angst, die Schutz durch Andere, Stärkere (Männer), erfordert, aufgegriffen wird, letztendlich in ihrer Sinnhaftigkeit für die Aufrechterhaltung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse noch bestärkt. Die sexuelle Gewalt wird als Angst der Frauen eben so zu einem Frauenproblem gemacht, anstatt die Strukturen der Täterschaft zu benennen und anzugreifen.
Auch dies ist in vielen feministischen Texten bereits herausgearbeitet worden, die Analysen werden aber zunehmend von einer an die Postulate des Machbaren angepaßten Politik ignoriert.

Auch die Erfahrung sexueller Gewalt wird primär als Problem des Kindes behandelt. Die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Änderung der Gesellschaftsstrukturen wird aber weder in Bezug auf Täterschaft, noch in Bezug auf die Akzeptanz anderer sexueller Selbstverständnisse der Betroffenen von sexueller Gewalt, auch nur toleriert geschweige denn akzeptiert, das Problem ist die/der Betroffene.

Sexuelle Gewalt wird nur als psychische Erkrankung anerkannt. Ernst zu nehmen ist für die Allgemeinheit sexuelle Gewalt, wenn die Betroffenen nicht mehr damit leben können. auf psychotherapeutische Hilfe angewiesen sind. 'Wenn Du wirklich meinst nicht mehr zurecht zukommen mußt Du halt professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, aber das wirst Du ja wohl nicht nötig haben.'
So in etwa eine Äußerung aus meinem privaten Umfeld. Zu einer politischen Diskussion die das Private nicht aussparrt waren eben dieselben nicht bereit/fähig.




Sexuelle Gewalt als männliche Sozialisation


Ein erheblicher Teil der Täter sexueller Gewalt gegen Kinder sind selber Kinder oder Jugendliche. In verschiedenen Veröffentlichungen wird der Anteil mit ca. 1/3 angegeben (z.B. Rommelsbacher 'Der sexuelle Mißbrauch als Realität und Metapher' Forum Kritische Psychologie). Das bedeutet das mindestens 10% aller Männer als Jugendliche oder Kinder, also in der bzw. für die Herausbildung ihrer Sexualität, andere Kinder sexuell mißbraucht haben. Nehme ich andere Angaben ernst, die davon ausgehen, daß es sich, bei Jugendlichen häufig um Gruppentaten handelt, liegt der Prozentsatz noch erheblich höher.
Meines Wissens liegen keine Fakten aus der psychotherapeutischen Praxis vor, die auf Disfunktionalitäten resultierend eben aus dieser Tatsache hindeuten. Die sexuelle Sozialisation über den sexuellen Gebrauch jüngerer Kinder ist offensichtlich funktional für eine normale und gesunde Sexualentwicklung, wie sie in dieser Gesellschaft erwünscht ist, zumindest für die Täter, sozusagen als Übungsinstanz für das spätere entwickelte Objektverhältnis gegenüber Frauen.
In diesem Zusammenhang ist auch die Kinderprostitution als BilligProstitution, Elendsprostitution (Die Kinderprostitution ist z.B. in Thailand die BilligProstitution für nicht so kapitalkräftige Kunden) in ihrer Funktionalität zu sehen. Mann kann sich sozusagen entsprechend des eigenen Einkommens in der Sexualökonomie bzgl. der Objektwahl vom Kind zur Frau hocharbeiten.

Unterwegs kann mann sich dann ein ausdifferenzierteres Verhalten gegenüber seinen anspruchsvoller werdenden Objekten aneignen.

Dem entspricht eine Subsummtion der Sexualität unter die Logik der Warentauschbeziehungen. In den meisten Fällen bedeutet dies die Dominanz der strukturell überlegenen Partei also der Männer. Verdeckt wird dieses Herrschaftsverhältnis in der Sexualität hinter einem Leistungsdenken das eine möglichst hohe gegenseitige Befriedigungsqualität fordert. Für Verletzungen, sich fallen lassen, Disfunktionalitäten, Trauer ist kein Platz, bzw. die(der) dies braucht, und sich nicht kaufen kann/will wird halt zum nicht (richtig) funktionierenden Sexualobjekt.

Das ganze nennt sich dann eine unkomplizierte Beziehung. Die Nichtbereitschaft zu Vorspiegelung einer derart funktionalen Sexualität stößt nach meinen Erfahrungen häufig auf Unverständnis. Wird Sexualität und ein intensives Aufeinandereinlassen nur Zusammen als etwas für einen persönlich lebbares offensiv nach Außen getragen, ist Frau/Mann naiv, verbaut sich lustvolle Stunden, muß Frau/Mann erst einmal selbst die richtigen Erfahrungen machen, u.a.. Selbst Birgit Rommelsbacher als feministische Wissenschaftlerin transportiert diese Kritik (Rommelsbacher 'Der sexuelle Mißbrauch als Realität und Metapher' Forum Kritische Psychologie), wenn sie die in eins Setzung von Sexualität und romantischer Liebe (Wobei allein diese polemische Begriffswahl für intensivere Beziehungsstrukturen eine deutliche Abwertung/Ausgrenzung darstellt.) als naiv und nicht lebbar diffamiert.

Ich bin in sexueller Hinsicht sicher in sehr vielfältiger Weise verletzbar und disfunktional für Partnerlnnen, und nicht bereit anders zu tun, bzw. auch nicht dazu fähig. Ich empfinde diese Form der Vorspiegelung von Unverletzlichkeit als Ausgrenzungsmechanismus von Fragen, Kritik. Ich nehme in Anspruch das (meine) Sexualität, so disfunktional und kompliziert lebbar sie ist, nicht deshalb weniger recht hat zu sein als die Sexualität anderer, geschweige denn der Norm/Täter.

Außer dieser Subsummierung von Sexualität unter die Warentauschbeziehungen, mit primär männlich potenten Käufern, gibt es natürlich eine Vielzahl weiterer Zusammenhänge in der Sozialisation, Militarismus/Sexismus Verhältnis zum Körper dem eigenen und der anderen, u.a..




Abschluß


In einem phallokratischen System wird Kritik, die dieses System in Frage stellt immer in einer Metaphorik der Kastration verstanden, einer Entwertung des Phallus. Auch wenn es darum geht ein Außerhalb des System zu denken, in dem der Begriff Phallus überhaupt keinen Sinn macht, ist dies doch innerhalb des System nicht anders zu denken.
In diesem Sinn fasse ich die Beschuldigung eine Metaphorik der Kastration zu benutzen als Lob auf.





Texte zum Thema sexistischer und sexueller Gewalt gegen Kinder aus anarchistischer Sicht - und zum eigenen Umgang mit sexueller Gewalterfahrung - Z.Z.



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Zuletzt aktualisiert 30.10.14



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