Z.Z.


Unauffällige Abweichung von der sexuellen Norm



Ein Anfang - es war doch nur ein Spaß

Ich bin als Kind sexuell 'mißbraucht' worden.
Was heißt das?
Wie sich das anhört?
Ich kann das so schreiben, aussprechen fällt mir schwer auch in der linken Szene, Mensch stelle sich vor 'mann' würde so was in der VoKü (BevölkerungsKüche) sagen. So etwas sagt 'mann' nicht - wie sollen die anderen damit umgehen, als wegzugucken - . Vielleicht ist das aber auch nur meine Mutlosigkeit, die Unfähigkeit zu reden. Aber ich glaube dies nicht. Zwar ist manches anders nur ist die Szene kein Schutzraum, und da ich keine 'Frau' bin, kann ich mich nicht einmal in feministische Strukturen zurückziehen.
Wäre ich eine 'Frau', würde ich mich zumindest überwiegend in 'Frauen'zusammenhängen bewegen - obwohl auch dort nicht alle Widersprüche aufgehoben sind und sexistische Gewalt auch von 'Frauen' transportiert wird -.
Eine sehr gute Freundin meinte einmal; "Du haßt 'Männer'", und auch dies wäre sexistisch. Das mag stimmen und ich versuche dies zu ändern.

Dabei bin ich eher noch zu selten aggressiv bei den vielen kleinen alltäglichen Sexismen, schaue ich auf Körperverhalten und auf Sprüche von 'Männern' auch in der Szene. Dabei ist die Wirkung nett, wenn ein 'Mann', ich, mich entsolidarisiere. 'Männer' erzählen gerne 'Männern' Litaneien über übertriebenen Feminismus, "daß das mit den reinen 'Frauen'block auf der Demo ja wohl übertrieben wäre, 'Mann' wäre doch nur nebenhergelaufen und hätte ja gar nicht ...". Mich als 'Mann' können sie dafür, daß ich sie unterbreche und kritisiere nicht als Emanze oder hysterisch abwerten. Ich bekomme meist eher ein; "Ja, ja, da hast Du ja an sich recht, ich meinte ja nur ...", zu hören. Ein Satz den sicher auch viele 'Frauen' kennen. Das führt leider auch nicht weiter.

Ich bin als Kind von den Jungen sexuell benutzt worden, die eine Art älterer Peer-Group für mich darstellten. Die Großen zu denen ich als Kind dazugehören wollte, einer von ihnen sein wollte, auch ein Großer. "Du bist doch schon ein großer Junge." Als sie sich sexuell selbst befriedigten wollte ich dabei sein, ohne als Siebenjähriger zu wissen, was dies ist. Wozu ein Penis sexuell gut ist, war mir bis dahin unbekannt, aber ich war/wollte einer von ihnen sein. Einer der älteren Jungen mußte mich auch nicht zwingen seinen erigierten Penis in den Mund zu nehmen. Schließlich wollte ich kein Feigling sein. "Das traust Du dich nicht."
Nur auf das, was dann kam, war ich nicht vorbereitet.
Und auch nicht auf ihr Lachen über mich als Kind, das sich erschreckte über den Samenerguß der mir in Mund und Augen spritzte, das sich losriß.
Es war nur ein Witz - nur Spaß -.
Und ich sehe nicht, daß diese Jugendlichen irgendwas besonderes gewesen wären. Nein sie waren ganz normal.
Es war nur ein Witz - nur Spaß -.
Welche und wer hat das bei sexistischen Bemerkungen, Gesten, Verhalten usw. auch in der Linken nicht auch schon gehört.
"Mein Gott jetzt reg Dich doch nicht so auf, es war doch nur Spaß."
"Es war doch nur ein Spruch."
"Ja, ich weiß, daß ich ein Sexist bin."
"Äih er hat's wirklich nicht so gemeint."
Und Eine, deren Mitbewohner das war, weiß nicht mehr, was sie sagen soll.
Manchmal sage ich was, leider nicht immer - und auch ich schreie nicht, haue nicht, schmeiße nicht mit Essen -.
Und dann kommt wieder das;
"Ich habe das nicht so gemeint."
Wie dann? Wieso sagst Du es dann?
Ja, ich verstehe keinen Spaß, wenn es das ist, was Spaß ist.

Und ich bin noch viel zu selten 'männer'feindlich, das muß mehr werden.

Ich stelle mir vor ich wäre ein Mädchen gewesen, was würde dann kommen auf die Schilderung hin. Ich habe die Nähe dieser Jungen gesucht. Ich wollte dabei sein. "Sie hat es provoziert", der Mythos von der 'Frau', die, bzw. dem Mädchen, das es provoziert, ist immer noch aktivierbar, vor Gericht (siehe z.B.: Sexueller Mißbrauch vor Gericht / Sabine Kirchhoff / Dortmund 1994) aber auch in der Linken, wie Vergewaltigungsdebatten und Debatten über sexuelle Übergriffe immer wieder zeigen.
Das mir dies nicht so sehr droht liegt wohl eher an der Homophobie als an der Einsicht in Gewaltverhältnisse.
Habe ich selber schuld?
Das Kind, ich, hätte sich doch andere Freunde suchen können. Ich wollte Teil von etwas sein.
Das habe ich mir abgewöhnt.
Ich mißtraue 'männlich' bestimmten Gruppen auch in der Linken, dafür habe ich aber eine ganze Menge Zeit gebraucht.

Sexuelle Gewalt wird von 'Männern' gegen 'Frauen' gerichtet, aber auch innerhalb 'männlicher' Gruppen ist das sexualisierte Dominanzverhalten ein wesentlicher Faktor für Macht. Das zur 'Frau' machen von 'Männern' ist nicht zu trennen von der sexistischen Gewalt gegen 'Frauen'. Soll sich in der Linken was ändern, müßten linke 'Männer' dieses Verhalten untereinander in Frage stellen.
Ich werde mich in von 'Männern' dominierten Gruppen nie wohl fühlen, auch heute noch, die gleichen Gesten, vielleicht nur Andeutungen - aber zu gut bekannt -.
Außerdem glaube ich ihnen nicht, den linken 'Männern'.
Daß Ihr alle keine Erfahrung mit sexueller Gewalt habt, daß Ihr nie in der Clique in sexuelle Gewaltausübung verwickelt ward.
Du warst noch nie bei einer Vergewaltigung dabei, nur ein 'bißchen' sexueller Terror als Mittäter, die anderen wollten das.
Aber vielleicht warst Du auch auf der anderen Seite, dann entschuldige ich mich.
Es wird notwendig sein dies, sexuelle Gewalt ausgeübt von und unter 'Männern', die Erfahrung sexueller Gewalt als (Mit)täter oder Opfer, als ein wesentliches Moment sexueller Sozialisation zur Schaffung von 'Männlichkeit' zu thematisieren und die strukturellen Zusammenhänge zu anderen Herrschaftsverhältnissen aufzuzeigen, soll sich was ändern.
Und hier liegt auch ein Grund für Homophobie in der Verbindung von sexualisiertem Verhalten unter 'Männern' und Dominanz und Machtausübung.

Dies bedeutet insbesondere auch die Grundfesten in Frage zu stellen auf denen auch viele linke Gruppen mit ihren Ein- und Ausschließungen basieren, die Mechanismen mit denen Grenzen gezogen werden, die kleinen körperlichen Gesten der Ein- und Ausgrenzung, der Hierarchien.

Ich kann mir aber leider nur zu gut die Reaktionen einiger 'Männer'kumpel in der VoKü (BevölkerungsKüche) auf diesen Forderung vorstellen. Die 'witzige' Reaktion, wenn sich zwei 'Männer' umarmen; "Paß auf das Du ihn nicht mißbrauchst". Selbst nach dem dies hier steht wird eine solche Reaktion wohl unvermeidlich sein, als Relativierung. Und für die, die drum herum sitzen und denken; Scheiße den kenn ich doch, der ist doch auch manchmal ganz nett, und nicht so recht wissen, was tun. Ich denke die Entleerung seines Essen auf seiner Hose wäre wirksam. Und wenn er rummotzt.
"Das war doch nur ein Spaß"
"'Mann' jetzt reg Dich doch nicht über son Witz auf."
"Verstehst Du keinen Spaß."




Ein zweiter Anfang - sexuelle Abweichung

Liebt Sie weiter die Täter,
Sie sind so schön anschmiegsam!

Sie haben Verständnis.
Sie haben das nicht so gewollt,
ihr müßt sie doch verstehen.
Sie verstehen euch ja auch,
es tut Ihnen ja auch leid,
Sie würden euch gerne in die
Arme nehmen.

Nur den Haß, den Haß
verstehen Sie nicht,
damit schadet ihr euch
doch nur selbst,
das müßt ihr doch einsehen.

(Dieses Gedicht ist satyrisch gedacht! - Quelle unbekannt)


Ich habe körperliche Nähe als Kind und Jugendlicher gehaßt. In der Bahn und im Bus war es schwierig sich zu entziehen. Im Bus habe ich gelernt welche Doppelsitze meist nicht noch von Anderen genutzt werden, wo ich keine Nähe ertragen muß, am besten sind die Plätze über den Rädern und dann mußt Du aggressiv gucken.
Als ich 11 war bin ich in der Straßenbahn sexuell benutzt worden, daß hört sich albern an und ich kam mir später auch blöd vor, ich hätte doch was dagegen machen können müssen.
Die Bahn war völlig überfüllt. Ich hatte noch einen Sitzplatz in Fahrtrichtung einzeln ergattert. Der 'Mann' hatte sich direkt vor meinen Platz gestellt und hielt sich an den Haltegriffen hinter und vor meinem Sitz fest. Er kam immer näher. Ich konnte nicht aufstehen oder ausweichen ohne aufzufallen. Er lehnte sich weit zu mir rüber. Ich schaute aus dem Fenster und zog mich soweit als möglich zurück.
Dann spürte ich ihn, spürte das Glied unter der gespannten Hose, glaubte, das ich mich irre, irren muß, wollte glauben, daß es keine Absicht ist, machte mich noch schmaler, Rückzug zum Fenster. An ihm vorbei ging nicht. Der 'Mann' lehnte sich noch weiter rüber rieb sein Glied an meiner Schulter, an meinem Arm, scheinbar in der Kurve, scheinbar im Gedränge, vielleicht war es ja doch keine Absicht. Ich versuchte mir Luft zu verschaffen, hielt mit meinem Arm dagegen, das brachte ihn aber nur noch weiter hoch, dabei sah er fast die ganze Zeit an mir vorbei. Ich wußte nicht, was tun, die anderen Leute sahen durch mich hindurch, ich schämte mich. Ich konnte nicht weg, ich konnte nicht an ihm vorbei. Also sah ich wieder aus dem Fenster, tat so als würde nichts geschehen, als wäre ich nicht da, als wäre alles nicht wahr. Dann kam er, hatte gehabt, was er wollte, es war leerer geworden. Ein anderer 'Mann' schaut zu uns rüber, der 'Mann' steigt schnell aus. Ich zitterte, traute mich nicht/wollte nicht heulen, der andere 'Mann' sprach mich an, freundlich, besorgt, fragt, ich schüttele den Kopf "Nichts" und möchte im Boden versinken. Steige an der nächsten Haltestelle aus, fliehe aus der Bahn vor dem fragenden 'Mann', der nun wirklich besorgt ist, hoffend das der Täter nicht da draußen ist und der fragende 'Mann' mir nicht folgt.
Ganz schön blöd, einem Kind dem so was mehrfach passiert, da kann ja was nicht stimmen. Das nächste mal würde ich zuschlagen nahm ich mir vor. Ich muß doch alleine zu Recht kommen.

Ich habe mich als Kind jeglicher körperlicher Berührung soweit als möglich entzogen. Niemand durfte mich mehr anfassen. Wenigstens das wurde akzeptiert. Die Straßenbahn war die Ausnahme.
Gegen Gleichaltrige oder ältere Jugendliche habe ich dies zur Not mit der Eskalation von Gewalt durchgesetzt. Meist hat dies funktioniert.
Als ich das erste mal eng getanzt habe in der sechsten Klasse im Landheim, bin ich aus dem Saal in den Wald gerannt, als mich das Mädchen fragte, wieso ich am ganzen Körper zittere. Dafür habe ich mir eine Ausrede ausgedacht. Ich habe diese Situationen dann vermieden, in Distanzsetzung und Abschottung bin ich noch heute perfekt. Einmal noch auf einer Party in der achten Klasse kam mir ein Mädchen näher, mir wurde schwindelig und ich mußte raus, dann habe ich mich nicht wieder rein getraut.
Später habe ich dann gelernt Litfaßsäule zu spielen, jetzt kann ich mich anfassen lassen ohne dazusein, das ist unauffällig. Für meine Partnerin in der Tanzschule muß ich eine Strafe gewesen sein.

Wieso erzähle ich das hier? Weil es meine Normalität ist. Weil ich kein Mitleid will sondern Akzeptanz, für das was und wie ich bin. Weil es hier um sexuelle und körperliche Normen geht, die auch in der Linken wirksam sind. Ich bin heute erheblich über 30, ich habe noch nie richtig geküßt, geschweige den mehr. Ich weiß, daß ich damit erheblich von der sexuellen Norm abweiche, soweit, daß ich Angst hätte ausgegrenzt zu werden. Ich weiß, daß mein Körperverhalten, das nach wie vor auf einer bestimmten Oberfläche aus Angst besteht, nicht der Norm entspricht. Obwohl ich aus Freundinnenschaften weiß, daß auch für mich anderes, zumindest Umarmungen, möglich ist, ist dieses Sein für mich doch Ausgangspunkt der Infragestellung sexueller Normen in der Linken.
Ich bin absolut unauffällig in dieser Abweichung, denn einen souverän und kompetent auftretenden 'Mann' wird niemand absprechen Grenzen zu setzen, bei einer 'Frau' würde dies so vermutlich nicht akzeptiert. Und auf ein Comingout verzichte ich lieber.
Verdächtig bin ich nicht. Selbst Feministinnen haben zum Teil seltsame Vorstellungen von den Opfern sexueller Gewalt. Eine linke feministische Dozentin bemerkte in einem Seminar einmal bzgl. eines Gastaufenthalt in Kanada, daß eine kanadische Kollegin so nebenher erzählt hätte, daß sie mißbraucht worden wäre. Diese feministische Dozentin hielt dies für unglaubwürdig, da die 'Frau' auf sie völlig souverän wirkte. Für mich ist diese Ignoranz auch hilfreich.
Die Auseinandersetzung mit so einem Mist wie 'False Memory Syndrom' und anderen Backlash Ideologemen spare ich mir hier. Ansonsten würde ich jede/r raten z.B. ein Buch wie das schon zitierte von Sabine Kirchoff zu lesen, das die deutsche Gerichtsrealität der juristischen Gewalt gegen betroffene Kinder empirisch wiedergibt (mit detaillierten Protokollen) und keine patriarchal sexistische Mythologie unschuldig Beschuldigter.

Ich arbeite seit vielen Jahren gegen Heterosexismus. Mein Bezug, der für viele, die mich nur als politischen Aktivisten kennen, sicher völlig im Dunkeln liegt, sind die eigenen Erfahrungen von Gewalt und die eigene Abweichung. Ich kämpfe für eine Welt in der Sexualität nicht mit allen möglichen heterosexistischen Leistungsnormen zugestellt ist, weil ich nur in einem solchen Umfeld überhaupt eine Möglichkeit für mich sehe. Ich träume davon einen Bereich aufzubauen, in dem es nicht wichtig ist zu funktionieren entsprechend der Norm, in dem auch ein unsicherer verängstigter Körper möglich ist, unsouverän. Souverän im Umgang mit Menschen als Sexualobjekt sind die Täter. Zum Glück gibt es auch andere Beispiele gelebter Sexualität.

Für mich ist dieser Kampf nicht zu trennen vom Kampf gegen Heterosexismus, Patriarchat und Homophobie. Denn es geht hier insgesamt um die Infragestellung der Leistungsnormen an Sexualität, und die Infragestellung der Verobjektivierung von Menschen in Pornographie und Psychologie, die letztendlich die Warenform des modernen Kapitalismus spiegeln. Ich will weder Menschen besitzen noch kämpfe ich um eine 'Frau', und ich will keine Orgasmustauschrelation sondern Nähe. Das mag so ungewöhnlich nicht sein, und doch wird auch in feministischen Debatten nicht selten eine heile erfüllte Sexualität und Leiblichkeit postuliert und damit eine Norm aufgerichtet, die anderes als krank ausschließt. Und nicht selten gemahnen diese Idyllen einer heilen Sexualität an die erfüllte postmoderne Leistungswelt eines soft gewendeten Kapitalismus, Leistung und Selbsterfüllung.
Ich bin wie ich bin, das heißt nicht, daß ich mich nicht ändere, im Gegenteil ich möchte eine freie Gesellschaft und freie Beziehungen gerade um mich auch anders einlassen zu können. Klar wünschte ich mir auch einmal zwei Monate nur im Bett zu liegen und zu kuscheln.
Nur die Vorraussetzung ist die Akzeptanz als Subjekt nicht als Opfer.

Ich finde es richtig und wichtig sexistisches Verhalten auszugrenzen. Ausgegrenzt wird aber in der postulierten Norm einer erfüllten funktionierenden Sexualität sehr viel mehr.
Es kann aber kein richtig oder falsch postuliert werden für eine freie Sexualität jenseits der Ablehnung von Herrschaft und Machtausübung.

Das heißt nicht, daß ich diese Forderung individuell stelle, jede und jeder muß für sich entscheiden, welche/wer und was für sie in Frage kommt, was für sie/ihn richtig oder falsch ist. Ich schlafe auch nicht mit 'Männern' und würde mir keine Schwulenfeindlichkeit deshalb unterstellen lassen. Aber ich postuliere auch keine sexuelles Ideal das Schwule ausschließt. Das heißt die Kritik richtet sich gegen die impliziten sexuellen Leistungsnormen, die auch in der Linken wirksam sind und nicht unwesentlich sowohl zur Reproduktion sexistischer wie kapitalistischer Ideologie beitragen, bzw. mit diesen in Wechselwirkung stehen.

Und zu diesen Leistungsnormen zähle ich explizit auch die Forderung nach einem souveränen Umgang mit Zärtlichkeit, wie sie z.B. von Teilen der antisexistischen 'Männer'bewegung in den Raum gestellt wird.
Ich habe kein Bedürfnis nach Nähe zu 'Männern' oder Zärtlichkeit und lasse mir das auch nicht vorwerfen.

Diese Offenheit ist für mich so wichtig, weil nur sie überhaupt erst die Möglichkeit eröffnen würde mich zu zeigen, und nicht durch souveränes Auftreten permanent falsche Erwartungen zu produzieren.

Ich glaube auch nicht das ich glücklicher oder unglücklicher bin als viele innerhalb der Linken, und besser als heterosexistische Normalos habe ich es allemal getroffen. Besser keine sexuelle Beziehung als so eine Scheiße der Reproduktion von Gewaltverhältnissen.
Das heißt nicht, daß ich nicht manchmal auch einfach davon träume von einer ihr gerettet zu werden, einer Ritterin auf schwarzem Pferd - nur weiß ich um die Problematik und Konservativität einer solchen Vorstellung, und um die psychoanalytischen Implikationen dieses Bildes -.

Und sicher manchmal möchte ich schreien oder heulen, weil ich mich nach Berührung sehne, weil ich schwanke zwischen Angst vor und Sucht nach Berührung. Und doch möchte ich niemand anderes sein. Ich würde nur gerne mich öfter nicht dichtmachen, nicht abschotten, müssen.

Ich entschuldige mich nicht für das was ich bin.




Ein dritter Anfang - Nichts


Keiner - ich ziehe mich lieber in die Ecke zurück. Ich habe keine Lust etwas zu schreiben.




Ein vierter Anfang - Dekonstruktion

Die Drohung, die ich vor allem in der Erfahrung sexueller Gewalt am meisten gespürt habe war; "Wir machen das aus Dir, was wir sind einen 'Mann', oder, wir machen Dich zur 'Frau'."

Ich habe mir als Kind geschworen nie so zu werden - nicht so wie die älteren Jungen, kein 'Mann'.

Dies ist kein Zirkel ohne Ausweg, denn mit Monique Wittig galt zumindest damals "Lesbian a no women". Das heißt es gab durchaus Identifikationsfiguren für mich. Ich habe mich als Kind und stärker noch als Jugendlicher mit den wenigen Darstellungen lesbischer Identität im Filmen identifiziert. Nicht bruchlos, es gab auch Zeiten in denen ich versucht habe ein 'Mann' zu werden, so halb. Das wurde aber so nie akzeptiert - ganz oder gar nicht -. So habe ich mich letztendlich für gar nicht entschieden. Die Brutalität gleichaltriger und älterer Kinder in der Schule, der Schulklasse, gegen abweichendes Verhalten ist durchaus mit der totalitären Brutalität militärischer Ausbildungen vergleichbar. Zentrale Teile heterosexistischer Sozialisationsgewalt werden inzwischen von Kindern ausgeübt, die Erwachsenen waschen ihre Hände in Unschuld.
Als Kind gab es immer wieder Momente in denen ich mir vorstellte später so zu werden wie diese 'Frauen' im Film, vor denen die 'Männer' Angst hatten. Das war eine Hoffnung und Möglichkeit. Ich habe mir dann die Filme umerzählt und die 'Frauen' gewinnen lassen. Wenn ich groß bin werde ich eine starke Lesbe, so hätte ich das damals natürlich nicht ausgedrückt, und wie gesagt, das war nicht bruchlos und auch immer wieder von Selbstverrat und Anpassung gezeichnet.
Und manchmal ist es auch heute noch so, daß ich mich viel zu normal 'männlich' verhalte und mich hinterher für bescheuert erkläre.
Nur wurde meine Anpassung nie als hinreichend angenommen, so das ich sowieso auf die Außenposition geschoben wurde.
Da ich als Jüngster in einer tochterlosen Familie sowieso bzgl. meiner Eltern eine Tochterposition bis zu gewissen Graden inne hatte, gab es auch Spielraum für mich. Als Jugendlicher hing über Jahre in meinem Zimmer das Poster zweier Lesben von denen man den Oberkörper in viktorianischer strenger Kleidung sah offensichtlich an einem alten Fabrikarbeitsplatz. Die eine mit Zigarre im Mund beugte sich zur anderen hin. Meine Eltern haben sich nichts dabei gedacht - schließlich war ich ja ein Junge -.

Auch mein Körper, meine Sexualität, auch als Distanzsetzung, ist eine Einschrift in der Interaktion mit Anderen. Die von Judith Butler (Körper von Gewicht / Judith Butler / Frankfurt am Main 1995) beschriebene Praxis der, in der darstellenden Interaktion sich reproduzierenden, sexuellen Identität gilt auch für mich. Von einer disfunktionalen Sexualität zu sprechen macht keinen Sinn - nur von einer abweichenden -. Theoretisch hört sich das gut an, praktisch ziehe ich es vor den Schritt "Out of the Closet" nicht zu vollziehen.

Ich nehme mich selbst geschlechtlich als ambivalent war auch biologisch. Meine Brüste spielen eine große Rolle für mich aber auch andere Körperregionen. Wieso sollte ich nicht, wenn der lesbische Finger real der Phallus sein kann (Judith Butler), real 'weibliche' Körperlichkeit besitzen können, in diesem Sinn. Auch meine sexuelle Phantasien sind ambivalent. Wieso sollte ich MedizinerInnen oder anderen die Definition überlassen - ich traue meinen Gefühlen -. Die Sexualität mit anderen zu leben wird dadurch aber nicht einfacher. 'Frauen' verlieben sich in mich als 'Mann', das will ich so aber nicht leben.

Ich bin kompliziert, amüsiere mich aber ganz gut dabei.

Sicher eine 'männliche' Lesbe ist ein Widerspruch, aber in einer Gesellschaft, mit Herrschaftsverhältnissen wie dieser, ist für jede Form von Widerstand, das sich Bewegen in Widersprüchen notwendig, sie auszuhalten, sie sich bewußt zu machen, und ihren utopischen Bestand nicht zu verraten. Denn ich lebe in dieser Gesellschaft, und muß Kompromisse machen, nicht außerhalb, will aber eine andere.

Nur wenn ich über den Umgang mit 'männlichen' Betroffenen sexueller Gewalt lese möchte ich meist ins Papier oder in den Bildschirm beißen. Wieso sollte ich Probleme damit haben meine 'Männlichkeit' zu entwickeln, ich habe Probleme damit meine 'Männlichkeit' zu entsorgen, da es auch mir nicht gelingt mich der permanenten Resozialisierung zum 'Mann' durch Werbung, TV u.a. vollständig zu entziehen, z.B. der Resozialisierung des Blickes. Ich begreife, daß die Abschaffung des 'Mannes' eher als Prozeß permanenter Revolution umzusetzen ist, bei der ein abschließendes; "Jetzt ist es geschafft", zumindest heute nicht denkbar ist. Das heißt nur in der permanenten immer weitergeführten Auseinandersetzung mit Sexismus ist die Resozialisierung an die sexistischen Verhältnisse zu unterlaufen. Und wieso sollte ich etwas wie den 'Mann' erhalten wollen, wohlgemerkt, hier geht es nicht um Biologie.
Die geschlechtlichen Internalisierungen lassen sich nur leider nicht einfach mal eben über Bord werfen, sie sind Körper von Gewicht im Butlerschen Sinn, und auch die Gesellschaft ist nach wie vor weitestgehend zwangsheterosexistisch strukturiert. Deswegen ist die individuelle Infragestellung, der individuelle Versuch der Abschaffung des 'Mannes' nicht zu trennen von einer Einbindung in gesellschaftliche antisexistische und andere gegen Herrschaft gerichtete Kämpfe. Die Herrschaftsverhältnisse bedingen einander. Deshalb ist für mich das antisexistische und politische Arbeiten zu einem wesentlichen Teil meiner Identität geworden.
Nur wieso sollte ich versuchen eine freundlichere Variante 'Mann' zu entwickeln, ich versuche doch auch keine antirassistischen Faschisten heranzuziehen. 'Männlichkeit' ist eine sexistische Herrschaftskategorie, die darüber definiert ist und insofern nicht herrschaftsfrei reformierbar ist. Das heißt nicht, daß 'Frau' die Erlösung verkörpert. Dies wird und wurde in der feministischen Bewegung aber hinreichend breit diskutiert und kritisiert, und ist dort jederzeit nachlesbar. Und die Dekonstruktion von 'Weiblichkeit' ist durchaus ein Thema. Mit der Abschaffung des 'Mannes' ist es aber leider auch in der Linken nicht sehr weit her.

Mich kotzt das an, wenn 'antisexistische' 'Männer' nach wie vor, wenn auch mit weichgespülter, Identitätskategorie, agieren und damit letztendlich feministische Kritik zur Reform von 'Männlichkeit' entsprechend den Anforderungen eines postmodernen Kapitalismus nutzen. Der Umgang mit 'männlichen' Betroffenen sexueller Gewalt und die Zumutung nun bitte doch noch eine funktionierende 'Männlichkeit' zu entwickeln ist hier nur eins unter vielen Beispielen.
Außerdem ist der Therapieansatz 'Männer'gruppe zumindest aus meiner Sicht ein Ansatz zur Resozialisierung in Herrschaftsverhältnisse. Genauso wie dieser biologistisch sexistische Unsinn das Jungen 'männliche' Vorbilder brauchen.
Das heißt nicht, daß nicht auch 'Männer' sich um Kindererziehung kümmern sollten, genauso wie um Cloputzen, Abwaschen, Kochen und anderes. Und ich weiß, daß es auch tatsächlich antisexistische 'Männer'gruppen gibt, nur sind die die Ausnahme.

Sexuelle Gewaltverhältnisse einschließlich ihrer extremsten Formen dienen gerade zur Produktion der heterosexistischen zweigeschlechtlichen Ordnung, durch sie werden 'Frauen' und 'Männer' produziert. Der Kampf gegen sexuelle Gewaltverhältnisse ist nicht zu trennen vom Kampf gegen die heterosexistische zweigeschlechtliche Norm und umgekehrt.
Dies gilt für das Familiensystem mit Zugriffsrechten des Vaters, für die vielen kleinen und großen alltäglichen sexistischen Zumutungen an 'Frauen' und die Gewalt gegen 'Frauen', dies gilt für sexualisiertes Dominanzverhalten unter 'Männern', für die sexualisierte Gewalt unter Jugendlichen und Kindern, u.a..
Sexualisiertes Dominanzverhalten ist von Jungen gegen Mädchen und unter Jungen Alltag. Ich spreche nicht von Vergewaltigung sondern von den vielen 'kleinen' Demütigungen, dem Ausnutzen von Schwächen, damit aus Kindern ganze 'Männer' werden, weil ihm klar gemacht wird, daß er nur als 'Mann' ein Recht auf Unversehrtheit hat.




Ein fünfter Anfang - Bio-Macht

"Denn was ist Erwachsensein in dieser Gesellschaft anderes als das Produkt eines Verbrechens, Ergebnis der Gewalt mit der Kinder in unserer Gesellschaft an die Erwachsenenwelt 'herangeführt' werden. Der Normalisierungsgewalt mit der eben junge 'Männer' und 'Frauen' produziert werden.
Dabei wird diese Gewalt nicht nur direkt von Erwachsenen ausgeübt, gerade Kinder werden angehalten abweichendes Verhalten aufs brutalste abzustrafen. Die Kinder dürfen dabei eine Gewalt anwenden, die Erwachsenen zumindest formaljuristisch untersagt ist.
Selbst direkt neofaschistischer Terror kann so als Auseinandersetzung unter Jugendgruppen runtergespielt werde. Und im Schwimmbad ein Kind zu tauchen, daß nicht wie die Anderen ist, ist in diesem Kontext schließlich auch nur normal. Was können die lieben Kindchen dafür, wenn das Getauchte einen Herzfehler hat und stirbt.
Gleichzeitig sind Kinder aber häufig auch noch nicht so angepaßt an die Normen, haben die Gesetzlichkeiten noch nicht so verinnerlicht, und sind auf diese Art und Weise sowohl zu einem erstaunlich abweichenden Verhalten als auch zu erstaunlicher Toleranz in der Lage.
Diese Fähigkeiten machen Erwachsenen häufig Angst, Kinder erscheinen ihnen als geradezu terroristisch, anarchisch, disziplinlos. Da ich nicht glaube, daß diese Anteile wirklich völlig verloren gehen, liegen hier auch Möglichkeiten eines positiven Bezugs auf den eigenen terroristischen Anteil in der Kindheit." (Quelle unbekannt)


In der Neuzeit wurde nach der Analyse von Michel Foucault das alte Konzept der Macht des Schwertes zunehmend abgelöst durch das Konzept der Bio-Macht, die die Verwaltung des Lebens übernimmt. Als Disziplinarmacht gegenüber dem Körper übernimmt sie "seine Dressur, die Steigerung seiner Fähigkeiten, die Ausnutzung seiner Kräfte, das parallele Anwachsen seiner Nützlichkeit und seiner Gelehrigkeit, seine Integration in wirksame und nützliche Kontrollsysteme" und als "Biopolitik der Bevölkerung" als Normierungsmacht, reguliert sie "die Fortpflanzung, die Geburten- und Sterblichkeitsrate, das Gesundheitsniveau" (Alle drei Zitate / Sexualität und Wahrheit Band 1 / Seite 166 / Michel Foucault / Frankfurt a.M. 1977).
"Der Sex eröffnet in diesem Zusammenhang den Zugang sowohl zum Leben des Körpers wie zum Leben der Gattung. Er dient als Matrix der Disziplinen und als Prinzip der Regulierungen" (Sexualität und Wahrheit Band 1 / Seite 174 / Frankfurt a.M. 1977). Das Sexualitätsdispositiv wird damit zu einem Dispositiv der Bio-Macht. Die Sexualität, die Rede von der richtigen Sexualität und die gelebte Sexualität, wird zum Ansatzpunkt der Macht. Dazu kommt das Herrschaft nicht nur auf der Ebene direkter staatlicher Organe reproduziert wird sondern in der Familie, im FreundInnenkreis, in der sexuellen Beziehung, in den Medien, in den Wissenschaften, usw..

Es ist erstaunlich, wie wenig ernst große Teile der Linken ihr eigenes Reden von Bio-Macht nehmen. Denn nehme ich die Analyse Foucaults ernst, dann müßte die Sexualität, die sexuellen Praxen, ihre Auswirkungen auf die Subjekte, die heterosexistische Organisation der Gesellschaft und ihre Modernisierungen, sexuelle Gewaltverhältnisse aber auch sexuelle Wünsche heute im Mittelpunkt der antikapitalistischen Analyse der Reproduktion von Herrschaftsverhältnissen stehen. Zumindest müßten sie einen wichtigen Teil dieser Analyse ausmachen.
Leider ist dies aber nicht so. Die Rede und auch das Schreiben von der Bio-Macht wird leider meist als Mantra verwendet um über das, was mit diesem Begriff gemeint war, nun möglichst gar nicht mehr reden zu müssen. Sexualität und die alltägliche Reproduktion sexueller Identitäten wird als Praxis, die auch von politischer Bedeutung ist, entnannt.
Es ist absurdes Theater z.B. Gen- und Reproduktionstechnologien zu kritisieren ohne die Zusammenhänge dieser Technologie und der Phantasien, die ihr zu Grunde liegen, mit Sexualität, Vorstellungen von Reinheit, Körperlichkeit auch nur zu benennen.

Ich halte Foucault auch auf Grund meiner individuellen Erfahrung für aktuell. Und ich denke, daß nicht unwesentliche Teile der postmodernen Modernisierung des Kapitalismus und der Subjekte über die Modernisierung heterosexistischer Verhältnisse umgesetzt werden. Der Modernisierung kapitalistischer Gewaltverhältnisse entspricht eine Modernisierung heterosexistischer Gewaltverhältnisse. Die Parallelitäten vom schlanken Körper und vom schlanken Staat, usw. sind nicht zufällig.
Sie sind genauso wenig zufällig, wie die Übereinstimmung der Ideologie einer Glück versprechenden leistungsorientierten selbstbestimmten Sexualität mit der Ideologie der modernen sich flexibel selbstbestimmt ausbeutenden und vermarktenden leistungsbereiten glücklichen IchunternehmerIn. Die als Orgasmustauschrelation organisierte Sexualität, mit der souveränen Selbstdarstellung der Subjekte um ihren sexuellen Marktwert zu steigern, ist Trainingsgrund auch für die souveräne Selbstvermarktung am Arbeitsmarkt.

Ich muß mir anschauen, was Menschen gewaltsam angetan wird, aber auch was ihnen versprochen wird, um sie dahin zu bringen, die Sexualität zu entwickeln, die sie haben, und um sie zu den Subjekten zu machen, die sie sind.
Die Frage ist, wie greifen, welche Formen von Sexualität mit alten und neuen Machtpraxen ineinander?
Und wie kann es sein, daß eine höchst sexistisch organisierte Sexualität ideologisch als Freiheit verkauft werden kann, eine Ideologie der Freiheit, die die Schuld des notwendig eingeschriebenen Scheiterns, die eingeschriebenen Gewaltverhältnisse, auf die/den EinzelneN als Opfer, als individuelles Versagen, abwälzt?

Auch dort, wo sexistische Gewalt ausgeübt wird, wird die Schuld unter den heutigen Verhältnissen wieder bei der 'Frau' gesucht - "Wieso hat sie ihn denn nicht schon längst vorher verlassen?" - "Wieso hat sie sich denn überhaupt auf ihn eingelassen?" -. Unter dem Paradigma der Souveränität des sexuellen Handelns wird auch hier die Schuld wieder verstärkt den Opfern zugewiesen.
Hier geht es nicht darum die Täter zu entlasten, natürlich gibt es eine individuelle Entscheidungsmöglichkeit auf ihrer Seite. Die Täter sind nicht Opfer der Strukturen. Als Opfer kann ich hingegen nur darüber entscheiden, ob und wie ich mich wehre, aber nicht darüber, ob ich angegriffen werde. Das System schützt die Täter. Und dies gilt leider auch für die meisten 'linken' Vergewaltigungsdebatten. Die strukturellen Gewaltverhältnisse in der Sexualität, die die Täter tragen und für sich ausnutzen, werden durch die Individualisierung ausgeblendet.

Auch hier ist die Parallelität zum Arbeitsmarkt nicht zufällig. Der bürgerliche Mythos des freischwebenden selbstbestimmten Subjektes, mit der Ausblendung gesellschaftlicher Gewaltstrukturen aber auch der Ausblendung der Reproduktionsarbeit, der der/dem Einzelnen die alleinige Verantwortung für ihr/sein Scheitern zuweist, ist an seiner Basis mit sexistischen Gewaltverhältnissen, die dieses Subjekt produzieren, und ihrer Ausblendung verknüpft. Kinder bilden ihr Subjekt auch heute nicht im Arbeitsmarkt heraus sondern in den Praxen vergeschlechtlichter Gewalt der heterosexistischen Norm.
Sexuelle Gewalt unter Kindern und gegen Kinder und heterosexistische Gewalt insgesamt sind eine wichtige Grundlage der Aufrechterhaltung von Herrschaft in dieser Gesellschaftsordnung.

Nur welche/wer diese Gesellschaftsordnung bekämpft kann diese Gewalt bekämpfen,
und, nur welche/wer diese Gewalt bekämpft wird erfolgreich diese Gesellschaftsordnung bekämpfen.

Die gleichzeitige 'Unschicklichkeit' des Benennens struktureller Gewaltverhältnisse im Geschlechterverhältnis und in der Arbeitswelt, die 'Unschicklichkeit' die GewalttäterInnen als KapitalistInnen und SexistInnen ("Das kannst Du im Flugblatt nicht schreiben, da hören doch die Leute sofort auf zu lesen") zu benennen und die Strukturen der Gewalt, die dieses Ausbeutungssystem tragen, zu kritisieren, dient der Ausblendung dieses Zusammenhangs.
Ein Benennen auch der selbst erfahrenen Gewalt würde ein Bewußtmachen der selbst erlebten und ausgeübten Gewalt voraussetzen, ein solches Benennen würde das souveräne Subjekt unterminieren, es würde die Mythen, von der glücklichen Kindheit, von der grundsätzlich souveränen selbstbestimmten Lebensführung, zerstören, zurück blieben oft nur Wut und Angst.
Lieber halten da viele an schlechten Zuständen fest und beklagen das individuelle Scheitern und die Ungerechtigkeit der Welt.

Das Ziel ist nicht eine richtige disziplinatorische Form von Sexualität oder ein sozialistisches Arbeitsideal zu postulieren, eine solche dient immer nur der Aufrichtung neuer Macht, sondern gerade die jetzt gültigen ideologischen Normen einer richtigen, souveränen, leistungsstarken Sexualität/Arbeitsbereitschaft nieder zu reißen. Es geht darum nur einen Negativbegriff stehen zu lassen, Macht und Gewalt abzulehnen, und ansonsten alles andere zuzulassen.

Und dies muß z.B. auch explizit auf Körpernormierungen und Formen des Agierens zutreffen. Ich behaupte nicht, daß mir das einfach fällt, und ich nicht auch bestimmte Normen internalisiert hätte, auch die, denen ich selbst nicht genüge, nur mein Ziel ist ein anderes.
Ich möchte als unsouveräner Mensch rumlaufen können ohne deshalb Angst zu haben ausgegrenzt, abgewertet oder ausgelacht zu werde, ich finde es einfach eine unsinnige Anstrengung immer wieder Souveränität simulieren zu sollen. Und dies trifft halt nicht nur auf Rhetorikschulungen für das Bewerbungsgespräch zu, sondern auch auf sexualisierte Verhaltensnormen auch in der Linken. Ich wünschte mir, daß Unsouveränität möglich ist, zumindest in unseren Strukturen.
Zum Teil ist dieses Problem sicher auch bewußt und es gibt durchaus Anstrengungen in dieser Richtung.
Ich weiß auch, daß dies nicht einfach ist.




Bisher kein Ende - Sehen was kommt

Noch zur Klarstellung, ich erwarte nicht als 'Mann', der ich auch bin, trotz allem leider immer noch, manches macht das in dieser sexistischen Gesellschaft aber auch für mich einfacher (z.B. bin ich als erwachsener 'Mann' praktisch nicht mehr von den extremen Formen sexueller Gewalt bedroht), in 'Frauen'zusammenhängen aufgenommen zu werden, die gesellschaftlichen Verhältnisse sind nicht danach.
Wenn sie danach wäre, würde diese Begrifflichkeiten 'Männer' und 'Frauen' keinen Sinn mehr machen, und damit wäre es auch überflüssig.

Meine Forderungen richten sich erstmal primär an 'Männer'.

Ich schließe mich einem Zitat von Ingrid Strobl an, die sinngemäß geschrieben hat; Es geht nicht darum das 'Männer' zum Freund der 'Frauen' werden, sondern zum Feind des 'Mannes'.

Fight Sexism - auch und gerade als 'Mann'. Wann hast Du das letzte mal eine antisexistische Aktion organisiert bzw. durchgeführt?

Für objektiven Geschlechtsverrat!




Zum Schluß noch zwei Texthinweise:

Auf das Opfer darf keiner sich berufen / Tanja Schmidt / Bielefeld 2001

Das bestgehütete Geheimnis / Florence Rush / Berlin 1989





Texte zum Thema sexistischer und sexueller Gewalt gegen Kinder aus anarchistischer Sicht - und zum eigenen Umgang mit sexueller Gewalterfahrung - Z.Z.



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Zuletzt aktualisiert 30.10.14



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