J.Djuren



Das Behaarte und

das Unbehaarte



Körperbehaarung und Geschlecht.

Die Formierung des Leibes und Widerstandspraxen

zu Beginn des 21ten Jahrhunderts.





Inhalt



Widmung


Zur AutorIn


Einleitung I - Haßprediger


Einleitung II - Achselhaarrasur, Deodorants als Ursache für Brustkrebs





Fragestellung und Eingrenzungen


- Fragestellungen


- Repression und Freiwilligkeit


- Zusammengefaßte Fragestellungen




I Körperbehaarung im Blick der Wissenschaften


- 1 Die Geschichte aktueller Enthaarungspraxen


- 2 Soziologische und sozialpsychologische Analysen


- 3 Die Feministische Kritik und Schlußfolgerungen




II Möglichkeiten widerständiger Praxen gegen die Normierung des Alltags.
Diskussion dreier Plakatentwürfe zur Auseinandersetzung um Körperbehaarung


- 1 Die Plakatentwürfe


- 2 Diskussion mit zwei feministischen Kulturwissenschaftlerinnen und Schlußfolgerungen


Anmerkung zum Wissenschaftsstandpunkt




Quellen


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Gewidmet


The Hole

und

Julie Ruin

(aka Kathleen Hanna)


deren Musik mich durch die gesamte Arbeitsphase begleitet hat


und Ute[1]


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Hannover

2004/2005


J. Djuren

Schmiedestr. 6

30926 Seelze


J.Djuren@irrliche.org




Titelbild: Plakatentwurf - J. Djuren, Hannover 2005


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"Diese Deutschen, diese Atheisten, diese Europäer rasieren sich nicht unter den Armen. Ihr Schweiß sammelt sich unter ihren Haaren zu einem üblen Geruch, und sie stinken."

Yakup T. - Islamischer Geistlicher aus Kreuzberg, der aufgrund dieverser Äußerungen, unter anderen dieser an zentraler Stelle genannten Äußerung, auf Betreiben der Presse und des Bundesinnenministers als "Haßprediger" aus der BRD ausgewiesen werden sollte.[2]

 

 

"What is Julia thinking? The only place men want to see hair is on a woman's head. Under the arms is unacceptable. From hairy armpits it is only a small step to The Planet Of The Apes"

Tom Loxley - Herausgeber des Magazins Maxim über die Hollywoodschauspielerin Julia Roberts anläßlich eines Auftritts bei einer Filmpremiere mit unrasierten Achseln. Von einem Einreiseverbot in die BRD als "Haßprediger" ist mir bisher nichts bekannt.[3]


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"Studie: Deo und Achselhaar-Rasur erhöhen Brustkrebsrisiko

 

London (rpo). Frauen, die regelmäßig ein Deo benutzen und ihre Achselhaare rasieren, haben möglicherweise ein höheres Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Zu dieser Erkenntnis kam eine amerikanische Studie aus Chicago[4], Forscher aus Seattle warteten allerdings mit gegensätzlichen Ergebnissen auf.

 

Zu diesem Schluß kamen Forscher der Northwestern University in Chicago, wie das Fachmagazin "New Scientist" berichtet. Die Forscher vermuten, dass Aluminiumbestandteile in Deos für das höhere Risiko verantwortlich seien. Ein Beweis sei die Studie aber noch nicht. Die Ergebnisse müssten in einer größeren Untersuchung überprüft werden.

 

Dem Bericht zufolge hatte der Arzt Kris McGrath in einer Untersuchung 437 Brustkrebs-patientinnen in vier Gruppen nach Häufigkeit der Deo-Benutzung und der Achselhaarrasur aufgeteilt. Der Brustkrebs trat bei Patientinnen, die mindestens drei Mal die Woche ihre Achselhaare rasiert und mindestens zwei Mal die Woche ein Deo benutzt hatten, 15 Jahre früher auf, als bei Frauen, die nichts von beidem taten.

 

Keinen Hinweis auf ein höheres Brustkrebsrisiko habe es jedoch gegeben, wenn Frauen ausschließlich ein Deo benutzt oder statt dessen nur ihre Achselhaare rasiert haben. Mehr als die Hälfte aller Brustkrebstumore träten in der Nähe der Achselhöhle auf.

 

Zu einem entgegengesetzten Ergebnis kamen dagegen Forscher um Dana Mirick vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle in einer Studie an 1.600 Frauen vor zwei Jahren.

 

Dabei wurden 800 Patientinnen mit Brustkrebs und 800 gesunde Frauen miteinander verglichen. In der Untersuchung aus dem Jahr 2002 wurde auch nach der Deo-Benutzung und der Achselhaarrasur gefragt. Eine Verbindung zu einem erhöhten Krebsrisiko habe nicht festgestellt werden können." [5]



Würde ein ähnliches Ergebnis für irgendein Nahrungsmittel herausgefunden werden, wäre dies mit Sicherheit eine Information, die sich trotz der Unsicherheit vielfältig in medizinischer Ratgeberliteratur und Gesundheitstips wiederfinden würde. Obwohl die Studie eine Vermutung untersucht, die schon seit Jahren am Rande medizinischer Kongresse diskutiert wurde[6], ist diese Information z.B. in den von mir gelesen angeblich neutralen Gesundheitsratgebern (z.B. netdoctor.at), die im Regelfall massiv Reklame für die Haarentfernung machen, nirgends zu finden. Zu sehen ist, daß diese 'neutralen' Ratgeberseiten zumindest im Internet in der Regel zu einem erheblichen Teil über Werbung der Wellness- und Beautyindustrie finanziert werden, einer Industrie, die nicht unerheblich an Haarentfernung verdient[7]. Eine solche Information paßt offensichtlich nicht ins Werbeumfeld.

Im Internet lassen sich im englischen Sprachraum aber einige Artikel finden, die sich mit der Studie von Kris McGrath auseinandersetzen. So schätzt z.B. Janet Boivin, Editorial Director des Magazins Nursing Spectrum, in einem Artikel für dieses Magazin[8] die Untersuchung als seriös ein und setzt sich mit entsprechenden Handlungsmöglichkeiten auseinander.


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Fragestellung und Eingrenzungen



- Fragestellungen



Karikatur aus der Zeitschrift fiber, Wien 2002[9]


Ausgangspunkt dieser Arbeit ist nicht so sehr die Frage nach der Körperbehaarung, nicht die Frage, wieviel an welchem Fleck wann zu wachsen hat oder nicht, sondern die Frage nach der Art und Weise, wie solche Modeerscheinungen zur sozialen Norm werden, wie soziale Normen produziert und reproduziert werden und wie Widerstand möglich ist, bzw. wo er ansetzen kann.


Mein eigenes Interesse an dieser Frage mag dabei darin begründet sein, daß ich als Schüler immer wieder massiv aufgrund der Nichterfüllung sozialer Normen Gewalt und Ausgrenzung ausgesetzt war. In den westlichen Industrienationen gibt es eine Art Auslagerung der Gewaltverhältnisse aus der elterlichen Erziehungspraxis und aus der Autorität der LehrerInnen auf die Peergroups. Die körperliche Gewalt, die sozialen und psychischen Gewalttätigkeiten, die im Verhältnis LehrerIn-SchülerIn und Eltern-Kind nicht mehr als zivil gilt, wird an MitschülerInnen sowie andere Kinder und Jugendliche delegiert. Deutlich wird dies an einem so 'harmlosen' Kinderbuch wie Harry Potter. Die SchülerInnen, die in der dort beschriebenen Schule für Magie leben, sind auf vier sogenannte Häuser aufgeteilt. Falls ein Kind von den gesetzten Normen abweicht, wird nicht primär das Kind direkt bestraft, sondern das Haus, in dem das Kind lebt, bekommt Punktabzug. Die Bestrafung wird also den anderen Kindern und Jugendlichen aus dem gleichen Haus überlassen. Der hier induzierte Gruppenterror stellt, da er nicht an die Einhaltung von Regeln gebunden ist wie die Autorität, gegenüber der autoritären Gewalt eine Steigerung dar. Den meisten LeserInnen, die ich gesprochen habe, ist dieses Funktionsprinzip nicht einmal aufgefallen, für sie war das völlig normal. Dabei ist zu sehen, daß es sich hier um Disziplinierungsprinzipien handelt, die für das Gefängnissystem oder das Militär typisch sind.


Die Gewaltfrage der heutigen Gesellschaft der BRD ist nicht zu lösen durch die Stigmatisierung der Anwendung von Gewalt in bestimmten Bereichen wie Familie und Schule. Dies führt, solange die Ursachen nicht angegangen werden, nur zu ihrer Verlagerung. Die Ursachen liegen für mich aber in der Aufrichtung sozialer Normen. Diese Normen zeichnen sich für mich gerade dadurch als Normen aus, daß Abweichungen mit geradezu abgrundtiefem Haß verfolgt werden. Aufgrund von Erfahrungen mit Reaktionen auf Abweichungen von sexuellen oder kulturellen Normen dürfte dies jeder/jedem bekannt sein.

Vielleicht sind einige Normen notwendig, um den Umgang von Menschen miteinander zu regeln, die meisten halte ich aber für überflüssig. Sie dienen lediglich der Reproduktion von Herrschaftsverhältnissen.


Auf jeden Fall ist eine Mindestforderung, die ich stellen würde, die Normsetzungen einem offenen und bewußten gesellschaftlichen politischen Kritik- und Entscheidungsprozeß zugänglich zu machen.


Dazu ist es aber eben notwendig, zuerst den Prozeß der Normsetzung und Reproduktion zu verstehen.


Mir geht es hier nicht darum, zu begreifen, warum einzelne Menschen ihr Körperhaar rasieren, sondern um die Frage, wie dies als Norm durchgesetzt und reproduziert wird, und welche Möglichkeiten und Ansätze zum Widerstand gegen die Normierung des Alltags sich aus der Analyse ergeben.


Das Beispiel des gesellschaftlichen normativen Umgangs mit Körperbehaarung eignet sich aus meiner Sicht gerade deshalb besonders für eine solche Analyse, weil die Enthaarungsnorm mit keinerlei sachlicher Legitimation verknüpft ist. Dem gegenüber werden Forderungen, z.B. nach Gewichtsreduzierung, häufig mit medizinischen Argumenten oder der Leistungsfähigkeit begründet. Für die Enthaarungsnorm spielen solche legitimatorischen Sachargumente keinerlei Rolle. Bei meiner gesamten Recherche für diesen Text ist mir nur einmal ein solches Argument untergekommen. Eine Bekannte erzählte mir, daß ihre Ärztin, bei der sie aufgrund von Entzündungen am Bein in Behandlung war, darauf hinwies, daß das Nichtentfernen der Beinbehaarung Entzündungen befördern würde.[10] Auch wenn diese Argumentationspraxis nicht die Regel darstellt, weist sie doch auf die Tendenz hin, soziale Normen durch vorgeschobene Sachargumentationen zu legitimieren, denn ich habe noch nie etwas von dem Problem der häufigen entzündlichen Prozesse an unrasierten Männerbeinen gehört. Das Argument ist offensichtlicher Unsinn und wurde hier trotzdem immerhin von einer Ärztin vertreten.

Im öffentlichen Diskurs über Haarentfernung, in der Schönheitsratgeberliteratur oder in der Reklame für Enthaarungsmittel, spielt dies aber keine Rolle. Im Gegenteil, in der Konkurrenz der unterschiedlichen AnbieterInnen wird immer wieder darauf hingewiesen, daß die falsche Methode und die falschen Mittel gerade bei der Haarentfernung zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen könnten - natürlich nur, um dann das richtige und sanfte Mittel zum Kauf zu empfehlen.


"Vorsicht in der Bikinizone mit dem Naßrasierer, das geht gefahrloser mit einem elektrischen Ladyshaver."[11]


"Vorsicht: Bei diesen hohen Stromstufen muss die Nadel unbedingt isoliert sein, sonst verbrennt die Haut entlang der Nadel."[12]

Bemerkung zur Thermolyse


"[..] die Haut ist nach der Enthaarung sehr anfällig für Bakterien."[13]


Dadurch, daß bzgl. der Enthaarung auf Sachargumente weitestgehend verzichtet wird, wird die Analyse einfacher, da der Blick auf die Funktionsmechanismen der Normierung nicht durch vorgeschobene rationale Begründungen verstellt wird.


Ich befasse mich an dieser Stelle auch nur mit Körperbehaarung und nicht mit Kopfbehaarung. Haarmoden und Bärte haben eine andere symbolische Bedeutung als das Körperhaar. Sie sind in dieser Gesellschaft heute vielfältig und eher eine Frage der Mode als der Norm. Deutlich wird der Unterschied auch daran, daß es hier um Enthaarung geht und nicht um Körperhaarfrisuren. Die Besonderheit von Schamhaarfrisuren wurde insofern ebenfalls ausgelassen.


Beim Umgang mit der Totalentfernung und dem Kürzen von Schamhaaren geht es allerdings um parallele Argumentationen wie bei der sonstigen Körperbehaarung.

So heißt es auf einer Internetseite - the-clitoris.com - auf der für Schamhaarkürzung geworben wird:


"Obwohl ich Frauen ermutigen möchte, dass Kürzen oder rasieren ihrer Schamhaare in Betracht zu ziehen, gibt es doch auch Gründe, es nicht zu tun. Wenn eine Frau keinen Vorteil empfindet oder fühlt, dass sie es einfach nicht kann, wird sie es wahrscheinlich nicht tun. Eine Frau muß neugierig und aufgeschlossen sein, wenn sie die Vorzüge dieser Praxis erfahren möchte."[14]


Im weiteren Text wird dann argumentiert, daß Frau sich nicht so haben solle, wenn der männliche Partner es wünscht, es wären ja nur Haare, die könne sie ja wohl auch gegen ihren Willen ihm zu Liebe entfernen. Ganz am Anfang des Artikels heißt es, in Amerika täten dies ohnehin schon sehr viele Frauen. Und:


"Die natürlichen Körperflüssigkeiten, die eine Frau erzeugt, können sich in den Haaren ansammeln, besonders Menstruationsblut. [...] US-amerikanische Frauen und europäische Frauen, die heutzutage ihre Schamhaare entfernen, auch wenn sie über fließend Wasser verfügen, berichten oft, dass sie es leichter finden, ihre Vulva sauber zu halten und sie fühlen sich trockener während ihrer täglichen Aktivitäten. Das gilt besonders während der Menstruation."[15]


Hier finden wir eien Teil der 'Argumente', die immer wieder für die Entfernung von Körperhaar aufgefahren werden.


- Körperbehaarung ist unhygienisch

- Frau soll ihre eigene Körperlichkeit dem Wunsch von Männern unterordnen

- in Ländern wie den USA tun dies ohnehin schon viele Frauen (d.h. moderne Frauen)

- die Körperhaarrasur zeigt sexuelle Offenheit, rasiert Frau sich nicht, ist sie potentiell nicht selbstbewußt genug


Tatsächlich sagen psychologische Untersuchungen bezogen auf Australien etwas anderes aus. Da die Körperhaarrasur die Norm ist, bzw. der an die Frauen herangetragene Wunsch, neigen vor allem Frauen, die unsicher sind, zur Entfernung ihrer Körperhaare, bzw. im statistischen Mittel gilt, daß nur sehr selbstsichere Frauen sie nicht entfernen.[16] Auch der Ländervergleich ist etwas absurd, im selben oben zitierten Text wird interessanterweise auch noch in einer Anmerkung deutlich, daß die Totalentfernung auch im arabischen Raum zum Standard gehört. Dies wurde aber nicht an den Anfang des Artikels gestellt, hätte es doch die Frage thematisiert, was Körperhaarentfernung mit spezifischen Strukturierungen einer Gesellschaft, mit einer ausgeprägten männlichen Kontrolle weiblicher Sexualität zu tun hat, und den Zusammenhang mit der Bedeckung des Kopfhaares zum Thema gemacht. Das Bild der rasierten Frau wäre dann wohl kaum modern konnotiert. Das Argument, daß hiesige Frauen sich rasieren müßten, weil Frauen in Saudi-Arabien dies täten, überzeugt sicherlich nicht sonderlich. Dabei geht es hier nicht um eine Kritik daran, daß einzelne Frauen Kopftücher tragen oder sich die Körperhaare rasieren, sondern um die Kritik von Normen, die diese Praxen zum Zwang machen.


Von feministischen Frauen aus der Türkei heißt es dann auch in einem Text zur Kritik sexistischer Gewalt sehr deutlich:


"Die meisten von uns verbringen zwangsläufig einen großen Teil ihrer Zeit und Energie damit, sich mit ihren Körpern zu beschäftigen. Wir ziehen uns nicht für uns selbst an, sondern um männliche Beachtung zu erhalten. Für viele von uns ist es eine Notwendigkeit, unsere Körper der neuesten Mode entsprechend zu formen. Übergewicht kann dazu führen, dass Frauen sich vor sich selbst ekeln. Frauen, die ihre Körperbehaarung nicht wirksam bekämpfen, werden als anormal und krankhaft betrachtet.."[17] [18]


Die Verknüpfung der Frage der Hygiene mit dem Menstruationsblut und den natürlichen Körperflüssigkeiten, die eine Frau erzeugt, weist außerdem auf die Reaktivierung eines sehr alten Tabus, demzufolge Menstruationsblut alle möglichen vor allem für Männer gefährlichen Eigenschaften zugeschrieben werden und das direkt auf die männlichen Sexualängste, die mit der weiblichen Potenz verbunden sind, rekuriert. Auch hier geht es damit um die Kontrolle weiblicher Sexualität, nur das sie nun als moderne Disziplinartechnik in westlichen Industriestaaten als 'freiwillige' Selbstkontrolle der Frauen im neuen Gewand einherschreitet.


Auch hier muß die Besonderheit solcher Internetseiten berücksichtigt werden. The-Clitoris.com tritt vom ersten Eindruck als persönliche unabhängige sexuelle Ratgeberinnenseite im Interesse der Befreiung der Sexualität der Frau auf. Genauer hingeschaut ist dies eine Seite, die der Werbung für Sexshops und Hardcorepornographie[19] dient. Das Copyright hält der Fox-Konzern[20], also einer der größten und reaktionärsten Medienkonzerne der Welt. Welche/wer genau hinter dieser Seite steht und wessen Interessen hier vertreten werden, ist völlig unklar[21]. Die mangelnde kritische Recherche vieler NetzseitenbetreiberInnen führt aber häufig zu einer relativ unkritischen Verlinkung und damit Werbung für solche scheinbar neutral aufklärerischen Seiten. So wird diese Seite und damit die Werbung für Hardcorepornographie z.B. auch von bürgerlich feministischen Seiten aus verlinkt[22].


Es stellt sich die Frage, wieso diese Propaganda jetzt im deutschen Sprachraum relevant wird.


Das Augenmerk ist hier auf die Pole behaart und unbehaart gerichtet.


Die Fragen, die hier bearbeitet werden sollen, sind:

Wie werden implizite Wissensbestände über das richtige normative Verhalten vermittelt?

Wie wird z.B. implizites Wissen über die richtige Körperhaarpflege, das richtige geschlechtliche Verhalten, vermittelt?

Wie und warum ändern sich Normen?

Wie steht das im Zusammenhang mit Prozessen der Macht- und Subjektkonstitution?

Welche Widerstandsmöglichkeiten eröffnet dies?


Ich werde dazu, nach einem kurzen Überblick über die historische Entwicklung des heutigen Umgangs mit Körperbehaarung, ausführlich Texte aus der Soziologie, Sozialpsychologie und der feministischen Wissenschaft zum Thema diskutieren. Im Anschluß werde ich einige aktuelle Entwicklungen schildern und ein konkretes Projekt zur Kritik der heutigen Normierungspraxis vorstellen und diskutieren.


Ich sehe diese Auseindersetzung mit Normen und ihrer Genese in einem Kontext mit zwei anderen Themenbereichen.


Einmal der Selbstdefinition des Subjektes.


Ich selbst definiere mich sehr stark über mein Handeln und die Wirkungen dieses Handelns und fast gar nicht über meine gesellschaftliche Position. Das heißt, für mein Selbstwertgefühl ist das Erreichen von Zielen, die ich mir stelle, relevant, wobei Ziele nur materielle Produkte, die Schaffung sozialer Zusammenhänge oder politische Veränderungen und ähnliches sein können. Eine gesellschaftliche Position zu erreichen, ist für mich kein Ziel, höchstens ein Mittel zum Zweck, da ich allein durch das Erreichen einer Position gar nichts bewirke. Eventuell gibt mir die Position aber Möglichkeiten, etwas zu bewirken. Im Regelfall ergibt sich jedoch für mich aus meiner zwanzigjährigen politischen Erfahrung, daß, um so höher die gesellschaftliche Position, desto geringer sind die Wirkungsmöglichkeiten. Dies hängt mit den Bedingungen zusammen, die Menschen erfüllen müssen, um solche Positionen einzunehmen und die zu einer ausgeprägten Verunfähigung zum kritischen Denken und politischem Handeln führen, von Ausnahmen einmal abgesehen. Das beste Beispiel für eine solche Verunfähigung hat im letzten Jahrzehnt sicherlich die Partei der GRÜNEN vorgeführt, die mit immer größerer Machtbeteiligung immer weniger bewirkt hat.

Viele andere Menschen, die ich kenne, definieren sich aber viel stärker über ihre Position als über ihr Handeln und seine Wirkung. Das Handeln und seine Wirkung wird in einer für mich seltsamen Verdrehung sogar primär zum Mittel, um einen Zweck, meist um eine bestimmte Position zu erreichen, eine bestimmte Karriere zu machen. Ich vermute einen Zusammenhang zwischen dieser zweiten Subjektposition und der Reproduktion und Produktion sozialer Normen und ihrer aggressiven Verteidigung. Dies wird im Folgenden zu diskutieren sein.


Hiermit im Zusammenhang steht für mich die Frage für welche/wen die Frage nach dem Zusammenhang von sozialer Norm z.B. Körperbehaarung, Gewalt und Macht überhaupt einleuchtend bzw. zulässig ist, wird sie doch von nicht wenigen von vorneherein als unzulässig zurückgewiesen. Dies zeigen zwei Reaktionen im Internet auf einen feministischen Artikel zur Kritik des Umgangs mit Körperbehaarung.


"The US has bombs and guns pointed at Iraq, is mired in Afghanistan warfare, but we're supposed to worry about who does and doesn't shave, and why. No wonder the left can't get it's crap together, if this counts as a legitimate "issue"."[23]

 

"Com'n! This is just a matter of culture. Down through the ages, different peoples have viewed beauty differently. Will what we view as beauty today be what our culture views as beauty tomorrow? Probably not."[24]


Nur für Menschen, für die die gesellschaftliche Positionierung und die Erfüllung sozialer Normen nicht ein Mittel zur Durchsetzung spezifischer Politiken ist, und somit eine politische Positionierung, sondern Selbstzweck, machen solche Argumente Sinn.



Der zweite Themenbereich, den ich eng verknüpft sehe mit dem hier behandelten Thema der Normierung und insbesondere auch dem Beispiel des Umgangs mit Körperbehaarung, ist das Thema Geschlechtsidentität, ihre Produktion und Reproduktion.


Die Entfernung von Körperhaaren ist für das letzte Jahrhundert in Deutschland und dem englischsprachigen Raum fast ausschließlich eine Praxis, die Frauen betrifft. Daß ein Zusammenhang zwischen der Produktion der Geschlechtsidentität und dem Umgang mit Körperbehaarung besteht, ist dadurch bereits offensichtlich.

Explizit wird dies in psychologischen Studien bzgl. USA und Australien festgestellt.


"A major component of "feminity" in the United States today is a hairless body (even pubic hair may be shaved)"[25]

 

"The reason women cite for current hair-removal are those relating to feminity and attractiveness"[26]

 

Selbst wenn heute zumindest in Deutschland auch Werbung für Männer zur Körperhaarentfernung lanciert wird[27], so kann doch bisher nicht von einer Norm gesprochen werden. Interessant ist dies aber im Kontext der Argumente, die in der Sicherstellung der Geschlechterdifferenz die primäre Funktion der Körperhaarentfernung sehen.


Als weiterer Beleg für die Verknüpfung von Geschlechstidentität und dem Umgang mit Körperbehaarung kann das Diskussionsinteresse gewertet werden, welches dieses Thema kontrovers bei Männern und Frauen hervorruft, wenn es aus explizit feministischer Positionierung um eine Infragestellung des Status Quo geht. So hat der aus dem Guardian übernommene auf Indymedia publizierte Artikel "Women of the left - overcome your fear of bodyhair!!!" schon am ersten Tag 10 Kommentare provoziert[28]. Dies zeigt, daß es sich offensichtlich um eine Grenzlinie in der Auseinandersetzung um Geschlecht und Körper handelt.


Auch die öffentliche Wahrnehmung von Körperbehaarung weiblicher Rockstars wie Peaches, die explizit mit dem Symbol Körperbehaarung eine Art ungezähmter Sexualität in Szene setzt und damit sowohl pornographische Assoziationen beim männlichen Publikum hervorruft wie auch Interesse bei ihrer lesbischen Fangemeinde weckt, verweist auf das Spiel mit der Geschlechtsidentität.


"Im Video zu 'Set it of' spielte Peaches mit dem Thema weiblicher Körperbehaarung. In einem pinkfarbenen Minibikini tanzend, wird sie zur über und über behaarten Frau - inklusive massivem Damenbart und Wolle in den Achselhöhlen, was besonders im klinisch epilierten Nordamerika zu ausgedehnten Diskussionen führte."[29]


"Vor der Bühne drängt sich jeweils die Lesbenszene - in der man Peaches als Ikone feiert - Schulter an Schulter mit Männern, die die kleine, dunkelgelockte Frau in der sexy Unterwäsche für einen Pornotraum halten"[30]


Da ich mich gerne selbst als eher körperlich androgyn auffasse, sind die Praxen der körperlich geschlechtlichen Vereindeutigung durch Rasur eine direkte Herausforderung, wird doch meine in vielen Bereichen eher geringe Körperbehaarung durch die Rasurpraxis von Frauen wieder zu einem deutlichen Differenzmarker, obwohl dies natürlicherweise gar nicht so wäre.

Ich nehme auch meinen biologischen Leib nicht als geschlechtlich eindeutig wahr, vielmehr ist meine Wahrnehmung, daß auch die biologische Eindeutigkeit produziert wird, fällt es mir Doch leichter Teile meiner leiblichen Sexualität in den Beschreibungen naher Freundinnen wiederzufinden als im männlichen Klischee.[31]

Da ich seit 20 Jahren zum Thema der epistemologischen Kritik der Naturwissenschaften (Luce Irigaray / Julia Kristeva / Ludwig Wittgenstein / Immanuel Kant / Feministischen Naturwissenschaftskritik / Gaston Bachelard / .. ) arbeite, ist die Annahme, die Naturwissenschaften würden objektive materielle Realitäten objektiv beschreiben, aus meiner Sicht sowieso absurd. Mit Donna Haraway und Sandra Harding[32] würde ich sowohl für die Naturwissenschaften wie für jede andere wissenschaftliche Arbeit das Prinzip der starken Objektivität als Grundlage einfordern.


"Es geht darum, die Welt zu verändern, eine Wahl zu treffen zwischen verschiedenen Lebensweisen und Weltauffassungen. Um dies zu tun, muß man handeln, muß begrenzt und schmutzig sein, nicht transzendent und sauber. Wissensproduzierende Technologien, einschließlich der Modellierung von Subjektpositionen und der Wege der Besetzung solcher Positionen, müssen immer wieder sichtbar und offen für kritische Eingriffe gemacht werden."[33]


Das heißt, da eine nichpositionierte Position eine Unmöglichkeit darstellt, ist für jede wissenschaftliche Arbeit, die den Begriff wissenschaftlich weiterhin für sich reklamieren will, einzufordern, daß die AutorInnen sich die eigene Positionierung klar machen und jene auch im Text offenlegen. Nach diesem Prinzip ist nur ein Text, der die persönlichen Erfahrungen und Ziele thematisiert, weiterhin wissenschaftlich zu nennen. Dies nicht zu tun, heißt, die eigenen Vorurteile nur unreflektiert und hinter objektivistischen Formulierungen verschleiert wirken zu lassen.


Meine Wahrnehmung der Biologie findet sich für mich in den Theorien Judith Butlers von der performativen Produktion des sozialen wie des biologischen Geschlechts wieder.


"Wenn die Attribute der Geschlechtsidentität nicht expressiv, sondern performativ sind, wird die Identität, die sie angeblich nur ausdrücken oder offenbaren sollen, in Wirklichkeit durch diese Attribute konstituiert. Die Unterscheidung zwischen Ausdruck und Performanz ist zentral: Wenn die Attribute und Akte der Geschlechtsidentität, die verschiedenen Formen, in denen ein Körper seine kulturelle Bezeichnung zum Vorschein bringt oder produziert, performativ sind, gibt es keine vorgängige existierende Identität, an der ein Akt oder Attribut gemessen werden könnte. [..] Daß die Geschlechter-Realität durch aufrechterhaltene gesellschaftliche Performancen geschaffen wird, bedeutet gerade, daß die Begriffe des wesenhaften Geschlechts und der wahren oder unvergänglichen Männlichkeit und Weiblichkeit ebenfalls konstituiert sind."[34]


"Was ich [..] vorschlagen möchte, ist eine Rückkehr zum Begriff der Materie, jedoch nicht als Ort oder Oberfläche vorgestellt, sondern als ein Prozeß der Materialisierung, der im Laufe der Zeit stabil wird, so daß sich die Wirkung von Begrenzung, Festigkeit und Oberfläche herstellt, den wir Materie nennen. Daß die Materie immer etwas zur Materie Gewordenes ist, muß meiner Meinung nach mit Bezug auf die produktiven und eben auch materialisierenden Effekte von regulierender Macht im Foucaultschen Sinne gedacht werden. Dementsprechend lautet die Frage künftig nicht mehr, wie das soziale Geschlecht als eine und durch eine bestimmte Interpretation des biologischen Geschlechts konstituiert wird (eine Frage, bei der die "Materie" des biologischen Geschlechts von der Theorie ausgespart bleibt), sondern vielmehr: Durch welche regulierenden Normen wird das biologische Geschlecht selbst materialisiert?[35]


Dabei ist zu berücksichtigen, daß dies nicht bedeutet, daß Geschlecht beliebig frei wählbar wäre. Vielmehr ist mit Butler zu konstatieren, daß das diskursive, in der Interaktion erzeugte Geschlecht eine härtere Materialität besitzen kann, als dies für eine leibliche Realität gilt.


Für Menschen, die von sexuellen Normen abweichen, erscheint es so oft einfacher, den biologischen Leib den Normen anzupassen, als die Normen zu verändern oder ihnen Widerstand entgegenzusetzen und z.B. in einem Leib, der als weiblicher angesehen und als solcher in der Interaktion von anderen immer wieder reproduziert wird, als Mann zu leben, und sich damit im Nirgendwo einer Nichtexistenz zu befinden, da eine solche widersprüchliche Verortung in der Interaktion auf permanenten Widerstand stößt.


Dies muß als eine Form der Materialisierung im Diskurs begriffen werden, der ein Gewaltverhältnis darstellt. Stefan Hirschauers beschreibt die Selbstkonzeption von Menschen, die nicht in die übliche Geschlechternorm passen, ihrer selbst als Transsexueller, in diesem Sinn als Anpassung an die Norm.


"Mit dieser Sozio-Logik der Konstruktion einer transsexuellen Geschlechtszugehörigkeit soll verdeutlicht sein, daß transsexuelles Sense-Making von vornherein ein Versuch der Selbstnormalisierung ist. Wenn Geschlechtswechsler versuchen, sich in Ordnung zu bringen, dann in die Ordnung, die ihre Kultur für zwei Geschlechter vorsieht."[36]


Ausgehend von der Gewalt der Norm, die diese biologische Normalisierung erzwingt, ist hier von einer Transsexualisierung dieser Menschen zu reden. Was Hirschauer ausführlicher darstellt.

Die Transsexualisierung von Menschen würde in diesem Sinn darin bestehen, daß in der Interaktion eine beständige Iritation aufgebaut wird zwischen einer sozialen/psychischen Geschlechtsidentität und einer leiblichen, die aber beide produziert werden, die beide Normierungen darstellen.[37]


In diesem Sinn läßt sich die Ursache für die Körperenthaarungspraxen auch in einer Transsexualisierung der Frauen in den modernen Industriegesellschaften begreifen. Eine Transsexualisierung, die dadurch stattfindet, daß ein diskursives Ideal von Weiblichkeit als Norm immer weiter von der leiblichen Realität abweicht. Menschen, die sich als Frauen definieren, bzw. so definiert werden, werden dadurch gezwungen, ihren Leib durch operative und andere Eingriffe wie Rasur, Hungerpraxen, Hormontheraphien usw. als weiblichen erst zu produzieren.

Dies könnte damit zusammen hängen, daß die moderne geschlechtliche Norm primär auf den Leib abzielt, die Darstellung der Geschlechtlichkeit in diesen Leib eingeschrieben werden muß, und die 'richtige' Kleidung und das 'richtige' Auftreten alleine, wie im Mittelalter[38], nicht mehr ausreichen, bzw. nicht mehr klar definiert sind. Da der Leib als Materialität aber nicht im voraus eindeutig ist, muß die Norm zwangsläufig von dieser amorphen Realität des Leibes abweichen und eine irreale vereindeutigende Fiktion darstellen. Dies führt zwangsläufig dazu, daß die reale Leiblichkeit von Frauen zunehmend monströs wird im Vergleich zu dieser Norm.

Frauen werden in eine transsexuelle Position geschoben, die viele Menschen offensichtlich als Bedrohung wahrnehmen; entsprechend groß ist die 'Bereitschaft', bzw. der Druck, sich mit Gewalt, die in diesem Fall gegen den eigenen weiblichen Körper gerichtet ist, zu normalisieren.


Ausgehend von der Analyse Michel Foucaults über die Bedeutung der Sexualität und der mit ihr verknüpften Politiken für die Disziplinierung der Körper und ihrer Nutzbarnachung, im Sinne eines Konzeptes von Bio-Macht, ergibt sich aber noch eine andere Perspektive.


In der Neuzeit wurde nach der Analyse von Michel Foucault das alte Konzept der Macht des Schwertes zunehmend abgelöst durch das Konzept der Bio-Macht, die die Verwaltung des Lebens übernimmt. Als Disziplinarmacht gegenüber dem Körper übernimmt sie "seine Dressur, die Steigerung seiner Fähigkeiten, die Ausnutzung seiner Kräfte, das parallele Anwachsen seiner Nützlichkeit und seiner Gelehrigkeit, seine Integration in wirksame und nützliche Kontrollsysteme".[39]

"Der Sex eröffnet in diesem Zusammenhang den Zugang sowohl zum Leben des Körpers wie zum Leben der Gattung. Er dient als Matrix der Disziplinen und als Prinzip der Regulierungen"[40]. Das Sexualitätsdispositiv wird damit zu einem Dispositiv der Bio-Macht. Die Sexualität, die Rede von der richtigen Sexualität und die gelebte Sexualität, werden zum Ansatzpunkt der Macht. Dazu kommt, daß Herrschaft nicht nur auf der Ebene direkter staatlicher Organe reproduziert wird, sondern in der Familie, im FreundInnenkreis, in der sexuellen Beziehung, in den Medien, in den Wissenschaften, usw..


In diesem Konzept könnte die Enthaarungspraxis als Teil der sexuellen Norm und der Disziplinierung der Körper zu ihrer Nutzbarmachung verstanden werden, z.B. für den kapitalistischen Konsum, aber auch für eine neue Formierung der Subjekte als Waren, die sich selbst vermarkten.

Da sich dies erst einmal nicht spezifisch an ein Geschlecht richtet, wäre zu fragen, inwieweit sich hier eine Geschlechterdynamik zeigt, bei der Frauen die Rolle der ersten Opfer aber auch der ersten Agentinnen der Macht zugeschoben wird. Zu klären wäre, wie die Funktion der Körperdisziplinierung über die sexuelle Disziplinierung läuft, die sich zuerst in der sexistischen Herrschaftsordnung auf die Frauen richtet, um dann von diesen quasi als Rache auf Kinder und Männer übertragen zu werden. Die Frauen wären in diesem Bild die Mittäterinnen, die die Disziplinarmacht auf die gesamte Gesellschaft ausdehnten.

Wolfgang Hegener sieht in diesem Sinn, unter Rekurs auf soziologische Untersuchungen, auch die schwule Subkultur als einen Ausgangspunkt der Übertragung solcher Disziplinartechniken auf Männer.


""Den (männlichen - W.H.) Homosexuellen dürfte eine Pionier-Rolle vor allem bei der Erschließung der Männer für Märkte und Konsum-Komplexe zukommen, bei denen tiefverwurzelte Exhibitionismus-Hemmungen und Weiblichkeits-Ängste der Männer zu überwinden sind". Die männlichen Homosexuellen bilden gleichsam ein Scharnier zur Durchsexualisierung der männlichen Körper überhaupt. Dies scheint um so notwendiger, als die Männer hinsichtlich der "Konsum-Komplexe" eindeutig rückständig sind; [..]"[41]


Erste Ansätze einer derartigen allgemeinen Disziplinartechnik bei der Körperbehaarung zeigen sich einmal in der zunehmenden Rasurpraxis von Männern[42] und darin, daß Frauen nun auch männliche behaarte Körper zunehmend ekelig finden, d.h. ihren Ekel vor Haaren auf den männlichen Körper ausdehnen, und anfangen, entsprechende Anforderungen der Rasur von Achselhaaren und der Intimbehaarung zu stellen.[43]


"Intimbereich und unter den Armen muß rasiert sein.

Ich find's so grausam, wenn man schwimmen ist und im Whirlpool sitzt und zu einem steigt dann ein Typ rein, der seine Arme auf den Rand legt und aus den Achseln sprießen die Haare....wäh....dann bin ich weg...

evi"[44]




Bild aus der schon genannten Werbung auf 1und1[45]



Es gibt mittlerweile auch schon länger einschlägige Schönheitsratgeberliteratur für Männer.


"Schon die Indianer fanden es schick, sich die Haare auszureißen. Auch bei uns ist derzeit ein glatter Body angesagt: An den männlichen Models auf Werbefotos ist kaum ein Haar dran."[46]


Bebildert ist dieses Buch entsprechend ausschließlich mit enthaarten Männern.


Noch einmal muß hier darauf hingewiesen werden, daß Internetseiten wie Netdoktor.at, die Seite, von der der Artikel mit der Aufforderung zur Enthaarung an Männer gerichtet ist, u.a., die als seriöse unabhängige Ratgeberseiten auftreten, wesentlich über Werbung finanziert werden. Diese Werbung wird nicht unbeträchtlich von der Beauty- und Wellnessindustrie gestellt. Bei netdoktor.at ist es auch möglich, redaktionelle Beiträge zu kaufen, das heißt, eigene Inhalte als redaktionelle Beiträge gegen Geld einstellen zu lassen. Die Frage ist offen, wessen Interessen hinter dem genannten Artikel zur männlichen Körperhaarentfernung stehen; festzustellen ist aber, daß dieser Artikel auch beworben wird, z.B. auf der schon genannten Seite von 1und1, und dafür offensichtlich Geld zur Verfügung steht. Da bei dieser Form der Werbung die Finanziers nicht offen gelegt werden müssen, bleibt nur die Spekulation. Offensichtlich wird hier aber mit dem Einsatz von Finanzmitteln für Werbung im deutschen Sprachraum auf die Marktausweitung für Enthaarungsprodukte für Männer hingearbeitet. Unklar ist dabei auch, inwieweit persönliche Kommentare auf diversen Netzseiten tatsächlich persönliche Kommentare sind, oder ebenfalls Auftragsarbeiten. Das heißt, es ist nicht klar, inwieweit hinter einzelnen 'persönlichen' Kommentaren professionelle Werbebüros stecken, die unter diversen Emailadressen und Pseudonymen ihre Botschaft in die unterschiedlichen Bretter einstellen. Zumindest aus der Bücherwerbung im Internet ist mir so etwas bekannt. Es ist insofern sehr schwierig, bzgl. des Internets zwischen der Widerspiegelung eines realen öffentlichen Diskurses und einem werbefinanzierten Auftragsdiskurs zu unterscheiden.

Insofern ist auch darauf hinzuweisen, daß die hier genannten Geschlechtszuweisungen aus den Internetbrettern nicht irgendeiner sozialen Realität entsprechen müssen.


Dies ist im folgenden weiter zu bedenken.


Grundsätzlich weisen die hier angestellten Überlegungen darauf hin, daß Normen sich gegenseitig auf die eine oder andere Art und Weise, sei es als Differenzsetzung oder als allgemeingültige Norm, verstärken und sich daraus ein gemeinsames allgemeines Interesse am Normabbau ergibt.


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- Repression und Freiwilligkeit



Eine häufiger anzutreffende Argumentation von Feministinnen ist das, was ich als Repressionshypothese bezeichnen will. Danach wird die Entfernung der Körperbehaarung vor allem als Reaktion auf einen äußeren repressiven Druck auf Frauen verstanden; einem Druck, dem die Frauen vor allem als junge Mädchen nachgeben. Dies wird auch in einer Reihe von Texten und Zitaten beschrieben.


"I started shaving my legs when I was 13 because the other girls in my gym class made fun of me. I stopped when I was 20 because I realized that the opinion of the girls who were in my gym class when I was 13 didn't matter to me any more.

My mother flipped out when I came home from college that summer with hairy legs. She kept talking about my "new grooming habits...or lack thereof." She said that whenever she sees a women who doesn't shave, she thinks of her as a weirdo hippie who's trying to make a stastement, or worse (gasp!) a lesbian. Now, I certainly don't have a problem with people thinking I'm either of those things.

The way I see it, the more women there are who don't shave, the more socially acceptable it will be for women not to shave.

Laura"[47]

 

"I too started shaving at 13 [on my birthday, in the winter, which was a silly idea] because I noticed how often fuzzy girls were made fun of. Already pretty low on the social ladder, I didn't need another "flaw".

I went to an all-girls Catholic high school where we had to wear uniform dresses all year long. While I was often lazy and furry, I felt really self-conscious with my hairy knees. Girls who don't shave get looks. Usually no good ones.

I kept on shaving until I got to college and fell in love with my genderqueer lover and started identifying as a lesbian. [..]

So, yah body hair. I still get comments on it, but here at college they're not of disgust but more curiosity. And I'm totally fine with that. Yep, I'm a bear. That's me . Grrr!

la jaunty bohemia"[48]

 

"While women have won a many battles since DH Lawrence penned his opus, depilation is the battle that feminists lost. To my own shame, I am among the worst serial depilators I know.

[..]

Perversely, the most up-to-date methods of depilation are the most torturous,

[..]

If you don't depilate, you're either a geezer or a dyke. It's yet another branch of beauty's pernicious directive to conform. And at it's heart is fear - fear of looking too masculine, of deviating from the established aesthetic that dictates women to be hipless, breastless and, above all, hairless.

Mimi Spencer"[49]

 

"I tremble to think of what would have happened if I, as vaguely insecure, overly tall sixteen-year-old, had paraded into homeroom one morning sporting furry legs and an ample bush under each arm.

[..]

The guys at school routinely swiped their hands across girls' legs to patrol their shaving prowess and then taunt them if they were slacking off.

Carolyn Mackler"[50]


Diese Zitate beschreiben zwar eindrücklich die extremen Formen sexistischer Ausgrenzung und Gewalt bis hin zu körperlichen Übergriffen, wie sie mit der Handkontrolle im letzten Zitat beschrieben wird, nur beschreiben sie letztendlich nicht, wie die Körperenthaarung zur Norm wird. Denn an all diesen Zitaten wird auch eins deutlich: nicht die Norm ist Ergebnis der Gewalt, sondern die Gewalt legitimiert sich durch die Normabweichung, die Norm geht ihr also voraus. Nicht die repressive Gewalt erklärt die Norm, sondern viel mehr umgekehrt, die Norm ermöglicht die Gewalt gegen diejenigen Frauen und Mädchen, die von ihr abweichen.


Die Repressionshypothese liefert uns also keine Antwort auf die Frage, wie die Norm produziert und reproduziert wird, sondern nur, wie Norminfragestellungen vom Rand der Gesellschaft her gewalttätig unterbunden werden. Sie ist als Erklärung für die Norm offensichtlich falsch.


Deutlich wird dies auch noch in einem ganz anderen Punkt. Bis auf die eine Frau, die auf eine Normalisierung des Blicks durch eine allgemeine Übernahme der Praxis des Nichtrasierens hofft, übernehmen auch die hier zitierten KritikerInnen der Enthaarungspraxis den normativen Blick sowohl auf sich selbst, wie auf andere Frauen. Bezeichnet sich doch la jaunty bohemia selbst als bear, im zweiten hier aufgeführten Zitat, und definiert sich über eine Queer-Identität. Dies entspricht aber dem Blick des Mainstreams auf nicht rasierte Frauen, der Blick entspricht der Norm. Das gleiche gilt für das dritte und das vierte Zitat, beide Frauen schreiben weiter, daß sie gar nicht oder nur unter extremen Schwierigkeiten in der Lage sind das Enthaaren aufzugeben, weil sie damit eine Queer-Identität verbinden, die sie nicht wollen.

Im Extrem wird dieser normierte Blick ein weiteres Mal deutlich, wenn Mimy Spencer als explizite Feministin weiter unten im gleichen Guardian Artikel schreibt;


"Remember the German rockstar Nena - noted for her 99 Red Balloons and her rude gush of underarm undergrowth? The hair - luxuriant and ape-like as I recall - carried a hint of the erotic, a sort of Euro-exotica that gave her the appeal of an up-for-it-she-wolf. At the time, boys loved it. Give us more Nenas, [..]"[51]

 

Sehe ich mir dazu aus deutscher Sicht die Bilder von damals an, wird selbst heute noch, bei einer inzwischen größeren Verbreitung von Rasurpraxen auch in Deutschland, die Absurdität dieses Blickes deutlich. Andererseits ist auf neuen Fotos zu sehen, daß Nena sich inzwischen die Haare entfernt.


Das Problem ist also offensichtlich nicht die äußere Repression, sondern die Übernahme der Norm als innere Regel. Die Norm wird Teil des Selbstverständnisses der Person. Die Frage kann also nicht primär der äußeren Repression gelten, sondern den Funktionsprinzipien ihrer Verinnerlichung, den Funktionsprinzipien, durch die eine äußere Regel zur Norm wird.

Dies entspricht auch meinen eigenen Erfahrungen, die noch einen weiteren hier nicht aufgeführten Punkt berühren.


Die Norm wird meist nicht von denjenigen verletzt, die sie verinnerlicht haben, sondern von denjenigen, wie in meinem Fall, denen sie ein Buch mit sieben Siegeln ist. Das heißt die




Der "She-Wolf" Nena - "luxuriant and ape-like" - 1983[52]. Aus deutscher Sicht ist es schon etwas schwierig diese Beschreibung einer Feministin nachzuvollziehen. Selbst heute noch, wo die Rasurpraxen auch hier zugenommen haben, wird die Absurdität solcher Zuweisungen offensichtlich.


Normverletzung wurde von mir gar nicht als solche wahrgenommen, wahrnehmbar war sie einzig und alleine durch die Reaktion meiner Umwelt.

Da Normen aber in den meisten Fällen komplexe Verhaltensmuster beinhalten, ist ihre implizite Kenntnis notwendige Voraussetzung ihrer Erfüllung. Diese implizite Kenntnis läßt sich aber meiner Erfahrung nach gar nicht äußerlich aneignen. Ein solcher Versuch, aufgrund der erfahrenen Gewalt zurück zu schließen auf das erwünschte Verhalten und dieses dann an den Tag zu legen, endet im Regelfall mit der unbewußten Parodie oder Satire. Das heißt, die Repression ist gar kein geeignetes Mittel um die Norm zu reproduzieren.

Die Repression kann nur da erfolgreich sein, wo die Norm ohnehin schon verinnerlicht ist, aber nicht ausagiert wird, z.B. aus Gründen der Selbstvernachlässigung. In diesen Fällen kann die Repression außerdem zusätzlich an einem geringen Selbstwertgefühl ansetzen.

In vielen Fällen sieht das aber anders aus. Da ich z.B. aus meiner Sicht nichts falsch gemacht hatte, war jede Veränderung meines Verhaltens also das Eingehen eines Kompromisses, für das ich entsprechendes Entgegenkommen erwartete. Dies wurde mir aber nie entgegengebracht. Im Gegenteil, jedes Eingehen auf normative Forderungen führte meist zur Erhöhung des repressiven Drucks, im Sinne von "jetzt haben wir ihn soweit, jetzt kriegen wir ihn auch noch das letzte Stück". Ein Verhalten, das bei mir dazu führte, auch die Kompromisslinie wieder zu verlassen. Dies führte lange Zeit immer wieder zu massivsten Auseinandersetzungen.

Erst als ich die Anpassungsversuche vollständig einstellte und mich klar als das Andere positionierte, verbesserte sich meine soziale Position rapide, was sich z.B. in Wahlerfolgen äußerte. Dabei belegte ich nicht eine bekannte definierte Position, sondern eher die des Unbekannten, was sich z.B. darin zeigte, daß mich einige SchülerInnen lange Zeit für einen der in dieser Schule mit Russischklasse vorkommenden Aussiedler hielten.


Der normative Druck richtet sich also primär an Menschen, die diese Norm ohnehin verinnerlicht haben; nur bei diesen verspricht er Erfolg im Sinne der Norm. Bezogen auf andere hat er eher den Zweck, sie ins Außen zu drängen, z.B. bei der Körperbehaarung von Frauen in den USA in die Position der Butch-Lesbe oder Hippiefrau.


Der repressive Druck wird eben nicht von einzelnen repressiven AgentInnen der Macht ausgeübt, sondern von der großen Mehrheit der Gruppe getragen, gerade dadurch zeichnet sich normative Gewalt aus. Darauf bauen auch die jede normal zivilisierte Grenze verlassenden Formen der Gewalt auf.

Ich gehe normalerweise nicht zu einer wildfremden Person auf der Straße und sage zu ihr: "Was hast Du für ein Pfannkuchengesicht, willst Du dir das nicht operieren lassen?" Die normalen Umgangsformen einer modernen Gesellschaft untersagen ein solches Verhalten. Bei Normverstößen sind solche Pöbeleien aber durchaus an der Tagesordnung, zumindest innerhalb sozialer Bezugsgruppen.

Bzgl. der Körperbehaarung von Frauen wurde ein solches Gewaltverhalten sogar beworben. In einer Sendung auf RTL 2, die ich durch Zufall beim Zappen Mitte 2004 sah, wurde ein Modell mit behaarten Beinen in ein Straßencafe geschickt und massiv von an einem Nebentisch sitzenden Männern angepöbelt. Nicht das Verhalten der Männer wurde kritisiert, sondern die Unschicklichkeit, als Frau mit behaarten Beinen aufzutreten. Da davon auszugehen ist, daß die gesamte Sequenz gestellt war, muß hier von Gewaltpropaganda gesprochen werden. Offensichtlich waren die Verantwortlichen für diese Sendung der Meinung, daß, wie bei faschistischen oder rassistischen Ausgrenzung von Menschen aus dem normalen Umgang, eine ähnliche Ausgrenzung aus diesem sexistischem Motiv auf die Zustimmung der Mehrheit der ZuschauerInnen treffen würde und das es, im Gegensatz zu rassistischer oder faschistischer Gewalt, sogar adäquat sei, für diese Gewalt im Fernsehen zu werben.


Bestätigt wird diese Einschätzung in Kommentaren in deutschsprachigen Internetforen zum Thema Körperbehaarung. So finden sich im Diskussionsforum der Zeitschrift Brigitte im Internet gerade von Frauen überwiegen ablehnende bis haßerfüllte Kommentare zu Frauen, die sich nicht die Haare entfernen.


"Achselhaare bei Frauen ist das widerlichste, was es gibt und ich kann Steve nur zu gut verstehen. Ich kenne auch keine einzige gepfegte Frau, die sich diese nicht entfernt.

Blümchen"[53]


"Also für mich sind Achselhaare bei Frauen das widerlichste was es gibt und NIE, egal welcher Modetrend kommen wird, werde ich mir die wachsen lassen. Hab ich noch nie gemacht, sobald die gewachsen sind, kamen die weg. Und, das bleibt auch so ...

Mir war auch nicht bewußt, das es Frauen mit Achselhaaren gibt, die sonst auf ihr Äußeres achten."

Daggi76[54]


Die normative Gewalt offenbart hier für mich auch ihre Nähe zur faschistischen und rassistischen Gewalt als Ausgrenzung bestimmter Menschen aus dem normal Menschlichen.


Eine ähnliche Denkweise offenbart auch das schon aufgeführte Zitat über Julia Roberts;


"What is Julia thinking? The only place men want to see hair is on a woman's head. Under the arms is unacceptable. From hairy armpits it is only a small step to The Planet Of The Apes"[55]

 

Hier werden Frauen aufgrund ihrer Leiblichkeit zu Affen, im Faschismus wurden Menschen zu Ratten erklärt.


Diese Formen von Gewalt setzen einen weitverbreiteten Konsens voraus, aber sie erzeugen ihn nicht.


Auffällig an den Diskussionen in Internetforen im deutschsprachigen Raum, zum Teil aber auch in den USA, ist die doch relative hohe Anzahl von Männern, die Behaarung bei Frauen, insbesondere Achselhaare, explizit als erotisch und erwünscht bezeichnen. In den deutschsprachigen Brettern sind sogar etwas über 50% der Männer pro Achselhaare oder ambivalent, und finden sie von Fall zu Fall attraktiv. Die überwiegende Mehrheit der Frauen in diesen Diskussionsforen ist eindeutig gegen Haare eingestellt. Von den Frauen kommen auch die frauenfeindlicheren Kommentare, siehe oben. Das heißt, im deutschsprachigen Raum scheinen die Frauen die Trendsetter für diese neue Norm zu sein. Ausgehend von den Zitaten aus dem US-amerikanischen Raum, läuft auch ein nicht unerheblicher Teil der Repression unter Frauen (durch Mütter / durch Mitschülerinnen) ab. Das Argument, Frauen würden sich aus Gründen der Attraktivität für Männer enthaaren, ist unter diesem Gesichtspunkt zumindest fragwürdig, wenn nicht sogar einfach falsch zu nennen.


Auch die feministische Politik des Bruches mit der Norm als Ausdruck eines feministischen oder lesbischen Selbstbewußtseins stellt die Norm nicht in Frage, sondern baut auf ihr auf. Ist der Bruch doch nur möglich, solange die Norm existiert.


Ein weiteres Argument, das zum Teil als abgewandelte Repressionshypothese aufgefaßt werden kann, geht ebefalls fehl: die Behauptung, dies wäre eine Anpassung an patriarchale Machtverhältnisse, vergleichbar der Anpassung der schwarzen Bevölkerung in den USA Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts an die weiße Norm, wo Schwarze versuchten, ihre Hautfarbe aufzuhellen. Wenn dies stimmte müßten Frauen Körperhaartoupets tragen oder sich Haare ankleben und nicht abrasieren. Die Frage ist, wieso als Eigennorm eine Norm der Entwertung übernommen wird.



In Schönheitsratgebern und in gemäßigteren Beiträgen der Diskussionsforen im Internet wird im Gegensatz zur Repressionhypothese häufig die Freiwilligkeit betont, wobei in der Regel vorausgesetzt wird, daß frau die Haare sowieso entfernen will.[56]


"Härchen: Da sprießen sie wieder, wo sie nicht sollten."[57]


"Wenn Härchen wachsen, wo wir sie nicht wollen, dann hilft nur eins - sie müssen weg!"[58]


"Ich gebe Euch völlig Recht - es muß jede(r) für sich selbst entscheiden, wie er/sie es damit hält. Aber hübscher ist es schon, wenn ein hübsches Sommerkleid oder ein schöner BH nicht mit Achselhaaren kombiniert wird.

Löwenmutter"[59]


Angesichts der realen schon aufgezeigten Gewaltverhältnisse ist diese 'Freiwilligkeit' wohl auch in Deutschland nur noch sehr begrenzt als Freiwilligkeit zu bezeichnen.[60] Interessant ist aber die Art und Weise der Formulierung. Die Rede von den Haaren wo wir sie nicht wollen, verweist darauf, daß die Frauen schon wissen, welche Haare gemeint sind und wen sie stören, bzw. eben wir alle das wissen. Das heißt, diese scheinbare Freiwilligkeit setzt im Sprechen die Norm voraus. Außerdem sprechen die Bilder in dieser Schönheitsliteratur eine eindeutige Sprache. Haare sind dort nirgends zu sehen, selbst in sich alternativ gebenden Publikationen nicht.


Die gleichen Bilder lassen sich auch vielfältig in der Werbung und in den Medien finden. Bild und Sprache zusammen ergeben also die moderne Disziplinarordnung; Frauen sollen 'freiwillig' die Haare entfernen, die stören, und eine richtige Frau sieht so aus wie auf den Bildern.


Wessen Interessen hier bedient werden, wird in der pornographischen Fortsetzung dieser Bilder in der Mainstreampornographie, z.B. einsehbar im kostenlosen Bereich der Playboypräsenz im Internet, deutlich. Auch an dieser Stelle finden sich fast ausschließlich Frauen ohne Körperhaare. Dies gilt insbesondere auch für die Intimbehaarung. Bringe ich das mit anderer Mainstreampornographie, z.B. dem Werk von Henry Miller, zusammen, kann das hier bediente Bedürfnis der männlichen Konsumenten sehr schnell als Versuch, die totale Sichtbarkeit herzustellen und damit ihr ihre Sexualität zu nehmen, erkannt werden.


So läßt Henry Miller im Buch Wendekreis des Krebses einen seiner 'Helden' sagen: "Noch nie in meinem Leben habe ich mir eine Möse so genau angesehen. Man hätte glauben können, ich hätte noch nie vorher eine gesehen. Und je mehr ich sie anschaute, desto weniger interessanter wurde sie: Es zeigt einem nur, daß gar nichts dahinter steckt, besonders wenn sie rasiert ist. Es ist das Haar, was sie so geheimnisvoll macht."[61]


Die 'armen Männer' müssen sich halt überzeugen, daß da unten nichts ist, was sie auffressen, bzw. kastrieren, kann (Vagina Dentata).


Entsprechend verhalten sich Männer in dieser Form gewalttätiger Pornographie Frauen gegenüber wie gegenüber leeren Gefäßen.


Es geht also darum, den Frauen das von Männern in sie hinein imaginierte Geheimnis zu entreißen. Vor ihm soll sie nichts verbergen können. Da dieses Geheimnis auch für ihre Potenz steht, geht es auch um die symbolische Kastration 'der Frau', das heißt, sie auf ein für Männer 'gefahrlos' zu konsumierendes Objekt zu reduzieren.


Ihr Extrem findet diese Logik der Sichtbarmachung in der gerade in der BBC gelaufenen Verfilmung des Orgasmus aus der Sicht einer auf den Penis montierten Microkamera. Die die Kontraktion der Cervix filmte. Der Film war eine von den Zuschauerzahlen her erfolgreichsten BBC-Produktionen der letzten Jahre und löste ein breites Medienecho aus.[62]



Das Bild stammt aus dem Buch: Heute gibt's nur mich! Natürlich schön mit Aloe Vera, Kakao & Co.[63]

Ich habe hier und auf der nächsten seite bewußt Bilder aus sich alternativ gebenden Schönheitsratgebern gewählt, um zu verdeutlichen, daß der Enthaarungszwang auch hier greift. Auch diese Bücher werden fast ausschließlich in redaktioneller Verantwortung von Frauen erstellt.



Das Bild stammt aus dem Buch: Beauty Guide. die Kunst der natürlichen Verjüngung.[64]



Für Frauen ginge es also, übersetze ich dies auf Enthaarungspraxen allgemein, bei der Enthaarung nicht unwesentlich darum, deutlich zu machen, daß sie kein Geheimnis hat, keine Bedrohung darstellt und von Männern gefahrlos zu konsumieren ist.


Gleichzeitig kann dies aber auch als ein Zurechtmachen und eine Panzerung des eigenen Leibes, der entfremdet wird, begriffen werden, also als eine Distanzsetzung, ähnlich dem Schminken. Die Hygiene als Mittel der Kontrolle wäre hier nur zum Teil auf die eigenen Körperflüssigkeiten bezogen, und zum Teil auf die männlichen Gegenüber, die einfacher wider 'abzuwaschen' wären.


Dies führt zu der Frage, inwieweit sich in der Enthaarungspraxis eine Angst und ein Ekel der Frauen vor ihrer eigenen sexuellen Leiblichkeit zeigt, der zur Übernahme dieser Norm in die eigene entsexualisierte Selbstkonstruktion führt, wobei entsexualisiert nicht entgeschlechtlicht heißt. Im Gegenteil würde sich das Frausein gerade hier in der Entsexualisierung wiederfinden. Die Angst, der Ekel, vor der eigenen sexuellen Leiblichkeit wäre dabei nicht zu trennen von der Angst, dem Ekel, vor der Sexualisierung durch eine heterosexistisch organisierte männliche Gesellschaft, in der diese Sexualisierung der Frauen, z.B. der pornographische Blick auf sie, gleichbedeutend ist mit Abwertung und Verletzung der Menschenwürde. Die Angst, der Ekel von Frauen vor der eigenen sexuellen Leiblichkeit wäre damit Ergebnis dieser Gewaltverhältnisse.


Die Normsetzung wäre damit eine Strategie, sich einem Gewaltverhältnis durch Negation von Teilen der eigen Person zu entziehen, konzipiert aus einer Position mangelnder Handlungsalternativen heraus. Sie würde den Entzug vor dem sexuellen männlichen Zugriff bedeuten.

Damit wäre auch die Angst vor dem Normbruch und der Haß von Frauen auf Frauen, die die Norm brechen und scheinbar schuldig sind Frauen erneut der Sexualisierung auszuliefern, erklärbar.


Auch dies soll im folgenden weiter diskutiert werden.


Damit würden sich Parallelen zu Hungerpraxen und zu Bulimie ergeben, bei der es ja auch um das Verschwindenlassen des eigenen sexuellen Leibes geht. Zumindest in den USA treten diese Praxen als gesellschaftliche Phänomene auch parallel auf.


Paradoxerweise machen sich Frauen aber gerade auch dadurch, daß sie sich entsexualisieren, d.h. ihre eigene sexuelle Leiblichkeit negieren, als Objekt des männlich pornographischen Mainstream attraktiv.


Der dies ergänzende Kontrapunkt findet sich in pornographischen Seiten im Netz, die auf haarige Frauen spezialisiert und vielfach aufzufinden sind, wenn mensch bei Google nach der Begriffskombination "Frauen Achselhaare" sucht.[65] Nicht nur werden diese Frauen entsprechend dem obigen Muster und dem Klischee, wie es über Nena schon dargestellt wurde, als besonders sexuell potent, von animalischer Sexualität durchdrungen, beworben. Die Seiten machen für sich selbst teilweise auch noch Reklame damit, daß sie für die sexuelle Befreiung haariger Frauen kämpfen würden und im Einzelfall ist nicht einmal klar, ob dies nicht sogar ernst gemeint ist.[66] Auch hier geht es aber letztendlich nicht um die Infragestellung der Norm, sondern um ihre pornographische Nutzbarmachung für einen männlichen Minderheitenkonsum, von Männern, die gerade das 'Geheimnis' wollen, wobei real auch hier alles im Großformat sichtbar sein muß und im Regelfall Behaarung nur unter den Achseln und im Intimbereich adäquat ist, also eben zur besonderen Betonung der 'geheimnisvollen', 'animalischen' Geschlechtlichkeit. Zum Objekt gemacht werden Frauen hier letztendlich genauso, und zum Teil auch zum Fetisch über eine Behaarung, die lediglich unenthaarter durchschnittlicher weiblicher Leiblichkeit entspricht.[67]


Normale Männer sind schon etwas seltsam.


Ich gehe hier davon aus, daß Menschen eine unbestimmte leibliche Sexualität haben, die der Heterosexualisierung, wie sie in unserer Gesellschaft betrieben und teilweise in psychoanalytischen Theorien beschrieben wird, vorgängig ist. Diese unbestimmte sexuelle Potenz würde nach den obigen Annahmen Menschen, im Prozeß des zur Frau (gemacht) Werdens, in dem Sinne enteignet, daß ihnen ihre eigenen Lüste und ihre leibliche Sexualität ekelhaft würden. Die männliche leibliche Sexualisierung würde in diesem Bild durch Reduktion auf 'das' primäre Geschlechtsorgan und den Orgasmus produziert.


Die Frage war, wie wird die soziale Norm durchgesetzt, wenn dies weder repressiv noch freiwillig selbstbestimmt geschieht?

Es ergibt sich hier das Problem, daß die Erfüllung der Norm auch selbstbestimmt freiwillig geschehen kann. Das heißt, die Körperenthaarung muß auch als soziale Norm nicht in jedem Fall als Norm vollzogen werden, sie kann ebenfalls Ergebnis ganz anderer Motive als denen der Normerfüllung sein. Dies wäre z.B. bei Frauen zu vermuten, die im allgemeinen Körperbehaarung bei anderen Frauen nicht weiter beachtenswert finden, sich aber selbst Körperhaare entfernen. Es muß also im folgenden auch noch unterschieden werden zwischen der selbst gesetzten individuellen Körperdisziplin und der Normierung.


Ein Beispiel für einen solchen nicht normierenden Standpunkt stellt für mich z.B. der folgende Diskussionsbeitrag aus dem schon mehrfach genannten Brigitte Forum dar.


"Hallo,


ich bin der Meinung, d. sollte jeder - wie beim Bart ja auch - mit sich ausmachen. Ich muß meine Nase ja nicht in anderer Leute Achseln stecken und wenn normal geduscht wird, dann riecht es auch nicht mehr oder weniger. Ich halte das ganze für eine Mode und ist in ein paar Jahren wieder Körperbehaarung angesagt, dann werden sich sicher schlagende Argumente für Haare wo auch immer finden lassen. Ich finde es jedenfalls recht anmaßend, einen normalen körperlichen Zustand als eklig, widerlich usw. zu bezeichnen. [..]

Gruß Junia

PS: Ich rasiere mich auch, aber es ist NUR eine Frisur und wie andere das handhaben, ist mir wurscht."[68]


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- Zusammengefaßte Fragestellungen


Auf den Punkt gebracht geht es in dieser Arbeit um die Frage nach den Strukturen und sozialen Verhältnissen, die dazu führen, daß Normen produziert und reproduziert werden. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Körperbehaarung dient als Folie.


Der Zweck dieser Auseinandersetzung ist es letztendlich, Widerstandspraxen gegen die gesellschaftliche Normierung des Alltags zu entwickeln. Dabei soll es um Widerstandspraxen gehen, die die Handlungsfreiheit der einzelnen vergrößern.


Dazu wurden hier bisher an Hand der Betrachtung der öffentlichen Diskurse zum Thema Körperbehaarung einige, zum Teil widersprüchliche, Thesen bzgl. der Norm der Körperenthaarung aufgestellt.


- Die Körperenthaarung wurde als Teil der (männlichen) Kontrolle weiblicher sexueller Leiblichkeit aufgefaßt und der Praxen der Sichtbarmachung, wie sie z.B. auch in der Mainstreampornographie zu finden sind.


- Die Enthaarungsnorm wurde als Teil einer Transsexualisierung des weiblichen Leibes begriffen, ausgehend von der These, daß aufgrund des Aufbrechens der Kleiderordnung die heterosexuelle Ordnung nun direkt auf dem Leib eingeschrieben werden muß. Da die Leiblichkeit als 'natürlicherweise' amorphe, daß heißt nicht naturhaft eindeutig heterosexuell strukturierte, siehe z.B. diverse Formen der Intersexualität u.a., als heterosexuelle Leiblichkeit erst künstlich vereindeutigt werden muß, führt dies zwangsläufig zu einer Norm, die zumindest für ein Geschlecht von der realen Leiblichkeit abweichen muß. D.h., die Heterosexualisierung des Leibes setzt eine idealisierte Körpernorm voraus, an die dieser Leib angepaßt wird, um die binäre Differenz überhaupt erst zu erzeugen. Dies führt in der zu beobachtenden Konsequenz zunehmend dazu, daß Menschen, die als Frauen definiert werden, bzw. sich selbst als solche begreifen, ihren Leib als weiblichen, bzw. überhaupt akzeptablen, erst künstlich erzeugen müssen. Ihre Situation wird in diesem Sinn zunehmend vergleichbar mit der von Transsexuellen.

Für Männer wäre in diesem Kontext zu fragen, inwieweit Männlichkeit überhaupt über den Leib produziert wird, oder ob dies nicht viel mehr z.B. über Einkommen, Machtausübung, u.a. geschieht.


- Die Enthaarungsnorm ist eine Disziplinartechnik im Foucaultschen Sinn, die vor allem über die Sexualität als Biopolitik der Dienstbarmachung des Leibes für die kapitalistische Produktion bzw. die Konsumtion und der Reproduktion von Herrschaftsverhältnissen dient. Es ginge also um den Körpermarkt und in diesem Fall potentiell auch um den männlichen Körper.


- die Enthaarungsnorm ist eine Abwehrreaktion von Frauen gegenüber heterosexuellen Herrschaftsverhältnissen und dem gewaltförmigen Zugriff auf die weibliche Sexualität. Die Norm richtet sich hier als Angstabwehr und Reaktion auf Gewalt, aufgrund einer als Ohnmacht empfunden Situation, nicht gegen die Ursache oder die Verursacher, sie beruht vielmehr auf einer Strategie, sichere Orte zu schaffen, bzw. eine sichere Selbstverortung, z.B. durch Verhaltensstrategien, die primär auf die Bedrohten selbst gerichtet sind.

Eine solche Norm beruht zum ganz Teil auf einer Displinierung des eigenen Leibes, die immer auch eine gegen sich selbst gerichtete aggressive Form von Selbstaneignung ist, um der Fremdbestimmung zu entgehen. Die Disziplinarstruktur richtet sich aber auf den Frauenleib allgemein und nicht nur auf die eigene Körperbehaarung, da es hier um den Frauenleib als öffentlichen Ort geht.

Dies würde auch den Haß von Frauen auf Frauen, die von der Norm abweichen und damit aus dieser Sicht potentiell alle Frauen "gefährden", erklären.

Die "Lösung" des Verschwindenlassens der eigenen leiblichen Sexualität stünde außerdem in der Tradition anderer ähnlicher "Lösungstrategien", z.B. Bulimie.


Verworfen wurden hier zwei häufiger behauptete Begründungsmuster für die Norm.

Die These, daß Frauen sich primär aus Gründen der Attraktivität für Männer enthaaren würden, steht im Widerspruch zu hier beobachteten Äußerungen in Diskussionsforen, in denen weit mehr Frauen als Männer sich klar gegen Formen von Körperbehaarung bei Frauen aussprechen. Deutlich wird aber auch, daß Männer, die vor allem Achselhaare attraktiv finden, dies in vielen Fällen explizit mit einer sexuellen Konnotation tun.

Auch die Repressionshypothese, nach der die Enthaarung eine Reaktion auf äußere Repression ist, wurde verworfen. Die beschriebenen realen Formen der Repression haben die Norm bereits zur Grundlage und setzen ihre Akzeptanz durch die Mehrheit insbesondere auch der Frauen voraus. Die Norm erklärt die Repression gegen abweichende Minderheiten, aber die Repression kann nicht die Norm erklären.


Dies alles sind erst einmal Thesen. Inwieweit dies die Realität trift, wie welche dieser zum Teil widersprüchlichen, zum Teil sich ergänzenden Momente zusammenwirken, soll im folgenden an Hand der Diskussion diverser wissenschaftlicher Texte zum Thema diskutiert werden.

Anfangen werde ich dabei mit einer kurzen Diskussion von Texten über die moderne Geschichte der Enthaarungspraxis. Ausführlicher sollen dann Texte aus der Soziologie, Sozialpsychologie und der feministischen Auseinandersetzung diskutiert werden, um im Anschluß erste Schlußfolgerungen darzustellen.

In einem zweiten Teil dieser Arbeit wird es dann um Widerstandsmöglichkeiten und konkrete Ideen gehen.


Eine Eingrenzung bildet der Rahmen der untersuchten Gesellschaften. Dieser Text bezieht sich auf die USA, Großbritannien, Australien und die BRD in unserer Zeit. Da es hier nicht primär um eine Darstellung der Enthaarung geht, sondern um die Produktionsbedingungen und Reproduktionsbedingungen von Normen, halte ich den Einbezug all dieser Gesellschaften in eine Diskussion für sinnvoll, da ich davon ausgehe, daß die Produktion und Reproduktion von Normen in diesen westlichen Industriegesellschaften ähnlich verläuft, auch dort, wo spezifische Normen auf Grund lokal und historisch unterschiedlicher Gegebenheiten nicht die gleiche Gültigkeit haben.

Historische Bezüge werden nur so weit angeführt, wie sie eine Entwicklungsgeschichte des aktuellen Umgangs mit Körperbehaarung betreffen oder als Vergleiche genutzt werden.


Da der Umgang mit Körperbehaarung bisher in diesen Kulturen weitgehend aber eine Norm ist die Frauen und Mädchen betrifft, geht es als weitere Eingrenzung des Themas hier primär um den gesellschaftlichen Umgang mit Körperbehaarung von Frauen und Mädchen.


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I Körperbehaarung im Blick der Wissenschaften


- 1 Die Geschichte aktueller Enthaarungspraxen



Die Entwicklung in den USA


Über die Geschichte der Körperenthaarung in den westlichen Industriegesellschaften gibt es nur einen ausführlicheren Text, Caucasian Female Body Hair and American Culture[69], einen Text zur Geschichte der Körperenthaarungspraxen in der US-amerikanischen weißen Mittel- und Oberschicht von Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts an. Die Autorin Christine Hope beschreibt die Entwicklung der Enthaarungspraxen vor allem an Hand der Reklame in zwei der großen auf ein weibliches Publikum zugeschnittenen Illustrierten der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie bezieht aber auch Schönheits- und Gesundheitsratgeber und Kataloge für Bekleidung mit ein.


Bis ca. 1914 gibt es in den USA noch keine gängige Praxis der Körperenthaarung für Frauen. Nur einige Frauen, die im Theater und in Revues arbeiten, praktizieren Methoden der Körperenthaarung.


"A few females, especially those involved in stage work, were probably using preparations intended for facial hair removal of their body hair prior to 1914. However, it is clear from examining catalogs and beauty books that most women in the United States did not remove hair from underarms or legs prior to World War I."[70]

 

In den USA hat sich die Praxis der Körperenthaarung als Norm im Zeitraum von 1914 bis 1945 etabliert.


"Modern practices appear [Der Körperenthaarung - Anm. J.D.] to have been well established by 1945 and choosing this endpoint gives a good slice of the twentieth century including two wars, an economic depression, and two full cycles of skirt lengths (from long to short to long and back to short)."[71]

 

Aufgrund der vergleichenden Untersuchung der Illustrierten mit anderen Text- und Bildquellen kommt die Autorin zu dem Schluß, daß es die Werbekampagnen waren, die primär die Enthaarungspraxen durchgesetzt haben. Die Praxen der Körperenthaarung tauchen erst im Nachlauf nach den großen Werbekampagnen in Texten in Frauenmagazinen und der Ratgeberliteratur auf. Die Werbeindustrie war der die Entwicklung initiierende Motor. Als das entscheidende Interesse erscheint hier eine Disziplinierung der Körper im Interesse der Konsumausweitung.


"few women have continuous growths of dark hair on their face and neck during adulthood, almost all have underarm hair growth."[72]

 

Entsprechend unterteilt die Autorin die Entwicklung von 1914 bis 1945 in vier Phasen orientiert an unterschiedlichen Werbekampagnen: "The Ivory Complexion" (bis 1915); "The Great Underarm Campaign" (1915 - 1919); "Coming to Terms with Leg Hair" (1920 - 1940); und "A Minor Assault on Leg Hair" (1941 - 1945).


In der ersten Phase bis 1915 sind Anzeigen, die Enthaarungsmittel bewerben, klein und nicht sehr auffällig plaziert. Sie richten sich nur auf Haare im Gesicht, Nacken und evtl. noch auf den Armen. Die Anzeigen bewerben in erster Linie ein Produkt, sie haben nicht den Anspruch, neue Verhaltensweisen zu bewerben, sondern rekurieren offensichtlich auf eingeführte soziale Muster.

Dies entspricht dem Diskurs, wie er sich auch in den Schönheitsratgebern u.a. vor allem zur Problematik von Gesichtsbehaarung bei Frauen findet.[73]


In der zweiten Phase von 1915 bis 1919 kommt es zu einer großen Kampagne der Werbeindustrie gegen Achselbehaarung. Die Anzeigen sind nicht primär auf das Produkt bezogen, sondern Bewerben einen neuen Verhaltensstil; die Werbeindustrie gibt sich selbst einen erzieherischen Auftrag. So heißt es in ihren Anzeigen; "The Woman of Fashion says the underarm must be smooth as the face"[74], "The full charm of the Decollete costume is attained when the underarm is perfectly smooth"[75]

 

Diese Entwicklung wird von der Autorin zum Teil mit der sich ändernden Bekleidungsmode in Zusammenhang gebracht, ist aber sicherlich auch nicht unabhängig von den sich verändernden Geschlechterverhältnissen im Kontext des ersten Weltkrieges zu sehen.

Auf diesen Punkt werde ich später noch eingehen.


Zwischen 1920 bis 1940 sieht die Autorin nach einer Pause Anfang der zwanziger Jahre, eine dritte Phase, in der es um die Konkurrenz der Produkte auf dem nun etablierten Markt der Enthaarungsprodukte geht. Anzeigen mit erzieherischem Auftrag gehen zurück, Produktwerbungen nehmen zu, und dort, wo die erzieherische Intention weiter verfolgt wird, findet eine Ausweitung der Enthaarungspraxis auf die Beine statt.

Die Beine werden auch erst jetzt als sexualisiertes Symbol 'der Frau' im öffentlichen Diskurs und Blick neu entworfen.

Gleichzeitig wird die Enthaarungspraxis nun ebenfalls als Standard in Schönheits- und Gesundheitsratgeberliteratur übernommen und gegen Vorwürfe der Unmoral, aufgrund der Konnotation mit den Enthaarungspraxen der Revuegirls vom Beginn des Jahrhunderts, verteidigt.

Bereits 1930 erscheint Enthaarung als Norm. So heißt es in einem Schönheitsratgeber, daß die Entfernung der Achselbehaarung und der Beinbehaarung genauso zur alltäglichen Routine geworden wäre wie das Waschen der Haare, "as much a part of the routine of every Woman as washing her hair or manicuring her nails." In einem Artikel eines Magazins wird die Enthaarungspraxis als "a social convention" bezeichnet," dies scheint sich auch in den Folgejahren mit Depression und Veränderungen der Bekleidungsmoden nicht zu ändern.[76]


Darauf, daß es im zweiten Weltkrieg, unter anderem auf Grund der Versorgungssituation, d.h. der Schwierigkeit, passende Rasierer zu bekommen, zu einem zeitweisen Nachlassen der Beinenthaarungspraxis kommt, führt die Autorin dann eine vierte Phase zurück. Die Werbung wird wieder verstärkt zur erzieherischen Praxis, die diesmal explizit die Beine von Frauen als sexuelle Symbole benennt, "Man's eye view", "Let's look at Your Legs-Everyone Else Does."

Gleichzeitig wird die Beinenthaarung bei Frauen in Schönheitsratgebern als Frage des Verhaltens einer ordentlichen und adretten jungen Frau thematisiert, also gerade als Frage des nicht schlampigen, sauberen (=entsexualisierten) Auftretens.

"As to neatness, we wouldn't think of insisting that you give up bare legs, but if we were dean of women, we'd levy a demerit on every hairy leg on campus."[77]

 

1964 entfernten 98% aller US-amerikanischen Frauen Körperbehaarung.[78]


Die Autorin führt im wesentlichen drei Begründungszusammenhänge auf, die sie als Ursache für den Erfolg der Durchsetzung dieser Norm durch die Werbeindustrie sieht.


Aufgrund der Verwischung der Geschlechterdifferenz in anderen Bereichen sieht sie die Praxen der Körperenthaarung als ein Mittel, sexuelle Differenz wieder klar binär entlang der Linien, behaart=männlich, unbehaart=weiblich, zu strukturieren. Die Frauen der US-amerikanischen Mittel- und Oberschicht verlassen im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen im Zuge des ersten Weltkrieges und der zwanziger Jahre die häusliche Sphäre und fangen an den öffentlichen Raum mit zu besetzen; was auch eine Neuformulierung des Geschlechterverhältnisses erfordert.


"the movement to encourage the removal of body hair by women coincided with the decline of other customs which had formerly separated American women from American men: the lack of suffrage, the constricting, distinct styles of clothing emphasizing the bust and waist, and very discret public behavior. In fact, the 1920s are frequently viewed as a period of "desexualization." The emphasis on the necessity of removing female body hair during the 1920s might be seen as a reaction to the desexualisation tendencies"[79]

 

Übersetze ich dies für mich, um es in den Kontext der in der Einleitung dargestellten Thesen dieser Arbeit diskutieren zu können, ließe es sich auch wie folgt formulieren:

die Geschlechterdifferenz, die nicht mehr primär über soziale Verortungen aufrechtzuerhalten ist, wird reformuliert und über eine Einschrift auf den biologischen Leib 'der Frau' neu produziert, was sich sich im öffentlichen Diskurs über Weiblichkeit, z.B. der Mode, wiederfindet. Mode ist ab diesem Zeitpunkt darauf ausgerichtet, eine weibliche biologische Leiblichkeit zu produzieren und auszustellen, die das Schlankheitsdiktat, Enthaarung, usw. beinhaltet. Es ginge also bei der Enthaarungspraxis um die Produktion einer biologischen weiblichen Geschlechtlichkeit, durch die der reale unformierte biologische Leib in eine Position des Männlichen, und das heißt für als Frauen verortete Menschen in eine Position des Transsexuellen gerückt wurde.

Zu berücksichtigen ist, daß es hier um Vergeschlechtlichung, nicht um Sexualisierung im Sinne des deutschen Sprachgebrauchs geht.


Einen weiteren Grund für die Enthaarungspraxen sieht die Autorin in der männlichen Sexualphantasie einer Kindfrau und der Einschrift dieses Wunsches auf den Leib 'der Frau'.


"The growth of dark, coarse body hair on the legs, tights, chest, and arms (as well as in the underarm and pubic region) is a normal accompaniment of puberty for many Caucasian women, just as it is for most Caucasian men. Thus, "feminine," when applied to the absence of body hair, doesn't really mean "womanly," it means "childlike" and "masculine" means adult-like."

[..]

Thus, not only are Caucasian American women supposed to manifest nonadult personality characteristics, they are also expected to get rid of certain bodily signs of adulthood."[80]

 

Übersetzt im Sinne der Thesen der Einleitung führt uns dies zur männlichen Angst vor weiblicher Sexualität und weiblicher sichtbarer sexueller Leiblichkeit und auch zur Ordnung der Sichtbarkeit und Kontrolle des weiblichen Körpers sowie zur männlichen Sexualisierung des weiblichen Leibes für den männlichen Blick, die die Negation einer eigenen leiblichen Sexualität von Frauen zur Voraussetzung hat.


Als dritten Punkt der Begründung für die Durchsetzung dieser Praxis als Norm verweist die Autorin auf die allgemeine Aufrichtung einer Norm der spezifischen Körperhygiene für Frauen.


"Advertising for hair removal products became more prevalent and more explicit during the same period other cleanliness behaviours were being introduced or reinforced through advertising. Women during this period were not only being told that their body hair was unfashionable, but also that their breath was bad, that they were probably turning away suitors because of body odor, that "feminine daintiness" demanded a certain type of sanitary napkin, [..]"[81]

 

Übersetzt in Bezug auf die Thesen führt dies zur Frage des Umgangs von Frauen mit ihrer eigenen Sexualität, geht es doch bei all diesen Sauberkeitsanforderungen um die weiblichen Ausdünstungen und Flüssigkeiten, und das heißt, um die Kontrolle des eigenen sexuellen Leibes, also darum, die sexuelle Leiblichkeit zum Verschwinden zu bringen. Diese modernmen weiblichen Hygieneregeln sind wesentlich als eine Anweisung zur Internalisierung der Kontrolle und Negation der eigenen leiblichen Sexualität zu begreifen.


Ich möchte an dieser Stelle, bevor ich zur Diskussion der Thesen aus der Einleitung übergehe, noch ein historisches Faktum in Erinnerung rufen, das in dem hier hauptsächlich genannten Artikel gar nicht oder nur am Rande Erwähnung findet, mir aber als wesentlich für die gesamte Entwicklung erscheint. Die zwanziger und dreißiger Jahre sind zumindest für die Massenkultur der USA auch eine Zeit, in der ein neuer Blick auf den Leib 'der Frau' konstituiert wird. Dies steht im engen Zusammenhang mit dem neuen Massenmedium Film und der Weiterentwicklung fotografischer Drucktechniken. Der Frauenleib wird in der Öffentlichkeit zunehmend als sexuelles Symbol in normierter Form ausgestellt, dies gilt für den Revuefilm aber auch für die, durch neue Drucktechniken möglichen, Fotoillustrierten und für die Werbung. Später, ab den 30er Jahren, findet dies seine Fortsetzung im Fernsehen. Eine derartige massenhafte Bildproduktion, die alle Bereiche des Alltags durchdringt, hat es so vorher nicht gegeben. In den USA und für die zwanziger Jahre auch in Deutschland ist sie eng verknüpft mir einer Sexualisierung des Leibes 'der Frau', der als Sexualobjekt für den männlichen Blick konstruiert wird.

Frauen werden durch die Omnipräsenz dieser Bilder in zweifacher Hinsicht gezwungen sich zu verhalten. Zum einen wird der Frauenleib im Bild und somit Frauen selbst einem extrem aggressiven Zugriff einer männlichen Sexualisierung ausgesetzt und zum anderen wird gleichzeitig ein virtueller Maßstab des Frauenleibes aufgestellt, mit dem der biologische vergeschlechtlichte Leib 'der Frau' als Konstrukt des männlichen sexuellen Blickes konstituiert wird.

Die Pornographiekritik[82] Andrea Dworkins trifft insofern ein richtiges Problem, sie greift jedoch durch die Fokussierung auf das explizit Sexuelle zu kurz. Im gewissen Sinn ist der hier beschriebene Blick immer pornographisch im Sinne der Reduktion des Leibes von Frauen auf ein sexuelles Objekt für den Mann.


Die Biopolitik der Beauty-Industrie setzt hier an. Mit ihren Angeboten bietet die Werbung den Frauen einen paradoxen doppelten Ausweg. Sie kann sich durch Hygiene und Sauberkeit (=Entsexualisierung) der männlichen Sexualisierung potentiell entziehen, sich als adrette und ordentliche Frau unter dem Blick von Männern und Frauen konstituieren und sich gleichzeitig zum idealen sexuellen Objekt des Mannes formieren.

Dabei ist die an der Sexualität ansetzende Biopolitik der Werbung, die diesen Blick voraussetzt, selbst wesentlich an der Konstitution und Verbreitung dieses Blickes beteiligt, und damit selbst ein wesentlicher Teil dieser spezifischen weiblichen Subjektkonstitution. In einer Art Zirkelverweis produziert die Werbung die Voraussetzung für ihren Erfolg selbst mit.


Diskutiere ich unter all diesen Gesichtspunkten die Thesen aus der Einleitung, stellt sich heraus, daß sie sich in einen Zusammenhang stellen lassen.


Ausgehend von Foucault kann die Enthaarungsnorm als eine über die Sexualität auf den weiblichen Körper zugreifende Biopolitik aufgefaßt werden, die seiner Disziplinierung und Nutzbarmachung für die Ausweitung der kapitalistischen Konsumtion dient. In diesem Kontext wären die Werbekampagnen zu lesen.

Die Frauen werden in eine transsexuelle Position gedrängt; die biologische Geschlechtlichkeit muß erst durch entsprechende Konsumgüter erworben werden.

Gleichzeitig wird diese Form der geschlechtlichen Subjektkonstitution durch zwei weitere Elemente attraktiv; durch die Formierung des Leibes kann eine scheinbar paradoxe entsexualisierte Sexualisierung erkauft werden.

Zum einen geht es hier um den Diskurs der Sauberkeit, der die Negation der eigenen sexuellen Leiblichkeit und gleichzeitig das Versprechen, Geschützt zu sein vor der Gewalttätigkeit des sexualisierten männlichen Blicks, der unter anderem durch die Werbung verallgemeinert als aggressiv direkt auf den Leib 'der Frau' gerichteter neu konstituiert wird, beinhaltet.

Parallel dazu führt dieselbe Formierung aber auch zur Entsprechung gegenüber den Anforderungen des sexualisierten Blickes, also zu einer männlich konotierten Sexualisierung.


Alle vier anfänglich genannten Thesen lassen sich also in der historischen Betrachtung wiederfinden und in einen Zusammenhang stellen.


Insbesondere die hier dargestellte Figur der entsexualisierten Sexualisierung (die vielleicht besser als entsexualisierende biologische Vergeschlechtlichung als Frau bezeichnet werden sollte, denn der Frauenleib wird mit dieser Norm biologisch als asexueller Leib ohne eigene Sexualität - leeres Gefäß - für den männlichen Zugriff konzipiert) findet sich auch in anderen Analysen des historischen Zugriffs auf den Leib 'der Frau' in der Moderne wieder.


So schreibt Susan A. Basow im Text The Hairless Ideal. Women and Their Body Hair.

"Since hair has long had sexual associations for men and for women, its removal also may have conveyed two closely associated sexual messages - that a woman's mature sexuality is controlled at the same time as her "tamed" sensuality is on display (Bronwmiller, 1984; Freedman, 1986). The current taboo against showing pubic hair reflects this process. Women's bathing suits increasingly reveal the pubic area; women now are encouraged to remove or bleach those hairs that show."

Und sie zitiert außerdem eine Studie aus den 70er Jahren über die Sicht auf Frauen:

"Amid an ideology of unsullied chastity, women were reduced to a primarily sexual identity, or to the identity of a child."

Sie stellt auch den Zusammenhang mit dem männlichen Blick dar; Weiblichkeit wird im 20ten Jahrhundert zum Schönheitswettbewerb um patriarchale Privilegien:

"It became a woman's duty to attract and please men by her appearance in the "beauty contest of life" or else lose out on patriarchal privilege."[83]

 

Auch die Thesen Jean Baudrillards zur Mannequinisierung lassen sich in diesem Sinn verstehen. Am Beispiel des Striptease schildert Baudrillard die Möglichkeit der (Selbst)Inszenierung 'der Frau' und ihrer Sexualisierung unter dem pornographischen Blick wie folgt:


"Das Mannequin ist das Modell für diese ganze phallische Instrumentalisierung des Körpers. Schon das Wort sagt es: Manne-ken, "kleiner Mann" - Kind oder Penis - in diesem Fall ist es der eigene Körper, den die Frau mit einer raffinierten Manipulation, [..] handhabt, die ihn zum Paradigma der Verführung macht. Und dieser perverse Vorgang, der aus ihr und ihrem sakralisierten Körper einen lebenden Phallus macht, ist zweifellos die wirkliche Kastration der Frau [..]. Kastriert zu sein bedeutet, von phallischen Substituten verdeckt zu sein."[84]


Die Löschung einer eigenen sexuellen Leiblichkeit von Frauen, um sie mit einer männlichen Norm zu überschreiben, begreife ich aber, im Gegensatz zu Jean Baudrillard, der hierin die Auslöschung der Alterität sieht, gerade als Produktion der Geschlechterdifferenz.

Dabei gehe ich aus von einer amorphen uneindeutigen Materialität des Leibes, aufgrund derer ich die leibliche Sexualität in einer Ausweitung der Thesen Luce Irigarays[85] nicht nur für Frauen als amorph, fluid und uneindeutig begreife, sondern auch die männliche leibliche Sexualität als amorph, fluid und uneindeutig begreife.[86]


Dies bedeutet, daß auf der Ebene des materiellen Leibes die menschliche Sexualität für mich nicht in einem binären Schema faßbar, sondern ungetrennt ist.[87]









Die Entwicklung in Deutschland



Die größte und etwas besser als andere Anzeigen zum Thema Enthaarung plazierte (5 Seiten vor den Kleinanzeigen am Schluß) Anzeige zum Thema Enthaarung aus Die Woche Jahrgang 1924. Sie erschien mehrfach in abgewandelten Versionen. (Gr. 1/4 Seite - Die Woche - Nr. 48 29.11.1924 - Berlin: August Scherl GmbH, 1924)



Schaue ich mir die Anzeigen und Bilder einer der großen deutschen Illustrierten, Die Woche, aus den 20er Jahren an, sind die Verhältnisse in Deutschland zu diesem Zeitpunkt offensichtlich nicht mit den USA vergleichbar. Die Anzeigen zum Thema Enthaarung beziehen sich bis auf eine Ausnahme fast ausschließlich auf Kopf- und Nackenbehaarung, Körperbehaarung wird höchsten am Rande erwähnt. Sie sind außerdem eher klein, meistens billig im Kleinanzeigenteil positioniert und von einem erzieherischem Auftrag ist nur wenig zu spüren. Dem entspricht eine Bildqualität der "führenden Illustrierten", die im Fototeil kaum eine Unterscheidung zwischen behaarten und unbehaarten Achseln zuläßt. Einen Eindruck von der Art der Werbung wird auf der folgenden Seite und am Beginn dieses Abschnittes durch Beispiele gegeben.


Grundsätzlich scheint Deutschland zu Beginn der zwanziger Jahre eher mit den USA des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts vergleichbar zu sein, was die Werbung bzgl. Enthaarungspraxen betrifft. Zwar hat es auch in Deutschland in den zwanziger Jahren eine Sexualisierung des Blickes auf den Frauenleib gegeben, wie anderen Bildquellen in dieser Illustrierten zu entnehmen ist, aber sie findet im Faschismus eine andere Fortführung als die früher stattfindenden Entwicklungen in den USA.

Auch wenn die Beine von Marlene Dietrich ein Topos waren und es von der Mutter meines Vaters immer hieß, "Sie war früher eine sehr schöne Frau, und hatte Beine wie Marlene Dietrich," so kann doch angenommen werden, daß auch diese Politik des Blickes auf den Frauenleib mit dem Faschismus eine andere Wendung nahm.

Meine These wäre hier, daß sich dieser andere Blick unter anderem durch die deutsche Filmproduktion und das öffentlich-rechtliche Fernsehen bis in die 70er Jahre zieht.

Die Sexualisierung des Frauenleibes unter dem männlichen Blick im öffentlichen Raum durchdringt erst mit den 80er Jahren vollständig mit der Einführung des Privatfernsehens und Änderungen in der Art und Weise der Werbung alle Alltagsbereiche.

Dies wäre unter den obigen Annahmen für die Funktionsweise der Durchsetzung der Enthaarungspraxen im US-amerikanischen Raum der Grund, daß sich Enthaarungspraxen in Deutschland erst heute durchsetzen und vor allem bei den Frauen, die in den letzten 20 Jahren aufgewachsen sind, also unter dem zunehmend sexualisierten Alltagsblick auf den Frauenleib.


Diese Thesen sind im folgenden weiter zu überprüfen.



Anzeigen aus der deutschen Wochenzeitung

"Die Woche Deutschlands führende illustrierte Zeitschrift"[88]

Jahrgang 1924





Eine Anzeige zum Thema Damenbart, die kontinuierlich über viele Ausgaben im Kleinanzeigenteil geschaltet wurde. (Gr. 1/36 Seite - Die Woche Nr. 31 2.8.1924) und zum Vergleich; Eine andere Anzeige, die gleichzeitig im gleichen Bereich geschaltet wurde. Sie bewirbt ein Mittel, mit dem magere Frauen leichter zunehmen (Gr. 1/24 Seite).





Eine Anzeige zum Thema Damenbart aus dem Kleinanzeigenteil, die die einen elektrischen Haarzerstörer bewirbt (Gr. 1/24 Seite - Die Woche Nr. 19 10.5.1924) und zum Vergleich; Eine andere gleichgroße Anzeige, die gleichzeitig im gleichen Bereich geschaltet wurde. Die Anzeige bewirbt ein Mittel gegen abstehende Ohren.







Die einzige Anzeige, die explizit auf Körperregionen jenseits von Gesicht, Hals und Nacken Bezug nimmt (Gr. 1/6 Seite - Die Woche Nr. 29. 19.7.1924) und zum Vergleich; Eine andere Anzeige, die in vergleichbarer Größe und Auffälligkeit der Plazierung, wie die Anzeige der Sommer ist gekommen, gedruckt wurde. Sie bewirbt politische Bücher von Theodor Lessing (Gr. 1/6 Seite - Die Woche Nr. 11. 15.3.1924).



Inhalt


Weiter im Text
































- 2 Soziologische und sozialpsychologische Analysen


Empirische Studien


USA und Australien


Für die USA und Australien liegen insgesamt 5 empirische Studien darüber vor, wieso die Praxis der Körperhaarentfernung von Frauen praktiziert wird.

Es gibt eine quantitative Studie mit der Befragung von 210 Frauen der National Women's Studies Association (NWSA - USA) und 210 Frauen der American Psychological Association von Susan A. Basow aus dem Jahr 1991 zu den Gründen der Körperenthaarung[89], eine Studie von Susan A. Basow und Amie C. Braman aus dem Jahr 1998[90] zu den Assoziationen, die männliche und weibliche Studierende (73 männliche und, 122 weibliche Studierende eines kleinen privaten Colleges in den USA) mit Körperbehaarung bei Frauen verbinden, eine Studie von Marika Tiggemann und Sarah J. Kenyon nach dem Design der ersten Studie von Basow mit australischen Universitäts- und High School Studentinnen aus dem Jahr 1998[91], eine Studie wiederum von Marika Tiggemann und Christine Lewis nach dem gleichen Konzept mit männlichen und weiblichen UniversitätsstudentInnen mit Erweiterungen zur Evaluierung der Gründe für die Normsetzung aus dem Jahr 2004[92] und eine qualitative Befragung von J. M. Lewis aus dem Jahr 1987[93] durchgeführt in den USA mit 24 männlichen und weiblichen Mittelklasseangehörigen der USA im Alter von 27 bis 55.

Nach Marika Tiggemann und Christine Lewis (2004) sind dies alle Studien, die überhaupt zu dem Thema existieren. Gemeint dürfte hier sein, daß es sich um die einzigen Studien handelt, die in den von den AutorInnen als westlich benannten Ländern (USA/Großbritanien/Kanada/Australien[94]) existieren.

Ich würde dies eher als angloamerikanischen Kulturraum bezeichnen. Daß diese Eingrenzung Sinn macht, zeigt sich auch in anderen Bereichen, z.B. Umweltschutz; so wurde in einem australischen Gastkommentar in der Neuen Züricher Zeitung[95] eine kulturelle Spaltung zwischen dem christlichen USA und den atheistischen, einer Umweltschutzreligion verfallenen EuropäerInnen ausgemacht, wobei der australische Gastkommentar ausdrücklich die Seite der USA befürwortete. Obwohl dies natürlich auch eine Menge ideologischer Rauch ist, drückt es doch ebenfalls kulturelle Unterschiede zumindest zwischen den Gesellschaften an den Polen (USA/Australien versus Frankreich/Deutschland) aus.


Drei der Studien beziehen sich auf die USA und zwei auf Australien. Die Ergebnisse weichen für diese Länder soweit vergleichbar aber nicht signifikant voneinander ab.

Die Studien beziehen sich alle auf das BildungsbürgerInnentum der weißen Mittelschicht in den entsprechenden Ländern.


Für den Anteil der Frauen aus den angloamerikanischen Ländern, in denen Körperhaarentfernung betrieben wird, liegen aber mehr Daten vor. So zitiert Christine Hope in ihrem historischen Artikel eine Studie, die belegt, das 1964 98% aller US-Amerikanerinnen im Alter von 15 bis 44 und 70% der Frauen, die älter als 44 waren[96] Körperhaarentfernung praktizierten. Eine Befragung an einer britischen Universität für das Buch Hair Sex Society Symbolism[97] ergab für das Jahr 1970, daß 98% der befragten Frauen Körperenthaarung (Achselhaar) praktizierten.


Auch die Werte der oben genannten Studien, soweit sie sich auf Studentinnen in Australien und den USA beziehen, liegen bei über 90% Frauen die Körperhaarentfernung betreiben. Nur im Fall der ersten dieser Studien, der Studie von Susan A. Basow (1991), die sich auf eine Gruppe von Frauen bezog, unter denen sowohl Feministinnen als auch sich als lesbisch definierende Frauen überproportional vertreten waren, lag der Wert etwas niedriger, bei 81 %. Dies konnte aber auf die spezielle Zusammensetzung der Gruppe zurückgeführt werden.


Festzustellen ist also, daß für den angloamerikanischen Raum die Praxis der Körperenthaarung zumindest für Frauen der weißen Mittelschicht eine Norm ist, die seit mehreren Jahrzehnten wirksam ist.


Die Studie von Susan A. Basow (1991) und die Studie von Marike Tiggemann und Sarah J. Kenyon (1998) bestanden jeweils aus einem Fragebogen zu den Gründen für den Beginn der Enthaarungspraxis und für die heutigen Gründe mit fest vorgegebenen Antworten, die von den Befragten gewichtet werden sollten. Die Antwortkategorien betrafen normative, Geschlechts-, Attraktivitäts-, Eigenwahrnehmungs- und Hygieneaspekte. Als Antworten kamen z.B. vor, "I like the soft, silky feeling", "It was the thing to do", "Women are supposed to shave", "It makes me feel attractive", "Bodyhair is unclean". Außerdem gab es einige Fragen speziell für die kleine Gruppe von Frauen, die nicht die Enthaarungspraxis teilten, "Women's bodys are fine as they are", "My skin is to sensitive", "It goes against my cultural background", ....

Die Ergebnisse waren in beiden Untersuchungen identisch, überwiegend wurden Gründe die mit Attraktivität und Weiblichkeit zu tun hatten, als Grund angegeben. Auffällig war, daß die Antwort, "I like the soft silky feeling", als wichtigster Grund genannt wurde. Normative Gründe wurden erst an zweiter Stelle als Grund für die aktuelle Praxis genannt.


Gleichzeitig war aber auffällig, daß in der Studie von Susan A. Basow (1991) in der ältere Frauen befragt wurden, für die die Jugend mit dem Beginn der Enthaarungspraxis weiter zurücklag, als Grund für den Beginn überwiegend normative Gründe genannt wurden: "It was the thing to do" und "Women's are supposed to shave", und daß die Feministinnen und lesbischen Frauen in beiden Studien überwiegend normative Repression als Grund für die Übernahme der Enthaarungspraxis angaben.


"Even among strong feminists and lesbians most (72% and 55% respectivly) removal leg and or underarm hair. The main reason they gave was to avoid social disaproval" (Marike Tiggemann und Sarah J. Kenyon (1998) - Seite 875)

 

Explizit wurde auch die starke repressive Reaktion der Umwelt auf die Mißachtung der Enthaarungsnorm durch Frauen in den Kommentaren betont.


"Open-ended coments emphasized the strength and power of the hairlessnes norm, and the intense social reaction to violations of these norms." (Marike Tiggemann und Sarah J. Kenyon (1998) - Seite 875)


Beim Lesen der Studie von Susan A. Basow stellt sich aus sozialpsychologischer Sicht sofort die Frage, inwieweit die Antworten der Befragten ein Selbstkonstrukt widerspiegeln und inwieweit sie eine realistische Selbsteinschätzung darstellen. Die Frage ist, ob Frauen nicht dazu neigen, gerade im Universitätsbereich sich eher als selbstbestimmt zu konzipieren und fremdbestimmtes Handeln, das Ausgeliefertsein an Gewaltverhältnisse, zu verdrängen. Dies würde im Antwortverhalten eine massive Unterbewertung normativer Gründe zur Folge haben. Darauf deutete, daß die älteren Frauen in ihrer Jugend normative Gründe als primär angegeben haben und daß die Hauptnennung "I love the soft silky feeling" das angebotene Begründungsklischee aus der Werbung ist.

Außerdem deutet in diese Richtung auch das oben erwähnte Vorhandensein einer Norm, die sich in der Repression gegen abweichendes Verhalten als solche deutlich darstellt. Eine derartige Norm ist mit Attraktivität und Freiwilligkeit nicht zu erklären.


Zu diesen Schlüssen kommen auch Marike Triggerman und Sarah J. Kenyon:


"Hope pointed out that linking shaving or smooth skin too feeling attractive and feminine is the major pitch of nearly all current advertising. Yet clearly this is an artifactual link which has been societally constructed, for biologically mature female sexuality is in fact linked to the presence of body hair." (Marike Tiggemann und Sarah J. Kenyon (1998) - Seite 883)


"Clearly whether women start to shave for feminine or for normative reasons depends on the vantage point, whether one is looking from the inside, or from outside with the analysis of an observer. It appears that women can recognize the normative pressures on them to shave, but only when looking back in time. When considering their own current behavior, however, women universally (or at least in three different samples that have been investigated) attribute their behavior to feminine and attractive reasons, certainly contributes to the notion that women's bodies are unacceptable as they are. Such "normative" but unrecognized behaviors surely warrant further research attention." (Marike Tiggemann und Sarah J. Kenyon (1998) - Seite 884)


Auch daß die Frauen, die der Enthaarungsnorm nicht entsprechen, die Frauen mit dem größeren Selbstwertgefühl sind (Marike Tiggemann und Sarah J. Kenyon (1998) - Seite 882/883), spricht dafür, daß es sich real tatsächlich eher um eine normative Repression handelt, der sich primär Menschen mit ausgeprägten Selbstwertgefühl entgegenstellen können.


Um diese These zu überprüfen, hat Marike Tiggemann in ihrer zweiten Studie zusammen mit Christine Lewis (2004) die Fragesituation erweitert; Männer wurden mit einbezogen und außerdem wurden die Frauen nun erstens danach gefragt, wieso sie Körperhaare entfernen und zweitens, wieso andere Frauen Körperhaare entfernen. Dies wurde so formuliert, um im Abgleich zur subjektiven Innenperspektive der Befragten die eher analytische Außenperspektive zu erhalten.


Da darüber hinaus die Frage der Norm, und wie es zu einer Norm kommt, untersucht werden sollte, wurde außerdem der Ekel vor Körperhaaren mit dazugehörigen Assoziationen abgefragt. Aufgrund diverser Kommentare und anekdotischer Erzählungen lag es für die Autorinnen nahe, hier einen Zusammenhang mit der Norm zu vermuten. Da Ekel ein sehr starkes, mit Normen verknüpftes Gefühl ist, z.B. Hygieneregeln, ist er ein Maßstab für die Internalisierung eines Verhaltens als Norm. Außerdem können die assoziativen Verknüpfungen mit dem Ekelgefühl Hinweise liefern, auf welchen Ängsten die Norm basiert, welche Ängste mit ihr im Zaum gehalten werden.

Die Verbindung von Körperbehaarung bei Frauen mit Ekelgefühlen weist darauf hin, daß es sich hier nicht um eine Frage der Attraktivität, sondern um sehr viel grundsätzlichere normative Setzungen geht. Insofern kann diese Verknüpfung auch als Maßstab für die Interpretation der anderen Daten genutzt werden.


Die Resultate waren erstaunlich klar. Es gab eine klare signifikante Differenz zwischen der Antwort auf die Frage, wieso die befragten Frauen selbst Körperbehaarung praktizierten, und der Frage, wieso andere Frauen dies tun. Die Antwort auf die erste Frage entsprach den Ergebnissen der vorhergehenden Studien, in denen genau dies abgefragt wurde. Als primärer Grund wurde Weiblichkeit und Attraktivität angegeben, "liking the soft silky feeling", "feeling attractive", für andere Frauen, also auf die zweite Fragestellung hin, wurden ganz klar normative Gründe als primär benannt. Die Antwort der überwiegenden Mehrheit der Frauen war also bezüglich der Körperenthaarung, kurz zusammengefaßt, ich selbst tue dies freiwillig, aber die anderen aus Zwang.


"It can be seen that the feminine/attractiveness reasons of liking the soft silky feeling and feeling attractive were the most highly rated as to why women themselves remove their body hair.

[..]

In contrast, social normative reasons were endorsed as the most important for other women." (Marike Tiggemann und Christine Lewis - Seite 384)


Da außerdem eine klare Verbindung zwischen der Eigenbewertung der eigenen Körperbehaarung, bzw. ihrer Entfernung und dem Ekel vor Körperhaaren bei Frauen festgestellt werden konnte, ist klar von einer primär normativen Setzung auszugehen.


"Very interestingly, the reasons that women cited for other women removing their body hair were more socially normative in nature. Thus women interprete others' behaviors, as due to normative pressures, in a way they do not do so for their own. This mirrors the the earlier difference in reported reasons for starting and continuing to shave. More importantly, it supports Tiggeman's and Kenyon's argument that women's hair-removal behaviors are interpreted differently depending on the vantage point, weather one ist looking from the inside or from the outside, with the analysis of an observer. It appears that women can recognize the normative pressures on them in general to shave, but are unwilling to accept this as the rational for their own specific behavior. [..] Perhaps the normative values of individualistic cultures render it difficult for women to acknowledge their own vulnerability to social pressures, although they can recognize such vulnerability in others.

Based on the present set of results, we would contend that although women say they shave their legs and underarms for feminity/attractivness reasons, the very universality of this behavior belies this.

" (Marike Tiggemann und Christine Lewis - Seite 385)


Die Autorinnen sehen in diesem Punkt auch eine entscheidendes Problem für die politische Bearbeitung des Problems, da für einen Ansatz des Widerstands gegen den sozialen Druck, zuerst einmal zugestanden werden müßte, daß dieser auch eine selbst betrifft.


"Such rationalization or failure to acknowledge more fully the effect of normative pressures on their own behavior may carry negative implications for women. Attributing their own hair-removal practice to feminity/attractiveness reasons is exactly the kind of rationale that serves to keep women insecure about their bodies. If women were able to give more explicit recognition to the normative pressures they are subject to, the problem of unwanted hair could be located more squarely at the societal level, rather than as a problem with the individual woman's body." (Marike Tiggemann und Christine Lewis - Seite 386)


Für die Diskussion der über die Normierungspraxis bisher aufgestellten Thesen aus dem ersten Unterabschnitt zur geschichtlichen Entwicklung der Praxen der Körperenthaarung finden sich in der Studie noch zwei weitere sehr interessante Aussagen.


Sowohl Männer als auch Frauen verbinden Körperbehaarung bei Frauen mit Ekelgefühlen, bei Frauen sind sie aber ausgeprägter und sie verbinden dies signifikant höher mit Körperprodukten als Männer, die hier zuerst die Assoziation zu tierischen Produkten haben.

Für Frauen ist dieser Ekel vor Körperbehaarung stärker mit der Wahrnehmung der eigenen Körperbehaarung als mit der Körperbehaarung von anderen Frauen verbunden.


Außerdem ist für Männer der Ekel vor Körperbehaarung und die Tierassoziation mit der Frage einer mangelnden Differenzierung zwischen behaarten Frauen und Männern verbunden.


Alle vier im vorherigen Abschnitt aufgestellten Thesen werden durch die Studie unterstützt.


Die Legitimation der Körperenthaarung durch die Klischees der Werbekampagnen "I like the soft silky feeling" bei gleichzeitigem Rekurs dieser Kampagnen auf offensichtlich tiefer sitzende Ängste, weist auf die Enthaarungsnorm als eine über die Sexualität auf den weiblichen Körper zugreifende Biopolitik im Sinne Foucaults hin, die seiner Disziplinierung und Nutzbarmachung für die Ausweitung der kapitalistischen Konsumtion dient und die offensichtlich in diesem Sinn wirksam ist.


Die männliche Assoziation von Körperbehaarung bei Frauen mit dem monströsen tierischen kann sowohl als Verweis auf die Transsexualisierung der Frau mit Körperbehaarung, also der Transsexualisierung der weiblichen Leiblichkeit, gelesen werden, da die Position des geschlechtlich uneindeutigen im kulturellen Gedächtnis mit den Bildern des devianten tierhaften verknüpft ist, als auch als Angst des Mannes vor weiblicher sexueller Potenz interpretiert werden. Dies findet im Sinne der in der Einleitung dargestellten Verknüpfungen, z.B. der Sängerin Peaches mit Wolfsbehaarung, oder dem Bild von Nena als "She-Wolf", statt.


Außerdem wird hier sehr deutlich, daß es nicht primär um Attraktivität geht, weil diese Untersuchung direkt darstellt und damit deutlich macht, daß der mit der Normierungspraxis verknüpfte Ekel bei Frauen signifikant größer ist als bei Männern. Dies verweist auf die These, daß wir es bei der Körperenthaarungspraxis von Frauen mit einem Schutzmechanismus vor Bedrohungsgefühlen, die spezifisch auf Frauen zutreffen, zu tun haben. Fassen wir das zusammen mit dem Ergebnis, daß dieser Ekel von Frauen vor allem auf ihre eigenen Körperhaare gerichtet und verknüpft ist mit Körperprodukten (die wiederum als Drüsensekrete/Menstruation auf die weibliche Sexualität verweisen), und Körperhaare ein Zeichen der sexuell erwachsenen Frau sind, ergibt sich aus dieser Studie ein starker Beleg für die These, daß es bei der Körperenthaarung für Frauen darum geht, ihre eigene leibliche Sexualität, die unter den gegeben Verhältnissen als Bedrohung empfunden wird, zu entfernen oder zumindest unter Kontrolle zu bringen.


Als zusätzlicher Punkt für die Analyse von Normen ergibt sich aus dem Text, daß ein wichtiger Faktor für das Funktionieren einer Norm als solcher ihre Unkenntlichkeit als Normierung für die Mehrheit der Bevölkerung ist. Sie wird als etwas wahrgenommen, 'das halt so ist', und nicht hinterfragt. Die Nichtwahrnehmbarkeit der Norm als Norm im Alltag scheint ein notwendiger Bestandteil der Norm zu sein.

Außerdem gibt der Text einen Hinweis, wie dies unter kapitalistischen Bedingungen funktioniert, eben durch die Verschleierung der Normierung durch einen legitimatorischen Diskurs der Freiwilligkeit. Die Norm äußert sich also in einer Art erzwungener Freiwilligkeit.


Auch die beiden anderen Studien, Susan A. Basow und Amie C. Braman (1998) und J. M. Lewis (1987), unterstützen die Thesen.


In der Studie von Susan A. Basow und Ami C. Braman (1998) wurden Assoziationen männlicher und weiblicher StudentInnen zur Körperbehaarung von Frauen anhand eines Videos mit ein und derselben Frau, einmal mit Körperhaaren einmal ohne vor zwei unterschiedlichen zufällig zusammengestellten Gruppen aus dem gleichen College, abgefragt. Im Video ohne Körperbehaarung wurde die Frau in fast allen Bereichen höher bewertet als im Video mit Körperbehaarung, dies betraf Intelligenz, Attraktivität, sexuelle Attraktivität, Freundlichkeit, Fröhlichkeit, Moral, soziale Kompetenz, u.a.. Nur in ganz wenigen Bereichen erreichte sie im Video, in dem sie mit Körperbehaarung zu sehen war, höhere Werte, in den Bereichen Stärke (Strength), Aktivität (Activity level), Agressivität (Aggressiveness) und Selbstbewußtsein (Tenseness und Confidence). Diese Bereiche ließen sich ohne weiteres in dem Begriff Potenz zusammenfassen, was wieder, beziehen wir das auf sexuelle Potenz, zu den obigen Schlußfolgerungen führt. Außerdem sind dies alles Eigenschaften, die Männern zugeschrieben werden; die Studie verweist also auch auf die Transsexualisierung der Frauen mit Körperhaar.


Die Studie von J. M. Lewis (1987) ist zwar mit 24 TeilnehmerInnen aus der weißen Mittelklasse im Alter von 27 bis 55 sehr klein, aufgrund des qualitativen Ansatzes bietet sie aber eine sehr viel tiefergehende Einsicht in Begründungszusammenhänge für die Normierung. Die Männer in der Studie äußerten explizite Ablehnung gegen Körperbehaarung bei Frauen an Stellen, an denen sie sie nicht erwarteten; und das hieß, Haare waren nu auf dem Kopf, als Augenbrauen und als Schambehaarung innerhalb des Bikinis gestattet. Die Ablehnung bezog sich insbesondere auf Frauen, mit denen sie intim waren.


"They were very concerned about hair in "anomalous" places on females, especially females with whom they were close or intimate. Several males confessed to refusing intimacy with females because the women had, for example, chin or nipple hair" (J. M. Lewis (1987) - Seite 8)

 

Die Frauen sprachen normalerweise gar nicht über ihre Körperbehaarung, auch nicht mit anderen Frauen. Das Thema war tabu und Haare außerhalb der genannten tolerablen Stellen wurden normalerweise nicht thematisiert. Die Frauen versuchten, nach außen den Eindruck aufrecht zu erhalten, daß sie nie unerwünschte Haare gehabt hätten.


"There seemed to be an unspoken taboo which blocks women from comfortably exchanging this information. The attitude seems to be, "It's not supposed to be there, so let's pretend it is not."" (J. M. Lewis (1987) - Seite 8)


Männliche Körperbehaarung war für beide Gruppen überall akzeptabel, außer in Ohren und Nase. Männer mit sehr starker Körperbehaarung wurden zwar von einigen Frauen nicht so positiv gesehen, insgesamt bekamen sie aber eher das Image eines Teddys oder eines Bären. Die Toleranz gegenüber unterschiedlicher Körperbehaarung bei Männern war groß.


Die meisten Frauen verknüpften die Erinnerung an ihre erste Wahrnehmung von eigener Körperbehaarung mit der ersten Menstruation. Viele verbanden mit dem Wachstum von Körperbehaarung pubertäre Ängste, die sie auch später nicht verließen, aber auf andere Stellen der Körperbehaarung projeziert wurden.

In der Pubertät wurde z.B. das Wachstum von Haaren an den Beinen mit sexuellen Ängste verknüpft, später wurde dies auf Haare z.B. im Gesicht oder auf den Brüsten übertragen


"When asked at what age body hair was first noticed, female informants often spoke of menarche at the benchmark. Hair grows gradually. But menarche is a sudden, dramatic, and memorable moment for all women.

[..]

The majority of the women related pubescent fears surrounding forearm and leg hairs or hair growing out of birth marks and moles. They linked this hair to spiders[98], and feared that they were turning into monsters.

[..]

As adults, these women still hold such fears, but focus on new parts of the body such as the face, breasts and nipples, abdomen, upper and inner thighs, Pubic hair "showing" on the edge of a bathing suit, for example, creates extreme anxiety." (J. M. Lewis (1987) - Seite 9)


Alle diese Darstellungen verweisen auf die Verknüpfung des Körperhaares mit der eigenen leiblichen weiblichen Sexualität.

Diese Verknüpfung findet sich auch in der explizit von Männern und Frauen genannten Assoziation von Achselhaar mit Schamhaar.


"A number of times female underarm hair was associated with the pubic region by both males and females as a "private place." Dark underarm hair in particular, carried this association. One male informant confided that "hairy armpits are delightful...like surrogate vaginas" (J. M. Lewis (1987) - Seite 10)

 

Hier finden sich alle sexuellen Ängste bezogen auf die weibliche leibliche Sexualität und die Verknüpfung des weiblichen Körperhaares mit der leiblichen weiblichen Sexualität, also die Grundlage der aufgestellten Thesen, explizit benannt wieder.

Die sexuelle Assoziation wird auch darin sehr deutlich, daß die Männer sich schlichtweg weigerten, sich ihre Mütter mit Körperbehaarung auch nur vorzustellen. Dies hing ganz offensichtlich mit der sexuellen Tabuisierung der Mutter zusammen.


"What body hair removal was practiced by the informants' mothers? When confronted with the idea, male informants absolutely could not tolerate the thought of underarm and leg hair on their mothers. [..] When discussing female body hair with males, mother was taboo." (J. M. Lewis (1987) - Seite 10)


Auch der Normierungsdruck von Frauen gegenüber Frauen und das Gefühl der Bedrohung durch Frauen, die ihre Körperhaare nicht entfernten, fand sich explizit wieder.


"Females who regularly removed underarm and leg hair were less tolerant toward and felt somewhat threatened by those females who did not.

[..]

and associated them with being more sexually and more politically liberal.

[..]

Although men were more critical of women and less critical of other men, women were more critical of other women and themselves than they were of men." (J. M. Lewis (1987) - Seite 10)


Und auch die Sauberkeitsassoziation, "Clean feeling", wurde explizit von Frauen als positives Gefühl benannt.


Im Vergleich zu den anderen Studien wurde in dieser Studie sehr deutlich die enge Verknüpfung zwischen weiblicher leiblicher Sexualität und Körperbehaarung aufgezeigt. Diese qualitative Studie kann entsprechend als Interpretationshintergrund für die quantitativ erhobenen Aussagen der anderen Studien genutzt werden; sie belegt die von mir hier durchgängig im Text benutzte sexuelle Interpretation der Aussagen.


Als Schlußfolgerung der Studie wird explizit der Zusammenhang aufgeführt, den ich hier unter der These "Transsexualisierung der Frauen" gefaßt habe; der Leib von Frauen wird zur Anormalität umdefiniert.


"[..] for the female, it is considered "unnatural" for hair to be present in certain areas. Not only do female bodies have anomalous areas, it appears that the female body itself is considered anomalous." (J. M. Lewis (1987) - Seite 8)


Für den angloamerikanischen Raum werden die vier Thesen im Zusammenhang also vollauf bestätigt.










Arbeit und Behaarung


Auch in der Arbeitswelt ist der Körper und sein Agieren vielfältigen Disziplinen untergeordnet. Insbesondere in den modernen Dienstleistungsökonomien geht es dabei auch um vergeschlechtlichte Darstellung.


So heißt es z.B. in einem Artikel zur "Body Work" von Linda McDowell;


"Daß Arbeit im Sinne von Erwerbsarbeit eine Darstellung verkörperter, geschlechtlich differenzierter Individuen ist, wurde deutlich, als Großbritannien sich zunehmend auf eine Dienstleistungsökonomie verlegte. Eine wachsende Zahl von Jobs in Großbritannien bezieht gegenwärtig das Marketing persönlicher Attribute - inklusive Sexualität - als Teil des Produktes mit ein. [..] Das Lächeln der FlugbegleiterIn ist ein klassisches Beispiel, die Darstellung der SexarbeiterIn ein besonders offensichtliches. Aber [..] eine wachsende Anzahl von hochbewerteten Berufen, die als Sinnbild der entkörperlichten, zweckrationalen Arbeit galten - eher der geistigen als der körperlichen Arbeit - (ist) ebenso durch sexualisierte Darstellungen charakterisiert."[99]


Und dies gilt eben nicht mehr ausschließlich für Unternehmen wie Disney oder die Supermarktkette Asda, die explizite Codes für Bekleidung, Haarschnitt, Gewicht und Körperpflege aufstellen und deren Firmenideal in der Verknüpfung eines Vergnügungsparks mit einem Gefängniskonzern zu liegen scheint, um somit stets abrufbar die passend disziplinierten Arbeitskräfte vor Ort zu haben. Der explizite Rekurs auf die vergeschlechtlichte Körperdarstellung findet in immer mehr Bereichen statt. Die vergeschlechtlichte Körperdarstellung, gerade in höher qualifizierten Positionen, orientiert sich dabei an einem männlichen Normkörper.


"My research suggested a particular masculine heterosexual bodily performance to be central, if unnoticed, component of much Australian corporate leadership.

[..]

In particular industries, such as management consulting and investment banking [..] dominant norms of beauty, blondeness and athleticism control who ist recruited and promoted. New recruits are implicitly graded, not on their case analyses but on their bodily performance: 'looking good becomes synonymous with being good'. Bodies become sites for display of competitive masculinism."[100]

 

In diesen männlich vergeschlechtlichten Lebensbereichen werden Frauen zum Störfaktor, sobald sie als Frauen kenntlich sind.


"Die geschlechtlich differenzierten Körper von Frauen sind am Arbeitsplatz ganz einfach deshalb bedrohlich, weil sie eigentlich nicht da sein sollten. Sie fordern die Ordnung der Dinge heraus."[101]


"Women are seen to bring contaminating bodies to formerly disembodied groups. One chief executive officer I interviewed described this as a perception that 'somehow they're going to foul up the team'"[102]

 

Der Blick auf Frauen seitens der männlichen kulturell dominanten Gruppe am Arbeitsplatz ist dabei ein explizit sexualisierter, der die Frauen als das Eindringen des Sexuellen in den Büroalltag konstruiert.[103] Um in diesen Verhältnissen anerkannt zu werden, müssen sich Frauen entsexualisieren und gleichzeitig darauf achten, nicht in die parallel gültigen homophoben Klischees 'der Lesbe' zu geraten. Die Enthaarungsnorm kann gerade in gehobenen Positionen mit männlichen Normen als Teil dieser Praxis sich selbst zum entsexualisierten Mann zu machen, verstanden werden; auch hier steht das Haar offensichtlich wieder für die sexuelle Leiblichkeit der Frauen.


"women becoming highly concious of body hair and physique and committing to regimes of hair removal and gym work to keep their job"[104]

 

Diese Arbeitsplatznormen werden auch durch direkten Zwang durchgesetzt. So kann es einer Frau passieren, daß sie von ihrem Arbeitsplatz verwiesen wird, weil sie zu feminin auftritt,

"A case in point occured in Wisconsin recently, when a bank teller was demoted from the teller's window to the basement because the bank manager objected to her braids and beads coiffure; the manager said it was not the image the bank tried to project (New York Times 17.4.80)" (Lewis, J. M. (1987) - Seite 387)

aber auch weil sie einer männlich sexuellen Körpernorm zu nahe kommt,

"in Seattle, where a female employee of the Y.M.C.A. was fired for refusing to remove 'excessive hair growth' (Montreal Gazette 26.7.83)." (Lewis, J. M. (1987) - Seite 395)


In der Untersuchung von Susan A. Basow (1991) gaben dementsprechend die hier speziell befragten lesbischen Frauen an, daß sie die Haare primär auf Grund dieser Repressionen entfernten.


" [..] those lesbians who continue to shave do so primarily for social normative reasons. Many respondents wrote that the social disaproval with which they would have to contend for not shaving was "not worth it," and some felt it would damage their credibility at their job. This was the major reason given by those who had stopped shaving and later restarted." (Susan A. Basow (1991) - Seite 94)

 

Die hier diskutierten Texte bzgl. Arbeitswelt beziehen sich alle auf den angloamerikanischen Raum; inwieweit dies auf die BRD übertragen werden kann, ist nicht klar. Für den angloamerikanischen Raum weisen sie aber noch auf ein anderes, sich mit den schon dargestellten Disziplinarstrukturen ergänzendes, Herrschaftsverhältnis bzgl. der Durchsetzung der Enthaarungspraxen als Norm hin.

Denn insbesondere Frauen, die ansonsten die geschlechtlichen Normen durchbrechen, indem sie gehobene berufliche Positionen einnehmen, werden hier auf diese Praxen der Körperformierung zur vergeschlechtlichten Darstellung im Berufsalltag verpflichtet, unabhängig davon, ob sie selbst dies als sinnvoll erachten, beziehungsweise ob es zur eigenen geschlechtlichen Selbstproduktion für sie eine Rolle spielt. Gerade die genannte Umfrage über Enthaarungspraxen von lesbischen Frauen in den USA verweist auf die repressiv erzeugte Körperformierung. Gleichzeitig dürften diese Frauen aber für eine ganze Reihe Frauen Vorbildfunktion haben, insbesondere bezüglich ihrer Körperrepräsentation.


Damit wird die Enthaarungsnorm auf dieser Ebene durch Zwang auf hervorgehobene Frauen mit Vorbildfunktion im öffentlichen Raum in der Gesamtgesellschaft als Norm reproduziert.



Karikatur aus der Zeitschrift fiber, Wien 2002[105]










Die Situation in der Bundesrepublik Deutschland


Die Analyse ist jedoch nicht auf die bundesdeutsche Situation übertragbar. Für die Bundesrepublik ergibt sich ein anderes Bild, das zwei Alternativen offen läßt. Entweder befindet sich die BRD in einem Transformationsstadium hin zur angloamerikanischen sexistischen Körperhaarnormierung, oder in der BRD entwickelt sich zur Zeit ein eher von Milieuspezifika als vom Geschlecht bestimmter Umgang mit Körperbehaarung. Ich will nach einer kurzen Übersicht über die statistischen Ergebnisse in der BRD beides ausführen, vor allem die zweite Alternative. Eine Festlegung, welcher dieser beiden Entwicklungsstränge für die BRD zutrifft, ist auf Grund der mit vorliegenden Daten aber nicht möglich. Eventuell existieren politisch und sozial zur Zeit auch beide Entwicklungen parallel, und die Entwicklung hängt davon ab, wie die bundesdeutsche Gesellschaft insgesamt zukünftig aussehen wird. Zumindest kann festgestellt werden, daß die Körperenthaarung für Frauen momentan in der BRD noch keine allgemeine Norm ist.


Nach einem Artikel der Zeitschrift Glamour[106] vom Juli 2003 entfernen 50% der 22 bis 25 jährigen Frauen in der BRD Körperhaare, davon enthaaren sich 73% regelmäßig unter der Achsel, 57 % enthaaren die Beine und 50% enthaaren sich im Schambereich. Bezogen auf die Gesamtheit aller 22 bis 25 jährigen Frauen in der BRD heißt dies, daß ca. ein Viertel aller Frauen im Schambereich und Beine enthaart, und ca. ein Drittel aller Frauen unter den Achseln Haare entfernt. Enthaarungspraxen wie aus dem angloamerikanischen Raum sind in der BRD also ein Minderheitenphänomen. Diese Zahlen stimmen bzgl. der Beinenthaarung überein mit, bzw. liegen etwas unter den Zahlendie das Freiöl-Institut im Sommer 2001 bei einer Befragung von 1300 Frauen über 14 Jahren erhoben hat[107]. Danach enthaart nur eine Minderheit von 32.2 % der Frauen ihre Beine. Ergänzt werden diese Zahlen durch eine Befragung des Freiöl-Instituts zur Einschätzung der Körperbehaarung bei Frauen und Männern aus dem Jahr 2002[108]. Nur 50% der befragten 2500 Frauen und Männer fanden Haare in Nase und Ohren störend, der Damenbart stieß sogar nur bei einer Minderheit von 48,1 % auf die Einschätzung, nicht besonders attraktiv zu sein. Behaarte Beine bei Frauen (37,8%) oder Haare im Bikinibereich (32,2%) fanden sogar nur ca. ein Drittel der Befragten störend. Das heißt, die überwiegende Mehrheit der Deutschen empfindet Körperhaare fast überall entweder als nicht störend oder sogar als attraktiv.


Offensichtlich ist das Argument, Körperenthaarung aus Gründen der Attraktivität zu betreiben, zumindest außerhalb des Gesichtes nicht auf die realen Empfindungen von Männern und Frauen bezogen. Wenn in Artikeln aus Frauenzeitungen, wie dem oben genannten Artikel aus Glamour, im Kontext der Propaganda für die Körperhaarentfernung bei Frauen steht: "und ein positiver Nebeneffekt: die meisten Männer stehen auf reduzierten Haarwuchs bei Frauen," ist dies schlichtweg falsch. Dies heißt, daß das Argument Attraktivität ein vorgeschobenes ist, bzw. geht es hier nicht um die reale Attraktivität von Frauen für Männer, sondern um ein fiktionales Ideal, welches mit der Geschlechterrealität nur am Rande zu tun hat. Es steht zu vermuten, daß die Zeitschrift hier vor allem die Interessen ihrer Werbekunden der Beauty-Industrie bedient und dazu auch Fehlinformationen lanciert, bzw. versucht, Schönheitsideale gegen den Mainstream erst zu etablieren. Interessant für die Analyse ist aber auch, daß dieses Argument erst an dritter Stelle als Nebeneffekt genannt wird. Die Hauptargumente sind, das die USA es tun und wir es deshalb auch tun müssen, "Was das Enthaaren betrifft, ist Deutschland verglichen mit den USA etc. immer noch ein Entwicklungsland," und ein Hygienediskurs: "Interessanter Weise ist ein rasierter Körper leichter zu pflegen, es ist hygienischer". Dabei ist das zweite Argument in dieser Form wiederum nur vorgeschoben, es ist offensichtlich in einem anderen als dem hier ausgesprochenen Sinn zu lesen ist. Denn nur wenn ich davon ausgehe, daß Frauen, die sich enthaaren, sich ansonsten nicht ordentlich waschen, ist die Frage der Hygiene ernst zu nehmen, ansonsten dürfte dies in der BRD mit fließendendem Wasser und Duschen in jedem Haushalt kein Problem sein. Das heißt, dieses Hygieneargument verweist auf die Ängste vor der (sexuellen) Leiblichkeit, also auf die mit den weiblichen Körperflüssigkeiten verbundenen Ängste, aber auch auf allgemeine Hygienediskurse, die mehr mit der Selbstkonstruktion von Menschen zu tun haben, als mit rationalen Überlegungen.


Nun könnte diese Situation in der BRD als Teil eines Transformationsregimes auf dem Weg zur angloamerikanischen Körperbehaarungsnorm aufgefaßt werden, es gibt aber eine ganze Reihe von Hinweisen, die in eine andere Richtung deuten.


Im Text "Shame and Glory: A Sociology of Hair"[109] führt Anthonny Synnott aufgrund der Analyse des Umgangs mit Haar in unterschiedlichen Kulturen und des differenten Umgangs innerhalb von Kulturen aus, daß es drei Oppositionspaare gibt, nach denen die Bedeutung von Haar in der symbolischen Ordnung von Gesellschaften meist organisiert ist, die sich verstärken, im Widerspruchsfall aber auch neutralisieren oder ins Gegenteil verkehren können. Er führt diese drei Oppositionspaare wie folgt aus:

- entgegengesetzte Geschlechtszuweisungen sind mit einem entgegengesetzten Umgang mit Haar verbunden,

- Körperhaar und Kopfhaar stehen in Opposition zu einander,

- entgegengesetzte Ideologien sind mit einem entgegengesetzten Umgang mit Haar verbunden.

Er führt gerade am Beispiel europäischer Gesellschaften aus, daß die ideologische Komponente die anderen Komponenten durchaus überlagern kann. Welche dieser Oppositionen für den Umgang mit Haaren ausschlaggebend ist, ist abhängig von den gesellschaftlichen Bedeutungszuweisungen an das Haar.


Nun deutet bereits die Argumentation in der Zeitschrift Glamour für die BRD darauf hin, daß es hier primär um eine ideologische Opposition geht, denn das USA-Argument, welches auch in anderen Artikeln auf Platz eins genannt wird[110], ist ein politisch-ideologisches. Auch beim allgemeinen Hygienediskurs handelt es sich um eine milieuspezifische Abgrenzungsstrategie, die klassisch für das KleinbürgerInnentum ist.

Die Relevanz der geschlechtsspezifischen Opposition wird darüber hinaus durch die Beobachtung in Frage gestellt, daß gerade von den Frauen, die am stärksten Ekel gegen ihre eigenen Körperhaare entwickeln, auch Ekel gegenüber männlicher Körperbehaarung geäußert wird und entsprechende Forderungen aufgestellt werden.[111] Dies bedeutet, daß die Enthaarungspraxis nicht wie in den USA der Vergeschlechtlichung als Frau dienen kann, da sie eben nicht nur auf Frauen, sondern auch auf Männer bezogen wird. Auch die schon aufgewiesene Tendenz, die Werbung für Enthaarungsprodukte im deutschen Sprachraum auf Männer auszudehnen, weist in diese Richtung. Das führt soweit, daß in den betrachteten Internetforen auch die Körperenthaarung der Männer gefordert wird, insbesondere die Enthaarung im Intimbereich.


So heißt es in der schon in der Einleitung genannten Internetdiskussion zum Thema Körperenthaarung bei Männern auf die Frage: "Wo sollte ein Mann rasiert sein?"[112]


"Intimbereich und unter den Achseln wär ganz schön, MUSS aber nicht.

JuliaB"


"finde auf jeden fall sollte er intim rasiert sein..achsel wäre auch ganz gut!

VerrücktNachSex"


"teilweise oder ganz im intimbereich

erzteufelchen"


"seh ich auch so :)

sternfängerin"


"Intimbereich und Achsel muss rasiert sein.

evi"


usw..


Von den insgesamt 17 an dieser Diskussion beteiligten Frauen sprachen sich bis auf zwei alle für eine Rasur oder zumindest Kürzung im Intimbereich aus. Eine der beiden, die sich hier anders äußerte, betonte, daß dies bei größeren Mengen an Haaren im Intimbereich auch ihr Wunsch wäre. Außerdem wurde von fast allen die Achselhaarkürzung oder Totalentfernung bei Männern gefordert. Die Haare auf Armen, Beinen, Brust und Rücken wurden im Regelfall nicht als störend empfunden. Mehrere Männer in der Diskussion gaben an, auch schon ihre Haare im Intimbereich zu entfernen.

Vergleiche ich dies mit den vorab besprochenen empirischen Studien zur US-amerikanischen Situation, wird die Differenz deutlich. Die Studie (J. m. Lewis (1987)), die explizit auch den Umgang mit männlicher Körperbehaarung untersuchte, thematisiert höchstens als Problem extreme Behaarung auf Händen, Brust und Rücken, Intimbehaarung bei Männern ist nach dieser Studie in den USA kein Thema.


Da das USA-Argument nicht nur bestimmte gesellschaftliche Gruppen in der BRD besonders anspricht, sondern umgekehrt auch gilt, daß andere sozialkulturelle Gruppen sich hiervon gerade abgestoßen fühlen dürften, wäre, falls die Körperhaarnorm in der BRD tatsächlich eher zu einer ideologischen Frage wird, eine Spaltung der Gesellschaft in Behaarte und Unbehaarte zu erwarten, keineswegs aber eine einheitliche Norm für alle, wie im angloamerikanischen Raum. Insbesondere weist die Enthaarungswerbung auch für Männer darauf hin, daß hier ein Trend bestehen könnte, daß sich in bestimmten sozialkulturellen Milieus sowohl Männer als auch Frauen zukünftig enthaaren werden, während in anderen Milieus, dies sowohl für Männer als auch für Frauen nicht gelten wird. Auch die Radikalität der Spaltung, die sich heute in der Statistik andeutet (25% Frauen zwischen 22 und 25 Jahren, die Alles entfernen einschließlich Schamhaaren, und 50%, die gar nichts entfernen) deutet in diese Richtung.

Vorstellbar wäre aber auch, daß bestimmte Milieus dies frei stellen, wie es die ExistenzialistInnen für die Kopfbehaarung in den späten 40er Jahren gelebt haben (siehe Cartoon rechts).


Für die BRD ergibt sich dabei noch ein weiteres Problem als Fragestellung. In Bezug auf die USA wird mehrfach in den bisher zitierten Texten[113] konstatiert, daß die Enthaarungsnorm in ihrer Anfangsphase in den zwanziger Jahren der Abgrenzung der weißen angelsächsischen Mittel- und Oberschicht von den neuen EinwandererInnen aus Mittel- und Osteuropa diente. In der BRD leben als letzte Einwanderungsgeneration aber primär Menschen islamischen Glaubens, für die die Körperenthaarung bereits eine Norm ist. Das heißt, die Übernahme der Enthaarungsnorm würde in der BRD zur Angleichung der Mittelschicht an die Unterschicht führen. Auch dies könnte Anlaß für ausdifferenzierte milieuspezifische Körperhaarnormen sein.


Für die milieuspezifische Ausprägung der Enthaarungsnorm lassen sich in den Medien aber keine weiteren Hinweise finden.

So tritt Nena als Sängerin[114], die heute eher ein kleinbürgerliches Publikum bedient, inzwischen ohne Achselhaare auf, die Sängerin von "Wir sind Helden," einer der erfolgreichsten alternativen Deutsch-Pop-Bands der letzten Jahre, entfernt aber auch Achselhaare.[115]

Auch ansonsten habe ich bei einer flüchtigen Durchsicht keine Bilder von Frauen mit Achselhaaren gefunden, obwohl 2/3 der Frauen in der BRD Bevölkerung diese Haare nicht entfernen. Das heißt, daß es hier offensichtlich eine massive Fehlrepresentanz im öffentlichen Raum gibt. Dies ist, was Körpernormen (insbesondere für Frauen) betrifft, aber auch in anderen Bereichen, z.B. Körperbau, dergestalt. Im Gegensatz zum angloamerikanischen Raum scheint es aber in der BRD eine sehr große Gruppe von Frauen zu geben, die genug Selbstbewußtsein haben, um sich von diesen Vorgaben nicht beeindrucken zu lassen. Offensichtlich spielt hier das Sichzurechtmachen für den männlichen Blick, bzw. den von der Beauty-Industrie immaginierten männlichen Blick, keine allzu große Rolle.[116]



Der Cartoon von Ende der 40er Jahre zeigt den Umgang der ExistenzialistInnen mit Kopfbehaarung, die explizit nicht normiert war.[117]

Als Umgang mit Körperbehaarung wäre auch in spezifischen Milieus ein Umgang denkbar, der dies freistellt. Die Körperbehaarung würde eine ähnliches Mittel des Ausdrucks wie die Kopfbehaarung.


Meine Vermutung wäre, daß es sich hierbei um Frauen handelt, die sich in einer Mischung von Pragmatismus und Attraktivität kleiden und für die ein Niedrighalten des Aufwandes eine große Rolle spielt.

Für diese Frauen dürfte die Fehlrepresentanz nebensächlich sein, sind doch die Beautymagazine und viele Repräsentationen von Frauen explizit auf Frauen zugeschnitten, für die es selbst ein Interesse ist, sich in der Position des sexuellen Objekt attraktiv zu machen, und die sich somit vollständig an den Interessen der Frauen vorbei orientieren, die sich selbstbewußt über ihre Fähigkeiten definieren und kein Interesse an einer sexualisierten Objektposition haben.


Über die Gruppe derjenigen, auf die die Werbung für Enthaarungspraxen zielt, ist aber mehr zu sagen, richtet sich doch diese Werbung an Frauen, die Schick und Karriere verbinden wollen, also das aufstiegsorientierte Kleinbürgerinnentum.

Sollte sich diese Tendenz tatsächlich in den nächsten Jahren bestätigen, wäre auch für die Universität eine Ausdifferenzierung nach Fachbereichen zu erwarten. Da StudentInnen der Wirtschaftswissenschaften eher den karriereorientierten Milieus zuzuordnen sind als z.B. StudentInnen der Sozialwissenschaften, wären sie dann im Gegensatz zu den StudentInnen z.B. der Sozialwissenschaften im Sommer in der Mensa an der fehlenden Körperbehaarung zu erkennen - "WiWis kannst Du daran erkennen, daß sie unbehaart sind" -, und dies würde für männliche und weibliche StudentInnen gelten. Aber hierbei handelt es lediglich um Spekulation.

Aufgrund der vorhandenen Empirie ist keine klare Aussage möglich.


Auch die Möglichkeit, daß dies ein Transformationsregime ist, ist nicht auszuschließen.


Zur Zeit können die Thesen, die hier für den angloamerikanischen Raum aufgestellt wurden, nicht auf die BRD übertragen werden. Dies ist nicht einmal für die Teilgruppe der Frauen möglich, die Körperenthaarung betreiben und Ekelgefühle äußern, da sich zumindest bei einem Teil dieser Frauen, wie ausgeführt, der Ekel nicht nur auf weibliche Körperhaare bezieht.


Dies führt aber zu der erweiterten, sich auf Foucault beziehenden These aus der Einleitung.


Jener These, daß hier im Sinne von Bio-Macht über die Sexualität eine Körperformierung stattfindet und die Enthaarungspraxis als Teil der Disziplinierung der Körper zu ihrer Nutzbarmachung verstanden werden kann, z.B. für den kapitalistischen Konsum, aber auch für eine neue Formierung der Subjekte als Waren, die sich selbst vermarkten.

Eine Formierung, die sich in diesem Fall auf beide Geschlechter bezieht. Diese wird durch eine Geschlechterdynamik vermittelt, bei der Frauen die Rolle der ersten Opfer, aber auch der ersten Agentinnen der Macht zugewiesen wird. Daß heißt, die Disziplinierung der Leiber wird durchgesetzt über die sexuelle Disziplinierung, die sich zuerst in der sexistischen Herrschaftsordnung auf Frauen richtet, um dann von diesen quasi als Rache auf Kinder und Männer übertragen zu werden. Die Frauen sind in diesem Bild die Mitäterinnen, die die Disziplinarmacht auf die gesamte Bezugsgruppe ausdehnen.


Diese These scheint sich hier für einen Teilbereich der Gesellschaft der BRD als richtig anzudeuten. Dafür spricht auch der im Gegensatz zum angloamerikanischen Raum ausgeprägtere Rekurs auf allgemeine Hygiene in den propagandistischen Begründungen der Enthaarungspraxis in den Medien der Werbeindustrie. Dieser Hygienismus hat, wie schon bemerkt, angesichts der realen sanitären Möglichkeiten in der BRD keine rationale Basis. Er richtet sich eher allgemein auf sexuelle Ängste (sichtbar an der Fokussierung der Enthaarungspraxen auf den Intimbereich), aber vermutlich auch auf Ängste vor körperlichen Verfall. Um dies mit Sicherheit sagen zu können, bedürfte es aber auch hier empirischer Forschungen.


Grundsätzlich ist anzumerken, daß zumindest zur Zeit für die BRD eine gesellschaftliche Realität gilt, in der es sehr fragwürdig ist, von der Männlichkeit und der Weiblichkeit zu sprechen; vielmehr scheint ein Konzept angebracht, welches unterschiedliche Formen sowohl weiblicher wie männlicher Vergeschlechtlichung parallel in derselben Gesellschaft und auf einander bezogen begrifflich faßbar machen kann. Ein solches Konzept ist, wie in der ethnologischen Forschung dargestellt[118], eher dazu geeignet, Herrschaftsverhältnisse, die häufig gerade über die Ausblendung von Differenzen und einen singularen Rekurs auf hegemoniale Weiblichkeit und Männlichkeit funktionieren, einer Kritik überhaupt zugänglich zu machen.

Der unterschiedliche Umgang mit Körperbehaarung in unterschiedlichen Milieus macht deutlich, daß diese unterschiedlichen Geschlechtskonstruktionen bis auf den biologischen Körper eingeschrieben werden.


Ausgehend von einer Milieuspezifik müßten außerdem das Eigeninteresse und die eigene Involviertheit in die Mechanismen der Bio-Macht derjenigen viel stärker analysiert werden, die sich in dieser Form selbst in einem bestimmten Milieu bewußt verorten und ihre Männlichkeit oder Weiblichkeit entsprechend konzipieren.


Inhalt


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- 3 Die Feministische Kritik und Schlußfolgerungen



Karikatur aus Konkursbuch Haare, Tübingen 1999[119]



Die zu Grunde liegende Fragestellung umfaßte die Funktionsmechanismen, welche eine Norm aufrichten und reproduzieren und eine mögliche Außerkraftsetzung dieser Norm


Nun gibt es zum Thema Körperbehaarung im angloamerikanischen Raum eine klare Kritik von feministischer Seite[120] an der Enthaarungsnorm. Das Problem dieser feministischen Kritik ist aber, daß sie nicht wirklich die Funktionsweise der Enthaarungsnorm erklären kann, da die handelnde Frau hier immer nur als Mitwirkende ihrer eigenen Unterdrückung konzipiert wird.


"Wir sind Fremdlinge, die sich bemühen, sich einer feindlichen Kultur anzupassen, doch unsere Körper drohen ständig, unseren Unterschied zu verraten. Jede von uns, die mittels akzeptabler Feminität ihre Rechte wahrzunehmen sucht, teilt ein Geheimnis mit allen, die bestehen wollen: Mein unverhülltes Ich ist nicht akzeptabel."[121]


Wenn die Norm aber rein repressiv aufrecht erhalten werden müßte, wäre sie keine Norm. Denn als Norm zeichnet sie sich gerade dadurch aus, daß sie von den Betroffenen internalisiert ist. Diese Internalisierung wird selbst in Cartoons, wie jenem auf der vorhergehenden Seite abgebildeten, die sich explizit gegen die Norm richten, reproduziert. Die Darstellung einer Frau, die sich nicht enthaart, mit starker Ganzkörperbehaarung bricht eben gerade nicht das Klischee, sondern reproduziert es. Bei der Enthaarungsnorm geht es nicht um extreme Formen von Ganzkörperbehaarung, sondern um die Ausgrenzung von Frauen im allgemeinen aus der Norm. Jedes kleinste Häärchen wird inakzeptabel, auch und gerade an Stellen, wo fast immer Haare wachsen (Achseln, Intimbereich, Beine). Die Nichtenthaarung wird mit Tierhaften assoziiert. Die Darstellung einer behaarten Frau im Cartoon mit Ganzkörperfell reproduziert genau diese Sicht auf nichtenthaarte Frauen.


Es stellt sich die Frage, wieso die Enthaarungsnorm internalisiert wird?

Weshalb wird eine Norm internalisiert?


Die Gewehrläufe oder Kameras, der fremdbestimmte Überwachungsblick, können dies nicht erklären. Im Gegenteil wären in einem solchen Fall viel eher privat eine Vielfalt an subversiven Praxen und eine abweichende Protestkultur zu erwarten und sogar eine gegenteilige Norm. Ähnlich wie die Verfolgung Homosexueller nicht ihre Assimilation bewirkt hat, sondern die Etablierung einer homosexuellen Kultur und eines homosexuellen Selbstverständnisses, d.h. die Produktion der Homosexuellen als Subjekte, wirkt jede Repression im Sinne einer Produktion gerade dessen, was sie verfolgt. Dies gilt zumindest so lange, wie es nicht um die tatsächliche Vernichtung von Menschen geht. Die repressive Gewalt kann keine ihr entsprechende Norm konstituieren, sie konstituiert höchstens ihre Gegenthese als Norm, sie macht also gerade aus dem, was sie verfolgt, eine Norm. Das heißt im Fall der Verfolgung Homosexueller wurde gerade eine Norm für Homosexuelle und damit im gewissen Sinn auch erst das homosexuelle Subjekt produziert.

Die repressive Macht ist im Sinne Foucaults immer auch produktiv zu denken.[122]


Wenn Mimi Spencer in ihrem Artikel "Women of the left - overcome your fear of bodyhair!!!" [123] feststellt: " While women have won many battles since DH Lawrence penned his opus, depilation is the battle that feminism lost," ist die Antwort für diesen Mißerfolg vielleicht gerade in diesem Nichtbegreifen der Funktionsweise einer Norm zu suchen. Die Enthaarungspraxis wird nicht primär repressiv als Norm erzeugt. Vielmehr ist sie als Lösungsangebot innerhalb eines repressiven Gewaltverhältnisses zu begreifen, um es zu ermöglichen, sich gerade diesem Gewaltverhältnis zum Teil entziehen zu können. Die Entsexualisierung durch Enthaarung ist ein Mittel, einer Gewalt zu entkommen, die nicht primär auf Körperbehaarung gerichtet ist, sondern auf die sexuelle Leiblichkeit 'der Frau'. Darüber hinaus dient sie dazu, sich in einem bürgerlichen Hygienediskurs als sozial höher stehende Frau selbst zu konstruieren. Die Enthaarungsnorm ist also auch ein Mittel, um innerhalb eines Herrschaftsdiskurses von diesem Herrschaftsdiskurs zu profitieren. Ihre Übernahme durch Frauen ist Mittäterinnenschaft im Sinne des Profits und nicht nur, und auch nicht primär, im Sinn der Selbstunterdrückung. Damit ist ihre Wirkmächtigkeit als Norm erklärbar, denn sie bietet den Frauen eine durchaus reale Teilhabe an der Macht um den Preis der eigenen Normierung und Entsexualisierung.


Dieser Zusammenhang bleibt in der feministischen Analyse jedoch zumeist unbenannt. In den hier behandelten Texten wird lediglich in dem Artikel von Merran Toerien und Sue Wilkinson auf diesen Zusammenhang eingegangen.


"To say the feminine bodily ideal is a social construction is thus not to say it lacks power. Rather the opposite: social constructions have concrete effects on our lives, opening up (and closing down) possibilities for the types of practices that are conceivable and appropriate in our society, as well as for the types of people that we might conceivably and appropritely be"[124]

 

Für Feministinnen, die auf Machtteilhabe in dieser Gesellschaft setzen, ist damit eine Infragestellung der Inwertsetzung des Körpers als Körperkapital letztendlich nicht mehr grundsätzlich möglich. Eine singuläre Kritik, ohne die Machtstrukturen als solche in Frage zu stellen, ist zum Scheitern verurteilt.

Um eine Norm wie die Enthaarungspraxis tatsächlich in Frage stellen zu können, bedarf es autonomer Gegenstrukturen zur bestehenden Gesellschaft, Strukturen, die sowohl einen Schutzraum vor Gewaltverhältnissen darstellen, als auch alternative Selbstentwürfe und Subjektivierungen ermöglichen.


Deutlich wird dieser Zusammenhang auch darin, daß sich im deutschen Sprachraum vor allem Feministinnen aus der jüngeren Generation, die sich verstärkt pragmatisch autonom organisieren, eine klare Kritik an der Enthaarungsnorm formulieren, während von der Generation der älteren Feministinnen, die sich inzwischen größtenteils mit den Apparaten der Macht arrangiert haben, wenig Kritik wahrnehmbar ist. So wird in der Zeitschrift fiber, werkstoff für feminismus und popkultur[125], die unter anderem Selbstorganisationsstrukturen von Musikerinnen aktueller avancierter Musikrichtungen nahe steht und schon im Layout versucht, die modernen poststrukturalistischen Diskurse umzusetzen, gleich in mehreren Ausgaben eine klare Kritik an der Enthaarungsnorm formuliert (im Heft 5/2004 auch auf dem Titelblatt).

Dem entspricht auch die zitierte Statistik (siehe vorhergehender Abschnitt), die aufzeigt, daß in Deutschland Frauen Mitte Zwanzig nicht in größerem Umfang Haarentfernung betreiben, als ältere Frauen, also die aufkommende Haarentfernung keineswegs ein Phänomen der Jugendkultur ist.


Zusammengefaßt läßt sich sagen:

- Normen werden als Lösungsangebote innerhalb repressiver Gewaltzusammenhänge und als Mittel der Teilhabe an der Macht durchgesetzt und reproduziert.

- Normen außer Kraft zu setzen bedingt den Aufbau alternativer Strukturen, die sowohl alternative Lösungen zum Umgang mit, bzw. Widerstand gegen die repressiven Gewaltstrukturen darstellen, wie auch Möglichkeiten einer alternativen Subjektkonstitution bieten.


Eine solche alternative Subjektkonstitution könnte z.B. auf dem in der Einleitung dargestellte Prinzip der Subjektivierung mittels Handeln (Ich bin was ich tue), statt der Subjektivierung über Gruppenpositionen bzw. gesellschaftliche Stellung (Ich bin mein Titel), beruhen, um nicht selbst wieder neue Normen und Hierachien zu produzieren.


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II Möglichkeiten widerständiger Praxen gegen die Normierung des Alltags.

Diskussion dreier Plakatentwürfe zur Auseinandersetzung um Körperbehaarung



- 1 Die Plakatentwürfe


Soziale Zusammenhänge werden unter anderem über die Gültigkeit von Bildwelten konstituiert. Die Etablierung alternativer Bilder, eines abweichenden Blickes, ist insofern im Kleinen durchaus ein adäquates Mittel, um alternative Zusammenhänge zu initiieren, bzw. eine andere als die normative Sicht überhaupt erst ins politische Bewußtsein zu bringen. Dabei ist aus dem Vorhergehenden klar, daß einige Plakate nicht ausreichen, um eine Norm außer Kraft zu setzen, sie können aber im Kontext anderer widerständiger Strukturen durchaus dazu beitragen. Für Deutschland ist außerdem zu sehen, daß wir es bisher noch nicht mit einer etablierten Norm zu tun haben.


Die folgenden drei Plakatentwürfe wurden von mir auf der Grundlage des bisher Diskutierten entwickelt. Die Plakate haben zum Ziel, einen Diskursraum über das Thema Körperhaar zu eröffnen. Da bis auf wenige Ausnahmen im öffentlichen Raum nur Propaganda für Enthaarungspraxen sichtbar ist, habe ich versucht, die Plakate sehr pointiert gegen Enthaarungspraxen zu positionieren. Dies verfolgt den Zweck, über die öffentliche Formulierung einer Gegenposition die Frage, ob enthaart werden sollte oder nicht, zu einer offenen Frage zu machen. Außerdem soll durch die Plakate verdeutlicht werden, daß Entscheidungen über die (Selbst)konzeption des (eigenen) Körpers nicht in einem apolitischen Feld stattfinden.


Der erste Plakatentwurf "Eine Frage der Schönheit" greift auf der obersten Bildebene die Subjektivität von 'Schönheit' auf. Durch das Bild einer Legehenne, die große Teile ihrer Federn verloren hat, wird aber gleichzeitig der Bogen zum 'Zurechtstutzen' der Körper und ihrer Entmächtigung durch die gültigen Schönheitsideale für Frauen thematisiert. Verstärkt wird jenes durch den Hinweis darauf, daß es vor allem für "Brave Mädchen" eine Handlungsmaxime ist dem Schönheitsideal zu folgen.





Ein Problem dieses Plakates ist, daß ihm auch ein Bezug zur 'Natürlichkeit' in dem Sinne implizit ist, daß Hühner mit ihrem natürlichen Federkleid schön und ohne Federn häßlich sind. Gerade in der BRD ist dieser Naturrekurs nicht unproblematisch, da dieses die Handlungsfreiheit negiert und bezogen auf Normen im Geschlechterverhältnis ein häufig verwendetes ideologisches Konstrukt darstellt, um Disziplinartechnologien durchzusetzen.

An dieser Stelle soll es aber gerade darum gehen, einen Raum der Handlungsfreiheit zu eröffnen, und nicht darum, eine alternative Normierung zu etablieren.


Der zweite Plakatentwurf "Nur ein rasierter Antifeminist ist ein guter Antifeminist" versucht die Auslöschung des weiblichen sexuellen Leibes und der Potenz durch die Enthaarungspraxen zu skandalisieren, indem dies auf den männlichen Leib übertragen und explizit mit dem Bild der Kastration verknüpft wird. Außerdem wird die Aggression gegen Feministinnen explizit als der 'Rasur bedürfender Frauen' auf die antifeministisch agierenden Männer zurückgespiegelt.

Das Hauptproblem bei diesem Plakat erscheint mir, daß es etwas zu explizit positioniert ist und so von vornherein bei vielen Menschen auf Abwehr stoßen wird. Das Plakat wird vermutlich nur innerhalb einer sowieso schon radikalisierten Szene, die sich auch anderweitig mit dem Widerstand gegen sexistische Normen und Körperpolitiken befaßt, auf eine amüsierte Akzeptanz treffen. Außerhalb solcher Szenen könnte es als gezielte Provokation jedoch eine interessante Wirkung erzielen. Aus der politischen Erfahrung heraus scheint es aber in einem solchen Fall sinnvoll, stets ausreichend Plakate zum Nachplakatieren abgerissener Exemplare bereit zu halten.


Der dritte Plakatentwurf "Nur eine rasierte Frau ist eine gute Frau" verweist auf den Kontext der Reduktion von Frauen auf Objekte durch den männlichen Blick und versucht explizit, die Norm als Norm öffentlich zu machen. Da eine Voraussetzung für das Funktionieren der Norm ist, daß sie nicht als Normierung in Erscheinung tritt, sondern als Selbstverständlichkeit aufgefaßt wird, kann die Thematisierung des Gewaltverhältnisses, in welchem die Norm hergestellt wird, diese angreifbar machen.

Das Plakat könnte im Extremfall aber auch frauenfeindlich affirmativ interpretiert werden.


Bei allen Plakaten stellt sich die Frage, in wie weit diese eine weitere Anforderung an Frauen stellen wird, die den Druck bzgl. der eigenen Körperformierung eher noch in dem Sinn erhöht, daß sich nun auch Frauen schlecht fühlen, weil sie sich rasieren.

Außerdem ist zu hinterfragen, ob es legitim ist, daß ein Mensch, der als Mann lebt, solche Plakate entwirft.

Diese Fragen sind Teil der folgenden Diskussion.








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- 2 Diskussion mit zwei feministischen Wissenschaftlerinnen und Schlußfolgerungen


Wissenschaft, politische Kritik und handlungspraktische Ideen entstehen nicht im stillen Kämmerlein, sondern aus der diskursiven Auseinandersetzung. Dies kann die Auseinandersetzung mit anderen Texten sein, ist aber in jedem Fall die Auseinandersetzung mit anderen Menschen. Gerade für die Verknüpfung einer sozialpsychologischen Kritik mit konkreter politischer Handlungspraxis, die meiner Ansicht nach zur Wissenschaftspraxis gehört, ist für mich die Auseinandersetzung mit mir politisch nahestehenden Menschen eine Grundvoraussetzung. Um das bisher Gedachte weiter entwickeln zu können und um Möglichkeiten zu finden, es in eine konkrete Praxis umzusetzen, habe ich zwei befreundete feministische WissenschaftlerInnen gebeten, mit mir über die Plakatentwürfe zu diskutieren.


Die Diskussion und meine Schlußfolgerungen will ich an den Schluß dieses Textes stellen.


Die nachfolgende Diskussion wurde abends am 25.3.2005 in Hannover aufgezeichnet. TeilnehmerInnen waren Susanne H. (Mitte Dreißig - Kulturwissenschaftlerin), Ursula K. (Anfang Vierzig - Sozialwissenschaftlerin) und ich. Die Transkription umfaßt nur zentrale Aussagen, da es hier nicht darum geht, alles darzustellen, was die beiden Teilnehmerinnen ausgedrückt haben, sondern um die grundlegende Kritik und Anregungen aus der Diskussion, die im folgenden aufgegriffen werden sollen.



Transkription


[Nach einer kurzen Darstellung und Diskussion der Thesen des Textes, wurde über die Plakate gesprochen]


[Bemerkungen zum Plakat "Eine Frage der Schönheit"]


Ursula K: Also das erste Plakat ist hier Lady Shave überschrieben, und man sieht ein gerupftes Huhn, was ziemlich scheußlich aussieht und ziemlich nackt und ziemlich bloß und ja, so kurz bevor man es dann in die Bratröhre schiebt. So finde ich sieht dieses Plakat aus.

 

Susanne H.: Da habe ich spontan gedacht, daß das eigentlich ein Stereotyp forciert, was mir sehr viel Widerstreben verursacht, und zwar der Vergleich des weiblichen Körpers mit dem Hühnchenkörper, mit einem toten Hühnchen. Und das ist ein weit verbreitetes Klischeebild, im angloamerikanischen Raum heißt es ja auch Chicken, ist ja ein Wort für Frau. Und genau aus dem Grund finde ich, daß so ein Plakat - äh - ist mir zu zweischneidig.


Ursula K.: Das ist auch sehr eindimensional, es bringt automatisch eine Richtung in den Vordergrund, warum rasiert eine Frau ihre Achselhaare oder was auch immer, weil sie brav sein will, weil sie gesetzte Normen damit automatisch per se erfüllt. Und das ist für mich irgendwie ein Blickwinkel, der zu wenig differenziert.


[...]


Ursula K.: Wobei ich als zweite Assoziation habe, also dieser Diskurs aus der Bewegung, die sagt, daß man vegetarisch leben soll. Hab ich zum Beispiel, also mich erinnert das [Bild des gerupften Huhns] wirklich an so ein, weißt Du?


Jörg Djuren: Ist auch aus so einem Buch.


Susanne H.: Das kann man sehen.


Ursula K.: Siehst Du mal, die Bilder sind wirksam. Also es ist eindeutig ein gequältes Tier. Also das ist auch die Frau als Opfer wieder, die dem Diskurs unterliegt, der ihr allseitig um die Ohren geschlagen wird, in der Kritik ist darin ne Reduzierung von Frau, sowohl auf der Chicken-Ebene, wie auf der allgemeinen. Es ist eine doppelte Entwertung, die sich irgendwie kritisch geriert. Weil indem Du son Plakat öffentlich machst, reduzierst Du die Frau zum armen Opfer um, daß den Normen folgt, und noch nicht verstanden hat, daß sie die Normen nun mal durchbrechen darf.


[..]



[Bemerkungen zum Plakat "Nur ein rasierter Antifeminist ist ein guter Antifeminist"]


Susanne H.: Gut, Kastration ist das erste, was mir in den Sinn kommt.


[...]


Ursula K.: Das [Plakat] zeigt irgendwie ein männliches Geschlechtsteil völlig enthaart und ich finde, das spielt wiederum genau mit der patriarchalen Norm und setzt sie nur wieder andersrum. Also pseudokitisch benutzt sie genau die Norm. Weil, dieses Bild dieses rasierten Geschlechtsteils eines Mannes heißt, dieser Mensch ist entblößt, er ist seiner Scham beraubt, das heißt, er ist entmächtigt.


[...]


Ursula K.: Es [das Plakat] spielt mit nem männlichen Blick. Der männlich Blick sagt, ein Mann, dem seine Schamhaare genommen sind, ist ein Mann, der beschämt ist. Und innerhalb der Männerhierarchie ist es jemand der Unten ist.


Jörg Djuren: Die ist ja nicht mehr so. Offensichtlich löst sich das ja auf. Wenn ich sehe, daß sich da in der Bodybuildingszene, irgendwelche Dumpfnasen im Internet, über die besten Enthaarungsmöglichkeiten unterhalten.


[...]


Ursula K.: Ich würde es [das Plakat] verstehen, als, dreh doch den Spieß um. Und diejenigen, die irgendwie sich über patriarchale Machtverhältnisse aufblähen und Macht ausüben, entmächtigt werden, indem du sie enthaarst, was ner halben Kastration gleichkommt. In dem Moment reproduzierst Du ganz klar was.


[...]


Ursula K.: Man kann ner symbolischen Ordnung nen Spiegel vorhängen, ja aber das ist noch nicht die Norm brechen, sondern kann mit unter sozusagen als Bumerang Effekt von hinten die Norm wieder mit bestätigen, weil man immer noch mit Machstrukturen argumentiert.


[...]


Ursula K.: Das ist 70er Jahre


[...]


Ursula K.: Indem Du die Diskurse übernimmst, auch wenn Du sie umdrehst, bleiben die Diskurse erhalten.


[...]


Ursula K.: Das setzt das phallische Prinzip nicht außer Kraft.


[...]



[Bemerkungen zum Plakat "Nur eine rasierte Frau ist eine gute Frau"]


Susanne H.: Also da sind natürlich viele sich widersprechende Frauenrollen drin eingebettet in diesen Text. Also die Kindfrau, die begehrenswerte Frau, aber auch die Frau, die Karriere macht. Also die widersprechenden Ansprüche, die an die moderne Frau gestellt werden.


[...]


Susanne H.: Aber ich finde das Plakat ganz wirkungsvoll, also zum einen weil es noch mal das thematisiert, worüber wir eben gesprochen haben, daß die Frau erstmal kastriert sein muß, also erst mal unschädlich gemacht werden muß, um dann auf anderen Ebenen wieder Macht zu bekommen, also auch Karriere machen zu können zum Beispiel, dafür muß sie sich erstmal demütigen, und es thematisiert auch das Leiden und eben das reale Leiden, das mit Körperenthaarung verbunden ist, also auch das Selbstverstümmelnde, was damit verbunden ist. Und das ist ja nicht einfach nur das Rasieren, sondern da gibt es ja verschiedene Enthaarungstechniken, das Wachsen und das Epilieren, was ja wirklich schmerzhaft ist und was eben ein ganz ganz tiefer und aktiver Eingriff ist in den Körper, oder an den Körper. Das heißt die Frau muß etwas tun, sie muß sich selbst aktiv etwas zufügen, um etwas werden zu können gesellschaftlich.


[...]



[Bemerkungen zu allen Plakaten zusammen]


Ursula K.: Das ganze hat so diesen Impetus ein Stück weit des Zeigefingers; ihr raffts nicht, das ist die Norm, dreht die Norm um. Und das ist das was die ganze Zeit son bißchen mein Unbehagen ausgelöst hat, weil ich denke, das ist zu eindimensional.


[..]


Jörg Djuren: Ich habe ja nun diese Plakate gemacht als Mann, was sagt ihr dazu?


Ursula K.: Das ist das, was ich eben schon sagte. Ich bin als Frau beleidigt, weil das ist dieses, der Mann erklärt mir, was ich wieder nicht gerafft habe als Frau. Das ist klassisch. Der Objektstatus der Frau wird hier linker Seits wieder reproduziert. Und ich finde auch, im Grunde genommen hast Du das in Deinen Thesen viel subtiler, Du hast den Hygienediskurs mit drin, Du hast den phallischen Diskurs, Objektstatus, und was es alles gibt. Ich denke die ganze Differenz des Themas zeigst Du ja in Deiner Arbeit - ich sehe das hier nicht. Ich sehe das nicht wirklich hier sich wiederholen, das finde ich schade, weil das finde ich viel differenzierter.


Susanne H.: Also ich weiß nicht, ich kann nicht irgendwie sehen, daß die von nem Mann oder von ner Frau kreiert wurden diese Plakate. Also, das finde ich in dieser Weise nicht zuordnbar.


Jörg Djuren: Aber es ist ja die Frage auch umgekehrt, wenn Du weißt, daß es ein Mann gemacht hat. Hat das eine Bedeutung?


Susanne H.: Nee, in diesem Fall nicht.


[...]


Susanne H.: Also ich finde auch das auf den Plakaten eigentlich die Repräsentanz dessen fehlt, was negiert wird. Also ich würde mir viel eher ne positive Verstärkung wünschen von dem, was man -

oder ein Suchen nach dem, was man dann vielleicht als Sexualität -

wenn ich sage im ersten Sinne, wen ich sage im ursprünglichen Sinne, dann ist das natürlich alles fehlgeleitet -

aber mögliche Ersatzbilder, Symbole oder Repräsentanzen, oder des -

ich glaube das es hier ursprünglich um nen Zivilsierungsprozeß geht.


[Ende]



Aus der Diskussion ergibt sich eine noch schärfere Kritik an den Plakatentwürfen, als die vorher von mir geäußerte.


An dem Plakat "Eine Frage der Schönheit" wurde kritisiert:

- daß es auf stereotype Bilder aus dem Tierschutz rekuriert

- daß eine klischierte Gleichsetzung Frau=Huhn transportiert wird

- daß es eine zur Enthaarung umgekehrte Norm setzt

- daß es auf 'Natürlichkeit' als anstrebenswerten Zustand rekuriert


An dem Plakat "Nur ein rasierter Antifeminist ist ein guter Antifeminist" wurde kritisiert:

- daß es im klassischen 70er-Jahre-Politstil die Positionen nur umkehren würde, Frauen in die phallische Position gesetzt würden und damit die symbolische Ordnung verdreht reproduziert würde

- daß das Bild des enthaarten männlichen Intimbereichs in diesem Kontext die Abwertung enthaarter Männer, die geschlechtsstereotypen Klischees folgt, reproduzieren würde


An dem Plakat "Nur eine rasierte Frau ist eine gute Frau" wurde kritisiert:

- daß es nur eine Antinorm setzen würde

Dieses Plakat wurde aber insgesamt am positivsten bewertet, da es aufgrund des Plakattextes widersprüchliche Frauenpositionen im Kontext Enthaarung, insbesondere auch die Mittäterinnenschaft, anspricht.


An allen Plakaten wurde kritisiert:

- daß sie "mit erhobenem Zeigefinger" argumentieren würden und hier ein Mann wieder einmal Frauen erzählte, was für sie besser sei

- daß keine vielfältigen Alternativen der Leiblichkeit und Sexualität positiv dargestellt würden, sondern nur die Stereotype umgekehrt würden


Aus all diesen Kritiken, denen ich nicht grundsätzlich widerspreche[126], ergibt sich die Entscheidung, diese Plakatentwürfe zu verwerfen und zum Schluß eine alternative Plakatserie vorzuschlagen (siehe die folgenden Seiten und das Titelbild).[127]


Da die Strategie, durch eine radikale Entgegensetzung den Diskurs um Körperbehaarung zu öffnen, zu dem oben kritisierten Ergebnis geführt hat, habe ich an dieser Stelle etwas anderes versucht.

Die Strategie der zweiten Plakatserie ist es, den normativen Diskurs aufzugreifen und ins Absurde abgleiten zu lassen, um ihn auf diese Art und Weise zu unterwandern.

Hierdurch werden keine neuen Normen gesetzt, die alte Norm wird hingegen in ihrer Lächerlichkeit gezeigt. Zudem sind die Formulierungen nicht klar auf ein Geschlecht bezogen.


Damit will ich diese Arbeit abschließen.


Für mich ist das Studium der Sozialpsychologie vor allem ein Mittel, um in der politischen alltäglichen Praxis Ideen und Ansätze genauer auf ihre Wirkungen hin hinterfragen zu können. So kann diese hier dargestellte Entwicklung von Plakaten zum Thema Körperenthaarung und Norm als ein Beispiel der Anwendung des Gelernten begriffen werden.

Sicher wäre eine weitergehende politische Praxis, die sich nicht auf Plakataktionen beschränkt, auch zum Thema Körperbehaarung und Geschlecht wünschenswert. Eine solche praktische politische Aktionsorientierung war mir aber leider, auf Grund des Zeitrahmens, in dieser Magisterarbeit nicht möglich.















Ende


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Eine der Grundlagen des totalitären Denkens und Handelns ist für mich die Simulation der Fehlerfreiheit und Perfektion, wie sie in wissenschaftlichen Abhandlungen und in den Medien zu finden ist und in Abschlußarbeiten häufig angestrebt wird um zu beweisen, daß diese Herrschaftstechnik erlernt wurde. Diese Form der totalitären Zurichtung einer widersprüchlichen Wirklichkeit, die Abgeschlossenheit, die keine Lücke läßt für anderes, stellt sich dem Begreifen eher in den Weg, als es zu befördern.

Diese Arbeit ist eher dem Gedanken der Aufdeckung eines Denkens einer Arbeit im Prozeß verpflichtet und der diskursiven Zusammenhänge, aus denen sie hervorgegangen ist. Dazu gehören z.B. die Diskussionen mit anderen Menschen, die politischen Intentionen, u.a..

Dazu gehört auch, die eigenen Gedanken im Text an einigen Stellen so zuzuspitzen, daß der Text sich selbst im Lachen über die Absurdität als Konstrukt ausstellt.

 

Jörg Djuren, Berlin 23.2.05


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Quellen



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Texte zur Kritik sexistischer Herrschaftsverhältnisse - J.Djuren


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[1]Ute Finkeldei - Mit Dank für die Kritik und die Anmerkungen als Lektorin und liebster Freundin.

[2]Zitiert nach: Stäcker, Dieter - "Der Deutsche kann nur das Höllenfeuer erwarten" - Seite 3 - in: Neue Presse (Tageszeitung) - Nr 273 - 20.11.2004 - Hannover: Madsack, 2004.

Inzwischen wurde die Ausweisung durch deutsche Gerichte für rechtmäßig erklärt.

[3]Zitiert nach: Toerien, Merran / Wilkinson, Sue - Gender and Body Hair: Constructing the Femininine Women - Seite 333 bis 344 - in: Women's Studies International Forum - Vol. 26. No 4 - Oxford: Pergamon Press, 2003.

[4]McGrath, K. G. - An earlier age of breast cancer diagnosis related to more frequent use of antiperspirants/deodorants and underarm shaving - Seite 479 bis 485 - in: European Journal of Cancer Prevention - Vol. 12 Nr. 6 - Philadelphia: Lippincott Williams & Wilkins, 2003.

[5]Dieser, hier vollständig zitierte, Artikel stellt eine am 29.1.04 veröffentlichte Nachricht dar.

Gefunden unter: http://www.rp-online.de/public/druckversion/nachrichten/wissenschaft/medizin/35111 - am 19.2.04 um 19.09 Uhr.

[6]Persönliche Mitteilung eines Arztes.

[7]Suche ich unter dem Stichwort "Haarentfernung" bei Google werde ich auf ca. 127.000 Links verwiesen. Zumindest die ersten Nennungen sind überwiegend kommerzieller Natur; dieses deutet an, wie groß der hier angesprochene Markt ist.

[8]Boivin, Janet - Rethinking the Antiperspirant Breast Cancer Connection - in: Nursing Spectrum - 1.4.2005

Gefunden unter: http://community.nursingspectrum.com/MagazineArticles/article.cfm?AID=11685 - am 3.3.2005 um 2.35 Uhr.

[9]Kläring, Julia - Seite 24 - fiber werkstoff für feminismus und popkultur - Heft 1- Wien: nylon. Verein zur Förderung und Publikation feministischer Diskurse, 2002

[10]Mündliche Bemerkung auf dem Treffen des Arbeitskreises 'Alternative Naturwissenschaften Naturwissenschaftliche Alternativen' im Januar 2005 in Lutter am Barenberge.

[11]Wittmann, Ingeborg - Brigitte schön sein - Seite 37 - München: Mosaik Verlag, 1991

[12]Hermann, Conny / Ettenhuber, Helga (ZDF Mona Lisa) - So bleiben SIE schön. Vom Antiaging bis zur sanften Schönheitschirurgie - Seite 82 - Königswinter: Heel Verlag, 2000

[13]You are so beautiful. Schönheitstipps für junge Mädchen - Seite 101 - Ravensburg: Ravensburger Buchverlag, 1998

[14]Das Zitat stammt aus dem Text "Kürzen & Rasieren der Schamhaare".

Gefunden unter: http://www.the-clitoris.com/german/g_shaving.htm - am 30.1.05 um 19.18 Uhr.

[15]siehe voherige Fußnote.

[16]Tiggemann, Marika / Kenyon, Sarah J. - The Hairless Norm: The Removal of Body Hair in Women - Seite 873 bis 885 - in: Sex Roles - Vol. 39 - Nos. 11/12 - New York: Plenum Publishing Cooperation 1998

[17]Zitiert aus dem Text Wir öffnen unser Bündel .... publiziert Juli 2002.

Gefunden unter: http://nadir.org/initiativ/isku/hintergrund/frauen/Friedensoffensive/0021.htm - am 30.1.05 um 20.21 Uhr.

[18]Die Regeln der Entfernung von Körperbehaarung für Frauen sind in einer Fatwa festgelegt, siehe unter: http://www.uni-leipzig.de/~religion/lehre/2003/rwi_lehre_was2003_4_frauen_in_fatwas_kuerzen_der_naegel.htm - gefunden am 30.1.05 um 19.51 Uhr.

[19]Z.B. wird unter dem Link: http://www.passioline.co.uk/shop/default.php ein englischer Sexshop verlinkt, der Hardcorepornographie vertreibt (Stand 22.2.05). Auf der Seite von the-clitoris.com werden die BesucherInnen explizit aufgefordert, diese Sponsorseite zu besuchen.

[20]Siehe unter: http://www.the-clitoris.com

[21]Zum Teil kommen solche unklaren Seiten dadurch zu Stande, daß eine ursprünglich von einer thematisch interessierten Einzelperson oder Gruppe aufgebaute Seite aufgrund ihrer hohen Zugriffszahlen und ihres Namens interessant für die kommerzielle Nutzung wird und diesen Einzelpersonen oder Gruppen abgekauft wird. Sie wird dann unter gleichem Namen mit kommerziellem Interesse weitergeführt.

Die Positionierung von indymedia ist in diesem Sinn z.B. sicher eine mehrstellige Millionensumme wert.

[22]Das Canadian's Women's Internet Directory (Cannadian women's equality resources online) hat z.B. the-clitoris.com verlinkt und wirbt für diese Seite.

Gefunden unter: http://directory.womensspace.ca/retreive.cgi?751 - am 22.2.05 um 0.28 Uhr.

[23]Kommentar eingestellt auf Indiymedia am 23.1.2003 um 4.47 Uhr von zero k als Reaktion auf den Artikel "Women of the left - overcome your fear of bodyhair!!!" von Mimi Spencer aus dem Guardian vom 23.1.03 eingestellt von Karen X auf indymedia am 23.1.2003 um 2.51 Uhr.

Beides gefunden unter: http://www.sfbay.indymedia.org/news/2003/01/1564645.php - am 30.1.2005 um 21.33 Uhr.

[24]Kommentar eingestellt auf Indiymedia am 23.1.2003 um 15.28 Uhr von girlboy als Reaktion auf den Artikel "Women of the left - overcome your fear of bodyhair!!!" von Mimi Spencer aus dem Guardian vom 23.1.03 eingestellt von Karen X auf indymedia am 23.1.2003 um 2.51 Uhr.

Siehe vorhergehende Fußnote.

[25]Basow, Susan A. - The Hairless Ideal Women and Their Body Hair - Seite 83 bis 96 - in Psychology Of Women Quarterly - Vol. 15 No.1 - Cambridge: Cambridge University Press 1991 .

[26]Tiggemann, Marika / Kenyon, Sarah J. - The Hairless Norm: The Removal of Body Hair in Women - Seite 873 bis 885 - in: Sex Roles - Vol. 39 - Nos. 11/12 - New York: Plenum Publishing Cooperation 1998.

[27]Gefunden unter: http://www.netdoctor.at/sex_partnerschaft/menshealth/sexualitaet_und_verhuetung/enthaarung.htm - am 30.1.2005 um 19.37 Uhr - und unter: http://portal.1und1.de/de/themen/gesundheit/beauty/pflege/655558.html - am 30.1.05 um 19.41 Uhr.

[28]Sowohl der Artikel als auch die Kommentare wurden am 23.1.2003 publiziert.

Alles gefunden unter: http://www.sfbay.indymedia.org/news/2003/01/1564645.php - am 30.1.2005 um 21.33 Uhr.

[29]Wittich, Elke - Hart, härter, Peaches - Seite 3 - in:Jüdische Allgemeine - Nr. 47/04 - Berlin: Jüdische Presse gGmbH, 2004.

[30]Krogerus, Mikael - Das Mädchen - in: NZZ FOLIO - 6/04 - Zürich: Verlag NZZ Folio, 2004.

Gefunden unter: http://www-x.nzz.ch/folio/archiv/2004/06/articles/krogerus.html - am 3.3.2005.um 17.20 Uhr.

[31]Becejac, Brankica / Djuren, Jörg - Die moderne Technik eine Drachenschlange zu töten - Seite 21 bis 56 - in: Becejac, Brankica / Djuren, Jörg / Hermeling, Susanne / Kronimus, Martin / Storz, Philipp [Hg.] - Zeitschrift für intelektuelle Zwischenstufen - 1/98 - Hannover: Kunst Kultur Kommunikation e.V., 1998

[32]Harding, Sandra - Das Geschlecht des Wissens - Frankfurt a.M.: Campus, 1994.

[33]Haraway, Donna - Anspruchsloser Zeuge@ Zweites Jahrtausend. FrauMannc trifft OncoMouseTM - Seite 347 bis 380 - in: Scheich Elvira [Hg.] - Vermittelte Weiblichkeit: Feministische Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie - Hamburg: Edition HISS Verlagsgesellschaft, 1996.

[34]Butler, Judith - Seite 207/208 - Das Unbehagen der Geschlechter - Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1991.

[35]Butler, Judith - Seite 32 - Körper von Gewicht - Berlin: Berlin Verlag, 1995.

[36]Hirschauer, Stefan - Seite 337 - Die Soziale Konstruktion der Transsexualität - Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993.

[37]Sowohl das biologische wie das soziale Geschlecht sind gesellschaftlich-kulturelle und keine ontologischen Gegebenheiten. Beide werden in der alltäglichen Interaktion permanent reproduziert und in der Einflußnahme auf diese Praxis der Reproduktion liegt auch ein Ansatzpunkt für ein politisches Agieren im Widerstand zur heterosexistischen Ordnung.

Die Biologie ist eine von Menschen produzierte Wissenschaft. Der Begriff des biologischen Geschlechts unterliegt auch bzgl. der Zuordnungen historischer Wandlungen, so führt der morphologische Geschlechtsbegriff des 19ten Jahrhunderts, der genetische Geschlechtsbegriff des ausgehenden 20ten Jahrhunderts und der heute die genetische Definition zum Teil ablösende neurologische Geschlechtsbegriff teilweise zu unterschiedlichen Geschlechtszuweisungen.

Amüsanterweise hat dies zur Folge, daß die meisten Menschen ihr biologisches Geschlecht ansich gar nicht mehr kennen, welche/wer hat die eigene biologische Geschlechtszuweisung schon neurologisch oder genetisch überprüfen lassen.

AGGPG [Hg.] - Hermaphroditen im 20. Jahrhundert - Bremen: Arbeitsgemeinschaft gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie, 1997

[38]In dem Buch FRAUEN in MÄNNERkleidern beschreiben die AutorInnen, daß es für 'Frauen' im Mittelalter offensichtlich möglich war durch Kleidertausch und Änderungen des Habitus vollständig als 'Mann' wahrgenommen zu werden, bis hin zur Seeschiffart in 'Mann'schaftskabinen und zur Heirat. Das heißt 'Männlichkeit' und 'Weiblichkeit' waren noch nicht in unserem heutigen Sinn auf den Leib geschrieben, dies setzte erst mit der beginnenden Neuzeit ein. Und erst im Umbruch von einer Geschlechtskonstruktion zur anderen wurden diese Fälle dokumentiert.

Dekker, Rudolf / van de Pol, Lotte - FRAUEN in MÄNNERkleidern - Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 1990.

[39]Foucault, Michel - Sexualität und Wahrheit Band 1 - Seite 166 - Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1995.

[40]Foucault, Michel - Sexualität und Wahrheit Band 1 - Seite 174 - Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1995.

[41]Hegener, Wolfgang - Das Mannequin. Vom sexuellen Subjekt zum geschlechtslosen Selbst - Tübingen: Verlag Claudia Gehrke, 1992

[42]Für die die Werbung das beste Beispiel ist. So heißt es beim netdocor.at in der Rubrik MEN'S HEALTH "Was tun gegen Körperhaare? Der Crashkurs für Anfänger"

Gefunden unter: http://www.netdoctor.at/sex_partnerschaft/menshealth/sexualitaet_und_verhuetung/enthaarung.htm - am 30.1.2005 um 19.37 Uhr.

Derselbe Inhalt wird unter dem Titel "Nackt und unglaublich zart. Während Frauen im Kampf gegen Körperhaare einige Professionalität entwickelt haben, besteht beim Mann mitunter noch Nachholbedarf." bei einem der größten deutschen Internetanbieter, 1und1, beworben.

Gefunden unter: http://portal.1und1.de/de/themen/gesundheit/beauty/pflege/655558.html - am 30.1.05 um 19.41 Uhr.

[43]Anfang der 70er Jahre konstatierte W. F. Haug schon einmal in einem kapitalismuskritischen Text, dessen genauer Titel mir leider entfallen ist, eine ähnliche Entwicklung für das Wechseln (nun auch täglich) von Männerunterhosen. Heute ließe sich das dahingehend ergänzen, daß nun auch Männerunterwäsche sexy zu sein hat.

[44]Kommentar vom 3.8.04 zur Frage, "Wo soll euer Meinung nach ein Mann rasiert sein?," auf der Seite Liebes-Forum/Diverses/Mode&Kosmetik.

Gefunden unter: http://www.planet-liebe.de/vbb/archive/index.php/t-44500.html - am 19.2.05 um 19.23 Uhr.

[45]Gefunden unter: http://portal.1und1.de/de/themen/gesundheit/beauty/pflege/655558.html - am 30.1.05 um 19.41 Uhr.

[46]Wronsky, Astrid - Du siehst gut aus! Der Pflege-Guide für Männer. - Seite 88 - Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt, 1999

[47]Dieses Statement wurde im Forum, Scarleteen sex ed for the real world, gepostet am 23.2.02 von Laura (die sich selbst als Activist bezeichnet).

Gefunden unter: http://www.scarleteen.com/forum/Forum1/HTML/001251.html - am 30.1.05 um 21.25 Uhr

[48]Dieses Statement wurde im selben Diskussionsforum wie in der vohergehenden Fußnote gepostet von la jaunty bohemia (die sich selbt als Activist bezeichnet) am 23.2.02.

[49]Das Zitat stammt aus dem schon erwähnten Artikel "Women of the left - overcome your fear of bodyhair!!!" von Mimi Spencer aus dem Guardian vom 23.1.03 eingestellt von Karen X auf indymedia am 23.1.2003 um 2.51 Uhr.

Gefunden unter: http://www.sfbay.indymedia.org/news/2003/01/1564645.php - am 30.1.2005 um 21.33 Uhr.

[50]Mackler, Carolyn - memoirs of a (sorta) ex-shaver - Seite 55 bis 61 - in: Edut Ophea [Ed.] - Adios Barbie Young Women Write About Body Image and Identity - London: Airlift Book Company, 1998

[51]Siehe Fußnote zum dritten Zitat in diesem Abschnitt.

[52]Konzertfoto Nena 1983.

Gefunden unter: http://www.gerdwill.de/nenasclub/foto_img/n83_31.jpg - am 3.3.2004 um 17.32 Uhr.

[53]Gefunden unter: http://www.brigitte.de/forum(showflat.php?Cat=&Board=61&Number=659160&page=0&view=collapsed&sb=7&o=&fpart=2&vc=1 - am 22.2.05 um 23.55

[54]Gefunden unter: http://www.brigitte.de/forum(showflat.php?Cat=&Board=61&Number=659160&page=0&view=collapsed&sb=7&o=&fpart=3&vc=1 - am 22.2.05 um 23.53

[55]Tom Loxley - Herausgeber des Magazins Maxim über die Hollywoodschauspielerin Julia Roberts anläßlich eines Auftritts bei einer Filmpremiere mit unrasierten Achseln.

Zitiert nach: Toerien, Merran / Wilkinson, Sue - Gender and Body Hair: Constructing the Feminine Women - Seite 333 bis 344 - in: Women's Studies International Forum - Vol. 26. No 4 - Oxford: Pergamon Press, 2003.

[56]Es gibt auch immer Ausnahmen, die explizit Toleranz einfordern, oder diese Praxis auch als Gewaltverhältnis kritisieren.

[57]Hermann, Conny / Ettenhuber, Helga (ZDF Mona Lisa) - So bleiben SIE schön. Vom Antiaging bis zur sanften Schönheitschirurgie - Seite 82 - Königswinter: Heel Verlag, 2000

[58]Marquardt, Atonie / Springer, Petra / Rieger Birgit - You are so beautiful. Schönheitstipps für junge Mädchen - Seite 101 - Ravensburg: Ravensburger Buchverlag, 1998

[59]Ein Zitat auch aus der schon erwähnten Diskussion im Brigitte Forum.

Gefunden unter: http://www.brigitte.de/forum(showflat.php?Cat=&Board=61&Number=659160&page=0&view=collapsed&sb=7&o=&fpart=2&vc=1 - am 22.2.05 um 23.55

[60]Anläßlich eines von mir durchgeführten Workshops auf dem Wendland-Camp im Sommer 2004 zum Thema Intersexualität erzählte eine der Teilnehmerinnen von sozialem Druck, den sie im regionalen Gymnasium aufgrund ihrer behaarten Beine aushalten mußte. Mir waren ihre Beine in keiner negativen Weise aufgefallen, außer daß sie insgesamt sehr gut aussah, und mir fiel es auch schwer in ihrer Behaarung ein Problem zu sehen. Die sozialen Gewaltverhältnisse sind aber offensichtlich auch in der BRD schon an bestimmten Orten, z.B. altersabhängig, real.

[61]Miller, Henry - Wendekreis des Krebses - Seite 145 - Berlin: Verlag Volk und Welt, 1988

[62]Der Text aus dem diese Information stammte war leider nicht mehr aufzufinden.

[63]Just Gaby - Heute gibt's nur mich! Natürlich schön mit Aloe Vera, Kakao & Co - Seite 114 - München: Knaur Ratgeber Verlage, 2003

Immerhin gibt es in diesem Buch eine Frau mit Sommersprossen.

[64]Kaufmann, Christine - Beauty Guide. Die Kunst der natürlichen Verjüngung - Seite 75 - München Ullstein Heine List Verlag, 2002

[65]Siehe z.B. unter: http://www.achselhaare.de/ - Pornoseite

und auch: http://www.bauer-nudes.com/tw-erotic-photos/achselhaare-frauen.html - Pornoseite

Beide Seiten gefunden am 22.2.05

[66]Siehe unter: http://hairtostay.com - gefunden am 30.1.05 um 20.40

[67]Ein Teil der sexuellen Attraktivität resultiert hierbei sicher auch aus der transsexuellen Position, in die nichtenthaarte Frauen geschoben werden; ist doch der hermaphroditische Leib sowohl das Verworfene, als auch mit einem besonderen sexuellem Mehrwert belegt. Gerade weil sie/er nichts ist, kann sie/er auch alles sein.

[68]Gefunden unter: http://www.brigitte.de/forum(showflat.php?Cat=&Board=61&Number=659160&page=0&view=collapsed&sb=7&o=&fpart=2&vc=1 - am 22.2.05 um 23.55

[69]Hope, Christine - Caucasian Female Body Hair and American Culture - Seite 93 bis 99 - in: Journal of American Culture - Vol. 5 Nr 1 - Bowling Green, Ohio: Bowling Green State University, 1982

[70]Siehe dort Seite 93

[71]Siehe dort Seite 93

[72]Siehe dort Seite 95

[73]Siehe dort Seite 94

[74]Siehe dort Seite 94

[75]Siehe dort Seite 94

[76]Siehe dort Seite 95 - 96

[77]Siehe dort Seite 97

[78]Siehe dort Seite 97

[79]Siehe dort Seite 98

[80]Siehe dort Seite 99

[81]Siehe dort Seite 98

[82]Dworkin, Andrea - PORNOGRAPHIE. Männer beherrschen Frauen - Köln: Emma Frauenverlags-GmbH, 1987

[83]Basow, Susan A. - The Hairless Ideal Women and Their Body Hair - Seite 83 bis 96 - in: Psychology Of Women Quarterly - Vol. 15 No.1 - Cambridge: Cambridge University Press 1991

[84]Baudrillard, Jean - Der symbolische Tausch und der Tod - München: Matthes & Seitz Verlag, 1991

[85]Irigaray, Luce - Wenn unsere Lippen sich sprechen - in: Das Geschlecht, das nicht eins ist - Berlin: Merve Verlag, 1979

[86]Da Luce Irigaray die Materie als fluid begreift und dies als zentrale Eigenschaft des Materiellen bezeichnet, also das Materielle nach ihr substantiell uneindeutig ist, verwickelt sie sich durch die Reduktion ihrer Sexualitätsvorstellungen auf den weiblichen Leib in Widersprüche, ist doch auch der männliche Leib materiell, und muß damit auch fluid sein. Da diese Annahme der Fluidität, d.h. substantiellen Uneindeutigkeit, der Materie eine Grundannahme ist, die ich zur Grundlage meiner erkenntnistheoretischen Praxis, sowie dieser Arbeit, gemacht habe, folgt für mich die Fluidität, also Uneindeutigkeit, der leiblichen Sexualität zwangsläufig, da sie als leibliche materiell ist.

Irigaray, Luce - Die Mechanik des Flüssigen - in: Das Geschlecht, das nicht eins ist - Berlin: Merve Verlag, 1979

Djuren, Jörg - Physik als anarchistische Textpraxis. Das Semiotische in den mathematisch - physikalischen Wissenschaften - Hannover: Kunst Kultur Kommunikation e.V., 2002

[87]Damit macht auch der Begriff des Zwitters auf der Ebene des materiellen Leibes keinen Sinn mehr, setzt er doch die Existenz zweier unterschiedlicher leiblich materieller Sexualitäten voraus, die in ihm vereinigt gedacht werden.

Das heißt, der Zwitter ist ebenso ein Konstrukt wie die zwei Geschlechter, aber all dies wird auf der Ebene der Biologie in den Leib eingeschrieben, im biologischen Leib realisiert, durch die diskursive Vereindeutigung der materiellen Uneindeutigkeit. Biologie ist ein Diskurs.

[88]Die Woche - Berlin: August Scherl GmbH, 1924

[89]Basow, Susan A. - The Hairless Ideal Women and Their Body Hair - Seite 83 bis 96 - in Psychology Of Women Quarterly - Vol. 15 Nr.1 - Cambridge: Cambridge University Press 1991

[90]Basow, Susan A. / Braman, Ami C. - Women And Body Hair Social Perceptions and Attitudes - Seite 637 bis 645 - in Psychology Of Women Quarterly - Vol. 22 Nr. 4 - Cambridge: Cambridge University Press 1998

[91]Tiggemann, Marika / Kenyon, Sarah J. - The Hairless Norm: The Removal of Body Hair in Women - Seite 873 bis 885 - in: Sex Roles - Vol. 39 - Nos. 11/12 - New York: Plenum Publishing Cooperation 1998

[92]Tiggemann, Marika / Lewis, Christine - Attitudes Towards Women's Body Hair: Relationship with Disgust Sensitivity - Seite 381 bis 387 - in: Psychology of Women Quarterly - Vol 28 Nr.4 - Oxford: Blackwell Publishing, 2004

[93]Lewis, J. M. - Caucasian Body Hair Management: A Key to Gender and Species Identification in U.S. Culture? - Seite 7 bis 14 - in: Journal of American Culture - Vol. 10 Nr. 1 - Bowling Green, Ohio: Bowling Green State University, 1987.

[94]So schreiben Tiggemann und Lewis; "Body hair is in fact a sign of sexual maturity for both women and men and its removal is not universal across cultures. Thus, the normative removal of this hair by women in Western Countries [..]". Da die Körperenthaarung in Deutschland bisher keine Norm ist (siehe zweiten Unterabschnitt), wird hier z.B. Deutschland also explizit nicht als westliches Land betrachtet.

Siehe Marika Tiggemann und Christine Lewis (2004) Seite 381.

[95]Evans, Ray - Ist der "atlantische Graben" zu überbrücken? Eine australische Stimme zur europäischen Umweltpolitik - Neue Züricher Zeitung - Freitag 25.2.2005 - Zürich: Neue Zürcher Zeitung AG, 2005

[96]Hope, Christine - Caucasian Female Body Hair and American Culture - Zitat Seite 97 - Seite 93 bis 99 - in: Journal of American Culture - Vol. 5 Nr.1 - Bowling Green, Ohio: Bowling Green State University, 1982

[97]Cooper, Wendy - Hair Sex Society Symbolism - Seite 116 - London: aldus Books Limited, 1971

[98]Natürlich läßt sich dazu auch etwas bei Freud finden, um ihn hier in diesem sozialpsychologischen Text zumindest einmal zu zitieren, trotzdem das von meiner Lektorin als recht gezwungen kritisiert wurde.

Die Spinnenassoziation verknüpft mit Spinnenphobie wird aus psychoanalytischer Sicht von Freud mit Sexualängsten in Verbindung gebracht. Auch diese Metapher weist also auf den Zusammenhang Körperbehaarung bei Frauen und Sexualängste in Verknüpfung mit der eigenen weiblichen leiblichen Sexualität hin.

"Nach Abraham 1922 ist die Spinne im Traum ein Symbol der Mutter, aber der phallischen Mutter, vor der man sich fürchtet, so daß die Angst vor der Spinne den Schrecken vor dem Mutterinzest und das Grauen vor dem weiblichen Genital ausdrückt." - Freud, Sigmund - Gesammelte Werke - Fünfzehnter Band - Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse - Zitat Seite 25 - Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 1999

Hier geht es um die Frau, die den Phallus hat, die also eine in dieser Gesellschaft mit 'Männlichkeit' konnotierte sexuell potente Position einnimmt, und nicht wie in dem Baudrillardzitat um die Frau, die der Phallus ist, also das ideale Objekt.

[99]McDowell, Linda - Body Work - Zitat Seite 180 - Seite 178 bis 207 - in: Boudry, Pauline / Kuster Brigitte / Lorenz, Renate - Reproduktions-Konten fälschen! - Berlin: b_books, 2004

[100]Sinclair, Amanda - Body and Management Pedagogy - Zitat Seite 94 - Seite 89 bis 104 - in: Gender, Work and Organization - Vol. 12 Nr. 1 - Oxford: Blackwell Publishing, 2005

[101]McDowell, Linda - Body Work - Zitat Seite 186 - s.o.

[102]Sinclair, Amanda - Body and Management Pedagogy - Zitat Seite 95 - s.o.

[103]McDowell, Linda - Body Work - siehe Seite 188 / 189 - s.o.

[104]Sinclair, Amanda - Body and Management Pedagogy - Zitat Seite 95 - s.o.

[105]Kläring, Julia - Psycho Bitch - Seite 31 - in:fiber werkstoff für feminismus und popkultur - Heft 1- Wien: nylon. Verein zur Förderung und Publikation feministischer Diskurse, 2002

[106]Gefunden unter: http://www.glamour.de/glamour/4/5/content/00368/index.php - am 19.2.2005 um 20.25 Uhr.

[107]Gefunden unter: http://www.freioel-institut.de/report/2001/Juli/consumer.htm - am 22.2.2005 um 0.21 Uhr.

[108]Gefunden unter: http://www.freioel-institut.de/report/2002/Januar/consumer.htm - am 30.1.2005 um 19.36 Uhr.

[109]Synnott, Anthony - Shame and Glory: A Sociology of Hair - Seite 381 bis 413 - in: The British Journal of Sociology - Vol. 38, No. 3 - London: The London School of Economics and Political Science, 1987

[110]Z.B. auf der Internetplattform youngmiss.de. Wie schon aus dem Namen ersichtlich, wird hier aber sehr milieuspezifisch ein an den USA-Normen orientiertes Publikum angesprochen.

Gefunden unter: http://www.youngmiss.de/mode_schoenheit/schoenheit/pflege/enthaarung.html - am 22.2.2005 um 0.22 Uhr

Weitere Beispiele sind die schon in der Einleitung genannten.

[111]Siehe Einleitung.

[112]Kommentare, die zwischen dem 3.8.2004 und dem 10.1.2005 zur Frage, "Wo soll eurer Meinung nach ein Mann rasiert sein?", auf der Seite Liebes-Forum/Diverses/Mode&Kosmetik abgegeben wurden.

Gefunden unter: http://www.planet-liebe.de/vbb/archive/index.php/t-44500.html - am 19.2.05 um 19.23 Uhr.

[113]Basow, Susan A. - The Hairless Ideal Women and Their Body Hair - Seite 83 bis 96 - in Psychology Of Women Quarterly - Vol. 15 No.1 - Cambridge: Cambridge University Press 1991

und

Hope, Christine - Caucasian Female Body Hair and American Culture - Seite 93 bis 99 - in: Journal of American Culture - Vol. 5 Nr.1 - Bowling Green, Ohio: Bowling Green State University, 1982

[114]Siehe TV-Bild 22.9.2002.

Gefunden unter: http://www.nenafan.de/php/bilds.php?n=../pics/tv/tv062_19.jpg.back=/php/tvb.php?show=tv062&jahr=22.09.2002&t=99+Luftballons+(22.09.2002,+VIVA)+Bild+19 - am 3.3.2005 um 0.02 Uhr.

[115]Siehe Konzertbilder 2003.

Gefunden unter: http://fara.cs.uni-potsdam.de/~cfoerste/helden/bilder/live/neupop03/helden18.jpg - am 2.3.2005 um 23.55 Uhr.

[116]Zu fragen ist auch: ob es bzgl. der Körperhaarnorm in der BRD einen Ost-West-Gegensatz gibt?

[117]Cooper, Wendy - Hair Sex Society Symbolism - Seite 147 - London: Aldus Books Limited, 1971

 

[118]Cornwall, Andrea / Lindisfarne, Nancy - Dislocating masculinity - London: Routledge, 1994

[119]Zoller, Claudia - Strafen - Seite 83 - in:Flocke, Petra / Nössler, Regina / Leibrock, Imken - Konkursbuch Haare - Konkursbuch - Band 36 - Tübingen: Verlag Claudia Gehrke, 1999

[120]Greer, Germaine - Der weibliche Eunuch - Seite 35 - Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1977

Brownmiller, Susan - Weiblichkeit - Seite 129 bis 162 - Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1984

[121]Chapkis, Wendy - Schönheitsgeheimnisse Schönheitspolitik - Seite 11 - Berlin: Orlanda Frauenverlag, 1986

[122]Foucault, Michel - Der Wille zum Wissen - Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag, 1996

[123]Das Zitat stammt aus dem schon erwähnten Artikel "Women of the left - overcome your fear of bodyhair!!!" von Mimi Spencer aus dem Guardian vom 23.1.03 eingestellt von Karen X auf indymedia am 23.1.2003 um 2.51 Uhr.

Gefunden unter: http://www.sfbay.indymedia.org/news/2003/01/1564645.php - am 30.1.2005 um 21.33 Uhr.

[124]Toerien, Merran / Wilkinson, Sue - Gender and Body Hair: Constructing the Feminine Women - Zitat Seite 342 - Seite 333 bis 344 - in: Women's Studies International Forum - Vol. 26. Nr. 4 - Oxford: Pergamon Press, 2003

[125]siehe z.B. Heft 1/2002 und Heft 5/2004 - fiber. werkstoff für feminismus und popkultur - Wien: nylon. Verein zur Förderung und Publikation feministischer Diskurse, 2002/2004

[126]Eine Wirkung ist immer vom Kontext abhängig. Die Kritik trift immer nur für bestimmte Wahrnehmungskontexte zu. Trotzdem ist sie so zentral, daß sie nicht übergangen werden kann.

[127]Dabei soll nicht nur die Kritik beachtet, es sollen auch aktuelle Formulierungen gefunden werden.

Dies schließt Reime wie:

Es hilft kein Barmen, hilft kein Flehen, Haare kommen, Haare gehen

oder

Ob Haare oder keine, entscheiden wir alleine

die an Kirchenlieder oder die 70er Jahre erinnern, ebenfalls aus.



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Zuletzt aktualisiert 30.10.14





Achselhaare Rasur. Das Behaarte und das Unbehaarte. Körperbehaarung und Geschlecht - die Formierung des Leibes und Widerstandspraxen zu Beginn des 21.Jahrhunderts. Ein Text zu den Themen: Körperhaare Achselhaare Beinbehaarung Schamhaare Rasur Epilieren Wachsen Enthaaren Sex Sexualität Frauen Frau Attraktivität Mann Männer Gender Gewalt Sexismus Judith Butler Jean Baudrillard Queer Michel Foucault Feminismus Feministische Theorie Antikapitalismus Kapitalismus Kritik Jörg Djuren antisexistisch Pornographie Poststrukturalismus Poststrukturalistische Theorie Widerstand Praxis