J.Djuren



Das Behaarte und

das Unbehaarte



Körperbehaarung und Geschlecht.

Die Formierung des Leibes und Widerstandspraxen

zu Beginn des 21ten Jahrhunderts.





Inhalt



Widmung


Zur AutorIn


Einleitung I - Haßprediger


Einleitung II - Achselhaarrasur, Deodorants als Ursache für Brustkrebs





Fragestellung und Eingrenzungen


- Fragestellungen


- Repression und Freiwilligkeit


- Zusammengefaßte Fragestellungen




I Körperbehaarung im Blick der Wissenschaften


- 1 Die Geschichte aktueller Enthaarungspraxen


- 2 Soziologische und sozialpsychologische Analysen


- 3 Die Feministische Kritik und Schlußfolgerungen




II Möglichkeiten widerständiger Praxen gegen die Normierung des Alltags.
Diskussion dreier Plakatentwürfe zur Auseinandersetzung um Körperbehaarung


- 1 Die Plakatentwürfe


- 2 Diskussion mit zwei feministischen Kulturwissenschaftlerinnen und Schlußfolgerungen


Anmerkung zum Wissenschaftsstandpunkt




Quellen


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Gewidmet


The Hole

und

Julie Ruin

(aka Kathleen Hanna)


deren Musik mich durch die gesamte Arbeitsphase begleitet hat


und Ute[1]


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Hannover

2004/2005


J. Djuren

Schmiedestr. 6

30926 Seelze


J.Djuren@irrliche.org




Titelbild: Plakatentwurf - J. Djuren, Hannover 2005


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"Diese Deutschen, diese Atheisten, diese Europäer rasieren sich nicht unter den Armen. Ihr Schweiß sammelt sich unter ihren Haaren zu einem üblen Geruch, und sie stinken."

Yakup T. - Islamischer Geistlicher aus Kreuzberg, der aufgrund dieverser Äußerungen, unter anderen dieser an zentraler Stelle genannten Äußerung, auf Betreiben der Presse und des Bundesinnenministers als "Haßprediger"  aus der BRD ausgewiesen werden sollte.[2]

 

 

"What is Julia thinking? The only place men want to see hair is on a woman's head. Under the arms is unacceptable. From hairy armpits it is only a small step to The Planet  Of The Apes"

Tom Loxley - Herausgeber des Magazins  Maxim über die Hollywoodschauspielerin Julia Roberts anläßlich eines Auftritts bei einer Filmpremiere mit unrasierten Achseln. Von einem Einreiseverbot in die BRD als "Haßprediger" ist mir bisher nichts bekannt.[3]


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"Studie: Deo und Achselhaar-Rasur erhöhen Brustkrebsrisiko

 

London (rpo). Frauen, die regelmäßig ein Deo benutzen und ihre Achselhaare rasieren, haben möglicherweise ein höheres Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Zu dieser Erkenntnis kam eine amerikanische Studie aus Chicago[4], Forscher aus Seattle warteten allerdings mit gegensätzlichen Ergebnissen auf.

 

Zu diesem Schluß kamen Forscher der Northwestern University in Chicago, wie das Fachmagazin "New Scientist" berichtet. Die Forscher vermuten, dass Aluminiumbestandteile in Deos für das höhere Risiko verantwortlich seien. Ein Beweis sei die Studie aber noch nicht. Die Ergebnisse müssten in einer größeren Untersuchung überprüft werden.

 

Dem Bericht zufolge hatte der Arzt Kris McGrath in einer Untersuchung 437 Brustkrebs-patientinnen in vier Gruppen nach Häufigkeit der Deo-Benutzung und der Achselhaarrasur aufgeteilt. Der Brustkrebs trat bei Patientinnen, die mindestens drei Mal die Woche ihre Achselhaare rasiert und mindestens zwei Mal die Woche ein Deo benutzt hatten, 15 Jahre früher auf, als bei Frauen, die nichts von beidem taten.

 

Keinen Hinweis auf ein höheres Brustkrebsrisiko habe es jedoch gegeben, wenn Frauen ausschließlich ein Deo benutzt oder statt dessen nur ihre Achselhaare rasiert haben. Mehr als die Hälfte aller Brustkrebstumore träten in der Nähe der Achselhöhle auf.

 

Zu einem entgegengesetzten Ergebnis kamen dagegen Forscher um Dana Mirick vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle in einer Studie an 1.600 Frauen vor zwei Jahren.

 

Dabei wurden 800 Patientinnen mit Brustkrebs und 800 gesunde Frauen miteinander verglichen. In der Untersuchung aus dem Jahr 2002 wurde auch nach der Deo-Benutzung und der Achselhaarrasur gefragt. Eine Verbindung zu einem erhöhten Krebsrisiko habe nicht festgestellt werden können." [5]



Würde ein ähnliches Ergebnis für irgendein Nahrungsmittel herausgefunden werden, wäre dies mit Sicherheit eine Information, die sich trotz der Unsicherheit vielfältig in medizinischer Ratgeberliteratur und Gesundheitstips wiederfinden würde. Obwohl die Studie eine Vermutung untersucht, die schon seit Jahren am Rande medizinischer Kongresse diskutiert wurde[6],  ist diese Information z.B. in den von mir gelesen angeblich neutralen Gesundheitsratgebern (z.B. netdoctor.at), die im Regelfall massiv Reklame für die Haarentfernung machen, nirgends zu finden. Zu sehen ist, daß diese 'neutralen' Ratgeberseiten zumindest im Internet in der Regel zu einem erheblichen Teil über Werbung der Wellness- und Beautyindustrie finanziert werden, einer Industrie, die nicht unerheblich an Haarentfernung verdient[7]. Eine solche Information paßt offensichtlich nicht ins Werbeumfeld.

Im Internet lassen sich im englischen Sprachraum aber einige Artikel finden, die sich mit der Studie von Kris McGrath auseinandersetzen. So schätzt z.B. Janet Boivin, Editorial Director des Magazins Nursing Spectrum, in einem Artikel für dieses Magazin[8] die Untersuchung als seriös ein und setzt sich mit entsprechenden Handlungsmöglichkeiten auseinander.


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Fragestellung und Eingrenzungen



- Fragestellungen



Karikatur aus der Zeitschrift fiber, Wien 2002[9]


Ausgangspunkt dieser Arbeit ist nicht so sehr die Frage nach der Körperbehaarung, nicht die Frage, wieviel an welchem Fleck wann zu wachsen hat oder nicht, sondern die Frage nach der Art und Weise, wie solche Modeerscheinungen zur sozialen Norm werden, wie soziale Normen produziert und reproduziert werden und wie Widerstand möglich ist, bzw. wo er ansetzen kann.


Mein eigenes Interesse an dieser Frage mag dabei darin begründet sein, daß ich als Schüler immer wieder massiv aufgrund der Nichterfüllung sozialer Normen Gewalt und Ausgrenzung ausgesetzt war. In den westlichen Industrienationen gibt es eine Art Auslagerung der Gewaltverhältnisse aus der elterlichen Erziehungspraxis und aus der Autorität der LehrerInnen auf die Peergroups. Die körperliche Gewalt, die sozialen und psychischen Gewalttätigkeiten, die im Verhältnis LehrerIn-SchülerIn und Eltern-Kind nicht mehr als zivil gilt, wird an MitschülerInnen sowie andere Kinder und Jugendliche delegiert. Deutlich wird dies an einem so 'harmlosen' Kinderbuch wie Harry Potter. Die SchülerInnen, die in der dort beschriebenen Schule für Magie leben, sind auf vier sogenannte Häuser aufgeteilt. Falls ein Kind von den gesetzten Normen abweicht, wird nicht primär das Kind direkt bestraft, sondern das Haus, in dem das Kind lebt, bekommt Punktabzug. Die Bestrafung wird also den anderen Kindern und Jugendlichen aus dem gleichen Haus überlassen. Der hier induzierte Gruppenterror stellt, da er nicht an die Einhaltung von Regeln gebunden ist wie die Autorität, gegenüber der autoritären Gewalt eine Steigerung dar. Den meisten LeserInnen, die ich gesprochen habe, ist dieses Funktionsprinzip nicht einmal aufgefallen, für sie war das völlig normal. Dabei ist zu sehen, daß es sich hier um Disziplinierungsprinzipien handelt, die für das Gefängnissystem oder das Militär typisch sind.


Die Gewaltfrage der heutigen Gesellschaft der BRD ist nicht zu lösen durch die Stigmatisierung der Anwendung von Gewalt in bestimmten Bereichen wie Familie und Schule. Dies führt, solange die Ursachen nicht angegangen werden, nur zu ihrer Verlagerung. Die Ursachen liegen für mich aber in der Aufrichtung sozialer Normen. Diese Normen zeichnen sich für mich gerade dadurch als Normen aus, daß Abweichungen mit geradezu abgrundtiefem Haß verfolgt werden. Aufgrund von Erfahrungen mit Reaktionen auf Abweichungen von sexuellen oder kulturellen Normen dürfte dies jeder/jedem bekannt sein.

Vielleicht sind einige Normen notwendig, um den Umgang von Menschen miteinander zu regeln, die meisten halte ich aber für überflüssig. Sie dienen lediglich der Reproduktion von Herrschaftsverhältnissen.


Auf jeden Fall ist eine Mindestforderung, die ich stellen würde, die Normsetzungen einem offenen und bewußten gesellschaftlichen politischen Kritik- und Entscheidungsprozeß zugänglich zu machen.


Dazu ist es aber eben notwendig, zuerst den Prozeß der Normsetzung und Reproduktion zu verstehen. 


Mir geht es hier nicht darum, zu begreifen, warum einzelne Menschen ihr Körperhaar rasieren, sondern um die Frage, wie dies als Norm durchgesetzt und reproduziert wird, und welche Möglichkeiten und Ansätze zum Widerstand gegen die Normierung des Alltags sich aus der Analyse ergeben.


Das Beispiel des gesellschaftlichen normativen Umgangs mit Körperbehaarung eignet sich aus meiner Sicht gerade deshalb besonders für eine solche Analyse, weil die Enthaarungsnorm mit keinerlei sachlicher Legitimation verknüpft ist. Dem gegenüber werden Forderungen, z.B. nach Gewichtsreduzierung, häufig mit medizinischen Argumenten oder der Leistungsfähigkeit begründet. Für die Enthaarungsnorm spielen solche legitimatorischen Sachargumente keinerlei Rolle. Bei meiner gesamten Recherche für diesen Text ist mir nur einmal ein solches Argument untergekommen. Eine Bekannte erzählte mir, daß ihre Ärztin, bei der sie aufgrund von Entzündungen am Bein in Behandlung war, darauf hinwies, daß das Nichtentfernen der Beinbehaarung Entzündungen befördern würde.[10] Auch wenn diese Argumentationspraxis nicht die Regel darstellt, weist sie doch auf die Tendenz hin, soziale Normen durch vorgeschobene Sachargumentationen zu legitimieren, denn ich habe noch nie etwas von dem Problem der häufigen entzündlichen Prozesse an unrasierten Männerbeinen gehört. Das Argument ist offensichtlicher Unsinn und wurde hier trotzdem immerhin von einer Ärztin vertreten.

Im öffentlichen Diskurs über Haarentfernung, in der Schönheitsratgeberliteratur oder in der Reklame für Enthaarungsmittel, spielt dies aber keine Rolle. Im Gegenteil, in der Konkurrenz der unterschiedlichen AnbieterInnen wird immer wieder darauf hingewiesen, daß die falsche Methode und die falschen Mittel gerade bei der Haarentfernung zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen könnten - natürlich nur, um dann das richtige und sanfte Mittel zum Kauf zu empfehlen.


"Vorsicht in der Bikinizone mit dem Naßrasierer, das geht gefahrloser mit einem elektrischen Ladyshaver."[11]


"Vorsicht: Bei diesen hohen Stromstufen muss die Nadel unbedingt isoliert sein, sonst verbrennt die Haut entlang der Nadel."[12]

Bemerkung zur Thermolyse


"[..] die Haut ist nach der Enthaarung sehr anfällig für Bakterien."[13]


Dadurch, daß bzgl. der Enthaarung auf Sachargumente weitestgehend verzichtet wird, wird die Analyse einfacher, da der Blick auf die Funktionsmechanismen der Normierung nicht durch vorgeschobene rationale Begründungen verstellt wird.


Ich befasse mich an dieser Stelle auch nur mit Körperbehaarung und nicht mit Kopfbehaarung. Haarmoden und Bärte haben eine andere symbolische Bedeutung als das Körperhaar. Sie sind in dieser Gesellschaft heute vielfältig und eher eine Frage der Mode als der Norm. Deutlich wird der Unterschied auch daran, daß es hier um Enthaarung geht und nicht um Körperhaarfrisuren. Die Besonderheit von Schamhaarfrisuren wurde insofern ebenfalls ausgelassen.


Beim Umgang mit der Totalentfernung und dem Kürzen von Schamhaaren geht es allerdings um parallele Argumentationen wie bei der sonstigen Körperbehaarung.

So heißt es auf einer Internetseite - the-clitoris.com - auf der für Schamhaarkürzung geworben wird:


"Obwohl ich Frauen ermutigen möchte, dass Kürzen oder rasieren ihrer Schamhaare in Betracht zu ziehen, gibt es doch auch Gründe, es nicht zu tun. Wenn eine Frau keinen Vorteil empfindet oder fühlt, dass sie es einfach nicht kann, wird sie es wahrscheinlich nicht tun. Eine Frau muß neugierig und aufgeschlossen sein, wenn sie die Vorzüge dieser Praxis erfahren möchte."[14]


Im weiteren Text wird dann argumentiert, daß Frau sich nicht so haben solle, wenn der männliche Partner es wünscht, es wären ja nur Haare, die könne sie ja wohl auch gegen ihren Willen ihm zu Liebe entfernen. Ganz am Anfang des Artikels heißt es, in Amerika täten dies ohnehin schon sehr viele Frauen. Und:


"Die natürlichen Körperflüssigkeiten, die eine Frau erzeugt, können sich in den Haaren ansammeln, besonders Menstruationsblut. [...] US-amerikanische Frauen und europäische Frauen, die heutzutage ihre Schamhaare entfernen, auch wenn sie über fließend Wasser verfügen, berichten oft, dass sie es leichter finden, ihre Vulva sauber zu halten und sie fühlen sich trockener während ihrer täglichen Aktivitäten. Das gilt besonders während der Menstruation."[15]


Hier finden wir eien Teil der  'Argumente', die immer wieder für die Entfernung von Körperhaar aufgefahren werden.


- Körperbehaarung ist unhygienisch

>- Frau soll ihre eigene Körperlichkeit dem Wunsch von Männern unterordnen

- in Ländern wie den USA tun dies ohnehin schon viele Frauen (d.h. moderne Frauen)

- die Körperhaarrasur zeigt sexuelle Offenheit, rasiert Frau sich nicht, ist sie potentiell nicht selbstbewußt genug


Tatsächlich sagen psychologische Untersuchungen bezogen auf Australien etwas anderes aus. Da die Körperhaarrasur die Norm ist, bzw. der an die Frauen herangetragene Wunsch, neigen vor allem Frauen, die unsicher sind, zur Entfernung ihrer Körperhaare, bzw. im statistischen Mittel gilt, daß nur sehr selbstsichere Frauen sie nicht entfernen.[16] Auch der Ländervergleich ist etwas absurd, im selben oben zitierten Text wird interessanterweise auch noch in einer Anmerkung deutlich, daß die Totalentfernung auch im arabischen Raum zum Standard gehört. Dies wurde aber nicht an den Anfang des Artikels gestellt, hätte es doch die Frage thematisiert, was Körperhaarentfernung mit spezifischen Strukturierungen einer Gesellschaft, mit einer ausgeprägten männlichen Kontrolle weiblicher Sexualität zu tun hat, und den Zusammenhang mit der Bedeckung des Kopfhaares zum Thema gemacht. Das Bild der rasierten Frau wäre dann wohl kaum modern konnotiert. Das Argument, daß hiesige Frauen sich rasieren müßten, weil Frauen in Saudi-Arabien dies täten, überzeugt sicherlich nicht sonderlich.  Dabei geht es hier nicht um eine Kritik daran, daß einzelne Frauen Kopftücher tragen oder sich die Körperhaare rasieren, sondern um die Kritik von Normen, die diese Praxen zum Zwang machen.


Von feministischen Frauen aus der Türkei heißt es dann auch in einem Text zur Kritik sexistischer Gewalt sehr deutlich:


"Die meisten von uns verbringen zwangsläufig einen großen Teil ihrer Zeit und Energie damit, sich mit ihren Körpern zu beschäftigen. Wir ziehen uns nicht für uns selbst an, sondern um männliche Beachtung zu erhalten. Für viele von uns ist es eine Notwendigkeit, unsere Körper der neuesten Mode entsprechend zu formen. Übergewicht kann dazu führen, dass Frauen sich vor sich selbst ekeln. Frauen, die ihre Körperbehaarung nicht wirksam bekämpfen, werden als anormal und krankhaft betrachtet.."[17] [18]


Die Verknüpfung der Frage der Hygiene mit dem Menstruationsblut und den natürlichen Körperflüssigkeiten, die eine Frau erzeugt, weist außerdem auf die Reaktivierung eines sehr alten Tabus, demzufolge Menstruationsblut alle möglichen vor allem für Männer gefährlichen Eigenschaften zugeschrieben werden und das direkt auf die männlichen Sexualängste, die mit der weiblichen Potenz verbunden sind, rekuriert. Auch hier geht es damit um die Kontrolle weiblicher Sexualität, nur das sie nun als moderne Disziplinartechnik in westlichen Industriestaaten als 'freiwillige' Selbstkontrolle der Frauen im neuen Gewand einherschreitet.


Auch hier muß die Besonderheit solcher Internetseiten berücksichtigt werden. The-Clitoris.com tritt vom ersten Eindruck als persönliche unabhängige sexuelle Ratgeberinnenseite im Interesse der Befreiung der Sexualität der Frau auf. Genauer hingeschaut ist dies eine Seite, die der Werbung für Sexshops und Hardcorepornographie[19] dient. Das Copyright hält der Fox-Konzern[20], also einer der größten und reaktionärsten Medienkonzerne der Welt. Welche/wer genau hinter dieser Seite steht und wessen Interessen hier vertreten werden, ist völlig unklar[21]. Die mangelnde kritische Recherche vieler NetzseitenbetreiberInnen führt aber häufig zu einer relativ unkritischen Verlinkung und damit Werbung für solche scheinbar neutral aufklärerischen Seiten. So wird diese Seite und damit die Werbung für Hardcorepornographie z.B. auch von bürgerlich feministischen Seiten aus verlinkt[22].


Es stellt sich die Frage, wieso diese Propaganda jetzt im deutschen Sprachraum relevant wird.


Das Augenmerk ist hier auf die Pole behaart und unbehaart gerichtet.


Die Fragen, die hier bearbeitet werden sollen, sind:

Wie werden implizite Wissensbestände über das richtige normative Verhalten vermittelt?

Wie wird z.B. implizites Wissen über die richtige Körperhaarpflege, das richtige geschlechtliche Verhalten, vermittelt?

Wie und warum ändern sich Normen?

Wie steht das im Zusammenhang mit Prozessen der Macht- und Subjektkonstitution?

Welche Widerstandsmöglichkeiten eröffnet dies?


Ich werde dazu, nach einem kurzen Überblick über die historische Entwicklung des heutigen Umgangs mit Körperbehaarung, ausführlich Texte aus der Soziologie, Sozialpsychologie und der feministischen Wissenschaft zum Thema diskutieren. Im Anschluß werde ich einige aktuelle Entwicklungen schildern und ein konkretes Projekt zur Kritik der heutigen Normierungspraxis vorstellen und diskutieren.


Ich sehe diese Auseindersetzung mit Normen und ihrer Genese in einem Kontext mit zwei anderen Themenbereichen.


Einmal der Selbstdefinition des Subjektes.


Ich selbst definiere mich sehr stark über mein Handeln und die Wirkungen dieses Handelns und fast gar nicht über meine gesellschaftliche Position. Das heißt, für mein Selbstwertgefühl ist das Erreichen von Zielen, die ich mir stelle, relevant, wobei Ziele nur materielle Produkte, die Schaffung sozialer Zusammenhänge oder politische Veränderungen und ähnliches sein können. Eine gesellschaftliche Position zu erreichen, ist für mich kein Ziel, höchstens ein Mittel zum Zweck, da ich allein durch das Erreichen einer Position gar nichts bewirke. Eventuell gibt mir die Position aber Möglichkeiten, etwas zu bewirken. Im Regelfall ergibt sich jedoch für mich aus meiner zwanzigjährigen politischen Erfahrung, daß, um so höher die gesellschaftliche Position, desto geringer sind die Wirkungsmöglichkeiten. Dies hängt mit den Bedingungen zusammen, die Menschen erfüllen müssen, um solche Positionen einzunehmen und die zu einer ausgeprägten Verunfähigung zum kritischen Denken und politischem Handeln führen, von Ausnahmen einmal abgesehen. Das beste Beispiel für eine solche Verunfähigung hat im letzten Jahrzehnt sicherlich die Partei der GRÜNEN vorgeführt, die mit immer größerer Machtbeteiligung immer weniger bewirkt hat.

Viele andere Menschen, die ich kenne, definieren sich aber viel stärker über ihre Position als über ihr Handeln und seine Wirkung. Das Handeln und seine Wirkung wird in einer für mich seltsamen Verdrehung sogar primär zum Mittel, um einen Zweck, meist um eine bestimmte Position zu erreichen, eine bestimmte Karriere zu machen. Ich vermute einen Zusammenhang zwischen dieser zweiten Subjektposition und der Reproduktion und Produktion sozialer Normen und ihrer aggressiven Verteidigung. Dies wird im Folgenden zu diskutieren sein.


Hiermit im Zusammenhang steht für mich die Frage für welche/wen die Frage nach dem Zusammenhang von sozialer Norm z.B. Körperbehaarung, Gewalt und Macht überhaupt einleuchtend bzw. zulässig ist, wird sie doch von nicht wenigen von vorneherein als unzulässig zurückgewiesen. Dies zeigen zwei Reaktionen im Internet auf einen feministischen Artikel zur Kritik des Umgangs mit Körperbehaarung.


"The US has bombs and guns pointed at Iraq, is mired in Afghanistan warfare, but we're supposed to worry about who does and doesn't shave, and why. No wonder the left can't get it's crap together, if this counts as a legitimate "issue"."[23]

 

"Com'n! This is just a matter of culture. Down through the ages, different peoples have viewed beauty differently. Will what we view as beauty today be what our culture views as beauty tomorrow? Probably not."[24]


Nur für Menschen, für die die gesellschaftliche Positionierung und die Erfüllung sozialer Normen nicht ein Mittel zur Durchsetzung spezifischer Politiken ist, und somit eine politische Positionierung, sondern Selbstzweck, machen solche Argumente Sinn.



Der zweite Themenbereich, den ich eng verknüpft sehe mit dem hier behandelten Thema der Normierung und insbesondere auch dem Beispiel des Umgangs mit Körperbehaarung, ist das Thema Geschlechtsidentität, ihre Produktion und Reproduktion.


Die Entfernung von Körperhaaren ist für das letzte Jahrhundert in Deutschland und dem englischsprachigen Raum fast ausschließlich eine Praxis, die Frauen betrifft. Daß ein Zusammenhang zwischen der Produktion der Geschlechtsidentität und dem Umgang mit Körperbehaarung besteht, ist dadurch bereits offensichtlich.

Explizit wird dies in psychologischen Studien bzgl. USA und Australien festgestellt.


"A major component of "feminity" in the United States today is a hairless body (even pubic hair may be shaved)"[25]

 

"The reason women cite for current hair-removal are those relating to feminity and attractiveness"[26]

 

Selbst wenn heute zumindest in Deutschland auch Werbung für Männer zur Körperhaarentfernung lanciert wird[27], so kann doch bisher nicht von einer Norm gesprochen werden. Interessant ist dies aber im Kontext der Argumente, die in der Sicherstellung der Geschlechterdifferenz die primäre Funktion der Körperhaarentfernung sehen.


Als weiterer Beleg für die Verknüpfung von Geschlechstidentität und dem Umgang mit Körperbehaarung kann das Diskussionsinteresse gewertet werden, welches dieses Thema kontrovers bei Männern und Frauen hervorruft, wenn es aus explizit feministischer Positionierung um eine Infragestellung des Status Quo geht. So hat der aus dem Guardian übernommene auf Indymedia publizierte Artikel "Women of the left - overcome your fear of bodyhair!!!" schon am ersten Tag 10 Kommentare provoziert[28]. Dies zeigt, daß es sich offensichtlich um eine Grenzlinie in der Auseinandersetzung um Geschlecht und Körper handelt.


Auch die öffentliche Wahrnehmung von Körperbehaarung weiblicher Rockstars wie Peaches, die explizit mit dem Symbol Körperbehaarung eine Art ungezähmter Sexualität in Szene setzt und damit sowohl pornographische Assoziationen beim männlichen Publikum hervorruft wie auch Interesse bei ihrer lesbischen Fangemeinde weckt, verweist auf das Spiel mit der Geschlechtsidentität.


"Im Video zu 'Set it of' spielte Peaches mit dem Thema weiblicher Körperbehaarung. In einem pinkfarbenen Minibikini tanzend, wird sie zur über und über behaarten Frau - inklusive massivem Damenbart und Wolle in den Achselhöhlen, was besonders im klinisch epilierten Nordamerika zu ausgedehnten Diskussionen führte."[29]


"Vor der Bühne drängt sich jeweils die Lesbenszene - in der man Peaches als Ikone feiert - Schulter an Schulter mit Männern, die die kleine, dunkelgelockte Frau in der sexy Unterwäsche für einen Pornotraum halten"[30]


Da ich mich gerne selbst als eher körperlich androgyn auffasse, sind die Praxen der körperlich geschlechtlichen Vereindeutigung durch Rasur eine direkte Herausforderung, wird doch meine in vielen Bereichen eher geringe Körperbehaarung durch die Rasurpraxis von Frauen wieder zu einem deutlichen Differenzmarker, obwohl dies natürlicherweise gar nicht so wäre.

Ich nehme auch meinen biologischen Leib nicht als geschlechtlich eindeutig wahr, vielmehr ist meine Wahrnehmung, daß auch die biologische Eindeutigkeit produziert wird, fällt es mir Doch leichter Teile meiner leiblichen Sexualität in den Beschreibungen naher Freundinnen wiederzufinden als im männlichen Klischee.[31]

Da ich seit 20 Jahren zum Thema der epistemologischen Kritik der Naturwissenschaften (Luce Irigaray / Julia Kristeva / Ludwig Wittgenstein / Immanuel Kant / Feministischen Naturwissenschaftskritik / Gaston Bachelard / .. ) arbeite, ist die Annahme, die Naturwissenschaften würden objektive materielle Realitäten objektiv beschreiben, aus meiner Sicht sowieso absurd. Mit Donna Haraway und Sandra Harding[32] würde ich sowohl für die Naturwissenschaften wie für jede andere wissenschaftliche Arbeit das Prinzip der starken Objektivität als Grundlage einfordern.


"Es geht darum, die Welt zu verändern, eine Wahl zu treffen zwischen verschiedenen Lebensweisen und Weltauffassungen. Um dies zu tun, muß man handeln, muß begrenzt und schmutzig sein, nicht transzendent und sauber. Wissensproduzierende Technologien, einschließlich der Modellierung von Subjektpositionen und der Wege der Besetzung solcher Positionen, müssen immer wieder sichtbar und offen für kritische Eingriffe gemacht werden."[33]


Das heißt, da eine nichpositionierte Position eine Unmöglichkeit darstellt, ist für jede wissenschaftliche Arbeit, die den Begriff wissenschaftlich weiterhin für sich reklamieren will, einzufordern, daß die AutorInnen sich die eigene Positionierung klar machen und jene auch im Text offenlegen. Nach diesem Prinzip ist nur ein Text, der die persönlichen Erfahrungen und Ziele thematisiert, weiterhin wissenschaftlich zu nennen. Dies nicht zu tun, heißt, die eigenen Vorurteile nur unreflektiert und hinter objektivistischen Formulierungen verschleiert wirken zu lassen.


Meine Wahrnehmung der Biologie findet sich für mich in den Theorien Judith Butlers von der performativen Produktion des sozialen wie des biologischen Geschlechts wieder.


"Wenn die Attribute der Geschlechtsidentität nicht expressiv, sondern performativ sind, wird die Identität, die sie angeblich nur ausdrücken oder offenbaren sollen, in Wirklichkeit durch diese Attribute konstituiert. Die Unterscheidung zwischen Ausdruck und Performanz ist zentral: Wenn die Attribute und Akte der Geschlechtsidentität, die verschiedenen Formen, in denen ein Körper seine kulturelle Bezeichnung zum Vorschein bringt oder produziert, performativ sind, gibt es keine vorgängige existierende Identität, an der ein Akt oder Attribut gemessen werden könnte. [..] Daß die Geschlechter-Realität durch aufrechterhaltene gesellschaftliche Performancen geschaffen wird, bedeutet gerade, daß die Begriffe des wesenhaften Geschlechts und der wahren oder unvergänglichen Männlichkeit und Weiblichkeit ebenfalls konstituiert sind."[34]


"Was ich [..] vorschlagen möchte, ist eine Rückkehr zum Begriff der Materie, jedoch nicht als Ort oder Oberfläche vorgestellt, sondern als ein Prozeß der Materialisierung, der im Laufe der Zeit stabil wird, so daß sich die Wirkung von Begrenzung, Festigkeit und Oberfläche herstellt, den wir Materie nennen. Daß die Materie immer etwas zur Materie Gewordenes ist, muß meiner Meinung nach mit Bezug auf die produktiven und eben auch materialisierenden Effekte von regulierender Macht im Foucaultschen Sinne gedacht werden. Dementsprechend lautet die Frage künftig nicht mehr, wie das soziale Geschlecht als eine und durch eine bestimmte Interpretation des biologischen Geschlechts konstituiert wird (eine Frage, bei der die "Materie" des biologischen Geschlechts von der Theorie ausgespart bleibt), sondern vielmehr: Durch welche regulierenden Normen wird das biologische Geschlecht selbst materialisiert?[35]


Dabei ist zu berücksichtigen, daß dies nicht bedeutet, daß Geschlecht beliebig frei wählbar wäre. Vielmehr ist mit Butler zu konstatieren, daß das diskursive, in der Interaktion erzeugte Geschlecht eine härtere Materialität besitzen kann, als dies für eine leibliche Realität gilt.


Für Menschen, die von sexuellen Normen abweichen, erscheint es so oft einfacher, den biologischen Leib den Normen anzupassen, als die Normen zu verändern oder ihnen Widerstand entgegenzusetzen und z.B. in einem Leib, der als weiblicher angesehen und als solcher in der Interaktion von anderen immer wieder reproduziert wird, als Mann zu leben, und sich damit im Nirgendwo einer Nichtexistenz zu befinden, da eine solche widersprüchliche Verortung in der Interaktion auf permanenten Widerstand stößt.


Dies muß als eine Form der Materialisierung im Diskurs begriffen werden, der ein Gewaltverhältnis darstellt. Stefan Hirschauers beschreibt die Selbstkonzeption von Menschen, die nicht in die übliche Geschlechternorm passen, ihrer selbst als Transsexueller, in diesem Sinn als Anpassung an die Norm.


"Mit dieser Sozio-Logik der Konstruktion einer transsexuellen Geschlechtszugehörigkeit soll verdeutlicht sein, daß transsexuelles Sense-Making von vornherein ein Versuch der Selbstnormalisierung ist. Wenn Geschlechtswechsler versuchen, sich in Ordnung zu bringen, dann in die Ordnung, die ihre Kultur für zwei Geschlechter vorsieht."[36]


Ausgehend von der Gewalt der Norm, die diese biologische Normalisierung erzwingt, ist hier von einer Transsexualisierung dieser Menschen zu reden. Was Hirschauer ausführlicher darstellt.

Die Transsexualisierung von Menschen würde in diesem Sinn darin bestehen, daß in der Interaktion eine beständige Iritation aufgebaut wird zwischen einer sozialen/psychischen Geschlechtsidentität und einer leiblichen, die aber beide produziert werden, die beide Normierungen darstellen.[37]


In diesem Sinn läßt sich die Ursache für die Körperenthaarungspraxen auch in einer Transsexualisierung der Frauen in den modernen Industriegesellschaften begreifen. Eine Transsexualisierung, die dadurch stattfindet, daß ein diskursives Ideal von Weiblichkeit als Norm immer weiter von der leiblichen Realität abweicht. Menschen, die sich als Frauen definieren, bzw. so definiert werden, werden dadurch gezwungen, ihren Leib durch operative und andere Eingriffe wie Rasur, Hungerpraxen, Hormontheraphien usw. als weiblichen erst zu produzieren.

Dies könnte damit zusammen hängen, daß die moderne geschlechtliche Norm primär auf den Leib abzielt, die Darstellung der Geschlechtlichkeit in diesen Leib eingeschrieben werden muß, und die 'richtige' Kleidung und das 'richtige' Auftreten alleine, wie im Mittelalter[38], nicht mehr ausreichen, bzw. nicht mehr klar definiert sind. Da der Leib als Materialität aber nicht im voraus eindeutig ist, muß die Norm zwangsläufig von dieser amorphen Realität des Leibes abweichen und eine irreale vereindeutigende Fiktion darstellen. Dies führt zwangsläufig dazu, daß die reale Leiblichkeit von Frauen zunehmend  monströs wird im Vergleich zu dieser Norm.

Frauen werden in eine transsexuelle Position geschoben, die viele Menschen offensichtlich als Bedrohung wahrnehmen; entsprechend groß ist die 'Bereitschaft', bzw. der Druck, sich mit Gewalt, die in diesem Fall gegen den eigenen weiblichen Körper gerichtet ist, zu normalisieren.


Ausgehend von der Analyse Michel Foucaults über die Bedeutung der Sexualität und der mit ihr verknüpften Politiken für die Disziplinierung der Körper und ihrer Nutzbarnachung, im Sinne eines Konzeptes von Bio-Macht, ergibt sich aber noch eine andere Perspektive.


In der Neuzeit wurde nach der Analyse von Michel Foucault das alte Konzept der Macht des Schwertes zunehmend abgelöst durch das Konzept der Bio-Macht, die die Verwaltung des Lebens übernimmt. Als Disziplinarmacht gegenüber dem Körper übernimmt sie "seine Dressur, die Steigerung seiner Fähigkeiten, die Ausnutzung seiner Kräfte, das parallele Anwachsen seiner Nützlichkeit und seiner Gelehrigkeit, seine Integration in wirksame und nützliche Kontrollsysteme".[39]

"Der Sex eröffnet in diesem Zusammenhang den Zugang sowohl zum Leben des Körpers wie zum Leben der Gattung. Er dient als Matrix der Disziplinen und als Prinzip der Regulierungen"[40]. Das Sexualitätsdispositiv wird damit zu einem Dispositiv der Bio-Macht. Die Sexualität, die Rede von der richtigen Sexualität und die gelebte Sexualität, werden zum Ansatzpunkt der Macht. Dazu kommt, daß Herrschaft nicht nur auf der Ebene direkter staatlicher Organe reproduziert wird, sondern in der Familie, im FreundInnenkreis, in der sexuellen Beziehung, in den Medien, in den Wissenschaften, usw..


In diesem Konzept könnte die Enthaarungspraxis als Teil der sexuellen Norm und der Disziplinierung der Körper zu ihrer Nutzbarmachung verstanden werden, z.B. für den kapitalistischen Konsum, aber auch für eine neue Formierung der Subjekte als Waren, die sich selbst vermarkten.

Da sich dies erst einmal nicht spezifisch an ein Geschlecht richtet, wäre zu fragen, inwieweit sich hier eine Geschlechterdynamik zeigt, bei der Frauen die Rolle der ersten Opfer aber auch der ersten Agentinnen der Macht zugeschoben wird. Zu klären wäre, wie die Funktion der Körperdisziplinierung über die sexuelle Disziplinierung läuft, die sich zuerst in der sexistischen Herrschaftsordnung auf die Frauen richtet, um dann von diesen quasi als Rache auf Kinder und Männer übertragen zu werden. Die Frauen wären in diesem Bild die Mittäterinnen, die die Disziplinarmacht auf die gesamte Gesellschaft ausdehnten.

Wolfgang Hegener sieht in diesem Sinn, unter Rekurs auf soziologische Untersuchungen, auch die schwule Subkultur als einen Ausgangspunkt der Übertragung solcher Disziplinartechniken auf Männer.


""Den (männlichen - W.H.) Homosexuellen dürfte eine Pionier-Rolle vor allem bei der Erschließung der Männer für Märkte und Konsum-Komplexe zukommen, bei denen tiefverwurzelte Exhibitionismus-Hemmungen und Weiblichkeits-Ängste der Männer zu überwinden sind". Die männlichen Homosexuellen bilden gleichsam ein Scharnier zur Durchsexualisierung der männlichen Körper überhaupt. Dies scheint um so notwendiger, als die Männer hinsichtlich der "Konsum-Komplexe" eindeutig rückständig sind; [..]"[41]


Erste Ansätze einer derartigen allgemeinen Disziplinartechnik bei der Körperbehaarung zeigen sich einmal in der zunehmenden Rasurpraxis von Männern[42] und darin, daß Frauen nun auch männliche behaarte Körper zunehmend ekelig finden, d.h. ihren Ekel vor Haaren auf den männlichen Körper ausdehnen, und anfangen, entsprechende Anforderungen der Rasur von Achselhaaren und der Intimbehaarung zu stellen.[43]


"Intimbereich und unter den Armen muß rasiert sein.

Ich find's so grausam, wenn man schwimmen ist und im Whirlpool sitzt und zu einem steigt dann ein Typ rein, der seine Arme auf den Rand legt und aus den Achseln sprießen die Haare....wäh....dann bin ich weg...

evi"[44]




Bild aus der schon genannten Werbung auf 1und1[45]



Es gibt mittlerweile auch schon länger einschlägige Schönheitsratgeberliteratur für Männer.


"Schon die Indianer fanden es schick, sich die Haare auszureißen. Auch bei uns ist derzeit ein glatter Body angesagt: An den männlichen Models auf Werbefotos ist kaum ein Haar dran."[46]


Bebildert ist dieses Buch entsprechend ausschließlich mit enthaarten Männern.


Noch einmal muß hier darauf hingewiesen werden, daß Internetseiten wie Netdoktor.at, die Seite, von der der Artikel mit der Aufforderung zur Enthaarung an Männer gerichtet ist,  u.a., die als seriöse unabhängige Ratgeberseiten auftreten, wesentlich über Werbung finanziert werden. Diese Werbung wird nicht unbeträchtlich von der Beauty- und Wellnessindustrie gestellt. Bei netdoktor.at ist es auch möglich, redaktionelle Beiträge zu kaufen, das heißt, eigene Inhalte als redaktionelle Beiträge gegen Geld einstellen zu lassen. Die Frage ist offen, wessen Interessen hinter dem genannten Artikel zur männlichen Körperhaarentfernung stehen; festzustellen ist aber, daß dieser Artikel auch beworben wird, z.B. auf der schon genannten Seite von 1und1, und dafür offensichtlich Geld zur Verfügung steht. Da bei dieser Form der Werbung die Finanziers nicht offen gelegt werden müssen, bleibt nur die Spekulation. Offensichtlich wird hier aber mit dem Einsatz von Finanzmitteln für Werbung im deutschen Sprachraum auf die Marktausweitung für Enthaarungsprodukte für Männer hingearbeitet. Unklar ist dabei auch, inwieweit persönliche Kommentare auf diversen Netzseiten tatsächlich persönliche Kommentare sind, oder ebenfalls Auftragsarbeiten. Das heißt, es ist nicht klar, inwieweit hinter einzelnen 'persönlichen' Kommentaren professionelle Werbebüros stecken, die unter diversen Emailadressen und Pseudonymen ihre Botschaft in die unterschiedlichen Bretter einstellen. Zumindest aus der Bücherwerbung im Internet ist mir so etwas bekannt. Es ist insofern sehr schwierig, bzgl. des Internets zwischen der Widerspiegelung eines realen öffentlichen Diskurses und einem werbefinanzierten Auftragsdiskurs zu unterscheiden.

Insofern ist auch darauf hinzuweisen, daß die hier genannten Geschlechtszuweisungen aus den Internetbrettern nicht irgendeiner sozialen Realität entsprechen müssen.


Dies ist im folgenden weiter zu bedenken.


Grundsätzlich weisen die hier angestellten Überlegungen darauf hin, daß Normen sich gegenseitig auf die eine oder andere Art und Weise, sei es als Differenzsetzung oder als allgemeingültige Norm, verstärken und sich daraus ein gemeinsames allgemeines Interesse am Normabbau ergibt.


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- Repression und Freiwilligkeit



Eine häufiger anzutreffende Argumentation von Feministinnen ist das, was ich als Repressionshypothese bezeichnen will. Danach wird die Entfernung der Körperbehaarung vor allem als Reaktion auf einen äußeren repressiven Druck auf Frauen verstanden; einem Druck, dem die Frauen vor allem als junge Mädchen nachgeben. Dies wird auch in einer Reihe von Texten und Zitaten beschrieben.


"I started shaving my legs when I was 13 because the other girls in my gym class made fun of me. I stopped when I was 20 because I realized that the opinion of the girls who were in my gym class when I was 13 didn't matter to me any more.

My mother flipped out when I came home from college that summer with hairy legs. She kept talking about my "new grooming habits...or lack thereof." She said that whenever she sees a women who doesn't shave, she thinks of her as a weirdo hippie who's trying to make a stastement, or worse (gasp!) a lesbian. Now, I certainly don't have a problem with people thinking I'm either of those things.

The way I see it, the more women there are who don't shave, the more socially acceptable it will be for women not to shave.

Laura"[47]

 

"I too started shaving at 13 [on my birthday, in the winter, which was a silly idea] because I noticed how often fuzzy girls were made fun of. Already pretty low on the social ladder, I didn't need another "flaw".

I went to an all-girls Catholic high school where we had to wear uniform dresses all year long. While I was often lazy and furry, I felt really self-conscious with my hairy knees. Girls who don't shave get looks. Usually no good ones.

I kept on shaving until I got to college and fell in love with my genderqueer lover and started identifying as a lesbian. [..]

So, yah body hair. I still get comments on it, but here at college they're not of disgust but more curiosity. And I'm totally fine with that. Yep, I'm a bear. That's me . Grrr!

la jaunty bohemia"[48]

 

"While women have won a many battles since DH Lawrence penned his opus, depilation is the battle that feminists lost. To my own shame, I am among the worst serial depilators I know.

[..]

Perversely, the most up-to-date methods of depilation are the most torturous,

[..]

If you don't depilate, you're either a geezer or a dyke. It's yet another branch of beauty's pernicious directive to conform. And at it's heart is fear - fear of looking too masculine, of deviating from the established aesthetic that dictates women to be hipless, breastless and, above all, hairless.

Mimi Spencer"[49]

 

"I tremble to think of what would have happened if I, as vaguely insecure, overly tall sixteen-year-old, had paraded into homeroom one morning sporting furry legs and an ample bush under each arm.

 [..]

The guys at school routinely swiped their hands across girls' legs to patrol their shaving prowess and then taunt them if they were slacking off.

Carolyn Mackler"[50]


Diese Zitate beschreiben zwar eindrücklich die extremen Formen sexistischer Ausgrenzung und Gewalt bis hin zu körperlichen Übergriffen, wie sie mit der Handkontrolle im letzten Zitat beschrieben wird, nur beschreiben sie letztendlich nicht, wie die Körperenthaarung zur Norm wird. Denn an all diesen Zitaten wird auch eins deutlich: nicht die Norm ist Ergebnis der Gewalt, sondern die Gewalt legitimiert sich durch die Normabweichung, die Norm geht ihr also voraus. Nicht die repressive Gewalt erklärt die Norm, sondern viel mehr umgekehrt, die Norm ermöglicht die Gewalt gegen diejenigen Frauen und Mädchen, die von ihr abweichen.


Die Repressionshypothese liefert uns also keine Antwort auf die Frage, wie die Norm produziert und reproduziert wird, sondern nur, wie Norminfragestellungen vom Rand der Gesellschaft her gewalttätig unterbunden werden. Sie ist als Erklärung für die Norm offensichtlich falsch.


Deutlich wird dies auch noch in einem ganz anderen Punkt. Bis auf die eine Frau, die auf eine Normalisierung des Blicks durch eine allgemeine Übernahme der Praxis des Nichtrasierens hofft, übernehmen auch die hier zitierten KritikerInnen der Enthaarungspraxis den normativen Blick sowohl auf sich selbst, wie auf andere Frauen. Bezeichnet sich doch la jaunty bohemia selbst als bear, im zweiten hier aufgeführten Zitat, und definiert sich über eine Queer-Identität. Dies entspricht aber dem Blick des Mainstreams auf nicht rasierte Frauen, der Blick entspricht der Norm. Das gleiche gilt für das dritte und das vierte Zitat, beide Frauen schreiben weiter, daß sie gar nicht oder nur unter extremen Schwierigkeiten in der Lage sind das Enthaaren aufzugeben, weil sie damit eine Queer-Identität verbinden, die sie nicht wollen.

Im Extrem wird dieser normierte Blick ein weiteres Mal deutlich, wenn Mimy Spencer als explizite Feministin weiter unten im gleichen Guardian Artikel schreibt;


"Remember the German rockstar Nena - noted for her 99 Red Balloons and her rude gush of underarm  undergrowth? The hair - luxuriant and ape-like as I recall - carried a hint of the erotic, a sort of Euro-exotica that gave her the appeal of an up-for-it-she-wolf. At the time, boys loved it. Give us more Nenas, [..]"[51]

 

Sehe ich mir dazu aus deutscher Sicht die Bilder von damals an, wird selbst heute noch, bei einer inzwischen größeren Verbreitung von Rasurpraxen auch in Deutschland, die Absurdität dieses Blickes deutlich. Andererseits ist auf neuen Fotos zu sehen, daß Nena sich inzwischen die Haare entfernt.


Das Problem ist also offensichtlich nicht die äußere Repression, sondern die Übernahme der Norm als innere Regel. Die Norm wird Teil des Selbstverständnisses der Person. Die Frage kann also nicht primär der äußeren Repression gelten, sondern den Funktionsprinzipien ihrer Verinnerlichung, den Funktionsprinzipien, durch die eine äußere Regel zur Norm wird.

Dies entspricht auch meinen eigenen Erfahrungen, die noch einen weiteren hier nicht aufgeführten Punkt berühren.


Die Norm wird meist nicht von denjenigen verletzt, die sie verinnerlicht haben, sondern von denjenigen, wie in meinem Fall, denen sie ein Buch mit sieben Siegeln ist. Das heißt die




Der "She-Wolf" Nena - "luxuriant and ape-like" - 1983[52]. Aus deutscher Sicht ist es schon etwas schwierig diese Beschreibung einer Feministin nachzuvollziehen. Selbst heute noch, wo die Rasurpraxen auch hier zugenommen haben, wird die Absurdität solcher Zuweisungen offensichtlich.


Normverletzung wurde von mir gar nicht als solche wahrgenommen, wahrnehmbar war sie einzig und alleine durch die Reaktion meiner Umwelt.

Da Normen aber in den meisten Fällen komplexe Verhaltensmuster beinhalten, ist ihre implizite Kenntnis notwendige Voraussetzung ihrer Erfüllung. Diese implizite Kenntnis läßt sich aber meiner Erfahrung nach gar nicht äußerlich aneignen. Ein solcher Versuch, aufgrund der erfahrenen Gewalt zurück zu schließen auf das erwünschte Verhalten und dieses dann an den Tag zu legen, endet im Regelfall mit der unbewußten Parodie oder Satire. Das heißt, die Repression ist gar kein geeignetes Mittel um die Norm zu reproduzieren.

Die Repression kann nur da erfolgreich sein, wo die Norm ohnehin schon verinnerlicht ist, aber nicht ausagiert wird, z.B. aus Gründen der Selbstvernachlässigung. In diesen Fällen kann die Repression außerdem zusätzlich an einem geringen Selbstwertgefühl ansetzen.

In vielen Fällen sieht das aber anders aus. Da ich z.B. aus meiner Sicht nichts falsch gemacht hatte, war jede Veränderung meines Verhaltens also das Eingehen eines Kompromisses, für das ich entsprechendes Entgegenkommen erwartete. Dies wurde mir aber nie entgegengebracht. Im Gegenteil, jedes Eingehen auf normative Forderungen führte meist zur Erhöhung des repressiven Drucks, im Sinne von "jetzt haben wir ihn soweit, jetzt kriegen wir ihn auch noch das letzte Stück". Ein Verhalten, das bei mir dazu führte, auch die Kompromisslinie wieder zu verlassen. Dies führte lange Zeit immer wieder zu massivsten Auseinandersetzungen.

Erst als ich die Anpassungsversuche vollständig einstellte und mich klar als das Andere positionierte, verbesserte sich meine soziale Position rapide, was sich z.B. in Wahlerfolgen äußerte. Dabei belegte ich nicht eine bekannte definierte Position, sondern eher die des Unbekannten, was sich z.B. darin zeigte, daß mich einige SchülerInnen lange Zeit für einen der in dieser Schule mit Russischklasse vorkommenden Aussiedler hielten.


Der normative Druck richtet sich also primär an Menschen, die diese Norm ohnehin verinnerlicht haben; nur bei diesen verspricht er Erfolg im Sinne der Norm. Bezogen auf andere hat er eher den Zweck, sie ins Außen zu drängen, z.B. bei der Körperbehaarung von Frauen in den USA in die Position der Butch-Lesbe oder Hippiefrau.


Der repressive Druck wird eben nicht von einzelnen repressiven AgentInnen der Macht ausgeübt, sondern von der großen Mehrheit der Gruppe getragen, gerade dadurch zeichnet sich normative Gewalt aus. Darauf bauen auch die jede normal zivilisierte Grenze verlassenden Formen der Gewalt auf.

Ich gehe normalerweise nicht zu einer wildfremden Person auf der Straße und sage zu ihr: "Was hast Du für ein Pfannkuchengesicht, willst Du dir das nicht operieren lassen?" Die normalen Umgangsformen einer modernen Gesellschaft untersagen ein solches Verhalten. Bei Normverstößen sind solche Pöbeleien aber durchaus an der Tagesordnung, zumindest innerhalb sozialer Bezugsgruppen.

Bzgl. der Körperbehaarung  von Frauen wurde ein solches Gewaltverhalten sogar beworben. In einer Sendung auf RTL 2, die ich durch Zufall beim Zappen Mitte 2004 sah, wurde ein Modell mit behaarten Beinen in ein Straßencafe geschickt und massiv von an einem Nebentisch sitzenden Männern angepöbelt. Nicht das Verhalten der Männer wurde kritisiert, sondern die Unschicklichkeit, als Frau mit behaarten Beinen aufzutreten. Da davon auszugehen ist, daß die gesamte Sequenz gestellt war, muß hier von Gewaltpropaganda gesprochen werden. Offensichtlich waren die Verantwortlichen für diese Sendung der Meinung, daß, wie bei faschistischen oder rassistischen Ausgrenzung von Menschen aus dem normalen Umgang, eine ähnliche Ausgrenzung aus diesem sexistischem Motiv auf die Zustimmung der Mehrheit der ZuschauerInnen treffen würde und das es, im Gegensatz zu rassistischer oder faschistischer Gewalt, sogar adäquat sei, für diese Gewalt im Fernsehen zu werben.


Bestätigt wird diese Einschätzung in Kommentaren in deutschsprachigen Internetforen zum Thema Körperbehaarung. So finden sich im Diskussionsforum der Zeitschrift Brigitte im Internet gerade von Frauen überwiegen ablehnende bis haßerfüllte Kommentare zu Frauen, die sich nicht die Haare entfernen.


"Achselhaare bei Frauen ist das widerlichste, was es gibt und ich kann Steve nur zu gut verstehen. Ich kenne auch keine einzige gepfegte Frau, die sich diese nicht entfernt.

Blümchen"[53]


"Also für mich sind Achselhaare bei Frauen das widerlichste was es gibt und NIE, egal welcher Modetrend kommen wird, werde ich mir die wachsen lassen. Hab ich noch nie gemacht, sobald die gewachsen sind, kamen die weg. Und, das bleibt auch so ...

Mir war auch nicht bewußt, das es Frauen mit Achselhaaren gibt, die sonst auf ihr Äußeres achten."

Daggi76[54]


Die normative Gewalt offenbart hier für mich auch ihre Nähe zur faschistischen und rassistischen Gewalt als Ausgrenzung bestimmter Menschen aus dem normal Menschlichen.


Eine ähnliche Denkweise offenbart auch das schon aufgeführte Zitat über Julia Roberts;


"What is Julia thinking? The only place men want to see hair is on a woman's head. Under the arms is unacceptable. From hairy armpits it is only a small step to The Planet  Of The Apes"[55]

 

Hier werden Frauen aufgrund ihrer Leiblichkeit zu Affen, im Faschismus wurden Menschen zu Ratten erklärt.


Diese Formen von Gewalt setzen einen weitverbreiteten Konsens voraus, aber sie erzeugen ihn nicht.


Auffällig an den Diskussionen in Internetforen im deutschsprachigen Raum, zum Teil aber auch in den USA, ist die doch relative hohe Anzahl von Männern, die Behaarung bei Frauen, insbesondere Achselhaare, explizit als erotisch und erwünscht bezeichnen. In den deutschsprachigen Brettern sind sogar etwas über 50% der Männer pro Achselhaare oder ambivalent, und finden sie von Fall zu Fall attraktiv. Die überwiegende Mehrheit der Frauen in diesen Diskussionsforen ist eindeutig gegen Haare eingestellt. Von den Frauen kommen auch die frauenfeindlicheren Kommentare, siehe oben. Das heißt, im deutschsprachigen Raum scheinen die Frauen die Trendsetter für diese neue Norm zu sein. Ausgehend von den Zitaten aus dem US-amerikanischen Raum, läuft auch ein nicht unerheblicher Teil der Repression unter Frauen (durch Mütter / durch Mitschülerinnen) ab. Das Argument, Frauen würden sich aus Gründen der Attraktivität für Männer enthaaren, ist unter diesem Gesichtspunkt zumindest fragwürdig, wenn nicht sogar einfach falsch zu nennen.


Auch die feministische Politik des Bruches mit der Norm als Ausdruck eines feministischen oder lesbischen Selbstbewußtseins stellt die Norm nicht in Frage, sondern baut auf ihr auf. Ist der Bruch doch nur möglich, solange die Norm existiert.


Ein weiteres Argument, das zum Teil als abgewandelte Repressionshypothese aufgefaßt werden kann, geht ebefalls fehl: die Behauptung, dies wäre eine Anpassung an patriarchale Machtverhältnisse, vergleichbar der Anpassung der schwarzen Bevölkerung in den USA Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts an die weiße Norm, wo Schwarze versuchten, ihre Hautfarbe aufzuhellen. Wenn dies stimmte müßten Frauen Körperhaartoupets tragen oder sich Haare ankleben und nicht abrasieren. Die Frage ist, wieso als Eigennorm eine Norm der Entwertung übernommen wird.



In Schönheitsratgebern und in gemäßigteren Beiträgen der Diskussionsforen im Internet wird  im Gegensatz zur Repressionhypothese häufig die Freiwilligkeit betont, wobei in der Regel vorausgesetzt wird, daß frau die Haare sowieso entfernen will.[56]


"Härchen: Da sprießen sie wieder, wo sie nicht sollten."[57]


"Wenn Härchen wachsen, wo wir sie nicht wollen, dann hilft nur eins - sie müssen weg!"[58]


"Ich gebe Euch völlig Recht - es muß jede(r) für sich selbst entscheiden, wie er/sie es damit hält. Aber hübscher ist es schon, wenn ein hübsches Sommerkleid oder ein schöner BH nicht mit Achselhaaren kombiniert wird.

Löwenmutter"[59]


Angesichts der realen schon aufgezeigten Gewaltverhältnisse ist diese 'Freiwilligkeit' wohl auch in Deutschland nur noch sehr begrenzt als Freiwilligkeit zu bezeichnen.[60] Interessant ist aber die Art und Weise der Formulierung. Die Rede von den Haaren wo wir sie nicht wollen, verweist darauf, daß die Frauen schon wissen, welche Haare gemeint sind und wen sie stören, bzw. eben wir alle das wissen. Das heißt, diese scheinbare Freiwilligkeit setzt im Sprechen die Norm voraus. Außerdem sprechen die Bilder in dieser Schönheitsliteratur eine eindeutige Sprache. Haare sind dort nirgends zu sehen, selbst in sich alternativ gebenden Publikationen nicht.


Die gleichen Bilder lassen sich auch vielfältig in der Werbung und in den Medien finden. Bild und Sprache zusammen ergeben also die moderne Disziplinarordnung; Frauen sollen 'freiwillig' die Haare entfernen, die stören, und eine richtige Frau sieht so aus wie auf den Bildern.


Wessen Interessen hier bedient werden, wird in der pornographischen Fortsetzung dieser Bilder in der Mainstreampornographie, z.B. einsehbar im kostenlosen Bereich der Playboypräsenz im Internet, deutlich. Auch an dieser Stelle finden sich fast ausschließlich Frauen ohne Körperhaare. Dies gilt insbesondere auch für die Intimbehaarung. Bringe ich das mit anderer Mainstreampornographie, z.B. dem Werk von Henry Miller, zusammen, kann das hier bediente Bedürfnis der männlichen Konsumenten sehr schnell als Versuch, die totale Sichtbarkeit herzustellen und damit ihr ihre Sexualität zu nehmen, erkannt werden.


So läßt Henry Miller im Buch Wendekreis des Krebses einen seiner 'Helden' sagen: "Noch nie in meinem Leben habe ich mir eine Möse so genau angesehen. Man hätte glauben können, ich hätte noch nie vorher eine gesehen. Und je mehr ich sie anschaute, desto weniger interessanter wurde sie: Es zeigt einem nur, daß gar nichts dahinter steckt, besonders wenn sie rasiert ist. Es ist das Haar, was sie so geheimnisvoll macht."[61]


Die 'armen Männer' müssen sich halt überzeugen, daß da unten nichts ist, was sie auffressen, bzw. kastrieren, kann (Vagina Dentata).


Entsprechend verhalten sich Männer in dieser Form gewalttätiger Pornographie Frauen gegenüber wie gegenüber leeren Gefäßen.


Es geht also darum, den Frauen das von Männern in sie hinein imaginierte Geheimnis zu entreißen. Vor ihm soll sie nichts verbergen können. Da dieses Geheimnis auch für ihre Potenz steht, geht es auch um die symbolische Kastration 'der Frau', das heißt, sie auf ein für Männer 'gefahrlos' zu konsumierendes Objekt zu reduzieren.


Ihr Extrem findet diese Logik der Sichtbarmachung in der gerade in der BBC gelaufenen Verfilmung des Orgasmus aus der Sicht einer auf den Penis montierten Microkamera. Die die Kontraktion der Cervix filmte. Der Film war eine von den Zuschauerzahlen her erfolgreichsten BBC-Produktionen der letzten Jahre und löste ein breites Medienecho aus.[62]



Das Bild stammt aus dem Buch: Heute gibt's nur mich! Natürlich schön mit Aloe Vera, Kakao & Co.[63]

Ich habe hier und auf der nächsten seite bewußt Bilder aus sich alternativ gebenden Schönheitsratgebern gewählt, um zu verdeutlichen, daß der Enthaarungszwang auch hier greift. Auch diese Bücher werden fast ausschließlich in redaktioneller Verantwortung von Frauen erstellt.



Das Bild stammt aus dem Buch: Beauty Guide. die Kunst der natürlichen Verjüngung.[64]



Für Frauen ginge es also, übersetze ich dies auf Enthaarungspraxen allgemein, bei der Enthaarung nicht unwesentlich darum, deutlich zu machen, daß sie kein Geheimnis hat, keine Bedrohung darstellt und von Männern gefahrlos zu konsumieren ist.


Gleichzeitig kann dies aber auch als ein Zurechtmachen und eine Panzerung des eigenen Leibes, der entfremdet wird, begriffen werden, also als eine Distanzsetzung, ähnlich dem Schminken. Die Hygiene als Mittel der Kontrolle wäre hier nur zum Teil auf die eigenen Körperflüssigkeiten bezogen, und zum Teil auf die männlichen Gegenüber, die einfacher wider 'abzuwaschen' wären.


Dies führt zu der Frage, inwieweit sich in der Enthaarungspraxis eine Angst und ein Ekel der Frauen vor ihrer eigenen sexuellen Leiblichkeit zeigt, der zur Übernahme dieser Norm in die eigene entsexualisierte Selbstkonstruktion führt, wobei entsexualisiert nicht entgeschlechtlicht heißt. Im Gegenteil würde sich das Frausein gerade hier in der Entsexualisierung wiederfinden. Die Angst, der Ekel, vor der eigenen sexuellen Leiblichkeit wäre dabei nicht zu trennen von der Angst, dem Ekel, vor der Sexualisierung durch eine heterosexistisch organisierte männliche Gesellschaft, in der diese Sexualisierung der Frauen, z.B. der pornographische Blick auf sie, gleichbedeutend ist mit Abwertung und Verletzung der Menschenwürde. Die Angst, der Ekel von Frauen vor der eigenen sexuellen Leiblichkeit wäre damit Ergebnis dieser Gewaltverhältnisse.


Die Normsetzung wäre damit eine Strategie, sich einem Gewaltverhältnis durch Negation von Teilen der eigen Person zu entziehen, konzipiert aus einer Position mangelnder Handlungsalternativen heraus. Sie würde den Entzug vor dem sexuellen männlichen Zugriff bedeuten.

Damit wäre auch die Angst vor dem Normbruch und der Haß von Frauen auf Frauen, die die Norm brechen und scheinbar schuldig sind Frauen erneut der Sexualisierung auszuliefern, erklärbar.


Auch dies soll im folgenden weiter diskutiert werden.


Damit würden sich Parallelen zu Hungerpraxen und zu Bulimie ergeben, bei der es ja auch um das Verschwindenlassen des eigenen sexuellen Leibes geht. Zumindest in den USA treten diese Praxen als gesellschaftliche Phänomene auch parallel auf.


Paradoxerweise machen sich Frauen aber gerade auch dadurch, daß sie sich entsexualisieren, d.h. ihre eigene sexuelle Leiblichkeit negieren, als Objekt des männlich pornographischen Mainstream attraktiv.


Der dies ergänzende Kontrapunkt findet sich in pornographischen Seiten im Netz, die auf haarige Frauen spezialisiert und vielfach aufzufinden sind, wenn mensch bei Google nach der Begriffskombination "Frauen Achselhaare" sucht.[65] Nicht nur werden diese Frauen entsprechend dem obigen Muster und dem Klischee, wie es über Nena schon dargestellt wurde, als besonders sexuell potent, von animalischer Sexualität durchdrungen, beworben. Die Seiten machen für sich selbst teilweise auch noch Reklame damit, daß sie für die sexuelle Befreiung haariger Frauen kämpfen würden und im Einzelfall ist nicht einmal klar, ob dies nicht sogar ernst gemeint ist.[66] Auch hier geht es aber letztendlich nicht um die Infragestellung der Norm, sondern um ihre pornographische Nutzbarmachung für einen männlichen Minderheitenkonsum, von Männern, die gerade das 'Geheimnis' wollen, wobei real auch hier alles im Großformat sichtbar sein muß und im Regelfall Behaarung nur unter den Achseln und im Intimbereich adäquat ist, also eben zur besonderen Betonung der 'geheimnisvollen', 'animalischen' Geschlechtlichkeit. Zum Objekt gemacht werden Frauen hier letztendlich genauso, und zum Teil auch zum Fetisch über eine Behaarung, die lediglich unenthaarter durchschnittlicher weiblicher Leiblichkeit entspricht.[67]


Normale Männer sind schon etwas seltsam.


Ich gehe hier davon aus, daß Menschen eine unbestimmte leibliche Sexualität haben, die der Heterosexualisierung, wie sie in unserer Gesellschaft betrieben und teilweise in psychoanalytischen Theorien beschrieben wird, vorgängig ist. Diese unbestimmte sexuelle Potenz würde nach den obigen Annahmen Menschen, im Prozeß des zur Frau (gemacht) Werdens, in dem Sinne enteignet, daß ihnen ihre eigenen Lüste und ihre leibliche Sexualität ekelhaft würden. Die männliche leibliche Sexualisierung würde in diesem Bild durch Reduktion auf 'das' primäre Geschlechtsorgan und den Orgasmus produziert.


Die Frage war, wie wird die soziale Norm durchgesetzt, wenn dies weder repressiv noch freiwillig selbstbestimmt geschieht?

Es ergibt sich hier das Problem, daß die Erfüllung der Norm auch selbstbestimmt freiwillig geschehen kann. Das heißt, die Körperenthaarung muß auch als soziale Norm nicht in jedem Fall als Norm vollzogen werden, sie kann ebenfalls Ergebnis ganz anderer Motive als denen der Normerfüllung sein. Dies wäre z.B. bei Frauen zu vermuten, die im allgemeinen Körperbehaarung bei anderen Frauen nicht weiter beachtenswert finden, sich aber selbst Körperhaare entfernen. Es muß also im folgenden auch noch unterschieden werden zwischen der selbst gesetzten individuellen Körperdisziplin und der Normierung.


Ein Beispiel für einen solchen nicht normierenden  Standpunkt stellt für mich z.B. der folgende Diskussionsbeitrag aus dem schon mehrfach genannten Brigitte Forum dar.


"Hallo,


ich bin der Meinung, d. sollte jeder - wie beim Bart ja auch - mit sich ausmachen. Ich muß meine Nase ja nicht in anderer Leute Achseln stecken und wenn normal geduscht wird, dann riecht es auch nicht mehr oder weniger. Ich halte das ganze für eine Mode und ist in ein paar Jahren wieder Körperbehaarung angesagt, dann werden sich sicher schlagende Argumente für Haare wo auch immer finden lassen. Ich finde es jedenfalls recht anmaßend, einen normalen körperlichen Zustand als eklig, widerlich usw. zu bezeichnen. [..]

Gruß Junia

PS: Ich rasiere mich auch, aber es ist NUR eine Frisur und wie andere das handhaben, ist mir wurscht."[68]


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- Zusammengefaßte Fragestellungen


Auf den Punkt gebracht geht es in dieser Arbeit um die Frage nach den Strukturen und sozialen Verhältnissen, die dazu führen, daß Normen produziert und reproduziert werden. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Körperbehaarung dient als Folie.


Der Zweck dieser Auseinandersetzung ist es letztendlich, Widerstandspraxen gegen die gesellschaftliche Normierung des Alltags zu entwickeln. Dabei soll es um Widerstandspraxen gehen, die die Handlungsfreiheit der einzelnen vergrößern.


Dazu wurden hier bisher an Hand der Betrachtung der öffentlichen Diskurse zum Thema Körperbehaarung einige, zum Teil widersprüchliche, Thesen bzgl. der Norm der Körperenthaarung aufgestellt.


- Die Körperenthaarung wurde als Teil der (männlichen) Kontrolle weiblicher sexueller Leiblichkeit aufgefaßt und der Praxen der Sichtbarmachung, wie sie z.B. auch in der Mainstreampornographie zu finden sind.


- Die Enthaarungsnorm wurde als Teil einer Transsexualisierung des weiblichen Leibes begriffen, ausgehend von der These, daß aufgrund des Aufbrechens der Kleiderordnung die heterosexuelle Ordnung nun direkt auf dem Leib eingeschrieben werden muß. Da die Leiblichkeit als 'natürlicherweise' amorphe, daß heißt nicht naturhaft eindeutig heterosexuell strukturierte, siehe z.B. diverse Formen der Intersexualität u.a., als heterosexuelle Leiblichkeit erst künstlich vereindeutigt werden muß, führt dies zwangsläufig zu einer Norm, die zumindest für ein Geschlecht von der realen Leiblichkeit abweichen muß. D.h., die Heterosexualisierung des Leibes setzt eine idealisierte Körpernorm voraus, an die dieser Leib angepaßt wird, um die binäre Differenz überhaupt erst zu erzeugen. Dies führt in der zu beobachtenden Konsequenz zunehmend dazu, daß Menschen, die als Frauen definiert werden, bzw. sich selbst als solche begreifen, ihren Leib als weiblichen, bzw. überhaupt akzeptablen, erst künstlich erzeugen müssen. Ihre Situation wird in diesem Sinn zunehmend vergleichbar mit der von Transsexuellen.

Für Männer wäre in diesem Kontext zu fragen, inwieweit Männlichkeit überhaupt über den Leib produziert wird, oder ob dies nicht viel mehr z.B. über Einkommen, Machtausübung, u.a. geschieht.


- Die Enthaarungsnorm ist eine Disziplinartechnik im Foucaultschen Sinn, die vor allem über die Sexualität als Biopolitik der Dienstbarmachung des Leibes für die kapitalistische Produktion bzw. die Konsumtion und der Reproduktion von Herrschaftsverhältnissen dient. Es ginge also um den Körpermarkt und in diesem Fall potentiell auch um den männlichen Körper.


- die Enthaarungsnorm ist eine Abwehrreaktion von Frauen gegenüber heterosexuellen Herrschaftsverhältnissen und dem gewaltförmigen Zugriff auf die weibliche Sexualität. Die Norm richtet sich hier als Angstabwehr und Reaktion auf Gewalt, aufgrund einer als Ohnmacht empfunden Situation, nicht gegen die Ursache oder die Verursacher, sie beruht vielmehr auf einer Strategie, sichere Orte zu schaffen, bzw. eine sichere Selbstverortung, z.B. durch Verhaltensstrategien, die primär auf die Bedrohten selbst gerichtet sind.

Eine solche Norm beruht zum ganz Teil auf einer Displinierung des eigenen Leibes, die immer auch eine gegen sich selbst gerichtete aggressive Form von Selbstaneignung ist, um der Fremdbestimmung zu entgehen. Die Disziplinarstruktur richtet sich aber auf den Frauenleib allgemein und nicht nur auf die eigene Körperbehaarung, da es hier um den Frauenleib als öffentlichen Ort geht.

Dies würde auch den Haß von Frauen auf Frauen, die von der Norm abweichen und damit aus dieser Sicht potentiell alle Frauen "gefährden", erklären.

Die "Lösung" des Verschwindenlassens der eigenen leiblichen Sexualität stünde außerdem in der Tradition anderer ähnlicher "Lösungstrategien", z.B. Bulimie.


Verworfen wurden hier zwei häufiger behauptete Begründungsmuster für die Norm.

Die These, daß Frauen sich primär aus Gründen der Attraktivität für Männer enthaaren würden, steht im Widerspruch zu hier beobachteten Äußerungen in Diskussionsforen, in denen weit mehr Frauen als Männer sich klar gegen Formen von Körperbehaarung bei Frauen aussprechen. Deutlich wird aber auch, daß Männer, die vor allem Achselhaare attraktiv finden, dies in vielen Fällen explizit mit einer sexuellen Konnotation tun.

Auch die Repressionshypothese, nach der die Enthaarung eine Reaktion auf äußere Repression ist, wurde verworfen. Die beschriebenen realen Formen der Repression haben die Norm bereits zur Grundlage und setzen ihre Akzeptanz durch die Mehrheit insbesondere auch der Frauen voraus. Die Norm erklärt die Repression gegen abweichende Minderheiten, aber die Repression kann nicht die Norm erklären.


Dies alles sind erst einmal Thesen. Inwieweit dies die Realität trift, wie welche dieser zum Teil widersprüchlichen, zum Teil sich ergänzenden Momente zusammenwirken, soll im folgenden an Hand der Diskussion diverser wissenschaftlicher Texte zum Thema diskutiert werden.

Anfangen werde ich dabei mit einer kurzen Diskussion von Texten über die moderne Geschichte der Enthaarungspraxis. Ausführlicher sollen dann Texte aus der Soziologie, Sozialpsychologie und der feministischen Auseinandersetzung diskutiert werden, um im Anschluß erste Schlußfolgerungen darzustellen.

In einem zweiten Teil dieser Arbeit wird es dann um Widerstandsmöglichkeiten und konkrete Ideen gehen.


Eine Eingrenzung bildet der Rahmen der untersuchten Gesellschaften. Dieser Text bezieht sich auf die USA, Großbritannien, Australien und die BRD in unserer Zeit. Da es hier nicht primär um eine Darstellung der Enthaarung geht, sondern um die Produktionsbedingungen und Reproduktionsbedingungen von Normen, halte ich den Einbezug all dieser Gesellschaften in eine Diskussion für sinnvoll, da ich davon ausgehe, daß die Produktion und Reproduktion von Normen in diesen westlichen Industriegesellschaften ähnlich verläuft, auch dort, wo spezifische Normen auf Grund lokal und historisch unterschiedlicher Gegebenheiten nicht die gleiche Gültigkeit haben.

Historische Bezüge werden  nur so weit angeführt, wie sie eine Entwicklungsgeschichte des aktuellen Umgangs mit Körperbehaarung betreffen oder als Vergleiche genutzt werden.


Da der Umgang mit Körperbehaarung bisher in diesen Kulturen weitgehend aber eine Norm ist die Frauen und Mädchen betrifft, geht es als weitere Eingrenzung des Themas hier primär um den gesellschaftlichen Umgang mit Körperbehaarung von Frauen und Mädchen.


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I Körperbehaarung im Blick der Wissenschaften


- 1 Die Geschichte aktueller Enthaarungspraxen



Die Entwicklung in den USA


Über die Geschichte der Körperenthaarung in den westlichen Industriegesellschaften gibt es nur einen ausführlicheren Text, Caucasian Female Body Hair and American Culture[69], einen Text zur Geschichte der Körperenthaarungspraxen in der US-amerikanischen weißen Mittel- und Oberschicht von Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts an. Die Autorin Christine Hope beschreibt die Entwicklung der Enthaarungspraxen vor allem an Hand der  Reklame in zwei der großen auf ein weibliches Publikum zugeschnittenen Illustrierten der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie bezieht aber auch Schönheits- und Gesundheitsratgeber und Kataloge für Bekleidung mit ein.


Bis ca. 1914 gibt es in den USA noch keine gängige Praxis der Körperenthaarung für Frauen. Nur einige Frauen, die im Theater und in Revues arbeiten, praktizieren Methoden der Körperenthaarung.


"A few females, especially those involved in stage work, were probably using preparations intended for facial hair removal of their body hair prior to 1914. However, it is clear from examining catalogs and beauty books that most women in the United States did not remove hair from underarms or legs prior to World War I."[70]

 

In den USA hat sich die Praxis der Körperenthaarung als Norm im Zeitraum von 1914 bis 1945 etabliert.


"Modern practices appear  [Der Körperenthaarung - Anm. J.D.] to have been well established by 1945 and choosing this endpoint gives a good slice of the twentieth century including two wars, an economic depression, and two full cycles of skirt lengths (from long to short to long and back to short)."[71]

 

Aufgrund der vergleichenden Untersuchung der Illustrierten mit anderen Text- und Bildquellen kommt die Autorin zu dem Schluß, daß es die Werbekampagnen waren, die primär die Enthaarungspraxen durchgesetzt haben. Die Praxen der Körperenthaarung tauchen erst im Nachlauf nach den großen Werbekampagnen in Texten in Frauenmagazinen und der Ratgeberliteratur auf. Die Werbeindustrie war der die Entwicklung initiierende Motor. Als das entscheidende Interesse erscheint hier eine Disziplinierung der Körper im Interesse der Konsumausweitung.


"few women have continuous growths of dark hair on their face and neck during adulthood, almost all have underarm hair growth."[72]

 

Entsprechend unterteilt die Autorin die Entwicklung von 1914 bis 1945 in vier Phasen orientiert an unterschiedlichen Werbekampagnen: "The Ivory Complexion" (bis 1915); "The Great Underarm Campaign" (1915 - 1919); "Coming to Terms with Leg Hair" (1920 - 1940); und "A Minor Assault on Leg Hair" (1941 - 1945).


In der ersten Phase bis 1915 sind Anzeigen, die Enthaarungsmittel bewerben, klein und nicht sehr auffällig plaziert. Sie richten sich nur auf Haare im Gesicht, Nacken und evtl. noch auf den Armen. Die Anzeigen bewerben in erster Linie ein Produkt, sie haben nicht den Anspruch, neue Verhaltensweisen zu bewerben, sondern rekurieren offensichtlich auf eingeführte soziale Muster.

Dies entspricht dem Diskurs, wie er sich auch in den Schönheitsratgebern u.a. vor allem zur Problematik von Gesichtsbehaarung bei Frauen findet.[73]


In der zweiten Phase von 1915 bis 1919 kommt es zu einer großen Kampagne der Werbeindustrie gegen Achselbehaarung. Die Anzeigen sind nicht primär auf das Produkt bezogen, sondern Bewerben einen neuen Verhaltensstil; die Werbeindustrie gibt sich selbst einen erzieherischen Auftrag. So heißt es in ihren Anzeigen; "The Woman of Fashion says the underarm must be smooth as the face"[74], "The full charm of the Decollete costume is attained when the underarm is perfectly smooth"[75]

 

Diese Entwicklung wird von der Autorin zum Teil mit der sich ändernden Bekleidungsmode in Zusammenhang gebracht, ist aber sicherlich auch nicht unabhängig von den sich verändernden Geschlechterverhältnissen im Kontext des ersten Weltkrieges zu sehen.

Auf diesen Punkt werde ich später noch eingehen.


Zwischen 1920 bis 1940 sieht die Autorin nach einer Pause Anfang der zwanziger Jahre, eine dritte Phase, in der es um die Konkurrenz der Produkte auf dem nun etablierten Markt der Enthaarungsprodukte geht. Anzeigen mit erzieherischem Auftrag gehen zurück, Produktwerbungen nehmen zu, und dort, wo die erzieherische Intention weiter verfolgt wird, findet eine Ausweitung der Enthaarungspraxis auf die Beine statt.

Die Beine werden auch erst jetzt als sexualisiertes Symbol 'der Frau' im öffentlichen Diskurs und Blick neu entworfen.

Gleichzeitig wird die Enthaarungspraxis nun ebenfalls als Standard in Schönheits- und Gesundheitsratgeberliteratur übernommen und gegen Vorwürfe der Unmoral, aufgrund der Konnotation mit den Enthaarungspraxen der Revuegirls vom Beginn des Jahrhunderts, verteidigt.

Bereits 1930 erscheint Enthaarung als Norm. So heißt es in einem Schönheitsratgeber, daß die Entfernung der Achselbehaarung und der Beinbehaarung genauso zur alltäglichen Routine geworden wäre wie das Waschen der Haare, "as much a part of the routine of every Woman as washing her hair or manicuring her nails." In einem Artikel eines Magazins wird die Enthaarungspraxis als "a social convention" bezeichnet," dies scheint sich auch in den Folgejahren mit Depression und Veränderungen der Bekleidungsmoden nicht zu ändern.[76]


Darauf, daß es im zweiten Weltkrieg, unter anderem auf Grund der Versorgungssituation, d.h. der Schwierigkeit, passende Rasierer zu bekommen, zu einem zeitweisen Nachlassen der Beinenthaarungspraxis kommt, führt die Autorin dann eine vierte Phase zurück. Die Werbung wird wieder verstärkt zur erzieherischen Praxis, die diesmal explizit die Beine von Frauen als sexuelle Symbole benennt, "Man's eye view", "Let's look at Your Legs-Everyone Else Does."

Gleichzeitig wird die Beinenthaarung bei Frauen in Schönheitsratgebern  als Frage des Verhaltens einer ordentlichen und adretten jungen Frau thematisiert, also gerade als Frage des nicht schlampigen, sauberen (=entsexualisierten) Auftretens.

"As to neatness, we wouldn't think of insisting that you give up bare legs, but if we were dean of women, we'd levy a demerit on every hairy leg on campus."[77]

 

1964 entfernten 98% aller US-amerikanischen Frauen Körperbehaarung.[78]


Die Autorin führt im wesentlichen drei Begründungszusammenhänge auf, die sie als Ursache für den Erfolg der Durchsetzung dieser Norm durch die Werbeindustrie sieht.


Aufgrund der Verwischung der Geschlechterdifferenz in anderen Bereichen sieht sie die Praxen der Körperenthaarung als ein Mittel, sexuelle Differenz wieder klar binär entlang der Linien, behaart=männlich, unbehaart=weiblich, zu strukturieren. Die Frauen der US-amerikanischen Mittel- und Oberschicht verlassen im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen im Zuge des ersten Weltkrieges und der zwanziger Jahre die häusliche Sphäre und fangen an den öffentlichen Raum mit zu besetzen; was auch eine Neuformulierung des Geschlechterverhältnisses erfordert.


"the movement to encourage the removal of body hair by women coincided with the decline of other customs which had formerly separated American women from American men: the lack of suffrage, the constricting, distinct styles of clothing emphasizing the bust and waist, and very discret public behavior. In fact, the 1920s are frequently viewed as a period of "desexualization." The emphasis on the necessity of removing female body hair during the 1920s might be seen as a reaction to the desexualisation tendencies"[79]

 

Übersetze ich dies für mich, um es in den Kontext der in der Einleitung dargestellten Thesen dieser Arbeit diskutieren zu können, ließe es sich auch wie folgt formulieren:

die Geschlechterdifferenz, die nicht mehr primär über soziale Verortungen aufrechtzuerhalten ist, wird reformuliert und über eine Einschrift auf den biologischen Leib 'der Frau' neu produziert, was sich sich im öffentlichen Diskurs über Weiblichkeit, z.B. der Mode, wiederfindet. Mode ist ab diesem Zeitpunkt darauf ausgerichtet, eine weibliche biologische Leiblichkeit zu produzieren und auszustellen, die das Schlankheitsdiktat, Enthaarung, usw. beinhaltet. Es ginge also bei der Enthaarungspraxis um die Produktion einer biologischen weiblichen Geschlechtlichkeit, durch die der reale unformierte biologische Leib in eine Position des Männlichen, und das heißt für als Frauen verortete Menschen in eine Position des Transsexuellen gerückt wurde.

Zu berücksichtigen ist, daß es hier um Vergeschlechtlichung, nicht um Sexualisierung im Sinne des deutschen Sprachgebrauchs geht.


Einen weiteren Grund für die Enthaarungspraxen sieht die Autorin in der männlichen Sexualphantasie einer Kindfrau und der Einschrift dieses Wunsches auf den Leib 'der Frau'.


"The growth of dark, coarse body hair on the legs, tights, chest, and arms (as well as in the underarm and pubic region) is a normal accompaniment of puberty for many Caucasian women, just as it is for most Caucasian men. Thus, "feminine," when applied to the absence of body hair, doesn't really mean "womanly," it means "childlike" and "masculine" means adult-like."

[..]

Thus, not only are Caucasian American women supposed to manifest nonadult personality characteristics, they are also expected to get rid of certain bodily signs of adulthood."[80]

 

Übersetzt im Sinne der Thesen der Einleitung führt uns dies zur männlichen Angst vor weiblicher Sexualität und weiblicher sichtbarer sexueller Leiblichkeit und auch zur Ordnung der Sichtbarkeit und Kontrolle des weiblichen Körpers sowie zur männlichen Sexualisierung des weiblichen Leibes für den männlichen Blick, die die Negation einer eigenen leiblichen Sexualität von Frauen zur Voraussetzung hat.


Als dritten Punkt der Begründung für die Durchsetzung dieser Praxis als Norm verweist die Autorin auf die allgemeine Aufrichtung einer Norm der spezifischen Körperhygiene für Frauen.


"Advertising for hair removal products became more prevalent and more explicit during the same period other cleanliness behaviours were being introduced or reinforced through advertising. Women during this period were not only being told that their body hair was unfashionable, but also that their breath was bad, that they were probably turning away suitors because of body odor, that "feminine daintiness" demanded a certain type of sanitary napkin, [..]"[81]

 

Übersetzt in Bezug auf die Thesen führt dies zur Frage des Umgangs von Frauen mit ihrer eigenen Sexualität, geht es doch bei all diesen Sauberkeitsanforderungen um die weiblichen Ausdünstungen und Flüssigkeiten, und das heißt, um die Kontrolle des eigenen sexuellen Leibes, also darum, die sexuelle Leiblichkeit zum Verschwinden zu bringen. Diese modernmen weiblichen Hygieneregeln sind wesentlich als eine Anweisung zur Internalisierung der Kontrolle und Negation der eigenen leiblichen Sexualität zu begreifen.


Ich möchte an dieser Stelle, bevor ich zur Diskussion der Thesen aus der Einleitung übergehe, noch ein historisches Faktum in Erinnerung rufen, das in dem hier hauptsächlich genannten Artikel gar nicht oder nur am Rande Erwähnung findet, mir aber als wesentlich für die gesamte Entwicklung erscheint. Die zwanziger und dreißiger Jahre sind zumindest für die Massenkultur der USA auch eine Zeit, in der ein neuer Blick auf den Leib 'der Frau' konstituiert wird. Dies steht im engen Zusammenhang mit dem neuen Massenmedium Film und der Weiterentwicklung fotografischer Drucktechniken. Der Frauenleib wird in der Öffentlichkeit zunehmend als sexuelles Symbol in normierter Form ausgestellt, dies gilt für den Revuefilm aber auch für die, durch neu