J.Djuren


Revolutionäre Poesie

'Die Prüfung' - Essays, Lyrik und poetische Fragmente - der Autorin Brankica Bečcejac

 

'Immer zwei, ein Mädchen und ein Junge. Am Wasser im Sommer am Strand.

Ein Junge jagd ein Mädchen. Er trägt, zerrt und schubst es zum kalten Wasser. Sie lacht und bewegt ein bißchen die Beine, die Arme halten den Jungenhals. Er läßt sie fallen im Flachen, daß sie noch heftiger lachen muß.

Immer zwei. Ein Junge und ein Mädchen.

Noch eines, ein Kleines, steht im Sand. Sieht zu.

Es ist hier und nicht dort.

Es möchte fort an einen Ort, wo es auch ein Zweites ist von Zweien

Es lächelt ein wenig und nähert sich. Lachen kann es nicht. Kein Atem in der Brust, nur eine Enge. Schwer setzt es Fuß vor Fuß, die Arme auf dem Rücken. Weil die Hände nichts zu halten haben, außer sich selbst. Es fühlt die anderen, die fern sind und es sehen können. Aber niemand schaut hin. Es bleibt auf dem Trockenen. Beinahe ..'

[aus; Die Prüfung]

 

Ein Bekannter sagte einmal zu mir, daß er Physik studiert hätte, und nicht als Schriftsteller zu arbeiten versucht hat, weil mit Literatur nichts zu verändern wäre. Obwohl Literatur ja 'so schön' sei.

Beziehe ich mich auf Harry Potter und Ähnliches ist dies zweifelsohne richtig. Auch linksradikale Biografien anarchistischer 'großer' Männer und Frauen verbleiben im bürgerlichen Klischee - als würden einzelne Große die Politik machen. Und von Kotzen, Bullenstaat, Scheißen und Bombenbau zu schreiben ist auch nur Hofschreiberei für das 'linksradikale' SpießbürgerInnentum - meist auch noch mit einem Schuß Sexismus.

Es fehlt an einer Sprache, die in ihrer Radikalität nicht trivialisiert, sondern der Radikalität der politischen Kritik einen Tonfall gibt, der die Abwehr der LeserInnen, allen Verunsicherungen gegenüber; durchdringt. Keine kalte Literatur, eine Literatur, die um ihre Gefährlichkeit weiß.

 

Mit Brankica Bečejac und Bettina Balaka tritt heute eine junge Generation von Schriftstellerinnen auf, der dies gelingt. Dies ist keine Literatur, die nur gut gemeint ist, sondern eine, die auch sprachlich den eigenen radikalen politischen Standpunkt ernst nimmt. Eine Sprache die einsickert, beim Lesen, - schwierig sich abzuwenden, auch dort, wo es unangenehm wird. Wo die alltäglichen 'kleinen' Gewaltverhältnisse in einer Deutlichkeit ausgestellt werden, die es schwer macht nach der Lektüre einfach unbeschwert wieder zu funktionieren. Als Entspannung für den Feierabend ist dies ungeeignet, - aber als Einklang auf Gegenwehr ist diese Literatur ein Teil revolutionärer Praxis. Eine Poesie, die das Schweigen der TäterInnen bricht - und unser Schweigen.

Dabei geht es hier nicht darum die Hoffnungslosigkeit der Gewaltverhältnisse fortzuschreiben, wie Brankica Bečejac selbst in einem programatischen Text zur Kritik an Elfriede Jelinek ausführt. Die Wut und die Agression zwischen den Zeilen bieten eine Hoffnung.

 

Die Prüfung, das erste Buch der Autorin, bietet einen guten Überblick über ihr Schreiben. Die Texte lassen sich grob in vier Teilen fassen. Einen Teil bildet die Prosa, einen Teil die Lyrik, einen Teil journalistische Essays und einen Teil ein programatischer Text zu Elfriede Jelinek und Ingeborg Bachmann. Die Teile fließen ineinander. Da sich wohl auch über Brankica Bečejac das sagen läßt, was sie über Ingeborg Bachmann schreibt. 'Bachmann ist eine Dichterin, die unter großen Mühen, aber mit poetischer Genauigkeit zur Romanciere geworden ist.'

Ihre Prosa ist Dichtung.

 

Als Thema findet sich immer wieder die alltägliche 'kleine' Gewalt, in den Geschlechter- und Arbeitsverhältnissen, ja in den alltäglichen Verrichtungen allgemein. Es geht um Sprache, um Blicke, um Gesten die nichten, eine/s auslöschen - auch sich selbst, als MittäterInnen des eigenen Zutodekommens im Leben. - Aber meine Worte klingen hier so mager, im Gegenteil zu dem, was dort als Text steht. - Man könnte aufzählen, es geht; um die kleinen Morde, um die Verlogenheit in der Schule, um (implizite) Gewalt gegen Frauen, Ausgrenzung von nicht als Deutsche Geborenen, usw..

Nur, was sagt dies schon? Es scheint bekannt, - das ist es aber nicht. Dieses Buch will gelesen werden, um es zu begreifen.

 

Brankica Bečejac - Die Prüfung - Internationalismus Verlag, Engelbostler Damm 10, 30167 Hannover - Preis 19,- DM - ISBN 3-922218-71-7

 

Dju



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Zuletzt aktualisiert 30.10.14





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